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Evangelische Kirchen-Gemeinde Neustadt bei Pinne 1879 – Teil 2

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Ein romantischer Blick auf die Kirchenruine – Aufn. September 2009 GT

Der erste Pastor der Neustädter Gemeinde war also: Johann Georg Kaulfuß von 1777 – 1803

Die digitale Version dieser Schrift ist unter Großpolnische Digitale Bibliothek [2] zu finden

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Derselbe war geboren am 25. Dezember 1718 zu Meseritz, wo sein Vater Oberältester der Schuhmacherzunft war. Seine Mutter war Anna Rosina geb. Fendler. Nachdem er den ersten Unterricht in der Meseritzer Schule erhalten, besuchter er das Gymnasium zu Breslau und studierte alsdann auf den Universitäten Leipzig und Wittenberg. In seine Vaterstadt zurückgekehrt, erhielt der einen Ruf als Lehrer und Kantor nach Brätz, wo er 11 Jahre blieb. Hier verheiratete er sich mit der Tochter des dortigen Pastors Johann Christian Bartsch. Als Pastor nach Politzig berufen, verwaltete er 22 Jahre lang die dortige Stelle. Als er den Ruf nach Neustadt annahm, war er mithin schon 59 Jahre alt.

Welche Aufgaben warteten hier des nicht mehr jungen Mannes! Sämtliche Kirchengebäude waren zu errichten und das Geld dazu zu beschaffen. Die einzelnen Evangelischen in der Stadt und in meilenweitem Umkreise mussten zur Gemeinde zusammengefügt und kirchliche Ordnungen eingeführt werden. Endlich galt es, mit großer Vorsicht und Weisheit der katholischen Bevölkerung entgegenzutreten. Alle diese Aufgaben hat der Pastor Kaulfuß auf das Beste gelöst.

Über den Ort, an welchem die Kirche erbaut werden sollte, war ein ärgerlicher Streit zwischen dem Hauptmann von Unruh und dem zweiten evangelischen Grundherrn der Gemeinde, Alexander von Haza-Radlitz auf Lewitz, entstanden. Letzerer – und der größte Teil der Gemeinde stand hierin auf seiner Seite, – wünschte, dass die Kirche in Zembowo, einem zur Neustädter Herrschaft gehörigen Gute, erbaut werde, während Herr von Unruh, unterstützt von dem ihm befreundeten Grafen Bninski für die Stadt Neustadt als Kirchort sprach. Endlich gab Herr von Haza nach, unter der Bedingung jedoch, dass er auf seinen Gütern ebenfalls eine Kirche bauen dürfe, die als Filiale von Neustadt aus bedient werden müsse. – Graf Bninski bot den Evangelischen nunmehr das Schloss, in welchem sie bisher schon ihre Gottesdienste gehalten hatten, zum Verkauf an damit sie es zur Kirche ausbauten; nur die Keller wollte er sich vorbehalten. Es war auch bereits der Kontrakt auf 700 Dukaten (2100 Thaler, nicht gerade billig!) abgeschlossen; da versagte das lutherische Konsistorium die Erlaubnis, weil das Schloss nicht volle 200 Schritt von der katholischen Hospitalkirche entfernt liege. Die Gemeinde verlor dadurch 100 Dukaten, welche sie entweder schon angezahlt hatte oder jetzt als Abstand geben musste. Nunmehr schenkte Graf Bninski der Gemeinde ein Stück Land vor der Stadt, auf welchem zuvörderst der Bau der Kirche in Angriff genommen wurde. Der Grundstein wurde am 22. April 1778 gelegt und in demselben ein Verzeichnis der Namen der Bürger und anderer zur Gemeinde Gehörigen, sowie auch des Maurers, Poliers und Zimmermeisters niedergelegt. Die Zimmerarbeiten wurden ausgeführt von einem Zimmermeister Thomas (aus Zirke?), die Maurerarbeiten von einem Maurermeister Höhne (aus Posen?). Die Ziegel lieferte („nachdem endlich die Erlaubnis der gnädigen Frau Gräfin erteilt war“) Graf Bninski zu 4 Gulden das Hundert, das Bauholz, insofern nicht einzelne Hauländer etwas schenkten, wurde vom Konsistorialrath von Unruh auf Rozpitek gekauft (Vom Anfange des Baues wird noch folgende Geschichte erzählt, für deren Wahrheit aber keine Bürgschaft übernommen wird. Ein katholischer Müllergeselle Johann Dyniewicz spielte den Lutherischen den Streich, auf dem Baumplatz einen Hund tot zu schlagen und mit dem Blute desselben das Bauholz zu besudeln. In Folge dessen legten die Zimmerleute die Arbeit nieder, weil sie durch das Hundeblut ihre Standesehre für befleckt ansahen. Der Baukommission blieb nichts übrig, als, der Pastor Kaulfuß und der Hauptmann von Unruh an der Spitze, sich mit einem Schurz zu umgürten, die Axt zur Hand zu nehmen und ein paar Schläge auf das besudelte Bauholz zu tuhn, um so die Unehre auf sich zu nehmen. Nachdem dann noch ein Mahl mit etlichen Tonnen Bier den Zimmerleuten gegeben war, nahmen diese die Arbeit wieder auf. Auch soll ein katholischer Arbeiter im Halseisen der katholischen Kirche Buße getan haben, weil er bei dem Bau der lutherischen Kirche Handlangerdienste geleistet hatte.) Mit der Aufbringung der Geldmittel hatte der Pastor seine liebe Not. Mit Erlaubnis des Konsistorium wurden Kollekten im Lande gehalten, ja bis aus Riga, Leipzig, Hessen-Kassel flossen einzelne milde Beiträge.

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Kirchenruine Neustadt / Lwowek – Aufnahme September 2009 PM

Am 22 November 1778 lässt der Pastor ein Schreiben an die Gemeindeglieder ergehen, worin er sagt, dass das Gebäude nun unter Dach gebracht werden könnte, wenn nur Geld da wäre. Viele hätten reichlich gegeben, aber Viele auch ihre anfänglichen Versprechungen nicht gehalten. Bisher habe man zumeist von dem Gelde gebaut, welches auswärtige Glaubensgenossen gegeben, und fährt dann fort: „Dass dieser Bau so kostbar geworden und gemauert worden, daran sind wir als Kirchenvorsteher nicht schuld, sondern eine Ursache, die allen Gemeinden bekannt ist, weil wir nämlich kein Holz bekommen konnten. Wenn nun unsere Gemeinen nachfragen wollten wo neue Kirchen gebaut worden, so werden sie hören, dass auf einen Wirth nicht 1 Dukaten (Ein Dukaten gleich 18 poln. Gulden oder nach heutigem Gelde 9 Mk. ), sondern wohl 3-4 Dukaten gelegt worden und sie doch nur eine hölzerne Kirche haben, die in wenig Jahren wieder neue Kosten verursacht, da eine gemauerte Kirche auf Kindeskinder ohne Reparaturen stehen bleibt.“ – Auch die Lehrer vermahnt er, Beiträge geben zu wollen. An die Schäfer erlässt er eine Aufforderung, in welcher er zuerst erwähnt, dass Abel, Jacob, David und andere heilige Männer mehr, Schäfer und Hirten gewesen und sie möchten denselben im Glauben nachfolgen und zur Ehre Gottes die Kirche bauen helfen. – Am 23. Februar 1779 wurde der Grundstein zum Altar gelegt und in demselben folgendes Dokument deponiert: „Im Namen des dreieinigen Gottes, zum Preise und Vermehrung Seiner Göttlichen Ehre und Herrlichkeit, ist heute, den 23 Februar 1779 der Grundstein zum Altar des Evangelischen Lutherischen Gotteshauses in Lwowek oder Pohlnisch Neustadt gelegt worden. Der Herr erhalte sein göttliche Wort und die heiligen Sacramenta, welche von dieser heiligen Stätte verkündiget und ausgeteilte werden, rein und unverfälscht bis an das Ende der Welt! Gott lasse den Seegen ruhen auf allen, welche denselben im Glauben an Christum von des Priesters Hand und Lippen empfangen. Gott sende immer treue Lehrer und Beförderer seiner Göttlichen Ehre! – Zu dieser glücklichen Zeit war in diesem Reiche König der durchlauchtigste und großmächtigste Stanislaus Augustus Poniatowski. Gott schenke demselben eine lange, beglückte und friedliche Regierung! Die damahlige Stadt Herrschaft war S. Exzellenz der hochgeborne Herr Graf Lucas von Bieninski, Staroste von Sokolnik, Ritter des St. Stanislai Ordens, Herr der Städte und Herrschaften Lwowek, Piesdrie (soll heißen Biezdrowo), Psarske, Zirke. Der Patron unserer Evangelischen Kirche war der hochwohlgebohrne Herr Alexander Samuel von Unruh, Königl. Polnischer und Churfürstl. Sächsischer Hauptmann und Erbherr von Luboschin. Compatron war der hochwohlgebohrene Herr Hauptmann Alexander v. Hase, Erbherr auf Lewitz und Krischkuwke. Der Evangel. Lutherische Pastor als erster Prediger dieser Evangl. Gemeinde war Johann George Kaulfuß, vorheriger Prediger zu Politzig. Der erste Kirchenvorsteher Carl Friedrich Taege, der Nebenvorsteher Johann Dietrich Windel (aus Hessen-Kassel gebürtig, reformierter Confession), der Rektor der Stadtschule Carl Gottfried Röhl, Minist. Cand., die Kirchenväter: Johann Christoph Linke, Gottfried Förster, Christian Fritsche, Michael Friedrich Sallbach. – Christlicher Leser: Wenn du einst diesen Grundstein entdecken solltest, so rufe bei Eröffnung dieses fröhlich aus: Gloria in Excelsis Deo (Ehre sei Gott in der Höhe!) !“

Ehe aber der Altar vollendet war, wurde am 15. August 1779 die Kirche eingeweiht. Die bei dieser Gelegenheit vom Pastor Kaulfuß über Jes. 56,7: „Mein Haus ist ein Bethaus allen Völkern“ gehaltene Predigt ist noch gedruckt vorhanden. Die Baukosten hatten bis dahin etwa 16.000 Gulden betragen, es fehlte aber noch der Turm und fast der gesamte innere Ausbau. – Bereits war auch mit dem Bau des Pfarr- und Schulhauses vorgegangen worden. Noch immer wohnte der Pastor in einer in der Nähe des Schlosses ihm gemieteten Wohnung, ebenso der Rektor. Ein Kantor war noch nicht angestellt, sondern einer der Landlehrer, Namen Forte, leitete den Gesang und spielte das Positiv bei den Schloßgottesdiensten und hernach in der Kirche. Das Material zu Pfarr- und Kantorhaus erwarb die Gemeinde durch Ankauf eines noch neuen Getreidespeichers aus Chmielinko vom Starosten von Chraplewo für 50 Dukaten. Beide wurden vom Zimmermeister Theodor aus Pinne in Fachwerk errichtet und mit Schindel eingedeckt, vollendet jedenfalls 1780. In demselben Jahre wurde auch der Altar fertig gestellt. Die zur Einweihung desselben gehaltene Predigt über Psalm 26,6: „Ich halte mich, Herr, zu deinem Altar“ liegt ebenfalls gedruckt vor. Die gesamten Baukosten beliefen sich am Schluss dieses Jahres auf 26 393 Gulden. Mit ihrer Verrechnung hatte späterhin der Kirchenvorsteher, Kupferschmied Täge, der mittlerweile Bürgermeister von Neustadt geworden war, viel Ärger. – Die nächsten Jahre vergingen mit dem weiteren Ausbau der Kirche. 1782 wurden von einem Tischler Menze von hier die oberen Chöre gefertigt, in Bezug auf welche der Pastor Kaulfuß die Bemerkung gemacht hat: „Die Arbeit daran ist wohl freilich nicht recht meisterlich, allein es war kein besserer zu haben – schlecht Geld, schlechte Ware!“ Am 12. Jun 1786 wurde die vom Orgelbauer Marzenke aus Frankfurt erbaute Orgel, welche im Ganzen 430 Thaler gekostet, übergeben und am 1. Pfingstfeiertage eingeweiht. Sie ist ganz und gar durch freiwillige Beiträge bezahlt; die Namen aller Geber sind zum Andenken in den Akten verzeichnet. Die Neustädter scheinen schon damals sehr misstrauisch und zu übler Nachrede geneigt gewesen zu sein. Der Pastor Kaulfuß macht unter der Orgelbaurechnung die Bemerkung: „Der Unternehmer dieses Orgelbaues verdient und verlangt auch von seinen redlichen Kirchkindern weiter keinen Dank vor alle dabei angewendete Mühe, als dass man ihn vor einen ehrlichen Mann hält“. Ja, das wenigstens hatte er verdient, hatte er doch von Anfang an fortwährend, wenn Mangel war, aus seiner Tasche gezahlt, selbst größere Summen vorgestreckt, auf deren Erstattung er dann viele Jahre warten musste. Der oben erwähnte Bürgermeister Täge, der ebenfalls große Vorschüsse gemacht, hatte sich sogar durch einen Eid von dem Verdachte unredlicher Kassenverwaltung reinigen müssen. – Im folgenden Jahr 1787 wurde die Kanzel von einem hiesigen Bildhauer Jawlikowski für 33 Thaler aufgestellt. Dieses Geld hatten allein die Schäfer aufgebracht, sowie auch später die erste Altarbekleidung und der Taufengel durch sie beschafft sein soll. Wegen ihrer Verdienste um die Kirche war ihnen auch ein besonderes Chor eingeräumt worden. – 1797 endlich wurde „zur Freude Aller glücklich ohne Schaden“ der Turm vollendet und am 10. Juli der Knopf aufgesetzt, nachdem eine Predigt über Psalm 61,4 gehaltenwar. Noch größer war die Freude, als selbigen Jahres von dem Turm auch eine Glocke erscholl. Sie war ein Geschenk des Kaufmanns Joh. Gottlob Treppmacher in Driesen, der durch den Bürgermeister Schmackpfeffer auf die Not der Gemeinde aufmerksam gemacht worden war. Gegossen war sie von Schlenkermann in Posen. – Damit hatte die Bautätigkeit vorläufig ihr Ende erreicht. Schließlich sei noch der Filialkirche Lewitz gedacht. Da die katholische Geistlichkeit nicht neben der katholischen Kirche eine lutherische dulden wollte, wurde sie nicht auf dem Gute, sondern inmitten der Hauländereien noch im Jahre 1777 von Herrn von Haza errichtet. Die Gemeinde hatte nur Hand- und Spanndienste geleistet. Sie war sehr einfach gebaut, mit Stroh gedeckt.

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1797 das Jahr der Kirchturmfertigstellung – noch heute ist die Wetterfahne auf der Kirchenruine erkennbar – Aufn. September 2009 PM

Was nun die Organisation der Gemeinde betrifft, so war Herr von Unruh Patron der Neustädter, wie Herr von Haza der Lewitzer Kirche. (Späterhin entsagte Ersterer jedoch mit Zustimmung der Gemeinde dem Patronate.) – Der Kirchenvorstand bestand aus dem Patron, dem Pastor und den Kirchenvorstehern und Kirchenvätern, welche letztere auf Vorschlag des Patrons und Pastors von der ganzen Gemeinde gewählt wurden. Welcher Unterschied zwischen den Kirchvätern und Vorstehern war, ist nicht recht klar. Die Ersteren hatten die Quartalgelder einzuziehen und die Gehälter auszuzahlen, sonst jedoch verwaltete der Pastor die Kasse. Zur Rechnungslegung deputierten die Landgemeinden Älteste. – Des Pastors Gehilfe beim Predigen und bei Begräbnissen war der Rektor. In der dem Rektor Samuel Kaulfuß erteilten Vokation heisst es: „Nachdem bei unseren durch göttliche Gnade errichteten beiden Evang. Kirchen zu Neustadt und Lewitz bisher 3 Rectores der Schule (Der erste hieß Bießke, der dritte Röhl, wie der zweite geheißen und wann er gelebt, ist nicht zu ersehen; auf Kaulfuß folgte dann König als Rektor) und zugleich Mitgehilfen des heil. Predigtamtes gestanden, welche aber als Pastores nach anderen Kirchen berufen worden, wodurch zuletzt dies Amt zwei ganze Jahre zum Nachteil der gesamten Kirchengemeinen und des Pastoris ledig gestanden, als sind wir unterschriebene Kirchenpatron, Kirchenvorsteher und Kirchenälteste von der Stadt und vom Lande nach unterschiedenen fruchtlosen Zusammenkünften endlich mit Einstimmung unseres Herrn Pastoris und Kreis-Seniors einig geworden, diese Stelle wiederum mit einem tüchtigen Subjector zu besetzen, um sowohl die Schule der Stadt, zu welcher die übrigen sämtlichen Gemeinen dieser Evangelischen Parochie gleiches Recht und Freiheit zu haben, wenn sie ihre Kinder ordentlich unterrichten lassen wollen, als auch die Kanzel beider Kirchen in Neustadt und Lewitz gehörig zu bestellen.“ – Dann heißt es weiterhin: „Was das zum Teil mit aufgetragene Predigtamt betrifft, so sind dieses erstlich die sogenannten 8 Rektorpredigten, welche de Rektor als Rektor allezeit zugekommen, nämlich 6 Predigten in Neustadt, wenn Pastor in Lewitz Amt hält, und außer den 6 noch 2 in der Lewitzer Evangelischen Kirche an gesetzten Sonntagen; die übrigen Predigten des Herrn Rektors sind bei kränklichen Umständen oder Reisen des Herrn Pastors als Sublevationes anzusehen.“ Als Gehalt wird ihm ausgesetzt: 1. Jährlich 300 Gulden, wie den vorigen 3 Rectoribus, „und weil vor den Kantor und Organisten die vorigen Accidentien bestimmt sind“, so versprechen sie ihm 2. ein Opfer an den zweiten Feiertagen, 3. Schulgeld, von den Großen 1 guten Groschen, von den Kleinen 6 Pf.; „wenn der Herr Rektor denen Armen etwas am Schulgeld schenket, das stehet bei Ihnen, sowie es denen Reichen frei stehet, mehr zu geben“, 4. wenn er bei Begräbnissen begehrt wird, ein freiwilliges Geschenk, 5. In dem ordentlichen Schulhause die Hälfte desselben zur freien Wohnung und den gehörigen Hofraum einzäunen zu lassen und mit einem Stall von 10 Ellen zu versehen, und 6. zu einigen Krautbeeten 3 Gulden, weil am Hause nicht zu solchen Gelegenehit ist, wird ihm versprochen. Der schöne Schluss der Vokation lautet: „Übrigens wünschen wir dem Herrn Rektor zu diesem heil. Amte, dass der Geist des Propheten Eliä wie Elisä zweifältig (auf Ihnen) ruhe und Sie der Kirche und Schule mit doppeltem Segen bis in das graue Alter und bei beständiger Gesundheit und Zufriedenheit vorstehen mögen, und als ein treuer Hirte viele Schafe und Lämmer Jesu Christo dem großen Hirten zuführen mögen!“

Wann der erste Kantor Georg Adam Brust angestellt worden ist, ist ungewiss; wahrscheinlich 1786, nachdem die Orgel erbaut war. Bei ihrer Abnahme war er wenigstens zugegen, ebenso wie der katholische Organist. – Der erste Kirchenwächter und Totengräber hieß Hammel oder Hampel.

Der Gottesdienst wurde nach der Chursächsischen Agende von 1771 gehalten. Als Gesangbuch war das Züllichauer im Gebrauch. Der Konfirmanden-Unterricht wurde die letzten beiden Wochen vor Palmsonntag in täglich 4 Stunden erteilt. Weil aber so viele Kinder zu ungenügend vorbereitet waren, musste der Rektor jeden Morgen  von 8-9 Uhr den Konfirmanden noch besonders die Gebote und das Vaterunser einprägen. Von Ostern bis Advent wurde die sonntägliche Katechismuslehre gehalten, wobei 2 Knaben den Lutherischen Katechismus ablasen. Hieran knüpfte der Pastor die Besprechung, repetierte wohl auch vorher die Vormittagspredigt, welche die Geübteren sogar teilweise nachschreiben mussten, und zauste diejenigen tüchtig, die nichts behalten hatten.

Was das Verhältnis zur katholischen Kirche betrifft, so werden in der ersten Zeit viele Klagen laut. Im Trauregister heißt es im Jahre 1781: „Es solltet auch der N.N. in Pinne mit seiner evangelischen Braut, die auch hier dreimal aufgeboten worden, hier kopulieret werden, allein sie haben sich vom Pinner Probst kopulieren lassen und hiesige Kirche verzieret. Auch hat der Psarsker Probst, nicht nur in diesem Jahre, sonder auch im vorigen, Evangelische kopulieret und getauft, woran freilich wohl die Lauigkeit dieser schlechten evangelischen Christen am meisten schuld ist. Sie wollten des Segens nicht, so wird er auch ferne von ihnen bleiben Psalm 109,17.“ – Im Totenregister findet sich vom Jahre 1783 folgende Notiz: „Sie kam auf der Propstei als Probsteischäferin eines lutherischen Mannes in die Wochen, wurde 3 Tage nach ihrer Niederkunft krank und begehrte von mir das Abendmahl. Indem ich im Begriff war, hinzukommen, hatte sich hiesiger Probst mit Gewalt hineingedrängt, 2 bewaffnete Leute vor’s Tor gestellt, ihre evangelische Schwester herausgeschmissen und wollte sie zur papistischen Religion zwingen. Sie weigerte sich aber und blieb im evangelischen Glauben beständig. Da der Probst keinen evangelischen Prediger zu ihr lassen wollte, sondern fluchte und mit allerlei schändlichen Reden drohte und lästerte wider unseren Glauben (er war ein Jesuite), so führte sie ihr Vater den 4. Tag nach ihrer Niederkunft in seine Behausung, wo sie unter herzlichem Gebet und gläubiger Andacht das h. Abendmahl von mir empfing und 2 Tage darauf selig verschied. Das Kind starb schon Tags vorher. Furcht und Grauen vor solcher gewaltsamen Bekehrung und die Veränderung des Wochenbetts bald 3 Tage nach der Geburt zumal bei stürmischen Regenwetter von einem Ende der Stadt zum andern, mochte wohl beider Tod beschleunigt haben.“ – In demselben Jahre heißt es von einem Begräbnis in Pinne: „Es war das erste Begräbnis, bei welchem ein evangel. Prediger zugegen war und wurde noch dazu aus dem katholischen Spittel ausgetragen, vor dem Hospital gesungen und mit Singen über den Markt auf den Kirchhof getragen. Es wurden zwar vom dasiegen Probste allerlei Schwierigkeiten gemacht, z. B. das Singen verboten, Bahre und Leichentuch abgeschlagen, allein letztere Stücke ließ von Zamorze holen und das Singen ließ ich mir nicht verbieten und so ward das Begräbnis ruhig gehalten.“ – Noch viele andere Fälle hat Pastor Kaulfuß vermerkt in welchen verschiedene katholische Geistliche wieder die Reichstags-Konstitutionen von 1768 und 1775 gehandelt. So schwer wurde es ihnen, sich in die veränderten Zeitverhältnisse zu fügen. Dem lutherischen Konsistorium wurden solche Übertretungen wohl angezeigt, es versprach dann auch, für gerichtliche Untersuchung zu sorgen, aber wo war unter den damaligen überaus traurigen Zuständen im polnischen Lande Recht zu finden! Im Übrigen empfahl das Konsistorium, sich mit größter Vorsichtigkeit zu verhalten.

Es erübrigt nur noch, etwas über die Persönlichkeit des Past. Kaulfuß zu sagen. Er war ein Mann von sehr kräftigem Körperbau, von frischer Gesichtsfarbe mit dichten Augenbrauen. Sein hohes Alter merkte man ihm wenig an. Seine Sprache war kräftig, seine Haltung voll Würde. Seine Predigten waren sehr erbaulich. Es wird erzählt, dass wenn er Sonntags mit richtig sitzender Perücke aus der Sakristei kam, seine Predigt ruhig und lieblich gewesen sei. War aber die Perücke verschoben, dann konnte die Gemeinde schon wissen, was ihrer wartete. Dann hielt er mit donnernder Stimme eine Strafpredigt und schlug dabei zuweilen so kräftig auf die Kanzelbrüstung, dass der Staub aufwirbelte und der Puder aus der Perücke stäubte. Ja, der alte Kaulfuß verstand es! Als energischer Mann hielt er gute Zucht und Ordnung in Kirche und Schule, und ließ namentlich Übertreter des 6. Gebotes an den Kirchtüren Buße tun, soll auch mit streitenden Eheleuten oft kurzen Prozess gemacht haben. Und dabei war er herzensgut, sodass die Kinder, wenn er in die Stadt kam, ihn umringten und sich die Nüsse holten, die er in den Rocktaschen mit sich zu führen pflegte, wusste auch den Leuten gut zuzureden und sie zu überreden und war geliebt und respektiert von Jedermann. Dabei war er ein praktischer, umsichtiger Mann. Zu allen Bauten scheint er die speziellen Angaben gemacht zu haben – große Anschläge waren damals noch nicht Mode – sowie er auch Alles leitete und beaufsichtigte. Das Geldaufbringen verstand er meisterlich; gar herzbeweglich wusste er zu bitten und immer wieder zu bitten, zur Ehre Gottes ein Scherflein zu Vollendung des Gotteshauses beizutragen. Wie uneigennützig er endlich war, haben wir schon vorher erwähnt; seine Herde hat er nicht geschoren. Kurz, er war ein Mann, wie ihn die Neustädter Kirchgemeinde gebraucht hat, um erst zu einer christlichen Gemeinde zu werden. Viele Jahre hindurch war er auch Kreissenior (Superintendent). Bis zuletzt verwaltete er sein Amt mit großer Treue, unter Beistand seines Amtsgehilfen, des Rektors Königs. – Nachdem er acht Tage zuvor noch seinem langjährigen treuen Freunde, dem Hauptmann von Unruh zu Luboschin (Seine Leiche wurde nach Schweinert, dem Stammhause seiner Familie, gebracht.) die Leichenpredigt gehalten, starb er selber am 5 Mai 1803, sanft und ruhig, an Altersschwäche, im Alter von 84 Jahren 4 Monaten 8 Tagen. Mit seiner ihm bereits vorangegangen Ehegattin hatte er 10 Kinder gezeugt, von welchen 5 bereits in die Ewigkeit vorangegangen waren. Er hinterließ 5 Kinder, 22 Enkel, 3 Urenkel. Die Station hat bei seinem Begräbnis gehalten sein Enkel, der Pastor Zachert aus Neutomischel, die Leichenpredigt sein Schwiegersohn, der Pastor Gieser aus Wronke, die Parentation sein Amtsgehilfe, der Rektor König. Begraben ist er hinter der Sakristei.

In großen Segen hat er gewirkt, gesegnet bleibe sein Andenken der Neustädter Gemeinde für alle Zeiten! „Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach!“ Ebr. 13,7.