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Familie Haase aus Pinne / 1887-1910

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Pinne / Laurentiusstrasse – AK Ausschnitt Sammlung A. Kraft

Neutomischler Kreisblatt vom 15. April 1910

Eigentlich ist es nur eine kleine unscheinbare Meldung gewesen

„Pinne. Den Arbeiter Haaseschen Eheleuten ist das 21. Kind geboren worden. Sieben Kinder sind nur am Leben“

und doch waren es die 2 Sätze, welche die hohe Sterblichkeit von Neugeborenen, und Kindern und die Stellung der Frau vor 110 Jahren und davor deutlich darstellte.

Später analysierte und begründete man die Lebensumstände in jenen Jahren z. B. mit

„…der soziale Stand der Mutter hat einen großen Einfluß auf die Lebensfähigkeit ihres Kindes. Je niedriger der Stand der Mutter, je niedriger ihr Einkommen und ihre Bildung, desto größer die Gefahr für den Säugling. Die besitz- und bildungsarme Schicht war im 19. Jahrhundert sehr groß, und sie hatte viele Kinder – schon aus diesem Grund war eine höhere Sterblichkeit der Säuglinge fast unausbleiblich.“

Der Erzeuger, also der männliche Part, und dessen „sozialer Stand“, welcher unter den Arbeitsleuten, wenn überhaupt, kaum höher war, als der der Mutter, findet leider keine Erwähnung. Er galt in jener Zeit als Versorger, strenger Vater und als Familienoberhaupt, womit er schlussendlich das „sagen“ hatte.

Nicht einbezogen wurde , dass die Ernährung of dürftig war, die Hygiene miserabel und es eine nur schlechte medizinische Versorgung gab, die sich zudem nicht jeder leisten konnte.

Weiterhin keine Erwähnung findet, dass in jener Zeit eine verheiratete Frau ohne offizielle Zustimmung ihres Mannes weder arbeiten (galt bis 1957), noch über Geld verfügen durfte, dieses noch nicht einmal, wenn sie es selbst verdient haben sollte. Neben der  Haushaltsführung und der Kinderbetreuung, erledigte sie oft Arbeiten aller Art wobei ein normaler Arbeitstag über 12-14 Stunden ging.

Ihr, der Frau, stand das Recht auf eine „höhere“ Bildung nicht zu. Nicht zu vergessen ist, dass Sie hatte weder ein offizielles Recht noch einen gesetzlichen Anspruch auf  ihre eigenen Kinder hatte. Es galt, dass sie die „absolute Treue“ gegenüber ihrem Ehegatten zu erfüllen hatte.

Mit dem Jahr 1878 wurde ein erstes Schutzgesetz für „werdende Mütter“ erlassen, welches ein Arbeitsverbot – unentgeltlich selbstverständlich –  für die Zeit von drei Wochen nach der Geburt vorschrieb. Die Frauen nahmen jedoch von sich aus diese Regelung nicht in Anspruch, da ansonsten ein Überleben Ihrer Familie nicht garantiert war.

Galt doch:

„Was war das Leben eines Neugeborenen schon wert? In der Familie seiner Mutter, schreibt Oskar Maria Graf, „machte man … kein großes Aufheben. Jedes Jahr wurde eins geboren. Starb es, so war es schade, blieb es am Leben, war es gut.“ Das Neugeborene hatte zunächst nicht einmal eine eigene Individualität – wenn es starb, bekam ein anderes seinen Namen

In den Jahren vor 1910 hatte Deutschland zwei Millionen Geburten im Jahr – rund 400 000 Neugeborene starben im ersten Lebensjahr.

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Wir vermuten, dass es sich bei den „Arbeiter Haaseschen Eheleuten“ um Wilhelm Carl Friedrich Haase (geb. 1857 zu Nesselgrund Krs Soldin) und die Maria Auguste geborene Pochstein (geb. 1868 zu Podpniewki Krs. Samter) handelte. Die Eheschließung der beiden war im September 1887 in Pinne vollzogen worden.

Von den erwähnten 21 Kinder haben wir aus den Personenstandsunterlagen 18 ermitteln können:

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/); Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” – Zitate aus: Zeit Online vom 28. Februar 1992 / Artikel „Der Herr hat’s gegeben; der Herr hat’s genommen“ / Autor „Manfred Vasold“