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Kloster Obra und seine Umgebung – ein Reisebericht aus dem Jahr 1908

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Etappe bis Wollstein – Kapitel 2 / Zusammenschnitt Messtischblaetter

Nachstehender Reisebericht aus dem Jahr 1908 ist das 2te Kapitel aus dem im Jahr 1909 erschienenen „Führer durch das Westposener Wald- und Seengebiet“. Professor Karl Graeter beschreibt darin seine Wanderung mit seinem Reisegefährten Remus, welcher seine botanischen Kenntnisse einfließen ließ.

Der Autor verzichtete auf Quellenangaben. Leider sind daher einige Ausführungen nicht nachvollziehbar und nicht zu belegen, sodass die Schilderungen und Erwähnungen historischer Ereignisse  nur als persönliche Aussagen zu werten sind und nicht als historisches Material angesehen werden können .

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Kloster Obra und seine Umgebung

Die Freuden, die uns unser Osterausflug bereitet hatte, bewogen uns, in den großen Ferien im Juli eine größere Fußtour zu unternehmen, die uns mit den landschaftlichen Reizen des Westposener Wald- und Seengebietes bekannt machen sollte.

Das Westposener Wald- und Seengebiet erstreckt sich im Osten von Priment über Wollstein, Neutomischel, Lewitz bis Birnbaum und wird im Norden von der Warthe, im Westen von der Obra und Faulen Obra und im Süden von dem Obrabruche begrenzt.

Da wir bei unserm Osterausfluge das Gebiet bis zum Obra-Süd-Kanale bereits kennen gelernt hatten, fuhren wir um 5:58 Uhr früh von Lissa nach Silz-Hauland. Wir ließen dieses rechts liegen und verfolgten den anfangs mit Kirsch-, später mit Weidenbäumen bepflanzten Weg nach dem Dorfe Silz. Kiefernwald bedeckt die niedrigen, sandigen Hügel, die als diluviale Insel aus dem Alluvium emporragen, dazwischen wogen goldige Getreidefelder im frischen Morgenwinde, das helle Grün der Wiesen schiebt sich zwischen das Dunkel der Kiefernstämme, von Süden senden uns die waldigen Höhen, die wir zu Ostern durchwandert, freundliche Grüße zu, und zum wolkenlosen Himmel erheben sich trillerilierend die Lerchen in schnellem Flug.

Schnell war das Dorf Silz durchschritten; überall sehen wir Gardinen an den Fenstern, überall hören wir deutsche Laute. Silz wird in der Mitte durch einen lang gestreckten, seeartigen Teich durchschnitten, an dessen Rande hohes Rohr wächst. Aus ihm grüßt uns ein alter Bekannter, der Rohrsperling, der heute aber nicht, wie sonst seine Gewohnheit, schimpft, sondern nur einzelne Töne von sich gibt; vielleicht erteilt er der jüngeren Generation eine Sprachstunde. Überall sehen wir eine große Menge Steine aufgeschichtet, Zeugen jener Zeit, wo dies Gebiet von den Gletschern der Eiszeit bedeckt war. Hinter der Brücke, die über den fischreichen Dorfteich führt, bogen wir bei dem Gasthause rechts in die Chaussee ein und erreichten nach einer Viertelstunde den Obra-Mittel-Kanal. An der Kanalbrücke fanden wir im Wasser blühende Sagittarien und Butomus, auf der Oberfläche schwammen gelbe Mummeln, am Rande stand in Menge die sogenannte polnische Grütze „Mannagrütze“-Glyceria, die in früheren Zeiten als Nahrung diente.

Auf einem Fußpfade schnitten wir den Weg nach Stradyn ab und machten in dem Kiefernwäldchen hinter dem Dorfe unter einem Muttergottesbilde Rast. Stradyn selbst wir von Polen bewohnt; die Boza Meka bewies uns, daß in dieser Gegend der Katholizismus vorherrscht.

Merkwürdig war die Flora in diesem Kiefernwäldchen. Nicht Sand bedeckte den Boden, sondern üppiges Gras und krautartige Gewächse. Dies läßt sich nur dadurch erklären, daß der Grundwasserspiegel nicht tief liegen kann. Einen direkten Beweis für unsere Annahme bildet das Vorkommen von Sumpfgewächsen, Weidenröschen und Solanum Dulcamara. In den prachtvollsten Exemplaren kamen die Königskerze und die duftende nickende Distel vor.

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Marktplatz in Kiebel / AK-Ausschnitt Sammlung Kraft

Beim Ausgange des Waldes sehen wir schon den Marktflecken Kiebel vor uns, dessen Marktanlage auf den deutschen Ursprung hindeutet. Heute ist dieser wahrscheinlich im Anfang des 14. Jahrhunderts zu deutschem Rechte angelegt Ort überwiegend polnisch. Hinter der Stadt erheben sich mit Kiefern bedeckte Sandhügel, die im Westen 18 Meter erreichen. Im Walde trafen wir Hunderte von Staren an, die geschwätzig durcheinander lärmten. Da wir das Südende des Obraer Sees umwandern wollten, bogen wir rechts ab an dem Forsthause vorbei, wo ein an einer Stange angenagelter Hühnerhabicht zur Warnung für seine Geschlechtsgenossen dienen sollte. Der weitere Wege, auf dem wir den Obra-Mittel-Kanal zum zweiten Male überschritten, war recht einförmige: Sand und Kiefern, Totenstille um uns her, nur hin und wieder ließ sich der lockende Ruf der Amsel vernehmen. Erst als wir in die Nähe des Sees gelangten, trat uns ein älterer, kräftigerer Bestand von Kiefern entgegen, die zierlichere Fichte mischte sich unter sie und brachte eine erwünschte Abwechslung hervor.

Auf der Chaussee angelangt, lenkten wir unsre Schritte nach rechts; das alte ehrwürdige Kloster Obra, das 1231 von frommen Mönchen des Zisterzienserklosters Lekno, seinerseits wieder eine Filiale des Zisterzienserklosters Altenberg bei Köln, gegründet worden war, lag vor uns. Wie die Mönche von Priment, haben auch diese als Kulturträger gewirkt. Nur Deutsche fand in ihrem Kloster Aufnahme, deutsche Siedlungen entstanden unter ihrer Leitung. Edlere Obstarten wurden von ihnen eingeführt, der eiserne Pflug der Deutschen brachte reicheren Ertrag. Aber wenn es sich auch unter dem Krummstab gut leben ließ, sollte gerade die Zugehörigkeit zu diesen deutschen Klöstern den deutschen Bauern zum Schaden gereichen. Als die Reformation auch in Polen Eingang fand, blieben diese deutschen Dörfer, da sie geistlichen Grundherren gehörten, dieser deutschen Bewegung fern; ja, als in der Mitte des 16. Jahrhunderts -1552- ein polnischer Abt in Obra eingesetzt wurde, die deutschen Konventsbrüder nach Schlesien flüchteten und an ihre Stelle Polen traten, waren sie unrettbar der Polonisierung verfallen. Aber ihre guten Eigenschaften, ihre Arbeits- und Ordnungsliebe, vererbten sich auch auf ihre Nachkommen, so daß diese ursprünglich deutschen Dörfer sich auch heute noch vorteilhaft von ihrer Nachbarschaft unterscheiden.

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Kloster Obra / AK-Ausschnitt Sammlung Kraft

In Obra besichtigen wir unter Führung des Küsters der, ein Pole, den deutschen Namen Gärtner führte, die Klosterkirche, die zwar sehenswert ist, aber doch nicht an Schönheit an die des Klosters in Priment heranreicht. In dem ursprünglichen Kloster sind heute emeritierte Geistliche untergebracht. Das Kloster mit Kirche und Wirtschaftsgebäuden nimmt einen ansehnlichen Raum ein. In Beißerts Gasthaus fanden wir eine sehr gute Unterkunft und für lange Zeit das letzte, auch verwöhnten Ansprüchen genügende Mittagsmahl; das ist umso mehr hervorzuheben, als die übliche Stunde schon überschritten war. Leider ist dieses Gasthaus jetzt in die Hände des bekannten Polen Biedermann übergegangen.

Hier lernten wir auch den Sohn des Hauses kennen, dem wir für unsre weitere Fahrt manchen wertvollen Wink verdanken. Von ihm erfuhren wir auch, daß wir klüger getan hätten, wenn wir von Kiebel über Neu-Dembowiec unsern Weg genommen hätten; denn dieser sei nicht nur kürzer, sondern biete auch eine hübsche Aussicht dar. Im Orte wohnen nur wenige deutsche Familien, die übrigen sind Polen, wenn sie auch teilweise deutsche Namen tragen.

Unter Führung des erwähnten Herrn und eines Obraer Lehrers setzten wir unsern Marsch nach Osten fort und gelangten über das Vorwerk Neudorf (Neuhof?) an die Ostseite des Berzyner Sees. Auf dem Wege vom Kloster zum Doycatale stießen wir auf eine botanische Merkwürdigkeit, zwei zweibeinige Buchen. Wir schritten durch üppige Wiesen, rechts tauchte am Horizonte das Vorwerk Neu-Dembowiec auf; ruhig ästen in der Ferne vier Rehe. Wir verabschiedeten uns von den Herren mit aufrichtigem Danke.

Immer weiter ging es durch weite Wiesengründe, die von einer Kuhherde belebt wurden. Über uns zwitscherten die Lerchen, mit schrillem Ruhe flatterten Kiebitze aus dem Röhricht des Sees. Vor uns lag breit gelagert Wollstein mit seinen Türmen; in übermütigem Spiel legten die in grünlichen Kleide prangenden Wellen kosend ihre schaumgekrönten Köpfchen auf den weichen gelben Ufersand. So ging es bald durch Wiesen, bald unter breitem Kieferndache, bald unter hohen rauschen Schwarzpappeln dem zwischen zwei großen Seen freundlich gelagerten Wollstein zu.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: „Führer durch das Westposener Wald- und Seengebiet“ – Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz;