Königlich Preußischer Staats-Anzeiger / 04.01.1856 – Bekanntmachung
Am Freitage, den 28. Dezember v. J. (1855), also den Tag nach dem dritten Weihnachtsfeiertage, fuhr der Bäckermeister Albert Theodor Schüler aus Königswalde (Lubniewice), von dem Meseritzer Wochenmarkte kommend, nach Königswalde zurück.
Er ist in Meseritz wahrscheinlich zwischen 2 und 3 Uhr Nachmittags ausgefahren.
Etwa ½ 4 Uhr ist sein Wagen, ein offner, mit Brettern verschlagener, einspänniger Leiterwagen, durch Obergörzig gefahren. Der in diesem Orte bekannte Bäcker Schüler ist auf dem Wagen nicht, wohl aber ein fremder, mit einer grünen Mütze, einem weißgrauen Flausrock bekleideter Mensch, vorn sitzend, die Pferdeleine haltend, gesehen worden.
Auf dem Wege von Obergörzig nach Weißensee ist das Fuhrwerk dem von da kommenden Gutsbesitzer Leon von Kalckreuth begegnet. Der Kutscher des Letzteren ist aus dem Wege gefahren. Er will den Führer des Schüler’schen Fuhrwerks genau gesehen haben. Auch er gibt an, daß es ein Mensch von einigen 20 bis 30 Jahren sei, und mit grauweißem Flausrock und einer dunkeln, grünen Mütze mit heruntergeklapptem Schirm bekleidet gewesen sei.
Der Wagen ist mit demselben Fuhrmanne in Weißensee, in Grunzig, im letzteren Orte gegen 4 ¼ Uhr bemerkt worden. Hinter Grunzig hat der Führer desselben nach dem Wege nach Falkenwalde gefragt. Der Zeuge hat sich die Person nicht genau angesehen. Demnächst ist der Wagen etwa 5 ¼ Uhr Abends zwischen Falkenwalder und Oscht, in der sogenannten Falkenwalder Gruft sehend, von dem Maurer Lipke aus Oscht gefunden worden. Kurz vorher ist ein von Oscht kommender Wagen, auf welchem drei Männer saßen, an dem Schüler’schen Fuhrwerk vorbeigefahren und ausgewichen. Es ist wünschenswerth, daß diese Personen, welche bis jetzt nicht zu ermitteln sind, als Zeugen sich melden.
Die aus Oscht herbeigeholten Leute erkannten das Fuhrwerk des Bäckers Schüler und sahen diesen, erschlagen, in seinen Pelz gehüllt, im Wagen liegen. Er ist seiner Baarschaft, besehend in einigen 50 Thlrn. Silbergeld, in Münzsorten unter 1 Thlr., namentlich vielen Silbergroschen, beraubt worden. Das Geld stak in einer ledernen sogenannten Frauentasche mit angenähtem Riemen, welche der Mörder mitgenommen haben muß. Sonst wird nichts vermißt.
Der Schüler ist wahrscheinlich mit einem Beil oder einer Axt auf den Kopf, welcher zertrümmert ist, erschlagen, und ihm anscheinend mit einem sog. Fangmesser eine Stichwunde in den Hals auf der rechten Seite beigebracht worden.
Die Blutspuren sind von der Mitte des Weges zwischen Obergörzig und Weißensee durch Weißensee, Grunzig, Falkenwalde, bis an die Stelle, wo der Wagen stand, gesehen worden. In Weißensee sind sie von einer Zeugin frisch, gleich nach dem Vorüberfahren des Wagens bemerkt worden. Es ist also anzunehmen, daß gleich beim Beginn der Blutspuren in der Obergörtziger Forst zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags der Schüler ermordet, daß aber der Mörder bei der Beraubung gestört worden, und die Leiche bis hinter Falkenwalde gefahren, dort den Raub erst ausgeführt und nachher den Wagen verlassen hat. Denn in Falkenwalde ist gegen 5 Uhr der Führer des Wagens auf demselben noch gesehen worden.
Die meisten Verdachtsgründe lenken sich auf den früheren Dienstknecht des Mühlenbesitzers Pötschke hier, Namens Gottfried Schulz aus Rogsen, dessen Signalement unten folgt.
Es ergeht daher an Alle, welche zur Ermittlung des Thäters irgend etwas anführen können, das Ersuchen: ihre Wissenschaft der nächsten Orts- oder Polizei-Behörde mitzutheilen, welche wiederum gebeten werden, diese Anzeige der Staatsanwaltschaft in Meseritz sofort einzusenden, und den Schulz, wo er zu treffen ist, zu verhaften.
Signalement des Gottfried Schulz aus Rogsen:
- Alter: 26-28 Jahre,
- Statur: untersetzt,
- Haare: blond,
- Bart: rasirt (trug früher starken, blonden Schnurrbart),
- Augenbrauen: blond,
- Nase: dick, stumpf,
- Gesicht: rund, voll,
- Gesichtsfarbe: gesund,
- Lippen aufgeworfen,
- Zähne: gesund, vollständig;
- Bekleidung: grauer, gewendeter Flausrochk, mit roth und schwarz karirtem Futter, welchen er bald nach der That vertauscht hat, eine blau und grünkarrirte Plüschweste mit braunen Carreaus und einer Reihe Knöpfe, blauwollner Shawl, gewirkte blaue Unterjacke mit rothen Rändern an den Aermeln, einer grauwollnen Sommer-Twine unter dem Flausrock, Beinkleider, deren Farbe nicht angegeben werden kann, rindlederne Stiefeln, welche über den Hosen getragen werden. Außerdem trug er ein neue Portemonnaie mit Stahlbügel und grauem Saffian-Beutel daran und ein altes schlechtes Zulegemesser bei sich, und eine Mütze von grünem Tuche mit blankem Lederschirm und Sturmriemen.
Meseritz, den 31. Dezember 1855. – Die Königliche Staats-Anwaltschaft. – Fink
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