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Von Hufen, Mohnklößen und anderem Glück

Arlt-0 [1]Es war am 8. August im Jahr 1926 in Sękowo. Einem idyllisch gelegenen Dorf im Posener Land zwischen Nowy Tomyśl und Jastrzębsko Stare, angrenzend an den Lomnitzer Forst mit seinen Nadelwäldern, Sümpfen und Seen. Es war ein heißer Tag mitten in der Getreideernte. Wie in jedem Sommer waren auch die Weißstörche wieder da; die Bauern waren auf den Feldern, der Vater Heinrich und der Knecht Stanislaw ebenso. Ein Erntewagen war umgefallen, das kam schon mal vor, wenn der Wagen zu voll beladen oder der Boden zu bucklig war, und sie hatten wieder einmal Mühe, die Mähe zu bergen. Trotzdem war es ein guter Tag für den Landwirt. Und es war auch ein besonderer Tag im Leben von Heinrich und seiner Frau Martha.

Ihr Sohn, Erich, wurde geboren.

Nachdem das Mädchen zwei Jahre zuvor im Alter von nur 4 Monaten verstorben war, war die Geburt des Buben nun ein bedeutungsvolles, freudiges Ereignis. In der evangelischen Kirche zu Nowy Tomyśl wurde der Bub auf den Namen Erich Helmut Konrad Pflaum getauft.

Vater Heinrich Pflaum hatte den Hof seines Vaters übernommen, nachdem er vom Ersten Krieg zurückgekehrt war, und die Martha Ottilie, geborene Arlt, aus Jastrzębsko Stare stammend, im Jahr 1922 geheiratet.

Der Familienbesitz umfasste 70 Morgen Land mit einem großzügigen Anwesen. Dort sollte Erich als einziger Sohn der Eheleute aufwachsen, Landwirt wie seine Eltern werden und den Hof genauso weiterführen, wie es seit Generationen im Tomischler Hauland üblich war.

 

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Manchmal nach getaner Arbeit saßen die Eltern, Großmutter Auguste, Knecht Stanislaw und die Magd auf der Bank neben dem Hauseingang, nur wenige Schritte vom Ziehbrunnen entfernt. Man konnte den gesamten Hof mit den Stallungen für die Pferde, für die Kühe und für die Schweine überblicken, auch die Scheune, daneben die Hundehütten für die beiden Hunde und weiter hinten den Hühnerhof und den Garten mit dem Fischteich. Verließ man die hölzerne Umzäunung weiter hinaus, sah man die Felder, die Wiesen, den Haid und Kutzner`s See.

Geburtstage wurden zwar nicht gefeiert. Aber jedes Jahr am 8. August gab es für Erich den von Mutter selbstgebackenen geriebenen Streuselkuchen. Denn im Backofen hinter dem Haus wurde nicht nur Brot gebacken – bis zu 8 Laib Brot fanden auf einmal darin Platz – sondern auch Mutters Kuchen, den es aber nur zu den Anlässen der Familie gab. Und an den ersten Geburtstagen bekam Erich ein vom Vater aus Holz geschnitztes Spielzeug. Aus einem Baumstamm hat der Vater eine Holzscheibe abgeschnitten, in Form geschnitzt und es entstand ein Scheibenrad, eines von den Spielzeugen, die Erich besaß. Vielleicht nicht vom Vater selbstgeschnitzt, aber ein wunderbar seltenes Holzspielzeug war ein Wasserfass mit einem Pferdegespann davor, einem Schimmel. Das Fass konnte man mit Wasser füllen und wieder entleeren.

Als Erich gerade 7 Jahre alt geworden war, bekam er von den Eltern einen Schulranzen. Von nun an sollte er zur Schule in Sękowo gehen. Er lernte in alter deutscher Schrift zu schreiben und die Schiefertafel wurde später sogar durch Hefte ersetzt. Das Schreiben und Rechnen mochte Erich nicht so sehr, viel lieber hatte er den Unterricht in Erdkunde; unterrichtet wurde überwiegend in Deutsch. Man legte nicht viel Wert auf polnischen Unterricht, doch für Erich gehörten Stanislaw und Magda schon immer zum Hof und eben auch die polnische Plauderei.

Magda kümmerte sich tagsüber um den Buben, wenn die Mutter mit der Haus- und Hofarbeit beschäftigt war, und er mochte die Polin sehr. Sie kannte sich aus beim Pilze sammeln im Haid und die Hähnchen gefielen Erich dabei immer ganz besonders gut. Nur der Heimweg schien für Erich dann manchmal viel zu lang.

Arlt-2 [3]Das Schwimmen lernte Erich im Fischteich wie von selbst, und das Radfahren brachte ihm der Vater bei. Mit Helmut, der nur ein paar Häuser entfernt wohnte, war Erich auf Entdeckertouren in der Umgebung unterwegs. Oftmals mit dem Fahrrad, entweder mit Mutters Rad oder mit dem vom Vater. Obwohl Erich anfangs für das Fahrrad vom Vater noch zu klein war, passte Erichs Fuß unter der Radstange hindurch bis zum Pedal und mit etwas Geschick ließ sich wunderbar Radfahren.

Fuhr die Familie sonntags zur Kirche nach Nowy Tomyśl wurden die zwei Pferde angespannt. Auch Erich lernte bald mit den Pferden umzugehen und zu verstehen, wie wichtig diese Tiere für die Bewirtschaftung des Hofes waren.

Die Eltern waren jeden Morgen schon sehr früh im Stall, um die Kühe zu melken; fünf konnte man stets zählen und dazu kamen noch die Jungtiere. Zum Weiden der Tiere hatte das Anwesen genug Wiesen hinter dem Hof. So gab es jeden Tag frische Milch zu Hause. Darüber hinaus wurde die frische Milch an die Molkerei in Nowy Tomyśl abgeliefert. Die Kannen wurden morgens am Weg im Dorf abgestellt und der Milchkutscher kam, um sie zu holen. Am Nachmittag brachte er Magermilch in den Kannen zurück, denn die brauchte man zum Füttern der Schweine.

Ungefähr 25 Schweine, auch Ferkel, gehörten zum Hof im Koben. Es war üblich, zwei Mal im Jahr ein Schwein zu schlachten und zu Wurst und Fleisch zu verarbeiten. Um das Fleisch haltbar zu machen, zum Beispiel, legte die Mutter es mit genügend Salz in einen großen Zuber. Mit der Herstellung der Wurst und der anderen Schlachtvorräte waren die Mutter und die Großmutter stets mehrere Tage beschäftigt.

Nur solche Nährmittel, wie eben Salz oder Zucker, wurden beim Lebensmittelhändler Kraft in Nowy Tomyśl gekauft, das meiste aber wurde von den Eltern selbst hergestellt.

Das Buttern war Sache der Mutter. Den Rahm von der Milch hat sie mehrere Tage stehengelassen, bis er reif war. In einem Fass hat sie mit dem Stampfer dann den Rahm zu Butter gestampft. Erich hatte der Mutter oft dabei geholfen und wusste, dass die gute Buttermilch das war, was beim Buttern übriggeblieben war.

Neben dem Getreideanbau wurden die Äcker mit Kartoffeln bestellt. Apern waren zum einen ein wichtiges Futtermittel für das Vieh und zum anderen eines der verbreitetsten Naturerzeugnisse eines jeden Hofes in Sękowo. Schon zum Frühstück gab es Pellkartoffeln mit Speck oder zum Tunken in Leinöl. Oder auch ein Butterbrot, beschmiert mit Schweinefett oder süß mit Marmelade. All das waren Lebensmittel, die von der Familie selbst angebaut und verarbeitet wurden. Nicht nur für den Eigenbedarf, sondern viele Produkte wurden auf dem Wochen- oder Großmarkt in Nowy Tomyśl verkauft. Einige Bauern in der Nachbarschaft hatten dazu eine Gemeinschaft gebildet, in der jeder Bauer abwechselnd zum Markttag fuhr und jeweils die Produkte der Bauerngemeinschaft dort absetzte. Vater Heinrich gehörte solch einer Gemeinschaft an.

„Weihnachten war erst abends“.

Die Kiefer stand im Wohnzimmer. Vater hatte sie aus dem eigenen Haid geholt und Mutter hatte sie wie immer geschmückt. Erich wollte stets dabei helfen, den Baum mit den Kerzen, den Kugeln und den anderen Anhängseln herauszuputzen. Und am Abend gab es die von Mutter selbstgemachten Mohnklöße, die Erich ganz besonders mochte. Semmelwürfel wurden mit Milch übergossen. Und in einer Schüssel mit Riefen wurde der Mohn gestampft und dann mit Rosinen und den Semmelwürfeln vermengt. Das Ganze wurde heiß gegessen und mit Zucker angerichtet.

Zur Christmette fuhr die Familie mit dem Pferdewagen zur Kirche in Jastrzębsko Stare. Dort traf man auch die Eltern und den Bruder der Mutter.

Onkel Otto aus Jastrzębsko Stare kam gelegentlich auf einen kurzen Besuch im Hause Pflaum, wenn er von seinen Besorgungen auf dem Heimweg von Nowy Tomyśl war. Erich mochte seine heitere Art, denn der Onkel scherzte gern mit Erich. Und als Erich alt genug war, schickte ihn die Mutter mit dem Fahrrad zum Hof der Familie Arlt nach Jastrzębsko Stare, um von der reichlichen Gurkenernte einen Sack voll zu holen. Der Sack war meist so schwer, dass Erich das Rad auf dem Weg nach Hause schieben musste. Die Kinder des Onkels waren viel jünger als Erich und als Kleinkinder leider keine Spielkameraden für ihn. Die Gurken hat die Mutter dann in Steintöpfen zu Salzgurken gemacht.

Kurz nach Erichs 13. Geburtstag wurde im Volksempfänger vom Kriegsbeginn berichtet. Obwohl die Familie die Spannungen zwischen den polnischen und deutschen Menschen in der Gegend in den vergangenen Monaten miterlebte, änderte sich für Erich das Leben auf dem Hofe nicht. Sękowo wurde bald Friedenwalde genannt, Erich hatte noch ein Jahr die deutsche Schule zu besuchen, bis er sein Abschlusszeugnis erhalten sollte. Man bezahlte nun auf dem Markt und im Lebensmittelgeschäft in Neutomischel nicht mehr mit Zloty, sondern mit Reichsmark. Der Vater war im Ersten Krieg Soldat und wurde nicht noch einmal verpflichtet, somit wurde der Hof von den Eltern weiter bewirtschaftet und Erich bekam seine Lehrjahre als Bauer.

Bis er 1944 mit 17 Jahren zur Wehrmacht einberufen wurde….

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Diese Kurzgeschichte enthält Erinnerungen von Erich Pflaum an seine Kindheit, die er mir jeweils am 8. August 2014 und 2015 erzählt hat. Herzlichen Dank an ihn für die gemeinsame Zeitreise und die kostbaren Erzählungen.

aufgeschrieben im August 2015 Elke Beyer-Arlt