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Werner, P. – 100 jährige Gemeindejubiläum in Neutomischel (evgl. luth. Kirche)

[1] Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde zu Neutomischel, wurde dieser Artikel veröffentlicht im Kirchen-Blatt der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Preussen. Hier in der Ausgabe vom 14. Juli 1935 / Seite 444/445;

Der Beitrag wurde zur Verfügung gestellt von Herrn D. Maennel, Kassel – Maennel Archiv. Ebenfalls stellte Herr Maennel die hier verwendeten Fotos zur Verfügung.


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Evg.-Luth. Kirche zu Neutomischel

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Kirchensiegel der evgl.-luth. Gemeinde zu Neu Tomysl

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Unsere lutherischen Gemeinden stehen jetzt im Zeichen der hundertjährigen Gemeindejubiläen. Hatten sie doch vor ungefähr hundert Jahren unter großen Mühen, Bedrängnissen und Verfolgungen dem luth. Bekenntnis die Treue gehalten. Nachdem vor kurzem die Gemeinden Freystadt in Schles. und Berlin dieses schöne Jubiläum feiern durften, folgte ihnen am 2. S n. Trin., den 30. Juni, die jetzt in Polen liegende

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Evgl.-Luth. Kirche und Pfarrhause, um 1895

Gemeinde Neutomischel. Gottes Gnade schenkte reichen Segen, der hoffentlich an den Seelen nicht verloren bleiben wird. Wir hatten die große Freude, Herrn Oberkirchenrat D. Nagel aus Breslau als Festprediger bei uns zu sehen. Er traf schon Freitag, den 28. Juni, auf der Durchreise nach Neutomischel in Polnisch-Lissa ein und konnte am Nachmittag der kleinen lutherischen Gemeinde in ihrem schmucken Kirchlein einen Gottesdienst halten und anschließend über die kirchliche Lage berichten. Der Text seiner Predigt war Ebr. 10, 35: „Werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat!“ Wir werden seine treuen Worte nicht vergessen. Sie kamen von Herzen und gingen zu Herzen. Sie erbauten und stärkten die kleine Gemeinde und ihren jetzigen Hirten in ihrer oft sorgenvollen und schwierigen Lage. – Am Sonnabend – Peter-Paul – fuhren dann Oberkirchenrat Nagel und der die Lissaer Gemeinde mitbedienende Pastor Werner-Schwarzwald nach Neutomischel, schon auf dem Bahnhof herzlich begrüßt vom dortigen Ortspastor Schilter. Noch an demselben Tage fand am Nachmittag – als Vorfeier zum Jubiläum gedacht – ein Gottesdienst in der festlich geschmückten Kirche statt, die schon an diesem Tage von einer andächtigen Gemeinde voll besetzt war. Es predigte Pastor Brauner-Thor, der zukünftige Superintendent und Leiter der ev.-luth. Kirche in Westpolen, über Ps. 138, B.2-3. Seine Predigt bereitete die Herzen in heiliger –Weise auf den kommenden Festtag vor und wurde mit großer Aufmerksamkeit und Andacht aufgenommen. Es folgte ein Singe- und Sprechchor, vom Ortspastor mit großem Fleiß eingeübt, der von der

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Evgl.-Luth. Kirche - Blick auf den Altar

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Evgl.-Luth. Kirche - Blick auf den Eingang und die Orgel

Orgelbrüstung der still lauschenden Gemeinde vorgeführt wurde. Er behandelte das alte Lutherlied: „Nun freut euch, liebe Christengemein“, umrahmt von exakt vorgetragenen Gesängen und Sprechchören. Letztere setzen sich hauptsächlich zusammen aus bekannten Lutherworten und zeigten den Gang des armen Sünders aus der Verzweiflung der Hölle und des Todes zur seligen Glaubensgewißheit in Christo. Die Gemeinde antwortete nach jedem Abschnitt mit einem Vers des Lutherliedes. – Am Festtage selbst konnte die Kirche die Fülle der Festteilnehmer kaum fassen. Es mussten Stühle in den Kirchgang gestellt werden. Den Altardienst versahen Pastor Dr. Hoffmann-Posen. In seiner Festpredigt über die ersten Verse des Sonntagsevangeliums, Luk. 14, V. 16-17, stellte D. Nagel das Wort in den Mittelpunkt: „Kommt, denn es ist alles bereit!“ Für diese frohe Botschaft wollen wir danken, und dieser freundlichen Aufforderung wollen wir folgen – so mahnte er die Festgemeinde im Blick auf ihr 100 jähriges Bestehen. Nachdem nach

das „Te deum Laudamus“, angestimmt von Pastor Dr. Hoffmann und wechselweise gesungen von Pastor und Gemeinde, verklungen war, ordnete sich vor der Kirche der Festzug durch die Straßen der Stadt nach dem nahegelegenen stillen Gottesacker zum Grabe des früheren Seelsorgers der Gemeinde, Pastor Johannes Seidel, der, vor fünfzehn Jahren heimgegangen, dort an der Seite seines ihm, im Weltkriege vorangegangenen Sohnes ruht. Voran gingen die Kirchenvorsteher mit einem sehr schönen Kranz aus Eichenlaub und weißen Rosen, der am Grabe niedergelegt wurde. Dann folgten die Pastoren im Ornat und eine große Menge Gemeindeglieder. Am Grabe hielt Pastor Werner-Schwarzwald die Gedächtnisansprache, anschließend an die Abschiedsworte Pauli an die Ältesten der Gemeinde Ephesus, Apostelgesch. 20, V. 24-27 und V. 32. Wir sangen unter Posaunenbegleitung: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ und: „Wenn ich einmal soll scheiden.“ Viel Tränen sah man glänzen in den Augen derer, die ihren alten Hirten noch gekannt hatten. Es war uns eine wehmütige Freude, eine Tochter des heimgegangenen Freundes unter uns zu sehen. – Am Nachmittag war dann zuerst gemeinsame Mittagstafel in einem Saale, in welchem gleich anschließend auch die Nachfeier bei erdrückender Fülle stattfand. Was uns dort geboten wurden an Posaunenvorträgen, Gesängen, Deklamationen, Ansprachen der anwesenden Pastoren, das zu schildern würde zu weit führen. Hervorzuheben ist ab die Ansprache unsers verehrten Oberkirchenrates, die über die gegenwärtige kirchliche Lage deutliche Aufklärung gab und mit gespannter Aufmerksamkeit angehört wurde. Zu unser aller Freude hat uns auch der Nachbarpastor aus Deutschland, Pastor Schachschneider-Meseritz, mitfeiern helfen und uns auch mit Ansprache am Nachmittag erfreut. Auch weilte die älteste Tochter des in Neutomischel unvergessenen Pastors Greve-Bochum, der leider am Kommen verhindert war, unter uns und ebenso die Tochter Pastor Pauligs-Bromberg. – Gedankt sei zum Schluss noch allen lieben lutherischen Häusern in Neutomischel, die uns so gastfrei aufgenommen und verpflegt haben. So liegt das Fest hinter uns. Der Alltag hat uns wieder umsponnen. Aber vergessen wollen wir’s nicht, was wir gehört und erlebt haben. Der Weg führt in’s weit zweite Jahrhundert lutherischer Kirche und lutherischen Bekenntnisses. Der Herr mache uns treu, „dass wir Sein Wort und Sakrament rein behalten bis an unser End‘!“

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Pastoren der evgl.-luth. Gemeinde Nowy Tomysl

P. Werner – Schwarzwald