Bäckerei Otto Jost – Erinnerungen

1942 Blick vom Alten Markt in die Goldstrasse, in dem 3tem Haus rechts war die Bäckerei Jost - Postkartenabbildung

1942 Blick vom Alten Markt in die Goldstrasse, in dem 3tem Haus rechts war die Bäckerei Jost – Postkartenabbildung

Siegfried Reinhardt, geboren in Crossen / Oder, hat noch erhaltene Bilder und Erinnerungen an seinen Großvater den Bäckermeister Otto Jost eingesandt. Er selbst war als Kind immer wieder bei seinen Großeltern in Neutomischel untergebracht, da seine Eltern als Binnenschiffer tätig waren und er zu jung war um sie auf ihren langen Reisen zu begleiten. Dieses änderte sich erst, als er eingeschult wurde; ab diesem Zeitpunkt besuchte er nur noch in den Ferien die Großeltern in Neutomischel. Die Verbundenheit der Großeltern und des Enkels war sehr tief, dieses führte auch dazu, dass, nachdem er im Jahr 1949 durch einen Unfall beide Eltern verlor, sein Großvater die Vormundschaft für ihn übernahm.

Herr Reinhardt ist aber noch auf andere Weise mit Neutomischel, wenn auch indirekt, verbunden. 1939/1940 siedelte Familie Müller aus Kupferhammer nach Neutomischel über. Von dieser Familie wurde das Geschäft der Familie Pilatschek in der Goldstrasse übernommen, als diese um ihr eigenes Geschäft zu erweitern Richtung Bahnhof umzogen. Familie Müller betrieb dann eben nur 2 Häuser von der Bäckerei Jost entfernt ihre kleine Korbmacherei und einen Spielwarenverkauf. Hannelore Müller, die Tochter dieser Familie wurde viel später, als man sich in Berlin wieder begegnete zur Frau Reinhardt, beide haben das Fest ihrer goldenen Hochzeit schon gefeiert.

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Ergänzt wurden die Erinnerungen durch Herrn Bernard Kaźmierczak, Sohn des Bonbonfabrikbesitzers und damaligen Gehilfen in der Bäckerei Jost und durch die Familie Starosta, welche nach dem Krieg die Bäckerei Jost nochmals für kurze Zeit wieder in Betrieb genommen hatte ehe es zur endgültigen Schliessung kam.

Vielen Dank an dieser Stelle für gewährte Unterstützung

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links: Geselle Florek Fleischer aus Bentschen, rechts: Geselle Jozef Ring ; in der Mittel Siegfried Reinhardt Enkel des Bäckermeisters Otto Jost – Foto Hr. Reinhardt

Der Bäckermeister Otto Jost (geb. 1882 in Glinau) hatte sein Geschäft in der Goldstraße in Neutomischel. Bis 1945 wurden die Gesellen Florek [Fleischer aus Betschen] und Jozef [Ring] beschäftigt. Er selbst konnte den Bäckereiberuf nur noch bedingt selbst ausführen, da er aufgrund einer Kriegsverletzung seine rechte Hand nicht mehr uneingeschränkt einsetzen konnte. Zum Geschäft gehörte auch ein kleiner Ausschank mit Kaffee und Kuchen. Wenn die Leute aus den umliegenden Dörfern in die Stadt kamen, dann trafen sie sich bei Bäcker Jost, einmal um den Kaffee und Kuchen zu genießen, aber auch um “Neuigkeiten” auszutauschen.

Die Räumlichkeiten der Bäckerei in der Goldstrasse waren gemietet. Zu ihnen gehörten auch zwei Zimmer, eines wurde von Ilse Jost bewohnt, das andere wurde als Aufenthaltsraum genutzt.

Otto Jost soll in seinem Laden mehr als einmal seine Ablehnung der Nationalsozialistischen Regierung laut geäußert haben, seine Frau Anna befürchtete immer, dass es aufgrund dieser Ablehnung zu Repressalien kommen würde. Anna Jost, eine geborene Gerbing (geb. 1885) war gebürtig aus Tamsel bei Küstrin an der Warthe. Beide hatten sich kennengelernt, als Otto Jost als Bäckergeselle auf Wanderschaft durch Tamsel kam, als junges Ehepaar entschlossen sie sich dann aber in Neutomischel niederzulassen.

von links : Ida, sie war als Haushälterin bei Familie Jost beschäftigt, Klara Jost verh. Reinhardt (Tochter), die Eheleute Anna und Otto Jost (Bäckermeister), Ilse Jost (Tochter), davor Ingrid und Siegfried Reinhardt (Kinder von Klara geb. Jost) Foto: Hr. Reinhardt

Jeden Tag verließ Bäckermeister Otto Jost gegen 13:00h das Bäckergeschäft. Der Laden wurde dann von Tochter Ilse und Ehefrau Anna für den Rest des Tages weitergeführt. Er ging dann nach hause, gönnte sich 1 Stunde Ruhe, zog sich um und nahm sich im Anschluss der kleinen Landwirtschaft an.

Die Familie Otto Jost wohnte an der damaligen Stadtgrenze zwischen Neutomischel und Glinau. Dort betrieb sie die eben schon erwähnte kleine Landwirtschaft. Zu dieser gehörten ein Wohnhaus, Stallungen und eine Scheune. Das pflügen der Äcker wurde immer von Herrn Henkel erledigt, ihm gehörte 1 Pferd. Als kleiner Junge durfte Siegfried Reinhardt ab und an auf dem Rücken des Pferdes sitzen. Ihm ist noch in Erinnerung, dass einmal in der Woche Badetag war. Da aber früher noch keine Badezimmer mit Wanne in den Häusern vorhanden waren, wurde um ein Vollbad zu nehmen, ein Ausflug am Pferdemarkt beim Rathaus vorbei bis zur Gasanstalt, wo auch das Wasserwerk war, unternommen. Dort konnte man für wenig Geld die “Badeanstalt” nutzen. Es gibt auch noch die Erinnerung daran, dass bei der evangelischen Kirche der Turm ja nicht mehr stand, aber an seinem ehemaligen Platz ein Holzgerüst errichtet worden war in dem die Glocken hingen und am Sonntag zum Gottesdienst geläutet wurden.

Ilse Jost, eine der Töchter war sehr schwerhörig, eigentlich fast taub. Otto Jost entschied aus Rücksicht auch ihr gegenüber, dass die Familie zum Kriegsende als Flüchtlinge Neutomischel verließen. Er tat es schweren Herzen, zumal er seitens der polnischen Freunde immer wieder gebeten worden war zu bleiben. Zuerst ging die Reise bis Crossen, dieses wurde dann jedoch am 06.01.1945 auch verlassen; wieder mit dem Ziel: “…weiter nach Westen” .

1990 das ehemalige Anwesen Jost, links Ilse Jost – Foto: Hr. Reinhardt

1933 - Anwesen Otto Jost, Neustädter Straße - Foto: Hr. Reinhardt

1933 – Anwesen Otto Jost, Neustädter Straße – Foto: Hr. Reinhardt

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Noch heute kann man ab und an Erzählungen über den „deutschen Bäcker aus der Goldstraße“ in Nowy Tomysl hören.

Herr Bernard Kaźmierczak, Sohn des Bonbonfabrikbesitzers, hat den „deutschen Bäcker“ Herrn Otto Jost, in guter Erinnerung behalten und in seinen Erinnerungen an die Kriegsjahre hat Herr Jost seinen festen Platz eingenommen.

Herr Bernard Kaźmierczak, seinerzeit noch ein minderjähriger Junge, arbeitete in der Bäckerei als Hilfskraft. Er hatte die Aufgabe der Brotbeförderung. Er erinnert sich auch noch daran, dass er, obwohl er durch seine Arbeit in der Bäckerei auch „Kost“ erhielt, und dadurch immer satt war, am Sonnabend zusätzlich einige Brötchen für die Familie mitgegeben bekam.

Herr Jost war in der Bäckerei der Meister, aber zusätzlich wurden zwei Gesellen beschäftigt; Florek Fleischer aus Bentschen und Jozef Ring, beide polnischer Nationalität.

Der „kleine“ Bernard musste auch jeden Tag das Brot zum Krankenhaus liefern; dazu wurde ein kleiner Handwagen mit 4 Rädern genutzt. Eine andere Auslieferung ging an den RAD (ReichsArbeitsDienst) in den Glinauer Bergen, dieses jedoch nicht täglich, da die Bestellung auch öfter direkt in der Bäckerei abgeholt wurde.

Während der Hitlerdiktatur wurde die polnische Bevölkerung zwangsenteignet; ihre Wohnungen, Häuser, Anwesen und Betriebe wurden Deutschen zugeteilt. Das Gebäude in dem sich die Bäckerei Jost befunden hatte, wurde als „polnisches Haus“ bestimmt. Nur in einem solchen, war es Einwohnern mit polnischer Nationalität noch erlaubt gewesen sich aufzuhalten. Enteignete Familien aus der Stadt wurden seinerzeit dort zwangsweise einquartiert; unter ihnen war auch die Familie Kaźmierczak.

Im Januar 1945 hatte sich Herr Otto Jost entschlossen die Stadt zu verlassen. Versuche seiner polnischen Bekannten  ihn zum Bleiben zu überreden scheiterten. Trotz der Beteuerungen ihn vor Repressalien der einrückenden Roten Armee zu schützen, da er immer ein Freund der polnischen Bevölkerungen gewesen war, blieb sein Entschluss unumstößlich und er begab sich 1 Tag vor dem Einmarsch der Truppen auf die Flucht nach Westen.

In Neutomischel wurde dann zum Kriegsende durch die polnische Bevölkerung wieder versucht ein „normales“ Leben aufzunehmen.

Die Bäckerei Starosta 1925 – Foto: Familienarchiv Starosta

Neben dem Bäckereibetrieb des Herrn Jost hatte es auch noch die Bäckerei Jakub Starosta in der Goldstrasse gegeben. Herr Starosta hatte sogar noch vor Kriegsbeginn gegenüber dem Betrieb Jost eine Konditorei eröffnet.

Er bemühte sich seinerzeit mit Erfolg um die Genehmigung die Bäckerei im Hof des Hauses in der Ul. Mickiewicza 17, eben die ehemalige Bäckerei Jost, wieder in Betrieb zu nehmen. Herr Starosta führte dieses Geschäft aber auch nur bis zum Ende der 50ziger Jahre, danach wurden durch die kommunistische Regierung gegen private Unternehmen Sanktionen verhängt, die auch das endgültige Ende der Bäckerei in der ul. Mickiewicza bedeuteten – aber das ist ganz andere Erzählung