Bau einer neuen Kirche zu Bentschen/Zbąszyń – Teil 1, die Jahre 1901-1904

Die alte evangelische Kirche zu Bentschen, geplant und erbaut 1783-1785 - Bild: (1)

Die alte evangelische Kirche zu Bentschen, geplant und erbaut 1783-1785 – Bild: (1)

Mit einer kleinen Zeitungsmeldung vom 26. März 1901 wurde den Lesern des Neutomischeler Kreisblattes die Entwicklung zum Stand des Baues einer neuen evangelischen Kirche in Bentschen mitgeteilt:

„Große Freude hat hier die Nachricht hervorgerufen, daß durch die Gnade Sr. Majestät des Kaisers zum Bau der hiesigen evangelischen Kirche die Summe von 60.000 Mark bewilligt worden ist. Man hofft, daß nunmehr der Kirchenbau gesichert ist, umsomehr als die Baupläne zu demselben bereits vorliegen. Dem Vernehmen nach soll die Kirche vollständig runde Form und eine Kuppel erhalten, ähnlich wie die Dreifaltigkeitskirche in Berlin. Auch steht zu erwarten, daß der Gustav-Adolf-Verein unsere arme evangelische Gemeinde dem Kirchenbau durch Gewährung einer größeren Beihilfe unterstützen wird.“

Die Unterstützung für weitere finanzielle Mittel, fand sich im Zeitungsartikel vom 08. Oktober 1901:

„Die große Liebesgabe, welche der Gustav-Adolf-Verein der evangelischen Gemeinde in Bentschen zuerkannte, beläuft sich auf 20.000 Mk. Bentschen ist die erste Grenzstadt nach Brandenburg hin. Die evangelische Gemeinde stammt aus dem Reformationszeitalter, hat viel Noth und Verfolgung, namentlich im dreißigjährigen Kriege, erlitten und war zeitweise ganz aufgelöst. Heute zählt sie 4.500 Seelen. Die in Holzfachwerk errichtete Kirche ist 1783 gebaut, sie ist aber nicht nur viel zu klein, sondern auch ganz baufällig, mit Balken abgesteift, um den Einsturz zu hindern. Bei heftigem Sturme wird der Gottesdienst ausgesetzt.  Der Neubau erfordert 146.500 Mk., er muß 1.000 Besuchern Raum geben. Die große Liebesgabe wird den Neubau ermöglichen. „

Hinsichtlich des genannten Baujahres 1783 gibt es eine weitere Aussage in dem von dem früheren Pastor Albert Werner in dem im Jahr 1898 veröffentlichten Werk „Geschichte der evangelischen Parochien in der Provinz Posen. Hier heißt es:

Erst im Jahre 1782 gelang es, von dem Erbherrn auf Schloss Bentschen, dem Kastellan Eduard v. Garczynski, um den Preis von 200 Dukaten ein Grundstück zum Bau einer Kirche zu erwerben. Bedingung war, die Kirche nicht in der Stadt, sondern weit hinaus, zurückgeschoben von jeder Strasse zu errichten. Am 1. August 1785 ward es der Gemeinde möglich, in dieser Kirche den ersten öffentlichen Gottesdienst zu halten. Gleichzeitig berief sie auch den ersten Pfarrer Rutsch.“

Postkarte erschienen anlaesslich des Kirchenneubau zu Bentschen - Bild (2)

Postkarte erschienen anlaesslich des Kirchenneubau zu Bentschen – Bild (2)

Der erste Fachwerkkirchenbau war also, als die Finanzierung eines neuen Kirchengebäudes weitesgehenst gesichert war, über 110 Jahre alt.

Im April des Folgejahres übernimmt die Kaiserin die Schirmherrschaft über den Kirchenbau. Das Kreisblatt vom 18. April 1902 berichtete wie folgt:

Neue evangelische Kirche in Bentschen, Prov. Posen, Abb. 60 - Bild: (3)

Neue evangelische Kirche in Bentschen, Prov. Posen, Abb. 60 – Bild: (3)

„Die Kaiserin hat das Protektorat über die neu zu erbauende evangel. Kirche übernommen. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat den Regierungs-Baumeister Hagedorn, z. Z. in Springe am Deister, mit der Leitung des Neubaues der Kirche beauftragt.“

Erst zum 01. Juli 1904 findet sich ein weiterer Artikel zum Kirchenbau:

„Dieser Tage fand in dem Rohbau der hiesigen (Bentschen) evangelischen Kirche die Weihe des Glockengeläutes statt. Im Schiff der Kirche waren die drei Glocken, zwei neue und eine von dem alten Geläute, aufgestellt und mit Blumen und Guirlanden geschmückt. Die Weiherede hielt Pfarrer Füllkrug. Die größte Glocke wiegt 24 Zentner und trägt die Inschrift: „Kaiserglocke. Herr Gott, Du bist unsere Zuflucht für und für“, die kleinere: „Zum Gedächtnis der großen Gustav Adolf-Liebesgabe“. Am Schlagering liest man die Namen sämtlicher Geistlichen, die seit der Begründung der Gemeinde im Jahre 1784 hier gewirkt haben.“

Weitere und auch detailliertere Informationen finden sich dann in der Ausgabe vom 08. April 1905, des in Berlin erschienenen Zentralblatt der Bauverwaltung / No. 29. In einem Kapitel der Stadt- und Landkirchen wurde durch die Schriftleiter Otto Sarrazin und Friedrich Schultze wie folgt geschrieben:

“ Bei der Kirche in Bentschen (Abb. 60 bis 64) legten die gegebenen Verhältnisse die Wahl einer Zentralanlage nahe.

Zunächst der Bauplatz dessen dreieckige Gestalt einen gestreckten Grundriß ausschloß. Sodann aber auch der Wunsch, einen vollwichtigen Gegensatz zu der alten zweitürmigen katholischen Kirche der Stadt zu schaffen, und zwar nicht bloß im Aufbau, sondern im ganzen Plangedanken der Kirche. So ist der Kuppelbau entstanden, der sich über der ungewöhnlichen Grundform eines durch zwei Flügel zu einer Art Winkel erweiterten Kreises erhebt.

Grundriss zu ebener Erde, Querschnitt mit Blick auf den Kanzelaltar, Grundriss der Emporenhoehe, Abb. 61-63 - Bild: (3)

Grundriss zu ebener Erde, Querschnitt mit Blick auf den Kanzelaltar, Grundriss der Emporenhoehe, Abb. 61-63 – Bild: (3)

Zwischen dem mit kleinen Vorräumen versehenen Flügeln liegen die Haupteingangshalle , die vorderen Emporentreppen und der Orgelraum, gegenüber die Altarnische mit zwei Nebentreppen zur Seite und mit der Sakristei im Rücken. Dadurch erhält der Grundriß annähernd Dreiecksgestalt und fügt sich dem Platze derart ein, daß die Eingangsfront (Abb. 60) der östlich vorüberführenden Straße zugekehrt ist, während sich die Rückseite des Baues (Abb. 64) nach dem Bentschener See hin wendet.

Für den Aufbau ist in dem Bestreben, ihn in den Rahmen der Landschaft und des Stadtbildes passend einzufügen, an die Formen des 18. Jahrhunderts angeknüpft.

Der Versuch, die Kuppel auf einen Tambour zu stellen, um die Flügeldächer gegen diesen anlaufen zu lassen, mußte aus Kostenrücksichten aufgegeben werden. In künstlerischer Hinsicht nicht zum Schaden der Sache, denn die in dem Verzicht auf jenen Bauteil liegende Zurückhaltung, die breite Lagerung der Massen, die mäßige Höhenentwicklung im Inneren verleihen der Kirche einen protestantischen Zug und machen sie für den Predigtzweck geeignet, tragen also dazu bei, das Bauwerk charakteristisch zu machen.

Verschwiegen darf übrigens nicht werden, daß sich einige der in den allgemeinen Vorbemerkungen erörterten Schattenseiten des Zentralbaues auch in diesem Falle fühlbar gemacht haben. So waren die konstruktiven Schwierigkeiten nicht gering, und an Bauzeit haben drei volle Jahre aufgewendet werden müssen. Auch war es nicht möglich, die Flügel stützenfrei an den Hauptraum anzuschließen. Dagegen gelang es, durch Einfachheit der Gesamtgestaltung des Baues die Kosten trotz schwieriger Gründung in verhältnismäßig bescheidene Grenzen zu halten. Sie belaufen sich ohne Bauleitung und ohne die von der Gemeinde allein bestrittenen Kosten der Niederdruckdampfheizung und Beleuchtung auf 148.800 Mark, mit Heizung und Beleuchtung auf rund 160.000 Mark. Der Sitzplatz berechnet sich somit auf 137 bezw. 147 Mark.

Wie aus den Grundrissen ersichtlich, ist der Raum allerdings stark ausgenutzt. Zu ebener Erde befinden sich 662, auf den Emporen 384 Sitzplätze und 40 Sängerplätze vor der dem Kanzelaltar gegenüberliegenden Orgel.

Neue evangelische Kirche in Bentschen, Prov. Posen, Rückseite, Abb. 64, Der Bildwirkung zuliebe ist der See näher an die Kirche herangerückt, als in Wirklichkeit der Fall. Der Pfarrgarten liegt noch dazwischen - Bild: (3)

Neue evangelische Kirche in Bentschen, Prov. Posen, Rückseite, Abb. 64, Der Bildwirkung zuliebe ist der See näher an die Kirche herangerückt, als in Wirklichkeit der Fall. Der Pfarrgarten liegt noch dazwischen – Bild: (3)

Über die Ausführung (eingehendere Mitteilung über das Gebäude und seine Ausführung werden in einiger Zeit in der „Zeitschrift für Bauwesen“ gemacht werden)  sei bemerkt, daß die Fundamente aus Beton, die Mauern aus innen und außen mit Graukalk geputzten Ziegeln bestehen. Aus dem gleichen Mörtel sind auch alle Gesimse gezogen, ohne jede Verwendung von Zement. Im Inneren erhielt der Graukalk Gipszusatz. Die Emporensäulen sind um einen Eisenkern gemauert und stuckiert, die Emporen als Koenensche Decke zwischen T-Trägern konstruiert. Die Außenkuppel ist in Eisen ohne Fußbalkenlage hergestellt und mit Kupfer auf Bohlensparren und Holzschalung gedeckt. Ebenso der Turm, in dessen unterer Laterne der Glockenstuhl steht. Die innere Kuppel ist aus verdoppelten Bohlensparren zwischen eisernem Fuß- und Scheitelring konstruiert und oben mit Lehm ausgestakt, unten geschalt, geputzt und flachem Relief stuckiert; sie hält wärmer und ist erheblich billiger als eine Monierkuppel, an die auch gedacht war.

Bemerkenswert ist, daß die einfachen Stuckverzierungen des Inneren an den Gewölben, Wänden,  Säulen und Pilastern nach Pappschablonen, die der örtliche Bauleiter, Regierungsbaumeister Clingestein gezeichnet hat, von schlichten Maurern hergestellt worden sind.

Ansichtskarte von der Rückseite mit dem Pfarrgarten, der das Kirchengelände vom See trennte - Bild: (1)

Ansichtskarte von der Rückseite mit dem Pfarrgarten, der das Kirchengelände vom See trennte – Bild: (1)

Den bildnerischen Schmuck des Portalgiebels (Christus und die Samariterin) sowie die von Engeln gehaltene Kartusche über der Altarnische führ der Bildhauer Petri aus Niederschönhausen bei Berlin in angetragenem Stuck aus.

Im Inneren werden die Wände und Decken im allgemeinen weiß gehalten und nur in den dafür vorbereiteten Flächen leicht farbig ausgegründet sowie an hervorragenden Punkten mit etwas Vergoldung versehen. Der Fußboden besteht in den Gängen und Vorräumen aus roten Wesersandsteinplatten, die Treppen aus Kunstsandstein, das Gestühl aus braungebeiztem Kiefernholz. Der Kanzelaltar und die mit 20 klingenden Stimmen in reichem Gehäuse ausgestattete Orgel werden bemalt und vergoldet, ebenso die Emporenbrüstung.

Die Gasbeleuchtung ist hängendes Auer’sches Glühlicht ohne Mittelkronleuchter; auf den Bankwangen des Mittelganges stehen überdies Kandelaber. Die Niederdruckdampfheizung, deren Heizräume unter der Sakristei und der Altarnische liegen, enthält 150 qm in den Fensternischen untergebrachte Radiatoren.

Über die Akustische Bewährung läßt sich noch nichts sagen, da die Kirche erst im Juli d. J. fertig wird. Die Reliefbehandlung der Decken und Wände, auch die Emporeneinbauten und die Art und Größe der Ausstattungsstücke lassen ein günstiges Ergebnis erhoffen.“

* * *

Bild-Quellen:  (1) Zbąszyń na dawnej pocztówce – Autor Krzysztof Rzepa – erschienen Nowy Tomy´sl 2012; (2) Zbąszyń na dawnych pocztówkach – Autoren Halina Ciszewska, Jan Ciszewski – erschienen Zbąszyń 2010; (3) Bilder der Original Veröffentlichung Abb. 60-64 Zentralblatt der Bauverwaltung, No. 29, Berlin 08.04.1905, Seite 187 ff – Zentral- und Landesbibliothek Berlin – http://opus.kobv.de/zlb/volltexte/2008/3846/pdf/ZBBauverw_1905_029.pdf
Text-Quellen: Kreisblatt Neutomischel 26.03.1901, 08.10.1901, 18.04.1902, 01.07.1904 – Digital Library of Wielkopolska; Geschichte der evgl. Parochien in Posen Ausgabe 1898 – Digital Library of Wielkopolska; Zentralblatt der Bauverwaltung, No. 29, Berlin 08.04.1905, Seite 187 ff – Zentral- und Landesbibliothek Berlin – http://opus.kobv.de/zlb/volltexte/2008/3846/pdf/ZBBauverw_1905_029.pdf