Hielscher, Karl – Chlastawe und die Holländereien zwischen Neutomischel und Wollstein 1966

Strassenansicht der Kirche zu Chlastawe

Chlastawe und die Holländereien zwischen Neutomischel und Wollstein“ – der Artikel wurde im Original von Karl Hielscher für das Jahrbuch der Landsmannschaft Weichsel-Warthe Ausgabe 1966 verfasst und publiziert.

Eine Veröffentlichung auf dieser Seite erfolgt mit freundlicher Genehmigung der LWW – Landesmannschaft Weichsel-Warthe.

Um dem Leser zu der in diesem Artikel beschriebenen Kirche zu Chlastawe ein Bild zu geben, wurden in der Einleitung und am Ende der Veröffentlichung Fotos aus dem Jahr 2005 hinzugefügt.

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Gute sechs Kilometer westlich von Bentschen — der Stadt inmitten der Obra-Seen und an der Bahnstrecke Frankfurt an der Oder / Posen — liegt das Dörflein Chlastawe. Es besaß eine schöne evangelische Kirche, die freilich klein war und nur wenige hundert Kirchgänger fassen konnte. Es war ein mit Schindeln gedeckter Holzbau. Doch war es kein Blockbau, sondern ein Ständerbau, der sich auf eine Holzsäule inmitten der Kirche stützte. So war dieses Kirchlein eine Besonderheit unter den alten aus Holz errichteten Gotteshäusern und zeigte Anklänge an die Stabkirchen Schwedens. In den Jahren nach 1900 war der Bau gründlich instandgesetzt und erweitert worden, wobei er einen Kirchturm erhielt, der dem Kernbau geschickt angepaßt war. So wohlgelungen dieser Anbau war, veränderte er das Bild des ursprünglich ganz klein und unscheinbar gewesenen Gebäudes doch erheblich.

Zu altpolnischer Zeit galt diese Kirche nur als lutherisches Bethaus und durfte deshalb keinen Turm haben. Die Gemeinde half sich damit, daß sie zu dem Kirchengrundstück, das den Friedhof einschloß, eine hölzerne Tordurchfahrt baute, auf der sie eine Glocke aufhing.

Die Kirche besaß noch eine weitere Eigentümlichkeit: Sie war mit einer Reihe von Gemälden geschmückt, die biblische Begebenheiten darstellten. Sie strahlten einen religiösen Fanatismus aus, der uns Heutigen fremd ist und einen merkwürdig berührte. Gut dazu paßten die Köpfe des Erbauers des Gotteshauses und seiner Söhne, deren Porträts am Aufgang zur Empore des Kirchenpatrons hingen. Ihre Züge drückten eine wilde Kraft und Entschlossenheit aus. Radislaus Miesitscheck von Wischkaw war der Name jenes böhmischen Edelmannes, der im Dreißigjährigen Krieg aus seiner Heimat vertrieben, in die Gegend gekommen war. 1623 hatte er die Erbtochter Margarete von Brause geheiratet. Er kämpfte weiter für die protestantische Sache, wurde einige Male verwundet und stieg im Heere des Schwedenkönigs Gustav Adolf zum Obersten empor. 1637 ließ er die Kirche errichten an Stelle einer früheren, die einem Brandstifter zum Opfer gefallen war. Der Baumeister war wahrscheinlich ein schwedischer Zimmermann gewesen, der unter dem Obersten gedient hatte.

Ja, das Kirchlein hatte bereits einen Vorgänger gehabt. Und gelegentlich hat man vermutet, daß Chlastawe überhaupt die älteste lutherische Gemeinde in Polen gewesen wäre. Liegt doch Bentschen nahe, das bereits im — ausgehenden Mittelalter ein Hort hussitischer „Ketzer” war. Zur Zeit Wladislaus Jagiellos, des ersten Königs aus litauischem Geschlechte, war Abraham Zbanski der Erb- und Grundherr von Bentschen. Er hatte sich jener fanatischen böhmisch-tschechischen Glaubensrichtung angeschlossen, die auch unter den Bürgern von Bentschen und in der Umgebung Anhänger fand. Schließlich schritt der Bischof von Posen mit Waffengewalt gegen die der alten Kirche abtrünnig Gewordenen ein und zwang sie, ihrem „Unglauben” abzuschwören. Fünf hussitische Priester soll er auf dem Scheiterhaufen haben verbrennen lassen, weil sie sich nicht beugten.

Radislaus Miesitschek von Wischkaw war ein Nachkomme böhmischer Hussiten. Mit ihm, wie auch schon zu Zeiten Abraham Zbanskis und vielleicht noch in der Zwischenzeit sind tschechische Hussiten, bzw. böhmische Brüder in das Land gekommen. Allmählich sind sie unter den evangelischen Deutschen aufgegangen. Acht bis neun Kilometer im Osten von Bentschen liegen zwei Dörfer, die polnisch Czeskie Stare und Czeskie Nowe heißen, deutsch ursprünglich Deutsch-Zisken und Polnisch-Zisken, dann Deutsch-Böhmisch und Polnisch-Böhmisch genannt. Unter den Evangelischen der Gegend konnte man immer wieder Menschen treffen, die den Gestalten auf den Bildern der Kirche von Chlastawe ähnelten. Es waren etwas dunkele, mittelgroße, meist hagere Personen, die sich häufig durch eine stärkere Regsamkeit auszeichneten.

In den damaligen polnischen Westgebieten, in einem Streifen von Fraustadt bis Schwerin an der Warthe, hatte sich seit dem Mittelalter deutsches Bürger- und Bauerntum gehalten. Während der Reformation faßte das Luthertum Fuß. Eine Anzahl evangelischer Gemeinden vermochte alle Stürme zu überstehen, wobei sie wiederholt durch Zuzügler aus Deutschland verstärkt wurden.

Zu ihnen gehörten die sogenannten Holländer oder Hauländer. Es handelte sich um deutsche Bauern, die die adligen Grundherren auf ihre Ländereien holten. Besonders taten das die Starosten. Um von den großen Dienstländereien Einnahmen zu erhalten, setzten sie in den wenig genutzten Wäldern die Bauern an, damit sie ihnen Zins zahlten. Da es aber lange und schwere Arbeit erforderte, um den Wald zu roden und das Land urbar zu machen, mußten die Adligen den Bauern entgegen kommen und ihnen gewisse Vorrechte bewilligen. Dazu gehörten mehrere Freijahre, der Wegfall der Frondienste, das Recht, ihr Glaubensbekenntnis ausüben zu dürfen und ihre einfachen Gemeindeangelegenheiten selbst zu regeln. Da dieses Rode- und Niederlassungsrecht im 16. Jhdt. von holländischen Mennoniten über Danzig nach Polen gebracht worden war, hieß es Holländerrecht, die Niederlassungen Holländereien und die Siedler selbst Holländer. Und diese Namen blieben, als das Verfahren erst von Pommern und dann von Schlesiern übernommen wurde, die über die Grenzen kamen und in den polnischen Flußniederungen und Kiefernwäldern rodeten und siedelten und immer tiefer in das Land drangen. Als sich später die preußischen Beamten den Ausdruck Holländer nicht erklären konnten, änderten sie ihn in Hauländer ab – da die Bauern den Wald umgehauen hätten.

Kopfschüttelnd wird manch ein Leser fragen: „Und die polnischen Bauern? Warum zog der Adel sie nicht heran?” — Darauf ist zu antworten, daß damals das polnische Land im höchsten Grade verödet und menschenleer war. Während des 17. Jhdts. war es in kurzen Abständen durch die schweren und blutigen Kriege mit den Schweden verwüstet worden, in deren Gefolge noch Seuchen die Pest und Hungersnöte unzählige Menschen dahingerafft hatten. Obendrein war ein Teil der Bauern in die Ostgebiete geflohen, weil es ihnen dort besser erging. Die Kirchenbücher und Visitationsberichte geben ein Bild davon, wie die Dörfer wüst und verlassen dalagen. Zu alledem hatte es sich der polnische Bauer im Laufe der Leibeigenschaft abgewöhnt, sich anzustrengen: Der Nutzen all seiner Mühe kam ihm doch nicht zugute. So erwies er sich als wenig geeignet für die schwere Rodearbeit.

Aus der Gegend Züllichau/Schwiebus kamen unsere Bauern über die Linie Unruhstadt/Bentschen/Tirschtiegel, von wo eine Reihe Niederlassungsverträge aus den Jahren kurz vor und nach 1700 bekannt sind. Schrittweise drangen sie vor und legten das Land frei für eine Ansiedlung nach der anderen.

Eine Wanderung durch das Gebiet oder schon ein Blick auf die Karte zeigt, daß unsere „schlesischen Holländer” in ein tief liegendes, von Bächen und Gräben durchzogenes Gelände kamen. An den Rändern erstreckten sich arme Sandböden, die nur Kiefernwälder zu tragen vermochten, und eine Reihe von Seen in hügeliger Umgebung. Sumpfige Niederungen zu erschließen war besonders schwierig, weshalb sie auch von den Siedlern des Mittelalters liegen gelassen worden waren. So dehnte sich um die Quellgebiete der Doiza, des Scharker Grabens und der Schwarzwasser eine öde Sumpf- und Waldwildnis aus, die in ihrem Kern 15 mal 20 Kilometer maß. Erlen, Birken und vor allem wilde Weiden, die „Werftsträucher”, wucherten auf den nassen Gründen. Einst hatten sie den Elchen guten Unterschlupf geboten, doch waren diese längst ausgerottet worden, wie auch der Biber. Aber außer Wölfen gab es noch Bären; Fischottern haben sich bis in unsere Zeit gehalten, und der scheue Schwarzstorch konnte ungestört nisten. (Das sumpfige Gelände fand bei Rakwitz vor knapp 150 Jahren eine eigentümliche Verwendung, nämlich zur Zucht von Blutegeln, die bis Breslau, Leipzig, Berlin und Hamburg gehandelt wurden.)

Sobald ein Geschlecht herangewachsen war, suchten sich die jungen Leute ein eigenes Unterkommen, zogen weiter und gründeten eine neue Holländerei. Dazu gehörten große Ausdauer und wilde Arbeitskraft. Zunächst hausten sie in notdürftigen Erdhütten, den „Buden”, und begannen, ihr Land urbar zu machen. Sie hatten den Wald zu roden, wobei sie freilich allzu große Bäume stehen ließen. Vielfach wurden Bäume durch „Ringeln” zum Absterben gebracht, d. h. durch tiefe Kerben rund um den Stamm. Das Reisig und alles Gestrüpp wurde verbrannt, die guten Stämme für die Gebäude und das Derbholz als Feuerung verwendet Um die feuchten Stellen zu entwässern, mußten Gräben gezogen werden und zwar mitunter auf bedeutende Strecken. Zu tiefe Stellen wurden mit Erde aufgefahren, wozu häufig hunderte, ja bis zu tausend und mehr Fuhren gehörten. Das nahm Jahre und Jahre in Anspruch. Auf dem urbar gemachten Lande wurden die üblichen Nahrungsmittel der Siedler: Hafer, Hirse und Roggen angebaut. Brachte der Sommer sengende Hitze und wenig Regen, so verdorrte die Ernte auf dem rohen Grund, während das Korn in nassen Jahren schlecht schüttete. In Regenzeiten mußte oft das Wasser aus den Erdhütten geschöpft werden. Im Winter waren die Menschen wochenlang eingeschneit und hatten Mühe, die Ritzen ihrer kümmerlichen Behausungen gegen den schneidenden Ostwind abzudichten. Am schlimmsten war die gräßliche Enge für die Frauen, die Kinder und die Kranken; mußte doch gekocht und gebacken, geflickt und geschneidert, ja gesponnen und gewebt werden. Bald nach der „Bude” wurde ein Backofen errichtet. Und wie oft mag eine der Notbehausungen zusammengebrochen sein und ihre Bewohner unter sich begraben haben.

Es ist an anderer Stelle schon darauf hingewiesen worden, daß das Umbrechen der Prärie in Nordamerika durch die Europäer ein Kinderspiel war gegen das, was unsere Vorfahren in Polen leisteten:

Der Erste arbeitete sich tot,
der Zweite litt noch Not,
der Dritte erst hatte Brot.

Nur allzu sehr traf dieses Wort zu.Sobald genügend Land gerodet war, wurde eine Scheune aufgestellt; darin wurden ein Notstall für das Pferd und die Kuh und eine Notwohnung für die Menschen eingerichtet. Bis die Freijahre herum waren, meist sieben an der Zahl, mußte das ganze Gehöft stehen. Die so entstandenen Bauernwirtschaften waren nicht groß. Ein bis zwei Pferde genügten, da der Umfang nur dreißig preußische Morgen bis das Doppelte betrug, nur ausnahmsweise wurden gegen hundert Morgen erreicht. Die Niederlassungen bildeten keine geschlossenen Ortschaften, sondern jeder Siedler saß mitten auf seinem Lande, so daß die Höfe zerstreut auf den Feldern und in den Wiesen standen, wohl entlang einer Straße oder an einem Bach. Da die Landwirtschaften klein waren, wurden sie unter den Kindern nicht aufgeteilt, sondern nur eines übernahm den elterlichen Hof, möglichst das jüngste. Dann konnte den Älteren besser unter die Arme gegriffen werden, wenn sie sich selbständig machten.

So entstanden in unserem Gebiet über hundert Holländereien mit dem Mittelpunkt um den Kirchplatz Borui, der ursprünglich Hammer-Borui geheißen hatte. Erst 1786/88 wurde das Städtchen Neutomischel angelegt, das Borui den Rang ablief. Ein Teil der Enkel zog weiter, in die Gegend an der oberen Warthe hinter Schrimm und in das Warthebruch bei Kolo, nach Mittelpolen in die Gegend von Lodz, wo die Siedlung Bruzycko-Ksie.stwo 1791 eine Abschrift der Willkür von Hammer-Borui besaß, und noch weiter. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zogen die Nachkommen gar bis nach Wolhynien. In ganz Polen gründeten vom 16. bis 19. Jhdt. die Mennoniten, die Pommern und die Schlesier an 3000 deutsche Siedlungen.

Für die Haltung der Bauern war ihr lutherisches Glaubensbekenntnis entscheidend. Noch stärker als ihre Sprache verband es sie untereinander und schied sie von ihrer polnischen und katholischen Umgebung. Erinnern wir uns der religiösen Inbrunst, die aus den Bildern der Kirche in Chlastawe sprach und die die holländischen Mennoniten über das Meer bis nach Polen getrieben hatte. Ein starker Nachhall blieb unter unseren schlesischen Siedlern lebendig.

Jede größere Niederlassung hatte ihr Schul- und Kantorhaus mit etwas Acker, sowie einen Friedhof. Nun, die Schulmeister oder Kantoren waren sehr einfache Leute. Die Bauern nahmen dazu, wen sie halt bekommen konnten, irgend einen Handwerker, einen Flickschuster oder Flickschneider oder dergleichen — von der Schule selber konnte der Mann ja nicht leben, sondern mußte noch einen Beruf ausüben. Unbedingt mußte er schreiben können, damit er den notwendigen Schriftverkehr übernehmen konnte, wie Kauf- und Überlassungsverträge, auch gelegentlich Briefe für die Bauern. Der Schulunterricht war verständlicherweise unregelmäßig und wurde vor allem im Winter gehalten. Die Eltern mußten für jedes Kind bezahlen. Die Hauptsache waren der Katechismus, Kirchenlieder, Bibelverse, etwas Lesen und Rechnen und mitunter Schreiben. Außerdem hatte der Kantor die Toten zu beerdigen und die Kinder zu taufen; sonntags hielt er Lesegottesdienst.Diese Holländerschulen mögen uns recht dürftig vorkommen, und später haben die preußischen Beamten weidlich über sie gespottet, wie Stenger in Unruhstadt. Doch fanden sie wenig genug in Polen vor, nämlich auf dem Lande überhaupt kaum andere Schulen und nur in größeren Städten einige, die von katholischen Ordensbrüdern unterhalten wurden. Tatsächlich war also das zähe Festhalten der „Holländer” an ihren Kantorschulen etwas Außerordentliches und muß hoch eingeschätzt werden.

Der Pfarrer kam einmal, selten zweimal im Jahre hinaus, hielt einen Gottesdienst, reichte das Abendmahl, wozu er die Alten und Kranken aufsuchte, und traute die jungen Paare. Und woher kam er? — Aus Chlastawe! Seine Gemeinde reichte bis über Borui, Glinau und Tirschtiegel hinaus. An den großen christlichen Festtagen aber machten sich die Holländer auf zu ihrer Kirche. Bedenken wir dabei die Wege und Verkehrsmittel! Es gab nur lose Feldwege, und die Entfernungen gingen in die Meilen und mußten mit zwar leichten, doch ungefederten Wagen, bzw. im Winter auf offenem Schlitten bewältigt werden. Oft genug werden die Kirchleute einen ganzen Tag unterwegs gewesen sein und manches Mal bei Sturm und Regen, bei Frost und Schnee. Selbstverständlich war es, daß an den hohen Feiertagen das Abendmahl genommen wurde. Da der Andrang groß war, fand die Beichte am Abend vorher statt. Deshalb mußten die Gläubigen in Chlastawe und der nächsten Umgebung übernachten. Beim Gottesdienst faßte das Kirchlein nicht im entferntesten die Besucher. So wurden Türen und Fenster geöffnet, damit die draußen Stehenden der Predigt folgen konnten. Wurde schließlich das Abendmahl gereicht, so verließen die mit dem Sakramente Versehenen das Gotteshaus, um die draußen Harrenden an den Tisch des Herrn zu lassen.

In dem ganzen weiten Gebiet konnten sich erst eigene Gemeinden bilden und Kirchen erbaut werden, als der polnische Reichstag, der Sejm, in den Jahren 1768/74 unter dem Drucke Rußlands und Preußens den Nichtkatholiken, den „Dissidenten”, ein freies Ausüben ihres Bekenntnisses zusicherte und entsprechende Gesetze erließ. Die Anzahl von sechs neuen Gemeinden im Bereich von Chlastawe gibt uns ein eindrucksvolles Bild davon, wie sich die evangelischen „Holländer” ausgebreitet hatten. Es entstanden an Kirchspielen:

  • 1775    Tirschtiegel
  • 1777    Hammer-Borui, das nun Kirchplatz Borui genannt wurde
  • 1777    Lewitz-Hauland
  • 1778    Neustadt bei Pinne
  • 1779    Neutomischel
  • 1783    Bentschen.

Außerdem war eine Reihe alter Gemeinden verstärkt worden, wie Unruhstadt, Wollstein, Rakwitz, Grätz.

Von vornherein war es für die Bauern wichtig, daß sie gut zusammenhielten. Im Notfalle mußte sich jeder auf seinen Nachbarn verlassen können.Manches darüber schrieben die D o r f w i l l k ü r e n , d. h. Satzungen vor. Der Grundherr hatte sie bestätigt, und so regelten die Bauern ihre Angelegenheiten selber. Der Schulze hatte zum Adalberts- und Martinstag den Zins einzusammeln und dem Herrn zu überliefern. Er wurde gewählt, ebenso wie die beiden Schöffen oder Gerichtsmänner, mit denen er Vormundschaftssachen ordnete, Händel schlichtete und Vergehen ahndete. Wurde eine Landwirtschaft veräußert, so hatten die Nachbarn das Vorkaufsrecht.War die Rodezeit überstanden und hatten sich die Bauern einigermaßen eingerichtet, so vermochten sie für ihre Familienfeste mehr aufzuwenden. Ebenso wie die Nöte gemeinsam bestanden, wurden die Freudentage gemeinsam genossen. Heiratete ein Paar, so wurden von ringsherum Milch, Butter und Eier in das Hochzeitshaus geschickt. Das geschah ganz selbstverständlich, auch wenn niemand zur Hochzeit geladen war. Dafür wurden ansehnliche Mengen Kuchen gebacken und zwar überwiegend Streuselkuchen, von dem dann wieder die ganze Nachbarschaft je nach der Größe des Hauses bedacht wurde. Indessen blieben die Feste im Vergleich zu alten Bauerngebieten bescheiden; es gab keine gewaltigen Hochzeiten mit Unmengen von Gästen und von der Dauer einiger Tage. Auf der Fahrt zur Kirche war es üblich, das Brautpaar mit einem blumengeschmückten Seil aufzuhalten, wovon es sich mit einer Gabe freizukaufen hatte. Unschicklich war es, im Hochzeitshaus die Fenster zu verhängen. Abends fanden sich von weit und breit Zaungäste ein, die der Feier zusehen und sie mitgenießen wollten. Sie wurden mit Kuchen, Getränken und Tabak bedacht, ja öfter zu eigenen Tanzstückchen in die Feststube gebeten. Später bürgerte sich der Brauch ein, daß die nächsten Angehörigen und Freunde des jungen Paares am folgenden Sonntag zu einer Nachfeier ins Haus kamen; das war die „Wiederbraut”.

Ähnlich sprangen die Nachbarn bei Taufen und Begräbnissen ein. Bei den letzten war es Ehrensache, die Träger zu stellen, die auch die Gruft herrichteten.

Bei der ausschlaggebenden Rolle des kirchlichen Lebens fanden in der Advents- und Passionszeit weder Hochzeiten noch Tanzlustbarkeiten statt. Dafür tobte sich das junge Volk in der Fastnacht aus. In der Kirche saßen die Geschlechter getrennt rechts und links des Mittelganges und die Junggesellen noch besonders auf dem Chor. So war es in Chlastawe gewesen, und so übernahmen es die anderen Kirchen. Gelegentlich schlossen sich die jungen Burschen zu einer mehr oder weniger festen Vereinigung zusammen und veranstalteten Zusammenkünfte und Vergnügen. In der gespannten Stimmung des Spätsommers 1939 fand sich die Jugend mancherorts noch einmal zu einem fröhlichen Abend zusammen. In der Morgendämmerung setzten sich die Jungens auf ihre Fahrräder und fuhren — oft recht ansehnliche Strecken — geradewegs über die deutsche Grenze. Dabei geschah es, daß nach dem Überschreiten die Ersten schon das Deutschlandlied anstimmten, während die Letzten noch lange nicht hinüber waren.

Ein Handwerk betrieb der eine oder andere der kleinen Bauern, der Eigentümer — denn die Kleinbauern wurden Eigentümer genannt, mitunter auch Kallipner, während die größeren Besitzer hießen, und „Wirte” nannten sich alle, während die Bezeichnung Bauer wenig üblich war. Neben dem Schmied war der wichtigste Handwerker der Zimmermann. Am Anfang war fast jeder mehr oder weniger Zimmermann gewesen, wie sich überhaupt jeder zu helfen wissen
und viele handwerkliche Tätigkeiten ausüben mußte. Und im Notfall fanden sich bis zuletzt stets genügend sachverständige Helfer. Doch gab es einen Stamm gelernter Zimmerleute, deren Können beachtlich war und für die noch eine Anzahl alter Häuser mit schönen und gut aufeinander abgestimmten Giebeln, Türen und Fenstern zeugte. Neben den ursprünglichen Holzbauten in der Form des Block- oder Schrotbaues setzten sich vor allem bei den Scheunen die Ständerbauten mit verbreiterten Wänden durch. Vor dem reinen Ziegelbau trat das Fachwerk auf, das sich freilich in den Holländereien nicht allzu häufig fand, obwohl so einige Kirchen erbaut wurden. Die Dächer wurden meist mit Rohr eingedeckt, bessere Gebäude wohl mit Schindeln. (In Neutomischel gab es noch einen Schindelmacher). Den Zimmerleuten nahe standen die Brettschneider, die auf den Höfen die Stämme zersägten. Das geschah auf der „Schneidkeute” mit der großen Brettsäge, die von einem Mann auf dem Stamm und einem zweiten darunter geführt wurde.

Eine Eigenheit des Gebietes war der Hopfenbau. Wahrscheinlich hatten ihn die Hussiten aus Böhmen gebracht. Der Hopfen ist eine Dauerkultur und verlangt fruchtbares und tiefgründiges Land. Der moorige und anmoorige Boden der tief gelegenen Ländereien sagte ihm zu. Doch mußte er gründlich durchgearbeitet werden. Häufig geschah es durch das „Spatpflügen”: In der Pflugfurche verteilten sich einige Personen und gruben darin noch einen Spatenstich aus, den sie auf dem bereits gepflügten Lande verteilten. So wurde Furche neben Furche durchgearbeitet und das Feld bis zu einer Tiefe von 40 cm gewissermaßen rigolt.

Doch erst im 19. Jhdt. erlangte der Hopfenbau seine volle Bedeutung. Da er viel Arbeit erforderte, strömten zur Hopfenpflücke tausende fremder Arbeitskräfte in die Gegend. Die Männer hatten die Ranken von den Stangen und Gerüsten herunterzuholen und auf den Hof zu schaffen, wo die Frauen und Kinder die Dolden abpflückten. Sie wurden auf Horden geschüttet und auf Böden und in Schuppen getrocknet und dann in über vier Meter lange Hopfensäcke gefüllt, die entsprechend hoch aufgehängt, werden mußten. Ein erfahrener Mann kletterte in den hängenden Sack und trat den Hopfen fest, der vorsichtig übersprüht werden mußte, damit die Dolden nicht zerkrümelten. Gut gefüllt und zugenäht wog solch ein Riesensack etwa einen Zentner. Zuletzt freilich übernahmen Heißluftdarren und mechanische Pressen die Arbeit. Mit dem Hopfenbau verbanden sich gewisse Bräuche. Wie in anderen Gegenden nach der Ernte oder der Weinlese gab es zum Abschluß der Hopfenpflücke ein kleines Fest, einen Hopfenball.

Als freilich in den Jahren 1885/90 die Preise für den Hopfen stark fielen, ging sein Anbau zurück. Indessen hinterließ er ein gründlich durchgearbeitetes Land, das gute Erträge brachte und häufig für Obst und Gemüse benutzt wurde. Daneben hatte der Hopfen Geld ins Land gebracht — wie ähnlich die Korbweiden um Tirschtiegel — und den Bauern zu einem bescheidenen Wohlstand verholten. Hatten früher die heimeligen Schrotbauten überwogen, so entstanden nun immer mehr Ziegelgebäude, die mitunter recht stattlich und geräumig waren.

Die ganze Gegend mit ihren Gärten, Hopfenanlagen, saftigen Wiesen und üppigen Feldern, mit ihren Gräben, Feldwegen und Stegen zwischen den oft versteckt liegenden Höfen bildete eine einzige Gartenlandschaft und war das schönste und geschlossenste Gebiet von Holländereien in Polen.

Ansicht nach Eintritt durch den hölzernen Torbogen

Rückansicht des Holzbaus