Alt Tomysl / Der schwere Kampf um die Scholle und engere Heimat – Nach dem 1sten Weltkrieg / erster Abschnitt

J. Franz von Poncet 1799-1891 / gemalt 1887 / Herkunft/Rechte: Niederlausitzer Heidemuseum, Kreismuseum des Landkreises Spree-Neiße im Spremberger Schloss, – Dietmar Fuhrmann – https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ – https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=58223

Die Besitzung Alt Tomysl, einst 45.000 Morgen groß, abzüglich der 32.000 Morgen, welche an die Gemeinden und weiteren 2.400 Morgen welche bei der Regulierung an Bauern abgetreten worden waren und letztlich abzüglich des von dem letzten Verkäufer zurückbehaltenen Vorwerks Roza, bestand noch aus 3.400 Morgen Ackerland und Wiesen und 5.300 Morgen Forstals Johann Franz Heinrich von Poncet-Satigny die Herrschaft im Jahr 1843 erwarb.

Johann Franz Heinrich von Poncet, 1799 in Hoyerswerda geboren, war verehelicht gewesen mit Sophie Auguste Bigon von Czydzachowska (wechselnde Schreibweisen des Geburtsnamens), welche 1837 in Insterburg geboren worden war.

Zur Welt kamen als Kinder des Paares 1838 Franz August Clemens, 1839 Hans Franz, 1840 Franz Heinrich, 1842 Franz Günther, ca 1844 Augusta Elisabeth, 1845 Franz August Max, 1847 Margarethe Bertha Amalie Hedwig und 1850 Richard Franz August.

Johann Franz Heinrich von Poncet und seine Brüder Carl Franz (1797-1890) und Julius Eduard (1802-1883) galten seit dem Jahr 1837 als Besitzer der  1766/1767 gegründeten Glashütte Friedrichshain im Süden der Niederlausitz.

Seine Erinnerungen an die Geschehnisse in Alt Tomysl und dessen Umgebung schrieb Herr Max von Poncet, geboren 1873 und ein Enkel des Johann Franz Heinrich von Poncet, als letzter Besitzer der Herrschaft, gegen das Vergessen für seine Kinder und Nachkommen nieder.

Der Text wurde ohne Änderungen übernommen.

Unser besonderer Dank geht an Herrn Nicolai von Poncet; er gestattet uns die Veröffentlichung.

Schloß Alt Tomysl Zeichnung Veröffentlichung 1861/1862 aus: Die Laendlichen Wohnsitze, Schloesser und Residenzen der Ritterschaftlichen Grundbesitzer in der Preussischen Monarchie – https://www.wbc.poznan.pl/dlibra/publication/5978/edition/10701

„Der unglücklich verlaufene Weltkrieg brachte meiner engeren Familie, insbesondere meiner Frau und mir, schwere Schicksalsschläge und Sorgen.

Mit Beendigung des Krieges, mit der begonnenen Revolution kehrte ich am 22. Dezember 1918 aus dem Kriege zurück. Das Weihnachtsfest verlief fröhlich im Kreise meiner Frau und Kinder, die ich doch nun seit August 1914, dem Kriegsanfang, nur auf kurzen Urlaubszeiten hatte sehen können und die sich doch nun auf das Wiedersehen gefreut hatten. Die Kinder waren sehr herangewachsen, und für den Ältesten musste bereits der Lebensberuf gewählt werden. Offiziersberuf und Beamtenlaufbahn waren durch die Umwälzung im Staatswesen verschlossen, so war es natürlich, den Beruf des Vaters, den des Landwirts, zu ergreifen.

Aber schwere Wolken zogen am politischen Himmel auf. Durch die Machtlosigkeit Deutschlands, hervorgerufen durch Meutereien der heimkehrenden Truppen und durch schnöden Verrat am eigenen Volk, durch gewissenlose Lumpen aufgestachelt, erhob sich das polnische Volk, um sich als Volk wieder nach der langen Zeit der Unterwerfung freizumachen. Wer kann es ihm verdenken, dass es die Gelegenheit, auf die es lange gelauert hatte, nun ergriff?

Aber die Art und Weise, wie es geschah und wie das folgende Jahrzehnt nur Hass und wieder Hass gegen das Deutsche sah, das ist nicht zu verstehen. Wer hatte den Polen die Kultur gebracht im letzten Jahrhundert? Wo war der europäische Teil des neuentstandenen Polens? Doch nun der Westen, d. h. Posen, Westpreußen und Schlesien. Aber hier setzte ein sonst nie erlebter Hass gegen alles Deutsche ein, während den Österreichern nichts geschah.

Am 27. Dezember 1918, einen Tag nach Weihnachten, setzte der Aufstand in Posen ein. Ernsthafter Widerstand wurde nicht geleistet, das deutsche Generalkommando wurde gefangen gesetzt, und auf die öffentlichen Gebäude, wie Schloß und Bahnhof, begann der Sturm. Eine Weisung kam an die abrüstenden Truppen, keinen Widerstand zu leisten. Trotz wiederholter Bitten und Aufklärungen an die neue deutsche Regierung, keine weiteren Truppen und Waffen zur Abrüstung nach der Provinz Posen zu senden, da die Polen dadurch nur bewaffnet würden, geschah nichts.

An diesen durch die Abwehr der deutschen Bevölkerung sich abspielenden Kämpfen nahmen aber auch leider einzelne Deutsche teil. Ich hatte hier in Alttomischel allein zwei Brennereiverwalter hintereinander nach dem Kriege, von denen ich erfuhr, dass der erste, mit rein deutschem Namen Hildebrand, sich am Sturm auf die öffentlichen Posener Gebäude beteiligt hatte, der zweite Folgende, Scheffler mit Namen, desgleichen; er war auch revolutionärer deutscher Soldatenrat gewesen.

Der hiesige Landrat Rißmann, ein energischer Mann, sandte nach Opalenitza einen Bezirksoffizier – Leutnant Anderson aus Neutomischel -, von dem er sagte, er könne sich auf ihn verlassen, mit einem Maschinengewehr den einzelnen anrückenden polnischen Abteilungen entgegen. Im Zivilberuf war dieser Herr Volksschullehrer, ein junger circa 28 jähriger Mann, der mit seiner Frau in Neutomischel lebte und beim Bezirkskommando seinen Dienst als Leutnant tat. Er war mit seiner Frau oft zu Tisch bei dem hiesigen Oberförster. Wie es sich dann später herausstellte, war diese Dame nicht seine Frau. Der Name dieses Herrn muss der Nachwelt erhalten bleiben, er hieß, wie schon erwähnt Anderson.

Dieser preußische Leutnant übte nun Verrat. In Opalenitza ließ er sich, ohne einen Schuss abzugeben, von polnischen halbwüchsigen Bengels entwaffnen und kam zurück nach Neutomischel, wo er uns von Gefechten und heroischen Taten erzählte.

Am selben Tage, Ende Dezember 1918, hatte nun das Leibgrenadier-Regiment von Frankfurt a. d. Oder aus, eine Kompagnie zum Schutz nach Bentschen geschickt. Von dieser Kompagnie waren ein Offizier und acht Unteroffiziere nach Neutomischel abgesandt, um die deutschen Bauern zur Abwehr aufzurufen und zu bewaffnen. Hier setzt ein trauriges Kapitel ein. Der Adjutant des Bezirkskommandeurs, Leutnant Werner, von Beruf Lehrer, der mit der Tochter des Neutomischeler Bürgermeisters verlobt war, entdeckte sein rotes Herz und hielt in preußischer Leutnantsuniform auf dem Marktplatz aufrührerische Reden an die Bevölkerung.

Die Nacht brach an. Nach einem telephonischen Gespräch des verräterischen Leutnants Anderson mit einem polnischen Besitzer auf dem Lande, rückten auf Wagen langsam und vorsichtig, mit Sensen und Knüppeln bewaffnete Landarbeiter polnischer Nationalität heran. Sie überwältigen die acht Unteroffiziere des Leibregiments und den jungen Leutnant im Schlaf, verhafteten den Bezirkskommandeur und den Pferdevormusterungskommissar Major v. Bothmer. Dann belagerten sie den Landrat, der jeden zu erschießen drohte, der sich ihm näherte.

Während am Morgen darauf der Leutnant mit seinen acht Unteroffizieren in das Kellergefängnis des Magistrats eingeliefert wurde, wurde dem deutschen Landrat und den beiden höheren Offizieren freies Verlassen der Stadt unter Begleitung gewährt. Das elendeste Schauspiel, das sich uns, die wir vom Lande in die Stadt geeilt waren, bot, war aber, dass auf freiem Marktplatz sich der polnische Magnat mit dem verräterischen Leutnant auf polnische Art küsste. Ein Judaskuss.

In dem Kellergefängnis des Gerichtsgebäudes saß seit einigen Tagen ein deutscher Nachbar, Herr v. Haza-Radlitz aus Lewitz, ein aufrechter, frommer Mann, der den Krieg als Samariter mitgemacht hatte. Er hatte auf seinem Besitz Lewitz, als die Kämpfe um das Dorf tobten und dieses heute deutsch, morgen polnisch war, einen deutschen Fliegeroffizier in seinem Hause verbunden. Auf dessen Bitten hatte er das Maschinengewehr des Flugzeugs der Witterung wegen in sein Haus genommen. Darob wurde er von den Polen verhaftet. Er war deutsch-katholisch. In Friedenszeiten war er als Gegenkandidat gegen polnisch-katholische Geistliche aufgetreten und hatte sich dadurch wohl nicht beliebt gemacht. Da von Haza-Radlitz seit etwa einer Woche bereits im Gefängnis saß und mit ihm ein Ansiedlersohn aus dem Kreise, so trat ich und mein Nachbar, Herr von Beyme, Eichenhorst, wiederholt an den polnischerseits eingesetzten Starosten heran, doch Herrn v. Haza-Radlitz die Rückkehr auf seinen Besitz zu gestatten und ihn dort erst zu verhören, denn er fühlte sich vollkommen und in jeder Weise unschuldig. Wir Besitzer boten zusammen eine Kaution von 25.000 Goldmark für seine Freilassung an; es wurde nicht gestattet. Meine Frau durfte die Gefangenen besuchen, mir wurde dies nicht gestattet. So war es ihr möglich, den Gefangenen Lebensmittel und Zigarren zu bringen und ihre Wünsche anzuhören. Es glückte ihr auch, den Leutnant vom Leibregiment, der nierenkrank auf der Pritsche lag und von seinem Burschen gepflegt wurde, durch Vermittlung des Arztes in das hiesige Krankenhaus zu bringen, was für ihn die Rettung vom Tode bedeutet hat.

Ein paar Tage später landete infolge Motorschadens in Witomischel auf meinem Acker ein deutsches Kampfflugzeug mit Begleitmannschaften: ein junger Fliegerleutnant, ein Feldwebel und zwei Mann. Polnisches Militär gab es zu der Zeit hier noch gar nicht. Die Möglichkeit, die offene Seite nach Tirschtiegel zum Entweichen zu benutzen, lag durchaus vor. Da die herbeieilende Bevölkerung den Apparat umringt und eine feindselige Haltung einnahm, beschloss der Offizier, das Flugzeug zu zerstören. Er hielt die Menge mit dem Revolver in Schach, während der Feldwebel den Benzintank auslaufen ließ. Hierauf schoss der Leutnant mit einer Leuchtpistole in das Benzin und das Flugzeug verbrannte restlos.

Darauf machten sich die Flieger auf und erreichten den nahen Wald. Leider folgten sie der Einladung des nahewohnenden deutschen Hegemeisters zu Kaffee und Kuchen. Die polnische Bevölkerung, hiervon benachrichtigt, sammelte sich verstärkt wieder, umzingelte das Forsthaus und nahm, unterstützt von polnischen Gendarmen, sämtliche Flieger gefangen. Diese wurde nach Neutomischel geschafft und dort einem Verhör unterworfen. Da der Leutnant beharrlich die Aussage verweigerte, wurde er mit Schimpfworten traktiert und angespuckt. Hierauf wurden sie nun alle in das Neutomischeler Kellergefängnis abgeführt. Es war am 1. Januar 1919.

Am 2. Januar gelang es dem kleinen, schmalen Fliegeroffizier mit Hilfe einer Feile, welche ihm in einer langen Semmel versteckt, durch das Gitter gereicht werden konnte, das Gitter anzufeilen und in der folgenden Nacht sich durchzuzwängen. Schnee lag weit und breit, und bei der weiten Geländesicht gelang es dem Offizier durch den Wald nach Tirschtiegel zu entkommen. Hier mobilisierte er die Bevölkerung, und unter seiner Führung wurden Abwehrmaßnahmen getroffen und Drahtverhaue angelegt. Ihm ist es mitzuverdanken, dass Tirschtiegel heut noch deutsch geblieben ist. Dem Feldwebel der Flieger glückte es am darauffolgenden Tage, ob durch Bestechung oder sonstige Veranlassung, auch zu entfliehen.

Alle übrigen Gefangenen, die Unteroffiziere des Leib-Regiments, die Fliegermannschaften, Herr von Haza-Radlitz wurden daraufhin nach Posen auf ein Fort gebracht. Was sich hier nun abgespielt hat, das wird wohl niemals herauskommen. Sämtliche Gefangenen sollten in einen tiefen dunklen Kellerraum geschafft werden, wogegen sie Protest erhoben. Polnische Aussagen lauten, die unbewaffneten Gefangenen hätten sich im Keller zur Wehr gesetzt und die bewaffneten Soldaten angegriffen. Fest steht nur, dass sämtliche Gefangenen mit tödlichen Schüssen oder mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden wurden, Herr v. Haza-Radlitz mit Kopfschuss. Wer Letzteren kannte, wird ihn nie für fähig gehalten haben, eine gewaltsame Gegenwehr zu leisten. Auf deutsches Ansinnen wurde einige Tage später ein jüdischer Arzt zur Besichtigung zugelassen. Als Zeugen wurden die polnischen Soldaten vernommen, dieselben, die die Täter dieses Dramas waren.

Die Welt geht leider zu schnell über diese Schicksale hinweg, jeder hatte in den folgenden schweren Zeiten genug mit sich und seinem Schicksal zu tun; und so wird auch dieser Menschen Episode vergessen werden. Auch hier sind deutsche Männer, die sich in schwerer, schicksalsreicher Zeit wieder dem Vaterlande zur Verfügung stellten – als Teile des deutschen Landes dem Volke entrissen werden sollten – umsonst gefallen.

Hilfe von Berlin war bei der neuen revolutionären sozialdemokratischen Regierung nicht mehr zu erwarten. Truppensendungen nach Posen, zum Niederwerfen des Aufstandes, wurden abgeschlagen. Ein Infanterieregiment hätte damals genügt, um die Ordnung wieder herzustellen. Ebert, Scheidemann und Noske verboten es.

Da sich deutscherseits kein Widerstand im Lande geltend machte und Gewehre, Geschütze, Fahrzeuge und Pferde, durch die Abrüstung der deutschen Truppen, den Polen in die Hände fielen, so war es ihnen auch ein leichtes, das Volk weiter zu bewaffnen, Truppen aufzustellen und nun allmählich gegen die deutsche Bevölkerung und die deutschen Truppen vorzurücken. Hier, zwischen Bentschen und Neutomischel spielten sich dann Grenzkämpfe ab, namentlich um Strese bei Bentschen. Von der deutschen Regierung wurde uns mitgeteilt, dass es keinen Zweck hätte, sich weiter zu wehren, da die neuen Grenzen sowieso von der Entente festgesetzt werden würden.

Durch diese mangelnde Unterstützung, man kann wohl sagen im höchsten Grade unpatriotische Preisgabe der eigenen Landsleute, konnte es nur geschehen, dass die von deutschen Bewohnern gehaltenen Dörfer und Stadt zum Schluss doch auf Geheiß der feindlichen Entente geräumt werden mussten. Die Verwünschungen und Anklagen gegen die deutsche Regierung, die dieses Entscheiden doch indirekt und direkt hervorgerufen hatte, waren ehrlich und verbitterten Viele.

Über die weiteren Kämpfe will ich hinweggehen und sie den Geschichtsschreibern überlassen. Nur das will ich erwähnen, was mich mit meiner Familie und Umgebung betrifft.

Jetzt begann für uns, vom Vaterland abgeschlossene Deutsche, das eigentliche Martyrium. Der Kriegszustand wurde verhängt, sämtliche Jagd- und anderen Waffen, Revolver und Säbel wurden abgeliefert; wiedergesehen habe ich sie fast alle nicht. Die damit Beauftragten hatten durch Verkauf ihre Privateinnahmen. In jedem Dorfe wurde ein polnischer Einwohner oder Arbeiter als Ortskommandant bestimmt.

Neutomischel wechselte öfter diese Herren. Die Gesetzlosigkeit setzte hier schon ein.

Wagen und Pferde wurden requiriert. Der Kommandant von Neutomischel sandte eine Patrouille nach Alttomischel heraus. Er requirierte für sich ein Pferd zum Reiten. Selbstverständlich suchten sie sich eine wunderschöne Fuchsstute aus, mit der sie verschwanden. Wiedergesehen habe ich auch dieses Pferd niemals.

Meine beiden Söhne Günther und Siegfried sandte ich nun, da die Grenze nach Tirschtiegel durch den Wald noch ziemlich offen lag, begleitet von meinem Beamten Kreisel, per Wagen nach Bauchwitz über Tirschtiegel, um diese Kinder wenigstens vor den sich nun abspielenden, unübersehbaren Zuständen, in Sicherheit zu wissen und sie einen Beruf und der Schule zuzuführen.

Günther lernte in Bauchwitz, dank des gütigen Entgegenkommens der Familie v. Gersdorff, Landwirtschaft. Siegfried konnte auf der Ritterakademie, Brandenburg unterkommen. Bald wurde aber die sich nun herausbildende Grenzzone zwischen Polen und Deutschland ganz besetzt, der Verkehr nach Deutschland ganz unterbunden, und zwar, wenn ich heute daran zurückdenke, für recht lange Zeit. Briefe kamen nicht an oder wurden unterschlagen und gelesen, und alles wurde argwöhnisch überwacht, selbst Telefongespräche oder Unterhaltungen. Mit meinen beiden Söhnen verlor ich ganz die Verbindung. Kein Geld, keine Kleidungsstücke konnte ich ihnen lange Zeit zukommen lassen; sie gingen schon recht abgerissen einher und hatten auch keine Nachricht von zuhause.

Wie abgesperrt wir hier in der Grenzzone waren, mag allein darauf erhellt werden, dass ich den in Frankfurt a. Oder erfolgten Tod meiner lieben Schwester Editha fast 5 Monate später erst erfuhr.

Schloß Alt Tomysl – AK Ausschnitt Sammlung A. Kraft

Polnisches Militär rückte nun in Alttomischel eines Abends ein, darunter ein ehemals russischer Wachtmeister, Bolschewist, als Führer und verlangte Quartier usw. Am nächsten Tage wollte er den besten Wagen haben; wie er sagte: „Den die gnädige Frau sonst fährt“, er wolle vierspännig nach Posen fahren. Sämtliche Sättel, Wollachs, Schlafdecken usw. requirierte er, und als ihm der Kutscher nicht gleich zu Willen war, hatte er den Karabiner in geladenem Zustande gleich bei der Hand und erzwang sich alles. Auch in der Nachbarschaft hatte er so gehaust. Später hat das Schicksal auch diesen Herren erwischt, da er zu viel Unterschlagungen machte und in seine Tasche wirtschaftete.

Gespanne zur Beförderung von Militär und Sachen hatte ich alle Augenblicke zu geben. Kamen dann die Soldaten am Wald oder Feld vorbeigefahren, wo Rehe standen, setzte stets ein Schnellfeuer ein. Eine disziplinlose Gesellschaft; wieviel verwundetes Rehwild wurde dann stets gefunden, verludert und elend eingegangen. Sogar mit Maschinengewehren haben diese Helden vom Wagen herunter auf die unglücklichen Geschöpfe geschossen.

Nun begann auch die Pferdeaushebung für die aufzustellenden polnischen Kavallerie- und Artillerie-Regimenter. Was der deutsche Krieg mit seinen vielen Aushebungen uns an Pferden gelassen hatte, es wurde mir, der ich doch noch über gutes herangewachsenes, jüngeres Material verfügte, fortgenommen. Hier in der Grenzzone musste ich allein in 7 Aushebungen 22 Pferde abgeben, darunter auch einen Teil meiner Mutterstuten. Seitdem war meine, einst bekannte, gute Zucht ruiniert.

Täglich brachten die polnischen Gendarmen in meinen Stall Pferde bäuerlicher Besitzer, die ihre Pferde der Vorführung zum Zwecke der Aushebung, entzogen hatten. Ich wurde gezwungen, die Pferde zu füttern, bis weiter Verfügung über diese getroffen worden war. Entschädigung hierfür ist mir niemals zuteil geworden. Als ich auf vorherige Anmeldung die mir gebliebenen Requisitionsscheine der polnischen Intendantur nach Posen einsenden musste, erhielt ich auf wiederholte Anfrage die Mitteilung, dass eine Entschädigung nicht gezahlt werden könne, da diese Papiere verschwunden seien. Ein Zahlmeister hätte größere Unterschlagungen begangen und sei mit allen Papieren flüchtig.

Ähnlich erging es mir, als ich die Scheine für die abgelieferten Waffen und Jagdgewehre der Behörde vorzeigte. Auf ihre Bitte, ihnen den Schein zur neuen ordnungsgemäßen Ausstellung zu überlassen, hatte ich das Vertrauen zum Offizier und zur Behörde. Ich habe aber keinen neuen Schein jemals bekommen, auch der alte war fort. Seitdem habe ich auch keinerlei Behörde mehr irgendein Dokument oder Schriftstück im Original überlassen, sondern nur die Abschrift.

Übergehen möchte ich aber nicht das Einsperren deutscher Frauen und Männer in das Gefangenenlager Szczypiorno, ein Barackenlager, welches im Kriege die Deutschen für russische Kriegsgefangene gebaut hatten. Eines schönen Tages setzt die Jagd gegen die Deutschen auch im Kreise Neutomischel ein. Überall erschienen Soldaten oder Polizisten, die die einzelnen in Listen namentlich Aufgeführten in Sammelstellen nach Neutomischel brachten. Posten waren vor den Höfen und Gebäuden aufgestellt, um die Deutschen, meistens Männer zu bewachen. Da ich in Alttomischel einen Gendarmerieposten auf dem Hofe und in Einquartierung hatte, wurde ich von einer Gefangennahme verschont, aber dafür wurden mir mein Wirtschaftsinspektor und mein Brenner in das Gefangenenlager abgeführt.

Zur Belohnung für seinen verübten Verrat wurde der deutsche Leutnant und Volksschullehrer Anderson polnischer Distriktskommissar. Diesen Posten vertauschte er später mit dem Führer einer polnischen Infanteriekompagnie, die in Lomnitz die neue Grenzverteidigung gegen die Deutschen hatte.

Mein Nachbar, Forstmeister Packenius, vom Staatsforst Bolewitz, kam im Januar 1919 aus Bialowies, wo er während der letzten Kriegszeit gewesen war, in seine Heimat nach Bolewitz zurück. Sein einziger Sohn war im Kriege gefallen. Kaum war er in sein Haus zu Frau und Tochter zurückgekehrt, wurde er bereits von polnischen Soldaten auf Befehl verhaftet. Sein Koffer wurde durchwühlt und der Revolver des gefallenen Sohnes darin gefunden, und dieser dann als Grund der Verhaftung angegeben, da alle Waffen bei Todesstrafe abgegeben werden sollten. Wie sollte Packenius eine Ahnung von derartigen Bestimmungen haben, da er gerade direkt mit der Bahn nach Hause zurückgekehrt war? Eine halbe Stunde hat er im Ganzen zu Hause verweilt. Er wurde nach Grätz in das dortige Hotel als Gefangener abgeführt, wo schon etliche andere Deutsche waren. Seine Frau und Tochter hat er nie wiedergesehen. Der Ärger und der Zorn um das ihm Zugefügte ließen ihn dort bald einen schnellen Tod finden. Er war stets zuckerkrank gewesen, sein Zustand verschlimmerte sich in der Gefangenschaft. Er hat die Gefangenschaft nicht ausgehalten.

Mein Nachbar in Eichenhorst, von Beyme, der sich auch krank fühlte und meinte, wir hier in Polen würden noch schrecklichen Zeiten entgegengehen, verkaufte seinen schönen Besitz an einen Polen. Die Heimat ging der Frau und den Kindern verloren. Schmerzlich gedenken sie noch ihres Besitzes und würden es gern ungeschehen machen. Herr von Beyme starb ein Jahr darauf.

Nicht viel anders erging es meinem nächsten Nachbar in Rose, Herrn Schwartzkopff. Ein aufrechter deutscher Mann, ein Hüne von Gestalt und Stimme, betonte er stets die deutsche trutzige Art und forderte die Bauern auf, treu zum deutschen Vaterlande zu halten. Den Polen verweigerte er jede Unterstützung. War es ein Wunder, dass sie danach trachteten, ihn loszuwerden, ihm Schwierigkeiten zu machen, oder ihn einzusperren. Eines Tages erschienen ein Offizier und 10 Mann, besetzten das Haus und nahmen eine Haussuchung vor mit der Begründung, Schwartzkopff wäre angezeigt worden, dass er verbotene Waffen im Hause versteckt hätte. Trotz seiner Beteuerung, er hätte alles abgeliefert, wurde die Untersuchung vorgenommen; nichts fand sich. Der Offizier wollte aufbrechen und abmarschieren, als er von einem Unteroffizier noch darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie auf dem Boden noch nicht nachgesehen hätten. Widerwillig erteilte der Offizier nochmals die Erlaubnis, nachzusehen. Und siehe da: die Soldaten kamen vom Boden mit einem alten verrosteten Jagdgewehr ohne Hähne wieder und gaben an, es dort versteckt gefunden zu haben. Ein Protokoll wurde aufgenommen. Herr Schwartzkopff hatte keine Ahnung von dem Vorhandensein eines derartigen alten Jagdgewehrs. Wahrscheinlich hatte es der Unteroffizier selbst hingelegt. Dieses genügten den Polen aber vollkommen, um ihn verhaften zu lassen. Da sie aber vor dem Jähzorn und der Kraft des Mannes wohl Angst hatten, nahmen sie die Verhaftung am nächsten Tage nachmittags im Park vor, als er mit seiner Frau seinen gewohnten Nachmittagssparziergang machte. Sie gestatteten ihm, im eigenen Wagen zum Gefängnis zu fahren. Ich sehe ihn noch vor mir, als er durch Alttomischel gefahren kam, auf dem Bock ein polnischer Gendarm, zu beiden Seiten des Wagens zwei Berittene und er selber Wut geschwollen und aufrecht sitzend. In der Stadt angekommen wollten sie ihn in das Kellergefängnis stecken, wo die unglücklichen totgeschlagenen deutschen Gefangenen gesessen hatten. Kein Bett war darin, nichts. Hier brach aber der Zorn los, laut brüllte er nach dem Kommandanten. Als dieser nicht erschien – sie waren alle ins Mauseloch gekrochen -, gaben sie ihm doch eine obere Gefängniszelle, und auch ein Bett wurde hineingestellt. Auch hier wurde mir der Besuchszutritt verweigert, meiner Frau aber gestattet, so dass Schwartzkopff mit Büchern und Zigarren versorgt werden konnte. Da die Gefahr vorlag, dass er auch nach Posen in ein Fort überführt werden sollte, griff der Starost ein, und nach acht Tagen Zellenhaft wurde Herr Schwartzkopff nach Hause entlassen. Die Haft und die Behandlung hatten aber auf ihn so eingewirkt, dass er mit dem Plan umging, seinen Besitz zu verkaufen. Dieses verwirklichte er ganz  plötzlich. Er verkaufte den Besitz an einen polnischen Herrn und zog nach Deutschland. Die Zeitungen frohlockten, eine Bresche sei nun in den Kreis Neutomischel, einem der deutschesten Kreise geschlagen. Es war hart für uns Zurückbleibende, denn die Geschlossenheit der Deutschen hatte durch seinen Fortzug und Verkauf eine fühlbare Lücke erhalten.

Ein volles Jahr hatte ich nun in Haus und Hof polnisches Militär als Einquartierung, erst Kavallerie, dann Infanterie, zum Schluss Artillerie. Wir sind mit allen gut ausgekommen, aber es blieb doch eine besondere Last, die uns Unglücklichen in der Grenzzone ein gutes volles Jahr auferlegt worden ist.

Ein tolles Gesindel an Soldaten, sowohl auf polnischer als auch auf deutscher Seite lagen sich in Bobrowke und Mischke an der Grenze meines Waldes gegenüber. Verbrechergesellschaften waren beide Parteien, Gesindel in Uniform, die arbeitsscheu und auf Plünderung ausgingen. Rehwild war dort auf Wiese und im Walde zur Seltenheit geworden, fast restlos war es diesen Raubschützen zum Opfer gefallen. Auf alles wurde geknallt. Als ich und mein Oberförster die mir gehörigen Wiesen in Mischke betreten mussten, sandte mir der polnische Feldwebel eine Patrouille nach, die uns mit einigen Schüssen beehrte.

Es war auch die Zeit des Jahres 1919, als die Grenzkämpfe um Bentschen sich abspielten. Allmählich kam auch größere Ordnung in die beiderseitigen Truppen. Das nächste Hauptquartier auf polnischer Seite war Posadowo, auf deutscher Seite Meseritz. Als ich einmal in Posadowo vorsprach, um mich über die Übergriffe der polnischen Truppen in Bobrowke zu beschweren, die dort Wald abholzten und sonstigen Unfug verübten, wurde dieser Truppenteil sofort abgelöst und durch einen neuen ersetzt. Die neuen Truppen waren aber noch schlimmer als die abgelösten, denn nun ging erst das Wildern und Waldplündern richtig los. Die ersten waren satt geworden, die neuen wollten es erst werden. Ich habe nun nicht wieder um Ablösung gebeten. Die Grenzkämpfe nahmen allmählich geordnete Verhältnisse an. Schlechtes Material wurde nach Hause geschickt, die Disziplin herrschte wieder auf beiden Seiten. Tag für Tag hörte man das Maschinengewehrfeuer, die Artillerie setzte ein. Auch Handgranatenkämpfe und Minenwerfer traten in Erscheinung. Jeden Abend war auf deutscher Seite von hier aus, ein Beobachtungsballon zu sehen. Flieger erschienen, und auch die Leuchtraketen fehlten nicht.

In Meseritz war der General Hoffmann als Führer der Deutschen. In Bauchwitz, wo mein ältester Sohn war, lag der Stab des Verteidigungsabschnittes. Meine polnische Einquartierung und die in Neutomischel liegenden Truppen waren ängstlich geworden, es war durchgesickert, dass ein allgemeiner deutscher Angriff bevorstünde. An Nachtschlaf wurde wenig gedacht. Aber bei mir wurde von diesen und jenen Erkundigungen eingezogen, welches der beste Rückzugsweg wäre. Viel Widerstand wäre hier nicht geleistet worden. Eines Tages brach frühmorgens ein Artillerie-Trommelfeuer los, wie es der große Krieg uns oft gezeigt hatte. Die Deutschen schickten sich an, vorzubrechen. Die Provinz Posen wäre damals befreit worden. Stattdessen kam vom Präsidenten Ebert telegraphischer Befehl, sofort den Kampf abzubrechen. Die sozialdemokratische Partei würde unter keinen Umständen einen Vorstoß dulden und jeden Nachschub an Verpflegung und Munition hindern. So unterblieb im letzten Augenblick der Angriff, und Posen und wir wurden endgültig polnisch.

Beruhigung auf polnischer Seite, Resignation auf deutscher Seite. Eines schönen Tage trat der Adjutant des polnischen Truppenteils mit der Bitte an mich heran, dass es ihnen gestattet sei, in dem Schloße ein Dinner mit Gästen geben zu dürfen. Sie baten um Geschirr, Besteck usw. und um Zurverfügungstellung der Wirtin. Ich wurde feierlichst dazu eingeladen. Meine Frau war gottlob vereist. Ich war mit dem Kinderfräulein allein zu Hause. Auf den Wiesen am Hause sollten Rennen stattfinden. Die Heuernte hatte gerade begonnen, es war eine rechte Störung. Aber was war zu machen? Alles war abgesperrt. Eintrittsgeld wurde erhoben; auch ich musste mein Scherflein beitragen. Pferderennen von Offizieren und Unteroffizieren wechselten mit Wettlaufen der Mannschaften ab. Die Musik spielte. Wurstbuden, Postkarten und Andenken-Verkaufsbuden fanden Ihre Käufer. Stangenklettern und Kochgeschirren mit Inhalt war für die Mannschaften ausgedacht.

Hinterher war das Dinner im Hause.

Als ich vom Rennen ins Haus zurückkam, kamen mir aus den Gastzimmern, in denen die Leutnants einquartiert waren, bereits zwei junge Damen mit Begleitung entgegen. Diese Damen wurden mir vorgestellt und nahmen auch am Essen teil.

An der Hinteren Tür meines Hauses klopfte es, und als ich öffnete, erschien ein eingeladener Herr mit Frau, Tante und Bruder und einem vierjährigen Jungen. Das Ehepaar war aber erst ein Jahr verheiratet. Bei dem frisch gebohnerten Parkett hatte ich Angst, dass die Frau, die wohl jeden Tag ein zweites Kind erwartete – was auch nach acht Tagen eintrat -, sich in meinem Hause Schaden antun könnte. Ich ließ sie also in Obhut meines Kinderfräuleins.

Das Essen dauerte lange, verlief anregend durch reichen Zuspruch von Wein. Reden wurden gehalten. Die Musiker bearbeiteten inzwischen unseren Konzertflügel und ihre Geigen. Es war gut, dass meine Frau nicht zu Hause war. Des Öfteren sah ich, dass die Tischdamen von ihren Herren in die Backen gekniffen wurden, auch sonst herrschte ungezwungene Fröhlichkeit.

Nach dem Essen trat der Tanz in seine Rechte. Mein polnischer Diener zählte die silbernen Bestecke mit dem Bemerken, man könnte doch nie wissen, ob …. Ich selbst saß, Schnäpse trinkend, in meinem Herrenzimmer mit dem Kommandeur und Stabsveterinär Jakubowitz. So war alles verteilt. Meinem Fräulein hatte ich nochmals den Schutz der Dame eingeschärft. Die ganze Verwandtschaft blieb mit dem 4-jährigen Jungen bis ½ 2 Uhr nachts. Die jungen Mädchen waren noch um 6 Uhr da, erst als ich erklärte, kein Nachtquartier für die Damen zu haben, verschwanden auch diese.

So endete auch bald die Einquartierung im Hause, aber nicht ohne, dass ein Herr sich nicht entblödete, wenn auch in betrunkenem Zustande, ein Frauenzimmer über Nacht einige Tage später, als meine Frau bereits nach Hause zurückgekehrt war, bei sich zu behalten. Ein Krach mit meiner Frau, Aussprache und Abbitte beendeten auch die Episode.

Die Angst vor den Deutschen, sie könnten sich wehren, einen Aufstand machen, nahm immer groteskere Formen an. Eines Abends als es dunkel war, erschien der Starost des Kreises persönlich mit dem polnischen Distriktskommissar bei mir. Beide umgeschnallt und mit Revolvern bewaffnet, forderten mich auf, das Maschinengewehr, welches ich auf dem Boden des Hauses haben sollte, herauszugeben. Ob sie sich noch Unterstützung draußen bereitgestellt hatten weiß ich nicht. Ich sagte ihnen, dass ich kein Maschinengewehr besäße, sie könnten ja nachsehen, ich würde mitkommen. Im Übrigen könnte ich ihnen sagen: wenn ich wirklich ein Maschinengewehr oder Waffen zur Abwehr im Hause hätte, mit der Absicht, mich zu wehren, dann stünden sie jetzt nicht beide im Hause. Darauf sagten sie, ich hätte geheime Kammern im Hause, die verschließbar wären und für andere nicht zugängig seien. Ja, sagte ich, das kann nur mein Geldschrank sein, von dem jeder im Hause wüsste, wo er wäre, sie mögen doch hineinschauen, ob Waffen darin wären. Mein deutscher Beamter war mittlerweile auf ihren Wunsch herangeholt worden, und wir beide mussten an Eidesstatt erklären, keinerlei Waffen im Hause zu haben, worauf unter Händedruck die Herren mein Haus wieder verließen und wohl von ihrem Alpdruck befreit waren. Anzunehmen ist es wohl, dass anonyme Anzeigen, in denen ja die polnische Bevölkerung groß ist, die Ursache gewesen ist, denn polnische Maurer und polnische Arbeiter hatten beim Bau des Hauses z. Zt. geholfen.

Nicht lange darauf erschien ein polnischer Wachtmeister, um einer Anzeige nachzukommen, die andeutete: Abend für Abend wäre beobachtet worden, dass im Erbbegräbnis der Familie geheime Zusammenkünfte stattfänden. – Die Nachforschungen ergaben aber, dass die Frau des deutschen Vogtes einige Tage mit der hellbrennenden Laterne bewaffnet, in der Dunkelheit ihre jungen Enten in den Wiesengräben gesucht hatte. – Es war also wieder nichts.

Bald erfolgte wieder Anzeige, die behauptete, ich hätte Waffen in der Gruft und in den Särgen verborgen. Dem mit den Nachforschungen beauftragten Polizisten, dem dieser Auftrag sichtlich peinlich, und der von der Sinnlosigkeit dieses Auftrages überzeugt war, bat ich, mir doch endlich die Namen dieser anzeigenden Lumpen bekannt zu geben. Er erklärte mir, es wäre ein Besitzer in dieser Gegend, den Namen dürfe er nicht nennen. Wir gingen also in die Gruft und ich bat ihn, die Toten ruhen zu lassen, worauf er nur unter die Särge sah und sich dann entfernte. Ein andermal erschien ein Abgesandter vom Starostwo mit der Anschuldigung, ich hätte umfangreiche Geldschiebungen nach Deutschland, mit dem damaligen polnischen Kassen-Rendanten vorgenommen. Als ich ihm erklärte, dass ich kein Geld herübergeschafft hätte und auch den Herrn gar nicht kenne, meinte er, der Herr wäre aber schon lange beobachtet worden, wie er des Abend nach Alttomischel herausführe. Auch dieses klärte sich denn auf, da der Herr hier in der Gegend eine Liebschaft hatte, die er per Fahrrad besuchte.

Eines Tages kam mein Oberförster entsetzt angelaufen und meldete, dass er die Tür des Erbbegräbnisses offen gefunden habe, die doch sonst verschlossen sei. Bei näherer Untersuchung stellte sich denn heraus, dass Einbrecher die Tür aufgebrochen hatten und einige Särge der weiblichen Familienmitglieder geöffnet hatten, um nach Schmuck zu suchen.

An Aufregungen war die Zeit reich, denn der Kampf gegen uns deutsche Besitzer nahm immer schärfere und schikanösere Formen an. Da der polnische Staat uns Deutschen in den ersten Jahren keine Staatshengste zur Verfügung stellt, hatte ich drei eigene Hengste auf meiner Hengststation aufgestellt, erstens für meinen eigenen wirtschaftlichen Zweck und zweitens für die Bauern. Ich war auf einige Tage verreist, und bei meiner Rückkehr erzählte mir mein mit der Pflege der Hengste betrauter deutscher Vogt, ich wäre angezeigt, denn die Hengste seien krank und mir würde vorgeworfen, dass ich auf Grund des Seuchengesetzes keine Anzeige erstattet hätte. Bald darauf erschien auch der Kommissar in eigener Person, nahm ein Protokoll auf. Dann erschien der Tierarzt, ein Säufer und unsympathischer Mensch. Doch dem machte ich es klar, dass ich mindestens ebenso viel verstände wie er, und seine Behauptungen nicht richtig wären. Einige Tage darauf erschien eine hohe tierärztliche Kommission von der Wojewodschaft aus, die mir in meiner Auffassung recht geben musste. Ich betrachtete die Angelegenheit als erledigt, doch eines schönen Tages, nach fünfeinviertel Jahren, erhielten ich und mein Vogt eine Vorladung vor das hiesige Gericht in der Pferdeseuchenangelegenheit. Mein Vogt und ich kamen auf die Anklagebank, die Tür wurde geschlossen, der Gerichtsdiener nahm davor Aufstellung und dem Tierarzt wurde, als polnischer Zeuge, vorne ein Stuhl angeboten. Nach langem Verhör wurden wir beiden Angeklagten aufgefordert, ob wir noch etwas zu sagen hätten. Mein Vogt verlor die Nerven. Mit weinerlicher Stimme beteuerte er seine Unschuld und beschwor die Richter, ihn frei zu sprechen. Ich erhob eine Gegen-Anklage gegen die verantwortlichen Beamten und der Enderfolg war, nach ¾-stündiger Beratung, ein Urteil mit politischen Hintergründen. Beantragung einer Strafe von 5 Monaten Gefängnis gegen jeden von uns beiden. Dieses Urteil kam aber nie zur Vollstreckung, es wurde abgeändert und fiel schließlich unter die allgemeine Amnesie.

Deutsche Beamte, deutsche Eisenbahner, Kaufleute und Handwerken waren von den Polen unter verschiedenen Versprechungen hier gehalten worden. Es wurde ihnen gesagt, dass sie gleichberechtigte Stellen innehaben könnten, wie die polnischen Angestellten. Von Deutscher amtlicher Seite wurden sie auch zum Bleiben genötigt, schon mit dem Gedanken der deutschen Regierung, dass ein Massenauswandern eine Katastrophe an Wohnungsnot und Verpflegung, Berufs- und Erwerbsarbeit hervorrufen würde. Die ersten, die nach dem Polen-Aufstand auswanderten, waren die Lehrer, die doch in erster Linie berufen waren, das Deutschtum hochzuhalten und dem deutschen Nachwuchs die deutsche Sprache zu lehren. So trat bald ein nie wieder gut zu machender Mangel an deutschen Lehrkräften ein, den die polnischen Schulbehörden, von ihrer Regierung unterstützt, ausnützten. Die deutschen Schulen wurden durch Gesetze zertrümmert, der deutsche Unterricht war fast unmöglich und die deutschen Kinder mussten fast ausschließlich in polnischen Schulen untergebracht werden. An dieser Stelle ist durch das so schnelle Auswandern der deutschen Lehrer viel gesündigt worden. Bald kam aber auch die Zeit, wo sich der Nachwuchs der Polen unter der Leitung der deutschen Zurückgebliebenen eingearbeitet hatte, und nun hatte der Mohr seine Schuldigkeit getan und konnte gehen. Jetzt setzte eine Massenauswanderung nach Deutschland ein, da eine Existenz-Möglichkeit nicht mehr vorhanden war. Wenn ich heute diese Austreibung der Deutschen, diese Massenauswanderung, die noch durch die zwangsweise Auswanderung der Optanten, Liquidanten und der enteigneten Domänenpächter, vor meinen Augen Revue passieren lasse, so waren doch die Schlauen und Praktischen die, die mit weniger Idealen ausgerüstet, als erste nach der Polnisch-Werdung nach Deutschland zurückgewandert sind. Für sie wurde vom Staate in ausreichendem Masse gesorgt. Sie erwarben sich gute Existenzbedingungen und ausreichende Entschädigung wurde ihnen geboten, sie fanden passende Wohnung und sofortiges Unterkommen für ihre Familien. Die später Auswandernden, die ausgeharrt hatten, weil man es als Pflicht gegen ihr Vaterland hingestellt hatte, sie konnte nicht mehr untergebracht werden und mussten, falls sie über wenig Mittel verfügten, in Sammellagern oder Baracken so lange warten, bis auch für die die Möglichkeit des Erwerbes und der Wohnungsbeschaffung kam.

Es ist traurig sagen zu müssen, dass leider die Zeit, die wir durchgemacht haben, es vielen Menschen vor Augen geführt hat, dass Rücksichtslosigkeit gegen die Mitmenschen, Mangel an Patriotismus, Fehlen der Liebe und des Einsatzes seinem deutschen Vaterlande gegenüber, sie im Leben sehr weit geführt haben. Im Gegensatz zu den Menschen, die hier den Kampf für ihr Vaterland, für die deutsche Sprache in Schule und Haus, für die Liebe zur engeren Heimat, für ihre Pflicht gehalten hatten, und die die Hoffnung auf bessere Zeiten in sich trugen.

Es ist nicht der schlechteste Teil, der hiergeblieben ist und ausharrte. Leicht wurde es ihm nicht gemacht. Es würde zu weit führen, aller Schwierigkeiten zu gedenken, aller Schikanen, aller Anärgereien, die einem das Leben verbittern sollten und schließlich auch zur Auswanderung führen musste, wenn nicht Unterstützung oder Hilfe vom alten Vaterland kommt. Auf diese Hilfe gründete sich unser aller Hoffnung.

Die neue Regierung in Deutschland, die nach der Revolution ans Ruder kam, hatte auch nicht viel übrig für den Osten; er war ihr zu bodenständig, zu konservativ gesinnt. Dieser prägte sich schon dahin aus, dass wir, an fremdes Land vom eigenen Vaterland Geopferten, zunächst keine Unterstützung fanden. Als eine bekannte Dame aus der Provinz Posen zu einen der sozialdemokratischen Minister (Noske) fuhr und ihm die Verhältnisse vorstellte und um Unterstützung bat, wurde ihr die Antwort zuteil: „Die Provinz Posen hat ja bei der letzten Wahl überwiegend deutschnational gewählt. Wir haben darum auch kein Interesse mehr. Anders wäre es, wenn ihr sozialdemokratisch gewählt hättet.“ Es wurde damals schon, 1919, alles politisch durch die Parteibrille gesehen. Die neue deutsche Regierung stärkte auch, anfangs gewollt oder ungewollt, die militärischen Machtmittel Polens. Laut Versailler Vertrag sollten ja die überzähligen Waffen in Deutschland vernichtet werden. War es nun Absicht der Regierung oder war es das Schiebertum, das sich in Deutschland breit machte, und welches die Situation ausnutzte? Manche Waffensendung, die nicht der Vernichtung anheim fallen sollte, kam über die polnische Grenze und wurde bezahlt. Manches Flugzeug kam mit deutschen Piloten herüber und wurde oder war schon verkauft. Hier in Alttomischel notlandete 1919 eins von diesen auf dem Felde. Der Flieger übernachtete bei uns und wurde verpflegt. Durch diesen erfuhr ich, dass eine deutsche Firma die Flugzeuge nach Polen verkauft hätte; es wäre doch besser, meinte er, sie brächten noch Geld, als dass sie zerschlagen würden. Er nannte mir damals auch die Summe, die er als Pilot für das Über-die-Grenze-bringen bekäme. Dass alles sehr geheim vor sich ging und wohl auch nicht auf ganz ehrliche Weise, geht schon daraus hervor, dass kurz nach seiner Notlandung sofort Polizeiposten da waren, die niemanden an den Flugapparat heranließen. Sie verweigerten jede Auskunft und selbst den Piloten in meinem Hause überwachten sie streng, damit er mit niemanden über Zweck und Absicht sprechen durfte. Selbst beim Essen saß der Polizeiwachtmeister im Speisezimmer mit uns und dem Piloten und musste aufpassen, dass dieser harmlose Gespräche führte. Nur dadurch, dass ich zufällig beim Landen des Apparates auf dem Felde war, stammt mein Wissen von ihm. Der Flugapparat wurde von einem polnischen Piloten dann abgeholt, während der deutsche Pilot über Posen nach Deutschland, wohl nach Empfang seines ihm zustehenden Lohnes, zurückkehrte.

Was ich hier im ersten Abschnitt meiner Niederschrift niederlegte, ist nicht übertrieben. Viele Erlebnisse habe ich fortgelassen. Ich denke, diese Erinnerungen werden auch genügen, um ein Bild zu geben, von der Zeit, die wir hier durchgemacht haben. Es ist nur ein kleiner Abschnitt von dem großen Geschehnis, das sich hier im Osten des deutschen Vaterlandes abspielte. Wie wenig Menschen fühlten in Deutschland in dieser Zeit mit uns. Jeder hatte seine eigenen Sorgen, jeder war mit sich selbst beschäftigt.

Da meine Familie ganz besonders unter der Zeit, unter den Bestimmungen des fluchwürdigen Versailler Vertrages und dem Hass gegen alles Deutsche zu leiden hatte, und wir durch unseren harten Kampf um den Besitz sehr viel erlebten, so habe ich auf Wunsch vieler Bekannten einen Teil unserer Erlebnisse für die Kinder und Kindeskinder meiner Familie niedergeschrieben. Möge es ihnen ein Bild geben, von dem zähen Kampf, den ihre Vorfahren um den Besitz ihrer Schollen, ihres Familienbesitzes, geführt haben.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/); Gothaisches genealogisches Taschenbuch der briefadeligen Häuser, 1914   (Digitale Sammlungen / (1914) . Achter Ja… [732] (uni-duesseldorf.de)