Die erste Beurteilung und das erste Spiel auf der Dinse Orgel – 1861

2012 - Im inneren der Herz Jesu Kirche, der früheren evangelischen Kirche zu Neu Tomysl - Aufn. PM

2012 – Im inneren der Herz Jesu Kirche, der früheren evangelischen Kirche zu Neu Tomysl – Aufn. PM

“…und durch ein vorzüglich schönes Werk das Kirchencollegium derart zufrieden stellen, dass diese Verzögerung nicht mehr erwähnt werden wird” ; Orgelbaumeister Dinse betrachtete die von ihm für die Kirche in Nowy Tomysl gebaute Orgel als so hervorragend, als dass die einjährige Lieferverzögerung damit gegenstandslos angesehen werden müsste.

Zu Einzelheiten der Orgel war lediglich eine Art Abnahmeprotokoll in den im Staatsarchiv von Poznan verwahrten Akten, welches durch den Kantor und Lehrer Neumann aus Hammer Boruy erstellt worden war, zu finden: 

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Neu Tomysl, den 11ten Mai 1861

Auf den Wunsch der Mitglieder des löbl. Kirchen Collegi zu Neu Tomysl begab sich der Unterzeichnete heut an Ort und Stelle, um die in der evangel. Kirche daselbst erbaute neue Orgel zu besichtigten und über deren Befund ein Urtheil abzugeben.

Zunächst wurde auf Grund des vorgelegten Anschlages nachgesehen, ob die ausbedungenen Stimmen in den einzelnen Clavieren und dem Pedale wirklich vorhanden sind. Es ergab sich, daß das Hauptmanual wie vorgeschrieben besetzt ist, nur mit dem Unterschiede, daß statt Rohrflöte 8 Fuß Corner 4 fach und im Ober-Manual statt Gedact 8 Fuß, die Rohrflöte in gleicher Stärke angebracht ist. Das Pedal ist nach dem Anschlage angefertigt, ebenso die Nebenregister.

Zu sub. A.1. des Anschlages ist keine andere Bemerkung zu machen, als die, daß die Prinzipal-Pfeifen im Prospect eine sehr saubere Politur haben und die stummen Pfeifen auch vorhanden sind. Das verwendete Zinn sowohl zu den Pfeifen, so wie die zu den Prospect-Pfeifen führendes Conducte scheinen aus guter Masse zu bestehen. Zu C. wird bemerkt, daß das verwandte Kieferholz, sowie das namentlich zu den Windladen verbrachte Eichenholz knorrfrei und von guter Beschaffenheit ist.

Einzelnen Töne in den einzelnen Registern hat sich herausgestellt, daß die Intonation bei folgenden Registern:

  • Principal 8 Fuß
  • Gemshorn 8 Fuß
  • Octave 4 Fuß
  • Geigen Principal 8 Fuß
  • Saticional 8 Fuß
  • Rohrflöte 8 Fuß

ganz vorzüglich ist.

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Bei den 16 füßigen Manual-Registern ist nichts Nachteiliges zu erwähnen. Die Pretunal-Flöte 8 Fuß klingt sehr schön und nur einige Nachhülfe durch Stimmung bedurften die Quinte und diejenigen Register, welche aus zusammengesetzten Pfeifen ihre Klangwirkung zu leisten haben. Der gegenwärtige Herr Orgelbauer Meister Dinse erklärte sich bereit, die entsprechende Nachstimmung auszuführen. Die Trompete 8 Fuß thut ihre volle Wirkung ohne wirklich zu tönen.

Die Pedal-Register anlangend nahm ich wahr, daß der Violon 16 Fuß Subbass 16 Fuß und Violon 8 Fuß zwar an und für sich kräftig und wohlklingend, daß aber ihre volle Wirkung dem Gesamteindrucke der Manuale insofern nicht entspricht, als der Bass der Kraft des Manuals nicht die Spitze bietet; dies ist nun aber entweder als ein Mangel in der Disposition hervorzuheben, oder aber, es hat diesem Übelstande beim Entwurfe der Disposition durch Beigabe der Posaune 16 Fuß Abhülfe geschafft werden sollen; ich halte indess dieses Auskunftsmittel für unhaltbar, weil dieses Register als ein Zungenwerk zu häufig gestimmt werden muß, indem es sich beim Gebrauche selbst und unter dem Einfluße und der Beschaffenheit der Luft zu leicht verstimmt, sich also auch zu nicht allen Zeiten als brauchbar erweist. Die Posaune selbst bildet mit den übrigen Pedal-Registern einen tüchtigen Bass, der in Verbindung mit der Pedal-Koppel die ganze Orgel würdig fundamentiert. Im Allgemeinen bemerke ich, weil ein Eingehn in Beurtheilung der einzelnen Stimmen ihrem Klange nach von mir darum nicht für nöthig gehalten wird, da jedes Register in dem ihm eigenen Charakter intoniert ist, daß das ganze Werk nicht ein Register enthält, welches eine übelklingende Schärfe an sich trüge, in seiner Vollwirkung den Kirchenraum doch wohl füllen dürfte, wenngleich ich nicht unerwähnt lassen kann, daß die ganze Bauart der hiesigen Kirche Wohlklang und Fülle einer Orgel nicht sonderlich begünstigt.

Einzelne kleine Mängel, die Herr Dinse mit mir anerkannt, als da sind: die Wahrnehmung des Überganges von Holz- zu Zinnpfeifen und das feinste Durchstechen von 3 oder 4 Tönen sind von der Art, daß ersterem Umstande nicht leicht abzuhelfen, letzterer Übelstand aber sich bei einer gleichmäßigen Witterung wohl von selbst Abhülfe verschaffen wird; denn wahrscheinlich hat sich die Schleife in der Windlade um eine Kleinigkeit gezogen.

Schließlich spreche ich mein Gutachten, daß sich auf Besichtigung und das Spiel sehr vieler Orgeln gründet dahin aus:

Herr Dinse hat sich beim Baue der hiesigen Orgel als den tüchtigen Meister in seiner Kunst bewährt und der hiesigen Kirchen-Gemeinde eine gut gebaute und recht wohlklingende Orgel geliefert.

Noch sehe ich mich genötigt zu erwähnen, daß, als ich das volle Werk spielte, ein Mangel an Wind, der das Werk als windstößig erscheinen lassen müßte, nicht im entferntesten wahrzunehmen war, wiewohl ich der Ansicht bin, daß ein solches Werk eigentlich 4 Bälge zu seiner Sättigung haben müßte, was aber der beschränkte Raum der Balgkammer hier nicht zuläßt.

Dieses Urtheil habe ich nach meiner besten Einsicht abgegeben

a.u.s. Neumann, Cantor und Lehrer in Hammer-Boruy

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Kirchplatz Boruy den 13ten Mai 1861

zu der gestern von mir erfolgten Besichtigung resp. Begutachtung der neuen Orgel in der Kirche zu Neu Tomysl habe ich noch  folgenden Nachtrag zu machen

  1. die Stimmung der Orgel ist richtig Kammerton
  2. die Abstracten sind zur Verhütung des Ausreißens der ziehenden Drähte mit Pergament beledert
  3. die Federn unter den Cancellen in der Windlade sind bei den Manualen einfach, beim Pedal doppelt angebracht, von entsprechend starkem Messingdrahte und in der Windlade so gestellt, daß man ohne Beschwerde zu denselben hinzukommen kann. Die Cancellen sind an dem hintern Ende an einem Drahte befestigt, der vermittels einer Mutter, ein beliebiges Festschrauben zuläßt
  4. der Pfeifenstock ist durchaus nicht zu dicht mit Pfeifen besetzt und um diesem Prinzipe treu zu bleiben, hat Herr Dinse sogar mehrere Pfeifen im Obermanuale außerhalb der Windlade angebracht und den Wind mittelt Conducten zugeführt
  5. 5. die Coppelung der Mannuale ist Gabelkoppel und in ihrer Mechanik einfach und dauerhaft
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Da Herr Dinse eine 2 jährige Garantie für das Orgelwerk übernommen, so ist es keine neue Forderung, die ich an ihn stellen möchte, wenn ich darauf aufmerksam mache, daß wie es bei einem neuen Orgelwerke immer notwendig wird, nach Jahr und Tag eine Nachstimmung wird erfolgen müssen, die ihm wohl auch jetzt bald zur Pflicht gemacht werden dürfte.

Diesen Nachtrag bitte ich Euer löbliches Kirchen Collegium meinem gestrigen Gutachten anzuschließen.

Neumann Cantor

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Die Söhne des Cantors und Lehrers zu Kontopp in Schlesien Wohlgeboren Carl Samuel Neumann und seiner Ehefrau Helena geb. Grossmann:

  • Carl Julius Theodor Neumann, Cantor und Lehrer zu Hammer Boruy – geboren ca. 1815 und verehelicht mit Wilhelmina Auguste Michael, er galt als ältester Sohn, er wurde mit der Abnahme der Orgel im Jahr 1861 beauftragt
  • Louis Gustav Eduard Neumann, Cantor und Lehrer zu Nowy Tomysl – geboren ca. 1822 ehelichte 1843 in Nowy Tomysl Mathilde Henriette Emilie Zillmann, Tochter des früheren Cantors und Lehrers der Gemeinde Neutomischel Johann Gottlieb Zillmann und dessen Ehefrau Caroline Henriette Ritter; gefunden wurde, dass Louis Gustav Eduard Neumann zumindest bis 1890 in Neu Tomysl ansässig gewesen war
  • Moritz Adolph Emil Neumann, geboren zu 1825, er war Cantor und Lehrer zu Chlastawe
  • Otto Albert Neumann, geboren zu 1832, er war ebenfalls Cantor und Lehrer, er war in Kranz im Kreis Bomst tätig

Quelle: