Die Synagoge zu Neutomysl

Synagoge zu Neutomysl - 1939 (4) Privatphoto J. Saegenschnitter Aufnahme aus dem Jahr 1939 – zur Veröffentlichung erhalten von Herrn Arno Kraft Berlin

Wir haben schon lange vorgehabt auch endlich neben den schon veröffentlichten Beiträgen über die evangelische, die katholische und die evangelisch-lutherische Kirche etwas über die Synagoge der Stadt Neutomischel zu schreiben.

Nur, wir haben sehr wenig in Erfahrung bringen können; dieses wenige ist es aber trotzdem wert nun hier zu erscheinen – vielleicht ergeben sich aus dieser Veröffentlichung Informationen, die Sie uns als unsere Leser zur Verfügung stellen, so dass wir das Bild der jüdischen Gemeinde in Neutomischel vervollständigen können.

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Die Synagoge zu Neutomischel wurde am 17. Kislaw 5622 (20. November 1861) eingeweiht. Dr. A Cassel, Rabbiner zu Schwerin an der Warthe hielt die Rede zu diesem festlichen Ereignis (1)

Noch 1834, wenn wir den jährlich zu erstattenden Hauptverwaltungsbericht (2) des Bürgermeisters Hoffmann an die preußische Regierung korrekt interpretieren, waren keine Einwohner jüdischen Glaubens in der Stadt. Zu wann genau eine Ansiedlung dieser dann tatsächlich geschah ist nicht eindeutig – es müsste aber in den Jahren zwischen 1834 und 1842 gewesen sein.

1845 wurde erstmalig das 3 Jahre alte (erbaut ca. 1842) Badehaus des Kaufmanns Schmerel Basch in der Goldstraße No. 17 C erwähnt. Es war ein Hinterhofbau auf dem direkt unter No. 17 A an der Goldstraße liegenden Grundstück und dem darauf befindlichen Wohnhaus des Andreas Brunsch (3). Ob es tatsächlich ein „Mikwe“, also ein rituelles jüdisches Tauchbad war, ist nicht bekannt.

12 Fuß lang, 7 Fuß breit und 4 Fuß hoch (1F/0,35m = 4,20×2,45×1,40m). Ein Gebäude errichtet aus Bohlen mit Bretterfußboden und einem Schindeldach; 1 Tür und 1 Fenster in 1 Badestube mit einer Grundfläche von ca. 10 Quadratmetern. Ein unter dem Minimalwert von Rthlr. 25 durch die Feuerversicherung eingestufter Bau. (3)

Die Familie Basch baute sich ab diesem Zeitpunkt ihre Existenz in Neutomischel auf. Leider war nicht in Erfahrung zu bringen, wie alt sie waren als sie beschlossen sich in der Stadt anzusiedeln. Schmerel Basch verstarb vermutlich zu 1860.

In diesem Jahr, 1860, wurden alle nunmehr auf dem Grundstück No. 17 im Besitz der Familie Basch befindlich stehenden Gebäude, wie das Wohnhaus (erbaut ca. 1800) mit Anbau (erbaut 1853), das 1846 errichtete Färbereigebäude, welches 1853 in ein Wohngebäude umgebaut worden war, ein Stall (genauso alt wie das Wohnhaus und um 1800 errichtet) und ein Wirtschaftsgebäude (aus dem Jahr 1854) auf die Witwe Rosa Basch übertragen.

In Verbindung mit der Synagoge wird ab und an erwähnt, dass das Grundstück auf dem die Synagoge 1861 neu erbaut wurde von Itzig Basch gestiftet worden war. Er könnte ein Sohn von  Schmerel und Rosa Basch oder zumindest ein Verwandter der Familie gewesen sein.  Diese Stiftung des Grundstückes könnte im Gedenken an seinen verstorbenen Vater bzw. Angehörigen vorgenommen worden sein.

Aus der 1863 erstellten Gebäudebeschreibung für das Grundstück No. 96 – Synagoge der jüdischen Gemeinde zu Neutomysl – ist zu erfahren,

  • dass die Grundfläche 42 Fuß lang, 33 breit, und ohne Fundament, resp ohne Rollschutt 22 Fuß hoch (1F/0,35m = 14,7 Meter lang, 11,55 breit und 7,70 Meter hoch mass
  • und die Grundfläche 1.386 Quadratfuß (169.79 Quadratmeter) betrug.
  • Die Wände waren massiv von gebrannten Steinen mit 2 Zoll Stärke errichtet worden; versehen mit 6 massiven Spitzthürmchen unter einer Cementverkleidung.
  • Die Giebel und Umfassungswände entsprachen gleicher Bauweise.
  • Der Boden war mit Ziegelpflaster versehen worden, der Chor wiederum hatte einen gedielten Boden.
  • Das Ganze überspannte eine Rohrdecke.
  • Das Dach war mit Staupappe versehen und dieses mit Kies bedeckt.
  • Im Gebäude gab es keine Feuer-Essen.
  • 2 Doppelthore, 1 einfache Thür, 1 Treppe wurden als im Gebäude befindlich festgehalten; 8 große Bogenfenster, 6 kleine Unterfenster und 1 rundes Fenster mit bunten Gläsern ebenso
  • Außer dem Hauptraum gab es einen Vor- und 1 Treppenflur
  • Die Synagoge war vom Wohnhaus No. 87 A in 6 ½ Fuß Entfernung errichtet worden.
  • Die Bausumme hatte Thaler 2.000 betragen

Hinsichtlich der aufzubringenden Bausumme hatte die jüdische Gemeinde von Neutomischel eine größere Spende des Joseph Jacob Flatau (http://oledry.pl/de/preusens-hopfenkonig-joseph-jacob-flatau/) erhalten. Der Betrag muss recht beachtlich gewesen sein, da diesem die eingangs erwähnte Einweihungsrede zum Gedenken gewidmet wurde.

Über die Ausstattung wird nichts weiter geschrieben, außer dass diese nicht mit versichert wurde. Allerdings soll sich noch heute erkennbar im Inneren des Gebäudes an der Ostwand, der Wand von Jerusalem, die Einbuchtung befinden, in der der Altar Schrank oder eine Holzkiste zur Aufbewahrung der Thora Schriftrollen eingelassen gewesen war.

Die jüdischen Bewohner der Stadt wurden im Zuge des Nationalsozialismus deportiert, die Gemeinde zerschlagen, das Gebäude zerstört bzw. dessen Ruinenreste umfunktioniert. Das Wissen um die Geschichte wurde verdrängt und geriet in Vergessenheit . . .

Quellen:
(1) “Die Bestimmung des Gotteshauses – Rede, bei der Einweihung der neuen Synagoge zu Neutomysl den 17. Kislaw 5622″, gehalten von Dr. A. Cassel  Rabbiner zu Schwerin a. W.
Auf Veranlassung des Synagogenbau-Comites für einen wohlhältigen Zweck in Druck gegeben – verwahrt in >The National Library of Israel Jerusalem,Israel<  http://www.huji.ac.il/huji/eng/index_e.htm
(2)  Archiwum Państwowe w Poznaniu – Dokumentacja aktowa – Aus dem Bestand: Akta miasta Nowy Tomyśl 53/4385/0/1.1/6
(3) Archiwum Państwowe w Poznaniu – Dokumentacja aktowa Aus dem Bestand: Akta miasta Nowy Tomyśl 53/4385/0/1.1/2
(4) Synagoge zu Neutomysl – Privatphoto J. Saegenschnitter + Aufnahme aus dem Jahr 1939 – zur Veröffentlichung erhalten von Herrn Arno Kraft Berlin