Ein Selbstmord – 1795 – 30. Junius

Blick vom ehem. evgl. Friedhof Rakwitz Richtung Kirche (rechts im Hintergrund), nicht bekannt ist, wo Tote, welche nicht, nach damaliger Auffassung, auf dem eigentlichen Friedhof beerdigt werden durften, begraben wurden / Bild: PM

Blick vom ehem. evgl. Friedhof Rakwitz Richtung Kirche (rechts im Hintergrund), nicht bekannt ist, wo Tote, welche nicht, nach damaliger Auffassung, auf dem eigentlichen Friedhof beerdigt werden durften, begraben wurden / Bild: PM

Vor Anbruch des Tages wurde zwar minus honeste (kein ehrenvolles, kein ehrbares) und außerhalb dem gewöhnlichen Begräbnisplaze, doch unter dem Schuze des weisern und menschlichern Geseze Sr. Königl. Majestät von Preußen, nunmehr auch unsers Allergnädigsten Herrn durch auswärtige Tagelöhner und nicht wie sonst durch den Abdecker, beerdigt der hiesige Bürger und Schwazfärber Andreas Gralow, welcher am 28. desselben Monats vormittags um 10 Uhr in seiner Färbermangel sich selbst an einem Strick erhängt hatte.

Er hat sein Alter gebracht auf 60 Jahre. Der Mann war, von je her einer der angesehensten und wohlhabendsten Einwohner dieser Stadt, auch Beysizer des hiesigen Stadtgerichts und Kirchenvorsteher gewesen.

Durch die im vorgien Jahre bey Gelegenheit der Predigerwahl hieselbst entstandenen Unruhen wurde derselbe als ein eifriger Anhänger der Bürgerschaft von der Grundherschaft seiner Ehrenämter entsezt.

Dies machte einen so starken und nachtheiligen Einfluß auf sein Gemüt, daß er wirklich zu deliriren anfieng und nur selten lucida intervalla (lichte Momente) hatte. Er ergab sich, welches er sonst nie getan, der Trunkenheit und andren groben Ausschweifungen, wobey er sein einträgliches Gewerbe vernachlässigte und viel Geld verschwendete.

Nach einem Aufenthalt von etlichen Wochen bey seinem Vetter, dem Chirurgen Gralow in Karge kam er, wie man sagte, gebessert zurück, aber seine Gemütskrankheit hatte nun eine andere, und zwar die ganz entgegengesezte Wirkung. So heftig er vorher gebrauset hatte, so still und in sich selbst gekehrt war er nun. Das Andenken an seine begangenen Ausschweifungen – die Schaam vor seiner Gattin und seinen Kindern, wie vor allen Einwohnern – die Reue wegen seiner Verschwendung – das Mißtrauen wegen seines künftigen Auskommens – die Verzweiflung wegen einer ewigen Verdammniß – alles das machte ihn tiefsinnig, melancholisch – er suchte keinen Arzt, keinen Freund – der seinem Gemüthe nach und nach eine andere Stimmung gegeben hätte, er wurde – Selbstmörder !

Sanft ruhe seine Asche !

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Quelle: Berichte und Eintragungen aus den Kirchenbüchern der Gemeinde Rakwitz – Staatsarchiv Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) – / in “Geschichte der Evangelischen Kirche zu Rakwitz” von Karl Schulz, erschienen 1929 in Posen