Eine Wanderfahrt durch das “Posener Paradies”

Dieser Artikel, wie auch die Bilder, sind entnommen aus: “Aus dem Posener Lande” – Monatsblätter für Heimatkunde – 6. Jahrgang – Heft 8 – August 1911 – digitalisiert durch: http://www.wbc.poznan.pl/dlibra

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1. Von Neubrück bis Zirke

Das Posener Paradies? wird mancher Leser, den Kopf schüttelnd, fragen. Von einem Posener Paradies habe ich noch nie etwas gehör. Wo liegt denn dieses wunderbare Stück Land? – Nun, vertraue dich meine Führung an; ich will dich in ein wunderhübsches Fleckchen unserer Heimat geleiten, das dir mit seinem prächtigen Seen, seinen ehrwürdigen Eichen- und Buchendomen sicherlich gefallen wird.

Wo ist dieses Posener Paradies zu finden? – Jenes Dreieck ist es, dessen Spitzen etwa durch die Städte Birnbaum, Pinne und Wronke gebildet werden.

Um von Posen dorthin zu gelangen, benutzen wir den Frühzug, der etwas vor 6 Uhr abfährt und in Antonswald (an der Strecke Posen – Kreuz) um 7:28 Uhr eintrifft. Eine hohe Pappelallee geleitet uns von dem Stationsgebäude nach Süden durch Kiefernwald, der nur in den tieferen Seitenschluchten durch Erlen und Buchen verdrängt ist, und durch einzelne Lichtungen, in denen der Wind die ährenschweren Halme niederbeugt, in etwa 30 Minuten zur Warthe, die wir in der Nähe des Bergkruges erreichen. Auf unseren Ruf holt und der Fährmann mit seinem Kahne ab, und wir steigen am jenseitigen Ufer zu dem ehemaligen Städtchen Neubrück hinan. An der schlichten evangelischen Kirche biegen wir nach rechts ab, gelangen durch einen Hohlweg an einen seichten Bach und schreiten durch Kartoffel- und Getreidefelder der Landstraße zu, die von Neubrück nach Lubowo führt. Unser Blick schweift hinüber auf die rechte Seite der Warthe, deren bewaldete Höhen von einzelnen Siedlungen unterbrochen werden. Das Dorf Lubowo macht mit seinen massiven Häusern den Eindruck rechter Wohlhabenheit. Einen Kilometer hinter dem Dorfe schlagen wir den nach links abbiegenden Weg ein und stoßen hier auf einige neue Häuser, die auf der Generalstabskarte nicht verzeichnet stehen. Da die meisten dieser Gehöfte von Angehörigen der Familie Link oder Linke bewohnt werden, hat der Volksmund sie die „Linker“ getauft.

(1) See bei Pakawie

Bis dahin hatten mich nur weite Getreidefelder begleitet, jetzt nahm mich endlich ein Kiefernwald auf, der durch vereinzelte Eichen und üppig wuchernde Farrenkräuter den Eindruck der Eintönigkeit verlor, den sonst ein Föhrenwald auf den Wanderer hervorzurufen pflegt. Je weiter ich schreite, desto schöner wird der Wald, in dem die Eiche schließlich die Alleinherrschaft behauptet. Eine Brücke führt mich über einen Bach, der der Warthe mit fröhlichem Jauchzen entgegeneilt, an einer wunderschönen alten Fichte vorbei an einem Kreuzweg; ich biege hier links ab und wandere bergauf und bergab dem Dorf Pakawie zu. Der Ort wird bald auf der Höhe sichtbar; ich lasse ihn aber links liegen und wende mich dem Ufer seines Sees zu (Bild 1). Lieblich ist er eingebettet in des Waldes Dunkel; im dichten Röhricht säuselt leise der Wind; unruhig fluten seine Wogen; freundlich winken nur die Häuser des Dorfes mit ihren roten Ziegeldächern zu; des Waldes tiefes Schweigen unterbricht nur des Finken unermüdlicher Ruf: „für dreißig Pfennig!“, und freigebig fügt er auch noch hin und wieder ein Zugabe hinzu.

Aber es heißt scheiden. Ich kehre zu der Brücke zurück, die vor Pakawie über den Bach, den ich schon einmal überschritten habe, führt. Ein Wegweiter zeigt mir die Richtung nach Zirke an. Auf einem anfangs recht sandigen Wege wandere ich über Berg und Tal; links schimmert noch hin und wieder die blaue Flut des Seespiegels zu mir empor durch den schweigenden Wald, in dem sich von dem Dunkelgrün der Kiefern das hellere Gewand der Birke freundlich abhebt. Je höher ich gelange, desto schöner und kräftiger wird der Waldbestand. Kein Mensch ist zu sehen; nur des Kuckucks Ruf und des Baumpiepers eintöniger Schrei: piep, piep, piep! ist zu hören. Da tönt das Knarren von Wagenrädern an mein Ohr. Eine ganze Reihe von Holzkloben beladener Wagen fährt bald darauf in langsamen Tempo an mir vorüber; auf der schweren Last jeden Wagen sitzen je ein Männlein und ein Weiblein; ununterbrochen klingt der fromme Gruß: Niech bedzie pochwalony Jezus Chrystus! An die Stelle der Kiefern treten stämmige Eichen, üppiges Unterholz. An der Wegbiegung – etwa eine halbe Stunde, seit ich den Großen See bei Pakawie verlassen – wird ein neues Seebild zu meiner Linken sichtbar. Am Rande des Hochwaldes, um eine Verirren auf dem Rückwege unmöglich zu machen, bahne ich mir den Weg zu dem in der Tiefe ruhenden Krzymien-See. Manneshohe Wacholderstämme bilden hier das Unterholz. Ich lasse mich an dem Gestade des Sees nieder, lausche dem Geräusch der auf- und abgleitenden Wellen, dem Säuseln des Windes im starren Röhricht. Ich bin allein in tiefster Waldeseinsamkeit, nur aus dem Schilfwalde lasen wilde Enten ihr misstönendes Geschnatter vernehmen. Der Krzymien-See, rings von stattlichen, bewaldeten Höhen umsäumt, gehört mit zu den schönsten unserer Heimat. Doch ich kehre zur Straße zurück und eile durch gemischten Waldbestand bald bergauf, bald bergab meinem nächsten Ziele, dem Dreibuchenkruge, zu, den ich nach einer halbstündigen Wanderung vor mir sehe.

Vom Dreibuchenkrug führt mich der weitere Weg zuerst am Rande einen Kiefernwaldes nach Westen, ich gelange an einen Wegweiser und schlage die Richtung nach Süden, nach Katschlin, ein; links begleiten mich junge Birken, rechts Kiefern. Hin dem Walde muss ich bergauf wandern, bis endlich auf der Höhe das Dorf Katschlin sichtbar wird, wo ich im „Gasthaus zum guten Tropfen“ (Besitzer Elsholz) eine freundliche Aufnahme finde. Katschlin ist zum Teil von der Ansiedlungskommission an brandenburgische und schlesische Bauern aufgeteilt, teils wird es von polnischen Bauern bewohnt. Wie alle Gasthäuser auf den Ansiedlungsgütern ist auch das zu Katschlin ein stattliches Gebäude, geräumig genug, um auch einer größeren Anzahl von Touristen Unterkunft zu gewähren. Wer wegen der weiten Entfernung erst zu Mittag in Neubrück eintreffen kann, tut gut, in diesem Gasthause sein erstes Nachtquartier aufzuschlagen.

In dieser Lage war auch ich; ich übernachtete deshalb in Katschlin und setzt am nächsten Morgen meinen Marsch weiter fort, der mich nach dem Luttomer See, dem größten der ganzen Gruppe, bringen sollte. Quer über den Platz, an dem das „Gasthaus zum guten Tropfen“ steht, wandte ich mich nach links, wo ziemlich am Ende des Dorfes des Dorfes der Weg nach Ryzin abbiegt. Von diesem zweigt sich bald rechts der Weg nach Gr.-Luttom ab, dessen hoher Turm bald am Horizont auftaucht. Durch ziemlich ebenes Gelände marschiere ich südwestwärts, komme an einigen Gehöften, die noch zu Katschlin gehören, vorüber, überquere die Straße, die Ryzin mit Zirke verbindet, lenke meine Schritte an dem Nordufer eines kleinen, schilfbewachsenen Weihers, aus dem mir dumpfer Unkenruf entgegenschallt, vorbei und wende mich an seiner linken, der Ostseite, nach Süden. Bald darauf berühre ich ein kleines Kieferngehölz, stoße dann auf gewaltige Massen von Gesteinstrümmern, die die Gletscher der Eiszeit hier abgelagert haben, und schreite in bald aufsteigendem, bald sich senkendem Gelände auf einen Bach durch einen üppigen Erlenhain, zu dem ein auf höherem Boden stehendes dürftiges Kieferngehölz einen umso schärferen Gegensatz bildet.

Vor dem Dorfe Groß-Luttom erhebt sich auf einem Postament die Gestalt der Jungfrau Maria, deren Fuß auf einer Weltkugel ruht; dieses Zeichen frommen Sinnes wurde, wie eine Inschrift besagt, im Jahre 1802 errichtet. Von demselben Punkte erblicke ich auch einen kleinen See – einen eigenen Namen führt er nicht -, der sich am Südende Groß-Luttoms ausdehnt.

(2) Gr.-Luttomn am Bragantsee

Die Lage des Dorfes ist recht malerisch. Zum Teil lagern sich seine Häuser längs des Brangantsees (Bild 2), auf dem sich nicht nur die Gänse und Enten der Dorfbewohner tummeln, sondern der auch den Rindern und Pferden zur Schwemme dient. An dem neuerbauten, stattlichen Schulhause vorbei, aus dem die Stimme des dozierenden Lehrers ertönt, eile ich der Kirche zu, die in dem Zeitraume von 1753-62 von der Gemahlin des sächsisch-polnischen Staatsministers v. Brühl erbaut worden ist. Es ist ein geputzter mit Gewölben ausgestatteter, recht stattlicher Ziegelbau, vor seiner Südfront erhebt sich ein Turm mit durchbrochener Haube.

Zufällig habe ich erfahren, dass der dortige Probst ein alter Bekannter von mir sei. Ich konnte deshalb nicht verfehlen, ihn aufzusuchen. Seit 25 Jahren hatten wir uns nicht gesehen; es lässt sich denken, dass das Wiedersehen nach einer so langen Zeit ein recht freudiges war und dementsprechend auch gefeiert wurde.

Am Nachmittage begab ich mich unter Führung meines Gastfreundes an das waldumkränzte Ufer des imposanten Luttomer Sees, an dem entlang ein hübscher Promenadenweg führt. Eingefasst ist er rings von üppig wucherndem Schilfe; seine hohen Ufer bedeckt der schönste Wald. Namentlich sein südwestliche Gestade, die Grabitzer Höhen, werden wegen ihrer tiefen Schluchten als landschaftlich hervorragend gepriesen. Von dem Dorfe Grabitz soll auch einst, wie die Sage erzählt, über den See eine lederne Brücke geführt haben, auf der in jedem Frühjahre eine Priesterin der Göttin Hertha ihren Wagen zum jenseitigen Ufer lenkte.

Am Ufer des Sees nahm ich Abschied von dem geistlichen Herrn und schritt auf dem Fußpfade, der am See entlang sich hinzieht, seinem nördlichen Ende entgegen, wo die Oschinitzka ihre Fluten der Warthe entgegenführt. Nur wenige Schritte, und ich war auf der Chaussee, die zwischen Zirke und Wronke den Verkehr vermittelt. In Zirke konnte ich meinen müden Gliedern die nötige Ruhe gönnen. Dann aber stattete ich noch dem Königlichen Gestüt meinen Besuch ab, wo sich Herr Gestütsinspektor W. liebenswürdig mir als Führer zur Verfügung stellte, der auch am Abend so freundlich war, mich zu einem Schoppen abzuholen und mich mit mehreren Honoratioren der Stadt bekannt zu machen.

2. Die Seengruppe zwischen Zirke und Birnbaum

Es war ein Sonntagmorgen, als ich mich aufmachte, die Seengruppe zwischen Zirke und Birnbaum zu besuchen. Sie ist unbestreitbar die schönste im Posener Paradiese.

Freundlich lächelte die Sonne auf mich hernieder, als ich auf der Chaussee, die Zirke mit Kwiltsch verbindet, dahinwanderte. Kaum hatte ich den Bahnübergang und eine in seiner Nähe gelegene Dampfschneidemühle passiert, als mich auch schon hoher Kiefernwald aufnahm. Ein Fußpfad, der mich gleich im Beginn des Waldes rechts in seine Hallen geleitete, brachte mich in etwas zwanzig Minuten zu einem stillen Waldsee, dem See von Jaroszewo. Während von den Kirchen Zirkes die Glocken feierlich zu mir herüberklangen, ließ ich mich an seinem Ufer nieder, um mich an seiner tiefblauen Färbung, dem tändelnden Spiele seiner Wellen und dem Gesange des Meisters Fink und der Frau Amsel zu erfreuen. Auch hier umrahmt eine dichte Schilfwand das Ufer. Was dem See seine besondere Schönheit verleiht, sind seine hohen Uferränder; denn während sein Spiegel sich 39 Meter über dem Normal-Nullpunkt erhebt, steigen die ihn umgebenden Höhe im Südosten auf 73, im Westen auf über 60 Meter an.

Unterwegs hatte ich drei junge Leute getroffen, die gleich mir den schönen Sonntagmorgen zu einem Spaziergange nach dem See benutzten, aber auf meine Frage, wie ich nach dem Großen Goraer See gelangen könnte, wussten sie mir keine Auskunft zu erteilen. So musste ich mich denn auf meine gutes Glück und die Generalstabskarte verlassen. Ich schritt am Waldesrand entlang nach rechts, bis ich zu einem breiteren, von einem Holzgeländer eingefassten Wege gelangte, der mich zu einer über den Abfluss des Sees errichteten Brücke führte. Am Saume des Waldes gabelt sich der Weg; ich schlug den nach links sich wendenden ein, den ich – er ist recht sandig – höhenaufwärts durch einen prächtigen Kiefernwald, dessen Unterholz Wachholderbüsche bildeten, in gerader, südwestlicher Richtung verfolgte. (Auf der Generalstabskarte ist er als Fußwege verzeichnet). Das Glück hatte sich mir hold erwiesen; ich hatte den richten Weg getroffen. Die gerade Entfernung zwischen dem Jaroszewoer und dem Großen Goraer See beträgt ungefähr 1 ½ Kilometer.

Der Große Goraer See ist landschaftlich wenig interessant, da das hügelige Gelände in seinem ganzen Umkreise nur von Getreidefeldern eingenommen wird. Zwischen zwei Seen bereitet sich das Dorf Gora aus.

Zahlreiche Kirchgänger wandelten auf der nach Zirke führenden Straße, um nach einer Woche voller Mühe und Arbeit ihren Blick von den irdischen Sorgen zu Gott, dem Geber aller Gaben, zu lenken. Das Dorf selbst betrat ich nicht, vielmehr schlug ich von einem am Nordufer des Sees stehenden Einzelgehöfte dir Richtung nach Westen ein. Bei der Wegkreuzung, auf die ich gleich im Anfang stieß, verfolgte ich den rechts abbiegenden Weg, der mich zu einem prachtvollen Waldweg geleitete. Anfangs zwar, solange der Weg sandig ist, trafen meine Augen nur auf Kiefern, Birken und Akazien, dann aber wurde, je hügeliger das Gelände wurde, die Waldvegetation umso üppiger. Wunderschöne schlanke Fichten, kraftstrotzende Eichen und hochrangende Buchen traten unter die dunklen Föhren, und gerade dies Gemisch von Nadel- und Laubwald macht diese Wegstrecke so reizvoll.

Mitten in diese Waldespracht hinein gezaubert liegt das Forthaus Berg, wo ich eine freundliche Ruhestätte fand. Ich überbrachte seinen Bewohnern Grüße von ihren Lissaer Verwandten, und bald war ein munteres Plauderstündchen verstrichen. Liebenswürdig erbot sich der Sohn des Hauses, mir den weiteren Weg zu weisen.

Auf dem sogenannten Chaliner Steg wandern wir dem Glemboczek-See zu, der in wenigen Minuten erreicht ist. Er ist das Urbild eines Waldsees. Wie herrlich muss es sein, im Kahne sich von seinen Wellen dahin tragen zu lassen! Mit Stolz erzählte mir mein jugendlicher Führer, dass er in diesem Sommer den See durchschwommen habe; zur Sicherheit aber habe ihn ein Gefährte bei diesem Wagnis mit einem Kahne begleitet. In den tieferen Seen des Posener Paradieses, wie in dem Glemboczek- und dem Schrimmer See, sollen übrigen die köstlichen Maränen vorkommen, allerdings nicht in so großer Zahl, dass ihre Versendung sich lohnt; deshalb sie auch an Ort und Stelle zu billigem Preise zu erhalten.

An der Baumschule, die südlich vom Glemboczek-See angelegt ist, steigen wir steil, wie im Gebirge, empor. Durch herrlichen Laubwald führt der Steig direkt nach Süden. Mit Dank verabschiede ich mich von meinem Begleiter. In der bisherigen Richtung verfolge ich meinen Weg weiter, bis ich an ein weites Feld stoße, an dem ich entlang gehe. Da kreuzt sich der Weg; ich halte mich links, schreite bergabwärts – auf beiden Seiten erheben sich Anhöhen – und erreiche eine schmale Lehmchaussee.

(3) Schrimmer See

Vor mir breitet sich eine üppige Waldwiese aus; rechts leuchtet mir der Spiegel eines waldumstandenen kleinen See, des Plutno-Sees, entgegen, zu dem ich einen Abstecher mache. Dann kehre ich zurück und wende mich nach links, nach Süden. Auf einer Brücke überschreite ich den Bach, der den kleinen Plutno-See mit seinem größeren Bruder, dem Schrimmer See, verbindet und der mit goldgelben Wasserrosen schier übersät ist. Wieder steigt der Weg bergan; er ist wunderschön, denn er führt unter den Kronen alter Buchen dahin. Unter sie mischen sich Akazien, Birken und Fichten in buntem Wechsel, dazu erschallt unermüdlich des Finken munterer Ruf und das Zirpen der Grasmücke. An die Stelle des Waldes tritt offenes Feld; der Weg senkt sich, steigt aber bald in einer Hohlschlucht wieder aufwärts; auf der Höhe grüßen mich die Häuser des Dorfes Chalin, zu dem eine Kirschallee führt, deren Bäume sich unter der Last ihrer schmackhaften Früchte beugen. Ich durchquere den weitläufigen Gutshof von Chalin; vor dem ersten Dominialhause gewahre ich einen Wegweiser, der den Weg nach Kurnatowitze angibt. Ein schöner, schattiger Weg bringt mich in weniger Minuten an das Gestade des sogenannten Kleinen Sees, der eine fast runde Form hat; grünes Rohrdickicht umrandet ihn. Hübscher jedoch ist der Anblick, den wir genießen, wenn wir hinter dem Chaliner Gutshof den Privatweg einschlagen, der uns durch ein Wäldchen von Akazien, Kiefern und vereinzelten Pappeln auf die Landenge führt, die den Kleinen See von dem ansehnlichen Schrimmer See trennt (Bild 3). Hier schweift das Auge über den tiefblau gefärbten Spiegel des Sees; den Hintergrund bilden im Westen und Norden grüne Waldkulissen; links leuchten in der Mittagsglut die roten Ziegeldächer des Vorwerks Szrem, um das sich die wogenden Fluten goldiger Getreidefelder ausbreiten. Heiß brütet die Sonne, aber auf den Rohrsperling scheint sie keine Wirkung auszuüben, ungestört durch meine Nähe, lassen er und seine Gesellen unaufhörlich ihren eintönigen Schrei erschallen. Doch nun weiter zum Lawicaer See! Auf demselben Wege kehre ich zu der Kirschallee zurück, erstehen bei dem Pächter für wenige Pfennige eine reichliche Menge Kirschen, die bei Sonnenglut dem durstenden Wanderer so köstlich munden, und schlage den ersten Weg ein, der hinter dem Dorfe sich nach links wendet. Da er am Waldesrand sich hinwindet, muss ich im hellen Sonnenlicht wandeln. Schon nach einer Viertelstunde blinken aus der Tiefe die Fluten des Großen Lawicaer Sees zu mir empor. Alte Kiefern, Buchen und Akazien bilden die Umrahmung des Sees, riesige Wachholderstämme füllen den Zwischenraum zwischen den einzelnen Stämmen aus. In der Nähe des Gutes Lawica treten an die Stelle des Waldes Getreidefelder; an ihrem Rande sind Gesteinstrümmer aufgehäuft, die die Gletscher der Eiszeit aus dem fernen Norwegen hier abgelagert haben. Hier ist der Anblick des Sees wunderschön (Bild 4). Aus den Fluten hebt sich eine mit Laubwald bedeckte Insel; über sie hinweg fliegt das Auge zu den Ziegeldächern der Gebäude, die zu dem Vorwerk Popowo gehören; ihr Rot hebt sich freundlich von dem dunklen Waldesgrün ab. Eigentümlich ist die Färbung des Sees; an seinen Rändern ist er dunkelblau; heller, fast stahlgrau ist er in seiner Mitte. Eine Schar Taucher durch rudert die Flut, bald senken sie sich in die Tiefe, bald erheben sie sich bis zur Brust wieder zur Oberfläche empor.

(4) Großer Lawicaer See

(4) Großer Lawicaer See

Aber mein Weg soll mir noch weiter die eigentümlichen Reize unserer Posener Heimat enthüllen. Ihr Wahrzeichen sind im Allgemeinen die dunklen Hallen der Föhrenwälder, in denen sich über den kerzengerade emporragenden Säulen die breit ausladenden Kronen in kräftigem Grün, vom Winde leicht bewegt, wiegen. Und wie herrlich ist ihr Anblick, wenn ihre Stämme, von den ihr Nadeldach durchdringenden Sonnenstrahlen getroffen, in rötlichem Glanze leuchten. Nicht undurchdringliches Dunkel umgibt uns, sondern eine den Augen wohltuende Dämmerung; so erfüllt uns auch bei der Durchwanderung eines Kiefernwaldes nicht das Gefühl des Bedrücktseins, sondern das Gefühl eines das Herz besänftigenden Friedens.,

Doch ich muss meinen Wanderstab weiter setzen. An dem großen Gutshofe vorbei, den nach der Straße zu die geräumigen Stattgebäude abschließen – zu ihrem Bau sind die hier massenhaft auftretenden Granitblöcke verwandt -, geht es bald in die Tiefe. Ich durchquere die Niederung, durch die der Abfluss des Lawicaer Sees seinen Weg zum Janukowo-See nimmt. Vor dem Vorwerk Popowo gesellt sich mir ein Förster bei, ein Pole, der mir erzählt, der sei  Jahre lang im Rheinland in Stellung gewesen; seine jetzige Stellung beim dem polnischen Besitzer von Lawica habe er gekündigt; nie werde er wieder bei einem Polen in Dienste treten.

Die folgende Wegstrecke ist ziemlich langweilig; sie führt durch weite Getreidefelder, bis ich die Brücke bei Popowo betrete. Hier folge ich dem Wegweiser nach links, um zu der Pruschimer Mühle zu gelangen. Endlich nimmt mich wieder Wald auf, in dem das düstere Grün der Kiefern durch das lichte Grün der Akazien gemildert wird. Das Vorkommen dieser mit dem kärglichsten Boden sich begnügenden Baumart deutet schon auf den sandigen Boden hin, über den ich jetzt wandeln muss. Der Weg geht in die Tiefe; kaum aber habe ich das Wäldchen durchmessen, so steigt er wieder steil zur Höhe hinan. Oben angelangt, entschädigt mich für die bisherige Mühe ein anmutiges Panorama. Am längsten und liebsten ruht mein Blick auf dem stillen Waldsee, der rechts aus der Tiefe in den Strahlen der Sonne freundlich lächelt.

Nur wenige Minuten vergehen, und ich steige wieder in die Tiefe hinab, wo in einem friedlichen Tale die Pruschimer Mühle vor mir liegt. Hier entschließe ich mich, im schattigen Garten ein Stündchen zu raten. Wie köstlich schmeckt das Glas Milch, das mir vorgesetzt wird, und der bescheidene Mundvorrat, den mein Rucksack mir bietet! Schon ist es vier Uhr nachmittags, und den ganzen Tag habe ich noch keine Gelegenheit gehabt, in einem Gasthause zu weilen. Wie wohltätig für die Bevölkerung auch der Mangel an Wirtshäusern sein mag, der Tourist wird sie schwer vermissen; denn angenehm ist es gerade nicht, wie ein wandernder Handwerksbursche auf die Mildtätigkeit seiner Mitmenschen angewiesen zu sein.

Nachdem ich mich ein Weilchen ausgeruht hatte, führte mich der Mühlenknappe über eine mit Kartoffeln bestellte Anhöhe bis zu einem Punkte, wo ich in der Tiefe den dunkelblauen Mühlensee erblickte. Rechts und links umhegt ihn der grüne Wald, nach Südosten liegt er offen da, denn hier haben die Wohnstätten des schmucken Dorfes Pruschim Platz gefunden. Dieses Dorf ist zwischen zwei Seen gelegen, unserem Mühlen- und dem Kuchensee. Diese seine Lage hat es veranlasst, dass Pruschim gern von Ausflüglern und Amateurphotographen aufgesucht wird, und ich muss gestehen, dass diese Vorliebe voll berechtigt ist.

Der Mühlenknappe wanderte, nachdem ich mich mit Dank in der Pruschimer Mühle verabschiedet hatte, noch ein Stück mit mir. Wie angenehm geht es sich in der beginnenden Abendkühle durch die grünen Matten, die ihre Kraft dem sie durcheilenden Fluss verdanken! Auf ihnen lagerten wohlgenährte, behaglich wiederkäuende Rinder.

Wir hielten uns links am Rande des Waldes, in dem Erlen und Birken, Fichten und Kiefern sich zu einem das Auge erfreuenden Ganzen zusammengeschlossen haben. Auch nachdem mein freundlicher Begleiter mich verlassen, geht es weiter durch das dichte Waldgewirr, wo der wilde Hopfen übermütig sich an den Bäumen emporrankt. Der Steg wird zum Promenadenwege, einzelne Spaziergänger gehen in behaglichem Schritte, sich der Schönheit der Natur erfreuend, an mir vorüber, alles Anzeichen, dass ich mich einem Vergnügungsorte nähere. Und in der Tat, es ist so; denn plötzlich taucht die teichartige Verengerung des Lubiwitz-Sees vor mir auf. Zahlreiche Ausflügler aus Birnbaum und den Nachbarorten haben den schönen Sonntagnachmittag dazu benutzt, hier ihren Kaffee einzunehmen oder am Ufer des Sees zu angeln. Der Spiegel des Sees ist ganz eigentümlich gefärbt; auf seiner östlichen Seite schimmert er stahlgrau, auf meiner, der westlichen, grünlich. Es  ist ein wunderhübsches Fleckchen, auf dem die Kolnoer Mühle ihren Platz gefunden; mitten in der vollen Pracht eines Buchenwaldes liegt sie inne, dazu kommt der Reiz, den die mit Seerosen geschmückte Oberfläche des stillen Weihers biete, dessen Fluten, von einem leisen Westwinde bewegt, in dem Schilfröhricht eine Zufluchtsstätte zu suchen scheinen. Hier konnte ich endlich nach Herzenslust den Bedürfnissen des Magens Genüge tun. O ihr Schlemmer der Großstädte, denen vor Übersättigung schließlich nichts mehr schmeckt, macht es wie ich, wandert einmal tagelang durch Wald und Heide, begnügt euch mit den einfachsten Speisen, und auch euch wird ein Schinkenbrot ein lukullisches Mal dünken!

Von der Kolnoer Mühle wandte ich mich nach einem längeren Aufenthalte nach links, schritt am Garten die steile Straße bergan und schlug den links abbiegenden Fahrweg ein, der, von Obstbäumen eingefasst, mich durch wogende Getreidefelder und ein kleine Laubwäldchen in der kurzen Zeit von einer Viertelstunde nach Kulm führte. An der Brennerei schlug ich die Richtung nach links ein, kam an der Gärtnerei und einem prächtigen Parke vorbei und nahm bei der Ziegelei meinen Weg (rechts) zum Großen Kulmer See. Die folgende Wanderung bildet den Glanzpunkt meiner Wanderung. Es ist hier, das kann ich, ohne mich einer Übertreibung schuldig zu machen, sagen, wirklich reizend. Nicht umgeben, wie wir es sonst in unserer Heimat gewöhnt sind, düstere Kiefern den Kulmer See, sondern stolze Buchen. Wenn die Föhren der Seelandschaft einen eigentümlichen herben Reiz verleihen, so wirken die in weitem Abstande von einander emporstrebenden Buchen freundlich und lassen unsere Herzen fröhlicher schlagen.

Wie die meisten Seen unserer Heimat ist auch der Kulmer See von einer Schilfwand eingefasst; in seinen nur leicht wogenden Fluten spiegeln sich die stolzen Stämme der Buchen. Der Fußpfad, von niedrigen Akaziensträuchern eingefasst, erweitert sich zu einem Promenadenwege. Links zweigt sich ein Steig ab, der an einem kleinen (unbenannten) See entlang und bald in die Tiefe führt. Eine uralte Eiche ragt einsam empor, aber ist gewissermaßen nur ein Vorposten; denn bald umfängt mich ein ganzer Eichenwald schirmend mit seinem Schatten. Auf einem Bohlensteg überschreite ich einen kleinen Bach und werfe hier noch einen Rückblick auf den lieblichen Waldsee, von dem ich nun scheiden muss. Ein aus Kiefern und Eichen gemischter Waldbestand, ein köstlicher Anblick durch den Gegensatz, den die beiden Baumarten bieten, nimmt mich auf, dem dann wieder reiner Eichenwald, eine in unserer Heimat so seltene Erscheinung, folgt. Fröhlich musizieren die Vöglein des Waldes; als ihr Konzertmeister, der den Ton angibt, fungiert natürlich Herr Fink. Wo der Weg zur Tiefe sich neigt, genieße ich den Ausblick auf zwei Seengebilde, nach rechts auf den Großen Kulmer, nach links auf den Bielskoer See. Gerade hier erhebt sich ein großer Eichenbestand, auch treffe ich hier wieder auf Scharen von Ausflüglern, die sich unter dem dichten Blätterdache gelagert haben. Eine Brücke führt mich über den Abfluss des Kulmer Sees zu dem Bielskoer See. Unmittelbar hinter ihr bemerke ich einen Fußpfad, der nach dem Dorfe Bielsko führt. Anfangs begleitet mich zu meiner Rechten Fichten-, links Laubwald, vor allem Eichen, noch einmal tritt der Pfad ganz nahe an das Nordufer des Bielskoer Sees, ein Bild des Friedens, das ganz mit der feierlichen Abendstimmung harmoniert, dann schreite ich auf sandigem Pfade Bielsko entgegen, über das, weithin sichtbar, auf ragender Höhe, die Windmühle des Dorfes sich erhebt. Es ist ein stattliches Dorf, dessen massiv gebaute Häuser zum großen Teil durch Vorgärten von der nach Birnbaum führenden Chaussee getrennt sind. Im Ganzen hatte ich 1 ¼ Sunde von der Kolnoer Mühle bis nach Bielsko gebraucht. Da ich an diesem Abend des Zuges mich im Wartesaal noch ausruhen konnte. Vorteilhafter aber ist es, in Birnbaum zu übernachten und erst den Frühzug zur Fahrt nach Kwiltsch zu benutzen.

3. Das Gebiet der Oschinitza

Die im Osten des Posener Paradies gelegenen Seen gehören mit Ausnahme des Großen Sees (bei Pakawie) und des Krzywien-Sees zum Gebiete der Oschinitza. Ihre Quelle finden wir südlich von Orzeschkowo, jenem Dorfe, wo bekanntlich eine ursprünglich polnisch-reformierte Gemeinde sich befindet. Als Kwiltscher Fluss strömt dieses Flüsschen nach Nordosten, mündet zunächst im Großen Bialscher See, verlässt diesen unter dem Namen des Luttomer Fließes, durchströmt den Großen Luttomer See und mündet bald darauf als Oschinitza östlich von Zirke in die Warthe.

Dieses Gebiet umfasst die größten Seengebilde  des Posener Paradieses.

Ich beginne meine Wanderung bei Kwiltsch. Einen ausgezeichneten Führer durch das Kwiltscher Fließ besitzen wir bereits in der Programmabhandlung des uns Posenern durch den Tod zu früh entrissenen Direktors Schild „Zwischen Warthe und Obra“ (Meseritz 1906), der als Beispiel für die wechselnden Reize dieser Landschaft eine genaue Schilderung der Strecke Kwiltsch bis Groß- und Klein-Lenschetz entwirft. Und keiner war berufener als Schild, einen Führer durch das Posener Paradies zu schreiben, da er durch seine Gemahlin hier eine zweite Heimat gefunden hatte.

Am Ende des heutigen Dorfes, der früheren Stadt Kwiltsch, gelange ich zu dem in einem hübschen Parke gelegenen Schlosse, dem Stammsitze der durch ihren Erbschaftsprozess bekannten Familie Kwilecki, und dann an dem geräumigen Gutshof vorüber, deren Gebäude aus den hier so häufig vorkommenden Granitsteinen errichtet sind. Am Ende des Dorfes erblicke ich in der Tiefe zu seiner Rechten den Kwiltscher See, der im allgemeinen ziemlich flache Ufer hat, nur im Nordosten wird er von einem höheren waldgekrönten Hügel begrenzt. Der Kwiltscher Gutsbezirk bildet einen anmutigen Abschluss des Sees im Süden, sonst ist er nur von Getreidefeldern eingerahmt.

Das Gelände wird recht hügelig. Der erste rechts von der Chaussee abbiegende, mit stattlichen Kastanien besetzte Feldweg führt in die Tiefe nach der Kwiltscher Mühle. Der weitere Weg leite über eine kleine Matte zum Wehr am Mühlenteiche, „der verschwiegen, mit Mummeln bedeckt, daliegt.“ Durch das links vom Wohngebäude des Mühlenbesitzers befindliche Tor erreiche ich einen Fußpfad, der an einem tief eingeschnittenen Tale, durch das der erlenumsäumte Bach jugendlich ungestüm dahin hüpft, entlang mich nach einer zweiten Wassermühle, der Leschnikmühle, führt. An einem Holzschuppen vorbei steige ich empor; der Weg gabelt sich. Ich schlage den rechts abbiegenden Weg ein, der, immer steiler ansteigend, mich durch Getreidefelder auf den höchsten Punkt der Gegend bringt, von dem aus ich mich eines recht lieblichen Ausblickes auf das in die Tiefe gebettete Tal erfreuen kann. Bei einer Wegkreuzung halte ich mich nach links und bin nach wenigen Schritten im „Buchenwald“. Langsam durchschreite ich diesen, leider nur kleinen, aber wirklich prachtvollen Wald, in dem die Finken unaufhörlich ihre Stimmen erschallen lassen. Am Ausgange des Waldes wird gelagert, das Frühstück eingenommen. Recht lange weile ich; denn vor mir liegt ungeschützt gegen die sengenden Strahlen der Sonne eine weite Ebene, deren Schmuck der Ähren goldener Wald bildet, während in der Tiefe, am Fließe, üppige Matten sich ausdehnen.

Aber ich muss weiter. Der Weg erweist sich als weniger langweilig, als ich gefürchtet hatte. Bald taucht ein kleines Kieferngehölz, bald ein Erlen umgürtelter kleiner Pfuhl vor meinen Augen auf, vor allem aber reiht sich jetzt Wassermühle an Wassermühle, der Neumühle folgt die Ober-, dieser die Mittel- und dieser endlich die Unter-Mühle.

Nach Schilds Vorgange verlasse ich das Tal bei der weinumrankten Mittelmühle, wo mich eine erbarmende Hand mit einem Glase kühlem Wasser erquickte. Hinter dem von Schilf und Erlen umkränzten Mühlenteiche, auf dessen Oberfläche Wasserrosen ihr goldiges Haupt schaukeln, und an seinem Wehr steige ich rechts die Höhe zum Dorfe Moschiejewo empor. Ich überschreite eine Brücke, unter der ein laut plätschernder Bach dem Tale zueilt, gehe an dem neuen schloßartigen Herrenhause vorbei, in dessen Parke auf einem kleinen Teiche Enten munter dahinschwimmen und durcheile das Dorf. An seinem Ende stehe eine Boza Meka und vor ihr ein Wegweiser. Ich schlage den Weg (links) nach Groß-Lenschetz ein. Wieder geht es bergauf und bergab; an der höchsten Stelle erquickt mich der prächtige Ausblick auf die nördlich liegende Landschaft. Aus der Ferne grüßt mich der weißleuchtende Kirchturm von Groß-Luttom; aus der Tiefe schimmern die Fluten seines Sees; in noch größerer Entfernung ragen im Norden die nördlich der Warthe sich erhebenden Anhöhen empor. Ich steige wieder talabwärts und erreiche die Chaussee, die Verbindungsstraße Wronkes mit Kwiltsch. Schild erwähnt in seiner Programmabhandlung, dass in der Nähe des das Tal durchquerenden hohen Chausseedammes im Kwiltscher Bache ein mehrere Meter hoher erratischer Block liege. Trotz alles Suchens und Nachforschens bei den umwohnenden Menschen konnte ich aber leider keine Spur von ihm entdecken. Ob er aus seiner Lage entfernt und gesprengt worden ist?

Durch die langen Nachforschungen war aber der Vormittag vergangen, und ich musste mich beeilen, wenn ich in dem Gasthofe von Groß-Lenschetz mir noch ein Mittagsmahl sichern wollte.

(6) Bialokoscher See, am Werder

Einige Stunden ruhte ich mich hier aus, dann zog ich aus zu einem Besuch des langgestreckten Bialokoscher Sees. Vor dem Wege, der von Groß-Lenschetz den Verkehr nach Pinne vermittelt, zweigt sich bald hinter dem Gutshofe nach links eine mit Apfelbäumen bestandene, durch ihren vorzüglichen Zustand mich erfreuende Allee ab. Vier Kilometer marschiere ich auf ihr durch Getreidefelder hügelan und hügelab, überschreite einen zum See rinnenden Bach, und nun geht es in die Höhe, in den Wald, in dem sich unter die dunkleren Föhren graziöse, hellere Fichten und knorrige Eichen drängen. Rechts und links tiefe Schluchten. Stets halte ich mich links; ein Fußsteig, der mich in die Tiefe führt, kürzt den Weg ab. Zur Linken taucht hin und wieder der Bialokoscher See vor meinen Blicken auf. An einem kleinen Weiher, aus dessen schwärzlich-grünem Wasser die Frösche gutes Wetter prophezeien, biege ich nach links ab. So marschiere ich lange, lange Zeit durch den herrlichen Wald, nasche hin und wieder von den rötlich aus dem Grase schimmernden Erdbeeren, höre zu meiner Rechten das laute Krähen eines Hahnes – bald werden die Häuser des Vorwerkes Polkes sichtbar -, bis ich auf eine Rieseneiche stoße, die hart am Wege steht. In ihrer Nähe führ ein Pfad zum See und zu einer weit in das Wasser hinausragenden Halbinsel, dem sog. Werder (Bild 6). Hier erfreue ich mich an einem lieblichen Bilde. Nichts als Wasser und üppiger Laubwald. Am Schilfesrande ladet ein Kahn mich zur Ruhe ein; aus dichtem Blättergewirr tauchen gelbe Mummeln empor; tiefe Schweigsamkeit und Waldeseinsamkeit um mich herum, nur der Vögel fröhlicher Sängerchor lässt seine Weisen ertönen. Nur an einer einzigen Stelle unterbricht am jenseitigen Ufer das kräftige Rot eines Ziegeldaches – das Haus gehört zu dem Dorf Bialokosch – des Waldes Grün. Wie ruht es sich so gut im erquickenden Schatten des Waldes, wenn der Wind leise durch die Rohrwipfel säuselt und der Rohrsperling laut über den Eindringling in seinem Gebiet schimpft!

(5) Bialokoscher See am Otterwerder

Bald jedoch greife ich wieder zum Wanderstab, lenke meine Schritte bald durch offenes Gelände, bald durch einzelne Waldparzellen, bis ich zu einer über die sog. Mianka führenden Brücke kommen, wo ein Wegweiser uns die Richtung nach Bialokosch und zugleich zu den Schanzenbergen angibt. Tüchtig heißt es hier kraxeln. Bei Schlag 3, wo der Fahrweg nach Südosten führt, ist eine Schneise, die ich benutze, um zu der Höhe der Schanzenberg zu gelangen. 23 Meter erhebt sich diese waldbedeckte Anhöhe über dem Seespiegel, doch eine Aussicht ist nur nach Norden über den See hin vorhanden. Auf einem Fußpfade steige ich zum See selbst hinab. Freundlich ist der Anblick, der sich mir bietet. Aus den Fluten des Sees taucht hier eine schilfumsäumte, mit Wald bedeckte Insel auf; nach Norden wir unser Blick gefesselt durch eine weit in den See hineinragende, mit Laubwald geschmückte Halbinsel, den sog. Otterwerder (Bild 5) Mädchen, die auf dem Wiesengelände des Sees mit dem Zusammenharken des Heues beschäftigt sind, augenblicklich aber ausruhen und sich an einer Kanne Kaffee laben, frage ich, ob ich unmittelbar an dem See einen Weg nehmen könne. Sie bejahen meine Frage, und ich vertraue ihnen. Bald aber tritt der Hang der Höhen so nahe an das hier recht sumpfige Ufer heran, dass ich gezwungen bin, mühsam, von Baum zu Baum zu greifend und an ihnen eine Stütze suchend, nach oben zu klettern und den Fahrweg wieder aufzusuchen, den ich törichterweise, Weiberworten trauend, verlassen. So nehme ich denselben Rückweg, den ich auf dem Hinwege benutzt hatte; jetzt aber geht es schneller vorwärts, da ich ja mir bereits bekannte Pfade wandle und auch der Himmel sich drohend bewölkt hat. Da ich aber als nächstes Ziel meiner Wanderung das Dorf Klein-Lenschetz ausgewählt habe, setze ich meinen Weg bis zu dem Nordende des Sees fort, dessen Länge über drei Kilometer beträgt, während er zwischen dem Werder und dem Otterwerder die ansehnliche Breite von vier bis fünf Kilometern besitzt. Hier an seinem offenen Nordrande konnte ich mir erst ein Urteil über seinen imposanten Umfang bilden. Soweit das Auge nach Süden blickt, ist nichts als Wasser zu sehen, und ringsum ragt der prächtigste Wald empor. Der Bialokoscher See gehört zu den schönsten unserer seenreichen Heimat. Hören wir, was Friedrich Schild über ihn schreibt: „Am Ende des Tales ragen einige kahle Pyramidenpappeln empor. Dort kommt der Bach heraus aus dem langen Bialokoscher See. Bald taucht er vor uns auf mit seinen vielen Buchten und hohen waldigen Ufern wie ein breiter Strom, belebt von zahlreichen Enten, von Tauchern, die die Jungen auf dem Rücken tragen, und Wasserhühnern. Hoch über den Bäumen schwebt, auf den See nach Beute spähend, schreiend die Rohrweihe. So könnte unsere Wanderung weiter gehen um das schöne hügelige Westufer des Sees mit dem Otterwerder und den Schwedenschanzen…“

Über hügelige Gelände, an einem Kiefernwalde vorüber, dann durch Getreide- und Kartoffelfelder schreite ich dem kleinen, etwa vier Kilometer nordwestlich vom Nordende des Bialokoscher Sees gelegenen Dörfchen Klein-Lenschetz entgegen. Einige Häuser, die zu Klein-Bialokosch gehören, bleiben rechts liegen. An der höchsten Stelle des Weges biete sich dem Wanderer eine herrliche Aussicht, die leider heute durch das trübe Wetter einigermaßen beeinträchtigt ist. Zu meiner Linken blinkt der Spiegel des Chrzypsko-Sees auf, links schimmert ein zweites Seebecken, der Gr.-Bialscher See, den Schild mit einem der Meeraugen in den Karpathen vergleicht; über den kurzen eckigen Turm und das breite, rote Dach der katholischen Kirche des Dorfes Gr.-Chrzypsko reicht unser Auge bis weit nach Norden zu den Warthehöhen. Bei dem Weiterschreiten liegt der ansehnliche Chrzypsko-See mit seinen drei Inseln in der Tiefe klar und übersichtlich wie eine Zeichnung unter mir. Nun steige ich zu dem malerisch am Bergeshang gelagerten Dörfchen Klein-Lenschetz mit seiner Mühle und seinen Dominalhäusern hernieder. Ein plötzlicher Regenguss nötigt mich, in der primitiven Schenke ein kurzes Obdach zu suchen.

Sobald der Regen nachgelassen hat, setze ich meinen Marsch fort. Bei dem Standbild eines Heiligen, das am Ende des Dorfes seine Aufstellung gefunden hat, geht rechts ein Fußpfad ab, der – er ist recht sandig – mich anfangs durch gemischten Waldbeststand, dann durch eine Schonung und endlich durch ödes Feld in einer halben Stunde nach Gr.-Chrzypsko geleitet, das mir schon lange sichtbar geworden ist, da seine Kirche, auf einem Hügel erbaut, hoch über die Umgebung emporragt. Da das neu erbaute Gasthaus des großen Dorfes, das außer der katholischen Kirche auch ein evangelisches Kirchlein und eine katholische und evangelische Schule enthält, noch nicht völlig eingerichtet ist, machte ich von der freundlichen Einladung des evangelischen Kantors, den ich vor einigen Tagen in Zirke kennen gelernt hatte, Gebracht, finde in seinem Hause die freundlichste Aufnahme und anregende Unterhaltung.

Am nächsten Morgen breche ich von Groß-Chrzyposko nach einem herzlichen Abschiede von der liebenswürdigen Kantorfamilie auf. Mein Weg führt mich an der altertümlichen, im spätgotischen Stile erbauten katholischen Kirche vorbei. Um nach dem Dorfe Schrodke zu gelangen, benutze ich die nach Wronke führende Chaussee. Links bleibt der Bahnhof liegen, rechts weidet mein Auge noch einmal der Anblick des so leicht zu übersehenden Sees. Nur an einer Stelle tritt der Wald unmittelbar an den See, sonst umfassen ihn nur einzelne Bäume, die allerding ziemlich geschlossen den See umgeben. Es ist ein fruchtbares Gelände, durch das ich wandre, auf den Wiesen belebt durch zahlreiche weidende Rinderherden.

(7) Großer See bei Mylin

(7) Großer See bei Mylin

Vor Schrodke nimmt das Terrain einen welligen Charakter an. Die Chaussee nähert sich bei diesem Dorfe dem Küchensee, an dessen östlichem Ufer eine Brennerei emporragt; an diese schließt sich der Gutspark an, aus dessen grünen Bäumen das Herrenhaus hervorlugt. Auch der Küchensee hat einen dichten Schilfgürtel, aus dem das misstönende Geschrei der Taucher ertönt. Die flachen Ufer umkränzen teils einzelne Weiden, teils kleine Kieferngehölze. Die aus den Wolken brechenden Sonnenstrahlen lassen das Seebild recht freundlich und lieblich erscheinen. Zu meiner Linken ruht ein weidenumstandener Weiher, in dem die Frösche ein Freikonzert geben. An ihm beginnt der Fußpfad, der mich unmittelbar an den Großen See und an einem an dieser Stelle stehenden freundlichen Bauerngehöft vorbei, dessen ordentlich und sauber gehaltener Gemüsegarten mich erfreut, in nordwestlicher Richtung nach Mylin bringen soll. Der Pfad führt mich aufwärts; von der Höhe kann ich mich an dem prächtigen Ausblick weiden, der sich mir hier darbietet. Vor mir ruht mein Auge auf der größten der drei waldigen Inseln, die den Großen See schmücken (Bild 7). Hinter ihr baut sich ein weiter Buchenwald auf, nach Westen bietet sich ein hübscher Fernblick über den Radziscewer See auf das große Waldgebiet mit den vorgelagerten Dörfern, das sich von Neubrück bis nach Zirke erstreckt.

Etwa 2 ½ Kilometer musste ich noch zurücklegen, bis ich in dem sauberen Bauerndorf Mylin eintraf. Der Eindruck, den ich von ihm erhielt, war recht günstig. Gleich das erste Haus war mit Efeu umrankt; den Vorraum nahmen recht geschmackvolle Gartenanlagen ein. Auch die übrigen Häuser waren massiv, Gardinen hingen an den Fenstern, freundliche Vorgärten, in denen nach echt bäuerlichem Geschmack rote Nelken und gelbe Feuerlilien um die Herrschaft stritten, legten unbestreitbar Zeugnis von dem Schönheitsgefühle der Bewohner ab. In der Nähe der Schule winkte das Blau des Radziscewer Sees zu mir herüber. Auf einer Brücke überschreite ich einen stark strömenden Bach, den Abfluss des Großen zu dem Radziscewer See. Am Ende des Dorfes, wo ein hehres Christusbild den Menschen aus den Mühen des täglichen Lebens emporhebt zu dem Gedanken an ein besseres Jenseits, schlage ich den Wege nach Klodzisko ein; er senkt sich in die Tiefe, führt durch moorige Wiesen, über eine primitive Brücke, dann, steil hügelan steigend, in einen ziemlich struppigen Kiefernwald. Der zweite Weg, der sich links abzweigt (bei Schlag 7), bringt mich in eine Schonung, an deren Ende ein Steig mich nach rechts führt. Das Landschaftsbild änder sich; an die Stelle kümmerlicher Kiefern treten Eichen und Birken, und aus ihnen schimmert mir zur rechten Seite der Spiegel des Schwarzen Sees entgegen (8). Dieser kleine Waldsee ist ein Kleinod unter den Seen des Posener Landes. Stark flutet er dahin; im Sonnenlicht erglänzt seine Oberfläche silberweiß; ein dichter Schilfwald umrahmt ihn; Mummeln bedecken ihn; die Fische schnellen im Sonnenschein empor; die Vöglein jubeln in den Zweigen des hohen, ausschließlich aus Laubbäumen bestehenden Waldreviers.

(8) Schwarzer See bei Mylin

Lange lagere ich mich an seinem Gestade, dann wir der Rucksack wieder über die Schultern gehangen und der Weg in östlicher Richtung fortgesetzt, bis ich zu einer Lichtung komme. Hier schlage ich den nach Norden führenden Weg ein, und schon nach wenigen Minuten erblicke ich einen neuen See, den Finiscewo-See, der freundlicher als der Schwarze See wirkt, da er wenigstens auf der Ostseite von Wald entblößt ist. An dieser Seite ist auch das Forsthaus gelegen, in dessen Garten ich meinen müden Gliedern Ruhe gönne und aus einer Quelle, deren Oberfläche aber recht trübe aussieht, meinen Durst lösche.

Schon brennt die Sonne recht heiß hernieder, als ich meinen Marsch fortsetze. Ich halte mich zunächst links, durchschreite ein Wäldchen, wo Eichen, Birken und Kiefern in buntem Wechsel nebeneinander stehen, während Haselnußsträucher und Farren ein dichtes Unterholz bilden, überschreite die Chaussee, und nun geht es hügelauf und hügelab durch Kiefernwald, bis ich auf eine Stelle stoße, wo drei Wege zusammentreffen. Ich wähle den rechten, und er erweist sich als der richtige; denn kurz darauf erblicke ich schon die an dem tief eingebetteten Kleinen See gelegene Försterei.

Der weitere Weg ist nicht mehr zu verfehlen; schon wird das Dorf Pakawie, über dem auf dem höchsten Punkte eine Windmühle emporragt, sichtbar. Hier gibt es zum vierten Mal während meiner Wanderung warme Wurst und Kartoffeln zum Mittagbrot. Auf die Dauer bekommt man dies Menü doch etwas über, aber Hunger ist der beste Koch, und ich sehe zu meinem eigenen Erstaunen, wie schnell die aufgetragene Portion dahinschwindet. Den Schluss der Mahlzeit bildet eine Tasse vorzüglichen Kaffees, den eine junge Anverwandte des Gastwirtes, eine Hamburgerin, die zu ihrer Erholung in Pakawie weilt, mir eigenhändig bereitet hat. Wie sollte auch eine Tasse Mokka, von einem so blitzsauberen Mädel kredenzt, nicht munden!

Nach zwei Stunden Weitermarsch nach Neubrück, wo ich meine Tour anfing. Steil geht der Weg zu dem Mühlenhügel empor, von wo ich noch einen letzten Abschiedsblick auf den lieblichen, in der Tiefe gelagerten, waldumrauschten Großen See werfe, dann schreite ich auf der Höhe dem höchstens 1 ½ Kilometer entfernten Poscharowo mit seinem neuen Schulhause und seinem prächtigen Gutsparke entgegen. Der weitere Weg ist aber außer der kurzen Strecke, die mich am Poscharowoer See entlang durch gemischten Wald bestand führte, so langweilig und sandig, dass ich jedem nur raten kann, den ihm schon vom ersten Wandertage bekannten Weg über Lubowo auch als Rückweg zu wählen.

In Neubrück erfolgt die Ankunft so zeitig, dass zur Rückfahrt nach Posen der um 5:47 Uhr von Antonswald abgehende Zug benutzt werden kann.

Wenn auch die Bezeichnung „Posener Paradies“ den Wanderer mit den höchsten Erwartungen erfüllen könnte, so wird sich doch jeder, der unsere Heimat nur einigermaßen kennt, keiner übertriebenen Illusion hingeben. Auch in dem „Posener Paradies“ gibt es Stellen, die durchaus nicht paradiesisch schön sind, wir sind eben in einem irdischen Paradies und in der Provinz Posen, aber das Gesamtergebnis einer Wanderung wird uns doch sicherlich befriedigen. Die stolze Waldespracht, die wir durchwandert haben, die freundlich lieblichen oder düster melancholischen Bilder, die seine Seen uns boten, sie werden uns doch zu dem Zugeständnisse nötigen, hier ist der schönste Teil unserer Heimat, hier ist in unserem Warthelande „das Posener Paradies“.