Eingemeindung des Grundstücks Glinau No. 234 mit Hindernissen – 1888

Amtsstempel des Magistrat zu Neutomischel

Amtsstempel des Magistrat zu Neutomischel

Im Jahr 1885 beschlossen die Herren Stadtverordneten , Jacob Cohn, Wilhelm Lutz, Berthold Männel, Adolph Männel, Gustav Toeffling und Ernst Tepper unter dem Vorsitzenden Herrn Bürgermeister Witte die “Inkommunalisierung mehrerer Grundstücke von Glinau in den Stadtbezirk Neutomischel.” Im Februar des Jahres 1886 war seitens der Kreisvertretung anerkannt worden, dass zur “Vereinigung derselben ein im öffentlichen Interesse nothwendiges Bedürfniß vorliegen würde”, sodass dieser Beschluß begonnen worden war umgesetzt zu werden.

Wir hatten in unserem Beitrag Erben der Eleonore Arlt, verw. Wandel, geb. Miegel – 1888, sie war die letzte eingetragene Besitzerin des Grundstücks Glinau 240 gewesen, schon einmal ausgeführt, dass das Einverständnis eines jeden Eigentümers der Grundstücke vorliegen musste um letztlich die Umwidmung zu vollziehen.

Ein weiteres Grundstück, welches zur Eingemeindung vorgesehen war, war das mit der Bezeichnung Glinau No. 234. Auch bei diesem war die ein oder andere Schwierigkeit zu überwinden.

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Dieses Grundstück Glinau No. 234 war im Jahr 1887 noch auf die zu diesem Zeitpunkt seit 25 Jahren verstorbene Wittwe Wilhelmine Strauss eingetragen gewesen.

Die Einholung der benötigten Zustimmungen zur Eingemeindungen wurde mit dem unter dem 20. Oktober 1887 verfassten Schreiben des Neutomischeler Magistrats an die Polizei Verwaltung in Stettin in die Wege geleitet. Diese sollte mit den dort sich aufhaltenden Erben

1. dem Bäckermeister Adolph Strauss und
2. der Louise Strauss verehelichte Eisenhardt

in dem “gedachten Sinne” – also einer Zustimmung – zur Umwidmung des Grundstückes von Glinau in den Stadtbezirk Neutomischel verhandeln. Desweiteren sollten sie Auskunft darüber einholen, ob der Aufenthaltsort des Bäckermeisters Berthold Strauss und der, der Pauline Krönert geborene Strauss bekannt sei, bzw. abklären ob die in Stettin lebenden Geschwister von diesen Vollmachten besitzen würden und berechtigt seien, bindende Erklärungen in deren Namen abzugeben. In diesem Ersuchen um Amtshilfe wurde geschrieben, dass “Pauline Krönert geborene Strauss in Australien verstorben sein sollte und festzustellen bleiben würde, wer deren Erben seien und wo diese wohnen würden”.

Bürgermeister Witte wies ausdrücklich darauf hin, dass “die Sache eilig sei” und er bat um “die größtmöglichste Beschleunigung”.

Der Stettiner Bäckermeister Adolph Strauss war am 26. Oktober 1887 in Neutomischel gewesen, um das Grundstück zu veräußern, dieser Verkauf war jedoch, es wurde keine weitere Ausführung hinsichtlich der Gründe darüber gemacht, nicht zustande gekommen.

Somit verzögerte sich die Angelegenheit bis in den November 1887.

Der Magistrat drängte nun wiederum bei der Stettiner Polizeiverwaltung entschieden darauf, dass er die Erklärungen aller Strauss’schen Erben benötigen würde und dieses nunmehr umgehend zu erledigen sei. Adolph Strauss teilte daraufhin den Behörden die Adresse seines in jener Zeit in Berlin ansässigen Bruders mit und erklärte auch, dass er, da seine Schwester verstorben sei, seinen Schwager in Australien angeschrieben habe, um eine Vollmacht von diesem zu erhalten, um dessen Interessen dann ebenfalls entsprechend wahrnehmen zu können. Weiterhin erklärte er, dass er persönlich mit der Vereinigung des Glinauer Grundstücks, dessen Mitbesitzer er sei, zum Stadtbezirk Neutomischel einverstanden sei.

Aus Berlin traf im Dezember 1887 die Einverständniserklärung des dort ansässig gewesenen Bäckers Berthold Strauss ein.

Seitens der Louise Eisenhardt geborene Strauss war in dem geführten Schriftverkehr nur zur finden, dass sie unter der angegebenen Adresse in Stettin nicht mehr wohnhaft gewesen war und ihr Aufenthaltsort auch nicht bekannt sein würde. Eine Zustimmungserklärung oder ähnliches fand sich nicht.

Im Januar 1888 wurde das Königliche Polizei Directorium in Stettin erneut aufgefordert bei Adolph Strauss nachzufassen, ob die Vollmacht aus Australien eingegangen sei. Er erklärte, dass er ein solche nicht erhalten habe. Die Angelegenheit verzögerte sich somit weiter. Im April des Jahres 1888 war noch immer keine Vollmacht aus Australien eingetroffen; vielmehr erklärte Adolph Strauss nun, dass eine solche nicht zu beschaffen sei.

Im Mai 1888 findet sich im Akten Konvolut dann folgendes Protokoll:

“Verhandelt Neutomischel, den 3. Mai 1888 – Heute erschienen:

1. der Bäckermeister Herr Emil Schäfer von hier, 33 Jahre alt, evangelischer Religion
2. der Klempnermeister Herr Otto Aldefeld aus Glinau, 52 Jahre alt, evangelischer Religion

Beide geben die übereinstimmende Erklärung ab:

Wir versichern an Eidesstatt, daß die ohne letztwillige Verfügung verstorbene Wittwe Wilhelmine Strauss, welche zur Zeit noch als Besitzerin des Grundstücks Glinau No. 234 eingetragen ist, nur die folgenden vier Kinder:

a. den Bäckermeister Adolph Strauss zur Zeit in Stettin wohnend
b. die Louise Strauss verehelichte Eisenhardt in Stettin
c. den Bäcker Berthold Strauss in Berlin und
d. die Pauline Strauss verehelichte Krönert, welche in Australien aufhaltsam gewesen und dort verstorben sein soll,

als ihre alleinigen Erben hinterlassen hat und daß uns außer diesen genannten vier Kindern nähere oder gleich nahe Verwandten oder Erben der Wittwe Wilhelmine Strauss nicht bekannt sind.
Comparent ad 1. erklärt noch, daß sein Vater und die verstorbene Wilhelmine Strauss Geschwister waren, und daß er deshalb mit den Familienverhältnissen der Wilhelmine Strauss vollständig vertraut sei.”

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Der im Staatsarchiv in Poznan zu dieser Angelegenheit verwahrte Schriftverkehr endet hier.
War letztlich mit den vorliegenden Einverständniserklärungen und den gemachten eidesstattlichen Erklärungen die Eingemeindung vollzogen worden ?

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Die eidesstattliche Erklärung des Emil Schäfer und des Otto Aldefeld ermöglichte weitere Recherchen hinsichtlich der Angehörigen der Familie Strauss:

Der Bäckermeister und Gastwirt Emil August Schäfer geb. 1854 war der Sohn des Johann Gottlieb Schäfer (*1799 in Glinau) und dessen 2ter Ehefrau, der Amalie Arndt (*ca. 1825 in Posen).

Die Wittwe Wilhelmine Strauss war somit die im Jahre 1801 geborene Johanna Wilhelmine Schäfer, welche im Jahr 1823 den seinerzeit aus Czermin stammenden Hauslehrer und späteren Lehrer in Neutomischel Johann Gottfried Strauss geheiratet hatte. Anhand der Geburtseinträge ihrer Kinder ist anzunehmen, dass das Paar bis 1828 in Neutomischel ansässig gewesen ist bevor eine Übersiedlung nach Schwersenz erfolgte. Dort war Johann Gottfried Strauss als Kantor und Lehrer, vermutlich bis zu seinem Tod, tätig gewesen.

Geschätzt fällt in die Zeit (1829-1837) der Übersiedlung die Geburt der Tochter Ottilie Wilhelmine. Im Eintrag ihrer Eheschließung im Jahr 1858 wurde geschrieben, dass sie als älteste Tochter ihrer Eltern galt und 27 Jahre alt gewesen sei; dieses würde ein Geburtsjahr um 1831 bedeuten.

Johanna Wilhelmine Strauss geb. Schäfer verstarb als Wittwe im Dezember 1862 in Glinau. Im Kirchenbuch in ihrem Toteneintrag findet sich, dass sie “2 majorene und 2 minorene” Kinder hinterließ. Diese Eintragung erlaubt die Annahme, dass dieses

Ottilie Wilhelmine geb. um 1831 war.
Sie kommt eigentlich nur für die, in der Erbschaftssache als in Australien verstorben genannte, Pauline Krönert (geborene Strauss) in Frage. Sie heiratete am 19. April 1858 als hinterlassene, älteste Tochter des in Schwersenz bei Posen verstorbenen Cantors Gottfr. Strauss den Johann Carl August Krönert, nachgelassener jüngster Sohn des verstorbenen Johann Gottlieb Erdmann Krönert, Schönfärbers in Neu Tomysl. Das Alter des Bräutigams wurde mit 26 und das der Braut mit 27 Jahren angegeben. Unterstützt wird diese Annahme durch den beim Eheeintrag gemachten Vermerk: “sind nach Australien ausgewandert”. Warum sie in der Schiffsliste des am 25. April 1858 ab Hamburg nach Port Adelaide versegelten Schiffes “Grasbrook”, und auch in den anderen Unterlagen mit dem Vornamen “Pauline” genannt wurde, ist bzw. war zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch nicht bekannt; weiterhin

Adolph Theodor geboren 1837 in Schwersenz, verheiratet gewesen mit Maria geb. Duwe und als Bäckermeister in Stettin ansässig gewesen, dann

Louise Emilie geboren um 1840, verheiratet gewesene Eisenhardt und 1888 unbekannten Aufenthalts von Stettin verzogen und als letzter

Berthold geboren 1843 und als Bäckermeister in Berlin lebend

gewesen waren.

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/):Kopien der Kirchenbüchern der Parochie Neu Tomysl/Neutomischel; 2) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) Acta des Magistrats- und der Polizei-Verwaltung zu Neutomischel betreffend die Regulierung der Besitz und Grenzverhältnisse; 3) The Ships List (http://www.theshipslist.com/ships/australia/grasbrook1858.shtml) Passagierliste des Passage ab Hamburg per 25.04.1858