Einweihung des evangelischen Gemeindehauses in Bentschen – 1913

Bentschen - die ehemalige evgl. Kirche und das Gemeindehaus / Abb. "Zbąszyń na dawnej pocztówce"

Bentschen – die ehemalige evgl. Kirche und das Gemeindehaus / Abb. “Zbąszyń na dawnej pocztówce”

Im Neutomischeler Kreisblatt vom 03. September 1913 erschien lediglich eine kurze Meldung: ”

“Bentschen. Am Sonntag (31. August 1913) fand hier die feierliche Eröffnung des neuerbauten evangelischen Gemeindehauses statt.”

Etwas ausführlicher wurde über dieses Ereignis in der Zeitung “Ostdeutsche Warte – Nationale Tageszeitung für die Ostmark” berichtet.

Leider haben wir die Ausgabe vom Dienstag, den 2. September 1913 nur gefaltet und gelocht gefunden; beides Lochung und Falzung gehen auch durch den nachfolgenden Artikel, von uns ergänzte Worte sind kursiv geschrieben.

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Einweihung des evangelischen Gemeindehauses in Bentschen – Bentschen, 31. August.

Der heutige Tag war für unsere evangelische Gemeinde ein rechter Festtag, brachte er uns doch die langersehnte Eröffnung des neuerbauten Gemeindehauses. Fast vier Jahre hatte es gedauert, bis wir das für unsere Gemeinde so dringend notwendige Haus vor unseren Augen fertig sahen und nun heute mit Dank und Freude darin einziehen konnten.

Mehrere Pläne waren aufgestellt und wieder verworfen worden bis endlich das jetzt ausgeführte Projekt zur Annahme gelangte und die Billigung der beteiligten Behörden fand. Das äußerlich nur klein erscheinende, hinter alten Bäumen im Grünen liegende Haus steht im modernen Teil des alten Pfarrgartens an der Stelle, wo während der Kirchbauzeit vor 9 und 10 Jahren unter einem alten Nußbaum oft Gottesdienst im Freien abgehalten worden war.

Es ist in Anlehnung an den Barockstil der Kirche als Putzbau mit steilem Ziegelmansardendach ausgeführt, enthält im Erdgeschosse einen Konfirmandensaal und einen Saal für die Veranstaltungenn der kirchenlichen Jugendvereine, im Dachgeschosse ein kleineres Zimmer für kirchliche Zwecke und eine schöne sonnige Wohnung mit zwei Zimmern, Küche, Kammer und Zubehör; das Haus hat Wasserleitung und wird in allen Räumen durch Gasglühlicht erleuchtet.

Durch das Entgegenkommen der städtischen Verwaltung ist auf Kosten der Stadt vor dem Hause ein großer Kandelaber errichtet, der den Platz zwischen Kirche und Gemeindehaus jeden Abend hell erleuchtet.

Die Gesamtkosten des Hauses werden 16.000 bis 17.000 M. betragen, … der evangelische Oberkirchenrat gestiftet, 3.000 M. der Oberpräsident als zinsloses Darlehen gewährt und 7.500 M. von der Gemeinde als Darlehen aufgenommen worden sind. Dank der sorgfältigen Kassenverwaltung war dies möglich, ohne daß die Kirchensteuern erhöht zu werden brauchten. Der Rest der Baukosten ist durch Sammlungen und größere freiwillige Spenden aus der Gemeinde aufgebracht worden.

Heller Sonnenschein lag über dem Sonntage, dem schmucken Hause und der großen vielhundertköpfigen Gemeinde, die sich nachmittags um 3 Uhr auf dem Festplatze eingefunden hatte. Die Glocken läuteten, die Posaunen des Jünglingsvereins bliesen und die Gemeinde sang mit frohem Herzen ihr Loblied. In einer kurzen Rede wies der Ortspfarrer auf die Geschichte dieses Hauses hin: Erbauung durch die Gemeinde und betonte den Zweck des Hauses: Erbauung der Gemeinde, er zeigte die Bedeutung des neuen Hauses an den drei Sprüchen, die sein Inneres schmücken: die rechte Freude im Herrn für die Jugend und den rechten Frieden beim Herrn für die Alten.

Nach der Schlüsselübergabe durch den Erbauer, Baugewerksmeister Lienemann, an den stellvertretenden Vorsitzenden des Gemeindekirchenrats, Landschaftsrat v. Wenzel-Belencin, fand die Eröffnung durch den Ortspfarrer statt, worauf die Innenräume von einem Teil der Gemeinde und den Ehrengästen besichtigt wurden.

Um 4 Uhr hatten sich viele Gemeindeglieder, jung und alt zu einer Nachfeier im Adamschen Garten eingefunden. Der Posaunenchor des evangelischen Jünglingsvereins begleitete bei der Eröffnungs- und Nachfeier mit vollen Klängen die Lieder der Gemeinde, der Kirchenchor trug verschiedene Motetten vor, unter denen besonders das Lied “Jesus von Nazareth geht vorbei!”, das im Mittelpunkt der Nachfeier stand, Anklang fand. Superintendent Reisel aus Neutomischel sprach über den Zug, den die Kinder schon zum Herrn haben, und der von der Gemeinde gepflegt werden müsse, Kirche, Schule und besonders das Elternhaus haben hier große Pflichten. Pastor Moeller aus Posen sprach über ein geheiligtes gesundes frohes Jugendband an der Seite Jesu und ermahnte in warmen Worten die Jugend, Jesum als rechten Führer durch die Zweifel und sittlichen Sümpfe zu wählen. Pastor Rackow aus Tirschtiegel erzählte endlich von dem, was Jesus den Männern und Frauen und den Alten zu bieten habe, und zeigte an einigen Männer- und Frauengestalten aus der Bibel, wie Jesus jedem helfen könne und wolle. Um 7 Uhr hatte die schöne Gemeindefeier ihr Ende erreicht.

Möchte das neue Haus, das durch die Arbeit und Liebe der Gemeinde erbaut ist, nun auch die Gemeinde in ihrem inneren Leben recht aufbauen, und möchte es immer von Menschen, die helfen und sich helfen lassen wollen, voll sein.”

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Staatsarchiv Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)