Ernst Tepper Stiftung – zugunsten der Wasch- und Reinemachefrauen, dem Kinderfest und letztlich der Stadtentwicklung

Blick in die Hinterstrasse, der späteren Lange Strasse - Bild aus dem Maennel Archiv

Neutomischel, den 30. August 1915

In der Ernst Tepper’schen Testamentssache übersenden wir dem Magistrat auszugsweise Abschrift des Testaments vom 20. August 1913 nebst Abschrift des Schreibens vom 20. August 1913 gerichtet an die Commune Neutomischel. Seitens des g. Tepper ist zum Testamentsvollstrecker der Kaufmann Otto Tepper aus Neutomischel ernannt.

Gez. Jagemann

Im Archiwum Państwowe w Poznaniu -(Staatsarchiv Posen) – Fond: Akta miasta Nowy Tomyśl – Ernst Tipper- Stiftung -befindet sich ein Aktendeckel mit der Aufschrift ERNST TEPPER STIFTUNG, der unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Eines der ersten Dokumente beginnt mit vorgenannten Text. In und um Neutomysl waren die “Tepper” Familien zahlreich. Angehörige dieser Familien waren in allen Ständen zu finden, gleich ob als Schäfer, Eigenthümer also Landwirte, Hausbesitzer, oder auch als Tagelöhner. In den Anfängen der Stadt Neutomysl waren sie vornehmlich die Windmüller, welches bedeutet, dass sie als einflußreiche Bewohner galten. Auch war hier wieder zu finden, dass Geld mit bzw. gegen Grundbuchabsicherung verliehen wurde. Vermögende Einwohner übernahmen somit indirekt das erst später entstehende Bankwesen. Ernst Johann Friedrich Tepper, geboren am 08. September 1838 in Neutomysl als Sohn des Bürgers und Müllermeisters Johann Christian Tepper und dessen Ehefrau Johanna Carolina Juliana Schröter, er verstarb somit im Alter von fast 77 Jahren, machte diesbezüglich keine Ausnahme.

Nachstehend also in Auszügen, was weiter seit vielen Jahren ungelesen in diesem Aktendeckel vergessen war:

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Auszugsweise Abschrift – Eröffnet den 30. August 1915 Gez. Jagemann – Gerichtsassessor

Neutomischel den 20ten August 1913

Es ist mein ernster Wille hiermit mein Testament niederzuschreiben.

Ich habe eine einzige Tochter die verehelichte Margarethe Knobel als einzige Erbin (diese hat 2 Söhne) sonst habe ich weiter keine Erben; da die Margarethe Knobel eine schwächliche Person ist und in den letzten Jahren öfter leidend ist, so fühle ich mich genötigt über meinen Nachlass wie folgt zu verfügen

  1. der hiesigen Kommune „Stadt Neutomischel“ vermache ich 20.000 Mark (in Worten: zwanzigtausend Mark) in Hypotheken, über die Verwendung folgt beiliegendes Anschreiben an den Magistrat
  2. bis 4 pp

Gez. Ernst Tepper – Rentier & Stadtältester

Abschrift eröffnet am 30. August 1915 – Gez. Jagemann – Gerichtsassessor

 

Neutomischel den 20ten August 1913

An

die Commune Neutomischel

Blick in die Hinterstrasse, der späteren Lange Strasse - Postkarte aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

durch meinen Testamentsvollstrecker Kaufmann Otto Tepper hier, überweise ich der Commune Neutomischel 20.000 Mark (mit Worten zwanzigtausend Mark) in Hypotheken, um deren Annahme ich dem Magistrat durch dieses Anschreiben höflichst ersuche, die Zinsen bitte ich wie folgt zu verwenden

Ad 1) 300 Mark Zinsen sollen alljährlich an 20 Waschfrauen und Reinemacherfrauen (an denen es immer fehlt) die langjährig am Orte sind oder wohnen ohne Unterschied der Confession an ordentliche fleißige tätige und willige Frauen (nicht die verschämten) am 7ten Juni (Sterbetag meiner Frau) jeden Jahres mit je 15 Mark verteilt werden, diese sollen alljährlich durch das Kreisblatt aufgefordert werden sich zu dem Tepper’schen Legat zu melden, sollten sich zu wenig melden, oder es nicht wissen, dann bitte durch Umfragen die Zahl zu ermitteln. Sollten weniger Zinsen eingehen, oder weniger bedürftige da sein, dann bitte die Zahl zu reduzieren, in anderem Falle die übrigen Zinsen zu 3 zu stellen, sollten sich mehr Frauen melden, dann müssen die bedürftigsten und geeigneten, die aus keiner Kasse Unterstützung beziehen, herausgesucht werden, und die weniger bedürftigen im nächsten Jahre berücksichtigt werden.

Ad 2) bis 150 Mark bestimme ich alljährlich für das Kinderfest der hiesigen Stadtschulkinder zu verwenden

Ad 3) Die übrigen Zinsen 450-500 Mark je nach dem Zinsfuß sollen verwandt werden zur Anlegung von Wegen, Straßen, Promenaden, Zugängen, Verbindungen etc. an dem nördlichen und nordöstlichem Teil der Stadt, der sogenannten Fiege’schen und Röhl’schen Gärten, die schon Baustellen bilden und wo Verbindungen mit der Langen Straße herzustellen sind, das sind die Teile, die bisher von der Stadtverwaltung vernachlässigt werden und worden sind, ich bitte sehr darum, dass dieser Teil erschlossen wird.

Sollten die Zinsen mal nicht gebraucht werden, so bitte selbige zu sammeln (zinsbar anlegen) damit dann mal was ordentliches geschaffen werden kann, aber nicht mit dem Verschönerungs-Verein verschmelzen, oder mit irgendeinem anderen Verein, sondern hier verbleiben der Stadt.

Über diese Ernst Tepper’sche Stiftung bitte ich besonders Rechnung zu führen, nicht mit den anderen Legaten zu vermischen, auch bitte ich die Stadt-Verwaltung zu sorgen, dass die Gelder sicher angelegt und auch erhalten werden und zum Andenken des Stifters eine neue Straße oder Weg oder Promenade mit meinem Namen zu versehen, und nach Eröffnung des Testaments, dasselbe in Kürze bekannt zu machen.

Als Gegenleistung würde ich von der Stadt erbitten, für meine Ruhestätte 6 Gräber zu sorgen und es zu pflegen, wenn der Fall eintritt, da meine Familie klein ist und meine einzige Tochter schwächlich und leidend, so kann der Fall früher eintreten als man glaubt, meine beiden Enkelsöhne werden wahrscheinlich nicht am Orte bleiben, dann bitte ich die Stadtverwaltung, die Pflege meiner Ruhestätte zu übernehmen.

Zur Ausführung dieser 3 Punkte bestimme ich den Magistrat

gez. Ernst Tepper – Rentier & Stadtältester

Die Hypotheken waren:

  • Viehhändler Oskar Hahn und dessen Ehefrau Mathilde Schinske in Neutomischel -eingetragen im Grundbuch von Glinau   9.000,00 Mark abzgl. Löschung  1915  1.000,00 Mark – Zinsbelastung bzw. Zinsertrag bis Mär 1916  = 220,20 Mark
  • Eigentümer Reinhold Hecke in Neutomischel – eingetragen im Grundbuch Neutomischel  5.000,00 Mark – Zinsbelastung bzw. Zinsertrag bis Mär 1916   =  137,50 Mark
  • Eigentümer Heinrich Seiffert und dessen Ehefrau Hermine geb. Zithier, bzw. dann der Witwe Hermine Seiffert in Scharke -eingetragen im Grundbuch Scharke 2.200,00 Mark abzgl. Löschung  1917 2.200,00 Mark – Zinsbelastung bzw. Zinsertrag bis Mär 1916 = 60,50 Mark
  • Schuhmachermeister Karl Zeidler und dessen Ehefrau in Neutomischel -eingetragen im Grundbuch Neutomischel 2.000,00 Mark – Zinsbelastung bzw. Zinsertrag bis Mär 1916  = 55,00 Mark
  • Eheleute Buchbindermeister Theodor Schmidt und Emma Seeliger in Rakwitz - Eingetragen im Grundbuch Rakwitz  1.800,00 Mark abzgl. Löschung  1920  1.800,00 Mark – Zinsbelastung bzw. Zinsertrag bis Mär 1916  = 49,50 Mark
  • Ergänzt wurde die Kreiskasse mit einem Darlehen von 3,5%, die anderen Schuldner lagen bei einem Zinssatz von 4,5%, auf  1.000,00 Mark  = 14,57 Mark

Somit erwirtschafte die Tepper Stiftung total   537,77 Mark zzgl. der noch im Jahr 1916 bis zum Jahresende erwarteten einkommenden Zinsen  = 462,35 Mark welches eine Gesamteinnahme von Total  1.000,00 Mark ergab.

Nach Abzug der Legate für die Waschfrauen und das Kinderfest verblieben somit die geschätzten 500,00 Mark; es gab sogar einen Überschuss,  für die Stadtinvestitionen.

Gefunden wurde dann noch ein Dokument mit welchem der Magistrat eine Art Konto der Stiftung eröffnete. Der separaten Buchführung wurde also gemäß Testament entsprochen. Ob aber der eingetragene Verwendungszweck „… zur Verwendung wohltätiger und gemeinnütziger Zwecke…“ wirklich vorgenommen wurde und dann dem entsprach was sich der Ernst Tepper vorgestellt hatte, bleibt dahin gestellt.

Was aus den Grabstätten geworden ist ? Es war nicht in Erfahrung zu bringen – ein Friedhof der ehemaligen evangelischen oder auch evangelisch-lutherischen Bewohner der Stadt ist nicht mehr vorhanden. Auch wurden bis heute keine Bilder oder ähnliches gefunden oder als aufzuarbeitendes Material eingesandt.

Eine Ernst Tepper Straße oder ein Ernst Tepper Weg, wir haben niemanden gefunden, der sich an eine solche bzw. an einen solchen erinnert. Dieser Wunsch blieb vermutlich unerfüllt.

Ob wirklich der nördliche und nordöstliche Stadtteil mit den Stiftungsgeldern erschlossen wurde? Diese Frage zu beantworten war uns bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht möglich.