Evangelische Kirchen-Gemeinde Neustadt bei Pinne 1879 – Teil 3

Der Eingang – Aufnahme Sep. 2009 PM

  • Nachrichten über die Evangelische Kirchen-Gemeinde augsburgischer Konfession NEUSTADT bei Pinne,
  • zu ihrem hundertjährigen Jubiläum am 15. August 1879 aus den Kirchen-Akten zusammengestellt von Reylaender, Pastor

Die Nachfolge des ersten Pastor Johann Georg Kaulfuß (1777-1803) der Neustädter Gemeinde trat dann: Johann David König (1803-1826) an

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Sein Nachfolger war JOHANN DAVID KÖNIG 1803-26.

Derselbe war im Mai 1764 zu Schwiebus geboren, wo sein Vater Tuchmacher war. Den ersten Unterricht erhielt er in der Stadtschule. Nachdem er vom dortigen Pastor für das Gym­nasium vorbereitet war, wurde er in die Waisenhausschule in Halle aufgenommen und studierte später auf der dortigen Uni­versität. Als er einige Jahre hindurch Hauslehrer bei dem Herrn von Unruh auf Rozpitek gewesen war, wurde er als Rektor in Neustadt angestellt. Dieses Amt verwaltete er 14 Jahre. In den beiden letzten Jahren war er Adjunkt des Pastors Kaulfuß und als solcher ordiniert. Verheiratet war er mit Beate Wil­helmine geb. Röhl, einer Lehnschulzentochter aus Neusorge bei Driesen.

Blick zu Kirchturmspitze – Aufn. Sep. 2009 GT

Von kirchlichen Bauten ist in dieser Periode wenig zu erwähnen. Sämtliche Gebäude waren noch neu und verhältnismäßig solide ausgeführt, sodass nur gelegentliche Reparaturen nötig waren. Am bedeutendsten war noch eine Reparatur am Turmdach, wobei auch der Putz der Kirche von außen und innen erneuert wurde, im Jahre 1806. Wiederum machte der Turm eine, durch den Kupferschmied Taube ausgeführte Reparatur – notwendig, als 1819 ein Blitzstrahl ihn traf und den Knopf abriss. Gottes Güte und Barmherzigkeit verhütete weiteres Un­glück. Einige zufälliger Weise auf dem Kirchendache beschäftigten Arbeiter kamen mit dem Schreck und einer leichten Betäubung davon. Knopf und Stern wurden neu angefertigt, die alte Fahne umgearbeitet. Endlich wurde 1825 das Pfarr- und Kantorhaus neu unterschwellt und ersteres mit Ziegeln verkleidet, sodass es das Ansehen eines massiven Gebäudes erhielt. — Hier sei auch der Anschaffung eines neuen silbernen Kelches nebst Patene für 87 Thaler gedacht (1817).

Ein schwerer Schlag traf die Lewitzer Gemeinde im Jahre 1821. Ihre Kirche brannte ab; auf welche Weise das Feuer entstanden, ist aus den Akten nicht zu ersehen. In Folge dessen musste der Gottesdienst bis zum Jahre 1824 in der Schule ab­gehalten werden. Als man die Kirche wieder aufbauen wollte, kam es zum Streit zwischen der Gemeinde und dem Patron Herrn Gustav von Haza. Letzterer wollte sie auf seinem Gute erbauen und in diesem Falle, wie bereits bei der ersten Erbauung ge­schehen, die Baukosten zum größten Theile allein tragen. Darauf ging die Gemeinde jedoch nicht ein und erhielt nunmehr bloß das Bauholz. Die neue Kirche wurde wiederum sehr einfach in Fachwerk, ohne Turm erbaut, doch fehlte diesmal das Strohdach. Als Beihilfe zu den Baukosten erhielt die Gemeinde den Ertrag einer für sie eingesammelten Provinzial-Kollekte, in Höhe von 58 Thalern.

Was nun die kirchlichen Ordnungen und Einrichtungen be­trifft, so haben wir gesehen, dass dieselben, wenn auch unter Genehmigung des lutherischen Konsistoriums, doch in völliger Frei­heit von der Gemeinde festgesetzt worden waren. Das war anders geworden, seit bei der zweiten Teilung Polens 1793 dieser Teil des Landes an Preußen gefallen (damals Südpreußen genannt). An Stelle des „Provinzial-Konsistoriums der Kirchen unveränderter Augsburgischer Konfession in Großpolen” war jetzt das „Königliche Südpreußische Konsistorium in Posen” getreten, welches nunmehr in allen Gemeinden, wenn auch im Anschluss an die alten, vorgefundenen Einrichtungen, die Bestimmungen des Preußischen Allgemeinen Landerechtes einführte und fortan genaue Kontrolle übte. So wurde denn auch das Kirchenwesen in Neustadt durch die Verhandlung vom 8. August 1806 reguliert und organisiert. Es werde der Umfang der Parochie festgestellt. Dabei ergab sich, dass Milostowo (Dass Milostowo die jüngste evangelische Gemeinde ist, ergibt sich schon daraus, dass das erste evangelische Begräbnis auf dem dortigen Kirche Hofe am 23, August 1791 abgehalten ist.), Gr.- und Kl.-Psarski nur Gastgemeinden seien, Sie wurden dann später 1824 und 25 definitiv eingepfarrt. Ferner wurde ein Kirchenkollegium eingesetzt, bestehend aus dem Pastor als Vorsitzendem und 10 von der Gemeinde zu wählenden Mit­gliedern. Drei von diesen und zwar 1 aus der Stadt und 2 vom Lande führten den besonderen Titel „Kirchenvorsteher”. Sie hatten das Kassenwesen zu besorgen, und sollten jährlich zweimal Rechnung legen, wozu die Gemeinde Repräsentanten schicken durfte. Festgesetzt wurde endlich, dass der Pastor von der Gemeinde aus drei vom Kirchenkollegium vorzuschlagenden Kandidaten gewählt werden solle. Auch den Kantor wählt das Kirchenkollegium; doch muss er vor der Gemeinde im Vorlesen und Singen Probe machen, damit sie sich von seiner Tüchtigkeit überzeugen könne. Den Kirchenwächter nimmt das Kirchenkollegium für sich an. Vieles ist seitdem, namentlich auch durch die neuste kirchliche Gesetzgebung, modifiziert worden, doch die Bestimmungen über die Wahl sind heute noch in Kraft.

Zunächst freilich wurden die Preußischen Einrichtungen und Ordnungen wieder über den Haufen geworfen, als 1807 die Heere Napoleons erschienen, die Polen ihn als ihren Befreier begrüßten und das Versprechen der Wiederherstellung Polens von ihm erhielten. Zuvörderst besetzte er das Land und führte französisches Recht darin ein. Dazu gehörte auch die Civilehe, diese Erfindung der Franzosen aus ihrer Revolutionszeit her. In den Städten werde der Bürgermeister Civilstandsbeamter, für die Landgemeinden wurde es der Pastor. So war es den Leuten wenigstens bequem gemacht. Als aber 1815 das Land wieder an Preußen zurückfiel, verschwand auch die Civilehe, die alten Kirchenbücher kamen wieder zu Ehren, und Niemandem fiel es ein, darüber zu trauern, denn damals waren die Leute noch nicht aufgeklärt genug, in der Civilehe einen Fortschritt zu sehen. Bezeichnend ist, dass sowohl am 8. Mai 1807 die Losreißung von Preußen, als auch 1815 die Wiedervereinigung mit Preußen durch Dankgottesdienste und „an­dere Festivitäten” gefeiert wurde. Die scheinen damals Gott für Alles gedankt zu haben!

Was die Schulverhältnisse betrifft, so scheint nach dem Abgange Königs als Rektor die Rektorschule eingegangen zu sein und der ursprünglich nur als Kantor angestellte Brust auch den Lehrerposten übernommen zu haben. Ihm zur Seite stand sein Sohn Heinrich Brust, welcher 1825 als Kantor und Lehrer berufen wurde. Später finden wir evangelische und katholische Kinder zu einer Schule vereinigt, in der Weise, dass die größeren Kinder zum Kantor Brust als dem ersten Lehrer und die Kleinen zum katholischen Korbowicz als zweitem Lehrer in die Schule gingen. In welchem Jahre diese eigentümliche Verschmelzung ein­getreten ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls ist sie be­zeichnend für jene Zeit, in welcher ebenso wie der Patriotismus auch der religiöse Glaube darniederlag.

Erwähnenswert aus der Zeit des Pastors König ist nur noch ein Einbruch in die Kirche im Jahre 1805. Ein aus der Frohnveste zu Fraustadt entlassener Hoffmann stieg durch das Fenster der Sakristei ein und erbrach den Gotteskasten nebst der Kirchen­lade, in welcher die kirchlichen Urkunden und Papiere aufbewahrt wurden. Tags darauf wurde er ergriffen und das meiste des ge­raubten Gutes ihm wieder abgenommen; die Beläge zu den Kirchenkassenrechnungen aber waren abhanden gekommen.

Der Pastor König war, soweit sich jetzt über ihn urteilen lässt, ein gläubiger Prediger, von weichem Gemüte, leutselig im Umgänge mit den Gemeindegliedern, aber weder in der Predigt noch sonst so kräftig wie sein Vorgänger. Neun Jahre lang war auch er Senior, oder wie es jetzt heißt, Superintendent des Birnbaumer Kirchenkreises. Er starb am 28. November 1826 nach kurzem Krankenlager an einer Unterleibsentzündung, nachdem er sein Alter gebracht hatte auf 62 Jahre 6 Monate. Begraben wurde er am 1. December ebenfalls hinter der Kirche nicht weit entfernt von dem Grabe seines Vorgängers. Er hinterließ eine Witwe und 7 Kinder. Auch sein Andenken soll im Segen bleiben!

Die Vakanz dauerte über ein Jahr, weil der Witwe die Einkünfte des Sterbequartals und des Gnadenjahrs zukamen, wo­gegen das Kirchenkollegium vergebens remonstrierte. Während dieser Zeit mussten die benachbarten Geistlichen die Vertretung übernehmen.