Foto – Enderich

Dieser Text wurde über den Fotograf Georg Enderich in der Vierteljahresschrift “Przeglad Nowotomyski”  3/11/2009 (Neutomischler Rundschau) veröffentlicht. Die deutsche Version wurde von Gudrun Tabbert überarbeitet. (Ergaenzung 11-03-2010)


Vor dem Krieg gab es in Nowy Tomyśl nur zwei Fotografen, die ein eigenes Atelier hatten: „Foto-Enderich“ und “Gottlieb Hecke” fotograf ul. Stycznia 25. Zwar hatte Herr Ignacy Szczepaniak, der auf Mickiewicza Straße 6 sein Drogerie-Geschäft besass, viele Fotos und sogar Filme aufgenommen, aber alles, was er gemacht hat, ist während des Krieges verlorengegangen. Heutzutage, viele Jahre nach dem Krieg, habe ich in vielen alten Familien in Nowy Tomyśl/Neutomischel wenigstens ein altes Foto gesehen, das einen Stempel mit „Foto-Enderich“ oder „Gottlieb Hecke“ hat. Die meisten alten Ansichtskarten, die Nowy Tomysl zeigen, waren von „Foto-Enderich“. Ich begann herumzufragen, ob sich jemand an „Foto-Enderich“ erinnern kann. Fast alle alten Bewohner erzählten mir, dass sie sich daran erinnern, dass es solch ein Fotogeschäft gegeben hatte, dass der Besitzer ein ehrenvoller Mann gewesen war, aber an nichts mehr. Ich habe auch in der damaligen Lokalzeitung “Kreisblatt für den Kreis Neutomischel“ eine Anzeige gelesen.

„Adolf Enderich aus Fraustadt bittet um Beachtung: Er ist vom 14. bis 16. September 1901 im Garten des Herrn Gärtner für photographische Aufnahmen anwesend.“

Weitere Terminankündigungen kann man auch in späteren Anzeigen treffen (Nr. 45 am 4 Juni 1907). Adolf Enderich hatte sein Geschäft in Fraustadt in der Feldstr. 4. Ich habe auch eine alte Ansichtskarte gefunden, die von Adolf Enderich unterschrieben wurde. Ich dachte darüber nach, ob die Firma „Foto-Enderich“ verwandt mit Adolf Enderich sein könnte?

Georg Enderich in der Uniform polnischen Grenzschutzes fot. B. Szuwalski

Dann suchte ich im Internet nach und fand „Foto-Enderich“ in Bad Herzberg. Es konnte kein Zufall sein. Das musste seine Familie sein. Nach einigen Wochen habe ich eine Antwort von Frau Edelgard geb. Enderich, einer Urenkelin von Adolf Enderich bekommen. Ihr Großvater hieß Fritz Enderich und ihr Vater Eberhard Enderich, der 1988 als der 11. Sohn von Fritz Enderich starb. Sie schrieb aber nichts über „Foto-Enderich“ aus Neutomischel.

Und endlich als ich mit Herrn Bogusław Szuwalski gesprochen hatte, sein Vater führte die Fleischerei in der Mickiewicza Straße 4, erfuhr ich, dass er sein Nachbar gewesen war. Er zeigte mir, wo das Atelier gewesen war; es war im Erdgeschoss eingerichtet gewesen und die Wohnung in der ersten Etage. Aber was noch überraschender war… er nahm ein Foto von Herrn Enderich heraus. Ich kam den Enderich immer näher. Auf dem Foto stand ein dünner Mann in der polnischen Uniform neben einem Teich. Herr Szuwalski erzählte mir,

Weihnachten 1932 – in der Uniform Georg Enderich 8 kamp. P.S.P. Cieszyn – von links – Eltern von G. Enderich und Geschwister – f.o.t. Gisela Tänzer

wie er in den Besitz dieses Fotos gekommen war. Als er 1945 nach der Vertreibung zum Generalgouvernement heimgekommen ist, fand er im „Foto-Enderich“ – Atelier viele Fotos, die dort hinterlassen worden waren. Unter anderem gab es auch ein Album mit Aufschrift auf der Vorderseite „1932, 4 P.S.P Cieszyn, K.O.P. Baon Dederkaty“, was übersetzt heißt – Korpus Obrony Pogranicza – Grenzschutz, P.S.P. – Pułk Strzelców Podhalańskich – Bergjäger Regiment]. Man kann vermuten, dass Herr Enderich in der polnischen Armee diente; das ist nicht seltsam, auch wenn es heute so klingt, aber in jener Zeit war Herr Enderich polnischer Bürger. Um diese Vermutung bestätigt zu bekommen, schrieb ich einen Brief an Arno Kraft, der in Berlin lebt.

Ich zeigte ihm das Foto des Mannes in der polnischen Uniform. Aber weder Herr Kraft noch zwei Frauen konnten Herr Enderich auf diesem Foto identifizieren, sie tendierten eher dazu, dass es nicht Herr Enderich sein könnte. Ich bekam jedoch den entscheidenen Hinweis: Familie Enderich wohnte nach dem Krieg bei Hannover im Dorf Berenbostel, das nun zu Garbsen gehört. Und dort hatte es wiederum ein Geschäft „Foto-Enderich” gegeben, nur der Vorname des Besitzers war unbekannt.

Der Wendepunkt in meiner Suche kam nach einem Gespräch mit Herrn Jerzy Tyc. Ich weiß nicht, warum ich ihn danach nicht früher fragte. Er erinnerte sich an Georg Enderich. Er hatte dort als 14-jähriger Junge als Gehilfe von März bis Oktober 1940 ausgeholfen, bis er und seine Familie von NS-Regime gezwungen wurden, zum Generalgouvernement umzuziehen; und mehr, er hatte zwei Fotos von Georg Enderich und viele Erzählungen und Erinnerungen an ihn.

Erna Enderich z d. Linke fot. J.Tyc

Georg Enderich und seine Ehefrau gleich nach der Trauung fot. J.Tyc

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen musste Herr Tyc, zusammen mit anderen 14 Jährigen, Straßenarbeiten ausführen. Das überstieg seine Kräfte und dann besorgte Herr Georg Enderich,
der dieses bemerkt hatte, dem jungen Jerzy eine Arbeit bei ihm im Fotoladen. Seine Aufgabe wurde das Tragen des großen Fotoapparats auf dem Rücken. Bevor Herr Enderich ein Foto aufnahm, umkreiste er lange sein Zielobjekt, um die beste Stelle zum Fotografieren auszu wählen; und solange trug der Jerzy Tyc den schweren Apparat. Er fuhr oft auch mit Herrn Enderich für Fotoaufnahmen durch die Gegend auf seinem Motorrad. „Er war für mich wie eine Familie. Ich kann kein schlechtes Wort vom ihm sagen“. Diese Aussage habe ich, wie auch schon zuvor von anderen Gespächspartnern, nun noch einmal von Herr Tyc gehört. Auf dem Foto, das Herr Tyc mir gab, steht Herr Enderich neben seiner Frau. Dieses Foto wurde einen Tag nach der Hochzeit aufgenommen und wurde von Herrn Tyc geknipst. Zugegebener Weise muss man sagen, dass Herr Tyc nur den Auslöser gedrückt hatte, die ganze Einstellung war vorher von Herr Enderich vorbereitet worden.

Herr Tyc konnte sich nicht erinnern, wann genau dieses Foto aufgenommen wurde, aber anhand der Blumen kann man vermuten, dass es wohl im August 1940 gewesen ist. Herr Tyc erinnert sich noch gut an dieses Ereignis. Vor der Hochzeit fuhr er mit dem Handwagen auf Mickiewicza Straße nach Paprotsch, weil die Hochzeit dort im Haus der Braut stattfand; es war in der Nähe vom katholischen Friedhof gegenüber dem heutigen Kreuz. Unterwegs traf er einen Mann, der die NSDAP-Uniform trug, der aus dem Bahnhof kam und einen schweren Koffer bei sich hatte. Dieser befahl ihm alle Dinge aus dem Handwagen zu werfen und seine Gepäck ins Hotel zu fahren. Eine weitere Erinnerung betrifft den Tag nach der Hochzeit. Er fuhr mit dem Fahrrad; den Fotoapparat und die schon auf den Glasplatten aufgenommen Fotos auf der Lenkstange balancierend. Er hatte aber nicht den direkten und einfachsten Weg zum Atelier gewählt, sonder um Begegnungen mit Dienstleuten zu vermeiden, fuhr er am Stadtgraben entlang. Und im gewissen Moment der Unachtsamkeit fuhr er über eine Unebenheit und fiel mit allen seinen Fotos ins Wasser. Er hatte große Angst ausgestanden, dass alle Fotos verloren oder auch unbrauchbar geworden waren, aber es erwies sich, dass sie unbeschädigt das unfreiwillige Bad überstanden hatten.

Auf dem zweiten Foto, das ich vom Herrn Tyc bekam, ist die Ehefrau von Georg Enderich, Erna geb. Linke zu sehen. Herr Tyc hat auch dieses Foto aufgenommen.

Nach dem Krieg sah Herr Tyc den Herrn Enderich nur noch einmal. Er war in sowjetische Gefangenschaft geraten und kam aus dieser 1949 nach Nowy Tomyśl zurück. Die Familie Antkowiak, ehemalige Angestellte im Foto Atelier nahmen ihn seinerzeit freundlich auf. Er wohnte mehrere Wochen in Nowy Tomysl, weil er auf Mitteilung wartete wohin es seine Familie verschlagen hatte; nachdem er dieses in Erfahrung gebracht hatte reiste er seiner Familie nach Deutschland hinterher.

Zusammen mit Herrn Tyc arbeitete noch ein Junge im Foto-Atelier, Wł.[Władysław oder Włodzimierz] Antkowiak, der das Fotogeschäft nach dem Krieg übernahm. Nach Herrn Antkowiak führte das Fotogeschäft Herr Kubicki.

Familie Enderich – Eltern Fritz und Klara, 11 Söhne u Töchter fot. G. Tänzer

Herr Tyc wusste aber nichts über den weiteren Weg von Herrn Enderich nach dem Krieg.

Ich entschied ich mich diese Geschichte zu schließen. Nur einen letzten Hinweis wollte ich vorher noch prüfen: ich hatte im Internet-Telefonbuch noch eine Familie Enderich in Garbsen gefunden. Ich hielt meine deutschen Sprachkenntnisse nur nicht für so gut ein Telefongespräch zu führen.

Kurzentschlossen bat meine Bekannte Gudrun Tabbert in Deutschland, doch bitte mal für mich mit Gisela Enderich zu sprechen. Das war ins Schwarze getroffen. Sie war die Tochter des Georg Enderich. Sie und ihre Mutter Erna Enderich geb. Linke, wohnten nach wie vor in Garbsen. Die Witwe von Herrn Enderich war zu diesem Zeitpunkt 91 alt (geb. 06. Feb 1918) und sehr krank. [sie verstarb noch im gleichen Jahr am 25. Oktober 2009]

Meine Bekannte berichtete nach dem Telefongespräch:

George Enderich machte seinen Meister im Beruf des Photographen in Danzig. Er leistete seinen Pflichtwehrdienst bei der polnischen Armee ab. Dort hat er auch das Waldhornspielen gelernt, was er später beibehielt. Er beherrschte die polnische Sprache perfekt. Es arbeiteten sehr viele polnische Angestellte in seinen Geschäften. Der Name einer weiblichen Angestellten ist Frau Enderich in Erinnerung geblieben mit Frau Maczynkowska [wahrscheinlich Marcinkowska – pm]. George Enderich kam 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zu seiner Familie zurück. Er gründete wieder einen Photoladen in Hannover in der Stöckener Strasse 121. Dieser existierte bis 1978.

G. Enderich und Mitarbeiter – von links Helen Granops geb. Markowiak, Jozef Milczynski, hinter G. Enderich, Henryka Duchalska geb. Szczeszynska, ganz rechts unidentifiziert

George Enderich war am 04 Sep 1906 in Fraustadt geboren worden, aber als - George Kutzner -. Seine Mutter Clara Kutzner war zum Zeitpunkt seiner Geburt wohl in Diensten bei einem polnischen Arbeitgeber und dieser soll sie geschwängert haben. Fritz Enderich. der dann Clara Kutzner heiratete soll ihn später adoptiert haben. Durch diese Adoption galt er als ältester Sohn. Insgesamt entstammen aus der Verbindung Fritz Enderich und Clara Kutzner 11 Söhne (incl. George) und auch 2 Töchter. Einer dieser Söhne und somit ein Bruder war Eberhard Enderich. Zu seiner Familie gehört die Edelgard Enderich vom Photogeschäft “Foto-Enderich” in Bad Harzburg. Von Fritz Enderich hat man nach seiner Verschleppung vom 3 September 1939 – Marsch auf Kutno – leider, trotz vieler Bemühungen, nie wieder gehört. (Viele bedeutende Deutsche wurde von der polnischen Armee interniert und oft zu Fuß in Richtung dem Osten geführt. In der Nähe von Kutno verschwanden die polnischen Soldaten, aber viele von den Internierten sind nie heimgekehrt.)

Fritz Enderich war ein Sohn von Adolf Enderich, der vor dem Ersten Weltkrieg Neutomischel besuchte. Georg gehört also zu den großen Familien von Fotografen. Es gab andere Enderich-Geschäfte:in Wollstein und in Birnbaum. Heute wirkt noch „Foto-Enderich“ in Bad Harzburg, das von Frau Edelgard, die Urenkelin von Adolf Enderich geführt wird.

Gisela Enderich selbst erlernte ebenfalls den Beruf der Photographin, aber wurde später Grundschullehrerin.

Vor dem Krieg befand sich „Foto-Enderich“ an der Poznańska Straße 4 (damals 77 vor 1932). Nach dem Kriegsausbruch zog das Studio in die Mickiewicza Straße 4, neben Bogusław Szuwalski, dessen Vater die Fleischerei hatte und gegenüber von Jerzy Tyc.

In August 1940 heiratete er Erna Linke. Sie hatten 3 Kinder

  • Gisela – geb. 30 Apr 1941 in Nowy Tomysl
  • Siegfried – geb. 1943 und 1945 auf der Flucht in Malchow bei Waritz an der Müritz verstorben
  • Rosemarie, die 1945 geboren wurde.

Georg Enderich hinterlies sowohl viele Familienfotos, die noch in vielen Häusern vorhanden sind, als auch viele Ansichtskarten. Dank ihm können wir heute unsere Stadt im Geschichtsspiegel und -wandel bewundern.

Georg Enderich starb am 27. August 1967

Mit dieser Erzählung wollte ich eine Lücke füllen, die zwischen gestern und heute entstanden war. Das Gedächtnis an die Vergangenheit entkommt unwiederbringlich mit den Leuten.

Langsam in dem Bewusstsein der Stadt verwischen sich die Vorkriegsjahre der Stadt, in der 3 Nationalitäten und 4 Religionen nebeneinander und zusammen lebten. Nach Karl Eduard Goldmann, dem Lokalhistoriker, der 1937 verstarb, fand sich kein anderer. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

(In dem Text verwendete ich Nummerierung der Häuser)

Kirche am Alten Markt/Chopin Platz vor IX/1941 fot. G.Enderich

Wiatrakowa Str/3 Stycznia Str Windmühlestrasse/Neustädterstr fot.G.Enderich

vielleicht Glinauer Berge fot.G.Enderich

1930 Innere der damals evangelischen Kirche am Alten Markt/Chopin Platz fot.G.Enderich

Alter Markt/Chopin Platz fot.G.Enderich

Alter Markt/Chopin Platz fot.G.Enderich