Gebäude der Stadt – No. 27 und 28 – Drechsler- und Schmiedewerkstatt

Lageplan der Grundstücke, Zeichnung angefertigt nach der "Beschreibung von Gebäuden ..." / GT

Lageplan der Grundstücke, Zeichnung angefertigt nach der “Beschreibung von Gebäuden …” / GT

In der Nord-Ost-Ecke des Neuen Marktes lag das ehemalige Stadtgrundstück No. 27. Dieses grenzte im Jahr 1836 nördlich an die noch “wüste Baustelle” mit der Nummerierung No. 28 und südlich an die Hinterstraße.

Auf diesem Grundstück befand sich ein Wohnhaus, es war unter der No. 27 in den Akten der Provinzialfeuerversicherung beschrieben worden.

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Es war ein vollständig aus Holz errichtetes Gebäude gewesen, welches von außen mit Lehm angetragen worden war. Mit einer Größe von 34,5 Fuß in der Länge, 19 Fuß in der Breite und 8 Fuß in der Höhe (ca. 10,5×6,00×2,43m / ca. 63 qm Grundfläche) war es eines der kleinen, seinerzeit in der Stadt üblichen, Häuserbauten gewesen.

Im Inneren hatten sich 3 Stuben mit gedielten Fußböden befunden, die Küche und auch die Hausflure hatten lediglich einen Lehmboden gehabt. Im Schindeldach war ein Erker von 8,5 Fuß (ca. 2,60m) Breite ausgebaut gewesen. Das Gebäude war über 2 Kachelöfen beheizt worden.

Die hölzernen Wände des Häuschen waren im Jahr 1836 als “sehr verfault” beschrieben worden, selbiges galt auch für die Fußböden. Das Schindeldach hatte die Einstufung “schlecht” bekommen und auch von den 7 Türen und 7 Fenstern waren nur noch “die Hälfte gut” gewesen. Eine Reparatur hatte es seit seiner Errichtung zum Jahr 1794, es war 1836 im Alter mit 42 Jahren angegeben worden, nicht erfahren.

Über die Bewohner des Jahres 1836 dieses Hauses ist kaum etwas überliefert.

Das Wohnhaus wurde als das der Christian Zeidler’schen Erben benannt. Die Anerkennung der Einstufung der Feuerversicherung war von Friedrich Thomas als Vormund der Zeidler’schen Minorenen unterzeichnet worden. Einzelheiten wer die Minderjährigen Nachkommen des Christian Zeidler gewesen waren wurden nicht angegeben.

Am 16. März 1836 war in der Stadt der Bürger und Drechslermeister Johann Christian Zeidler verstorben. Im Toteneintrag im Kirchenbuch wurde vermerkt, dass er an Abzehrung verstorben sei; auch in diesem Eintrag findet sich nichts über etwaig Hinterbliebene.

Johann Christian Zeidler war im August 1780 in Koseloske als Sohn des Samuel  Zeidler und dessen Ehefrau Anna Maria, einer geborenen Kühn, geboren worden. Im September 1811 verstarb seine erste Ehefrau Rosina Dorothea geborene Handtke im Alter von nur 24 Jahren, über ihre Herkunft ist nichts bekannt. Kinder aus dieser Ehe wurden nicht in Kirchenbuchaufzeichnungen gefunden. Johann Christian Zeidler galt in jener Zeit als in Wytomysl ansässiger Müller.

Im Jahr 1816 heiratete der Wittwer Johann Christian Zeidler die 15 jährige Rosina Dorothea Klemm. Sie war im Februar 1801 als Tochter des Gottfried Klemm und dessen Ehefrau Anna Rosina geborene Stürzebecher in Zinskowo zur Welt gekommen.

Im April des Jahres 1818 wurde der gemeinsame Sohn Johann Wilhelm Heinrich geboren; er verstarb 2 Jahre später;  1819 im August folgte die Geburt des 2ten Sohnes Johann Gottlieb. Nach diesen Eintragungen im Kirchenbuch der Gemeinde Neu Tomysl  finden sich keine weiteren. Der letzte Hinweis auf diese Familie wurde mit dem Toteneintrag vom  16. März 1836 gefunden,  als der Bürger und Drechslermeisters Johann Christian Zeidler verstarb.

Die ehemaligen Grundstücke No. 27 und 28 im Jahr 1997 / Aufn. Maennel-Archiv

Die ehemaligen Grundstücke No. 27 und 28 im Jahr 1997 / Aufn. Maennel-Archiv

Die Geschichte des Hausgrundstückes No. 27 kann jedoch noch etwas weiter geschrieben werden.

Im  Jahr 1843, dieses laut eine Ergänzung im Bericht der Provinzialfeuerversicherung, waren auf der Parzelle noch ein Stallgebäude und separat dazu ein Pferdestall errichtet worden, als Besitzer dieser beiden Bauten, das Wohnhaus wurde nicht erwähnt, wurde Daniel Schulz angegeben.

Der Familienname Schulz war und ist nun nicht gerade selten, es kann ! aber folgende Verbindung herstellt werden:

Johann Daniel Schulz geboren ca. 1802 heiratete 1824 Johanna Juliane Protsch. Sie galten als Hauländer zu Paprotsch, Gasthofspächter zu Alt Jastremske, Einwohner zu Glinau und letztlich als Hopfenhändler zu Neu Tomysl.  Kinder, soweit diese dem Paar zugeordnet werden konnten, kamen 1823 in Paprotsch, 1825 in Zinskowo, 1827 und 1829 in Alt Jastremske und 1831 in Glinau zur Welt. Beide Eheleute verstarben in Neu Tomysl: Johanna Juliana Schulz geb. Protsch im Jahr 1844 und Johann Daniel Schulz 1847.

Im Jahr 1857 erfuhr das Wohnhaus eine Wertminderung für eine Erstattung im Falle eines Schadens; eingetragen wurde diese in der aus dem Jahr 1836 stammenden Gebäudebeschreibung, ein Besitzerwechsel wurde nicht notiert. Wie mag das Gebäude wohl in jenem Jahr ausgesehen haben ?, war es vorher noch mit 175 Mark geschätzt worden, lag der Wert nun nur noch bei 75 Mark.

Zum August 1866 fand dann tatsächlich ein Besitzerwechsel statt; in diesem Monat  überreichte  Johann Gottlieb Wilhelm Heinrich das Zuschlagsurteil  über die von ihm im Wege der Subhastation erworbenen Grundstücke No. 27 und No. 28 an den “Königlichen Fortschreibungsbeamten Herrn Geometer Korte Wohlgeboren” in Grätz, dieses zur Eintragung auf seinen Namen. Wiederum findet sich keinerlei Hinweis darauf wer eigentlich der oder die Vorbesitzer dieser Grundstücke gewesen waren.

Johann Gottlieb Wilhelm Heinrich war im März 1830 in Kuschlin geboren worden. Seine Eltern waren der Eigentümer zu Kuschlin und Neurose Johann Gottfried Heinrich und dessen Ehefrau Johanna Dorothea geborene Siegesmund gewesen.

1859 hatte er mit Johanna Emilie Katsch in Boruy die Ehe geschlossen. Sie war im März 1840 als Tochter des Johann Daniel Katsch und seiner Ehefrau Johanna Beate geborene Kahl, zur Welt gekommen.

Die Familie hatte anfänglich in Glinau gelebt ehe die Übersiedlung nach Neu Tomysl erfolgte. Im Laufe der Ehe wurden 11 Kinder geboren; keines scheint das Erwachsenenalter erreicht zu haben.

Vermutlich im Jahr 1871 war eine Schmiedewerkstatt auf dem Grundstück errichtet worden. Die Grenzen zwischen den Grundstücken No. 27 und No. 28 war schon zu dieser Zeit “etwas verwischt“, später tauscht die Nummerierung vollständig, die No. 28 findet sich dann an der Ecke Hinterstraße / Neuer Markt, die No. 27 in der Kehre des Neuen Marktes als Nachbargrundstück der No. 29.

Blick auf die Nord-Ost Ecke es ehemaligen Neuen Marktes / Aufn. PM

Blick auf die Nord-Ost Ecke es ehemaligen Neuen Marktes / Aufn. PM

Aus einem Schreiben zu einer Erbschaftsangelegenheit welche sich auf ein Testament des im August des Jahres 1882 in Neutomischel verstorbenen Schmiedemeisters Johann Heinrich Gottlieb Schiller bezog, war zu erfahren, dass dieser als Miteigentümer der Stadtparzelle No. 28 galt. Er vermachte dieses Miteigentum seiner hinterlassenen Wittwe Anna Maria Schiller, geborene Kraepl, wiederverehelichte Loechel. Die Grundbucheintragung hierzu war 1884 im vorgenommen worden.

Im Jahr 1884 verstarben die Eheleute Johann Gottlieb Wilhelm Heinrich und Johanna Emilie geb. Katsch in Neutomischel.

Wer ihre Erben waren ist nicht bekannt. Im Sommer 1886 wurde durch “die Erben” jedoch eine Parzelle des unter No. 27 geführten Grundstückteils an den Kaufmann Paul Goldmann veräußert.

Das Restgrundstück No. 27-28 wurde im gleichen Jahr auf den Buchhalter Carl Chedor als Besitzer um- bzw. überschrieben. Er war aus Schwentainen im Kreis Treuburg in Ostpreussen gebürtig gewesen und hatte im Jahr 1883 die Ehe mit Bertha Rosenau, einer Nichte des verstorbenen Schmiedemeisters Johann Gottlieb Wilhelm Heinrich,  geschlossen. Sie war 1865 in Glinau als Tochter des Johann Samuel Rosenau und dessen Ehefrau Johanna Louise geborene Heinrich zur Welt gekommen.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: 1) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/): Stadtakten / Beschreibung sämtlicher Gebäude in der Stadt Neu Tomysl; 2) Personenstandsunterlagen
der evangelischen Gemeinde Neu Tomysl