Goldmann K.E. – Kurze Chronik der Feststadt 1914

Nowy Tomysl – Alter Markt

Karl Eduard Goldmann hat diesen Artikel für die Festschrift zum 125. jährige Jubiläum der Schützengilde Neutomischel und 18. Bundesschießens des Schützenbundes Neumarkt-Posen verfasst. Leider liegt dieser nur als Kopie vor; sodass die seinerzeit eingefügten Bilder nicht mehr für eine Veröffentlichung genügen; es wurde daher eine Bildauswahl aus verschieden alten Postkarten vorgenommen um die Stadt in jener Zeit zumindest ein klein wenig darzustellen.
Gestiftet wurde die Kopie des Artikel um sie hier veröffentlichen zu können von Herrn Dieter Maennel, Kassel aus dem von ihm gepflegten MAENNEL ARCHIV; die Kopien der Postkarten bzw. die Ausschnitte von den Kopien der Postkarten stammen von Herrn Arno Kraft, Berlin – Vielen Dank für die Unterstützung und die Genehmigung zur Nutzung !

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Neutomischel, früher Neu Tomischel, Neu Tomysl, Neutomysl, ist die jüngste Stadt in der Provinz Posen und mitten in Hauländereien angelegt. Der ganze über den heutigen Kreis gleichen Namens weit hinausreichende Landstrich gehörte im 15. und 16. Jahrhundert der Familie v. Bnin Opalinski. Die Neutomischler Gegend war lange Zeit meist Oed- und Sumpfland, bis im 17. Jahrhundert durch den reformierten „Boguslaw von Unruh, Erbherr von Birnbaum, Tirschtiegel, Tomysl und Zinskowo” deutsche evangelische Kolonisten aus Schlesien und Brandenburg zur Urbarmachung dieses unwegsamen, niedrigen und waldigen Geländes herangezogen wurden. Der zuerst von ihnen gebildeten HauIändergemeinde Zinskowo (jetzt Friedenwalde) folgten im Anfang des 18. Jahrhunderts Paprotsch, Glinau, Scherlanke, Sontop, Kozielaske (jetzt Königsfelde), Neurose usw.

Die gottesdienstlichen Versammlungen für die Hauländer wurden in der Zeit von 1692 bis 1788 im Schulgebäude zu Zinskowo (alte Gemeinde) von den sogenannten Prolektoren abgehalten. Dass immer mehr sich geltend machende Bedürfnis nach einer eigenen Kirche veranlasste die Gemeinden, sich mit einer dahingehenden Bitte an den Grundherrn zu wenden. Der Starost Felix v. Szoldr, Szoldrski, dessen Vorfahren seit 1700 die Herrschaften „Groß Tomysl, Witomysl” gehörten, gestattete ihnen, sich einen eigenen Prediger zu wählen. Wiewohl Katholik, gab er ihnen auf Glinauer Territorium eine halbe Hufe Land zum Bauplatz der Kirche und schenkte ihnen auch das Baumaterial.

1779 wurde der Grundstein gelegt und die Kirche, die anfänglich ohne Turm war, 1781 eingeweiht. Es war natürlich, dass bald danach sich um die Kirche herum Leute niederließen, die teils Krämergeschäfte, teils Gasthöfe mit Ausspannung errichteten,

1786 erwirkte der Grundherr beim damaligen Landesherrn König, Stanislaus August von Polen, Stadtrecht, sowie die Abhaltung von Wochen- und Jahrmärkten für den Kirchplatz. Durch Privilegium vom 18. Februar 1788 erließ v. Szoldrski eine ausführliche Stadtordnung, in welcher er der Innungen gedenkt, auch die Rats Wahlen, die Angaben usw. „denen deutschen Leuten” festsetzt, Er erlaubt der Stadt sein „angeborenes adeliges Wappen” zu gebrauchen, das ist ein Kahn, oben mit der Überschrift „Neu Tomysl”. Weiter verleiht er der Stadt das „teutonische Recht, welches das Magdeburgische heißt” und zwar unter Aufhebung der polnischen und lithauischen Gesetze.

Ferner bot er Baustellen aus und bestimmte dabei die heute noch in die Augen fallende regelmäßige Anlage der Straßen und Marktplätze, an der später leider zum Nachteil der Entwickelung einzelner Stadtteile Änderungen bewirkt wurden.

Der Ort sollte für die zahlreichen Hauländereien der Umgegend als Mittelpunkt dienen, wo sie Absatz für ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse finden und gleichzeitig ihren Bedarf an Handwerker- und Kaufmannswaren decken konnten. – 1789 brannte der kaum erbaute Kirchturm infolge Blitzschlages nieder, wurde aber bald wieder hergestellt.

Am Ausgange desselben Jahrhunderts bestand Neutomischel aus der Kirche, 60 Wohnhäusern, von denen nur ein einziges Ziegelbedachung hatte, und 6 Windmühlen. Bald auch wurde ein Rathaus mit einem Türmchen darauf auf dem „neuen Ringe” erbaut. In diesem Gebäude befand sich auch die Stadt- und Hopfenwaage.

430 Menschen bewohnten die Stadt. Eine Apotheke war am Ort. Gewerbetreibend waren 5 Kaufleute, 10 Schuster, 6 Müller, 5 Fleischer, 5 Bäcker, 5 Tuchmacher, 5 Schneider, 4 Töpfer, 3 Hufschmiede, 2 Tischler, 1 Goldschmied, Hutmacher, Gerber, Gürtler, Sattler, Färber, Maurer, Seiler, Böttcher, Barbier, Organist, Gastwirt und sogar 1 Scharfrichter. Die Kämmereieinannahme betrug 279 Taler. Es mutet nach den heutigen Verhältnissen eigenartig an, wenn man liest, dass die Wollenweberei zunahm, später auch Gerberei in Zug kam.

Stadt und Land hielt das Deutschtum stets hoch, und deshalb wurde die neue preußische Herrschaft freudig begrüßt. „Die patriotischen Beitrage der ev. luth. Gemeinde zu Neutomisl in Südpreußen für Verwundete und Kranke bey der Armee, hatten „zu ganz besonderem Wohlgefallen gereicht” und 1794 den König Friedrich Wilhelm II veranlasst, „für diesen rühmlichen Patriotisme in denen gnädigst landesväterlichen Ausdrücken danken“ zu lassen.

Nowy Tomysl – Goldstrasse

Die napoleonischen Feldzüge halten für das Städtchen keine besonders schweren Folgen, obwohl es an Durchmärschen vielerlei Militär nicht mangelte. Die preußische Oberhoheit ging wieder verloren und erst nach den Befreiungskriegen bei Auflösung des Herzogtums Warschau fiel das Posener Land und damit die Stadt Neutomischel an die Krone Preußens zurück.

In den Jahren seiner weiteren Entwickelung wurde der Ort 1802 und 1817 (? 1822) von größeren Bränden heimgesucht, Langsam aber stetig nahm die Einwohnerschaft zu:,1816 wurden nur 441 (597?),  1837: 748,  1843: 796 und 1858 schon 1144 Einwohner gezählt. Die Erbauung einer ev. Iuth. Kirche, wie die einer Synagoge, fällt in die hierauf folgende Zeit. Der Zuzug der ersten jüdischen Einwohner erfolge im zweiten Viertel des Jahrhunderts.

Nowy Tomysl – kath. Kirche mit Pfarrhaus

Als in dem unruhigen Jahr 1848 polnische Insurgenten die Nachbarstadt Grätz bedrohten, zog am 6. Mai die hiesige Bürgerwehr mit den zur Unterstützung herbeigeeilten Schützengilden von Konkolewo-Hld., Schwarzhauland und Albertoske dorthin, um die preußische Besatzung zu unterstützen. Es wurden in Neutomischel Wachen und Patrouillen eingerichtet, um die öffentliche Sicherheit aufrecht zu erhalten. Infolge dieser politischen Unruhen, in welchen die

Nowy Tomysl – Posener Strasse

Neutomischler ihr Deutschtum zu wahren wussten und treu zu ihrem König hielten, wurde das Landratsamt wie auch die Kreiskasse von Buk nach Neutomischel verlegt, was für die Entwickelung der Stadt gewiss von großem Vorteil sein musste. Ihre Bedeutung und ihr Emporkommen verdankt sie aber vor allem dem in früheren Zeiten durch böhmische Zuzügler nach unserer Gegend

Nowy Tomysl – evgl. Kirche

eingeführten Hopfenbau, welcher ihr sogar Weltruf eingebracht hat. Handel und Wandel blühten deshalb immer mehr und mehr im Städtchen auf. Wie groß der Geschäftsverkehr schon in früheren Jahren hier gewesen ist, geht daraus hervor, dass z. B. 1860 1 1/2 Millionen Taler und 1882  8500 Depeschen auf hiesigem Postamte, welches seit 1840 besteht, eingingen. Den Bruttoertrag aus dem Hopfenbau der ganzen Gegend schätzte man damals auf 2 — 3 Millionen Taler. Die ersten Hopfendarren und Pressen im Orte wurden in den 60er Jahren erbaut, einige für Rechnung der ersten Hopfenhandelsfirmen des In- und Auslandes. Neutomischel ist auch heute noch der bedeutendste Hopfenproduktions- und Handelsplatz Preußens. Zwecks Hebung der Kultur und weiteren Verbreitung des Neutomischler Hopfens fanden Hopfenausstellungen in den Jahren 1877, 1881 und 1893 hier statt. Sehr zu statten kam namentlich diesem Geschäftszweige der Bau der 1869 dem Verkehr übergebenen Märkisch Posener Eisenbahn, wodurch Neutomischel Bahnstation erhielt. In neuerer Zeit kam in der Umgegend auch Weidenbau stark in Aufnahme.

Das Jahr 1879 brachte der Stadt wieder verschiedene größere Brände. Eine Anzahl ansehnlicher Häuser ist infolgedessen entstanden.

Umfangreiche Bauten, wie das im Jahre 1879 anstelle eines noch noch nicht zwei Jahrzehnte alten, unzweckmäßigen städtischen Gebäudes aufgeführte Rathaus, in welchem auch das hier in demselben Jahre neu eingerichtete Amtsgericht untergebracht ist, die 1886/87 erfolgte Um- und Neupflasterung der beiden Marktplätze und Straßen, sowie andere Einrichtungen zeigen, in welch anerkennenswerter Weise die Stadtverwaltung tätig war. Durch Teilung des Buker Kreises in zwei Kreise, Neutomischel und Grätz, ist seit 1887 der hiesige Ort zur Kreisstadt erhoben und somit der Sitz sämtlicher Kreisbehörden geworden. Am 18. Februar 1888, dem Tage der Stiftungsurkunde, konnte die Stadt auf ihr 100jähriges Bestehen zurückblicken. In würdiger und feierlicher Weise wurde dieser Festtag begangen.

Nowy Tomysl - Villen Neustädter Strasse

Nowy Tomysl – Villen Neustädter Strasse

1896 erfolgte der Bau einer katholischen Kirche. Die weiteren Bauten eines Kreishauses, des städtischen Gas- und Wasserwerks, der Landwirtschaftlichen Schule und des Kreiskrankenhauses gehören den letzten Jahren an. In jüngster Zeit setzte auch die Bautätigkeit der hiesigen Deutschen Land-Genossenschaft „Eigenes Heim” ein.

Zu besonderer Zierde gereicht der Stadt das 1896 enthüllte, geschmackvoll in schwedischem Granit ausgeführte Kriegerdenkmal in Form eines Obelisken, welches auf seinem Sockel die Namen derer trägt, die aus dem Kreise Neutomischel den Tod für das Vaterland in den letzten drei Kriegen gefunden haben, ferner ein im vorigen Jahre in den städtischen Anlagen zur Erinnerung an die Jahrhundertfeier der Befreiungskriege und das 25jährige Regierungsjubiläum unseres Kaisers errichteter Denkstein.

Seit 1898 ist Neutomischel auch Station der Opalenitzaer Kleinbahn.

Die Entwickelung der Einwohnerzahl der Stadt gestaltete sich wie folgt:

1880: 1299 Einwohner, davon waren 875 ev., 97 luth. 150 Kath.. 177 jüd.

1890: 1801 „               „         „    1163       159 „     297 „       179 „

1900: 1805 „               „         „    1227      138 „      311 „       125 „

1910: 2015 „               „              1371      164 „       379 „       98 „

1913: 2373 „

In den letzten Jahrzehnten nahm die Industrie in der Stadt und deren nächster Umgebung merkbaren Aufschwung, Wir zählen z. Z. 1 Gasglühkörperfabrik, welche sich den größten des Reiches anreiht. 2 große Dampfmühlen, die zu den bedeutendsten der Provinz gehören, 3 Dampfschneidemühlen, 1 Kartoffeltrocknungsanlage, 1 Drahtgeflechtwerk, 1 Weidenschälerei, 1 Ölmühle, 2 Maschinenbauanstalten, 2 Brauereien, 1 Orgelbauanstalt und sonstige gewerbliche Anlagen. —- Die Umgegend zeigt blühende Landwirtschaft. Deshalb konnten auch zwei größere landwirtschaftliche Ausstellungen 1908 und 1912 hier stattfinden. Wie groß, das Interesse für die letzterwähnte Ausstellung war, geht daraus hervor, dass die höchste Tagesbesuchsziffer etwa 30 000 Personen betrug.

An Behörden befinden sich in der Stadt: Landratsamt, Bezirkskommando, Hauptmeldeamt, Amtsgericht, Superintendentur des Karger Kirchenkreises, Kreisschulinspektion, Katasteramt, Magistrat, Standesamt, Polizeiverwaltung, Distriktsamt, Postamt 2. Kl., Zollamt, ferner 1 Kreisarzt und 1 Kreistierarzt. An Geld- und Kreditinstituten sind zu nennen: Kreiskasse, Kreiskommunalkasse, Kreissparkasse und Genossenschaftsbank, welchen sich die nächstliegenden ländlichen Spar- und Darlehnskassen anschließen würden. Für geistige Bildung sorgen die 6klassige Elementarschule, eine höhere Knaben- und Mädchenschule (Luisenschule) und die Landwirtschaftliche Schule. Weiter sind 2 Rechtsanwälte und Notare sowie außer dem Kreisarzt zwei weitere Ärzte im Ort. Zeitgemäß eingerichtete Hotels und Gastwirtschaften sorgen für das leibliche Wohl ankommender Fremden.

Nowy Tomysl – Rathaus am Neuen Markt

Ein reges Vereinsleben pulsiert in der Stadt: 1 großer Landwehrverein,1 Schützengilde, 2 Turnvereine, 3 Gesangvereine, 1 Bürger- und ein Verschönerungsverein, sowie verschiedene Berufs-, konfessionelle, bildende, sportliche Vereinigungen pp. entfalten ihre Tätigkeit.

Nach dieser gedrängten und schmucklosen Aufzählung der hauptsächlichsten Momente aus der Geschichte Neutomischels kommt man zu der Erkenntnis, dass das Leben sich hier ganz erträglich gestaltet, und dass es an fröhlicher Geselligkeit im Städtchen nicht fehlt.

Ja, eine Stadt, in der der Hauptbestandteil

Des köstlich deutschen Bieres wird geboren,

An der ist doch, nach Ansicht jedes Deutschen,

Der Hopfen nicht und auch nicht Malz verloren.