Goldmann K.E. Zwei Hexenprozesse aus den westposenschen Holländereien 1924

Der Artikel  „Zwei Hexenprozesse aus den westposenschen Holländereien”  von Carl Eduard Goldmann wurde in “Deutsche wissenschaftliche Zeitschrift für Polen” 4/1924 S.76 – 79  im Jahr 1924 veröffentlicht.

Wie Goldmann schrieb sind die Original Vorlagen, nach denen er den Text verfasste nicht mehr erhalten gewesen, der Text wurde hier aus der Original Überlieferung übernommen. Wenn er uns heute etwas merkwürdig erscheint liegt es aber wohl nicht nur daran, dass sein sprachlicher Ursprung nicht ganz geklärt worden ist, sondern wohl auch daran, das uns Hexenprozesse heute nur noch “befremdlich” erscheinen.

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Unzählig sind die Opfer, welche der Hexenaberglaube im 15. Bis 18. Jahrhundert in ganz Europa und darüber hinaus gefordert hatte. Er bildet ein entsetzliches Kapitel in der Kulturentwickelung der christlichen Völker. Tausende, vielleicht auch Millionen von Unglücklichen, fanden den grauenhaften Tod auf der Folterbank oder dem Scheiterhaufen, andere, welche die Freiheit erhielten, siechten an den ausgestandenen Martern und Qualen dahin.

Staubsäulen und Schule an der Kreisgrenze (bis 1920) zwischen Kreisen Neutomischel und Meseritz

Auch Polen hatte wie jedes andere christliche Land seine Hexenprozesse. Verschiedene sind aus alten Gerichtsbüchern und Akten bereits zur Veröffentlichung gelangt. Die Anklagen richteten sich gegen Polen und Deutsche, Frauen und Männer. Die in Folgendem mitgeteilten schriftlichen Verhandlungen, deren Abschriften ich einem früheren Lehrer in Gloden, Kreis Wollstein, verdanke, und deren Originale vor Jahren in der dortigen Schulzenlade vorgefunden wurden, vollzogen sich im westlichen Teil des Posener Landes. Leider sind die Abschriften nicht in der früheren Schreibweise des Originaltextes erfolgt, so daß sich nicht mehr feststellen läßt, ob die Originale in deutscher oder polnischer Sprache abgefaßt waren. — Die erwähnten Hexenberge im Tomischler und Bentschener Holland, womit höchstwahrscheinlich die sogenannten Berge in Glinau und Friedenhorst gemeint sind, führen auch heute noch hin und wieder im Volksmunde die erwähnte Bezeichnung. Sie standen einstmals in nicht besonders gutem Ruf und man sprach von ihnen mit einer gewissen Scheu.

Die Trauung der Angeklagten Nidzolek erfolgte nach dem Wortlaut der Verhandlung im Tomischler Holland. Dort in Zinskowo, auch „Alte Gemeinde” genannt, befand sich schon seit 1692 ein lutherisches Bethaus in der Nähe der ehemaligen Kreisgrenze. Allem Anschein nach lagen konfessionelle Ursachen für die Verurteilung vor, da angenommen werden kann, daß die N. sich der neuen Lehre, den Ketzern, vielleicht angeschlossen und das soeben erwähnte Bethaus möglicherweise besucht hatte. Es galt damals höchstwahrscheinlich schon als ein wichtiger Grund für die Anklage.

Bezeichnungen, die ferner auf den Hexenaberglauben früherer Einwohner hinweisen, finden sich auch in der weiteren Umgegend. So z. B. nennt man in Wonsowo, Kreis Neutomischel, heute noch im Volksmunde eine Hexenwiese. Die Anhöhen bei Sontop, sowie die in Hammer, Kreis Wollstein, ebenso eine frühere Bodenerhöhung in Glinau an der Landstraße nach Bentschen, östlich der Grenze von Friedenwalde (früher Zinskowo), werden Hexenberge genannt.

Der Galgen und die Staubsäulen in Alt-Jastrzemski, welche Illgner in seinerJubiläumsschrift der evangelischen Kirche in Friedenhorst 1897 [Siehe hier] erwähnt, und die an der alten Kreisgrenze zwischen Alt-Jastrzemski (im Volksmunde auch Bentschener Schule, dann mit der umliegenden Holländergemeinde Friedenhorst benannt) und der Alten Gemeinde (Zinskowo, bzw. Friedenwalde) errichtet waren, werden möglicherweise ihre traurige Bestimmung z. Z. der Hexenprozesse ausgeübt haben.

Karl Eduard Goldmann

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Verhandelt in Gloden-Hauland und in Gegenwart des gräflichen und edlen Herrn und unseres Wohltäters Casimir Josef Niegolewski auf Niegolewo, des polnischen Capitains, des Erben und Besitzers von Wollstein und der Güter von Gloden, Rothenburg usw. im Jahre 1721. Nachdem die hochweise Behörde zur Untersuchung der Hedwig Nidziolek sich hingesetzt und vorher wohl geprüft hat den Martin Jans.

Auf die Anfrage hat sie ohne Folter freiwillig eingestanden Hochgeehrte Herren, ich sehe schon, daß ich den Tod verdient habe, da ich ja eine Hexe bin, wozu soll ich um Gnade bitten, nur bitte ich, martert mich nicht zu sehr. Es ist wahr, daß ich den lieben Gott verleugnet habe, der in drei Personen ist, daß ich die allerseligste Jungfrau nicht kenne und nicht angerufen habe, daß ich Gott nicht anerkenne und nur den Teufel anrufe. Bis zum Tode habe ich alle Heiligen verleugnet und meine Schutzheilige Hedwig. Ich habe mich dem Teufel verschrieben mit dem Blut aus dem Herzfinger der rechten Hand, nachdem ich eine Öffnung mit der Nähnadel gemacht habe, weswegen es mir sehr gut gehen sollte und wie er mir versprochen hat und er sollte mich nicht verlassen bis zum Tode, aber schändlich, denn sobald sie mich jetzt gerichtlich verfolgen, hat er mich gleich im Stich gelassen, sagend, leide hier nur allein, denn hieraus wirst Du nicht mehr lebendig herauskommen, ich werde mir eine andere jüngere suchen. Der Teufel hatte den Namen Hans. Sie hat erklärt, er hat scheckige Sachen gehabt. Trauung hat sie genommen im Tomysl’er Holland. Der Teufel der Schmiedin trägt grüne Kleidung, Martin heißt er, er hat einen grünen Gurt, trägt einen Säbel, das hat auch die Smolarka freimütig ausgesagt ohne Folter.

Um 5 Uhr nachmittags, am Donnerstage 26. Juni, wurde in Gloden Holland Hedwig Nidziolkowa zum ersten Male auf die Folter gespannt, auf der sie auch bekräftigt hat, daß sie dem Martin Jans in der Nacht unter seine Schwellen Leichenwasser von ihrer toten Schwester gegossen hat, das ich dem Vieh eingeben sollte und so ist es geschehen wie er es beschworen hat, das ihm Pferde, Ochsen und Schafe eingegangen sind, nachdem sie die Stellen passiert haben. Den Teufel, mit dem sie tagtäglich verkehrte, hat sie immer auf ihrem Boden versteckt gehabt und auch ihr Mann. Die acht Jahre hindurch, wie sie die Hexerei ausgelernt hat in Tomysler Holland, besuchte sie auf einem schwarzen Ochsen den Hexenberg, hat den Ort verlassen und ist dann nach Bentschen-Holland gegangen und von dort ist sie wieder mit ihrem Mann nach Gloden Holland gekommen. Auch das hat sie erklärt, daß zu ihrer Hochzeit ein Offizier aus Paprotsch gekommen ist, die Schmiedin auf einem Bock angekommen ist. Dabei bleibe was ich erklärt habe und will sterben. Zum, zweiten Male auf die Folter gespannt Hedwig Nidziolkowa, an demselben Tage, 27. Juni, d. i. morgens am Freitag um 6 Uhr, was sie in den Qualen wieder bekräftigt und ausgesagt hat. Die Schmiedin in Bentschen Holland ist auch eine solche wie ich, das nehme ich auf mein Gewissen vor Gott und auch die andern sind Hexen, die ich genannt habe. Gefragt, ob die, welche in Bentschen Holland verbrannt wurden, sie zur Nachfolgerin bestimmt haben, antwortete sie, daß sie mit ihnen nicht auf demselben Hexenberge verkehrte, daher habe ich sie nicht gekannt.

Bei Sontop war der Hexenberg, wo auch die Schmiedin Elisabeth aus Gola (Goile) war, der Mutter Dorothea hat der Hexenberg bei Sontop am besten gefallen. Auf der Hochzeit der Schmiedin hat sie ihren Ochsen erdrückt aus Lust. Die Musik war aus Paprotsch. Jurga spielte, seine Teufelin war Dorothea und die Teufel haben in Gloden getanzt. Mielczarka giebt zu, daß ihr Teufel weder alt noch jung, graue Kleider hat er, mit dem Schwerte geht er wie die Deutschen. Ewa Tylawa hat einen Teufel in grünen Kleidern, er geht wie die Polen, er hat einen grünen Gurt und setzt sich auch hinter den Tisch auf dem Hexenberg. Die Tochter der Schmiedin aus Tomysl Holland mit Namen Elisabeth hat zum Bräutigam den Michael, sie sind zwei Jahre nach der Hochzeit, dabei bleibt sie was sie ausgesagt hat auf der Folter und auch freiwillig und will damit sterben-und auf Gottes Gericht gehen. Von den Fesseln befreit, wurde sie gefragt, ob sie das nicht aus Bosheit oder Rache tue, entgegnete sie, die andern sollen auch des Todes sterben wie ich, da sie auch dagewesen sind.

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Verhandelt in Bentschen Holland. Mit Erlaubnis des hochgeehrten Herrn Stephan Garczyńiski, des Fahnenträgers für Fraustadt, ließen seine Schulzen zwei Untersuchungsrichter kommen, die vereidigt sind, nicht bestochen, nicht überredet.

Die Schulzen sind ehrlich und vor dem Eide wohl geprüft. Angeklagt ist Elisabeth Popenowa, welche zur freiwilligen Inquisition genommen, zum ersten Mal bekannte, daß sie Gott verleugnet und alle Heiligen. Um die allerseligste Jungfrau gefragt, erklärte sie dieselbe nicht zu kennen, sie hat sich dem Teufel verschrieben auf seine Hände, da kein Papier da war, mit ihrem Blut aus dem Herzfinger, nachdem eine Öffnung mit einer Nadel gemacht war und erklärte, ich bin erst 1½ Jahr Hexe, beigebracht hat es mir die Faßbinderin vom hiesigen Holland, welche entflohen ist und die ich auch citiere und sie anklage, die zweite die Bäckerfrau in diesem Holland, die dritte Hedwig Nidziolek, welche von allem geflohen ist nach Gloden Holland. Ich klage auch an die Schnupftabakverkäuferin Hepner und die Anna Raszewa, die Königin. Der Teufel derselben ging in feiner Kleidung. Alle diese haben den Hexenberg bei Bukowiec gehabt. Die letzte hat dort auch Hochzeit gehabt und der Teufel hat mit ihr es so gemacht, wie der Mann mit seiner Frau. Sie erklärt ferner (Elisabeth Popenowa), daß ihr Satan Michael hieß und daß er seinen Platz hinter dem Kamin gehabt hat, daß ihr Mann es nicht wußte. Auf den Hexenberg ist sie auf einem Besen geritten. Der Michael hat ihr versprochen, für sie zu leiden, aber er konnte es nicht aushalten, denn er wurde durch Rauch vertrieben und durch heißes Wasser, und er sprach zu ihr, nun leide allein für dich, denn ich gehe schon weg, ich kann hier den Gestank nicht aushalten.

Zum zweiten Male auf die Folter gespannt, gestand sie ein und bekräftigte sie das alles wie früher und klagt alle an, und gibt noch zu, daß ihr Teufel sich in einen Wolf verwandelte und auf den Hexenberg Fleisch brachte. Allein hat sie erklärt, daß statt jeden Morgen „Gelobt sei Jesus Christus” sie immer sagte, „der Name Gottes soll verloren gehen.” Ich rufe alle anderen an und die drei, die auf dem hiesigen Bentschen-Holland verbrannt wurden. Mein Teufel Michael gab etwas meinem Manne ein, daß er solange schlief, bis ich vom Hexenberge zurück war. Die Bäckersfrau von diesem Holland ritt auf einem Bock und saß hinter dem Tisch, ich war arm, er hat mir versprochen, daß es mir gut gehen sollte. Ich habe das Vieh dem Bender und Martin versprochen, so viele aber zähle ich aber Namen nicht auf, denn der Schaden kommt schon nicht mehr wieder. Es verkehren viele dort, aber die andern kenne ich nicht. Dies ist alles wahr, was auch die andern beiden Hexen zugegeben haben bei der vereidigten Polizei in Wollstein.

gez. Adalbert Piatkowski, Woyt in Wollstein