Hopfenbau und Hopfenhandel in Neutomischel 1898/99

Humulus Lupulus - Hopfen / Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Echter_Hopfen#/media/File: Illustration_Humulus_lupulus0.jpg

Humulus Lupulus – Hopfen / Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Echter_Hopfen#/media/File: Illustration_Humulus_lupulus0.jpg

In den Jahren 1898/99 wurde die Hopfenproduktion in Deutschland auf annähernd 500.000 Zentner eingeschätzt; die der Welternte lag bei ca. 1.000.000 Zentner.

Bei einer in jenen Jahren normal verlaufenden Hopfenernte im Anbaugebiet Neutomischels betrug die Produktionsmenge ca. 20.000 Zentner; wenn durch Witterungseinflüsse und Schädlingsbefall eine Ernte quantitativ schlecht ausfiel waren es sogar nur lediglich 4.500 Zentner.

Nur quantitativ schlecht, bedeutete nicht gleichzeitig auch qualitativ schlecht. In der Hopfensaison 1898/1899, so ist dem Beitrag des Heinrich Wittkowsky zu entnehmen, war zwar nur eine geringe Ernte von ca. 4.500 Zentner eingebracht worden, diese war jedoch qualitativ die Beste der vergangenen 10 Jahre (1888-1898).

Die exzellente Qualität hat aber letztlich nicht verhindern können, dass es durch die

  • nicht richtige Einschätzung des Marktes bzw. der Marktsituation,
  • Fehl- bzw. Nichtinformationen zu Hopfenernten aus den großen Anbaugebieten Bayern und Böhmens und dem eigenen Anbaugebiet und
  • durch eine zentral gesteuerte Informationszentrale in Posen, welche den Hopfenmarkt verfolgen und einschätzen und die Produzenten hätte entsprechend informieren sollen, die mit den örtlichen Gegebenheiten des Anbaugebietes von Neutomischel wohl aber nicht vertraut gewesen war, und dieses somit nicht korrekt erledigte

zu unbefriedigenden bzw. sogar als schlecht zu bezeichnenden Verkaufserlösen gekommen war.

Gesagt werden kann jedoch, dass den Anbauern und Händlern die Risiken des Hopfenanbaus, als auch die des Hopfenverkaufs bzw. die dessen Einkaufes bekannt waren, denn Hopfen gehörte und gehört noch heute langjährig betrachtet zu den am weitesten preisschwankenden Gütern.

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Hopfenbau und Hopfenhandel in Neutomischel 1898/99 – von Heinrich Wittkowsky

Das Hopfengeschäft des Jahres 1898/99 kann am hiesigen Platze, jetzt, im 9. Monat der Saison, nahezu als abgeschlossen gelten. Mit Befriedigung können weder Handel noch Produktion auf das letztjährige Geschäft zurückblicken. Während aber die Produzenten, die zur richtigen Zeit verkauft haben, noch eine Entschädigung für den geringen Ernteertrag in dem diesjährigen hohen Preise erzielten, zum Theil auch dadurch, daß sie größere Quantitäten älterer Jahrgänge, die vorher als werthlos galten, zum Verkauf bringen konnten, haben die Händler ein durchaus schlechtes Geschäftsjahr zu verzeichnen.

Der Ertrag der letztjährigen Ernte im Hopfenbaubezirk Neutomischel darf auf ca. 4.500 Centner geschätzt werden, währen der normale Ertrag 20.000 Centner ausmacht.

Hopfenfeld bei Nowy Tomyśl / Aufn. PM

Hopfenfeld bei Nowy Tomyśl / Aufn. PM

So gering das Ernteergebniß nun auch quantitativ war, so gut war es qualitativ, in letzterer Beziehung war es eines der besten der letzten 10 Jahre. Die Dolde blieb etwas kleiner als sonst, war ihr nicht zum Nachtheil war, war sehr lupulinreich und von schöner hellgrüner Farbe. – Der Preis für prima Neutomischeler Hopfen war zu jeder Zeit in dieser Saison so hoch, wie für bestrenommirten bayerischen Siegelhopfen.

Die von hieraus aus den Kreisen der Landwirthe herausgegebenen Berichte, daß wir vor einer totalen Mißernte stehen, haben dem Handel großen Schaden zugefügt. Die Brauer haben diese Berichte nicht anders verstehen können, als daß wir hier nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ eine geringe Ernte eingebracht haben. Dazu kam noch, daß Nürnberger Berichte im September zu melden wußten, hiesige Händler seien dort eingetroffen, um ihren Bedarf zu decken. Thatsächlich sind auch 1.000 – 1.200 Ctr. zu jener Zeit für hiesige Rechnung gekauft worden. Diese Berichte haben mit veranlaßt, daß die Brauer mißtrauisch wurden und daß viele der treuesten und besten Kunden von dem Bezuge Neutomischeler Hopfens in diesem Jahr gänzlich Abstand genommen haben.

Leider muß gesagt werden, daß der größte Theil unserer Produzenten nicht zur richtigen Zeit verkauft hat und sich den hohen diesjährigen Preisstand nicht zu Nutze gemacht hat. September – Oktober, als die Nachfrage bei täglich steigenden Preisen eine lebhafte war, da war hier nicht zu kaufen, unsere Produzenten waren mit ihren Forderungen den Tagespreisen stets um 20 bis 30 Mk. vorausgeeilt. Erst November – Dezember, als Preise gegen den Höchststand im Oktober um 40-60 Mk. zurückgegangen waren, da war hier leicht zu kaufen und wurde hier verkauft. Bis Ende Dezember war erst die Hälfte der kleinen 98er Ernte umgesetzt. Anfang Januar wurde wieder ein etwas besserer Preis gezahlt, ein nicht unbeträchtlicher Theil kam aber erst Februar – März zum Verkauf, als Preise abermals große Einbuße erlitten hatten. Der Höchstpreis im Oktober war 200 bis 220 Mk. Von Februar bis April zahlte man aber nur bis 160 Mark, vielfach aber auch erheblich darunter.

Die hiesigen Produzenten haben zweifellos ebenso unter der schlecht organisirten Berichterstattung gelitten, wie die Händler. auch aus den Hauptproduktionsgebieten Süddeutschlands, aus Bayern, Württemberg, Baden und dem Elsaß wurde im Sommer berichtet, daß die Hopfenanlagen unter der ungünstigen Witterung gelitten haben, der Pflanzenstand sei in der Entwickelung zurück geblieben. Das Auftreten von Mehltau und Schwärze war nicht nur aus Süddeutschland, sondern auch aus Böhmen gemeldet worden und so konnte der Produzent, der über die Weichbildgrenze (Stadt-/Ortsgrenze) von Neutomischel nicht hinausgekommen ist, sehr wohl der Meinung sein, daß es anderwärts auch nicht günstiger aussieht, als bei uns, und daß Preise erheblich höher werden müßten.

Der Ernteertrag war überall unter normal zurück geblieben, so ungünstig wie bei uns war es aber nirgends.

Zur Zeit der Ernte wurde mir gesagt, es seien einige Mitglieder des Hopfenbau-Vereins mit Unterstützung desselben nach Bayern und Böhmen abgereist, um sich über den Pflanzenstand in anderen Gegenden zu orientiren, leider ist ein Bericht darüber, was die Herren dort gesehen haben, nicht veröffentlicht worden.

Eine gutorganisirte, zuverlässige Berichterstattung ist für uns durchaus nöthig; gegenwärtig wird sie in der Hauptsache von Posen aus geleitet, und zwar von einer Stelle, die, wie die meisten Berichte erkennen lassen mit hiesigen Verhältnissen wenig vertraut ist.

Hopfenfeld bei Nowy Tomyśl / Aufn. PM

Hopfenfeld bei Nowy Tomyśl / Aufn. PM

Man begegnet in hiesigen Produzentenkreise vielfach der Meinung, um einen guten Preis zu erzielen, müsse man die Ernte so klein wie möglich darstellen. Das ist ein ganz verkehrter Standpunkt. Die großen Produktionsplätze Süddeutschlands vermögen vielleicht mit solchen Berichten vorübergehend Erfolge zu erzielen, im Allgemeinen regeln die Preise sich bald nach Angebot und Nachfrage. Bei einer jährlichen Hopfenproduktion von ca. 500.000 Centner in Deutschland und einer Welternte von mehr als einer Million Centner kommt es wenig in Betracht, ob in Neutomischel Hopfen wächst oder nicht, auf den Weltmarktpreis, und dieser ist auch für uns maßgebend, üben wir mit unseren 20.000 Centnern normaler Ernte keinerlei Einfluß aus. Für uns kann nur von Vortheil sein, wenn wir gute Ernteberichte geben können, je besser die Berichte lauten, um so größer wird die Nachfrage nach hiesigem Hopfen und die Zahl fremder Einkäufer am hiesigen Platze sein und je größer die Konkurrenz, um so besseren Preis erhalten die Produzenten für ihre Waare.

Damit sei keineswegs gesagt, daß rosig gefärbte Berichte gegeben werden sollen, streng objektiv sollen sie lauten, aber nicht übertrieben ungünstig, wenn es nicht nöthig ist.

Vielleicht geben diese Zeilen Anregung, am hiesigen Platze eine Stelle zu schaffen, die die Interessen des Handels und der Landwirthschaft gleichzeitig wahrnehmen, zuverlässig und regelmäßige Hopfenberichte giebt.

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Über den Autor dieses Beitrages haben wir folgendes in Erfahrung bringen können:

  • Heinrich / Hirsch Wittkowsky war der Sohn des Samuel / Hirsch Wittkowsky und dessen Ehefrau Johanna / Hodes Hanne geborene Ruben
  • er wurde am 15. Februar 1854 in Birnbaum geboren, hielt sich vor seiner Eheschliessung im Jahr 1883 in Berlin auf, er verstarb am 22. September 1937 in Neutomischel
  • am 31. Dezember 1883 ehelichte er in Neutomischel die
  • Hedwig geborene Wittkowsky, Tochter des Kaufmanns Heimann Wittkowsky und dessen Ehefrau Ernestine geborene Lewy
  • sie war am 27. Juli 1873 zu Kirchplatz Boruy geboren worden
  • nach ihrer Eheschliessung blieb das Paar in Neutomischel ansässig, Heinrich Wittkowsky wurde als Kaufmann bezeichnet
  • als Kinder des Paares wurden aus den einsehbaren Personenstandsunterlagen notiert – geboren im Jahr:
  • 1885 Margarethe – später verehelichte Haase
  • 1886 Siegbert Samuel – er verstarb im Jahr 1894
  • 1888 Elisabeth Bertha – später verehelichte Woythaler in Berlin; sie wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet – Quelle: Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer /  http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=4141008&language=de
  • 1889 Helene - zu ihr fanden sich keine weiteren Daten
  • 1896 Johanna – später verehelichte Philippsborn

In der Stadtrathssitzung vom 17. August 1920 wurde einstimmig beschlossen, den Beisitzer des Magistrats Herrn Kaufmann Heinrich Wittkowsky zum Ehrenbürger der Stadt Nowy Tomysl zu ernennen und diese Ernennung in der nächsten Stadtverordneten Versammlung dem Herrn Wittkowsky mitzuteilen; dieses geschah dann in der Sitzung vom 25. August 1920

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1899-05-16 – 2) Staatsarchiv der Stadt Poznan – Archiva państwowe – hier 4385-0244 Protokolle der Stadtverordnetenversammlungen – 3) Staatsarchiv der Stadt Poznan – Archiva państwowe- hier Personenstandsunterlagen der im Text genannten Jahrgänge