Johann Friedrich Wilhelm Lange 1866-1901; die Lebensnot eines 14 Jährigen

Ausschnitt Messtischblatt 3662 / mapy.amzp.pl

Welch blutrünstiges Szenario wurde in der Zeitungsmeldung vom 28. Juni 1901 beschrieben:

„Berlin, 28. Juni. Einem furchtbaren Verbrechen ist der „Berl. Ztg.“ zufolge der 15 jährige Handlungsgehilfe Wilhelm Lange zum Opfer gefallen. Ohne Vorwissen seiner Angehörigen hat er am vorigen Freitag (21.06.1901) eine Reise unternommen.

Gestern wurde er mit durchschnittenem Halse und gespaltenem Schädel, den ganzen Körper mit Stichwunden bedeckt, in einem unweit der Chaussee gelegenen Gehölz in der Gegend von Neutomischel aufgefunden. Ein Betrag von etwa 12 Mk., den er bei sich trug, fehlte. Uhr und Taschenmesser wurde noch bei ihm vorgefunden.“

Doch was war geschehen . . . die Neutomischeler Kreiszeitung berichtete in ihren Ausgaben 

* * *

Neutomischel, 25 Juni 1901 

Die hiesige Gegend ist in den letzten Tagen in eine unliebsame Aufregung versetzt worden. Am Freitag, den 21. d. M. (21.06.1901) Nachmittags wurde in einer kleinen Waldparzelle von Neu Bolewitz in unmittelbarer Nähe der Chaussee Neustadt b. P. – Tirschtiegel die Leiche eines jungen Mannes von etwa 17 Jahren gefunden, welche einen tiefen Schnitt am Halse aufwies und in deren Nähe große Blutlachen vorhanden waren. Nach den umlaufenden Gerüchten sollte der Kopf Messerstiche gezeigt haben, welche auf eine Ermordung durch fremde Hand hindeuten sollten.

Durch die stattgehabten amtlichen Erhebungen hat sich nun herausgesellt, was wir zur Beruhigung der Gemüther hier gleich vorweg bemerken wollen, dass die Annahme eines Mordes durch fremde Hand als ausgeschlossen gilt, dass vielmehr Selbstmord vorliegt, so dass die öffentliche Sicherheit jener Gegend nach wie vor als gefährdet nicht zu betrachten ist. Es wird diese Nachricht für Fußgänger und Radfahrer auf der sehr belebten Chausseestrecke voraussichtlich sehr beruhigend empfunden werden.

Der junge Mann ist am genannten Tage mit dem Mittagszuge von Berlin hier angekommen und hatte sich mit einem jungen Mädchen in ein und demselben Wagenabtheil befunden, welchem der junge Mann durch sein außerordentlich niedergeschlagenes Wesen auffiel. Er nahm von dem mitleidig sich seiner annehmenden Mädchen Speise und Trank an und während das Mädchen sich zu Wagen einem nahen Forsthaus zuwendete, pilgerte der junge Mann auf der Chaussee weiter. Hier wurde er von mehreren Personen gesehen. Von denselben Personen wurde er kurze Zeit später gefunden, weil er noch immer in derselben Lage sich befand, in welcher er von diesen Personen zuletzt gesehen wurde.

Es stellte sich heraus, dass er sich den Hals durchgeschnitten und das Messer in der Richtung, in welcher der Schnitt erfolgt war, vor sich hingeworfen hatte. Er schleppte sich mehrfach von einer zur anderen Stelle, bis er verblutet war und nun liegen blieb. Nichts deutet auf einen vorher stattgehabten Kampf oder Überfall durch eine andere Person hin. Vorläufig ist nichts über die Person des Selbstmörders bekannt, die genaue Adresse seiner Eltern, aber ohne deren Namen, welche in Berlin wohnen, hatte er aufgeschrieben in der Tasche. Eine Quittung über 1.000 Mark mit der Unterschrift zweier Personen fand sich bei der Leiche vor.

Neutomischel, 2. Juli 1901

Die Öffnung der auf der Landstraße bei Neu Bolewitz gefundenen Leiche hat zweifellos Selbstmord ergeben, worauf die Behörden die Untersuchung der Angelegenheit eingestellt haben.

Der junge Mann, namens Lange, ist früher hier heimisch gewesen und mit seinen Eltern nach Berlin gezogen, wo er als Hausdiener beschäftigt gewesen ist. Offenbar drückte ihn eine schwere Gewissensschuld, die ihn in den Tod getrieben hat.

* * *

Johann Friedrich Wilhelm Lange

geboren 07. November 1886 Albertoske – gestorben 06. Juli 1901 bei Neu Bolewitz

sein Vater war der verstorbene Johann Samuel Lange (1847-1888) , seine Mutter die Juliane geborene Schulz (1864-?)

* * *

Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/); Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel”; Einreichung der Berliner Zeitungsmeldung MARCUS – Wollstein Forschung https://ahnensuche.wordpress.com