Knoll, Gerhard – Glinauer Berge 1996

Der hier angeführte Text stammt aus dem Buch „… und dazwischen Neutomischel” ;  Autor Arno Kraft. Der Artikel beschreibt die Glinauer Berge; im Norden die Stadt liegend, diese halbmondförmig umschliessend mit ihren auf den Sanddünen wachsenden Kiefernwäldern; die Endmoränenlandschaft als letztes Überbleibsel aus der Eiszeit.

Faszinierend ist, dass seit Jahrzehnten die Erlebnisse in diesen Bergen immer wieder in kleinen Geschichten beschrieben worden sind; und es heute noch werden. Über Generationen sind die Erzählungen der seinerzeit hier lebenden Deutschen zu finden, unsere Eltern setzten diese Tradition fort, wir selbst erleben sie und unsere Kinder und  unsere Enkel werden hoffentlich auch ihre schönen Erlebnisse in diesen Bergen in ihren Erinnerungen aufbewahren. Lange Spaziergänge durch die Büsche und Wälder, das Pilzesammeln, die Momente der Ruhe …  und dann die prächtigen Winter. Die Glinauer Berge haben in allen von uns ihren Eindruck hinterlassen und wir alle haben unsere Erinnerungen an sie.

Das Lesen der Texte bringt uns heute ein Schmunzeln ins Gesicht – unsere Kinderzeit: alles war viel riesiger und prächtiger erschienen; alles war unendlich grösser gewesen: die Kirche, der Wasserturm, das Friedhofsgelände; die Glinauer Berge wuchsen zu einem riesigen Gebirge mit unendlichen Höhen in den Himmel; die Sommer waren unendlich viel wärmer und die Winter um nochmal so viel frostiger; die Ferien erschienen uns unendlich – die Zeit lief langsamer.

In der Einführung zur polnischen Übersetzung gibt es noch die Überlegung, wie die Worte “Heimat” und „Vaterland“ zu übersetzen sind und wie der Unterschied zwischen diesen beiden Worte beschrieben werden kann.  Im polnischen gibt es nur das Wort „Ojczyzna“ welches gleichbedeutend sowohl für „Vaterland“ als auch für „Heimat“ ist. Um den Begriff  „Heimat“ korrekt zu übersetzen, wäre es im Polnischen die Aussage „klein Vaterland“.

Die polnische Einführung wurde von Marek Koźlicki verfasst, er ist auch derjenige der die Übersetzung ins Polnische vorgenommen hat.

Die hier abgebildeten Postkarten werden mit freundlicher Genehmigung von Herrn Arno Kraft, Berlin zur Verfügung gestellt und veröffentlicht.


Blick vom östlichem Teil der Glinauer Berge, in Richtung Wasserturm Neutomischel

Wenn man mit dem Fahrrad die Kreisstadt Neutomischel über die Neustädter Straße verließ, war man nach rund 1 km an den sogenannten „Glinauer Bergen”. Besucher der Gegend lächelten natürlich über das Wort Berge, denn in ihren Augen waren es nur Sandhügel, die mit Kiefern bewachsen waren. Für uns Kinder waren es aber Berge, denn auch unsere Eltern bezeichneten sie ebenfalls so, und größere Berge hatten wir damals noch nicht gesehen.

Unsere Berge ragten ja nur ungefähr 20 bis 25 Meter aus der umgebenden Landschaft heraus und die Chaussee, die an der sogenannten Kreuzstraße auf die Schwiebus – Posener Chaussee traf, durchschnitt den Höhenrücken an zwei Stellen kurz hintereinander. Er war ein Überbleibsel der Eiszeit, eine Endmoräne. Die Berge gehörten zum größten Teil noch zum Gut Alttomischel. Aber auch einige Waldstücken waren im Besitz angrenzender Bauernhöfe.

So gehörte auch ein Stück im äußersten Ostbogen zu unserem Hof. In den Wintermonaten wurden hin und wieder von uns und auch den anderen Waldbesitzern einige Kiefern gerodet. Besonders, wenn Bauvorhaben geplant waren, griffen die Bauern auf die Holzvorräte ihres Besitzes zurück. Manchmal fehlte es bloß an Brennholz zum Kochen, Backen oder Heizen.

Die durch Roden frei gewordenen Flächen mussten im Frühjahr durch Neuanpflanzungen wieder geschlossen werden, denn ein Gewitterregen konnte im Sommer in kurzer Zeit die aufliegende dünne Nadelschicht wegspülen. Dann bereitete ein Neuanpflanzen große Schwierigkeiten und die Nachkommen der Bauern sollten ja auch noch etwas vom Waldbesitz haben.

Außer den Waldstücken der Bauern Felix Kucz, Berthold und Bruno Knoll, Hermann Schulz, Richard Kraft und Berthold Pflaum gab es am Rande und oben in einem Kessel noch einige Stücken, die Handwerker- und Arbeiterfamilien gehörten und auf denen kleine Wohnhäuser und Ställe standen. Die Bewohner verdienten sich ihren Unterhalt in der Stadt oder bei Bauern, oft als Tagelöhner bei der Ernte. In den anliegenden Gärtchen versuchten die Bewohner auch noch etwas anzubauen, doch bei aller Mühe wuchs kaum etwas.

Am Südrand, ein Stück links von der Chaussee, lag Krepels verwunschener Busch, denn hier wuchsen als Besonderheit hohe Farnbüsche und wir fühlten uns wie in eine fremde Welt versetzt; und rechts der Straße, zwischen Wiesen und Wald auf feuchtem Grund, war Neumanns Busch. Hier wuchsen verschiedene Arten von Laubbäumen. Weiter nördlich, unterhalb des Glinauer Friedhofs lag am steil abfallendem Hang ein dritter, nämlich Krafts Busch. Der Gemeindefriedhof lag oben auf dem Bergrücken und die Bauern hatten besonders im Sommer, wenn es trocken war, wenig Zeit, sich um die Gräber ihrer Angehörigen zu kümmern. Sie wollten aber auch nicht, dass die Pflanzen auf den Gräbern in dieser Zeit verdorrten und beauftragten darum ältere Frauen, die in der Nähe wohnten, mit dem Gießen. Die angesprochenen Frauen waren froh, sich etwas Geld durch Grabpflege verdienen zu können. Wasser holten sie aus selbstgegrabenen Wasserlöchern aus Krafts Busch. Der Wasserstand war hier auch im Sommer nur um 50 cm. Aber der steile Weg zu den Gräbern bei Hitze machte das Gießgeld doch zu einer recht sauer verdienten Einnahme.

Wald der Alttomischler Forste Foto-Enderich

Wald des Alttomischler's Forst - Foto-Enderich

Auch der Scherlanker Friedhof lag nicht sehr weit entfernt weiter nördlich. Er lag aber nicht so hoch wie der Glinauer und fast direkt an der Chaussee, die hier zum

Chousee nach Neustadt, Blick zu den Bergen von Glinauer Seite Foto-Enderich

Chaussee nach Neustadt, Blick zu den Glinauer Bergen - Foto-Enderich

zweiten Mal den südlichen Bogen des sandigen Höhenzugs durchschnitt. In den feuchten Büschen (von den Bewohnern „Püsche” genannt) wuchsen hauptsächlich Erlen, aber auch Birken und Weiden nebst allerlei Unterholz. Viele Vögel hatten hier ihren Unterschlupf. Spaziergänger aus der Stadt freuten sich über das frische Grün und den Gesang der Vögel. Sie versuchten, die kleinen Sänger zwischen dem Laub zu Gesicht zu bekommen oder auch nur ihre Stimmen nach Vogelarten zu unterscheiden. Wegen der Häufung einer besonderen Vogelart wurde Krafts Busch von ihnen „Finkenbusch”‘ genannt. Auch wir Kinder durchstreiften manchmal Busch und Wald und erfreuten uns an allerlei Kleingetier und Pflanzen. An feuchten Stellen wuchs im Unterholz eine Binsenart, von uns Semsen genannt, aus deren langen grünen Stengeln wir Kinder damals gerne Zöpfe geflochten haben, oft mit eingeflochtenen Blumen aller Art. Ab Juli begann die Pilzzeit im Wald- und Buschgebiet. Schon sehr früh im Morgengrauen waren die Pilzsammler unterwegs und suchten ihre Beute. Viele Arten waren, je nach Ortslage und Jahreszeit, an Bäumen, im Unterholz und zwischen Moos zu finden. Die bekanntesten Pilzarten waren bei uns: Pfifferlinge (von uns Hähnchen genannt), Steinpilze, Birkenpilze, Maronen, Rehpilze und Grünlinge. Auch wir beteiligten uns hin und wieder am Sammeln und manch schöne Pilzmahlzeit konnte Mutter für die ganze Familie mit Speck und Sahne aus unseren Sammelergebnissen bereiten. Das war eine willkommene Abwechslung im oft eintönigen Speiseplan.

Der Wald war aber auch Versteck unliebsamer Räuber; Greifvögel, Krähen und Elstern (bei uns Schagaster genannt) holten vom Hof manch ein Gänse-, Enten- oder Hühnerküken; oft holte sich auch ein Fuchs, meist in der Nacht, seine Mahlzeit. In den Wintermonaten, wenn Frau Holle ihre Schleusen geöffnet hatte und eine dicke Schicht von Schneeflocken die Erde bedeckte, waren die Berge ein Anziehungspunkt für den Wintersport. Für uns Kinder war die Freude groß, wenn wir unsere Rodelschlitten vom Boden holen konnten. Die Kufen wurden vom Rost befreit und los ging es in die verschneite Winterlandschaft. Bei einer Schneehöhe von 10 cm fuhren die ersten Schlitten zu Tal. Besonders das Waldgebiet Knoll wurde von der Jugend zum Rodeln bevorzugt. Hier gab es das richtige Gefälle, wo man durch Schneisen rasant zu Tal fahren konnte. An den Wochenenden herrschte ein buntes und lautes Treiben in den Bergen. Die Eltern kamen mit ihren Kindern aus der Stadt und freuten sich mit ihnen über das gesunde Wintervergnügen. Bei idealen Schnee- und Wetterverhältnissen rutschten die Schlitten bis an Knolls Gartenzaun. Manche Bauern, deren Felder an die Hügel grenzten, sahen es aber nicht gern, wenn die Rodelschlitten bis auf ihre Felder fuhren und sie zogen deshalb Gräben, um ihre Wintersaat zu schützen! Die Rodler hatten dafür kaum Verständnis und sahen es als eine große Gemeinheit an, mit der man ihnen den Spaß verderben wollte. Auch manche Eltern aus der Stadt schimpften über diese „kinderfeindlichen” Bauern. –

Bei aller Freude gab es aber auch bei den Kleinen öfters traurige Gesichter; wenn sie an einer Erhöhung umkippten oder auf einem Buckel ihren Schlitten zerbrachen, flossen reichlich Tränen. Auch mir ging es einmal so. Polnische Jugendliche aus der Stadt, die ohne Schlitten zum Rodelvergnügen gekommen waren, wollten nicht mehr nur zuschauen und nahmen mir darum plötzlich meinen Schlitten weg. Sie wollten wohl auch mal die Rodelfreuden genießen. Drei große Jungen setzten sich drauf und fuhren mit großer Geschwindigkeit gegen einen Baum und mein schöner Schlitten zerbrach beim Aufprall. Sie ließen die Trümmer liegen und rannten davon. Ich las unter Tränen die Teile auf und trug sie unter Schluchzen zu unserem Hof. Würden mich meine Eltern auch noch nach diesem Unglück ausschimpfen? Ich mußte schweren Herzens mein Unglück zu Hause beichten, aber Eltern und große Geschwister trösteten mich und versprachen, sofort meinen Schlitten beim Stellmacher Saage auf der Rutschkawe reparieren zu lassen. So hatte dieser Handwerker auch im Winter viel zu tun, denn oft gab es zerbrochene Schlitten.

Das Rodeln ging bis zum Dunkelwerden und manchmal brachten größere Jugendliche sogar Stallaternen mit und hingen sie an Bäume. Sie konnten nicht genug kriegen von dem schönen Winterspaß. Durch Übermut kam es aber auch zu schwereren Unfällen, bei denen nicht nur Holz zerbrach sondern manchmal sogar Knochen. Skifahrer sah man damals nur selten. Sie hielten sich auch fernab von den Rodelbahnen und suchten sich ruhigere Plätze zur Abfahrt aus. Es gab damals nur sehr wenige in der Stadt, die solche lange gebogenen Holzbretter besaßen.

Weg zwischen Scherlanke und Glinau - Foto- Enderich

Weg zwischen Scherlanke und Glinau - Foto-Enderich

Eines der schönsten Kindheitserlebnisse war wohl damals eine Fahrt mit einem Pferdeschlitten. Hierbei waren wir Bauernkinder im Vorteil, denn die Städter hatten keine Pferdeschlitten. Wenn sie durch die verschneite Gegend fahren wollten, mußten sie sich ein Schlittengespann bei einem bekannten Bauern borgen. Auch nicht jeder Bauer hatte solch ein schnelles Gefährt auf dünnen Kufen. Die meisten hatten nur schwereSchlittenuntergestelle zum Transportieren von Lasten.

Ja, eine Schlittenfahrt mit einem flinken Pferdeschlitten war schon ein ganz besonderes Vergnügen. Wer es erleben konnte, wird es wohl nicht so leicht vergessen haben. Im schnellen Lauf ging die Fahrt durch Wälder und Felder. Die verschneite Landschaft flog gespenstisch am Auge vorbei. Das Glockengeläut tönte im Takt der Pferdeschritte ans Ohr. Die Reihe der silbrigen Glöckchen in den unterschiedlichen Größen blinkte im Sonnenschein oder auch bei vollem Licht des Mondes. Sie waren am Geschirr der Pferde befestigt und wippten auf und nieder. So war eine Familienschlittenfahrt durch die Weite der Hauländerei oder durch das große Waldgebiet nördlich davon ein unvergessliches Erlebnis.

Uns bleibt eine Schlittenfahrt aber aus einem anderen Grunde für immer im Gedächtnis. Wir hatten im Winter eine Fahrt mit dem Pferdeschlitten nach Paprotsch zu einer Geburtstagsfeier unternommen. Die Heimfahrt erfolgte in einer finsteren Nacht und die beiden mitgeführten Laternen spendeten nur wenig Licht. Der Schlitten war mit vier Erwachsenen und vier Kindern vollgeladen. Es war kalt und Schneetreiben beeinträchtigte die Sicht und hatte alle Spuren von Pferden und Schlitten zugeweht. Mein Vater konnte kaum etwas erkennen und vertraute wohl mehr auf das Gespür der Pferde als auf seine Augen. Auf einmal gerieten wir plötzlich in eine gefährliche Schieflage. Meine Mutter schrie laut: „Bruno, wo fährst du uns denn hin!” Aber schon kippte der Schlitten um und wir alle lagen im tiefen Schnee. Für den Kutscher nicht erkennbar und von den Pferden wohl zu spät bemerkt, wurde ein kleiner zugewehter Graben am Wegesrand uns zum Verhängnis. Aber im weichen Schnee gab es keine Verletzten und die Kufen hielten stand. Der Schlitten wurde langsam herausgezogen und alle konnten nach dem Schreck wieder aufsteigen. Die Reise ging nun noch vorsichtiger und mit erhöhter Aufmerksamkeit aller weiter. Bald erreichten wir die Chaussee und die Pferde konnten nun wieder zur Eile angetrieben werden. Den kurzen Weg von der Chaussee zum Hof kannten Pferde und Kutscher genau. Zu Hause waren alle ausgestandenen Ängste bald vergessen, aber das Erlebte blieb haften.

Als wir schon etwas größer waren, hatten wir mit Nachbarskindern auf dem höchsten Punkt unserer Berge in die Baumkrone eines großen Baumes eine Art Jagdanstand gebaut.

Durchfahrt Glinauer Berge, Blick nach Scherlanke Foto-Enderich

Durchfahrt Glinauer Berge mit Blick nach Scherlanke - Foto-Enderich

Von diesem erhöhten Aussichtspunkt konnten wir die große Hauländerei Glinau nach Osten bis über die Erlen, die an beiden Rändern des Landgrabens in dichtem Abstand wuchsen, überblicken. Er schlängelte sich durch die Landschaft in Richtung Stadt. Über Wiesen, Felder, bäuerliche Gehöfte und Baumreihen konnten wir die Dörfer Alttomischel und auch Sontop erkennen. Nach Süden streifte unser Blick über die Häuserdächer von Neutomischel nach Paprotsch. Wir sahen den Wasserturm der Stadt und die Kirchtürme der alten evangelischen Kirche und der neueren katholischen. Teilweise versperrten die Wipfel der Kiefern auf dem kleinem Rücken der Paprotscher Berge den weiteren Blick und den Kirchturm der entfernten Kirche in Kirchplatz Boruy konnte man nur erahnen. Hin und wieder stieg eine Rauchfahne der Eisenbahn zum Himmel auf. In Richtung Südwesten ging der Blick über Friedenwalde zum roten Kirchturm von Friedenhorst. Nach Westen sah man den schmalen bewaldeten Ausläufer des südlichen Höhenzugs der hinter der Schule von Scherlanke endete und rechts davon die Gehöfte dieser Gemeinde. Im Norden streifte das Auge über ein Meer von Baumwipfeln. Es war der Alttomischler Forst und dahinter der Staatsforst von Buchwerder. Dieses grüne Meer reichte bis an den Horizont.

Hier wuchsen in großen Flächen Preisel- und Heidelbeeren. Anfang Juni kamen schon Leute aus der Stadt und vom Lande, um Beeren zu pflücken. Viele Kinder halfen dabei. In allerlei Gefäßen wurde die Ernte nach Hause getragen. Manche pflückten nicht nur für sich, sondern auch zum Verkaufen. Von den Forstverwaltungen mußten sich die Pflücker kostenpflichtige Erlaubnisscheine besorgen. Forstangestellte kontrollierten, ob diese auch erworben waren und achteten darauf, daß kein großer Schaden angerichtet wurde. In manchen Jahren war die Ernte nur sehr bescheiden und nicht selten machten Holzböcke (Zecken) das Kriechen im Wald zur Plage.

Von unserem Hochsitz schauten wir oft in die Runde und dachten an das, was sich in der Umgebung tat. Für uns Kinder schien damals am Horizont die Welt zu Ende.