Orgelrenovierung im Jahr 1908 in Neu Tomysl

2012 - Im inneren der Herz Jesu Kirche, der früheren evangelischen Kirche zu Neu Tomysl - Aufn. PM

2012 – Im inneren der Herz Jesu Kirche, der früheren evangelischen Kirche zu Neu Tomysl – Aufn. PM

“Nachdem in unserer evangelischen Kirche an 4 Sonntagen, einer umfassenden Reparatur der Orgel wegen, der Gemeindegesang nicht begleitet werden konnte, hatten wir am letzten Sonntag (19. Juli 1908) die Freude, dieses weihevolle Instrument wieder in seiner ganzen Fülle zu hören. Mit außerordentlichem Geschick, großer Sachkenntnis und peinlichster Sorgfalt hat unser Orgelbaumeister, Herr Janott, durch Renovierung der Orgel ein durchaus modernes Kunstwerk geschaffen.

Wenn auch das äußere Gewand des Instrumentes keine wesentliche Veränderung aufweist, so ist doch der innere Ausbau nunmehr ein ganz anderer.

Aus unserer vordem “mechanisch” angelegten Orgel ist ein “pneumatisches” Instrument geworden. Dadurch ist eine wesentlich leichtere Spielart entstanden, ein bedeutender Vorteil für den Organisten und damit auch für die Gemeinde. Sechzehntel-Passagen lassen sich nunmehr mit Leichtigkeit ausführen, was früher nur mit Aufwendung der ganzen Körperkraft möglich war. Die frühere mechanische, so überaus schwerfällig Registrierung ist der pneumatischen gewichen und lassen sich nunmehr allerlei Klangeffekte herstellen, die bei der früheren Konstruktion unmöglich waren. Daher erblickt der weniger Sachkundige über den beiden Manualen die “Registertasten”, die ein leichtes Registrieren auch während des Spieles gestatten. Dazu gesellt sich noch der so überaus wirkungsvolle “Schweller”, der ein Crescendo von guter Wirkung, ein Anschwellen des Tones vom zartesten Pianissimo bis zum Brausen ganzer Tonmassen im vollen Werke gestattet. Die neu hinzugefügte Oktavkoppel erhöht noch bedeutend die Wirkung der vollen Orgel.

An Stelle der so mangelhaften “Trompete”, die eigentlich der Gemeinde bisher nur an 2 Sonntagen nach einer Reparatur zu Gehör gebracht werden konnte, ist eine tonlich dauerhafte “Violine” getreten, die mit ihrem streichenden etwas näselnden Tone Abwechselung in die Klangfarben der Orgelstimmen bringt. Es ist übrigens dieses Register der früheren Trompete so täuschend ähnlich intoniert, daß man eben eher eine Rohr- als eine Labialstimme dahinter vermutet. Neu hinzugefügt ist ferner jene zarte Aeoline, die mit ihrem hauchenden Tone in keiner modernen Orgel fehlen darf.

2012 - Im inneren der Herz Jesu Kirche, der früheren evangelischen Kirche zu Neu Tomysl - Aufn. PM

2012 – Im inneren der Herz Jesu Kirche, der früheren evangelischen Kirche zu Neu Tomysl – Aufn. PM

Wenn man bei pneumatischen Orgeln oft Klage über schwere Ansprache bezw. zu schwerfälliges Loslassen des Tones hört, so muß bekannt werden, daß es eine Errungenschaft des Herrn Janott ist, diese Fehler bis auf das möglichste Maß beseitigt zu haben. Die Ansprache läßt selbst im “Stakkato” bei voller Orgel nichts zu wünschen übrig. Neu ist auch der “Tremulant”, der bei schwacher Registrierung ein Vibrieren des Orgeltones bewerkstelligt und namentlich bei Tonstücken elegischer Stimmung mit Vorteil angewandt werden kann, und der dadurch auch ein gut Teil zur Abwechselung des musikalischen Teiles unserer Gottesdienste beitragen wird.

Alles in Allem: Die Reparatur der Orgel, bezw. deren Erweiterung ist mit derartiger Hingebung, Sachkenntnis und Sorgfalt ausgeführt, daß Herrn Janott hierfür öffentlich Dank gebührt. Geehrten Reflektanten aber möge die hiesige Orgelbauanstalt hiermit bestens empfohlen sein.”

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Bei Wikipedia ist zu finden: “Die pneumatische Spieltraktur setzte sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts langsam durch und wurde gegen Ende jenes Jahrhunderts zur wohl gebräuchlichsten Trakturart bei Orgelneubauten, besonders bei größeren Orgelneubauten.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich mehrere verschiedene Formen der Pneumatik. Ihnen allen liegt aber ein gemeinsames Prinzip zu Grunde: Die Tasten selbst betätigen nur kleine Steuerventile. Diese lassen oder entlassen die Luft durch lange, dünne Bleirohre (Bleikondukten). Damit werden weitere Bälgchen und Ventile gesteuert, die letztlich dafür sorgen, dass die Pfeifen erklingen”

Für weitere Ausführungen siehe unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Traktur

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Weitere Artikel in der Reihe des Orgelbaues und der Orgel in Neu Tomysl:

  • Das Warten auf die neue Orgel 1858-1861
    • http://hauland.de/das-warten-auf-die-neue-orgel-1858-1861/
  • Die erste Beurteilung und das erste Spiel auf der Dinse Orgel – 1861
    • http://hauland.de/die-erste-beurteilung-und-das-erste-spiel-auf-der-dinse-orgel-1861/
  • Orgelbau-Anstalt Dienegott Janott, Neutomischel, Prov. Posen
    • http://hauland.de/orgelbau-anstalt-dienegott-janott-neutomischel-prov-posen/

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1908