Stärke Helmut – 200jährige Kirche in Neutomischel 1980

200jährige Kirche in Neutomischel“ – der Artikel wurde im Original von Helmut Stärke für das Jahrbuch der Landsmannschaft Weichsel-Warthe Ausgabe 1980 verfasst und publiziert.

Eine Veröffentlichung auf dieser Seite erfolgt mit freundlicher Genehmigung der LWW – Landesmannschaft Weichsel-Warthe

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In diesem Jahr wird die evangelische Kirche in Neutomischel 200 Jahre alt. Der Grundstein wurde am 7. Mai 1779 gelegt, und die Einweihung fand am 15. Oktober 1780 statt.

Der Grundherr der Herrschaft Tomysl, Graf Feliks Szoldrski, hatte zuvor im Jahre 1778 den Holländer-Gemeinden seines Gebietes die Errichtung eines Kirchspiels gestattet. Der erste Pfarrer der „Tomischler Parochie”, wie sie zunächst von den deutschen Siedlern genannt wurde, war Johann Christian Bräunig. Er war vorher Pfarrer in Tirschtiegel und nahm am 2. Mai 1778 seine Tätigkeit in der „Neuen Gemeinde” auf. Vorher hatten Prolektoren Gottesdienste in der Schule von Zinskowo abgehalten. Man sprach hier von der „Alten Gemeinde”. Der katholische Grundherr hatte den Standort der Kirche   und für den Kirchenbau der neuen Gemeinde eine halbe Hufe Land auf dem Gebiet der Holl.-Gemeinde Glinki geschenkt sowie auch das Baumaterial zur Verfügung gestellt. Der Grundriß des Kirchenbaues war ein griechisches Kreuz. Die Kirche wurde aus Feld- und Backsteinen erbaut und außen verputzt. Die ungleichmäßigen Treppenstufen des Giebels endeten oben in einem Dreiecksgiebel. Im Innern wurden hölzerne Doppelemporen eingebaut, über diesen hölzerne Tonnengewölbe. Am Ostende wurde ein hoher Rokokoaltar eingebaut, halblinks davon eine freistehende Kanzel ebenfalls im Rokokostil. Auf dem Kanzeldeckel steht Moses mit den Gesetzestafeln; den Kanzelbecher ziert das Wappen der Familie Szoldrski, ein Kahn.

Die ehemalige evangelische  Kirche

Zunächst hatte die Kirche noch keinen Turm. Der erste Turm wurde 1790 im Westen angebaut. Er brannte aber schon bald nach der Jahrhundertwende, durch Blitzschlag entzündet, nieder. Darauf wurde ein neuer, massiver Turm erbaut. Die Kirche bekam nun auch zwei größere Glocken, die 1816 bei Karl Kalliefe in Lissa gegossen wurden. Die Vorfahren der Gemeindeglieder waren am Ende des 17. Jahrhunderts ins Land gekommen und hatten die Sumpf- und Waldgegend nach und nach besiedelt. Zu dieser Zeit gehörte die Herrschaft Tomysl Bogusław von Unruh. Er gestattete evangelischen Deutschen aus Brandenburg und später wohl auch Schlesien die Ansiedlung nach Holländer-Recht zunächst an der Westgrenze seiner Herrschaft. Die ersten Siedler sollen 1692 gekommen sein.

Die „Holländer” unterstanden verwaltungsmäßig der katholischen Pfarrei in Wytomysl. Auch die Eintragungen von Geburten, Eheschließungen und Sterbefällen erfolgten im Kirchenbuch von Wytomysl zunächst noch * unter der Bezeichnung „Olendry”. Betreut wurden die Siedler von der evangelischen Kirche in Chlastawe. Die Siedlungen weiteten sich immer weiter nach Westen aus. Am 11. 11.1700 bekam Sekowo (später Zinskowo genannt, dann Friedenwalde) das Privileg vom Grundherrn. Ein Jahr später erhielten Glinki und Paproc (später Glinau und Paprotsch), 1704 bekam auch die Siedlung Przyłęk (auch Zielonka, Sielanki, Scherlanke) das Privileg. 1705 kam die Herrschaft Tomysl durch Heirat als Mitgift an die Familie Szoldrski, Nachkommen der ersten Siedler besiedeln später weitere Landstriche der Herrschaft Tomysl. Die Höfe liegen verstreut auf dem jeweiligen Ackerland. Eine Ausnahme bildet Sątopy (Sontop), das als geschlossenes Dorf durch Parzellierung des Vorwerks 1736 entsteht. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstehen die Streusiedlungen Tomysl, Kozielaski (1767) und Neurose (1765) und als letzte Groß- und Klein-Lipke (1783).

Vergleich des Turmes vor 1914 und nach 1922

Um die neuerbaute Kirche entsteht ein quadratischer Markt, und diese Ansiedlung wird 1786 zur Stadt erhoben, die 1793 bei der Übernahme durch Preußen rund 300 Einwohner zählt. Die Kirche wird 1844-46 und 1880 gründlich renoviert. Für die Opfer der Kriege von 1864, 1866 und 1870/71 ließ die Gemeinde Gedenktafeln mit den Namen der Gefallenen an den Innenwänden anbringen. Am 20. Dezember 1916 brannte der Turm durch fahrlässiges Hantieren mit Kerzen aus. Die Turmspitze wurde in etwas gedrungener Form wieder aufgebaut. Im April 1924 wurden zwei große, geschnitzte, hölzerne Gedenktafeln mit 220 Namen der Gefallenen des 1. Weltkrieges feierlich enthüllt. 1939 verlor die Gemeinde ihren Hirten Superintendent Reisel, der 30 Jahre hier gewirkt hatte und an den Folgen der Mißhandlungen bei der Verschleppung starb. Ihm folgten der letzte ev. Pfarrer Superintendent Päschke. 1940 mußte der Turm der Kirche abgebrochen werden, da er Risse als Folge der Erschütterungen durch vorbeifahrende Militärfahrzeuge bekam und einzustürzen drohte.
Im Januar 1945 mußte die alteingesessene deutsche Bevölkerung ihre Heimat vor den heranrückenden Truppen der Roten Armee verlassen. Die polnische Stadtverwaltung hatte die Absicht, die evangelische Kirche abzureißen, was aber durch katholische Polen verhindert werden konnte. Die Kirche wurde in eine katholische Pfarrkirche umgewandelt und erhielt den Namen Herz-Jesu-Kirche. Bauliche Veränderungen wurden nicht vorgenommen. 1962 wurde das Innere erneuert und 1974 das Äußere. Die Kirche steht heute unter Denkmalschutz, und es bestehen Pläne, den Glockenturm wieder aufzubauen.

An den Sonntagen reicht der Raum der Kirche, der über ca. 2000 Plätze verfügt, für die vielen Gläubigen nicht aus, so daß sie noch vor den geöffneten Türen stehen müssen. So erfüllt der Kirchenbau, der den Ursprung der jungen Stadt Neutomischel bildete, heute noch ihre geistige Bestimmung, wenn auch in abgewandelter Art. Und es ist zu hoffen, daß der Bau noch weitere Jahrhunderte überdauert.