Übergabe des Bürgermeisteramtes 1905 in Neutomischel

Das ehem Rathaus zu Neutomischel / Aufn Maennel Archiv

Die Neutomischeler Kreiszeitung berichtete wie folgt:

„Neutomischel, 10. Februar 1905

Um die hiesige am 01. April (1905) vakant werdende Bürgermeisterstelle, die in verschiedenen Blättern ausgeschrieben worden war, haben sich bis jetzt etwa 60 Bewerber gemeldet, die den verschiedensten Berufen angehören. Unter den Bewerbern befindet sich eine große Zahl von Bürgermeistern kleinerer Städte bzw. Stadtsekretären, welche bei Vergebung des Postens in erster Linie in Frage kommen. Da die Meldefrist am 20. d. Mts. erst abläuft, so dürften noch mehr Bewerbungen zu erwarten sein.“

„Neutomischel, 28. Februar 1905

Herr Bürgermeister Franke in Tirschtiegel ist in der gestrigen Stadtverordneten-Sitzung einstimmig zum Bürgermeister von Neutomischel gewählt worden.

Herr Bürgermeister Franke besitzt von seiner vorgesetzten Behörde die allerbesten Zeugnisse, er wird gerühmt als tüchtiger Verwaltungsbeamter, als ein Mann, der es verstanden hat, in seiner bisherigen Wirksamkeit sich mit der gesamten Bürgerschaft gut zu stellen, die bei seinem Amtsantritte vorgefundenen nationalen und konfessionellen Gegensätze auszugleichen, und sieht man ihn deshalb dort auch ungern scheiden.

Es ist erwogen worden, ob die Wahl bis nach der geplanten Reorganisation der Stadtverwaltung verschoben werden soll. Da aber bis jetzt eine Bestätigung der noch zu wählenden Stadtverordneten seitens der Königlichen Regierung nicht erfolgt ist, auch nicht abzusehen ist, ob und wann eine solche erfolgt, die Bestätigung des neuen Bürgermeisters auch noch lange Zeit in Anspruch nehmen kann und somit ein zu langes Interregnum geschaffen würde, so ist mit Rücksicht darauf die Wahl schon jetzt vorgenommen worden.

Da Herr Bürgermeister Franke unter 150 Bewerbern einstimmig gewählt wurde, ist anzunehmen, dass eine gute Wahl getroffen und diese im Sinne der gesamten Bürgerschaft erfolgt ist.“

„Neutomischel, 04. April 1905

Die Bürgermeisterfeier im Rathause.  Sonnabend vormittag 11 ¼ Uhr versammelten sich im Magistratszimmer des Rathauses die Stadtverordneten, Magistratsmitglieder und die beiden Bürgermeister zur feierlichen Einführung des neugewählten Herrn Bürgermeister Frank in sein Amt.

Um 11 ½ Uhr erschien auch Herr Landrat v. Daniels, um im Auftrag des Herrn Regierungspräsidenten diesen feierlichen Akt zu vollziehen.

Herzliche Worte richtete der Herr Landrat zuerst an den scheidenden Herrn Bürgermeister Witte, welcher länger als ein Menschenalter im Amte war und unter drei Königen treu gedient hat. Achtundzwanzig Jahre davon war Herr Witte Bürgermeister in Neutomischel und hat während dieser Zeit durch sein zuvorkommendes Wesen, durch die Treue und Hingebung, mit welcher er der kleinen aufstrebenden Stadt gedient hat, stets die Achtung und Anerkennung der gesamten Bürgerschaft besessen. Die patriotische königstreue Gesinnung wurde vorbildlich für alle Bewohner. Schon vor 3 Jahren hat Sr. Majestät diese patriotische Gesinnung dadurch ausgezeichnet, dass Herrn Bürgermeister Witte der Kronen-Orden verliehen worden ist, „und ich bin sehr erfreut“, so etwa fuhr der Landrat fort, „Ihnen heute erneut eine Auszeichnung Sr. Majestät überbringen zu können, indem ich Ihnen hiermit den Roten Adlerorden überreiche.“

Sichtlich überrascht, dankte der Bürgermeister tiefbewegt.

Sodann wandte sich der Herr Landrat an Herrn Bürgermeister Franke, sagte diesem, dass die königl. Regierung die von den Stadtverordneten vollzogene Wahl anerkannt ihn zum Bürgermeister von Neutomischel bestätigt habe. „Sie sind“, so ungefähr lautete die Ansprache, „in der Verwaltung kein Neuling mehr, da Sie der städtischen Körperschaft in der Nachbarstadt Tirschtiegel bereits einige Jahre vorgestanden und sich dort volle Anerkennung erworben haben. Hier in der Provinz komme es hauptsächlich darauf an, das Deutschtum zu fördern, deutsches Wesen und deutsche Sitte zu pflegen, deutschen Fleiß zu betätigen. Auch die Stadtverordneten werden dem schönen Ideal der Selbstverwaltung am besten diesen, wenn sie nur fachlich verhandeln, alle Parteipolitik fernhalten und die Ansichten gegenseitig achten.“

Auch Bürgermeister Franke dankte gleichfalls tiefbewegt und versprach, jederzeit bemüht zu bleiben, das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.

Nachmittags hatten sich zum Festessen zu Ehren des scheidenden bzw. des kommenden Herrn Bürgermeisters vierzig Herren aus Stadt und Umgebung eingefunden.

Herr Landrat v. Daniels brachte das Kaiserhof aus, Herr Stadtrat Peikert gedachte des Herrn Bürgermeisters Witte, der 28 Jahre hier segensreich amtierte, Herr Bürgermeister Witte trank auf das Wohl unserer Stadt, Herr Stadtverordneter Dampfmühlenbesitzer Männel begrüßte den neuen Bürgermeister Herrn Franke, Herr Bürgermeister Franke versprach, Neutomischel seine ganze Kraft zu weihen, Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski würdigte die Verdienst des Herrn Witte als Amtsanwalt, Herr Polizeirat Roll beleuchtete als ältester Beamter die Fortschritte Neutomischels, die er selbst unter der Amtsführung des bisherigen Stadtoberhauptes miterlebte, Herr Kantor Jungnik sprach im Namen der Lehrer und feierte Herrn Bürgermeister Witte als Vorsitzenden des Schulvorstandes, Herr Kandidat Reh rühmte die Frauen als die treuesten Freunde der Männer, Herr Bürgermeister Witte legte seinem Nachfolger besonders die Armenpflege ans Herz. Herr Spediteur Goldmann sammelte persönlich für die Errichtung eines Bismarckdenkmals. Die Sammlung ergab genau 100 Mk. Hoffen wir, dass die abwesenden Bismarckverehrer auch das Ihre beitragen.

Für vortreffliche Speisen und Getränke und für hübschen Tafelschmuck sorgte der rührige Herr C. G. Toeffling.“

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  • Paul Adalbert Franke – geboren 20. Februar 1865 zu Heidemühle –
  • Vater Gustav Adolph Franke und Mutter Anna Ottilie Brusche/Brosch o. ä.
  • Eheschliessung 1896 in Grätz mit
  • Margarethe Seidel – geboren 15 November 1875 zu Berlin
  • Vater Ernst Friedrich Seidel und Mutter Johanna Caroline geborene Jaensch/Jaehnisch

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  • Carl Ferdinand Witte – geboren 01. April 1833 zu Bentschen
  • Vater Ludwig Erdmann Witte und Mutter Johanna Barbara Elisabeth Schätzler verwittwete Jaensch
  • Eheschliessung 1859 mit
  • Ottilie Schewe – geboren 13. Oktober 1833 Murowana Goslin Krs Orbornik
  • Vater Ludwig Schewe und Mutter Johanna Wilhelmine Gerth

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/); Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel”