Uns alle verbindet Vergangenheit, Gegenwart und der Glaube an einen gemeinsamen Gott.

Am Donnerstag, den 30 September 2010 um 16:00 fand auf dem ehemaligen evangelischen Friedhof in Stary Tomyśl/Alttomischel, der zwischen Stary Tomyśl/Alttomischel und Róża/Rose gelegen ist, die symbolische Einweihungsfeier des errichteten Gedächtniskreuzes statt.

Diese Einweihung galt stellvertretend auch für die aufgestellten Kreuze in Lipka Mała/ Klein Lipke, Kozie Laski/Kozielaskie und Grubsko/Grubske Mit den Aufstellungen und der feierlichen Zeremonie gedenken wir der Geschichte unserer Region.

Die Fotos wurden von der Entwicklungs- und Promotionabteilung der Stadt Nowy Tomysl zur Verfügung gestellt.; die Übersetzung erledigte Przemek Mierzejewski und die Überarbeitung Gudrun Tabbert.

Bereits im letzten Jahr als wir mit dieser Erinnerungsaktion starteten, wurde die Errichtung von Gedächtniskreuzen auf den ehemaligen evangelischen Friedhöfen auf den Arealen von Paproć/Paprotsch, Sękowo/Friedenwalde, Przyłęk/Scherlanke und Glinno/Glinau verwirklicht und mit einer feierlichen Einweihung und zum Abschluss gebracht. (siehe hierzu den Bericht in der Lokalzeitung “Unser Tag nach dem Tag” No. 40/442/ 2009 vom 29. September 2009 [Bericht über die vorjährige Aktion]


Ewelina Szofer-Pajchrowska Managerin der Entwicklungs- und Promotionabteilung der Stadt Nowy Tomysl eröffnete mit ihrer Rede die Einweihungsfeier

Pfarrer Tadeusz Raszyk von der augsburgisch-evangelischen Gemeinde zu Posen, Pfarrer Jerzy Juja von der Pfarrgemeinde „Der heiligsten Herzen des Jesu“ zu Nowy Tomyśl, Pfarrer Władysław Kasprzak von der Pfarrgemeinde „Allerseligsten Jungfrau Maria von der Immerwährenden Hilfe“ zu Nowy Tomyśl, Probst Paweł Szułcik von der Pfarrgemeinde „Heiliger Andreas Bobola“ zu Sątop

Dank der seitens des Stadtamtes Nowy Tomy´sl auch in diesem Jahr wieder zur Verfügung gestellten Mittel konnten die ehemaligen Friedhöfe in Lipka Mała/ Klein Lipke, Kozie Laski/Kozielaskie, Stary Tomyśl/Alttomischel und Grubsko/Grubske als Flächen des Gedächtnisses instand gesetzt werden. Insgesamt wurden jetzt somit 8 Kreuze des Gedenkens errichtet.

Die Fotos der Feier wurden von der Entwicklungs- und Promotionsabteilung des Stadtamts der Stadt Nowy Tomyśl aufgenommen.

An dem ökumenischen Gebet haben teilgenommen:

  • Pfarrer Tadeusz Raszyk von der augsburgisch-evangelischen Gemeinde zu Posen
  • Pfarrer Jerzy Juja von der Pfarrgemeinde „Der heiligsten Herzen des Jesu“ zu Nowy Tomyśl
  • Pfarrer Władysław Kasprzak von der Pfarrgemeinde „Allerseligsten Jungfrau Maria von der Immerwährenden Hilfe“ zu Nowy Tomyśl
  • Probst Paweł Szułcik von der Pfarrgemeinde „Heiliger Andreas Bobola“ zu Sątop
  • der Bürgermeister der Stadt Nowy Tomyśl Herr Henryk Helwing
  • als Stellvertretender Bürgermeister Herr Wojciech Ruta
  • der Vorsitzende des Stadtrats Herr Piotr Szymkowiak
  • Herr Zygmunt Duda aus Opalenica, er gab den Anstoß zum Gedenken der ehemaligen evangelischen Friedhöfe im Kreis von Nowy Tomyśl
  • und weitere Ratsherrn, Dorfvorsteher und zahlreiche Bewohner der umliegenden Ortschaften und Gemeinden

Die Worte zur Einleitung wurden von Frau Ewelina Szofer-Pajchrowska, Managerin der Entwicklungs- und Promotionabteilung der Stadt Nowy Tomysl gesprochen. Durch und über Frau Szofer-Pajchrowska wurde die Organisation von der Planung der Anfertigung, der Aufstellung und schließlich der Einweihung der Kreuze geleitet.

Sie betonte, dass mit dem heutigen Gottesdienst die Fortsetzung des im letzten Jahr begonnenen Projektes des Gedenkens der ehemaligen Bewohner unserer Region auch wieder seinen erfolgreichen Abschluss gefunden habe.

Durch die Handlung des Aufräumens, des Gedenkens und der Aufstellung der Kreuze auf den alten lange in Vergessenheit geratenen Friedhöfen der Gegend bringen wir den Menschen, die vor uns dahingegangen sind unsere Achtung entgegen – gleichzeitig stärken wir durch diese Anerkennung unsere eigene Identität für die heutige und die noch kommenden Generationen.

Sie unterstrich den Wunsch der Hoffnung, dass diese Kreuze das Verbindungssymbol der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft – die Brücke für Alle sein können, ohne Unterscheidung in den Gesinnungen, dem Glauben und den Nationalitäten.

Hatte es die Tage zuvor noch geregnet, schien während der gesamten Zeremonie die Sonne, als ob selbst das Wetter diesen Wunsch, diese Hoffnung noch unterstreichen wollte.

Pfarrer Tadeusz Raszyk i Pfarrer Władysław Kasprzak

Durch Pfarrer Tadeusz Raszyk folgte im Anschluss ein Gebet für die Festigung des Gedächtnis der Verstorbenen und durch ihn wurde aus der Bibel aus dem Buch Hesekiel Vers 37:1-14 [http://www.bibel-online.net/buch/26.hesekiel/37.html] vorgetragen, nach dem er die Worte Jesu aus dem Evangelium des heiligen Johannis 11:25-26 zitierte [http://www.bibel-online.net/buch/43.johannes/11.html#11,25]

„Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe;
und wer da lebet und glaubet an mich,
der wird nimmermehr sterben“

Gemeinsam wurde dann ein “Paternoster” gebetet, das durch Pfarrer Tadeusz Raszyk beendet wurde mit den Worten:

„Erinnert uns dieses Kreuzes, das mit dem Gotteswort und Gebet eingeweiht wurde,
für immer, dass wir treu bleiben diesen sollen, der sagt:
„Sei getrost bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben”

[Offenbarung 2:10 http://www.bibel-online.net/buch/66.offenbarung/2.html#2,10 ]

Es folgte die Rede des Herrn Przemek Mierzejewski; einem engagierten Unterstützer des Gedenkens der ehemaligen evangelischen Friedhöfe und zugleich Geschichts- und Heimatforschers unserer Region. Er erinnerte an die Ursprünge der Hauländerkolonisation mit folgender Rede:

Die Kolonisation nach dem holländischen Recht begann in Königlichen Preußen in Hälfte 16. Jahrhundert. Eine erste Siedlung entstand mit Pasłęk / Preußisch Holland im Jahr 1527auf polnischem Gebiet. Mit dem Lauf der Zeit rückte die Kolonisation an der Weichsel entlang, um durch Toruń/Thorn, Bydgoszcz/Bromberg im Jahr 1624 Warszawa/Warschau zu erreichen. Anfänglich waren diese Kolonisten tatsächlich Holländer protestantischen Glaubens; aber mit dem Lauf der Zeit wurden die zunehmenden Besiedelungen alle unter dem Begriff “holländische Besiedelung ” geführt. Dabei hatte jegliche ethnische Bedeutung bzw. Unterscheidung längst ihre Gültigkeit verloren, d.h. die Ansiedler waren sowohl Polen als auch bzw. und auch Deutsche. Als erste holländische Siedlung in Großpolen nimmt man heute das im Jahr1597 gegründete Ługi Ujskie/Usch Hauland (Gemeinde Ujście, Kreis Piła/Schneidemühle) an.

In unserer Gegend gilt als erstes Hauland Sękowo/Friedenwalde welches vermutlich im Jahr 1692, durch den damaligen Besitzer Bogusław Unrug aus Międzyrzecz /Meseritz, der aus der protestantischen Familie stammte, gegründet worden war.

Der Glaube der Ansiedler spielte seinerzeit keine Rolle. Wenn man den Überlieferungen Glauben schenkt, war seitens des Adels der Profit, der ihm durch die Ansiedlung entstehen würde ausschlaggebend. Die Gebiete, die sich in seinem Besitz des Adels befanden waren lagen brach; bzw. befanden sich auf diesen großflächige „Urwaldgebiete“. Auf dem Arbeitsmarkt – so wie wir heute sagen – gab es allerdings auch „keine Hände“ für die Arbeit einer langwirtschaftlichen Nutzung. Die einzigen, freien und in Frage kommenden Menschen waren die Bauern aus dem Ausland. Sie kamen vermutlich aus der nahe gelegenen Neumark, also aus den Gebieten der heutigen Lubuskie Woiwodschaft. Die Privilegien für die Dörfern, die heute um Nowy Tomyśl/Neutomischel liegen, stammen aus den Jahren 1700, 1701 und 1704 und wurden von Ludwik Szołdrski, dem Ehemann der Bogumiła Unrug, die 1694 von ihrem Onkel Bogusław diese Gebiet kaufte. 1698 heiratete sie dann Ludwik Szołdrski und brachte diese Gebiete in die Ehe mit ein. Dann, nach und nach wurden andere Hauländereien gegründet wie z. B. 1772 Kozie Laski/Kozielakie und 1783 Lipka Mała/Klein Lipke. Aber nicht nur die Familie Szołdrski wirtschaftete auf ihren Ländereien auf diese Art und Weise – das Privileg für Grubsko/Grubske aus dem Jahr 1712 wurde z. B. von Stefan Garczyński unterschrieben.

 

Es wird geschätzt, dass in der ganzen ersten Republik Polen an die 1.700 „holländische“ Siedlungen entstanden, davon ca. 800 in Großpolen und in der heutigen Nowotomyski/Neutomischler Gemeinde 17. Zu jeder Siedlung war in den Privilegien ein Grundstück mit der Nutzung als Friedhof zugehörig und vereinbart; dabei war schriftlich gewährleistet, dass kein Zins durch die „Hauländer“ zu zahlen sei.

Zygmunt Duda erzählte von seinen Erfahrungen mit der Aufräumung der Friedhöfe in der Gemeinde Opalenica/ Opalenitza

Er betonte, dass die vorjährige Aktion in der Zeitung „Posener Stimmen“ – Gemeinschaft Evangelischer Posener (Hilfskomitee E.V.) Ausgabe 6/2010 in dem von Herrn Arno Kraft verfassten Artikel veröffentlicht wurde. http://oledry.pl/de/kreuze-auf-den-evangelischen-gemeindefriedhofen/

Abschließend sprach er die Hoffnung aus, dass im kommenden Jahr eine Zusammenkunft in einem ähnlichen Kreis stattfinden werde – dieses anlässlich der Einweihung der Aufstellung weiterer Kreuze auf weiteren ehemaligen Friedhöfen, die dann als Plätze der Ruhe und des Gedenkens hergerichtet werden konnten.

Im Anschluss erzählte Herr Zygmunt Duda von seinen Erfahrungen mit der Aufräumung von Friedhöfen in der Opalenica/ Opalenitza Gemeinde.

Wir sind heute hier festlich zusammengekommen, weil heute ein einzigartiger Tag ist!

 

Bitte bedenkt, wir stehen auf dieser Anhöhe wie vor etwa 250 Jahren hier die ersten Hauländer dieser Gegend standen. Während die katholischen Friedhöfe direkt an den Pfarrkirchen lagen, haben diese Siedler auf den ihnen umsonst von ihrem Grundherrn zur Verfügung gestellten Arealen die „Gottesäcker“ für die letzte Ruhe Ihre Lieben angelegt;

ihre Gottesdienste wiederum fanden zu jener Zeit noch in Bethäusern oder in den ersten schon errichteten Schulhäusern statt, welche wiederum ebenfalls auf ihnen umsonst zur Verfügung gestelltem Grund errichtet waren.

 

Vor 12 Jahren versuchte ich das Gelände des ehemaligen Friedhofes von Kopanki/Kopanke aufzuräumen. Wir hatten dort Grabplatten und Umrahmungen verschiedenster Ausführung in unseren Händen. Die Erinnerungstafeln waren wie neu, konserviert unter der Erde. Wir entzifferten auf der einen Seite die Vor- und Familiennamen mit den Lebensdaten, auf der anderen Seite befanden sich Anrufungen und Gebete an Gott, eingemeißelte Texte aus der Heiligen Schrift, Psalmen, Wünsche zur letzten Ruhe. Kein Stein war wie der andere, keine Gedenkplatte wie die andere.

 

Und was machten die Menschen mit diesen Erinnerungen? Sie traten das Gedächtnis mit Füssen, sie zerstörten die Grabmäler, schändeten die Gräber. Grabmäler aus Sandstein, kunstvolle Grabumrahmungen aus Eisen, wir alle haben sie in Erinnerung, sind heute genauso wie Statuen, die seinerzeit die Gräber zierten, zur „Verschönerung“ in Hausgärten zu finden.

 

Vor 10 Jahren kam zur Einweihungsfeier des Gedächtniskreuzes auf dem ehemaligen Friedhofgeländes in Kopanki/Kopanke ein Sohn um seines Vaters, der auf dem dortigen Friedhof beerdigt worden war zu gedenken. Er fand keinen einzigen Hinweis auf die ehemalige Grabstelle, alles war ausgelöscht.

 

Wenn aber irgendwann die Enkel, die Großenkel oder die Urgroßenkel kommen werden, aus Deutschland, dann werden auch sie kein Grab ihrer Vorfahren finden, finden werden sie aber die Gedächtniskreuze als Zeichen der Erinnerung auf den ehemaligen Arealen der Friedhöfe.

 

Vor einiger Zeit führten wir mit Pfarrer Tadeusz Raszyk im Radio darüber was Katholiken und Protestanten verbindet. Als Fazit kam es über die Wellen des Äthers:

 

Uns alle verbindet Vergangenheit, Gegenwart und der Glaube an einen gemeinsamen Gott.

 

Das Blumengesteck am Sockel des Kreuzes legten Herr Piotr Szymkowiak (Vorsitzender des Stadtrats), Herr Henryk Helwing (Bürgermeister) und Herr Wojciech Ruta (stellvertretender Bürgermeister) nieder

Bürgermeister Henryk Helwing hielt die Schlussrede

Nach dieser Rede wurde durch die Herrn Piotr Szymkowiak (Vorsitzender des Stadtrats), Henryk Helwing (Bürgermeister) und Wojciech Ruta (stellvertretender Bürgermeister) ein Blumengesteck am Sockel des Kreuzes niedergelegt.

Zum Abschluss der Einweihung lud der Dorfvorsteher von Stary Tomysl/Alt Tomischel Herr Adam Krym die Teilnehmer zu einer „kleinen Stärkung“ in den Versammlungssaal des Dorfes ein.

Dort wurde zur Beendigung des Einweihungsfestes die eine letzte Rede durch den amtierenden Bürgermeister der Stadt Nowy Tomysl Herrn Henryk Helwing gehalten:

Wir sind heute Zeugen des im letzten Jahr gestarteten Zyklus der Wiedererinnerung längst vergessener Plätze gewesen.Nach vielen Jahren rufen wir uns die Friedhöfe, die den ehemaligen Bewohnern dieser Gegend heilig waren in Erinnerung und wir verbinden uns in Gedanken am heutigen Tag mit denjenigen, die die Vergangenheit dieser Gegend prägten und ihr das Aussehen der Landschaft gaben, die wir heute kennen. Ich danke Herrn Przemek Mierzejwski für die von ihm ins Leben gerufene Initiative und allen denen die dieses Projekt tatkräftig unterstützten. Ich danke auch Frau Ewelina Szofer-Pajchrowskiej, die im Namen des Stadtamtes und in meinem Namen als Bürgermeister der Stadt Nowy Tomysl die Organisation dieser Unternehmung leitete.

 

Es wird noch viele weitere Bemühungen kosten um jetzt gebauten Brücken zwischen den Menschen, ihren Glaubensrichtungen und der Integration dauerhaft zu festigen, aber die ersten Schritte sind getan.Der Kreis der Menschen „des guten Willens“ wird sich immer weiter wachsen, wenn wir alle daran mitarbeiten.

 

Zum Schluss dankte er auch Herrn Adam Krym, der diese nette Ende der Feier organisiert hatte und Herrn Zygmunt Duda für sein Kommen und seine Teilnahme. Er betonte, dass seine und die Rede von Herrn Przemek Mierzejewski mit ihren geschichtlichen Zusammenfassungen zeigt, dass wir in einer Gegend leben und an ihr teilhaben, die eine so große Vergangenheit hat, dass wir an der Weltgeschichte mitschreiben können.