Zum 100 jährigen Jubiläum der evgl. Kirche in Friedenhorst – 1. Kapitel: Der Busch

“Zum 100 Jährigen Jubiläum der evangelischen Kirche in Friedenhorst”

  • Abschrift der zum Jubiläum am 04. August 1897 vom Ortspfarrer Oscar Illgner veröffentlichten Festschrift
  • gedruckt zu Neutomischel 1897, Druck von Otto Scheumann

Pastor Illgner geht in dieser Veröffentlichung auf die Geschichte des Kirchspiels Friedenhorst mit seinen Ortschaften ein. Einge Wörter wurden zum besseren Verständnis nach der heutigen Rechtschreibung in den Text eingebracht, in Klammern findet sich dann die “alte” Schreibweise. Der Text wurde in die 4 Kapitel, in dem er ursprünglich verfasst wurde, geteilt. Die hier abgebildeten Postkarten wurden mit freundlicher Genehmigung von Herrn Arno Kraft, Berlin zur Verfügung gestellt und veröffentlicht.

Die digitale Version dieser Schrift ist unter Großpolnische Digitale Bibliothek zu finden.

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Geschichte des Kirchspiels Friedenhorst

 

Das Kirchspiel Friedenhorst besteht aus folgenden 7 Ortschaften:

  1. Hauland Friedenhorst, ursprünglich: Holland Alt-Jastrzemski,
  2. Hauland Friedenau. ursprünglich Neu-Jastrzemski. (Die alten Namen sollen von einen Verwalter der Gutsherrschaft, Namens Jastrzemski herrühren, die neuen haben sich die Gemeinden im Jahre 1872 selbst gewählt.),
  3. Hauland Grubske, urspr. Grubski, Ort des Dicken, eines Bären, welcher hier hauste.
  4. Hauland Kunik, urspr. Choynik d. i. Fichtenstand,
  5. Hauland Polnisch-Böhmisch, urspr. Zisken, nach den böhmisch redenden Hussiten benannt,
  6. Hauland Amtskassner, nach dem ersten Ansiedler Hans Kanerowski,
  7. Lomnitzer Glashütte, eine Glasfabrik, welche der Herrschaft Lomnitz gehört.

Quellen:

  1. Die 3 Privilegien der vier erstgenannten Busch-Gemeinden, insbesondere das von 1712,
  2. Prozessakten,
  3. Willkührn, namentlich die Choyniker vom Jahre 1767,
  4. Alte Kirchenakten,
  5. Mündliche Überlieferungen, gesammelt seit 1832 von den Lehrern A. Hoffmann, H. Schöfinius und von Pfarrer O. Illgner.

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Der Busch

 

Die Grundlage des Kirchspiels ist das Privilegium vom Jahre 1712, welches Graf Stephan v. Garzynski, der Krone Polen, Kronfähnrich von Fraustadt, Possessor der Stadt und des Gutes Bentschen, Groß-Dammer, Lomnice, Pierzin usw. gegeben hat. Er übergiebt etlichen Holländern, welche sich bei ihm angemeldet haben, den zu Chrosnice-Lomnice gehörigen Busch zur Niederlassung auf den von ihnen gewählten Stellen. Diese Ansiedler im Lomnitzer Busche sollten dem Grafen als Grenzhüter dienen. Wenigstens geben die Söhne des Privilegiengebers als Grund an: Die Nachbarn hätten ihrem Vater in Haiden und Wäldern zu viel Schaden zugefügt. Der Hauptgrund ist wohl der erhoffte Geldgewinn gewesen. Die Verpflichtungen, welche die Holländer nach dem Genusse von 7 Freijahren übernahmen, waren vornehmlich ein jährlicher Zins von 10 Thalern für jede culmische Hufe Land und von 2 Thalern für freie Hütung im herrschaftlichen Walde.

Als Rechte wurden ihnen zugestanden: Freies Fischen im See und Flüssen, aber nicht in Teichen, freie Hütung gegen eine Entschädigung von 2 Thalern, freie Mastung mit herrschaftlichen Eicheln nach Übereinkommen, freies Halten von Bienen. Endlich wurde allen Ansiedlern eine halbe culmische Hufe mit folgender Bestimmung geschenkt: „Soll ihnen auf 10 Hufen noch eine halbe Hufe freigegeben werden, um einen Schulmeister zur Information ihrer Kinder und ihren Gottesdienst zu halten, darauf zu setzen, sollen sie aber mehr Hufen annehmen, so soll sich doch der Schulmeister mit der halben Hufe kontentieren.”

Wenn man dazu nimmt, dass die Holländer von allen anderen Abgaben und Lasten befreit sein sollten, so erscheinen diese Bedingungen verlockend. Aber es gehörte Muth dazu, sich im Lomnitzer Busche niederzulassen. Denn dieser war eine völlige Wildnis. Die sandigen Höhen waren mit uralten Kiefern und die morastigen Niederungen mit Erlen und Buchen dicht bestanden. Auf freieren Plätzen breiteten mächtige Eichen ihre knorrigen Äste aus. Ein See und mehrere Teiche und sumpfige Gräben füllten die tiefsten Stellen aus. Die Bewohner des Busches waren wilde Tiere. Der dicke Grobian, der Bär, beherrschte den ganzen Busch. Seine letzte Residenz war der Bärwinkel, südwestlich von der Grubsker Schule. Dem Berichterstatter wurde erzählt, dass er oft die Kettenhunde der Holländer zerrissen habe. Wenn sie ihre Hunde im Hofe jämmerlich schreien hörten, so flüsterten sie einander respektvoll zu: Er d. i. der Bär ist da. Seine vornehmsten Raubgesellen waren Wölfe, welche, wie alte Ausgedinger erzählt haben, noch ihren Vätern Schafe geraubt haben. In den Erlensümpfen wälzten sich wilde Schweine, welche nebst Elentieren und Hirschen in Gärten und Feldern großen Schaden anrichteten. Überall wimmelte es von Blindschleichen, Eidechsen, Ottern, Fischottern und allerlei giftigem Gewürm. Großen Schrecken, insbesondere unter dem Vieh, verbreitete der Gelbbauch, welcher mit seinem gräulichen Zischen und durch ein dem Peitschenknall ähnliches Geräusch, das er mit seinem Schwanze hervorbrachte, das weidende Vieh in wilde Flucht schlug. Das letzte Ungethüm erschoss Michael Schiller, zwischen 1783 und 1816. ein Vorfahr des Hügel-Schiller in Friedenhorst, südöstlich von der Kirche. Bei der Ausrottung dieser wilden Tiere haben die Holländer der jagdberechtigten Herrschaft wesentliche Dienste geleistet.

Dorfansicht

Aber schwerer noch als sich vor wilden Tieren zu schützen, ward es den Ansiedlern, sich ihren Lebensunterhalt zu schaffen. Sie brauchten zunächst ein Obdach gegen die Unbilden der Witterung und bauten sich Hütten, die sie wahrscheinlich mit Schilf und Rohr deckten. Als neue Ansiedler hinzukamen, errichteten sie aus Baumstämmen, die sie nur mit dem Beile ohne Säge bearbeiteten, Blockhäuser mit vereinten Kräften. Aber woher sollten sie Nahrungsmittel bekommen? Der See und die Flößer lieferten ihnen einige Fische. Die Bienen, welche sie hielten, gaben ihnen etwas Honig. Fleisch, Milch und Butter verschafften sie sich, indem sie Ziegen, Rindvieh, Schafe und Schweine hielten. Aber Brot (war Brod) war ein vielbegehrter Luxusartikel. Dem Verfasser ist in der Nähe des Eichkruges in Kunik ein großer Morgen Land gezeigt worden, welcher für ein Brot und eine Elle Tabak verkauft worden sein soll. Reines Roggenbrot, ohne Zutat von Eicheln u. dergl., wurde erst in sehr später Zeit gebacken. Die Kleidung verfertigten sich die Ansiedler meist selbst aus Flachs. Wohl in jedem Hause stand ein Webstuhl, auf welchem insbesondere Hemden und leinene neue Röcke gewebt wurden. Auch die Männer trugen solche. Nur im Winter bedeckten sie sich mit einer Art Sackpoletot von grobem grauem Tuch, den sie sich kaufen mussten. Aber sie brauchten doch noch mehr Geld, namentlich um den Zins zu geben und den Gottesdienst zu unterhalten. Wie sollten sie sich Geld verschaffen? Alles, was unter der Erde gefunden wurde, z. B. Eisen- und Kalksteine, gehörten der Herrschaft. In Grubske stand ein Kalkofen, in welchem sämtlicher Kalk gebrannt wurde, welcher zum Baue der katholischen Kirche in Bentschen erforderlich war. Den Holländern blieb außer einigen Produkten der Viehzucht nur das Holz, um Geld daraus zu lösen. Anfangs freilich wurde es wenig geachtet. Man schichtete es in Haufen zusammen und verbrannte es, um freies Land zu gewinnen. Bald aber suchte man es zu verwerten. Man verkaufte es in Neutomischel oder Bentschen. Da aber der Erlös die Mühe kaum lohnte, so suchte man das Holz besser zu nutzen. Man brannte Kohlen und schwelte Teer. Spuren von Teeröfen sind heute noch vorhanden: 1. nordwestlich von der Kirche am Wege nach der Glashütte, 2. südlich an der Grenze zwischen Friedenhorst und Kunik. Die beste Verwertung war die Verwendung des Holzes zu allerlei Holzarbeiten. Die Ansiedler fertigten Mulden, Schippen, Tröge, Schwingen, Brechen u. dgl. Ein alter Ausgedinger erzählte, dass sein Vater ein Andenken an die ersten Holzarbeiter gefunden habe. Als er einen Stock ausroden ließ, der vier vierzig Ellen lange hohle Kiefernstämme trug, so lag darunter eine Muldenaxt und eine Stange Eisen. Das Holz, diese erste Erwerbsquelle der Holländer, nahm natürlich mit der Zeit ab. Durch ihren Fleiß aber verschafften sie sich eine beständigere. Sie schufen die Brüche und Sümpfe zu fruchtbaren Feldern und Wiesen um. Sie karrten den Sand der Höhen in die Tiefen und rayolten das Land, überfuhren auch die Wiesen und verbesserten die Gräben. Aber all ihr Fleiß, hätte nicht hingereicht, um die wachsenden Bedürfnisse zu befriedigen, wenn ihnen nicht Gott durch eine wunderbare Fügung ein wertvolles Produkt zugeführt hätte, für welches gerade der hiesige durchlässige Boden besonders geeignet war. Gott fügte es nämlich, dass Hussiten in die Gegend kamen und die Saazer Hopfenrebe aus ihrem Vaterland mitbrachten.

Graf Adam z Bąszyn, Adam von Bentschen, war durch hussitische Schriften für den Glauben dieser Vorläufer der Reformation gewonnen worden. Er nahm verfolgte Hussiten in seinem Schlosse zu Bentschen auf und schützte sie gegen die Angriffe der Katholiken. Endlich aber wurde das Schloss erstürmt und die Hussiten ausgetrieben. Sie flüchteten in die Büsche, Die böhmisch Redenden ließen sich in unserem heutigen Polnisch-Böhmisch, die deutsch Redenden in Deutsch-Böhmisch nieder und pflanzten Hopfen. Der Hopfenbau hat sich von hier aus nicht bloß in unseren, sondern auch in die benachbarten Büsche verbreitet und hat der Gegend um Neutomischel großen Segen gebracht. Die Verfolgung durch die Katholiken ist also durch Gottes Fügung den Evangelischen zum Besten gediehen. Die Menschen gedachten es böse zu manchen, aber Gott gedachte es gut zu machen, dass er täte wie es jetzt am Tage ist, zu erhalten viel Volks. — Aus dem Gange der Kultur aus unserem Busche können wir aber noch eine andere Glaubensstärkung schöpfen. Die Zweifler klagen: Die besten Stücke des Erdbodens sind bereits von Menschen eingenommen, für unsere Nachkommen bleibt nur der schlechte Rest übrig. Wie soll die zunehmende Menschheit künftig ihr Brot finden? Unnütze Sorge. In unserem Busche sind die sandigen Höhen mit ihrem schwachen Boden zuerst angebaut worden. So wartet in aller Welt der starke Boden auf die Zunahme der Bevölkerung. Er wird zuletzt untertan. Hier wenigstens weisen alle Erinnerungen darauf hin, dass die Schubert’scher Wirtschaft, der Kirche zunächst am Wege nach Bentschen,auf einer sandigen Höhe gelegen, die erste Niederlassung gewesen ist, wo auch der erste Schulze der vier Buschgemeinden, Namens Weber gewohnt haben soll.

Fortsetzung im Kapitel 2.