Die letzten Jahre des Städtischen Krankenhauses zu Neutomischel 1903-1913

Blick auf das ehemalige Städtische Krankenhaus Neutomischel - Eigenauf.

Das ehemalige Städtische Krankenhaus Neutomischel – Eigenauf.

Den noch vorhandenen Unterlagen im Staatsarchiv in Posen ist zu entnehmen, dass bereits im September 1890 die damaligen Herren Landrat von Daniels und Kreisphysikus Dr. Brinkmann Überlegungen angestellt hatten ein Krankenhaus für den Johanniterorden in Neutomischel etablieren zu wollen.

Seitens der Stadt Neutomischel war man  zwar einer solchen Idee nicht abgeneigt gewesen, denn dem Landkreis war als Beitrag der Stadt, das in den Jahren 1883/84 aus Stadtkapital errichtete Krankenhaus nebst Grundstück zu einem günstigen Preis angeboten worden; wobei das Inventar sogar als Schenkung der Stadt an den Landkreis übergegangen wäre, aber der Kreisausschuss hatte dieses Angebot abgelehnt. Er hatte es als “nicht genügenden finanziellen Zuschuss” des an dem Johanniterkrankenhaus interessierten Verbandes – der Stadt Neutomischel – angesehen.

Die letztere Aussage, dass die Stadt Neutomischel an der Ansiedlung interessiert gewesen sei muss nach der Aktenlage jedoch als äußerst fraglich angesehen werden, denn in den folgenden Unterlagen lehnte der Magistrat unter Bürgermeister Witte jegliche Änderung der Offerte der Stadt ab. Wenn der seitens der Stadt gemachte Vorschlag nicht angenommen werden würde, würde man das aus Stadtkapital errichtete “Städtische Krankenhaus” zu Neutomischel, welches den Ansprüchen der Stadt genügen würde, weiter betreiben. Diese Aussage wurde im Mai 1894 nochmals erneuert. Weiterer Schriftverkehr oder weitere Erwähnungen in dieser Angelegenheit sind dann in den Akten jener Zeit nicht mehr zu finden.

Die Zeit ging Ihren Gang und unterlag einem gewissen Alltag.

 

Vermutlich 1903/1904 hatte dann der königliche Kreisarzt Dr. Georg Buddee seine Tätigkeit am städtischen Krankenhaus zu Neutomischel aufgenommen. Erste Hinweise auf ihn finden sich in den Akten im Juni des Jahres 1904. Hierin forderte er den Vorstand des Krankenhauses, welches ja immer noch der Magistrat gewesen ist, auf, sich gefälligst um die “stinkende” Abort Grube zu kümmern.

Dr. Buddee kritisierte auch die Zustände und Verwaltung des Krankenhauses. Es existiert noch ein Schreiben vom 27. April 1905 mit nachstehendem Inhalt:

” … das hiesige städtische Krankenhaus hat in den letzten Jahren sehr erhebliche Überschüsse erzielt, was ja eigentlich nicht Zweck eines Krankenhauses ist. Da außer der eigentlichen Pension alles Andere (ärztliche Behandlung, Medikamente, Diätzulagen, Verbandstoffe etc.) extra bezahlt werden muss, so ist das Krankenhaus, mit Recht, in den Ruf eines teuren gekommen. Dieser Ruf wird nun aber durch die inneren Einrichtungen bisher in keiner Weise begründet, es fehlt nicht nur an allen möglichen Bequemlichkeiten, sondern vor allem an zur Behandlung Kranker notwendigen Utensilien. So ist ein Instrumentarium so gut wie gar nicht vorhanden, die Instrumenten gehören fast alle mir, der Operationstisch ist ganz schlecht und entspricht in keiner Weise modernen Anforderungen, Einrichtungen zur Untersuchung der Abgänge (Urinauswurf etc.) fehlen ebenfalls.

Im vorigen Jahr habe ich für die zahlreichen Unfallverletzten, die auf meine Veranlassung dem Krankenhause überwiesen wurden einen Übungsapparat, der viel benutzt wurde angeschafft.

Für dieses Jahr wünsche ich:

  1. eine kleine Centrifuge zur Urinuntersuchung (Preis etwa 30 Mark) und
  2. einen Operationstisch (Preis etwa 100 Mark).

Ich bemerke noch, dass derartige gute nur jedem Krankenhause notwendige Utensilien nicht vergeblich angeschafft werden würden: für den Fall, dass etwa ein größeres Kreis Krankenhaus gebaut werden sollte, würden diese Apparate etc. von dem neuen Hause ohne weiteres zu einem entsprechenden Preise übernommen werden. Das Risiko fällt also fort

Ich bitte daher die Anschaffung der bezeichneten Gegenstände zu genehmigen, das Weitere werde ich alsdann veranlassen …”

Angebotsbeispiele des medicinischen Waarenhauses, Berlin -  Quelle: Archiwum Państwowe w Poznaniu – Fond: Akta miasta Nowy Tomyśl [Stadtakten] “Die Verwaltung und Leitung des städtischen Krankenhauses” http://szukajwarchiwach.pl/53/4385/0/1.4/69

Angebotsbeispiele des medicinischen Waarenhauses, Berlin – Quelle: Archiwum Państwowe w Poznaniu – Fond: Akta miasta Nowy Tomyśl [Stadtakten] “Die Verwaltung und Leitung des städtischen Krankenhauses”
http://szukajwarchiwach.pl/53/4385/0/1.4/69

Und so scheint es auch weitergegangen zu sein:  es folgenden Anforderungen zur Anschaffung eines Inhalierapparates, einer beheiz- und fahrbaren Sitzbadewanne, eines Sterilisierungsgerätes und diverser anderer Dinge wie  Nadeln, Klingen, Sonden und Katheder, Zangen, Messer und Spritzen. Letztlich ist sogar die Forderung nach der Errichtung eines Telefonanschlusses vom Krankenhaus zum Magistratsbüro gestellt worden. Irgendwie verwundert es, dass jegliche Anschaffung genehmigt und ohne Verzögerung besorgt wurde, wobei als Einkäufer seitens des Magistrats der damalige Apotheker Dr. Vité fungierte.

Beachtenswert ist der Hinweis in dem 1905 verfassten Brief des Dr. Buddee an den Magistrat, dass wenn “… etwa ein größeres Kreis Krankenhaus gebaut werden sollte …”  alle Apparate etc. von diesem übernommen werden würden.  Wieder ist also ein neues und größeres Krankenhaus im Gespräch gewesen.

Aber vorerst war es noch nicht so weit gewesen – der Krankenhausbetrieb scheint, wenn man dem noch erhaltenen Schriftverkehr Glauben schenkt – ohne große Ereignisse weitergelaufen zu sein.

Im Mai 1907 kaufte man die “noch brauchbaren” Krücken von Frau Leciejewicz für 8 Mark, diese wurden unter der No. 206 im Inventarbuch des Krankenhauses aufgenommen.

Einen guten Eindruck über die damaligen Verhältnisse zu Hygiene und Sauberkeit bekommt man aus einer Verfügung, die seitens des Ministers der geistlichen Unterrichtes und Medizinal-Angelegenheiten, datiert in Berlin vom 4. Mai 1908, an alle Krankenhausverwaltungen erging:

Angelegentlich der Ermittlung und Feststellung von Pockenerkrankungen sind in einigen Lumpensortieranstalten Ballen von Abfällen aus Krankenhäusern – Verbandgaze, Tupfer – vorgefunden worden, die mit Blut und Eiter beschmutzt waren. Danach scheint es nicht zu den Seltenheiten zu gehören, dass Krankenhäuser ihre Abfälle von Verbandstoffen verkaufen. Es unterliegt kaum Zweifel, dass mit den Abfällen Krankheitskeime verschleppt werden können. In den Ausführungsvorschriften zu den Reichs- und dem Preußischen Seuchengesetz beigegebenen Desinfektionsanweisungen ist deshalb die Vernichtung derartiger wertloser Gegenstände vorgeschrieben…”

1911 ist es dann zu einem Vorfall mit einer Diakonieschwester Namens Amalie Radke gekommen. In den Unterlagen finden sich leider nur Kopien der Briefe, die seitens des Magistrats und des Arztes Dr. Buddee an den Vorstand der Diakonissen Anstalt in Posen verfasst wurden. Dr. Buddee erwähnte darin auch einen weiteren am Krankenhaus tätigen Arzt, leider aber, ohne dessen Namen zu erwähnen.

Aus diesen Briefen geht hervor, dass Schwester Amalie ihre Tätigkeit als Diakonieschwester aufgrund der Verhältnisse am städtischen Krankenhaus in Neutomischel aufgekündigt hatte. Seitens des Magistrats und Dr. Buddees führte man aus, dass einiges anders gesehen würde, als von Schwester Amalie beschrieben worden war. Sie hätte für bestimmte Arbeiten Hilfe von dem Heilgehilfen Korytowski und den beiden im Krankenhaus wohnenden Nachtwächtern in Anspruch nehmen können und wenn sie es nicht getan hätte, dann sei dieses ihre eigene Entscheidung gewesen. Man stellte die Ausführungen der Schwester Amalie als übertrieben dar. Eine Kommentierung beschreibt sie als Person, die Unzufriedenheit in sich trug und diese auch auf andere Schwestern übertragen hatte. Man gestand zwar zu, dass die Verhältnisse in dem Krankenhaus überaltert und nicht die besten seien, aber ebenso führte man aus, dass das Krankenhaus “… seit über 20 Jahren zum Segen der Menschheit…” existierte und wenn keine Schwestern der Diakonie mehr zur Pflegetätigkeit geschickt werden würden “… die segensreiche Anstalt eingehen…” müsste.

Seitens der Krankenhausverwaltung und dem Vorstand der Diakonissen Anstalt kommt es schlussendlich zu einer Einigung doch weiterhin Schwestern am städtischen Krankenhaus in Neutomischel einzusetzen. Diese Einigung wurde auch getroffen, da seitens Dr. Buddees in einem Brief vom 9. April 1911 erwähnt wurde, dass der Bau eines modernen Kreiskrankenhauses beschlossen worden war.

Vom Beschluss bis zur Durchführung sollte es aber weiterhin noch dauern.

Unter dem 02. Jul 1912 wurde seitens der Königlichen Intendantur der 10. Division – gez. Weigt und dem Magistrat als Verwaltung des städtischen Krankenhauses noch folgender Vertrag vereinbart und geschlossen:

§ 1. Das Krankenhaus verpflichtet sich währen der diesjährigen Herbstübungen der 10. Division der Militärverwaltung die z. Zt. im Krankenhause noch verfügbaren z. h. unbelegten Lagerstellen zur Aufnahme von Schwerkranken, nicht transportfähigen Militärpersonen zur Verfügung zu stellen.
§2. Für Unterkunft und vollständige Verpflegung der Kranken erhält die Krankenhausverwaltung (Magistrat) pro Tag und Kopf 1,50 Mark, ausschließlich der Arzt und Apothekerkosten, sowie der Kosten für besondere Aufwendungen
§ 3. Die erforderlichen Arzneien und Verbandmittel werden aus der Stadt-Apotheke entnommen und auf Grund einer mit den ärztlichen Rezepten belegten Rechnung von der Militärverwaltung besonders vergütet.
§ 4. Für ärztliche Behandlung werden gewährt die s. Zt. von dem behandelnden Arzt in Liquidation gestellten Beträge
§ 5. Die Kontrolle der Kranken durch ihre militärischen Vorgesetzten ist innerhalb des Krankenhause gestattet.
Nach eingetretener Transportfähigkeit sind die Kranken dem nächsten Militärlazarett zu überweisen.
§ 6. Die entstandenen Kosten werden auf Grund einer vom Krankenhause nach Entlassung der letzten Kranken an die Intendantur V Armee Korps in Posen in zweifacher Ausfertigung einzusendenden, gehörig belegten Liquidation erstattet.
§ 7. Das Krankenhaus übernimmt die Verantwortung über die den Kranken mitgegebenen Bekleidungsstücke, die in einem bei der Einlieferung der Kranken vom Truppenteil zu übergebenden Verzeichnisse enthalten sind.
§ 8. Dieser in zwei Exemplaren ausgefertigte Vertrag ist zum Zeichnen des Einverständnisses von beiden Teilen eigenhändig vollzogen worden.”

Dieses scheint dann allerdings auch das letzte “größere” Ereignis am städtischen Krankenhaus vor dessen Auflösung gewesen zu sein.

Die Planungszeichnungen des Kreiskrankenhauses zu Neutomischel datieren vom 20. April 1912 und die polizeiliche Erlaubnis zum Bau wurde per 24. Mai 1912 erteilt.

* * *

Die letzte Statistik für das Jahr 1912 im Vergleich zum Vorjahr 1911 (in Klammern) sah wie folgt aus:

Der in früherer Zeit gebaute Doppeleingang zum ehemaligen Städtischen Krankenaus und dem Gefängnis - Eigenaufn.

Der in früherer Zeit gebaute Doppeleingang zum ehemaligen Städtischen Krankenaus und dem Gefängnis ist noch heute erkennbar – Eigenaufn.

“Städtisches Krankenhaus

  • Es wurden 141 (138) Kranke verpflegt, und zwar
  • 77 (88) männliche und 64 (50) weibliche
  • an zusammen 3.617 (2.479) Verpflegungstagen. Davon entfielen
  • 1.432 (1.509) auf Männer und 2.185 (970) auf Frauen.
  • Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Kranken betrug für Männer 18 (19), für Frauen 34 (19) Tage,
  • der höchste Krankenbestand war am 26. Januar 1912 (29.08.1911) mit 9 (13) männlichen und 8 (3) weiblichen Kranken.

Nach Eröffnung des Kreiskrankenhause wird der Betrieb des städtischen Krankenhauses im Herbst d. Jr. (1912) eingestellt werden.

Die unteren Räume des jetzigen Krankenhauses werden nach Vornahme einer Erweiterung an das Königliche Bezirkskommando als Büroräume vermietet werden.”

* * *

Die Abwicklung aller Dinge inklusive die Einstellung des Krankenhausbetriebes verzögerte sich dann jedoch noch in das Jahr 1913 hinein.

Per 02.06.1913 erklärte sich die Vorstandsversammlung mit dem Verkauf einiger Inventarien an den Kreisausschuss, der ja als Vertretung des Kreiskrankenhaus fungierte einverstanden. Letzterer ließ sich jedoch Zeit. Per 01.10.1913 fragte man seitens des Magistrats nochmals nach, wann denn die Besichtigung der Gegenstände und vor allem auch die Preisbestimmung stattfinden könnte. Weiterhin beschloss der Magistrat unter dem 12.10.1913, dass das im Städtischen Krankenhaus befindliche Mobiliar nebst weiteren Gegenständen, soweit es nicht für anderweitige städtische Zwecke genutzt werden konnte zur öffentlichen, meistbietenden Versteigerung freizugeben sein würde.

Es findet sich dann eine Liste in der Tische einen Preis von 0,60-2,90 Mark erzielten, Waschtische für 50-60 Pfennige abgegeben wurden, die elf Bettgestelle das Stück 70 Pfennige bis 3,90 Mark einbrachten, eine Nähmaschine immerhin 24,00 Mark erzielte, es wurde alles verkauft: Kleiderschränke, Wandspinde, Bücherbretter, Spiegel, Küchenwaagen, Wurstmaschinen, Töpfe, Besteck, Matratzen, Kissen und Sitzbadewannen; letztlich betrug der Ertrag 307,60 Mark.  Vermutlich war dieses der Erlös aus der Versteigerung, da sich in den Unterlagen lediglich eine Quittung für einen erhaltenen Betrag seitens des Kreisausschusses, datiert vom 04.04.1914 findet, in welcher der Erhalt von 127,75 Mark bestätigt wurde, dieses für Wäsche, chirurgische Instrumente und einen Sterilisationsapparat. Was letztlich aus dem Operationstisch und dem Übungsapparat wurde, war nicht in Erfahrung zu bringen, eine letzte Notiz zu diesen findet sich unter dem 01.11.1914, welche besagt, dass hierzu ein gesonderter Vorgang eröffnet worden war.

Das städtische Krankenhaus, dessen Bauvergabe 1883 erteilt worden war, stellte letztlich seinen Betrieb mit dem Jahr 1913 nach knapp 30 Jahren endgültig ein.