Gebäude der Stadt No. 88 – “Der prächtige Holländer”

Alte Ansichtskarte mit einem "Galerie-Holländer", so könnte es auch in Neutomischel ausgesehen haben - Quelle: http://www.wbc.poznan.pl - Moje wiatraki – wirtualne muzeum, Creator:  Szkopek, Wiesław

Alte Ansichtskarte mit einem “Galerie-Holländer”, so könnte es auch in Neutomischel ausgesehen haben – Quelle: http://www.wbc.poznan.pl – Moje wiatraki – wirtualne muzeum, Creator: Szkopek, Wiesław

Neu Tomysl war eine Stadt der Windmühlen. Das Gebiet der noch jungen Ansiedlung  umfasste zu Beginn lediglich die Straßenzüge Posener Straße, den Alten Markt oder Kirchring wie er wohl in früherer Zeit auch genannt wurde und in alten Unterlagen vereinzelt zu lesen ist, die Hauptstraße, sie wurde später zur Goldstraße und als letztgenannten den Neuen Markt. Aber auf diesem doch kleinen Gebiet fanden sich bereits in den Gebäudebeschreibungen aus dem Jahr 1836 sieben Windmühlen.

Und die Stadt wuchs. Im Jahr 1844 wurde an der Hinterstraße, vermutlich zu dieser Zeit nicht viel mehr als ein Feldweg, das Haus der Familie Stellmacher gebaut. Dieses stand “ganz frei”, nur gegenüber einem  Holzhaus, welches im hinteren Grundstücksteil  eines Anwesens der Posener Straße gestanden hatte. Hinterstraße war in jener frühen Zeit als Beschreibung der Lage des Weges, also hinter den Hauptstraßenzügen liegend, und noch nicht als eigener Straßenname, anzusehen. In alten Unterlagen findet sich auch die Lage bezeichnend: Weg an den Großen Gärten.

Vorgenanntes Gebäude war das Erste welches in diesem Bereich errichtet worden war, die Bebauung schritt aber weiter voran und eine der nachfolgend errichteten Gebäude betraf auch eine weitere Windmühle für die Stadt.

Mitten in diesem noch namenslosen Gebiet, auch in seiner ältesten gefundenen Beschreibung aus dem Jahr 1858 nicht näher in seiner Lage fixiert, lag dann das Anwesen des Müllermeisters Heinrich Tepper.

Das Wohnhaus stieß vom nordwestlichen Ende an den südlichen Giebel des Stalles, bei dem Stall wurde die gleiche Lagebeschreibung in umgekehrter Form verwendet, die Scheune wiederum stieß mit dem südwestlichen Ende an den nördlichen Giebel des Stalles.

Das Gebäude war 1853 neu erbaut worden. Zum Zeitpunkt seiner Beschreibung im Jahr 1858 galt es als in gutem Zustand.

Das Wohnhaus mit einer Grundfläche von 65×34 Fuß = 2.210 Quadratfuß  (ca. 19,8×10,4m = 206qm) war ein massiver Ziegelbau gewesen, beim dem im oberen Bereich das Fachwerk mit Luftsteinen ausgemauert worden war. Im Inneren befanden sich 5 Stuben, 3 Küchen- und 2 Kellerstuben, sowie 2 Keller, 2 Flure und 1 Bodenraum, welche über 1 große, 2 kleine, 2 Keller- und letztlich 2 Flurtreppen zu erreichen waren. Weiterhin wurden 1 Rauchkammer und 2 Vorgelege welche mit Türen versehen waren erwähnt. Im Haus waren auch 3 Wandspinde zu finden gewesen. Die Beheizung erfolgte über 5 Öfen und 1 Kamin.

Die vorhanden gewesenen 3 Küchenstuben lassen die Vermutung aufkommen, dass dieses Müllerhaus auch als Herberge gedient haben könnte.

Im Jahr 1858 wurde ein Betrag von 100 Tlr. per Quadratfuß als Versicherungswert festgelegt; dieses lässt den Rückschluss von Wohlhabenheit der Besitzer zu, welches sich im Laufe der Ausarbeitung dann letztlich auch bestätigte.

Einen gleichlautende Werteinschätzung hatte auch der Stall mit seiner Grundfläche von  480 Quadratfuß (ca. 44 qm) des Anwesens erhalten. Dieser war im Jahr 1850 entstanden, 3 Jahre früher als das Wohnhaus. In dem mit 2 Doppeltoren versehenen Gebäude waren eine Siedekammer, ein Schuppen, ein Holzverschlag und die Ställe für Kühe und Pferde untergebracht. Hinter dem Trempel , dem hölzernen Aufbau des oberen Stockwerkes, befand sich unter einem Ziegeldach noch ein Bodenraum. Das ganze Gebäude war im unteren Stockwerk 7 Fuß und im oberen 4,5 Fuß hoch, hatte also über eine Gesamthöhe von 11,5 Fuß (ca. 3,5m) verfügt.

Auf dem Areal befand sich als drittes Gebäude noch eine Scheune. Auch diese hatte 2 Doppeltore, die zu der im Innenbereich gelegenen Tenne und dem Bansen führten. Sie war 1852, also im Jahr vor der Errichtung des Wohnhauses, aufgestellt worden. Mit der Grundfläche von 648 Quadratfuß (ca. 60qm) war dieser aus kiefernen Bohlen errichtete Bau mit 10 Talern per Quadratfuß Grundfläche geschätzt worden.

Das Anwesen Tepper-Glaesemer, Zeichnung angefertigt nach Akten der Gebäudebeschreibung mit Zeichnung aus dem Jahr 1876

Das Anwesen Tepper-Glaesemer, Zeichnung angefertigt nach Akten der Gebäudebeschreibung mit Zeichnung aus dem Jahr 1876

Das letzte Gebäude des Müllermeisters Heinrich Tepper war jedoch der über 100 Meter von der Scheune im hinteren Teil des Grundstückes auf freiem Felde stehende “Galerie-Holländer” gewesen.

Die Holländische Windmühle mit offener Galerie war 1857 neu, von sehr gutem Material, erbaut worden. Sie muss sich gegenüber den sonst überwiegend vorzufinden gewesenen Bockwindmühlen abgehoben haben wie das “schwarze” Schaf in der Herde der weißen. Schon bei seiner Eheschließung im Jahr 1839 war Johann Heinrich Carl Tepper als Bürger und Müller von Neutomischel bezeichnet worden, es ist aber nicht sichergestellt, ob er schon Besitzer einer eigenen Windmühle gewesen ist.

Der Galerie-Holländer war 6 Etagen hoch erbaut worden, das entsprach 50 Fuß (ca. 15m) und dieses ohne die Flügel. Sie muss mit dieser Höhe den nordwestlichen Teil der Stadt weithin sichtbar überragt haben. Im Vergleich sei hierzu angeführt, dass die Bockwindmühle aus dem Artikel über das Gebäude No. 85, mit einer Höhe von ca. 8,3m genannt wurde.

Das Gebäude selbst war 8eckig, und der untere Durchmesser von 42 Fuß verjüngte sich zum Dach auf 19 Fuß. Aus den Abmessungen errechnete der Versicherungsvertreter 882,5 Quadratfuß (ca. 81qm). Die Galerie in fast 4 Meter Höhe, von ihr aus wurde die Dachkuppe mit den Mühlflügeln in den Wind gedreht, war lediglich mit “schwachen” Brettern belegt und ruhte auf 23 hölzernen Säulen, die wiederum jede auf einem Ziegelfundament standen.

Der aus kiefernen Bohlen errichtete auf einem 0,5 Meter hohem Steinfundament  stehende Mühlenbau, wies unter anderem 1 Doppeltür und 24 Fenster auf, die einzelnen Etagen waren mit 6 Treppen verbunden und das Bretterdach war mit Zinkblech überdeckt gewesen. Im Inneren ohne dem Raum unter der Dachkrippe haben sich 1 Cylinder-Raum, 1 Steinboden, 2 Schüttböden, 1 Raum zur Reinigungs-Maschine und 1 Raum für das sogenannte gangbare Zeug befunden.

Ohne das Mahlwerk war der Wert dieser für die Stadt außergewöhnlichen Mühle auf 2.000 Taler per Quadratfuß eintarifiert (882,5 x 2.000 = 1.765.000 Taler) gewesen.

Alles in Allem war das Anwesen inclusive der Mühle im Jahr 1858 also mit einem Versicherungswert von 2.040.480,00 Taler eingeschätzt worden.

In einer weiteren Beschreibung aus dem Jahr 1876, also 18 Jahre später, ist zu finden, dass das Anwesen jetzt im Besitz des Robert Glaesemer war. Durch eine Skizze zum Anwesen, siehe das entsprechende Bild im Artikel,  war aus dieser später angefertigten Anwesenbeschreibung auch die genauere Lage zu erfahren: es lag schräg gegenüber dem, in der Hinterstraße endenden, damaligen Grundstück No. 4 der Posener Straße des Dienegott Maennel.

Das Gebäude ist wenig verändert beschrieben worden: das Wohnhaus wurde als” solide” im Bau ausgeführt und “gut erhalten” mit einem “reparaturbedürftigen” Dach befunden, der Stall hingegen wurde nun mit: im Bau “sehr mittelmäßig” errichtet und erhalten eingestuft, die Scheune wurde ebenso nur als “mittelmäßig” aber als gut erhalten beschrieben und letztlich bekam die Mühle die Einschätzung:  “gut erhalten”.

Die Einschätzung der Gebäude hingegen hatte einen erheblichen Verlust im Wert erfahren. Alle Gebäude im geschätzten Zeitwert addiert ergaben nun lediglich den Betrag von 26.900 Mark.

Durch den Heimathistoriker K.E. Goldmann ist in dem im Jahr  1912 verfassten Artikel über die ehemaligen Wind- und Wassermühlen in und um Neutomischel ein weiterer Hinweis betreffend diese Mühle zu lesen: ” … der etwa 1857 vom Mühlen- und Bäckermeister Heinrich Tepper erbaute und 1878 abgebrannte prächtige Holländer des Rob. Gläsemer. Diese Mühle hatte in sechs Etagen drei Mahlgänge. Es war nach der noch vorhandenen Bauzeichnung (heute nicht mehr zur Verfügung stehend) Dampfhilfe für ebenfalls drei Mahlgänge in Aussicht genommen. Gerade dieses Bauwerk war ein besonderer Schmuck des nordwestlichen Stadtbildes.”

1857-1878 der "prächtige Holländer" wurde nicht alt

1857-1878 der “prächtige Holländer” wurde nicht alt

Also hatte auch Robert Glaesemer, Schwiegersohn des Erstbesitzers, schon den Wandel zur Industriealisierung zur Kenntnis genommen bzw. nehmen müssen und Überlegungen zum Umbau der Mühle von Wind- auf Dampfantrieb angestellt.

Der “prächtige Holländer” brannte jedoch als Windmühle im Alter von nur 21 Jahren nieder.

* * *

Genealogische Daten der Mühlenbesitzer

Johann Carl Heinrich Tepper (geb. 1815) war der einzige Sohn aus der 2ten Ehe seines Vaters Johann Christoph Tepper, welcher in alten Kirchenbucheintragungen neben anderen Berufen auch als Müllermeister in Sontop genannt wird, mit Modesta Liebegott geborene Richter.

Im Juli 1839 heiratete er Johanna Juliana Gutsch, Tochter des Bäcker und Zimmermanns Johann Gottfried Gutsch und dessen Ehefrau Rosina Dorothea Fenske; diese Familie war in Paprotsch und Witomysl ansässig gewesen.

Als Kinder dieser beiden fanden sich in den Kirchenbüchern:

1840 Emilia Rosalie später verehelichte Toeffling; 1841 August Gustav, er verstarb im Jahr seiner Geburt; 1842 Bertha Auguste später verehelichte Gerlach; 1844 Mathilda Maria später verehelichte Gerlach; 1846 Carl Adolph, er verstarb nach nur wenigen Tagen; 1847 Reinhold Wilhelm, auch er verstarb kurz nach seiner Geburt; 1848 Wilhelm Erdmann, er war im Dezember geboren wurden und verstarb im Januar des Folgejahres; 1859 Amalie Hulda (Ida), sie verstarb 11 Monate nach ihrer Geburt; 1851 Emma Ottilie, später verehelichte Glaesemer; 1853 Florentina Helena, später verehelichte Kaufmann; 1858 Paul Richard, von ihm wurde außer dem Geburtseintrag keine weitere Eintragung gefunden.

Johann Carl Heinrich Tepper, starb als Ausgedinger zu Neutomischel im Alter von 83 Jahren am 17. März 1899. Aus dem Standesamtseintrag geht hervor, dass sein Schwiegersohn, der damalige Hotelpächter Carl Gustav Toeffling, er war verheiratet gewesen mit Emilia Rosalie geborene Tepper, ihn tot auf seinem Stallboden aufgefunden hatte.

Robert Johann Friedrich Wilhelm Glaesemer (geb. ca. 1846) stammte aus Glowinka im Krs. Schroda. Als seine Eltern wurden Carl Ernst Glaesemer, Mühlengutsbesitzer und dessen Ehefrau Dorothea Christina geborene Glaesemer genannt. Er und Emma Ottilie geborene Tepper, die 4te Tochter des Mühlenbesitzers Johann Carl Heinrich Tepper heirateten am 30. Oktober 1873 in Neutomischel.

Aus dieser Ehe Glaesemer konnten noch die Kinder Agnes Bertha Alma geb. 1874, später verehelichte Bruns, der schätzungsweise 1878 geborene Otto, er wurde 1919 im Wählerverzeichnis der Stadt aufgeführt, der 1879 geborene und 1880 wieder verstorbene Hugo Rudolph sowie die 1885 geborene Hedwig Elsa Margaretha ermittelt werden. Leider sind die Standesamtsunterlagen lückenhaft, sodass weitere Daten dieser Familie nicht gefunden wurden.

Innenansicht der Britzermühle als Beispiel - Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/Britzer_M%C3%BChle?uselang=de#mediaviewer/File:Britzermuehle-innen02.jpg

Innenansicht der Britzermühle als Beispiel – Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/Britzer_M%C3%BChle?uselang=de#mediaviewer/File:Britzermuehle-innen02.jpg

In zeitlicher Reihenfolge stellt es sich wie folgt dar:

  • 1815 Johann Carl Heinrich Tepper späterer Mühlenbesitzer wurde in Sontop geboren
  • 1839 Eheschließung des Bürger und Müllers in Neutomischel Johann Carl Heinrich Tepper mit Johanna Juliana Gutsch
  • 1850 der Stall der Familie Johann Carl Heinrich Tepper wurde erbaut
  • 1852 die Scheune der Familie Johann Carl Heinrich Tepper wurde erbaut
  • 1858 das Wohnhaus der Familie Johann Carl Heinrich Tepper wurde erbaut
  • 1857 Bau des “Galerie-Holländers”
  • 1873 Eheschließung der Tochter Emma Ottilie Tepper mit Robert Joh.  Friedrich Wilhelm Glaesemer
  • 1873 vermuteter Besitzerwechsel der Mühle
  • 1874 Rob. Glaesemer wird als Müller bei der Geburt seiner Tochter benannt
  • 1878 der “prächtige Holländer”  so schrieb Goldmann, des Rob. Gläsemer brannte nieder
  • 1879 Rob. Glaesemer wurde als Müllermeister bei der Geburt des Sohnes genannt
  • 1896 im Dezember, Rob. Glasesemer verstarb, in seinem Toteneintrag wurde sein Stand als Stadtwachtmeister angegeben
  • 1899 im März, Johann Carl Heinrich Tepper verstarb
  • 1899 im September, Rob. Glaesemer wurde als Hausbesitzer bei der Eheschließung seiner Tochter genannt

* * *

 Quellen soweit nicht im Text direkt genannt:
Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) – hier: ·  Stadtakten – Beschreibung sämtlicher Gebäude in der Stadt und Kirchenbücher der Gemeinde Neu Tomysl – Neu Tomischl – Neutomischel