Gebäude der Stadt – No. 85 – Wohnhaus, Betsaal, Kirche und eine Windmühle – Teil 2

Bockwindmühlen im Tomischler Hauland - Fotoaufn. Enderich, in Privatbesitz

Bockwindmühlen im Tomischler Hauland – Fotoaufn. Enderich, in Privatbesitz

In Teil 1 unseres Artikels zur Gebäude No. 85 haben wir  ja bereits geschrieben, dass unter Nummer 85 ” … in den alten Aufzeichnungen aus dem Jahr 1836 bereits die Bockwindmühle des Johann Wilhelm Stahn erwähnt” wurde, wobei die Bezeichnung “Hinterstraße” nicht  vorkommt.

Errichtet “von Fachwerk aus kiefernen Balken von 6 Zoll stark, auswendig mit Brettern und auf der Wetterseite noch außerdem mit Schindeln verschlagen” war diese Mühle 18,5 Fuß lang, 17 Fuß breit (ca. 5,7×5,4m) und mit ihren 2 Etagen 26 Fuß (ca. 8,3m)hoch. Der Zustand war gut; der Läuferstein mit eisernem Reifen wurde “alle Jahre” repariert. Als einzige Standorteingrenzung findet sich bei diesem Gebäude, dass sie “von der nächsten Mühle 11 1/2 Ruthen entfernt” stand. Ihr Alter wurde mit 45 Jahren angegeben. Die Mühle war also um 1791 gebaut worden. Altersangaben von Windmühlen sagen allerdings nichts darüber aus, dass sie immer ein und derselben Standort gehabt haben.

Dieser Teil befasst sich nun etwas genauer mit der Bockwindmühle des Johann Wilhelm Stahn, da diese den ein oder anderen Anlass zu Spekulationen liefert bzw. auch schon lieferte.

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Links das ehem. Villenviertel der Stadt, im Hintergrund die "Würdige Alte" Windmühle des letzten Besitzers Reisch - AK in Privatbesitz

Links das ehem. Villenviertel der Stadt, im Hintergrund die “Würdige Alte” Windmühle des letzten Besitzers Reisch – AK in Privatbesitz

Trotz intensiver Prüfung der alten Unterlagen fand sich nur  eine weitere Erwähnung dieser  Windmühle mit der Gebäudenummer 85. Diese ist aus dem Jahr 1856, also 20 Jahre später.  In einem Dokument erklärte der damalige Besitzer, Heinrich Thiesler, dass er auch das “gehende” Werk der Mühle, von welchem er bis zu dieser Erklärung angenommen hatte, dass es versichert gewesen wäre, was aber nicht der Richtigkeit entsprochen hatte, nun zu versichern wünsche.

Die Erwähnung des Namens Tiesler als Besitzer einer Windmühle findet sich wiederum im Artikel über die letzten Mühlen der Gegend aus dem Jahr 1912 des K. E. Goldmann, ehemaligem Heimathistoriker in Neutomischel.

Es heißt in diesem:  “Jetzt erinnert nur noch eine übrig gebliebene Windmühle an der westlichen Seite der Neustädter (früher Tirschtiegeler) Straße zwischen Stadt und der so genannten Rutschkowe an die Blütezeit der Windmüllerei. Auf ihrem Sattelbalken befindet sich die Inschrift: „M C G Anno 1791“. Diese würdige Alte, die bereits hat „rücken“ müssen, stand früher an der Stelle der heutigen Buddeeschen Villa und gehörte Tiesler, welcher sie an Gottlieb Reisch verkaufte, und von diesem wurde sie auf Rollen nach ihrem heutigen Standplatz geschafft.”

Die Besitzer der Mühle: Stahn um 1830, Tiesler um 1851, Reisch ab ca. 1866

Die Besitzer der Mühle: Stahn um 1830, Tiesler um 1851, Reisch ab ca. 1866

Die Buchstaben der am Sattelbalken erwähnten Inschrift wurden einmal gedeutet als vorangestellt der damalig geführte Titel,  M = “Müllermeister”, und daran anschließend die Initialen des Besitzers, C G. Weiter wurde ausgeführt, dass im Stammbuch der Müllermeister aus dem Jahr 1787 sich lediglich der Mstr. Christian Giese, geboren ca. 1736 und verstorben 1797, Erbbesitzer einer Windmühle in Tomysl, dem späterem Alt Tomysl, finden würde, zu welchem diese Annahme passen würde.

Zu dieser Theorie findet sich jedoch keinerlei Beweis.

Gefunden wurde eine Familie Johann Wilhelm Stahn, Bürger und Müllermeister zu Neutomischel und verheiratet mit Johanna Friederika geboren Pflaum, welche im Dezember 1830 in Neutomischel heirateten. Im November 1830, also einen Monat vor der Eheschließung, trat der Meister Johann Wilhelm Stahn der Müllerinnung der Stadt bei.

Als Kinder dieses Ehepaares  finden sich dann in den Kirchenbüchern der Stadt: 1831 Auguste Hermine, 1833 Amalie Ernestine Friederike (später verehelichte Walther), 1835 Emilie Louise (sie verstarb 1836) , 1836 Friedrich Wilhelm (er verstarb 1837), 1838 Friedrich Ernst, 1839 Louise Maria Amalie, 1842 Friedrich Wilhelm Reinhold (er verstarb 1843) und 1845 Adelgunde Bertha.

Familie R. Reisch vor ihrem Wohnhaus am Neuen Markt - ca. 1925 - Aufn. v. A. Kraft

Familie R. Reisch vor ihrem Wohnhaus am Neuen Markt – ca. 1925 – Aufn. v. A. Kraft

Zu Auguste Hermine Stahn, sie war im  August 1831 als älteste Tochter und auch ältestes Kind der Eheleute geboren worden findet sich dann im July 1851 die Eheschließung  mit Ernst Heinrich Thieselek, ca. geboren 1823, welcher als Bürger und Müllermeister angegeben wurde.

Kurz zuvor findet sich in dem schon erwähnten Stammbuch der Müllermeister ein hierzu passender Eintrag:

1851 22.April Vor dem versammelten Vorstande meldete sich heute der Müller Heinrich Tiesler, und trägt darauf an ihn als Mitglied der hiesigen Innung aufzunehmen. Da der Tiesler seine Befähigung zum selbstständigen Betriebe des Müller Handwerk durch Vorzeigung des ihm von der Hauptprüfungs Commission ertheilten Prüfungszeugniß dargethan hat, und sich verpflichtet allen denen ihm obliegenden Pflichten als Mitglieder der hiesigen Inn<ung treulich nach den Statuten nach zu kommen, so wird er mittelst Handschlag an Eidesstatt als Mitglied der hiesigen Inung verpflichtet aufgenommen”

Sein Name, der auch Thieseler und letztlich Tiesler geschrieben wurde war also vermutlich nach Neutomischel zugezogen und hatte mit der Eheschließung die elterliche Mühle seiner Braut übernommen und diese wurde dann zur “Mühle des Tiesler”. Da aus dem Eheeintrag hervorgeht, dass der Vater der Braut verstorben war, ist ein solches, obwohl nur Vermutung, anzunehmen.

In der ersten Erwähnung aus dem Jahr 1836 findet sich, dass sie 11 1/2 Ruthen von einer anderen Mühle entfernt stand. Das Längenmaß Rute wurde in den unterschiedlichsten Längenmaßen verwendet. Wenn die Rute mit 3,766242 m (vgl. Alte Maße und Gewicht in Preußen = Enzyklopädie Wikipedia), war die Abstand 43,3 m zur nächstgelegenen Mühle. Genauer erfahren wir durch diese Angabe allerdings nicht, wo sich die Mühle tatsächlich befunden hat.

Auch wurde nur eine weitere Erwähnung zu dem Müller Tiesler aus dem Jahr 1854 gefunden; er wurde in den Wahlunterlagen als der Vorsitzenden der Müllerinnung genannt; rechnerisch müsste er zu diesem Zeitpunkt circa 31 Jahre alt gewesen sein.

Wenn wir den vorerwähnten Daten und Annahmen folgen und dann dazu die Ausführungen des K. E. Goldmann einbeziehen, verkaufte Tiesler die Mühle an Gottlieb Reisch. Bis zu diesem Zeitpunkt, so Goldmann, stand die Mühle an der Stelle der späteren Buddee’schen Villa.

War diese Standort Angabe vielleicht der Grund warum die Mühle lediglich im Jahr 1836 und dann nur noch einmal 1856 Erwähnung fand ? Das Gebiet, auf dem später die Buddee Villa entstand gehörte in früherer Zeit zu Glinau; eine Eingemeindung nach Neutomischel war erst viel später erfolgt. Hatte man deshalb vielleicht die eigentlich vergebene Gebäudenummer 85, als man den Irrtum bemerkte einfach nochmals, jetzt an das Haus Stellmacher, verteilt ? War bzw. ist die Annahme, dass die Mühle einst in der “Hinterstraße” gestanden hat falsch ? Stand sie vielleicht schon immer am stadtseitigen Anfang der späteren Neustädter Straße, der heutigen 3 Stycznia ? Solange die Unterlagen von Glinau verschollen bleiben, werden die Fragen wohl nicht beantwortet werden können.

Beschriftung auf der Rückseite: "Die letzte Neutomischeler Bockwindmühle des Reisch. 1912 (von Westen gesehen) Aufn. Fotoatelier P. Schulz - Bild im Privatbesitz D. Maennel

Beschriftung auf der Rückseite: “Die letzte Neutomischeler Bockwindmühle des Reisch. 1912 (von Westen gesehen) Aufn. Fotoatelier P. Schulz – Bild im Privatbesitz D. Maennel

Das unter dem Mühlenflügel erkennbare Haus in der 3. Stycznia im Jahr 2012 - Aufn. PM

Das unter dem Mühlenflügel erkennbare Haus in der 3. Stycznia im Jahr 2012 – Aufn. PM

Es ist eine Annahme, dass der Verkauf zwischen Tiesler und Reisch im Jahr 1866 stattgefunden hat. In diesem Jahr hatte Johann Gottlieb Reisch (geboren 1842)  im Oktober die Ehe mit Johanna Paulina Liepelt (geboren 1841) geschlossen; aus diesem Anlass könnte die inzwischen 75 Jahre alte Mühle angekauft worden sein um die Lebensgrundlage der Familie zu bilden.

Unter diesem neuen Besitzer hat dann die Umsetzung von ihrem Standplatz bei der späteren Buddee’schen Villa zu ihrem letzten Standplatz in die Windmühlenstraße, der heutigen Wiatrakowa stattgefunden.

Zu wann dann die Mühle auf den im September 1880 geborenen Sohn Carl Robert Reisch und dessen Ehefrau  Anna Maria geborene Liepelt (geboren 1888), einer Nichte seiner Mutter,  überging war nicht feststellbar. Vielleicht war es im Jahr 1910 dem Jahr der Eheschließung dieser letzten Besitzer.

Hier nun endet dieser Beitrag über Die Alte würdige, wie diese Mühle, so Goldmann,  genannt worden war. Sie hatte schon ihren schweren Kampf gegen die technische Entwicklung antreten müssen; in Neutomischel waren die Dampfmühlen Maennel und Schmidt weitaus leistungsfähiger als sie gewesen, als Krieg und Vertreibung sie zum endgültigen Stillstand brachte.

Nach dem Krieg nahm niemand mehr den Betrieb auf, das Holz des Bauwerkes wurde morsch, die Wettereinflüsse taten ihr übriges. Der Wind, der sie früher angetrieben hatte, soll sie Mitte der 50iger Jahre  bei einem Gewitter schwer beschädigt und zum Teileinsturz gebracht haben, woraufhin sie später endgültig abgerissen wurde. Annähernd 154 Jahre alt war diese Mühle geworden.

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Gebäude der Staatsanwaltschaft, Budynek Prokuratury Rejonowej w Nowym Tomyślu - Aufn. 2008 PM

Gebäude der Staatsanwaltschaft, Budynek Prokuratury Rejonowej w Nowym Tomyślu – Aufn. 2008 PM

Gebäude der Staatsanwaltschaft, Budynek Prokuratury Rejonowej w Nowym Tomyślu - Aufn. 2009 PM

Gebäude der Staatsanwaltschaft, Budynek Prokuratury Rejonowej w Nowym Tomyślu – Aufn. 2009 PM

In unserem Artikel  über die Gebäudenummer 85 haben wir einiges aus alten Unterlagen zusammengetragen; und doch blieben viele Fragen offen.

Vom Grundstück und den Gebäuden der Familie Stellmacher in der ehemaligen Hinterstraße, der heutigen Długa, Ecke Sniadeckich ist nichts mehr erhalten. Wir haben gehört, dass in der ersten Nachkriegszeit ein Kindergarten in dem alten Gebäude untergebracht worden war. Danach soll noch der Verband der Bauernjugend ihre Räume in dem Gebäude gehabt haben. Da die Bausubstanz aber zu schlecht war, die Reparaturen zu viele wurden, wurde das Gebäude letztlich abgerissen.

Heute steht auf dem Anwesen das im Jahr 1974 errichtete Gebäude der Staatsanwaltschaft, Budynek Prokuratury Rejonowej w Nowym Tomyślu, der Stadt.

Während die Ausarbeitungen zum “Stellmacher-Haus” durch die Vielzahl von Einzelunterlagen zu einem doch recht vollständigem Bild zusammengefügt werden konnten, war dieses zu der Mühle, welche ebenfalls unter der Nummer 85 gestanden haben soll, nicht möglich, es blieben zu viele Fragen.  Allein der Wandel der Zeit von der Mechanik zur Technik löschte viel Wissen. Hier haben wir dem ehemaligen “Heimathistoriker” K.E. Goldmann zumindest zu verdanken, dass überhaupt noch etwas aus der Zeit der “hölzernen Riesen” der Stadt und Umgegend überliefert ist.

Die letzte Bockwindmühle der Stadt, rechts die Ecke des Hauses - Bild Privatbesitz Fam. Reisch

Die letzte Bockwindmühle der Stadt, rechts die Ecke des Hauses – Bild Privatbesitz Fam. Reisch

Der letzte Standort der Mühle 3. Stycznia, Ecke Wiatrakowa - Aufn. 2010 GT

Der letzte Standort der Mühle 3. Stycznia, Ecke Wiatrakowa – Aufn. 2010 GT

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