Grabsteine Friedhof Boruy – Familie Kurz

Grabstätte der Familie Kurz / Photo: Przemek Mierzejewski

Grabstätte der Familie Kurz / Photo: Przemek Mierzejewski

Hier ruhen in Gott

die Eigentümer Frau

Martha Kurz – geb Reschke

geb. 28 Jan 1880 – gest . Mai 1912
 Du schiedest schnell, im tieffsten Schmerz läßt Du verwaist uns stehn;
Nur ein Trost bleibt dem armen Herz:”Es gibt ein Wiedersehn!”

 _ _ _

unsere liebe Tochter

Erna Lina Kurz

geb. 2. Mai 1906 – gest. .4. April 1913
Warst unser Liebling allezeit – Und bist es auch in Ewigkeit
 

Ruhet sanft

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Der Vater und Ehemann war Wilhelm Kurz. Die Familie wohnte in Dorf Boruy unter der No. 72.

Martha Auguste Reschke war in Alt Szarke als Tochter des Johann Carl Reschke und dessen Ehefrau Johanna Juliane Rosalie

geborene Seiffert geboren worden.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Grabsteine Friedhof Boruy – Anna Pelchen

Grabstätte der Anna Louise Paelchen / Photo: Przemek Mierzejewski

Grabstätte der Anna Louise Paelchen / Photo: Przemek Mierzejewski

Hier ruhet in Gott

Anna Pelchen

geb. d. 5. April 1869 – gest. d. 11. Febr. 1883
 
Joh: 6_37
Alles, was mir mein Vater giebt das kommt zu mir,
und wer zu mir kommt,
den werde ich nicht hinaus laßen

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Der Eigentümer Johann Wilhelm Paelchen aus Boruy zeigte auf dem Standesamt von Hammer am 11ten Februar 1883 den Tod seiner und seiner Ehefrau, der Johanna Louise geborene Fechner, Tochter, der – Anna Louise Pelchen – im Alter von 13 Jahren, 10 Monaten und 6 Tagen an.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Grabsteine Friedhof Boruy – Julius Seeliger

Grabstein des Julius Seeliger / Photo: Przemek Mierzejewski

Grabstein des Julius Seeliger / Photo: Przemek Mierzejewski

Hier ruht in Gott
mein lieber Mann , unser guter Vater

Julius Seeliger

geb. 17. März 1822 – gest. 21 März 1877
 
In des Herrn Jesu Wunden schlief ich sanft und selig ein
dadurch habe ich überwunden alle Leiden, Angst und Pein
Gott nahm aus der Gnadenzeit – mich ins Reich der Herrlichkeit

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Am 21. März 1877 erschien der Herr Lehrer Seeliger aus Dorf Boruy auf dem Standesamt in Hammer. Er zeigte den Tod seines Bruders, des Tischlermeisters Julius Seeliger an.

Er gab an, dass dieser in seiner Wohnung in Dorf Boruy am 21. März 1877 im Alter von 55 Jahren und 3 Tagen verstorben sei.

Im Jahr 1859 hatte Julius Theodor Seeliger die Ehe mit Louise Handtke, geb. 1834 in Jastremske, geschlossen. Aus dieser Ehe stammte der im Jahr 1860 geborene Sohn Gustav Paul Seeliger.

Die Eltern der in Wollstein geborenen Brüder waren der verstorbene Tuchmachermeister Benjamin August Seeliger und dessen gleichfalls verstorbene Ehefrau Anna Dorothea geborene Dohnke gewesen.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

 

2016 – 463 Jahre Kirche zu Kranz

Die ehemalige evgl. Kirche zu Kranz, 1880 geweiht / Postkartenausschnitt

Die ehemalige evgl. Kirche zu Kranz, 1880 geweiht / Postkartenausschnitt

Heute vor 113 Jahren am 27. November 1903 berichtete die Neutomischeler Kreiszeitung über das 350-jährige Bestehen der evangelischen Kirche zu Kranz. Die Kirche ist inzwischen katholisch geweiht und trägt den Namen “Von der Verklärung des Herrn” – “Kościół pw. Przemienienia Pańskiego”

” Die evangelische Gemeinde Kranz im Kreise Meseritz, zur Diözese Karge-Neutomischel gehörend, feiert am 1. Adventsonntag (29. November des Jahres 1903) das Jubelfest ihres 350-jährigen Bestehens. Kranz gehörte zu den wenigen evangelischen Gemeinden der Provinz Posen, in denen trotz schwerer Verfolgung in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts das Evangelium ohne Unterbrechung hat verkündet werden dürfen.

Viele Evangelische der Umgegend in Posen und im Kreis Züllichau-Schwiebus haben darum durch Jahrzehnte hindurch, als ihr eigenes Kirchenwesen zerstört war, in Kranz geistlichen Trost gesucht, ihre Kinder taufen und ihre Ehen einsegnen lassen. Die Gemeinde Kranz verdankt diese Bewahrung nächst Gottes Gnade der Glaubenstreue ihrer Kirchenpatrone, der Herren von Dzembowski.

Denkmal der Kriegsgefallenen auf dem Kirchengelände / Bild EA

Denkmal der Kriegsgefallenen auf dem Kirchengelände / Bild EA

Kranz hat auch im vergangenen Jahrhundert den besonderen Segen gehabt, einen Patron in dem verstorbenen Kammerherrn von Tiedemann zu besitzen, durch dessen fromme Freigebigkeit es ihr möglich wurde, ein herrliches Gotteshaus und schönes Pfarrhaus zu bauen.

Am Sonnabend vor dem 1. Advent, abends 1/2 6 Uhr, wird eine Vorfeier mit einem Vortrag des Ortsgeistlichen über die Geschichte der Gemeinde Kranz stattfinden, am 1. Advent Festgottesdienst um 10 Uhr und um 1/2 6 Uhr abends eine Nachfeier mit einem Bericht über die evangelische Bewegung in Böhmen und einer Lichtbildervorführung aus dem Leben Luthers. Von einem gemeinsamen Festmahl hat die Gemeinde zu ihrem Bedauern um ihrer unzulänglichen Gasthofsverhältnisse willen absehen müssen.

Möge der Gemeinde das Fest gesegnet sein, und sie allzeit ihren alten Überlieferungen treu bleiben !

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 In dem Buch “Geschichte der evangelischen Parochien in der Provinz Posen”, verfaßt von Albert Werner, früher Pastor in Tremessen; überarbeitet von Johannes Steffani, Diakonns an der St. Petrikirche zu Posen. / Herausgegeben 1904, ist zur Entstehung der Kirche in Kranz folgendes geschrieben worden:

“Zu den evangelisch-lutherischen Gemeinden, welche sich in Großpolen schon zur Zeit der Reformation gebildet und seitdem ununterbrochen erhalten haben, gehört die Gemeinde in dem Dorfe Kranz bei Züllichau. Ihre Entstehung fällt nach den vorhandenen Urkunden in das Jahr 1553.

Begründer der Gemeinde und Erbauer einer evangelischen Kirche waren die Erbherren von Radlewicz-Kreski, welche dem augsburgischen Glaubensbekenntnisse angehörten. Im Jahre 1570 verkaufte diese Familie das Gut an George von Dziembowski, der es an seine Nachkommen vererbte.

Die Dorfstrasse, im Hintergrund das Kirchengebäude / Postkartenausschnitt

Die Dorfstrasse, im Hintergrund das Kirchengebäude / Postkartenausschnitt

Als mit dem 17. Jahrhundert die Unterdrückung des lauteren Evangeliums in Polen begann, geriet auch die hiesige Gemeinde vielfach in Gefahr, ihr Gotteshaus zu verlieren. Zuerst verlangte 1637 der Propst des nahegelegenen Dorfes Kuschten unter dem Vorwande, daß die Kirche in Kranz früher eine katholische gewesen sei, von der Gemeinde Entrichtung des Decems und der Stolgebühren; er konnte aber seine Ansprüche vor dem Posener Gerichte ebenso wenig beweisen, wie die späteren Pröpste die ihrigen in den Jahren 1650 und 1665.

Darauf wurden die Erbherren Zbigniew und Boguslaw von Dziembowski im Jahre 1747 von einem Nachkommen der früheren Besitzer, Ignaz von Kreski, dessen Vater in Dresden zum katholischen Glauben übergetreten war, in einen langwierigen und sehr kostspieligen Prozeß verwickelt. Kreski behauptetet, Ansprüche an das Gut zu haben, und verlangte die Herausgabe der Ortskirche als einer ehemaligen katholischen an die Katholiken.

Obgleich die Erbherren im Jahre 1748 ihr Recht auf Gut und Kirche vor dem Reichstribunal zu Petrikau auf das klarste darlegten und das Gericht ihren Gegner nötigte, dasselbe in einem besonderen Dokument ausdrücklich anzuerkennen, so gab Kreski dennoch den Versuch, mit seinen Forderungen durchzudringen, nicht auf und brachte es endlich dahin, daß die Dziembowskische Familie im Jahre 1760 ihm 1.600 Fl. poln. (800 Mark) dafür zu zahlen verurteilt wurde, “daß ihre Vorfahren diese Sache nicht eher ordentlich ausgeführt hätten, weshalb Kreski diesen Prozeß hat führen müssen.” Dieser Verurteilung folgten noch andere.

Kreski gewann allmählich das Reichstribunal gänzlich für sich, und die Dziembowskische Familie wurde wiederholentlich in große Geldstrafen genommen. Sie mußte u. a. 11.200 Fl. pl. (5.600 Mark) als Strafe dafür zahlen, daß sie eine angeblich ehemals den Katholiken gehörige Glocke und ein Marienbild, welche Gegenstände sich in der Kranzer Kirche befinden sollten und die man zur Begründung des Prozesses benutzen wollte, nicht mit nach Petrikau gebracht hatten. Im Ganzen betrugen die von der Dziembowskischen Familie gezahlten Geldstrafen über 30.000 Mark. Zuletzt erfolgte sogar im Jahr 1761 der Spruch, daß die Kirche in Kranz den Katholiken zu übergeben sei. Doch kam derselbe nicht zur Ausführung.

Die Angelegenheit machte in ganz Polen das größte Aufsehen und gelangte bis an den Reichstag. Die Umtriebe des Kreski hatten erst ein Ende, als derselbe, nachdem er in Petrikau feierlich beschworen, daß die Kirche in Kranz ursprünglich katholisch gewesen sei, vom Schlage gerührt, plötzlich die Sprache verlor und als das Reichsgesetz von 1768 den Evangelischen freie Religionsübung gewährte. Inzwischen hatten die Erbherren v. Dziembowski, um sich Ruhe zu verschaffen, 1761 in einem Vergleiche sich verbindlich gemacht, den Propst in Kuschten jährlich 800 Fl. poln. (400 Mark) zu entrichten, welche Summe 1781 auf 130 Fl. (65 Mark) ermäßigt wurde.

Blick zum Kirchturm / Aufnahme EA

Blick zum Kirchturm / Aufnahme EA

An Stelle der wegen Baufälligkeit abgetragenen Kirche erhielt die Gemeinde, nachdem sie eine Zeitlang im Schulhause zu Kranz ihre Gottesdienst gehalten, ein schönes, in gothischem Stile erbautes Gotteshaus. Es wurde für 36.000 Mark von dem Kirchenpatron Erich von Tiedemann auf Kranz ganz aus eigenen Mitteln erbaut und ihr geschenkt. Am 6. August 1880 empfing es durch General-Superintendenten D. Wiesmann aus Münster, dem Onkel des Patrons, die Weihe, nach welcher der General-Superintendent D. Geß aus Posen die erste Predigt hielt. Im Jahre 1882 wurde für 12.000 Mark ein neues Pfarrhaus erbaut.

Zu der Parochie gehören die durchaus von Evangelischen bewohnten Dörfer Kranz und Brausendorf mit 568 bzw. 192 Seelen. Die Kirche in Brausendorf ist, nachdem eine ältere abgebrochen worden, am 13. August 1786 durch den Senior Nikisch aus Wollstein geweiht worden. Diese alte Gemeinde hatte früher eigene Prediger (Thomas in “Altes und Neues” S. 104 nennt Brinnius und Crusius), wurde 1712 Filial von Kranz und steht auch unter dem Patronate des Dominiums Kranz. Ursprünglich gehörten auch die Dörfer Schmarse, Keltschen, Wallmersdorf, Oppelwitz und Kl. Dammer hierher, sie kamen infolge der schlesischen Kriege an Preußen, und es wurde für sie nach ihrer Verbindung mit Schlesien in Schmarse eine eigene Pfarrer gegründet. Nachdem der Patron die Kirche zu Brausendorf völlig hatte erneuern lassen und auch neue Glocken und eine neue Orgel beschafft waren, wurde die Kirche am 20. Dezember 1891 durch den Generalsuperintenden D. Hesekiel feierlich eröffnet.”

* * *

Die Pfarrer waren:

  1. Jakob Tammendorf, 1553 im Amte
  2. Matthias Dietrich
  3. Andreas Fechner
  4. Georg Rißmann
  5. Martin Seidel, lebte 1612
  6. Daniel Weißkopf
  7. Michael Andrae, 1635 berufen
  8. Christoph Albinus oder Weiß, aus Freistadt in Schlesien, wurde 1648 von Christian v. Dziembowski hierher berufen und ging 1652 nach Bomst
  9. David Hirsekorn, starb 1687
  10. Johann Fendler, aus Krügersdorf in der Mark gebürtig, 1688 hierher berufen, starb, nachdem er viele Bedrückungen erlitten, im Jahre 1724. Fendler hat das jetzt noch vorhandene Kirchenbuch eingerichtet.
  11. Paul Christoph Fendler, des vorigen Sohn, 1724 berufen, starb 1754
  12. Johann Christian Fendler, des vorigen Sohn, 1754 berufen, starb 1786, 56 Jahre alt
  13. Christian Gottlieb Herzog, aus Seidenberg in der Lausitz, 1781 als Pfarrsubstitut hierher berufen, starb nach 50 jähriger Amtsführung am 12. September 1831, 78 Jahre alt
  14. Robert Adolf Rohrmann, geb. 1805 zu Fraustadt, erhielt 1832 die Berufung und wurde 1840 Pfarrer in Hammer-Boruy
  15. Johann Karl Samuel Hemmerling, aus Zettitz bei Krossen, trat 1840 sein Amt an und starb am 1. Juli 1880, 74 Jahre alt
  16. Otto Gründler, vorher Dom-Hülfsprediger in Berlin, trat 1881 in das hiesige Amt, wurde Pfarrer zu Crommernau bei Hirschber i. Schl.
  17. Julius Renner, vorher Diakonus an der Petrikirche zu Posen, wurde 1888 zum Pfarrer berufen

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – 1.) “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1903 November; 2.) Geschichte der evangelischen Parochien in der Provinz Posen. verfaßt von Albert Werner, früher Pastor in Tremessen; überarbeitet von Johannes Steffani, Diakonns an der St. Petrikirche zu Posen. / Herausgegeben 1904
 

Das Geständnis des Gottlob Reimann – 1817

Postkartenausschnitt der "alten" ehemaligen evgl. Kirche zu Grätz

Postkartenausschnitt der “alten” ehemaligen evgl. Kirche zu Grätz

Das Jahr 1817 – Kleinbauern und Ackerleute waren dabei sich aus der Gutsuntertänigkeit freizukaufen - die bis dahin nur als Hauptnahrungsmittel der armen Bevölkerung genutzte Kartoffel erlebte einen Anbauboom, da fortan nun auch aus ihr Schnaps gebrannt wurde - am 03. August des Jahres wurde der evangelische Pfarrer Johann Theodor Gottfried Sukkert in Grätz in sein Amt eingeführt - am 27. September dieses Jahres verordnete König Friedrich Wilhelm der III. die Vereinigung der reformierten und lutherischen Gemeinden zu einer “unierten” Kirche in Preußen.

Und in eben jenem Jahr zeigte am 19. September der Eigentümer Johann Gottlob Reimann aus dem Lenker Hauland bei  dem Pastor Sukkert die Geburt seiner Tochter vom 15. September 1817 an. Abends um 10 Uhr, so die Eintragung, sei seine Frau, die Eva Rosina geborene Brock von einem Kinde entbunden worden. Die Taufe erhielt das kleine Mädchen auf die Namen Johanna Juliana Louise am 21. September. Die Taufzeugen waren  Gottlieb Schlecht, Gottfried Grossmann, beide Eigenthümer und Frau Anna Elisabeth Seiffert.

* * *

Soweit hätte das Leben weiter seinen Gang nehmen können, wenn da nicht diese “Lüge” seitens des Gottlob Reimann gegenüber dem Pastor und somit gegenüber der Kirche im Raum gestanden hätte. Gottlob Reimann war sich vermutlich bewusst, dass spätestens bei der Geburt seines nächsten Kinders die Wahrheit bekannt werden würde, wenn nicht ein anderer Dorfbewohner dem Pastor diese schon früher erzählen oder diese durch ein sonstiges Ereignis ans Tageslicht kommen würde.

Leicht ist ihm der Gang zur Kirche sicherlich nicht gefallen, der dann nachstehenden Eintrag durch Pastor Sukkert im Kirchenbuch nach sich zog:

” Am 26. November 1817 erschien hier selbst J. Gottlob Reimann und gestand, daß er mich hintergangen habe in dem er die Eva Rosina geborene Brock als seine Ehefrau angegeben habe, welche unehelich mit ihm lebte.”

* * *

Bei  Durchsicht der Kirchenbuchaufzeichnungen fand sich, dass Johann Gottlob August Reimann, er ist späteren Aufzeichnungen auch als Johann Gottlieb Reimann zu finden, im Alter von 21 Jahren im April des Jahres 1809 die Ehe mit der erst 15 jährigen Johanna Maria Elisabeth geborene Pochstein geschlossen hatte; Kinder in dieser Ehe aber scheinbar keine geboren worden waren.  Diese Ehe war bis zum Jahr 1817 nicht geschieden.

Es kann nur vermutet werden, dass Pastor Sukkert die treibende Kraft war, welche dazu beigetragen hatte, dass die Lebensverhältnisse der Betroffenen nach diesem Geständnis und nach den “seinerzeit geltenden Maßstäben geordnet” wurden. “Wilde Ehen” in seinem Kirchspiel galten als unakzeptabel.

* * *

Am 11. Oktober des Jahres 1820 traute Pastor Sukkert den geschiedenen Johann Gottlob Reimann, Eigenthümer in Lenke mit seiner vieljährigen Wirthin Eva Rosina geborene Brock, Tochter des Eigenthümers in Kuszlin Martin Brock. Der Bräutigam, 1787 geboren, war 33 Jahre alt, die Braut, 1794 geboren, 24 Jahre.

Zum Zeitpunkt der Eheschliessung hatte das Paar bereits drei Kinder – Johann Gottfried geboren 1815, Johanna Juliana Louise geboren 1817 und die Johanna Caroline geboren im Februar des Jahres 1820 – alle führten später den Familiennamen Reimann.

*

Pastor Sukkert war es aber auch, der die Maria Elisabeth geborene Pochstein geschiedene Reimann im Alter von 26 Jahren (*1794) nur wenige Tage später am 8. November 1820 mit dem 24 jährigen (*1796) Gottfried Schlecht, Eigenthümer in Jastremnik vermählte.  Ihr im Jahr 1818 geborener gemeinsamer Sohn Johann Daniel führte später den Familiennamen Schlecht.

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Verschollen – Nathanael Kahl / 1913

Totenanzeige vom 12. November 1913 im Kreisblatt Neutomischel

Totenanzeige vom 12. November 1913 im Kreisblatt Neutomischel

Am 15. September 1913 war in der Neutomischler Kreiszeitung zu lesen:  “Der etwa 70jährige Zimmermann Nathanael Kahl aus Glinau ging am Freitag früh 1/2 6 von zu Hause weg, um nach Friedenhorst zu dem Arbeiter May zu gehen und von diesem Schindeln zu kaufen. Nachdem wollte er in der Buchwerder, Lomnitzer oder Mischker Forst Holz zwecks Kaufs besichtigen.

Da er weder in Friedenhorst gewesen, noch bis heute zurückgekehrt ist, so ist anzunehmen, daß der alte Mann, der in der letzten Zeit häufiger an Schwindelanfällen litt, infolge eines solchen vom Wege abirrte und irgendwo zusammengebrochen ist.

Alles Suchen nach ihm war bisher vergeblich.

Es werden deshalb alle Personen, die über den Verbleib des Verschwundenen irgend welche Auskunft geben können, gebeten, dem Gendarmeriewachtmeister Sprenger hierselbst oder der Frau Pauline Kahl in Glinau davon Mitteilung zu machen. (Wir verweisen auf das diesbezügl. Inserat der heutigen Nummer.)”

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Suchanzeige

“Am Freitag, den 12. September, ging mein Mann, der Zimmermann Nathanael Kahl, von zu Hause fort, um in Friedenhorst bei dem Arbeiter May Schindeln und nachdem im Walde Holz zu kaufen. Da er bis jetzt nicht zurückgekehrt, auch nicht beim dem Arbeiter May gewesen ist, bitte ich alle diejenigen, die über seinen Verbleib irgend welche Auskunft geben können, dem Gendarmeriewachtmeister Sprenger II oder mir davon sofort Mitteilung zu machen

Frau Pauline Kahl, Glinau”

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Es muss eine lange und schwere Zeit des Wartens und der Ungewißheit gefolgt sein, denn erst unter dem 10. November des Jahres 1913 meldet die Kreiszeitung:

“Die am 19. September in Muchocin gelandete Leiche ist nunmehr mit Bestimmtheit als die des Zimmermanns Nathanael Kahl aus Glinau festgestellt worden. Der 68 Jährige, an Schwindelanfällen leidende, stark kurzsichtige Mann, hat am 12. September seine Familie verlassen, um, mit den nötigen Geldmitteln versehen, in Bobrowke Schindeln zu kaufen; er ist dort auch gesehen worden, aber nicht bei dem Holzverkäufer gewesen.

Seit dem Tage war er verschollen.

Es ist geradezu rätselhaft, wie die Leiche in den weit abgelegenen Warthestrom gekommen ist. Die Taschen waren umgewendet und das Portemonnaie, welches das Geld zum Kaufe der Schindeln enthielt, fehlte. Andere Wertsachen hatte der Verstorbene nicht bei sich.”

Am 16. November 1913 wurde der Tote auf dem evangelischen Friedhof zu Birnbaum zur letzten Ruhe beigesetzt

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Johann Nathanael Kahl war am 24 Juni 1845 in Glinau als Sohn des Johann Gottfried Kahl und dessen Ehefrau Dorothea Elisabeth geborene Schulz zur Welt gekommen. 1869 schloss er die Ehe mit Johanna Pauline Werner, geboren am 28. November 1844 in Alt Tomysl. Sie war die Tochter der Eheleute Johann Traugott Werner und Johanna Erdmuthe geb. Förster gewesen.

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1913 September bis November, Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Allerseelen – November 2016

Sie sind nicht vergessen ! - Bilder ehemaliger Friedhöfe in den Gemeinden und der Stadt Nowy Tomyśl/Neutomischel zu Allerseelen 2016

Sie sind nicht vergessen ! – Bilder ehemaliger Friedhöfe in den Gemeinden und der Stadt Nowy Tomyśl/Neutomischel zu Allerseelen 2016

Die heutigen Bewohner der ehemaligen “Hauländer”- Gemeinden und der Stadt Nowy Tomyśl haben auch in diesem Jahr der einstigen Bewohner gedacht, dieses ungeachtet ihrer Herkunft oder ihres Glaubens.

Ein Gebet und ein Licht für all Diejenigen, die hier ihre letzte Ruhe fanden – ein Moment der Besinnung Derjenigen, die ihrer gedenken und sie nicht vergessen  !

Vielen Dank !

 

Unwissenheit schützt vor Strafe … 1903

Gewichte - Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gewichte.JPG?uselang=de

Gewichte – Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gewichte.JPG?uselang=de

Bei einer durch den früheren Aichmeister Gutsche bei  dem Kaufmann Gustav Timm in Wiosker-Hld. vorgenommenen Revision der Gewichte wurden einige kleine Gewichte, die das vorschriftsmäßige Gewicht nicht hatten, vorgefunden.

Timm erhielt dieserhalb einen Strafbefehl vom Kgl. Distrikts-Amt, gegen den er richterliche Entscheidung antrug. Diesen Antrag stützte er auf die Behauptung, die fraglichen Gewicht ca. 3 Monate vor der Revision für neu gekauft und sich deshalb in dem Glauben befunden zu haben, daß die Gewichte vorschriftmäßig seien, umsomehr, als dieselben den Aichungsstempel trugen.

Diesen Angaben schenkte der Gerichtshof Glauben und sprach den Angeklagten frei.

In der Begründung wurde angeführt, daß sich nur derjenige strafbar mache, der wissentlich falsche Gewichte gebraucht, was jedoch bei dem Angeklagten nicht der Fall war, weil er, da er die Gewichte bei der Revision erst drei Monate in Benutzung hatte, von der Richtigkeit derselben überzeugt sein konnte.

Gegen dieses Urteil legte die Königl. Staatsanwaltschaft Berufung ein, welche jedoch, da sich der Gerichtshof der Ansicht des Vorderrichters anschloß, verworfen wurde.

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Ansässig waren im Jahr 1903 im Wiosker Hauland Johann Gustav Adolph Timm, geb. 09. Februar 1862 zu Albertoske und dessen Ehefrau Wanda Ernestine geb. Gierke, geb. 30 Oktober 1865 ebenfalls zu Albertoske, welche sich nach ihrer Eheschliessung im Jahr 1885 im Wiosker Hauland angesiedelt hatten

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1913-03-13, Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)
 

Grabsteine Friedhof Boruy – Eheleute Haeusler-Aurich

Grabplatte der Eheleute Haeusler / Photo: Przemek Mierzejewski

Grabplatte der Eheleute Haeusler / Photo: Przemek Mierzejewski

 
 Hier ruhet in Gott das liebe Ehepaar

Bertha und Gottlieb Haeusler

25.01.1856-18.05.1925 und 06.04.1845-03.01.1928
 
 Am Ende Ruh im Leben Schmerzen
 nun schlummert sanft Ihr guten Herzen

 

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Am 10. Oktober des Jahres 1872 heirateten in der evangelischen Kirche zu Boruy der Junggeselle Johann Gottlieb Haeusler – 27 Jahre, Amtsbote und Communalexecutor zu Hammer, Sohn des herrschaftlichen Kutschers Johann George Haeusler daselbst und dessen Ehefrau Anna Dorothea geborene Linke

und

die Jungfer Emilie Paulina Bertha Aurich – 16 Jahre, zu Hammer. Tochter des Pachtfischers Gottfried Aurich daselbst und dessen Ehefrau Justina geborene Gutsche.

Kinder des Paares konnten nicht in den einsehbaren Personenstandsunterlagen gefunden werden.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

 

 

 

Geschichte aus einer Zustellungsurkunde des Jahres 1853

Die Original Urkunde aus dem Jahr 1853 / Privatbesitz

Die Original Urkunde aus dem Jahr 1853 / Privatbesitz

Seit 1793 sah die allgemeine Gerichtsordnung für die preußischen Staaten eine Zustellungsurkunde für Briefe amtlichen Inhalts vor. Die Gerichte erhielten für Ihre Akten, mit deren abgezeichneten Rücksendung  einen Nachweis der Ablieferung bzw. Mitteilung, dass eine Zustellung nicht möglich gewesen war.  Die Postboten waren für die korrekte Insinuation, also Zustellung, verantwortlich und quittierten dieses mit ihrer Unterschrift.

Diese Dokumente sind heute meist nicht mehr erhalten oder fristen ihre Existenz, wie viele andere Unterlagen auch, in Ordnern oder Schubladen von Sammlern. Vereinzelt findet jedoch auch eines wieder den Weg zurück an die Öffentlichkeit.  So auch das Post-Insinuations-Dokument zur Nro. 2802 aus dem Jahr 1853 des Königlichen Kreisgerichts zu Grätz.

Vollständig erhalten ist es nicht, der Seitenrand ist beschnitten, aber es beinhaltet doch Geschichte.

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In der Hypothekensache der Neuhäuslerstelle sub No. 10 zu Kolziger Glashütte, so die Mitteilung, war ein Termin auf den 29ten September des Jahres 1853 vormittags 12 Uhr anberaumt worden. Direkt von diesem angesetzten Termin betroffen waren die verehel. Eisenhändler Johanne Rosalie Männel geb. Wulbrand im Beistande ihres Ehemannes zu Neutomysl.

Zugestellt wurde diese amtliche Mitteilung am 28ten August 1853. Der vereidigte Bezirksbote Müller attestierte die Handzeichen “x x x” der Maennel Eheleute, beide waren vermutlich des Schreibens unkundig,  und dass er das Schreiben bei den Adressanten selbst zugestellt habe.

Mit dieser Bestätigung entfielen die weiteren Möglichkeiten, welche dem Postboten für die ihm obliegende  Aufgabe der Zustellung möglich gewesen wären, wie:

  • Adressat nicht angetroffen (mit Rückreichung) oder
  • an die Person X, die die weitere Beförderung versprochen hat oder
  • durch Anheften an die Thür

anzukreuzen.

Worum es im Einzelnen ging ? – wir wissen es nicht. Gefunden haben wir aber trotzdem das ein oder andere zu den im Dokument Genannten.

♦ ♦ ♦

Am 09. September des Jahres 1844 wurde in der evangelischen Kirche zu Neutomysl  der Wittwer Johann Daniel Meier, ein Schuhmachermeister, mit der Jungfer Johanne Rosalie Wollbrand, des Johann Heinrich Wollbrand, Glasmacher zu Kolziger Glashütte, zweite Tochter aus 1ster Ehe getraut.  Der Bräutigam war lt. dem Eintrag 49, die Braut 34 Jahre alt. Die Trauung war in Neu Tomysl vollzogen worden, da die Braut schon über 1 Jahr in der Parochie gelebt hatte.

Aus einem Aufgebot zu Kirchplatz Boruy vom Oktober und November des Jahres 1843 ist dann noch zu erfahren gewesen, dass die Jungfer Johanna Rosalie Wollbrand, früher in Diensten in Alt Boruy gestanden habe.

Eingeschoben sei hier, dass es in jener Zeit keine feste Rechtschreibung gab, es wurde geschrieben wie gehört und wie gekonnt. Das der Familienname mal Wollbrand mit oder ohne t am Ende, oder mittig mit einem l oder mit doppelten l geschrieben oder Wulbrand lautete, fällt in diese Kategorie. Gleiches gilt für den Familiennamen Meier; selbst heute fragt man Träger dieses Namens nach der Schreibweise; dieses gilt auch für die Mennel, Männel und Maennel’s.

Aber weiter mit dem Ehepaar Meier. Bei richtiger Auswertung der Kirchbuchaufzeichnungen war die erste Ehefrau des Bräutigams, die von ihm separierte Anna Dorothea geb. Kahl, verstorben im Jahr 1833, gewesen.

Am 6ten Juli 1846 verstarb der Schuhmacher und Einwohner zu Glinau Daniel Meier im Alter von 56 Jahren und 3 Monaten. Als hinterlassen wurden erwähnt die Wittwe Johanne Rosalie geb. Wollbrand und 2 minorenne Kinder, diese vermutlich aus der 1sten Ehe des Verstorbenen, und kein Vermögen.

5 Jahre später wurde in der Kirche zu Neutomysl  am 5ten Juli des Jahres 1850 der Wittwer Gottl. Friedr. Mennel, Bürger und Handelsmann zu Neu Tomysl mit der Wittwe Johanne Rosalie Maier geb. Wollbrandt, des weil. Joh. Daniel Meier, Häusler und Schuhmacher in N. Bor. hinterlassene Ehefrau getraut. In 1ster Ehe war Johann Gottlieb Friedrich Maennel mit Maria Elisabeth Bock verehelicht gewesen.

Am 6ten September 1855 verstarb Johanna Maennel geb. Wolbrandt im Alter von 46 Jahren. Sie hinterließ ihren Ehemann, kein Vermögen und keine Kinder.

Am 19ten November 1861 verstarb letztlich der Wittwer, Bürger und Handelsmann Gottlob Mennel im Alter von 74 Jahren in Neu Tomysl.  Er hinterließ 3 maj. Kinder (aus erster Ehe) und kein Vermögen.

Als letztes kommen wir zu dem in diesem Dokument erwähnten Bezirksboten Müller.

Er findet eine erste Erwähnung im Eheeintrag des 18ten August 1851 des Kirchenbuches Neu Tomysl’s. Es wurden getraut der Junggeselle Gotthilf Müller, Exekutor in Neu Tomysl, des Gottlieb Müller, Egth. zu Kapunke ältester Sohn mit der Ros. Dor. Tepper, des Gottfr. Tepper Bürgers in N. Tomysl  3te Tochter. Das Alter des Bräutigams wurde mit 35, das der Braut mit 33 Jahren angegeben.

Die Berufsbezeichnung Exekutor wandelte sich im Jahr 1854 in Postbote. Nach derzeit einsehbaren Unterlagen war die Familie im Jahr 1859 noch in Neu Tomysl ansässig, ehe sich ihre Spur verliert.

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Original Dokument / Privatbesitz und Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Schöffengerichtssitzungen Januar – Juni 1905

Relief über dem Eingang des ehemaligen Amtsgerichtes - Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit; die Waage für die sorgfältige Abwägung der Sachlage, die Augenbinde für die Unparteilichkeit fehlt, das Richtschwert für die Durchsetzung mit der nötigen Härte - Bild: EA

Relief über dem Eingang des ehemaligen Amtsgerichtes – Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit; die Waage für die sorgfältige Abwägung der Sachlage, die Augenbinde für die Unparteilichkeit fehlt, das Richtschwert für die Durchsetzung mit der nötigen Härte – Bild: EA

Nachstehend sind die Verhandlungspunkte und Urteile der Schöffengerichtssitzungen vom Januar bis Juni 1905 wiedergegeben.

Entnommen wurde die Berichterstattung dem Neutomischler Kreisblatt des Jahres 1905.

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Schöffengerichtssitzung vom 11. Januar 1905 – Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte, Schöffen waren die Herren Besitzer Sperling-Neuborui und Kurz-Paprotsch

Es wurden folgende Sachen verhandelt:

  1. Der an der Kleinbahn beschäftigte Bahnarbeiter Gustav Vetter zu Neutomischel wurde wegen Mißhandlung des Maurerlehrlings Fiege mit 5 Mark bestraft.
  2. Der Häusler Franz Molenda aus Bolewitz erhielt wegen Diebstahls 1 Tag Gefängnis
  3. Der Mühlenpächter Robert Ulrich erhielt wegen schwerer Körperverletzung 1 Monat Gefängnis
  4. Die Eigentümerfrau Marianna Korbanek aus Bolewitz erhielt wegen Körperverletzung 15 Mk. und wegen Uebertretung des § 366 Abs. 7 noch 3 Mk. Geldstrafe oder im Unvermögensfalle zusammen 4 Tage Gefängnis
  5. Der Eigentümer Wilhelm Becker aus Scherlanke wurde wegen Körperverletzung und Beleidigung der Grunwald‘schen Eheleute ebenda zu 10 Mark Geldstrafe verurteilt. Der beleidigten Ehefrau wurde die Befugnis der Publikation des Urteilstenors zugesprochen. Wegen Sachbeschädigung war Becker ebenfalls angeklagt, erzielte aber seine Freisprechung
  6. Der Eigentümer Stanislaus Skierecki aus Chraplewo war wegen körperlicher Mißhandlung des Eigentümers Cissak ebenda angeklagt; er wurde freigesprochen
  7. Die Arbeiterfrau Smenta aus Grudno hat 6 Ltr. Schnaps entwendet und wird dieserhalb mit 1 Woche Gefängnis bestraft
  8. Der Eigentümer August Simon aus Neufeld wurde wegen Mißhandlung seiner Ausgedingerfrau mit 10 Mark bestraft
  9. Die Dienstmagd Martha Kupka aus Altborui wurde wegen Körperverletzung des Knechts Wolke ebenda mit einer Woche Gefängnis bestraft
  10. Der Arbeiter Robert Golnisch aus Dreusen im Kreis Posen, früher in Glinau, wurde zu 3 Tagen Gefängnis bestraft, weil er eine Taschenuhr entwendet hat.
  11. Der Eigentümer Jopseh Kandula aus Bolewitz hat Privatklage gegen die Eigenthümerin Marie Gutsch angestrengt, während letztere Widerklage gegen K. wegen Beleidigung erhob. Beide wurden mit ihren Klagen kostenpflichtig abgewiesen.
  12. Die Privatklage des Arbeiters Gustav Schulz aus Cichagora gegen den Eigentümer August Redlich ebenda wurde durch Vergleich erledigt, indem letzterer die Kosten übernahm

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Schöffengerichtssitzung vom 25. Januar 1905 – Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte, Schöffen waren die Herren Steinke-Bukowiec und Heinrich-Sontop

Es standen folgende Sachen zur Verhandlung:

  1. Peter Kasprowicz aus Bolewitz wurde wegen leichter Körperverletzung und Bedrohung seines Schwiegervaters mit 10 Mark bestraft
  2. Franz Weber und Antonie Weber aus Wonsowo waren der schweren Mißhandlung und der Bedrohung mit der Begehung eines Verbrechens an der Helene Weber und der Beleidigung derselben angeklagt. Letztere zog, soweit ihr Antrag wegen Beleidigung zulässig war, denselben zurück. Der Angeklagte F. W. wurde wegen Bedrohung zu 5 Mark bestraft, wegen Mißhandlung aber freigesprochen. Die Angeklagte A. W. wurde in beiden Fällen freigesprochen.
  3. Der Arbeiter Stanislaus Prczijstaniak aus Witomischel war des einfachen Diebstahls angeklagt, wurde aber freigesprochen
  4. Ein Strafbefehl in Höhe von 10 Mark war gegen Valentin Spychalski aus Neutomischel erlassen worden. Er hatte gegen denselben Einspruch erhoben und erzielte seine Freisprechnung
  5. Der Arbeiter Ludwig Franke aus Neuborui wurden wegen Mißhandlung und Bedrohung mit 10 Mark bestraft
  6. Die Arbeiterinnen Marianna Mainiani, Konstanzia Nowak und der Arbeiter Johann Rozek aus Witomischel hatten Strafbefehle in Höhe von je 2 Mark erhalten, weil sie auf dem Gutsche‘schen Grundstück in Witomischel Laub gerecht hatten. Sie erhoben Einspruch. Heute wurden die ersten beiden Angeklagten zu je 2 Mark Strafe verurteilt. Die Sache der Angeschuldigten zu 3 wurde vertagt
  7. Die Postagentin Selma Eitner aus Bolewitz hatten gegen den Buchhalter Pilarczik aus Alttomischel Privatklage wegen Beleidigung erhoben. Letzerer wurde mit 10 Mk bestraft. Auch wurde der Klägerin die Befugnis zugesprochen, den Urteilstenor auf Kosten des Beklagten im Neutomischeler Kreisblatt veröffentlichen zu lassen
  8. Die Privatklagen Lottka gegen Gierke, Linke gegen Decke, Urban gegen Goldmann wurden durch Vergleich erledigt, indem die Beklagten die Kosten übernahmen

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Schöffengerichtssitzung vom 22. Februar 1905 – Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte, Schöffen waren die Herren Besitzer Reschke-Scharke und Roy-Glinau

Es standen folgende Sachen zur Verhandlung

  1. Der Ausgedinger Michael Pienta, seine Ehefrau und seine Schwiegertochter, sämtlich aus Bukowiec, waren angeklagt, die Ausgedingerin Katharina Drczemala ebenda gemeinschaftlich körperlich gemißhandelt zu haben. Es traf sie eine Strafe von 10 Mark
  2. Die Eigentümerfrau Minna Jäkel aus Neuborui wurde mit 30 Mark bestraft, weil sie die Eigentümer Franke‘schen Eheleute ebenda gemißhandelt hat
  3. Der Hausbesitzer und Tischler Karl Nawrot in Bolewitz war der Entziehung der Unterstützungspflicht gegen seine Mutter angeklagt, er wurde freigesprochen
  4. Der Fleischer Bruno Otto aus Witomischel hat Vieh geschlachtet, ohne ein vorschriftsmäßiges Schlachthaus dazu benutzt zu haben; er wurde mit 30 Mark bestraft
  5. In der Privatklagesache des Eigentümers Gustav Linke in Zinskowo gegen den Maurer Grünberg in Glinau wurde letzterer mit 30 Mark bestraft, außerdem wurde dem Beleidigten die Befugnis zugesprochen, den Urteilstenor auf Kosten des Beklagten im Kreisblatt veröffentlichen zu lassen

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Schöffengerichtssitzung vom 15. März 1905 – Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte, Schöffen waren die Herren Bäckermeister Liepelt-Neutomischel und Eigentümer Gebauer-Scherlanke

Folgende Fälle kamen zur Verhandlung:

  1. Hulda Seiffert-Glinau war der Sachbeschädigung, Beleidigung und des Hausfriedensbruches angeklagt. Sie wurde wegen der ersteren beiden selbstständigen Handlungen zu einer Gesamtstrafe von 3 Tagen verurteilt, wegen des Hausfriedensbruchs jedoch freigesprochen.
  2. Der Müller Robert Ulrich aus Neufeld war angeklagt, dem Müller Minge-Wonsowo Fensterscheiben und eine Cementsäule vorsätzlich beschädigt zu haben. Er wurde der Zertrümmerung der Fensterscheiben überführt und mit 10 Mk bestraft, wegen der Säulenbeschädigung aber freigesprochen
  3. Der Müller Hermann Franke, früher in Neutomischel jetzt in Czarnikau, erhielt wegen fahrlässiger Körperverletzung eine Geldstrafe von 10 Mk
  4. Wegen einfachen Diebstahls wurde der Ausgedinger Michael Oehler aus Neufeld mit 3 Tagen Haft bestraft
  5. Der Eigentümer Wilhelm Bernhardt aus Glinau und dessen Sohn Reinhold erhielten wegen körperlicher Mißhandlung des Arbeiters Hausfeld-Zinskowo eine Geldstrafe von je 15 Mark
  6. Der Arbeiter August Schlinke aus Glinau hatte einen Strafbefehl in Höhe von 3 Mk wegen unbefugten Schießens mit einer Pistole erhalten und Einspruch erhoben. Er wurde freigesprochen, weil sich die Anklage gegen seinen Sohn Wilhelm richtete

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Schöffengerichtssitzung vom 29. März 1905 – Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte, Schöffen waren die Herren Besitzer Sperling-Neuborui und August Roy-Paprotsch

Es wurden folgende Sachen verhandelt:

  1. Der Müller Robert Ulrich in Glinau wurde mit 30 Mark bestraft, weil er den Müller Minge zu Wonsowo durch eine Postkarte beleidigt hatte
  2. Der Eigentümer August Wolf aus Wengielno hatte gegen einen Strafbefehl von 30 Mark, welchen das Königliche Distriktamt zu Neustadt bei Pinne gegen ihn wegen Uebertretung der Bauerlaubnis erlassen hatte, Einspruch erhoben. Er zog heute seinen Einspruch zurück
  3. In der Privatklagesache des Photographen Hermann Spychalsky zu Neutomischel, vertreten durch seinen Vater, den Volksanwalt Valentin Spychalski, gegen den Hotelkutscher Wandtke zu Neutomischel wurde letzterer wegen Beleidigung mit 5 Mark bestraft. Außerdem wurde dem Beleidigten die Befugnis zugesprochen, den Urteilstenor nach eingetretener Rechtskraft im Neutomischeler Kreisblatt auf Kosten des Beklagten veröffentlichen zu lassen

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Schöffengerichtssitzung vom 26. April 1905 – Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Franke, Schöffen waren die Herren Besitzer Steinke-Bukowiec und Förster-Konkolewo

Es standen folgende Sachen zur Verhandlung:

  1. Wadislaus Pointkowski, Arbeitersohn aus Bukowiec, war angeklagt, der Häuslerfrau Stankowski ebenda zwei Hühner gestohlen zu haben. Er wurde mangels Beweises freigesprochen
  2. Wilhelm Müller, Eigentümer aus Albertoske, war angeklagt, die Jagd währen der Schonzeit widerrechtlich ausgeübt zu haben. Er wurde deswegen mit 30 Mk bestraft, auch wurde auf Konfiskation des Gewehres erkannt.
  3. Thomas Pienta, Eigentümer aus Sworzyce, war des Betruges angeklagt; er wurde freigesprochen
  4. August Löchelt, Zimmermann aus Neuborui, war wegen Beleidigung des Gendarmen Leßmann angeklagt. Er wurde mit 50 Mk. evtl. zehn Tagen Haft bestraft
  5. Dienegott Schulz, Eigentümer aus Groß -Lipke, hatte einen Strafbefehl von 15 Mk. wegen Baumfrevels erhalten und dagegen Einspruch erhoben; er wurde mangels Beweises freigesprochen
  6. Die Privatklagesache Fischer gegen Ortlieb und Ortlieb gegen Fischer (Widerklage) wurde durch Vergleich erledigt.
  7. Die Sache gegen Bernhard-Glinau wurde vertagt, weil der Angeklagte ohne Grund ausgeblieben war. Die Vorführung desselben ist beschlossen worden.

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Schöffengerichtssitzung vom 10. Mai 1905 – Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Franke, Schöffen waren die Herren Reschke aus Scharke und Saegner aus Sempolno

Folgende Sachen kamen zur Verhandlung:

  1. Gegen den Eigentümer Robert Neumann aus Cichagora standen drei Sachen zur Verhandlung, welche alle vertagt wurden
  2. Der Eigentümer Herkt aus Neu-Borui war angeklagt, einen Radfahrer, den Maler Linke aus Kirchplatz-Borui tätlich beleidigt zu haben. Er wurde freigesprochen
  3. Die Maurerfrau Wladislawa Schmichalska aus Wonsowo hatte die Arbeiterfrau Kawa mit einer Hopfenhacke mißhandelt. Sie wurde deswegen mit 30 Mk bestraft
  4. Der Eigentümerssohn Eichberg aus Wengielno hatte Privatklage erhoben gegen den Eigentümerssohn Robert Matschke ebenda. Eine Einigung war nicht zu erzielen. Die Verhandlung hatte das Ergebnis, daß der Kläger sowohl wie der Angeklagte mit je 10 Mk Strafe belegt wurden, auch hat jeder von ihnen die Hälfte der Gerichtskosten zu zahlen, ebenso wurde jedem die Befugnis zugesprochen, den Urteilstenor einmal im Neutomischeler Kreisblatt auf Kosten des Gegners bekannt machen zu lassen.
  5. In der Privatklagesache Michalina Kliczynska aus Bolewitz gegen die Arbeiterin Wozna übernimmt letztere die Kosten, womit ein Vergleich erzielt und das Verfahren eingestellt wird

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Schöffengerichtssitzung vom 24. Mai 1905 – Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Franke, Schöffen waren die Herren Bäckermeister Liebelt aus Neutomischel und Traugott Roy aus Glinau

Es standen folgende Sachen zur Verhandlung:

  1. Gegen den Schmiedemeister Rex aus Zinskowo war ein Strafbefehl von 3 Mark erlassen. Er hatte Einspruch erhoben und erzielte keine Freisprechung
  2. Der Tischler Carl Nawrot aus Bolewitz wurde wegen Hausfriedenbruches mit einer Woche Gefängnis bestraft. Er hatte sich aus dem Fechner‘schen Schanklokale zu Bolewitz auf die Aufforderung des Besitzers nicht entfernt
  3. Der Eigentümer Heinrich Löchel II aus Scharke hatte gegen einen Strafbefehl von 10 Mark wegen Jagdvergehens Einspruch erhoben. Er wurde freigesprochen
  4. Joseph Kucz, Wladislaus Nowak u. Alfred Lindenholz hatten wegen Verübung groben Unfugs Strafbefehle von je 3 Mk erhalten, jedoch Einspruch dagegen erhoben. Die Angeklagten kamen mit Verweisen davon
  5. Die Strafsache gegen Helmchen wurde vertagt, desgleichen die Privatklage Fabian gegen Schmidt-Duschnik, da der Beklagte nicht erschienen war

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Schöffengerichtssitzung vom 7. Juni 1905 - Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Franke, Schöffen waren die Herren Besitzer August Roy-Paprotsch und Ortsschulze Gebauer-Scherlanke

Folgende Fälle kamen zur Verhandlung:

  1. Der Arbeiter Viktor Freitag aus Grudno, zurzeit in Essen, und desgl. (sh. unter 2.)
  2. Ludwig Freitag aus Brodi wurden wegen gemeinschaftlichen unberechtigten Jagens im Bolewitzer Forst mit je sechs Wochen Gefängnis und Einziehung der Jagdgeräte bestraft
  3. Wegen Holzdiebstahls erhielt der Eigentümer und Arbeiter Wilhelm Marquard aus Alttomischel, zurzeit in Zachi bei Kizin, 3 Tage Haft
  4. Der Arbeiter Franz Nobik aus Neutomischel wurde zu 3 Tagen Gefängnis verurteilt, weil er im hiesigen Gefängnis ein Gesangbuch entwendet hatte
  5. Der Eigentümer Berthold Fritsche aus Scherlanke wurde mit 30 Mark bestraft, weil er einen Obstbaum entwendete
  6. Der Eigentümer Dienegott Weidner aus Neu Scharke hatte ein Schwein dem Kaufvertrage zuwider vor der Abnahme stark angefüttert und erhielt hierfür eine Geldstrafe von 20 Mark
  7. Wegen eines Fahrraddiebstahl wurde der Arbeiter Grocholewske aus Wonsowo, zurzeit in Moers, mit einer Woche Gefängnis bestraft
  8. der Eigentümer Wihelm Roy aus Glinau war angeklagt, der Herrschaft Alttomischel einen Baum vom Grenzrain entwendet zu haben. Er wurde freigesprochen, und die Klägerin auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen

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Schöffengerichtssitzung vom 21. Juni 1905 – Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Franke, Schöffen waren die Herren Besitzer Sperling-Neuborui und Kurz-Paprotsch

Es standen folgende Sachen zur Verhandlung:

  1. Der Eigentümerssohn Wilhelm Helmchen aus Groß-Lipke war angeklagt, seinen Stiefvater mit der Begehung eines Verbrechens bedroht zu haben. Er wurde freigesprochen
  2. Der Arbeiter Wilhelm Strauch aus Glinau war angeklagt, beim dem Besitzer Otto Töffling zu Neutomischel sich des Hausfriedensbruchs schuldig gemacht zu haben. Er wurde deswegen mit 10 Mark bestraft. Der als Belastungszeuge geladene T. war unentschuldigt ausgeblieben und traf ihn dieserhalb eine Geldstrafe von 5 Mark.

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Quelle: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel 1905 / Ausgaben Januar – Juni

Ballon “Metzeler” über Paprotsch / 1913

[12-10-13, VIIIe coupe Gordon-Bennett des sphériques] Hans Berliner sur Metzeler, Mann [co-pilote], Allemagne : [photographie de presse] / [Agence Rol] | Agence Rol. Agence photographique *

[12-10-13, VIIIe coupe Gordon-Bennett des sphériques] Hans Berliner sur Metzeler, Mann [co-pilote], Allemagne : [photographie de presse] / [Agence Rol] | Agence Rol. Agence photographique *

Am 13. August 1913 veröffentlichte das “Neutomischler Kreisblatt” folgende Meldung:

“Der Ballon “Metzeler” (Führer Ingenieur Berliner, Mitfahrer Mann) ist nach 18 stündiger Fahrtdauer in Sanniki bei Warschau glatt gelandet.

An der Grenze wurde der Ballon in halbstündigem Kreuzfeuer mit etwa 200 Schuß scharf beschossen.

Trotzdem blieben die Insassen unverletzt, wurden aber nach der Landung in Haft gehalten. Alle Gegenstände des Ballons wurden beschlagnahmt und zunächst jeder Verkehr mit der Außenwelt auf das strengste verboten.”

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Einer kurzen Begegnung zwischen den Ballonfahrern und zwei jungen Paprotschern in der Nacht zum Sonntag, dem 10. August 1913 wurde dann eine weitere Meldung vom 22. August 1913 gewidmet:

“Wir berichteten kürzlich von einem Luftballon “Metzeler”, der in Rußland gelandet war, nachdem er an der Grenze in halbstündigem Kreuzfeuer mit etwa 200 Schuß scharf beschossen worden war und deren Insassen trotzdem unverletzt blieben.

Dieser Ballon ist, wie wir erst jetzt erfahren, in der Sonntag-Nacht vor 14 Tagen in Paprotsch zwischen 12 und 1 Uhr bemerkt worden.

Auf der Gröger’schen Wirtschaft daselbst unterhielten sich um diese Zeit zwei junge Leute, die von dem Jungdeutschland-Feste aus Sontop heimkamen, als sie auf einmal von den Luftschiffern, die ziemlich niedrig mit ihrem Ballon schwebten, nach dem Namen der Ortschaft und unserer Stadt gefragt wurden.

Auf die Frage der jungen Leute, wo sie denn hinfahren wollten, gaben die Luftschiffer zur Antwort “nach Rußland”.

Sie baten noch darum, daß sie am nächsten Morgen zwei Karten suchen möchten, die sie aus dem Korbe herabwerfen würden und verschwanden dann in der dunklen Nacht.

Am anderen Morgen fanden die jungen Leute auf einem Stoppelfeld zwei Ansichtskarten mit dem Aufdruck: “Offizielle Postkarte der Rosen- und Gartenbau – Ausstellung Forst-Lausitz Juni – Oktober 1913. Ausgeworfen vom Ballon “Metzeler” 10. VIII. 13.” Die Karten berechtigen zum freien Eintritt in diese Ausstellung. Der Ballon war bekanntlich in Forst in der Lausitz aufgestiegen.”

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: *1 = Bibliothèque nationale de France, département Estampes et photographie, EST EI-13 (310)  – http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b69274533 – Text: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1913-08-13/22

Arno Kraft 1922-2016

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 Wir erhielten die traurige Nachricht, dass Herr

Arno Kraft

am  † 25. September 2016 im Alter von 94 Jahren verstorben ist

In tiefem Mitgefühl begleiten unsere Gedanken seine Angehörigen in diesen schweren Stunden

Z głębokim współczuciem nasze myśli łączą się z rodziną w tych trudnych chwilach.

Auch wir nehmen Zeilen aus dem Heimatgedicht “Mein Neutomischel” von Margot Schröer auf, um ihm unsere Achtung und ein ehrendes Gedenken zu bereiten

Aby wyrazić nasz szacunek i pamięć pozwoliliśmy sobie zacytować kilka linii wiersza Margot Schröer  “Mein Neutomischel”

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“Gott schenkte dir ein neues Heim,
darinnen darfst du froh und glücklich sein.”

“Nową Ojczyznę i dom Bóg Ci dał
Abyś szczęście i spokój w nich miał”

Miłował z oddali swoją małą Ojczyznę bez żadnych warunków i bezkrytycznie.
Er liebte aus der Ferne – seine Heimat, bedingungs- und kritiklos.

Tylko w Nowym Tomyślu było słońce najjaśniejsze,
Nur in Neutomischel – war die Sonne die hellste

tylko w Nowym Tomyślu było powietrze była najlepsze,
Nur in Neutomischel – war die Luft die klarste

tylko w Nowym Tomyślu kwiaty pachniały najpiękniej
Nur in Neutomischel – dufteten die Blumen am intensivsten

Tylko w Nowym Tomyślu wracał do domu
Nur in Neutomischel – war er zuhause

Tylko tutaj stawał się dzieckiem.
Nur in Neutomischel – wurde er wieder ein Kind.

Z tej miłości zebrał historie o swoim mieście i dawnych mieszkańców w całość i wydał własnymi siłami “… und dazwischen Neutomischel”

Aus Liebe zu seiner Heimatstadt hat er Erzählungen über die Region und deren einstigen Bewohnern gesammelt und im Eigenverlag das Erinnerungsbuch “… und dazwischen Neutomischel” herausgegeben.
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“Hier ein Büschel, dort ein Büschel
Mitten drin liegt Neutomischel”


Dziękuję i do zobaczenia.
Vielen Dank und Auf Wiedersehen.

Gudrun Tabbert – Przemek Mierzejewski

 

Einbruch bei Alfred Markus in Neutomischel / 1913

Rechts das ehem. Zigarrengeschäft des Alfred Markus / Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Rechts das ehem. Zigarrengeschäft des Alfred Markus / Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

“Ein dreister Einbruch wurde gestern abend (18. Dezember 1913) kurz nach 10 Uhr in der Bahnhofstraße verübt. Durch Einschlagen der großen Schaufensterscheibe des Alfred Markus’schen Zigarrengeschäfts wurden von dem Täter mehrere Kisten Zigarren entwendet. Trotzdem die Tat sofort bemerkt wurde, gelang es dem Einbrecher, unerkannt zu entkommen.

Der sofort benachrichtigte Gendarmeriewachtmeister Sprenger erschien mit seinem Polizeihund, und es gelang bald, den Täter in der Person des jugendlichen Arbeiters Otto Weimann aus Paprotsch zu ermitteln und festzunehmen.

Der Bruder des Täters brachte heute früh eine Kiste von den gestohlenen Zigarren wieder zurück, sodaß auch dadurch der Beweis erbracht worden ist, daß die Ermittelungen des Gendarmeriewachtmeisters und seines Hundes die richtigen waren.”

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In den Personenstandsunterlagen fand sich lediglich eine Eintragung: am 17. Juni 1910 wurde Ruth Markus als Tochter der Eheleute Alfred Markus, Kaufmann zu Neutomischel und dessen Ehefrau Rosa geb. Jacobsohn geboren.

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1913-12-19; Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)
 

 

Raubmord im Wald von Posadowo – 1913

Die Chaussee von Pinne nach Neustadt, ca. 9 km, ein Fußweg von annähernd 2 Stunden / Messtischblätter http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80

Die Chaussee von Pinne nach Neustadt, ca. 9 km, ein Fußweg von annähernd 2 Stunden / Messtischblätter http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80

Nachfolgend die Berichterstattung aus dem Neutomischler Kreisblatt des Jahres 1913:

1913-08-22 “Am Mittwoch 20. August 1913 abend ist der 21 Jahre alte, unverheiratete Handlungsgehilfe Stephan Witkowski, als er von Pinne mit einer größeren Summe Geldes nach Neustadt b. P. heimkehrte, ermordet und der ganzen Barschaft beraubt worden.

Der Ermordete war der Sohn des Sattlermeisters W. Witkowski aus Samter und bei der polnischen Ein- und Verkaufsgesellschaft Rolnik in Neustadt b. P. angestellt.”

Stephan Witkowski – geboren 10. Juli 1893 zu Samter

Vater der Sattlermeister Wladislaus Witkowski, Mutter Antonie Witkowska geborene Knie

“Die Leiche des jungen Mannes wurde am Donnerstag früh von der Pilzesuchenden Arbeiterfrau Michalina Kaczmarek aus Posadowo gefunden, welche auf dem Gute Posadowo den grausigen Fund sofort meldete.

Die schnell telephonisch verständigte Staatsanwaltschaft in Posen mit einem Polizeihund sowie der Kreispolizeihund aus Neutomischel mit seinem Führer trafen noch im Laufe des Vormittags an der Mordstätte ein, um die Ermittelungen aufzunehmen.

Die Leiche wies nur zwei Schußwunden auf. Die ein Revolverkugel war vom Nacken aus in den Kopf eingedrungen und zum linken Auge wieder herausgetreten, wie der neben der Leiche liegende Klemmer bewies, denn das linke Augenglas war zertrümmert worden. Der zweite Schuß war ebenfalls von hinten abgefeuert worden, denn der Schußkanal ging von der linken Rückenseite nach der linken Brustgegend. Beide Schüsse müssen in unmittelbarer Nähe des Opfers abgefeuert sein, wie die an den Schußwunden befindlichen Brandstellen beweisen. Da der Tatort etwa 1000 Schritte von dem Komunikationswege zwischen Posadowo und Pinne mitten im Walde liegt, die Leiche auch weiter keinerlei Verletzungen aufweist, die auf einen stattgefundenen Kampf schließen lassen, so steht fest, daß der Bedauernswerte meuchlings getötet worden ist.

Es ist verwunderlich, aus welchem Grunde der junge Mann den Weg nach Posadowo wählte und nicht die direkte Chaussee Pinne-Neustadt. Daß er mit einem Fremden in den Wald gegangen sein würde, der ihn aus nächster Nähe von hinten erschießen konnte, ist ebenfalls kaum anzunehmen. Jedenfalls wäre dies kaum verständlich.

Der Polizeihund “Pfeil” aus Posen, der zuerst arbeitete, verfolgte eine Fährte von der Leiche aus, deren Kleidung vollständig durchsucht war, nach der Neustädter Chaussee zu. Der Polizeihund “Fritz” aus Neutomischel dagegen stellte zunächst einen im Gebüsch in der nahen Sandgrube verborgenen Arbeiter namens Andreas Walinowski aus Neustadt b. P. Dieser gaben an, daß er sich nur verborgen habe, um etwas zu sehen, da sonst der Ort polizeilich abgesperrt war. Der Hund verfolgt darauf die Spur weiter nach der Richtung des Posadowoer – Pinner Weges. Leider verlor das Tier in den auf der Chaussee stehenden nach hunderten zählenden Neugierigen die Fährte. Da beide Hunde eine andere Spur aufnahmen, ist anzunehmen, daß der eine den Eingangsweg der beiden Männer in den Wald, der andere die Ausgangsspur des Raubmörders verfolgt hat.

Zuletzt ist der Ermordete, der auch sein Fahrrad bei sich hatte, auf der Chaussee Pinne – Neustadt b. P. in Begleitung des zu Fuß gehenden Getreidehändlers Flechner aus Pinne gesehen worfen, wie zwei Zeugen bekundeten. Dieser war gestern nach Posen gereist und kann vielleicht über den Verbleib des Opfers Auskunft geben. Hoffentlich gelingt es den Behörden, den Verbrecher zu ermitteln, damit er der irdischen Strafe nicht entgeht.”

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1913-08-25 “Ueber den grausigen Raubmord, über den wir bereits in letzter Nummer berichteten, ist noch nachzutragen, daß der Polizeihund “Prinz” aus Neustadt b. P. mit seinem Führer, Polizeisergeant Breuer, sich an der Ermittelung beteiligt und auch ein Spur aufgenommen hat.

Der ermordete Stephan Witkowski hatte am Mittwoch in Pinne, wo der “Rolnik” eine Filiale besitzt, verschiedene Geschäfte zu erledigen, unter anderem auf dem Pinner Wochenmarkte Getreide aufzukaufen. An Geld mag er etwa 2000 Mark bei sich geführt haben. Bei Gerichtsvollzieher Kretschmann hatter er noch geschäftlich zu tun. Dieser wollte nun mit dem jungen Mann nach Neustadt ins Hauptgeschäft kommen und ließ ihn einstweilen vorausfahren. Auf dem Wege holte er ihn ein sah ihn mit dem Getreidehändler Flechner von Pinne in einem Gespräche. Kretschmann fuhr deshalb allein weiter.

Als der junge Mann abends noch nicht kam, schöpfte man Verdacht und forschte nach seinem Verbleib. Trotz eifrigen Nachforschens wurde er erst am anderen Morgen als Leiche gefunden. Der Verdacht, den scheußlichen Mord begangen zu haben, richtete sich sofort auf Flechner, mit dem der Ermordete zum letzten Male gesehen wurde.

Flechner steht im Vermögensverfalle, hat aber noch am Mittwoch abend einen Gläubiger mit einem größeren Betrage befriedigen können. Angeblich will er diesen Betrag in Posen beim Spiel gewohnnen haben. Vormittags verreiste er und kam nachmittags 5 Uhr wieder in Pinne an. Dort erwartete ihn schon der Kriminalkommissar Wiesenhütter aus Posen und Polizeisergeant Sodtke von Pinne. Bei ihm wurden ein Browningrevoler gefunden, aus dem 2 Schüsse abgegeben waren. Flechner stammt aus gutsituierter geachteter Familie in Koschanowo und steht in der Mitte der dreißiger Jahre. Er ist jung verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern.

Die Leiche des Ermordeten wurde nach der Leichenhalle in Posadowo gebracht. Freitag nachmittags erschien dortselbst eine Gerichtskommission zur Abhaltung eines Lokaltermins. Der mutmaßliche Mörder wurde vor die Leiche geführt, leugnete aber hartnäckig die Tat. In geschlossenem Wagen wurde er dann von mehreren Polizisten nach Pinne zurückgeführt, um von dort nach Posen transportiert zu werden.

Wie die Sezierung der Leiche ergab, muß der Mörder sein Opfer durch zwei Schüsse, die in einem Zeitraum von 6-8 Sekunden aufeinanderfolgten, meuchlings niedergesteckt haben. Jede Kugel hatte das verlängerte Mark gestreift, das Gehirn durchbohrt war dann am Nasenbein nach links abgeprallt und im vorderen Schädelknochen stecken geblieben. Tieferschütternd war es, als die bedauernswerten Eltern, die auf die Unglücksnachricht hin sofort herbeigeeilt waren, ihren ältesten Sohn in der Blüte des Lebens dahingerafft erblickten.”

1913-08-27 “Zum Raubmord im Posadowoer Wäldchen erfahren wir noch folgendes: Die aus dem Körper des ermordeten Kaufmanns Witkowski entfernten Kugeln stammen ohne Zweifel aus der bei Flechner beschlagnahmten Browning-Pistole. Der Waffensachverständige stellte fest, daß aus dem Browning vor kurzer Zeit 2 Schuß abgegeben worden sind. Der Lauf der Browning hatte einen Fehler, durch den jede Kugel beim Abschießen geritzt wurde. Sowohl die in dem Ermordeten vorgefundenen Kugeln als auch eine probeweise abgeschossene zeigten deutlich diesen Riß.

Flechner bestreitet nach wie vor, den Mord ausgeführt zu haben, trotzdem die Beweise geradezu erdrückend sind. Er bestreitet auch auf dem Posadowoer Wege mit dem Ermordeten zusammen gegangen zu sein und will sich bereits auf der Chaussee von ihm getrennt haben.

Bei der an Ort und Stelle erfolgten Gegenüberstellung haben zwei Zeugen aber mit Bestimmtheit bekundet, daß sie ihn zusammen mit Witkowski auf dem fragl. Wege gehend gesehen haben. Ein Mädchen aus Zgierzynka will um die Zeit, als der Mord passiert ist, im Posadowoer Wäldchen 2 Schüsse gehört und einige Zeit darauf einen Mann aus dem Walde kommend gesehen haben. Auch diese hat bei der Gegenüberstellung in Flechner diesen Mann wiedererkannt. Die Vernehmungen des Angeschuldigten und der Zeugen dauerte bis nachts 1 Uhr. Am Sonnabend, den 23. d. Mts. wurde in der Wohnung des Flechner eine Haussuchung abgehalten, aber außer einem zweiten Revolver nichts besonderes gefunden.

Allem Anschein nach scheint Flechner schon längere Zeit mit dem Gedanken umgegangen zu sein, sich auf irgendwelche gewaltsame Art Geld zu verschaffen. So veranlaßte er vor einigen Wochen den Viehhändler Peter Adamczewski aus Senkowo, mit ihm nach einem benachbarten Dorfe zu gehen, da dort eine Wirtschaft zu verkaufen sei. Adamczewski hatte damals ca. 8000 Mark bei sich. Unterwegs hörte Adamczewski – Flechner ging hinter ihm – etwas knacken. Adamczewski dreht sich um und sah, wie dem Flechner eine Browning-Pistole aus der Hand fiel. Auf die Frage, was Flechner denn da mache, antwortete er, er wolle nur seine neue Browning-Pistole zeigen. Adamczewski ist am vergangenen Sonnabend dieses Vorfalles wegen vor dem hiesigen Amtsgericht vernommen worden.

Auch verschiedene andere Personen soll er versucht haben, unter der Vorspielung, daß F. zu verkaufende Wirtschaften wisse, an einsame Stellen zu locken. Weiter hat Flechner es verstanden, sich wiederholt Geld durch Unterschlagungen zu besorgen. Er hatte z. B. von verschiedenen Kaufleuten, mit denen er in geschäftlicher Verbindung stand, und für die er Vieh oder Getreide aufkaufte, Geld zur Ablieferung erhalten, dasselbe aber für sich verwendet. Ebenso soll er auch Geld, das ihm seine Schwester zur Absendung mit der Post übergeben hat, nicht abgeliefert haben. Sehr belastend ist auch, das Flechner noch am Mordtage verschiedene Schulden bezahlt hat. Am Morgen nach dem Morde, bevor er wegfuhr, hat er außerdem auf dem Dominium Pinne 1400 Mk. Schulden bezahlt. Über die Herkunft dieses Geldes kann er sich nicht ausweisen.

Am Sonntag nachmittag 5 Uhr fand die Beerdigung des so jäh aus dem Leben geschiedenen jungen Mannes auf dem katholischen Friedhof in Samter statt. Eine überaus große Anzahl Leidtragender aus nach und fern gaben ihm das letzte Geleit. Der Probst aus Neustadt b. P. widmet dem Verstorbenen am Grabe einen warm empfundenen Nachruf.

Das Gerücht, daß sich Flechner im Posener Gerichtsgefängnis erhängt haben soll, beruht auf einen Irrtum.

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1913-09-24 “Der Untersuchungsrichter hat das Ermittelungsverfahren gegen den Kaufmann Flechner auf den Fall Adamczewski ausgedehnt. Wenige Wochen vor der Mordtat erhielt der Landwirt Adamczewski in Senkowo einen Brief von Flechner mit der Aufforderung, gemeinschaftlich ein landwirtschaftliches Grundstück zu besichtigen und die Anzahlung von 7000 Mark gleich mitzubringen.

A. erschien mit der Anzahlung und beide begaben sich auf den Weg; unterwegs machte F. seinem Begleiter den Vorschlag, eine im Walde befindliche eigentümliche Quelle zu besichtigen, sie verließen die Hauptstraße und schlugen den einsamen Waldweg ein. An der Quelle nahm Adamczewski eine etwas gebückte Stellung ein, richtete sich aber unwillkürlich auf, um eine Frage an F. zu richten. In diesem Augenblick bemerkte er, daß dessen Händen ein Revolver entglitt und zu Boden fiel. Mit einer harmlosen Redewendung suchte Flechner A. von diesem Vorgang abzulenken und beide setzten ihre Wanderung fort. Die Behauptung des Beschuldigten, es habe sich damals um eine spielzeugähnliche Waffe gehandelt, in der nur mit Vogeldunst gefüllte Patronen steckten, ist durch die Beweisaufnahme widerlegt. Die Voruntersuchung ist nunmehr abgeschlossen, sodaß die Sache voraussichtlich das für November anberaumte Schwurgericht beschäftigen wird.”

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1913-11-24 “Nachdem im Posadower Wäldchen bei Neustadt bei Pinne ein Lokaltermin in Sachen gegen den Raubmörder Flechner stattgefunden hatte, legte der Angeklagte nach der Rückkehr im Untersuchungsgefängnis vor einer Gerichtskommission ein Geständnis ab, daß er nach einem vorangegangenen Streite den Witkowski erschossen und die Leiche darauf beraubt habe.

Er gab auch zu, daß er sich infolge finanzieller Schwierigkeiten in nervöser Aufgeregtheit befunden habe, bestritt aber, die Tat mit Ueberlegung ausgeführt zu haben.

Der Spruch der Geschworenen lautete auf schuldig des vorsätzlichen Totschlages in Tateinheit mit schwerem Raube unter Versagung mildernder Umstände.

Der Staatsanwalt beantragte darauf lebenslängliche Zuchthausstrafe und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrecht.

Der Verteidiger bat, nicht das härtete Strafmaß zur Anwendung zu bringen.

Das Urteil lautete auf lebenslängliche Zuchthausstrafe und lebenslängliche Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.”

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1913 August-November

Schule II in Paprotsch – ca. 1806-1906

Stand hier die Schule II Paprotsch - auch die alte Schule genannt ? / Photo: MM

Stand hier die Schule II Paprotsch – auch die alte Schule genannt ? / Photo: MM

Nachfolgend geben wir die “Uebersicht über das Ergebnis der kreisärztlichen Besichtigung der  Gemeinde Schule II in Paprotsch, Schulgemeinde Paprotsch – Kreis Neutomischel vorgenommen durch Kreisarzt Dr. Buddee am 18. April 1902″ wieder.

Der von uns in der Karte eingezeichnete Standort des Schulhauses basiert lediglich auf unserer Vermutung, Karten mit eingezeichneter genauer Lage oder sogar Bilder dieser “altehrwürdigen” Schule haben wir nicht gefunden.

Wann dieses Schulgebäude, im Jahr 1906 wurde es auf ein Alter von 100 Jahren geschätzt und noch genutzt, letztlich “verschwand”, abgetragen oder sogar eingestürzt, ist nicht bekannt.

Am Ende des seinerzeit von Dr. Buddee handschriftlich ausgefüllten Fragebogens, findet sich noch eine Erwiderung bzw. eine Rechtfertigung von diesem hinsichtlich der von ihm als Kreisarzt vorgenommenen Einschätzungen. Die erwähnte Verfügung welche hier beantwortet worden zu sein scheint war im Archivmaterial nicht vorhanden.

* * *

 

Lage, Umgebung, Beschaffenheit und Größe des Schulgebäudes:
Befinden sich in der Nähe übelriechende, schädliche Ausdünstungen oder störendes Geräusch?
Die Schule liegt an der Straße von Bentschen nach Sontop, mit der Front nach Süden, ist 15m lang, 9m tief u 3,20m hoch und hat eine freie Lage.
Das Schulgebäude ist ein alter aus Lehm und Holz bestehender Bau dessen Beschaffenheit im ganzen ein recht mangelhafter ist. Dachrinnen sind nicht vorhanden. Das Traufpflaster läßt Feuchtigkeit durch und hat keinen Abfluß. Das Gebäude ist aus Fachwerk, die äußere Holzbekleidung ist an vielen Stellen, besonders an den Giebeln, teils durch Feuchtigkeit, teils durch Ungeziefer zerstört, sodaß durch den Schlagregen vielfach Teile der Lehmwand losgeweicht werden. Das Dach ist ebenfalls undicht.
Uebelriechende, schädliche Ausdünstungen befinden sich nicht in der Nähe.
Konstruktion des Gebäudes:
Massiv oder von Fachwerk, – gesichert gegen durchdringenden Schlagregen und aufsteigende Feuchtigkeit, – Dachrinnen – Traufpflaster – Unterkellerung – Höhe des Fußboden über dem Erdgeschosse – Lehrerwohnung – besonderer Eingang zu dieser
Die Lehrerwohnung, welche an der Westseite des Hauses gelegen ist, ist unterkellert. Die Kellersohle liegt kaum 1 m unter der Erdoberfläche, trotzdem ist es immer naß im Keller. Der Fußboden liegt 0,40 m über dem Erdboden. Die Lehrerwohnung hat vom Hofe aus einen besonderen Eingang durch einen neueren Anbau, welcher massiv ist, aber von aufsteigender Feuchtigkeit sehr zu leiden hat.
Im Uebrigen weißt die Lehrerwohnung schon sehr viele Schäden infolge der Baufälligkeit des ganzen Gebäudes auf.
Schulzimmer: wie viele ?
Länge, Breite, – Höhe, – Raumgehalt, – Anstrich der Wände und Decken – Schließen der Thüren usw nach außen – Zahl und Glasfläche der Fenster, sowie ihre Vertheilung in den Wänden der Schulzimmer und ihre Himmelsrichtung – Schutz gegen Sonnenlicht – Stellung und Beschaffenheit des Ofens – Schutz gegen strahlende Wärme – Temperatur ? Thermometer vorhanden ? – Beschaffenheit der Fußböden, eben, dicht, geölt oder etwa mit Sand bestreut ? Ventilationsvorrichtungen ? – Luftbeschaffenheit ? – Reinlichkeit – durch wen wird die Reinigung der Zimmer ausgeführt – durch Schulkinder ?
Das eine Schulzimmer liegt im östlichen Teil des Gebäudes.
Es hat eine Länge von 8,60 m, Breite 6,40 m, Höhe v. 3,10 m, mithin ein Raumgehalt von 170,62 cbm. Wände u. Decken sind mit grauem Kalk getüncht. Die Thür schließt nach außen. Die 6 Fenster haben eine Glasfläche von 5,47 qm. Sie verteilen sich auf die einzelnen Wände derart, daß 2 Fenster südlich, 2 nördlich u. 2 östlich gelegen sind. Schutz gegen Sonnenlicht ist nicht vorhanden.
Der Kachelofen steht an der Westwand, etwas in der Mitte derselben. Ist von dem nächsten Schulplatz 0,45 m entfernt. Eine Schutzvorrichtung gegen strahlende Wärme existiert nicht.
Das Thermometer zeigt ein Temperatur von 13° R.
Der Fußboden ist sehr schlecht, undicht gefugt, zwischen den Fugen zum Teil ausgefault. Geölt ist er nicht.
Besondere Ventilationsvorrichtungen bestehen nicht. Die Luft im Schulzimmer ist von dumpfer Beschaffenheit.
Die Reinigung des Zimmers wird wöchentlich 2 mal durch eine vom Lehrer angenommene Person ausgeführt.
Einrichtung der Schulzimmer
Zahl und Beschaffenheit der Bänke – Stellung derselben zum Licht und zum Katheder ? – Spucknäpfe ?
Es sind 8 große u 1 kleine Bank vorhanden, von denen die größte eine Tischfläche von 85/82 cm, eine Tischbreite von 0,32m, die Kleinste eine Tischhöhe von 81/79 cm, eine Tischbreite von 27 cm aufweist. Die meisten haben eine Plusdifferenz von 17-18 cm. Besondere Lehnen sind nicht vorhanden. Das Holz ist an vielen Stellen vom Wurmfraß zerstört.
Das Katheder steht an der Südwand, ist von der nächsten Bank nur 0,87 m entfernt. Die von Osten nach Westen stehenden Bänke erhalten Licht von links, von hinten u. von vorn.
Im Zimmer befinden sich an der Thür 2 Spucknäpfe.
Garderobe
Vorhanden – innerhalb oder außerhalb der Zimmer ?
Die Kleiderriegel sind innerhalb des Zimmers an der Ofenwand angebracht
Gänge und Treppen
Material – Beleuchtung – Steigung – Breite – Geländer ?
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Lage und Größe des Turn- und Spielplatzes
Ist derselbe eingefriedigt oder sonst abgeschlossen ?
Turnhalle
Größe – Einrichtung
Als Turn- und Spielplatz wird der nur sehr kleine Schulhof benutztEine Turnhalle fehlt
Abortanlagen
System – genügende Zahl – Zustand – Ventilation – Entfernung vom Schulhause – Lage zum Brunnen ? Event. cementirte und bedeckte Gruben, gewölbt und mit Entlüftungsvorrichtung versehen ? Ist ein Pissoir vorhanden und wie beschaffen ? – Sind die Anlagen genügend beleuchtet ? – Entleerung wie oft ?
Die Abortanlage ist sehr mangelhaft.
Es besteht ein Raum für Mädchen u 1 für Knaben, getrennt durch den Abort für den Lehrer. In derselben Flucht neben dem Raum für die Knaben liegt das mit einem Pappdach versehene offene Pissoir.
Für Lüftung und Beleuchtung der Anlage bestehen keine Vorrichtungen. Die Abortgrube wird nur selten entleert.
Die Anlage ist vom Schulhause und vom Brunnen über 10m entfernt.
Trinkwasser
Leitung oder Brunnen – Güte desselben – Reinlichkeit – Auskömmlichkeit – Trinkeinrichtung (Becher?) – Beschaffenheit der Wasserversorgungsstelle (Art der Brunnenwandungen, der Abdeckung, der Entnahme usw) ? Sind nach Lage der Wasserversorgungsstelle Bedenken gegen das Trinkwasser zu erheben?
Etwa 5m vom Schulhause entfernt steht der Schulbrunnen.
Ein eiserner Röhrenbrunnen, dessen innere Teile, soweit sie sichtbar sind, augenscheinlich stark verrostet sind. Das ausfließende Wasser wird in einer schmalen, undichten Holzrinne weitergeleitet um in einer Entfernung von 2 m schon zu versickern. Das Wasser hat eine bräunliche Farbe, einen unangenehmen Geruch nach organischen Substanzen u. verursacht an den Gefäßen einen festen braunen Niederschlag. Der Geschmack des Wassers entspricht seinem unangenehmen Geruch.
Ein Trinkbecher, welcher auf einer Bank neben dem Anbau steht, ist an der Innenfläche braun beschlagen.
Die Stelle an welcher der Brunnen steht ist früher sumpfig gewesen. Gegen das Trinkwasser sind die größten Bedenken zu erheben.
Sind Badeeinrichtungen vorhanden ?
Wie beschaffen – wie viele ? Wie werden sie benutzt ?
nein
Schulkinder
Wie viele in jeder Klasse ? Kubikraum in jeder Klasse für jedes Kinde ? Zahl der Anwesenden ? Es fehlen ? Gründe des Fehlens ? Reinlichkeit des Körpers und der Kleider ?
Allgemeiner Ernährungs- und Gesundheitszustand ?
Von den 62 Schulkindern fehlt seit Monaten 1 Kind, welches anscheinend an Tuberkulose leidet. Auf jedes Kind entfallen 2,75 cbm Luftraum.
Gegen die Reinlichkeit der Kinder am Körper und Kleidern sind erhebliche Ausstellungen nicht zu machen. Der allgemeine Ernährungs- und Gesundheitszustand ist ein zufriedenstellender
Krankheiten der Schulkinder:
Von den Anwesenden waren krank ? An welchen Krankheiten ? Von den Anwesenden waren kurzsichtig ? Von den Anwesenden waren schwerhörig ? Zum Schutze gegen die ansteckenden Krankheiten ist erforderlich ? Haben seit der letzten Besichtigung Epidemien geherrscht und herrschen z. Zt. welche ? Schulschließungen ? Besondere Bemerkungen
Von den Kindern zeigten eine ganze Reihe einen leichten Bindehautkatarrh, zum Teil mit Bläschenbildung (Follikel) am unteren Augenlide. Trachom waren nicht festzustellen.
Epidemien haben in letzter Zeit nicht geherrscht, sodaß Schulschließungen nicht erforderlich waren

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Der vermutete Standort der Schule Paprotsch II

Der vermutete Standort der Schule Paprotsch II

Königl. Kreisarzt Dr. Buddee

Neutomischel, den 27. Juni 1902 - Zur Verfügung vom 20.6.02 JNo. 5525/02 II a berichte ich:

An sich ist es nicht wunderbar, daß die Begutachtung des medizinischen und des Bau-Sachverständigen voneinander abweichen, gehen doch beide von einer ganz verschiedenartigen Grundlage aus. Der eine fragt sich: Wie lange kann das Gebäude noch durch Reparaturen usw gehalten werden, der andere: Sind die hygienischen Verhältnisse dem Zwecke des Gebäudes so zuwiderlaufend, daß eine größere Reparatur nicht mehr lohnt.

Dagegen, daß man das Gebäude noch einige Jahre durch Ausbesserungen vor dem Einfallen bewahren kann, habe ich keinen Zweifel erhoben, es wäre auch bedauerlich, wenn der medizinische Sachverständige in die Lage kommen sollte, die sofortige Schließung einer Schule zu verlangen, weil sie jeden Augenblick durch Einsturz das Leben der Insassen gefährden kann. Die Möglichkeit eine Reparatur zu begutachten ist Aufgabe der technischen Sachverständigen.

Dagegen glaube ich, gehört die hygienische Seite der Frage zur Competenz des Medizinalbeamten. Ein solcher hat an dem Lokaltermin am 13. d. M. nicht teilgenommen.

Ich will die von mir vorgefundenen Mängel kurz zusammenfassen:

  1. Das Gebäude ist alt und mangelhaft, sodaß es auch im Schulzimmer durchregnet und Wände, Bänke und Fußboden von der Feuchtigkeit leiden
  2. Es steht auf einem als besonders feucht und sumpfig bekannten Terrain
  3. Das Schulzimmer ist zumal in Bezug auf Beleuchtung sehr schlecht eingerichtet. Die Fenster sind niedrig und reichen nicht entfernt bis an die Decke, ihre gesammte Glasfläche beträgt um 1/10 der Bodenfläche. Davon müssen aber die beiden südlichen Fenster noch in Abzug gebracht werden, da diese den Kindern das Licht in die Augen werfen und blenden, also nur schaden. Nicht umsonst zeigt ein großer Teil der Kinder Augenbindehautkatarrh. – Doch nicht allein die Kinder müssen unter diesem Übelstande leiden. Auch der Lehrer sieht vom Katheder aus ins Licht, sodaß nicht nur seine Augen angegriffen werden, sondern auch die Beaufsichtigung der Kinder erschwert wird.
  4. Das Trinkwasser ist als solches schlecht. Es bildet einen weislich braunen Niederschlag, riecht und schmeckt nach organischen Bestandteilen, ist also stark eisenhaltig und entstammt einem moorigen Boden. Thatsächlich wird das Wasser aus dem nahen Graben vorgezogen.
  5. Die Abortanlagen sind ebenfalls mangelhaft. Sowohl in Bezug auf Zahl, als auch auf die Trennung der Geschlechter
  6. Die Lehrerwohnung ist nicht gesund. Die Luft darin ist dumpf und feucht, und alle Reparaturen kleinerer Schäden werden daran nichts ändern

Nachdem ich alle diese Schäden festgestellt hatte, lag für mich um so weniger Grund vor, kleine Ausbesserungen vorzuschlagen, als ich erfuhr, daß ein Neubau bereits beabsichtigt werde, es fragt sich nur, ob auf demselben Grundstück oder auf einem anderen

Da nach Aussage des Gemeindevorstehers ein besserer Baugrund zu erhalten ist, so konnte ich auch diese Forderung mit gutem Gewissen aufstellen, obwohl es in jedem Fall meine Pflicht gewesen wäre, auf eine höher gelegene Baustelle zu dringen.

Zum Schlusse muß ich bemerken, daß ich es weder für ein Prinzip der Schulgesundheitspflege, noch für sparsam halte, ein altes schlechtes Schulgebäude für wenige Jahre notdürftig auszubessern, ganz ohne Rücksicht auf die nicht zu beseitigenden hygienischen Mängel desselben

Sollten bei der Königlichen Regierung Zweifel obwalten, so bitte ich Herrn Regierungs- und Medizinalrat Dr. Schmidt mit einer Besichtigung an Ort und Stelle zu beauftragen, da nur der höhere Medizinalbeamte als Obergutachter in Frage kommen kann

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 Zwischen den Unterlagen fand sich ein Zettel mit folgenden Notizen des Arztes:
Paprotsch (alte Schule)
Schwerhörig:  1) Martha Hirsch, 2) Frieda Kucz, 3) Oskar Woydt
Selma Schliefke teilweise (Heinrich Sch.), Ferdinand Schliefke teilweise (Heinrich Sch.)

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) – hier Aktenkonvolut  377 Lekarz Powiatowy w Nowym Tomyślu [Kreisarzt in Neutomischel] Sign. 41 Orts- und Schulbesichtigung Paproć

Eröffnung des Gemeindehauses in Sontop – 1913

Das ehemalige Gemeindehaus / Aufn. PM

Das ehemalige Gemeindehaus / Aufn. PM

“Am Donnerstag (20.11.1913) feierte die Gemeinde Sontop das Fest der Eröffnung ihres Gemeindehauses, verbunden mit der Einführung der vom Vaterländischen Frauenverein in Neutomischel angestellten Landkrankenpflegerin.

Außer der zahlreich versammelten Gemeinde waren als Festteilnehmer erschienen die Herren Geheimrat von Daniels, Oekonomierat Schwartzkopff und Superintendent Reisel.

Um 1/2 3 Uhr nachmittags begann die Feier vor dem Gemeindehause mit einem Gesang des Gemischten Chors von Sontop. Nachdem der Ortsgeistliche, Pastor Knapp, die Bedeutung des Tages für die Gemeinde gedacht und den Dank der Gemeinde gegen diejenigen ausgedrückt hatte, durch deren Gaben der Bau des Gemeindehauses ermöglichst war, übergab der Bauunternehmer Winter aus Sontop den Schlüssel zum Hause Herrn Oekonomierat Schwartzkopff, der ihn an den Ortsgeistlichen weitergab, worauf dieser mit weihenden Worten die Eröffnung vollzog.

"... paßt sich mit seinem hohen Dach und seiner einfachen Linienführung der benachbarten Kirche und dem ganzen Dorfbilde überaus glücklich an" / Aufn. PM

“… paßt sich mit seinem hohen Dach und seiner einfachen Linienführung der benachbarten Kirche und dem ganzen Dorfbilde überaus glücklich an” / Aufn. PM

Danach zog die Festversammlung in den Saal hinein, worauf Pastor Knapp die Weiherede hielt, anknüpfend an den Tagestext der Losungen Psalm 40,7. Nach einem weiteren Gesang des Chors hielt Herr Geheimrat von Daniels eine Ansprache, in der er die Bedeutung eines solchen Hauses für die Gemeinde hervorhob und den Wunsch aussprach, daß dasselbe die Arbeit der Kirche unterstützen und auch durch Pflege der heranwachsenden Jugend diese zur Gottesfurcht erziehen möchte. Sodann gab er seiner Freude Ausdruck, daß es durch Erbauung des Gemeindehauses dam Vaterländischen Frauenverein in Neutomischel möglich geworden sei, in Sontop eine Pflegestation zu errichten, begrüßte die mit dem 1. Novbr. angestellte Landkrankenpflegerin und führte sie in ihr Amt ein. Herr Superintendent Reisel schloß die Feier mit Gebet, worauf dieselbe mit Gemeindegesang ihr Ende fand.

Es erfolgte sodann eine Besichtigung des Hauses, das im Erdgeschloß außer dem Konfirmandensaale eine Wohnung für den Küster enthält, während im Dachgeschoß sich die Wohnung für die Gemeindeschwester und ein größerer Raum befindet, der für Jugendpflege und sonstige Vereinszwecke Verwendung finden und in dem auch im Januar ein Koch- und Haushaltungskursus stattfinden soll. Das Haus, das im alten Bauernhausstil erbaut ist, paßt sich mit seinem hohen Dach und seiner einfachen Linienführung der benachbarten Kirche und dem ganzen Dorfbilde überaus glücklich an und trägt zur Verschönerung des Dorfes bei.

Die Baukosten betragen 14.000 M., wozu Herr Oekonomierat Schwartzkopff mit einer hochherzigen Gaben von 2.000 Mark den Grund gelegt hat. Der Evangelische Oberkirchenrat hat 2.500 Mark gespendet, 5.500 Mark hat der Ober-Präsident als Darlehen gewährt, und 4.000 Mark hat die Gemeinde aufgenommen.”

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1913-11-24

Kurzmeldung – Unfallflucht 1913

Pferdegespann um 1920 / Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Opalenicka_KD_1920_fot16.jpg?uselang=de

Pferdegespann um 1920 / Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Opalenicka_KD_1920_fot16.jpg?uselang=de

“Ein bedauernswerter Fuhrunfall ereignete sich gestern abend auf der Grätzer Straße in der Nähe der Schule hinter dem Schützenhause.

Als Herr Geheimer Regierungsrat von Daniels mit seinem Jagdwagen von Rose nach Hause fuhr, kam dem Gefährt ein unbeleuchtetes Fuhrwerk entgegen. Die beiden Geschirre fuhren mit solcher Gewalt zusammen, daß die Deichsel des unbeleuchteten Wagens dem einen Pferde des landrätlichen Geschirres in die Brust gestoßen wurde, sodaß das wertvolle Tier auf der Stelle verendete.

Leider entkam der Besitzer des unbeleuchteten Fuhrwerks unerkannt. Glücklicherweise sind Personen bei dem Unfall nicht verletzt worden.

-  –  -

Dieser Vorfall möge allen Fuhrwerksbesitzern und Führern zur Warnung dienen. Die Fuhrwerke sind bei Dunkelheit hell zu beleuchten, es ist stets rechts zu fahren und links zu überholen, dann werden derartige Unfälle vermieden. Gegen diese Vorschriften wird in hiesiger Gegend oftmals verstoßen, und es ist erforderlich, daß von den Polizeiorganen mit aller Schärfe gegen Uebertretungen vorgegangen wird.”

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1913-12-05

Flugverkehr über den Städten Neutomischel und Neustadt bei Pinne 1913

 "Rumplertaube" / Messtischblatt: http://amzpbig.com/maps/3563_Neustadt_1893.jpg und Zeichnung https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rumber.jpg?uselang=de

“Rumplertaube” / Messtischblatt: http://amzpbig.com/maps/3563_Neustadt_1893.jpg und Zeichnung https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rumber.jpg?uselang=de

“Ein Flieger überflog am gestrigen Dienstag (12.08.1913) früh 1/2 6 Uhr, von Osten kommend, in der Nähe der Bahn mit der Flugrichtung nach Westen unsere Gegend.

Der Aeroplan kam jedenfalls wieder von Posen.

Auch heute morgen (13.08.1913) um 7 Uhr überflog ein solcher in entgegengesetzter Richtung unsern Ort (Neutomischel) in bedeutender Höhe.

Die Führer der Luftfahrzeuge scheinen die Bahnstrecke Posen – Berlin zu ihrer Orientierung gern zu benutzen, woraus es sich wohl erklären dürfte, daß wir so oft Flieger ihre Bahn ziehen sehen”

Während die “Neutomischler” somit nur vom Flugverkehr Notiz nahmen hatten die “Neustädter” Gelegenheit ein Flugzeug aus nächster Nähe bestaunen zu können

* * *

“Das Militärflugzeugzeug “Rumplertaube 125” passierte in den Morgenstunden des vergangenen Freitag (15.08.1913) von Posen kommend unser Städtchen (Neustadt b.P.)

Ganz deutlich konnte man das Geräusch des Motors und das Surren des Propellers vernehmen. Mancher Langschläfer ließ sich dadurch aus den Federn locken. Gar zu schnell war das stolze Fahrzeug in nördlicher Richtung den Blicken entschwunden.

Da verbreitete sich plötzlich wie ein Lauffeuer die Nachricht, daß die Flieger (2 Offiziere) auf einem günstigen Gelände in der Nähe des Dörfchens Konin niedergegangen wären.

Scharenweise strömte man nun hinaus, um das Flugzeug in der Nähe anzusehen. Sogar die Lehrer der evangelischen und jüdischen Schule waren mit ihren Schülern nach dem Landungsplatz geeilt. Zwei Schülerinnen überreichten den Fliegern Blumensträuße.

Nachmittags wurde dann ein interessanter Schauflug unternommen.”

* * *

Die “Rumplertaube” war von dem Österreicher Igo Etrich im Jahr 1909 entwickelt und fertiggestellt worden. Das Motorflugzeug hatte seinen Erstflug am 6. April 1910 absolviert. Die Rumpler Werke in Deutschland bauten dieses Flugzeug später unter Lizenz. Nähere Einzelheiten finden sich z. B. unter https://de.wikipedia.org/wiki/Etrich_Taube.

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1913/08

Grabsteine Friedhof Boruy – Gottlob Fechner 1797-1882

Der Grabstein des Gottlob Fechner / Photo: Przemek Mierzejewski

Der Grabstein des Gottlob Fechner / Photo: Przemek Mierzejewski

Hier ruht in Gott der Altsitzer
Gottlob Fechner
geb. am 22 Novbr 1797
starb 84 Jahre 11 Monate 15 Tage alt,
am 26 Oct. 1882
Ruhe sanft

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Den 29ten Nov. 1797 wurde getauft des Martin Fechner, Wirts in Boruy von seinem Weibe Dorothea Elisabeth Tepperin d. 26ten Mittags 11 Uhr geb. Söhnl. und erhielt die Namen Johann Gottlob

Taufzeug. Laurentius Braeuer u. George Friedrich Kunstmann – Wirte in Boruy

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Der Vorname Johann Gottlob wandelte sich in Johann Gottlieb, welcher auch im Eintrag seines Todes beim Standesamt verwendet wurde.

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Im Jahr 1826 hatte er die Ehe mit der Rosina Dorothea Haeusler (geb. 1806, gest. 1876) geschlossen. Dem Ehepaar wurden anhand der einsehbaren Personenstandsunterlagen 7 Kinder zusortiert.

Von 4 Mädchen wurden Anschlussdaten gefunden – Anna Dorothea geb. 1827 war eine verehelichte Leske, Johanna Beate geb. 1830 eine verehelichte Steinke, Rosina Dorothea geb. 1832 eine verehelichte Richter und die im Jahr 1838 geborene Johanna Louise nahm den Ehenamen Paelchen an.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Schöffengerichtssitzungen August – Dezember 1903

Relief über dem Eingang des ehemaligen Amtsgerichtes - Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit; die Waage für die sorgfältige Abwägung der Sachlage, die Augenbinde für die Unparteilichkeit fehlt, das Richtschwert für die Durchsetzung mit der nötigen Härte - Bild: EA

Relief über dem Eingang des ehemaligen Amtsgerichtes – Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit; die Waage für die sorgfältige Abwägung der Sachlage, die Augenbinde für die Unparteilichkeit fehlt, das Richtschwert für die Durchsetzung mit der nötigen Härte – Bild: EA

Nachstehend sind die Verhandlungspunkte und Urteile der Schöffengerichtssitzungen vom August bis Dezember 1903 wiedergegeben.

Entnommen wurde die Berichterstattung dem Neutomischler Kreisblatt des Jahres 1903.

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Schöffengerichtssitzung vom 4. August 1903 - Vorsitzender Herr Amtsrichter Dr. Brasack, Amtsanwalt Herr Distriktskommissar Roll, Schöffen waren die Herren Eigentümer Heinze aus Konkolewo und Gottlieb Roy aus Glinau.

Es wurden folgende Fälle verhandelt:

  1. Der Arbeiter Andreas Jaskowiak aus Wonsowo wurde wegen Körperverletzung und Bedrohung mit 4 Wochen Gefängnis und 5 Mk. Geldbuße bestraft.
  2. Das Dienstmädchen Selma Wilde aus Glinau war angeklagt, ihren Dienst bei dem Gastwirt Kung in Glinau ohne Grund verlassen zu haben. Sie hatte gegen den wider sie erlassenen Strafbefehl Einspruch erhoben. Nach verhandelter Sache wurde die Genannte von der Anklage freigesprochen.
  3. Der Eigentümer Wilhelm Pflaum und dessen Ehefrau Emilie Pflaum aus Alttomischel wurden wegen gegenseitiger Körperverletzung mittels gefährlicher Werkzeuge beide zu je 10 Mk. Geldstrafe verurteilt.
  4. Der Eigentümer Anton Minge aus Witomischel wurde wegen Betruges mit einer Woche Gefängnis bestraft.
  5. Das Dienstmädchen Lina Usch aus Alt-Borui war angeklagt ohne Erlaubnis ihres Dienstherrn, des Eigentümers Fischer aus Alt-Borui, des Sonntags ausgegangen zu sein. Sie hatte jedoch gegen den an sie ergangenen diesbezüglichen Strafbefehl Einspruch erhoben. Das Gericht verwarf jedoch die Appellation und erkannte auf 6 Mk. Geldstrafe.
  6. Die Privatklagesache der Dienstmagd Engler gegen den Arbeiter Raschke aus Glinau, welche in der vorigen Schöffengerichtssitzung zwecks Ladung neuer Belastungszeugen auf heute vertagt war, wurde dem Kgl. Schwurgericht in Meseritz überwiesen, da sich das Schöffengericht in dieser Sache (versuchter Notzucht) für nicht zuständig erklärte.
  7. Die Sache gegen den Handelsmann Schäfer in Bolewitz wegen Verletzung der Absperrungsmaßregeln bei Ausbruch der Viehseuchen wurde behufs Vernehmung weiterer Zeugen vertagt.

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Schöffengerichtssitzung vom 19. August 1903 – Vorsitzender Herr Amtsgerichtsassessor Reichhelm, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte, Schöffen waren die Herrn Eigentümer Carl Kurz, Paprotsch und Bäckermeister Liepelt, Neutomischel – Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Die Verhandlung gegen den nicht erschienenen Angeklagten Tomalka, ferner gegen die anwesenden Angeklagten Stanislaus Weber, Wirt August Schulz und Michael Kucz sämtlich aus Neufeld mußte vertagt werden, da sich die Vernehmung weiterer Be- und Entlastungszeugen notwendig machte.
  2. Die Arbeiterin Klapa aus Witomischel war beschuldigt, den hiesigen Distriktsamtsboten Bielke, welcher mit der Vorführung ihrer Tochter beauftragt war, mit einem Besen bedroht zu haben. Der Gerichtshof stellte Beleidigung eines Beamten, jedoch kein Vergehen gegen die Staatsgewalt fest und erkannte auf eine Woche Gefängnis.
  3. Der Kutscher Werner hierselbst (Neutomischel) hatte sich wiederholt widerspenstig gegen die Befehle seines Dienstherrn, des Spediteurs Herrn Carl Ed. Goldmann, gezeigt und hatte gegen den an ihn ergangenen Strafbefehl Einspruch erhoben. Das Gericht verwarf jedoch die Berufung und verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 3 Mk. evtl. 1 Tag Haft.
  4. Der Arbeiter Macijewicz aus Klein-Lipke hatte sich wegen einer zu Witomischel begangenen Mißhandlung eines Schulknabens zu verantworten und erhielt für diese unberechtigte Züchtigung eine Geldstrafe von 50 Mk. evtl. 10 Tage Haft.
  5. Der Fleischer Bruno Otto aus Witomischel war angeklagt, ein krankes Kalb geschlachtet zu haben. Dies konnte ihm jedoch nicht nachgewiesen werden und erzielte der Angeklagte Freisprechung, während die Kosten des Verfahrens dem Kläger auferlegt wurden.
  6. Gegen den Schweinehändler Schaefer aus Bolewitz war ein Strafantrag gestellt worden, ein seuchenverdächtiges Ferkel nicht polizeilich angemeldet zu haben. Er wurde jedoch von der Anklage freigesprochen, da er zur Zeit nicht zu Hause war und daher die Anzeige nicht bewirken konnte.
  7. Der Dienstjunge Joseph Malinski aus Glinau hatte seinen Dienst ohne berechtigten Grund bei dem Eigentümer Wilhelm Joachim verlassen und wurde dafür zu 3 Mk. Geldstrafe verurteilt.
  8. In der Privatklagesache der Arbeiterin Knopp gegen die Witwe Koziol aus Chraplewo wegen gegenseitiger Beleidung und körperlicher Mißhandlung, welche schon im vorigen Termin zur Verhandlung stand und auf heute vertagt war, wurde auf Grund der Zeugen Aussage dahin entschieden, daß sich die Angeklagte Knopp der körperlichen Mißhandlung und der Beleidigung schuldig gemacht hat. Sie wurde mit 3 Mk. Geldstrafe und der Hälfte der Kosten bestraft, während die Angeklagte Koziol nur wegen Beleidigung zur Tragung der anderen Hälfte der Kosten verurteilt wurde.
  9. Die Privatklagesache des Eigentümers Koth aus Zinskowo gegen den Altsitzer Leske ebendaselbst wurde zwecks Vernehmung weiterer Zeugen vertagt.

 * * *

Schöffengerichtssitzung vom 19. August 1903Verhandelt wurde der nachstehende Fall:

 In der Schöffengerichtssitzung des Kgl. Amtsgrichts zu Neutomischel vom 19. August d. Jr. wurde der Fleischbeschauer Heinrich Müller aus Klein-Lipke zu den Kosten des Verfahren verurteilt, weil er zur Anzeige gebracht hatte, daß der Fleischer B. O. ?D.? aus Witomischel ein krankes Kalb gekauft, dasselbe aber nicht habe untersuchen lassen. Gegen die hinsichtlich der Kosten getroffene Entscheidung hatte Müller beim Kgl. Landgericht in Meseritz Berufung eingelegt und erzielte seine Freisprechung.

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Schöffengerichtssitzung vom 09. September 1903 –  Vorsitzender Herr Amtgerichtsassessor Kirchner, Amtsanwalt Herr Gerichtssekretär Sommer, Schöffen waren die Herren Ortsschulze Gebauer-Scherlanke und Eigentümer August Roy-Paprotsch. – Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Der Knecht Klatt aus Albertoske hatten seinen Dienst bei dem Eigentümer Steinke ohne Grund verlassen und erhielt deshalb einen Strafbefehl. K. erhob jedoch gegen denselben Einspruch. Das Gericht erkannte auf eine Geldstrafe von 12 Mk.
  2. Der inhaftierte Bruno Otto aus Neuborui wurde, da er bei der Handelsfrau Lehmann gebettelt und sich des Hausfriedenbruches schuldig gemacht hatte, mit 3 Monaten Gefängnis bestraft.
  3. Der Stellmacher Kaperski aus Chraplewo hatte sich nach Aufforderung der Wirtin Werner nicht aus deren Lokal entfernt. Er erhielt die niedrigste Strafe von 3 Mk.
  4. Der Schmied Carl Jäkel aus Wonsowo, die Arbeiter Felix und Ignatz Marchewski waren wegen Mißhandlung und Körperverletzung angeklagt. Die beiden ersteren wurden mit je 50 Mk., letzterer mit 30 Mk. bestraft.
  5. Der Knecht Kaczmarowski aus Neutomischel hatte sich ungehörig und widerspenstig gegen die Befehle seines Dienstherrn, des Fabrikbesitzers Paech hier (Neutomischel) gezeigt und sich ohne Erlaubnis aus seinem Dienst öfters entfernt. Hierfür erhielt er eine Strafe von 12 Mk.
  6. Der Arbeiter Valentin Kucz aus Wonsowo hatte einen Strafbefehl erhalten, da er seine Tochter nicht zur Schule geschickt hatte. Er glaubte jedoch dafür nicht verantwortlich zu sein, da er das noch schulpflichtige Mädchen bereits vermietet hatte. Das Gericht stellt aber fest, daß der Vater und nicht der Dienstherr dafür zu sorgen hätte, ermäßigte jedoch die im Strafbefehl festgesetzte Strafe auf 3,50 Mk.
  7. Der Eigentümer Paul Hildebrandt aus Konkolewo-Hld. hatte sich auf die Aufforderung seines Vaters, mit dem er in Streit geraten war, nicht aus dessen Hausflur entfernt und erhielt wegen des dadurch begangenen Hausfriedensbruches 5 Mk. Geldstrafe.
  8. Der Lehrer Tschiersch aus Bolewitz wurden wegen Beleidigung des Oberförsters Packenius nach längerer Verhandlung und Vernehmung zahlreicher Zeugen mit 150 Mk. bestraft.
  9. Die Arbeiterfrau Marianna Michewska aus Grudno wurde wegen Wegnahme eines Briefes, den ihr Mann an eine andere Frau gesandt hatte, zu einem Tage Haft verurteilt.
  10. Der Arbeiter Karl Köter aus Alt-Borui wurden wegen Mißhandlung seines Kindes und seiner Ehefrau mit 6 Monaten Gefängnis bestraft.
  11. Die beiden Frauen Michalina Pospiecela aus Bukowiec und Franziska Kaczmarek aus Grudno hatten sich wegen unbefugt geleisteter Geburtshilfe zu verantworten. Erstere erhielt eine Geldstrafe von 3 Mk., da sie die polizeiliche Anmeldung ihrer Hilfeleistung unterlassen hatte, letztere dagegen wurde freigesprochen.
  12. Der Knecht Ruchay aus Alttomischel hatte seinen Dienst bei dem Eigentümer August Fenske in Paprotsch ohne Grund verlassen und wurde deswegen mit 5 Mk. bestraft.
  13. Der Knecht Werner aus Neutomischel hatte gegen seinen Dienstherrn wegen Mißhandlung Privatklage angestrengt, während letzterer gegen seinen Untergebenen Widerklage wegen fortgesetzter Widerspenstigkeit und ungebührlichen Verhaltens erhoben hatte. Es wurde dahin entschieden, daß von beiden Parteien niemand bestraft wurde, die Kosten des Rechtsstreites jedoch geteilt werden sollen.
  14. In der Privatklagesache der Arbeiterfrau Kelm gegen den Zimmermann Seide, beide zu Neutomischel, wurde letzterer wegen Beleidigung mit 5 Mk. bestraft.
  15. Der Altsitzer Daniel Leske hatte den Eigentümer Koth aus Zinskowo beschimpft und gemißhandelt; er wurde zu einer Geldstrafe von 5 Mk. verurteilt.
  16. Die Privatklage des Zimmermanns August Deckert aus Podgradowitz gegen den Eigentümer Heinrich Schubert aus Kunik wurde vertagt

Schluß der Sitzung nach 3 Uhr.

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Schöffengerichtssitzung vom 23. September 1903 –  Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Vertreter der Amtsanwaltschaft Herr Bürgermeister Witte, Schöffen waren die Herren Stellmachermeister Steinke-Bukowiec und Eigentümer Sägner-Sempolno – Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Die Handelsfrau Anna Kunikiewicz aus Neutomischel wurde wegen Verübung ruhestörenden Lärmes und Übertretung des §9 des Feld- und Forst-Polizei-Gesetzes mit 6 Mk. bestraft
  2. Der Fleischer Bruno Otto aus Witomischel wurde wegen Körperverletzung, die er dem Arbeiter Kucz zufügte, zu 20 Mk Geldstrafe verurteilt.
  3. Der Schuhmachergeselle Johann Bulacz aus Brody wurde wegen Betruges mit 20 Mk. bestraft.
  4. Die Näherin Marie Leske aus Scherlanke war angeklagt, im Juni d. J. im Kgl. Forstrevier Beeren gepflückt zu haben, ohne im Besitze eines hierzu erforderlichen Erlaubnisscheines zu sein. Sie wurde jedoch von der Anklage freigesprochen, da ihr als ständige Waldarbeiterin vom Förster Fuhrmann die Erlaubnis zum Beerensuchen erteilt worden war.
  5. Die Ehefrau des Dachdeckermeisters Wesolowski aus Neutomischel erhielt wegen Vergehens der Fund-Unterschlagung eine Geldstrafe von 20 Mk.
  6. Der Arbeiter Adolf Appelt und dessen Ehefrau, beide aus Sempolno, wurden wegen Diebstahls zu je 3 Tagen Gefängnis verurteilt.
  7. In der Privatklagesache des Zimmermanns August Deckert aus Podgradowitz gegen den Eigentümer Schobert aus Kunik wurde letzterer wegen öffentlicher Beleidigung mit 20 Mk. bestraft; auch wurde dem Beleidigten Publikationsbefugnis im Neutomischeler Kreisblatt auf Kosten des Sch. zugesprochen.
  8. Die letzte Strafsache gegen den Handelsmann Gutsch-Cichagora wurde vertagt.

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Schöffengerichtssitzung vom 14. Oktober 1903 –  Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat von Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte; Schöffen waren die Eigentümer Heinrich-Sontop und Eigentümer Reschke-Scharke – Verhandelt wurden folgende Fälle:

1., 2. und 3. wurden, da sie ein und dieselbe Sache betrafen, zusammen verhandelt, und wurden die drei angeklagten Frau Kasprzak, Wwe. Anna Roszek und Sadesk aus Witomischel wegen gemeinschaftlichen Forstdiebstahls zu je 3 Mk. Geldstrafe, eventl. 1 Tag Haft oder Forstarbeit, und zu dem Wertersatz des gestohlenen Holzes von 60 Pfg. verurteilt.
  1. Die Arbeiterin Czopala aus Witomischel war angeklagt, das Schulmädchen Scibba mit einem starken Knüppel mißhandelt zu haben; sie erhielt 10 Mk. Geldstrafe (evtl. 2 Tage Haft).
  2. Der Arbeiter Kascmarek aus Bukowiec hatte sich trotz Aufforderung des Wirts Niedermeyer nicht aus dessen Gasthause entfernt. Er wurde unter Zubilligung mildernder Umstände zu 5 Mk. Geldstrafe (evtl. 1 Tag Gefängnis) verurteilt.
  3. Das Dienstmädchen Selma Sitzlaf aus Deutschhöhe hatte sich widerspenstig gegen die Befehle ihrer Herrschaft, des Restaurateurs Otto Maennel, gezeigt und hatte dieserhalb einen Strafbefehl erhalten, jedoch gegen denselben Einspruch erhoben. Sie wurde zu einer Geldstrafe von 5 Mk. (evtl. 2 Tagen Haft) verurteilt.
  4. Der Arbeiter Michael Buchay aus Alttomischel hatte sich wegen ruhestörenden Lärmes und Beschädigung fremden Eigentumes zu verantworten. Von der ersteren Anklage wurde er freigesprochen, während er wegen der Sachbeschädigung 5 Mk. Geldstrafe (evtl. 1 Tag Haft) erhielt.
  5. Der Eigentümer August Wiedemann aus Grubske hatte wegen Nichtbeleuchtens seines Wagens während der Dunkelheit und weil seine Namentafel am Gefährt nicht deutlich sichtbar war einen Strafbefehl in Höhe von 6 Mk. erhalten und dagegen gerichtliche Entscheidung beantragt. Von ersterer Anklage mußte er nach Lage der Sache freigesprochen werden, während in letzterer Angelegenheit noch kein Urteil gesprochen werden konnte. Die Sache wurde vielmehr zwecks Ladung weiterer Zeugen vertagt.
  6. Der Knecht Gustav Müller aus Alttomischel hatte sich wegen vorsätzlicher Mißhandlung des Gastwirts Richard Wandrey von hier (Neutomischel) zu verantworten. Er wurde freigesprochen, da das Gericht die Tat als Notwehr feststellt.
  7. Der Arbeiter Vinzent Sodyga und dessen Ehefrau, beide aus Alttomischel, waren wegen grober Beleidung des dortigen Lehrers Kudlicki und wegen Bedrohung mit dem Verbrechen des Totschlags angeklagt. Ersterer wurde zu einer Gefängnisstrafe von 2 Wochen, letztere zu einer solchen von 1 Woche verurteilt.
  8. Der sich in Untersuchungshaft befindende Schuhmachergeselle Arthur Leithold hatte sich wegen groben Unfugs und Widerspenstigkeit gegen die Anordnungen des Wachtmeisters Schubert zu verantworten. Wegen ersteren Vergehens erhielt er eine Haftstrafe von 3 Tagen, wegen letzteren eine Gefängnisstrafe von 1 Woche. Beide Strafen wurden als durch die Untersuchungshaft verbüßt erachtet.
  9. Die Angeklagten August Schulz, Michael Kucz und Weber hatten alle drei Strafbefehlte erhalten, weil sie ihre schulpflichtigen Kinder, angeblich unentschuldigt, nicht zur Schule gesandt hatten. Nach Vernehmung der Zeugen erzielten sie jedoch sämtlich ihre Freisprechung.
  10. Die Dienstmagd Lina Usche aus Neuborui hatte ihren Dienst bei dem Eigentümer Reinhold Fischer ohne Grund verlassen und deshalb einen Strafbefehl in Höhe von 6 Mk. erhalten. Durch ihren Einspruch gegen denselben erzielte sie nach verhandelter Sache die Herabsetzung des Strafbetrages auf 1 Mk.
  11. In der Privatklagesache des Eigentümers Meißner aus Paprotsch gegen den Eigentümer Gustav Hämmerling wegen öffentlicher Beleidigung, wurde letztgenannter zu einer Geldstrafe von 10 Mk. verurteilt.

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Schöffengerichtssitzung vom 28. Oktober 1903 –  Als Vorsitzender fungierte Herr Amtsgerichtsrat von Grabski, als Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte; Schöffen waren die Eigentümer Sperling aus Neuborui und Förster I aus Konkolewo. –  Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Der Eigentümer Reinhold Siegesmund aus Sontop hatte einen Strafbefehl in Höhe von 10 Mk. erhalten, weil er den Ausbruch der Schweineseuche nicht rechtzeitig dem hiesigen Distriktsamte angezeigt hatte. Gegen diesen Strafbefehl hatte er Einspruch erhoben, den er jedoch wieder zurückzog, nachdem er auf die Zwecklosigkeit desselben aufmerksam gemacht worden war.
  2. Gegen den Eigentümer Wiedemann aus Grubske war ein Strafbefehl in Höhe von 6 Mk. erlassen, weil er an seinem Wagen keine Laterne während der Dunkelheit angebracht hatte und weil seine Namenstafel am Fuhrwerk unleserlich war. Wegen ersterer Sache wurde er bereits in voriger Verhandlung freigesprochen, während er wegen der unvorschriftsmäßigen Namenstafel nach Vernehmung der für heute geladenen Zeugen eine Geldstrafe von 3 Mk. erhielt.
  3. Der frühere Gastwirt, jetzige Handelsmann Heinrich Müller aus Bukowiec hatte einen Strafbefehl in Höhe von 10 Mk. erhalten, weil er mit 13 Schweinen auf seinem Wagen betroffen wurde, ohne dieselben in das vorgeschriebene Kontrollbuch eingetragen zu haben; auch hatte er sein Pferd nicht in ein dazu bestimmtes Buch eingetragen. Gegen den Strafbefehl hatte er Einspruch erhoben, nahm jedoch denselben zurück, bevor in die Verhandlung eingetreten wurde.
  4. Der Knecht August Rädiger aus Neu-Borui und die Arbeiter Vorwerk, Seiffert und Adam aus Alt-Borui waren angeklagt, dem Eigentümer Deutschmann 8 Fensterscheiben eingeworfen und außerdem gegen das Deutschmann’sche Haus große Holzstücke geschleudert zu haben. Diese Angelegenheit mußte zwecks Ladung weiterer Zeugen vertagt werden.
  5. Die Eigentümer Heinrich Rausch und August Schulz II aus Grubske hatten einen Strafbefehl von je 10 Mk. erhalten, weil sie auf fremdem Jagdgebiete zur Jagd ausgerüstet betroffen worden waren. Beide hatten aber Einspruch erhoben. Nach verhandelter Sache wurde Schulz II freigesprochen, Rausch jedoch zu der im Strafbefehl festgesetzten Geldstrafe von 10 Mk. verurteilt
  6. Wegen körperlicher Mißhandlung des Ausgedingersohnes Kwasinewski wurde der Eigentümer Ferdinand Wandtke aus Alttomischel zu einer Geldstrafe von 20 Mk. verurteilt.
  7. Die Dienstmagd Anna Razina war des Diebstahls von Nahrungsmitteln und die Arbeiterfrau Rädiger der Anstiftung und der Hehlerei bezichtigt. Beide erhielten je 3 Tage Haft.
  8. In der Privatklagesache des Eigentümers Otto Linke zu Paprotsch gegen die Eigentümerin Rosina Marquardt ebendaselbst wegen Mißhandlung des Sohnes des Privatklägers nimmt ersterer die Klage zurück und die Angeklagte übernimmt die Kosten des Verfahrens.
  9. In der Privatklagesache des Arbeiters Andreas Stiller und Johann Nowack, beide aus Glinau, nimmt der Privatkläger die Klage zurück, die Kosten werden von beiden zur Hälfte getragen

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Schöffengerichtssitzung vom 11. November 1903. Den Vorsitz führte Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, als Amtsanwalt fungierte Herr Bürgermeister Witte, die beisitzenden Schöffen waren die Herren Eigentümer Roy aus Glinau und Kurz aus Paprotsch. –  Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Das Dienstmädchen Bertha Redlich aus Paprotsch, früher beim Eigentümer Meißner in Stellung, zur Zeit in Berlin, war beschuldigt, dem Knecht Paul Gutsch einen Pantoffel an den Kopf geworfen zu haben. Sie wurde mit einem Verweise bestraft.
  2. Die Arbeiter August Rediger, Heinrich Adam, Seiffert und Vorwerk aus Altborui waren beschuldigt, des nachts bei dem Eigentümer Deutschmann groben Unfug verübt und demselben einige Fensterscheiben eingeworfen zu haben.Rediger und Seiffert wurden freigesprochen, dagegen Adam mit 10 Mark bestraft, gegen Vorwerk wurde die Sache vertagt.
  3. Der Arbeiter Nowacki aus Alttomischel hatte den Arbeiter Hentschik im Streit mit einer Heugabel vor die Brust gestoßen. Er wurde mit 10 Mk. bestraft.
  4. Die Arbeiterin Juliane Herk aus Neuborui wurde wegen Bettelei mit einer Woche Haft bestraft.
  5. Michael Perz aus Wonsowo hatte gegen einen Strafbefehl von 7 Mk., welchen er wegen unentschuldigten Fernbleibens seines Sohne aus der Schule erhalten hatte, Einspruch erhoben. Die Sache wurde vertagt.
  6. Die Häuslerin Antonia Sczarawanta aus Bolewitz wurde wegen öffentlicher Beleidigung des Lehrers Tschiersch mit 2 Wochen Gefängnis bestraft.
  7. Mathias Starczak, Ausgedinger in Neurose war angeklagt, seine Ehefrau mit dem Erschlagen mittels Beils bedroht und sie dann später mit einem starken Stock körperlich gemißhandelt zu haben.Wegen Bedrohung wurde er freigesprochen, wegen Mißhandlung aber mit 2 Wochen Gefängnis bestraft.
  8. Michael Bartkowiak aus Bolewitz hatten den Arbeiter Martin Wesolewy körperlich gemißhandelt. Er wurde mit 10 Mk. bestraft.
  9. Andreas Starczak, Eigentümer und Ausgedinger aus Grudno, sowie dessen Ehefrau waren wegen Arrestbruchs angeklagt. Die Sache wurde vertagt
  10. In der Privatklagesache des Frl. Menzel aus Berlin gegen die Kaufmannsfrau Hulda Müller aus Sontop wegen Beleidigung wurde die Klage, weil keine Beweise einer Beleidigung erbracht werden konnten, zurückgenommen. Die Beleidigung der Frau Isemer gegen die Privatklägerin wurde durch Vergleich erledigt.
  11. Die Privatklagesache des Eigentümers Paul Hildebrand gegen den Ausgedinger Gottfried Hildebrand, beide aus Konkolewo, wurde durch Vergleich erledigt.

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Schöffengerichtssitzung vom 25. November 1903. Den Vorsitz führte Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, als Amtsanwalt fungierte Herr Bürgermeister Witte, die beisitzenden Schöffen waren die Herren Bäckermeister Liepelt aus Neutomischel und der Eigentümer August Roy aus Paprotsch, –  Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Vinzent Percz, Handelsmann und Eigentümer aus Bukowiec, war angeklagt, dem Arbeiter Kaczmarek aus Bukowiec in Kosten eine Eisenbahnfahrkarte entwendet zu haben, mußte jedoch nach Lage der Sache freigesprochen werden. 
  2. Das Dienstmädchen Anna Hoffmann aus Chichagora hatten einen Strafbefehl in Höhe von 6 Mk. erhalten, weil sie den Dienst bei dem Eigentümer Robert Neumann in Chichagora ohne Grund verlassen hatte. Gegen diesen Strafbefehl hatte sie jedoch Einspruch erhoben. Sie mußte aber zu der im Strafbefehl festgesetzten Geldstrafe verurteilt werden. 
  3. Der Arbeiter Joseph Nieja aus Witomischel hatte einen Strafbefehl in Höhe von Mk. 5,50 erhalten, weil er seine Tochter unentschuldigt vom Schulbesuch zurückgehalten hatte. Nach Lage der Sache mußte er freigesprochen werden. 
  4. Der Bäckerlehrling Paul Müller aus Neutomischel und der jetzige Bäckergeselle Arthur Ziebell z. Zt. in Fürstenwalde a. Spree wurden, weil sie dem Zugführer Fischer hierselbst gemeinsam Tauben gestohlen hatten, mit einem Verweise bestraft. 
  5. Gegen den Fleischer Karl Weinert von hier (Neutomischel) war ein Strafbefehl erlassen, weil er ein Kalb angeblich ohne Einwilligung des zuständigen Viehbeschauers geschlachtet hatte. Gegen diese Strafe hatte er Einspruch erhoben. Nach dem Ergebnis der Verhandlung mußte er denn auch freigesprochen werden. 
  6. Der Ausgedinger Gottfried Pochstein aus Alttomischel wurde, weil er dem Eigentümer Knoll ebenda, einige Krautköpfe entwendet hatte, mit 5 Mark bestraft. 
  7. Der Tischler Ludwig Swoboda von hier hatte einen Strafbefehl im Betrage von 2 Mk. von der hiesigen Polizeiverwaltung erhalten, weil er es unterlassen hatte, sich bei der genannten Behörde trotz deren Aufforderung vorschriftsmäßig anzumelden. Er hatte jedoch hiergegen Einspruch erhoben. Die Angelegenheit mußte vertagt werden, da Swoboda bereits vom Königl. Amtsgericht in Pinne wegen derselben Sache bestraft worden ist, und die Herbeischaffung dieser Akten sich notwendig machte. 
  8. Der Maschinist Rau aus Wonsowo erhielt eine Schulstrafe von Mk. 1,25, weil er seine Tochter Lotte 5 Tage ohne genügenden Grund nicht zur Schule geschickt hatte. Durch seinen Einspruch erzielte er in der heutigen Verhandlung seine Freisprechung, da das Kind nach Aussage des als Zeuge geladenen Arztes s. Zt. krank gewesen ist.
  9. Der Wirt Percz aus Groß-Lipke hatte ebenfalls einen Strafbefehl in Höhe von 7 Mk. erhalten, weil er seinen Pflegesohn Tomolka unentschuldigt vom Schulbesuch zurückbehalten, hatte jedoch ebenfalls Einspruch erhoben. Nach Vernehmung der Zeugen wurde auf Freisprechung erkannt, da der Junge z. Zt. krank war und auch entschuldigt worden ist. 
  10. In der Privatklagesache des Arbeiters Sczekala gegen den Arbeiter Skibba aus Witomischel wegen gegenseitiger Beleidigung nimmt ersterer die Klage zurück, letzterer übernimmt die Kosten des Verfahrens. 
  11. In der Privatklage des Schuhmachers Paul Stelzer von hier (Neutomischel) gegen den Eigentümer Schulz wegen Beleidigung wird letzterer mit 6 Mk. bestraft. 
  12. Die letzte Privatklagesache mußte vertagt werden, da die Angeklagte, Gastwirtsfrau Pauline Muß, gegen den Privatkläger Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft wegen Diebstahls gestellt hat, und die Erledigung dieser Anklage vorerst abgewartet werden muß.

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Schöffengerichtssitzung vom 16. Dezember 1903. Den Vorsitz führte Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, als Amtsanwalt fungierte Herr Bürgermeister Witte, die beisitzenden Schöffen waren die Herren Eigentümer und Ortsschulze Gebauer aus Scherlanke und Eigentümer Sägner aus Sempolno. –  Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Der militärpflichtige Gustav Jahn, geboren zu Neutomischel, letzter Wohnort Herensen, wurde mit 30 Mark bestraft, weil er sich durch Auswanderung der Heerespflicht entzogen hatte.
  2. Der inhaftierte Wilhelm Plisch wurde wegen Bettelns in Neutomischel mit 4 Wochen Gefängnis, wovon 2 Wochen als durch die Untersuchungshaft verbüßt erachtet wurden, bestraft.
  3. Der Tischler Karl Nawroth aus Bolewitz erhielt wegen Hausfriedensbruches und Sachbeschädigung 2 Wochen Gefängnis.
  4. Der Gemeindevorsteher Bielke aus Blake hatte einen Strafbefehl in Höhe von 5 Mk. erhalten, weil er seinen bösartigen Hund frei umherlaufen ließ, sodaß das Tier die Tochter des Eigentümers Muß in Blake gebissen und deren Kleid zerrissen hatte. Der Angeklagte erhob gegen den Strafbefehl Einspruch, mußte aber nach dem Ergebnis der Verhandlung zu der bereits festgesetzten Geldstrafe verurteilt werden.
  5. Der Arbeiter Vinzent Sokolka aus Witomischel wurde wegen Diebstahls mit 3 Tagen Gefängnis bestraft.
  6. Der Eigentümer Andreas Starzak und seine Ehefrau Marianna, beide aus Grudno, waren des Arrestbruches angeklagt, mußten aber nach Lage der Sache freigesprochen werden.
  7. Der Arbeiter Heinrich Schlesinger hatte den Arbeiter Karl Schmidt, beide aus Neuborui, körperlich gemißhandelt. Ersterer wurde mit 2 Wochen Gefängnis bestraft.
  8. Der Eigentümer Wilhelm Kurz hatte einen Strafbefehl in Höhe von 10 Mk. erhalten, weil er angeblich die Grenze seines Nachbars Freier beim Laubstreuharken überschritten hatte. Durch seinen erhobenen Einspruch erzielte er seine Freisprechung.
  9. Der Tischlermeister Ludwig Swoboda von hier (Neutomischel) hatte gegen einen Strafbefehl von 2 Mk., den er wegen nicht rechtzeitig erfolgter Beibringung eines Abzugattestes erhalten hatte, Einspruch erhoben. Er wurde mit 1 Mk. bestraft.
  10. Der Eigentümer und Handelsmann Wilhelm Gutsch aus Cichagora wurde zu einer Geldstrafe von 96 Mk. verurteilt, weil er bei Ausübung seines Gewerbes als Schweinehändler den Gewerbeschein nicht rechtzeitig eingelöst hatte.
  11. Der Arbeiter Vorwerk aus Altborui, z. Zt. in der Fremde, wurde wegen Verübung groben Unfugs und Sachbeschädigung mit 10 Mark bestraft
  12. Die Dienstmagd Juliane Lehmann aus Neuborui wurde wegen Diebstahls zu 2 Wochen Gefängnis verurteilt.
  13. In der Privatklagesache des Eigentümers Wilhelm Ortlieb gegen den Eigentümer Karl Becker, beide aus Scherlanke, wurde letzterer wegen Beleidigung des ersteren mit 20 Mk. bestraft.
  14. In der Privatklagesache des Arbeiters Stanislaus Lodiga gegen den Arbeiter Anton Pilatschek, beide aus Bolewitz, wurde letzter wegen Beleidigung der Ehefrau des Privatklägers zu einer Geldstrafe von 20 Mk. verurteilt

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Quelle: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel 1903 / Ausgaben August – Dezember

Dammbruch beim Blumer See / 1906

Ruchotscher Mühle / Ausschnitt Messtischblatt - Quelle http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80

Ruchotscher Mühle / Ausschnitt Messtischblatt – Quelle http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80

Zeitungsmeldung vom 19. Oktober 1906

Der bei der Ruchotscher Mühle belegene Blumer-See, welcher zur Besitzung des Grafen Schlieffen in Wioska gehört, droht infolge eines Dammbruches auszulaufen und hat die nach der alten Mühle zu belegenen Wiesen in weitem Umkreise überschwemmt.

Trotz angestrengter Arbeit ist es bisher nicht gelungen, den Durchbruch zu stopfen und ein weiteres Auslaufen zu verhindern.

Große Mengen Heu, welche auf den überschwemmten Wiesen standen, sind vernichtet.

Im Jahr 1880 hat sich übrigens schon einmal ein ähnlicher Durchbruch am Blumer-See ereignet.

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel”

Einweihung des evangelischen Gemeindehauses in Bentschen – 1913

Bentschen - die ehemalige evgl. Kirche und das Gemeindehaus / Abb. "Zbąszyń na dawnej pocztówce"

Bentschen – die ehemalige evgl. Kirche und das Gemeindehaus / Abb. “Zbąszyń na dawnej pocztówce”

Im Neutomischeler Kreisblatt vom 03. September 1913 erschien lediglich eine kurze Meldung: ”

“Bentschen. Am Sonntag (31. August 1913) fand hier die feierliche Eröffnung des neuerbauten evangelischen Gemeindehauses statt.”

Etwas ausführlicher wurde über dieses Ereignis in der Zeitung “Ostdeutsche Warte – Nationale Tageszeitung für die Ostmark” berichtet.

Leider haben wir die Ausgabe vom Dienstag, den 2. September 1913 nur gefaltet und gelocht gefunden; beides Lochung und Falzung gehen auch durch den nachfolgenden Artikel, von uns ergänzte Worte sind kursiv geschrieben.

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Einweihung des evangelischen Gemeindehauses in Bentschen – Bentschen, 31. August.

Der heutige Tag war für unsere evangelische Gemeinde ein rechter Festtag, brachte er uns doch die langersehnte Eröffnung des neuerbauten Gemeindehauses. Fast vier Jahre hatte es gedauert, bis wir das für unsere Gemeinde so dringend notwendige Haus vor unseren Augen fertig sahen und nun heute mit Dank und Freude darin einziehen konnten.

Mehrere Pläne waren aufgestellt und wieder verworfen worden bis endlich das jetzt ausgeführte Projekt zur Annahme gelangte und die Billigung der beteiligten Behörden fand. Das äußerlich nur klein erscheinende, hinter alten Bäumen im Grünen liegende Haus steht im modernen Teil des alten Pfarrgartens an der Stelle, wo während der Kirchbauzeit vor 9 und 10 Jahren unter einem alten Nußbaum oft Gottesdienst im Freien abgehalten worden war.

Es ist in Anlehnung an den Barockstil der Kirche als Putzbau mit steilem Ziegelmansardendach ausgeführt, enthält im Erdgeschosse einen Konfirmandensaal und einen Saal für die Veranstaltungenn der kirchenlichen Jugendvereine, im Dachgeschosse ein kleineres Zimmer für kirchliche Zwecke und eine schöne sonnige Wohnung mit zwei Zimmern, Küche, Kammer und Zubehör; das Haus hat Wasserleitung und wird in allen Räumen durch Gasglühlicht erleuchtet.

Durch das Entgegenkommen der städtischen Verwaltung ist auf Kosten der Stadt vor dem Hause ein großer Kandelaber errichtet, der den Platz zwischen Kirche und Gemeindehaus jeden Abend hell erleuchtet.

Die Gesamtkosten des Hauses werden 16.000 bis 17.000 M. betragen, … der evangelische Oberkirchenrat gestiftet, 3.000 M. der Oberpräsident als zinsloses Darlehen gewährt und 7.500 M. von der Gemeinde als Darlehen aufgenommen worden sind. Dank der sorgfältigen Kassenverwaltung war dies möglich, ohne daß die Kirchensteuern erhöht zu werden brauchten. Der Rest der Baukosten ist durch Sammlungen und größere freiwillige Spenden aus der Gemeinde aufgebracht worden.

Heller Sonnenschein lag über dem Sonntage, dem schmucken Hause und der großen vielhundertköpfigen Gemeinde, die sich nachmittags um 3 Uhr auf dem Festplatze eingefunden hatte. Die Glocken läuteten, die Posaunen des Jünglingsvereins bliesen und die Gemeinde sang mit frohem Herzen ihr Loblied. In einer kurzen Rede wies der Ortspfarrer auf die Geschichte dieses Hauses hin: Erbauung durch die Gemeinde und betonte den Zweck des Hauses: Erbauung der Gemeinde, er zeigte die Bedeutung des neuen Hauses an den drei Sprüchen, die sein Inneres schmücken: die rechte Freude im Herrn für die Jugend und den rechten Frieden beim Herrn für die Alten.

Nach der Schlüsselübergabe durch den Erbauer, Baugewerksmeister Lienemann, an den stellvertretenden Vorsitzenden des Gemeindekirchenrats, Landschaftsrat v. Wenzel-Belencin, fand die Eröffnung durch den Ortspfarrer statt, worauf die Innenräume von einem Teil der Gemeinde und den Ehrengästen besichtigt wurden.

Um 4 Uhr hatten sich viele Gemeindeglieder, jung und alt zu einer Nachfeier im Adamschen Garten eingefunden. Der Posaunenchor des evangelischen Jünglingsvereins begleitete bei der Eröffnungs- und Nachfeier mit vollen Klängen die Lieder der Gemeinde, der Kirchenchor trug verschiedene Motetten vor, unter denen besonders das Lied “Jesus von Nazareth geht vorbei!”, das im Mittelpunkt der Nachfeier stand, Anklang fand. Superintendent Reisel aus Neutomischel sprach über den Zug, den die Kinder schon zum Herrn haben, und der von der Gemeinde gepflegt werden müsse, Kirche, Schule und besonders das Elternhaus haben hier große Pflichten. Pastor Moeller aus Posen sprach über ein geheiligtes gesundes frohes Jugendband an der Seite Jesu und ermahnte in warmen Worten die Jugend, Jesum als rechten Führer durch die Zweifel und sittlichen Sümpfe zu wählen. Pastor Rackow aus Tirschtiegel erzählte endlich von dem, was Jesus den Männern und Frauen und den Alten zu bieten habe, und zeigte an einigen Männer- und Frauengestalten aus der Bibel, wie Jesus jedem helfen könne und wolle. Um 7 Uhr hatte die schöne Gemeindefeier ihr Ende erreicht.

Möchte das neue Haus, das durch die Arbeit und Liebe der Gemeinde erbaut ist, nun auch die Gemeinde in ihrem inneren Leben recht aufbauen, und möchte es immer von Menschen, die helfen und sich helfen lassen wollen, voll sein.”

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Staatsarchiv Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Dora Kolisch – geboren 1887 in Neutomischel

Bildnis eines Mädchens - Dora Kolisch 1932 / http://www.museum-goerlitz.de/der-berliner-skulpturenfund-entartete-kunst-im-bombenschutt/ Anfang dieses Jahres, 2016 hat das Kulturhistorische Museum Görlitz ergänzend zu der Ausstellung über den Berliner Skulpturenfund "Entartete Kunst" im Bombenschutt die eigenen Sammlungen aufgearbeitet. Auf Befehl der nationalsozialistischen Regierung waren 1937 auch in den damaligen Städtischen Kunstsammlungen Werke von Johannes Wüsten, Fritz Neumann-Hegenberg, Dora Kolisch und Willi Oltmanns beschlagnahmt worden. Historische Fotografien haben die Kunstwerke während der Sonderausstellung abgebildet.

Bildnis eines Mädchens – Dora Kolisch 1932 / http://www.museum-goerlitz.de/der-berliner-skulpturenfund-entartete-kunst-im-bombenschutt/ Anfang dieses Jahres, 2016 hat das Kulturhistorische Museum Görlitz ergänzend zu der Ausstellung über den Berliner Skulpturenfund “Entartete Kunst” im Bombenschutt die eigenen Sammlungen aufgearbeitet. Auf Befehl der nationalsozialistischen Regierung waren 1937 auch in den damaligen Städtischen Kunstsammlungen Werke von Johannes Wüsten, Fritz Neumann-Hegenberg, Dora Kolisch und Willi Oltmanns beschlagnahmt worden. Historische Fotografien haben die Kunstwerke während der Sonderausstellung abgebildet.

Dora Kolisch, mit vollem Namen Selma Dorothea Elisabeth Kolisch, wurde am 25. September 1887 nachmittags um 12 1/4 Uhr in Neutomischel geboren. Ihre Eltern waren die Ludwig Robert Albrecht und Selma Emma Albertine geborene Weise Kolisch’schen Eheleute gewesen.

Ihr Vater, der in Neutomischel ansässige Amtsrichter, hatte ihre Geburt persönlich bei dem Standesbeamten angezeigt.

Über ihre ältere Schwester Selma Maria Henriette Catharina, geboren 1885 in Neutomischel, ist nichts weiteres bekannt.

Ihre jüngere Schwester Elisabeth Anna Bertha hingegen, hatte als Geburtsort schon Fraustadt, wohin der Amtsrichter abberufen worden, und  wohin dieser dann mit seiner Familie übersiedelt war. Elisabeth, geboren am 03. Februar 1889, hatte in der Zeit von  Oktober 1916 bis Juni 1919 ein Nadelarbeits- und Zeichenlehrerinnen Seminar an der Kunstakademie zu Breslau absolviert und war in den anschließenden Jahren als Zeichenlehrerin tätig gewesen.

Wann die Übersiedlung der Familie dann von Fraustadt nach Görlitz erfolgte ist nicht bekannt. Zum Jahr 1893 wird der  Königliche Amtsrichter  Ludwig Kolisch als ansässig in der Jakobstrasse 39 in Görlitz erwähnt. Die Anschrift in Görlitz wurde noch mehrmals gewechselt; 1896 war es die Jachmannstrasse; im Jahr 1901 findet sich im Adressbuch der Stadt, dass der nunmehrige Landgerichtsrath in der Blumenstr. 21 und ab dem 01.10.1901 im Mühlweg 11 ansässig gewesen war, ehe dann ein Umzug zum Konsulplatz No. 5 erfolgte.

Dora Kolisch studierte 1905-1908 an der Kunsthochschule in Weimar; im Anschluss daran von 1910-1912 an der Akademie München, hier unter den Künstlern Albert Weißgerber und Max Feldbauer.

Ab dem Jahr 1918 war sie als freischaffende Künstlerin in Görlitz ansässig. Hier wiederum unter der schon genannten Anschrift Konsulplatz No. 5.

Dora Kolisch galt als ein Beispiel für die damals zunehmende Arbeit von Frauen in der Kunstwelt.

Im Adressbuch der Stadt Görlitz findet sich für die Jahre 1949/1950, dass beide Schwestern unter der o. g. Adresse gemeldet gewesen waren.

Die städtische Sammlung der Stadt Görlitz ist aus dem Nachlass der Künstlerin Dora Kolisch im Besitz von ca. 150 ihrer Werke.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/); http://www.museum-goerlitz.de/der-berliner-skulpturenfund-entartete-kunst-im-bombenschutt/ – Bildveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Kulturhistorischen Museum Görlitz; Görlitzer Allgemeine v. 18. Juni 2004 No. 38; http://bbf.dipf.de; http://digital.slub-dresden.de;

“Heirat nach America” Reimann-Heller und Wohlgemuth – 1875

Die Aufgebotsunterlagen / Quelle: Staatsarchiv Poznan - http://szukajwarchiwach.pl/

Die Aufgebotsunterlagen /
Quelle: Staatsarchiv Poznan – http://szukajwarchiwach.pl/

Bridgeporter Zeitung

Deutsches Organ für Fairfield County

Jahrgang 3

Bridgeport, Conn.

Dienstag, den 12 Januar 1875

No. 5

Wie unsere Leser aus einem “Aufgebot” des Grätzer Standesamt ersehen werden, wird Herr Arthur Napoleon Wohlgemuth Correspondert der “Bridgeporter Zeitung” in kurzer Zeit sich verheirathen, wir wünschen Herrn Wohlgemuth ein glückliches Eheleben und hoffen ihn recht bald wieder mit seiner Gemahlin in unsrer Mitte zu sehen.

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Es wird zur allgemeinen Kenntniß gebracht, daß

der Zeitungs-Agent Herr Arthur Wohlgemuth wohnhaft zu Bridgeport in Nordamerika, Sohn des verstorbenen Bürgermeisters a. D. Friedrich Benjamin Wohlgemuth,

und die verwittwete Anna Emilie Heller, geborne Reimann wohnhaft zu Graetz, Tochter des Gastwirths Johann Reimann zu Kootoschia,

die Ehe mit einander eingehen wollen.

Dem unterzeichneten Standesbeamten ist ein Hinderniß dieser Ehe nicht bekannt. Etwaige auf Ehehindernisse sich stützende Einsprachen sind bei dem unterzeichneten Standesbeamten anzubringen.

Die Bekanntmachung des Aufgebots hat in der Gemeinde Graetz und durch die Bridgeporter Zeitung zu geschehen.

Graetz am 16. Dezember 1874 – Der Standesbeamte – L.S. Lauter.

***

Verhandelt Graetz d. 16. December 1874

Erschienen der Zeitungs-Agent Herr Arthur Wohlgemuth aus Bridgeport in Nordamerica, seit den 7. October sich hier aufhaltend. Derselbe übergiebt

a) einen Schein vom 22. December 1873 wonach er Nordamericanischer Bürger ist

b) seinen Taufschein, wonach er am 19 Januar 1846 hierselbst geboren ist

Taufschein Arthur Napoleon Wohlgemuth, ehelicher Sohn des Privatsecretairs Herrn Friedrich Benjamin Wohlgemuth und der Wilhelmine geb. Kühn zu Graetz im Kreise Buk wurde in der Stadt Grätz geboren am neunzehnten -19- Januar achtzehnhundert sechs und vierzig -1846- vormittags elf Uhr und erhielt die heilige Taufe am neunten -9- Februar a. g.

Die genaue Uebereinstimmung dieses Auszuges mit den betreffenden Angaben des zur hiesigen evangelisch-lutherischen Kirche gehörigen Hauptbuches der Getauften, bescheinigt pflichtgemäß und zwar allein zu nicht stempelpflichtigem Gebrauche

Grätz, den 25ten Januar 1870 – Der Pastor Fischer

die verwittwete Frau Anna Emilie Heller geborne Reimann, hier wohnhaft. Dieselbe übergiebt:

a) ihren Taufschein wonach sie am 25. August 1832 in Owinsk geboren ist

Anna Emilie Reimann, Tochter des Kammerdieners Johann Christian Reimann u der Charlotte Grich in Owinsk, wurde am 25ten – fünf u zwanzigsten August 1800 u zwei und dreißig geboren u am 16ten sechszehnten Septbr c. a. hier getauft

Solches wir hiermit bescheinigt – Mur. Goslin den 1ten Septbr. 1846 – Scharffenorth – Prediger

b) den gerichtlichen Trauschein vom 14 December 1874

Trauschein für die Wittwe Emilie Heller aus Graetz – II. A No 270 H. 322

Daß von Seiten des unterzeichneten Gerichts gegen die (anderweite) Verehelichung der Wittwe Emilie Heller aus Graetz obervormundschaftlich nicht zu erinnern ist, wird hierdurch bescheinigt.

Grätz, den 14ten Decber 1874 – Königl. Preuß Kreis-Gericht”

und bemerkt, daß die die Genehmigung ihres Vaters aufbringen wird

Meiner Tochter der verwittweten Emilie Heller, geborne Remann in Graetz, erthiele ich hierdurch zur Verheirathung mit dem Herrn Arthur Napoleon Wohlgemuth meine väterliche Einwilligung.

Krotoschin, den 19ten December 1874

                Vater jetzt Gastwirth zu Krotoschin

Beide Comparenten erklären, daß sie die Ehe mit einander eingehen wollen und bitten das Aufgebot zu veranlassen. Herr Wohlgemuth wir die nach § 30 des Gesetzes von 9. Maerz 1874 erforderliche Bekanntmachung in die Bridgeporter Zeitung selbst zur Aufnahme absenden …

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Die Eheschliessung erfolgte unter dem 04. Februar 1875

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Angemerkt sei zu diesen Transkriptionen noch, das die Braut und auch deren Vater mal mit dem Geburts- bzw. Zunamen Remann aber auch mit Reimann in den Eintragungen genannt wurden; wobei Reimann mehrheitlich verwendet wurde.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/);

Grabsteine Friedhof Boruy – Hoffmann und Haeusler 1867-1903

Die Erinnerungstafel an Wilhelm und Paul Hoffmann (lt. StA-Eintrag starb Paul am 29. Mai 1903) / Photo: Przemek Mierzejewski

Die Erinnerungstafel an Wilhelm und Paul Hoffmann (lt. StA-Eintrag starb Paul am 29. Mai 1903) / Photo: Przemek Mierzejewski

Hier ruhen in Gott meine vielgeliebten Gatten

Wilhelm Hoffmann – geb. d. 22. März 1867,  gest. d. 11 März 1900                                               
Paul Hoffmann -geb. d. 26. Juni 1875, gest. d. 28. M…
Ruhet sanft !
2. Makkabäer – Kapitel 12,45 -
Die, so im rechten Glauben sterben, haben Freude und Seligkeit zu hoffen
 

In Boruy lebten die Schwestern Rosina Dorothea (geb.  05. Okt 1835), Johanna Wilhelmine (geb. 15. September 1840) und  Johanna Louise (geb. Juli 1848) Redlich. Erstere ehelichte Johann Gottfried Haeusler, die zweite Johann Wilhelm Hoffmann und die dritte Johann August Wilhelm Reich.

Wie es seinerzeit üblich war, wurde innerhalb der Familienclans immer wieder geheiratet und Cousinen und Cousins wurden zu Eheleuten.

Die Eheschliessungen der Redlich-Schwestern

Die Eheschliessungen der Redlich-Schwestern

Carl Heinrich Wilhelm (geb. 22. März 1867) und Paul Gustav (geb. 23. Jun 1875) Hoffmann waren Brüder und die Söhne der Johann Wilhelm und Johanna Wilhelmine geb. Redlich Hoffmann’schen Eheleute.

Beide ehelichten, ersterer im Jahr 1899, zweiter im Jahr 1900 ihre Cousine Auguste Emilie geborene Reich.

Sie war die Tochter der dritten Redlich Tochter Johanna Louise welche Johann August Wilhelm Reich aus Marianowo geheiratet hatte.

Der stark beschädigte Grabstein des Wilhelm Häusler / Photo: Przemek Mierzejewski

Der stark beschädigte Grabstein des Wilhelm Häusler / Photo: Przemek Mierzejewski

Der sehr stark beschädigte Grabstein des Wilhelm Haeusler, geboren am 24. März 1856 in Boruy gehört ebenfalls in diese miteinander verwobenen Familien.

Er war der Sohn der Johann Gottfried und Rosina Dorothea geb. Redlich Haeusler’schen Eheleute.

Im Jahr 1896 hatte er seine Cousine Bertha Emma Hoffmann (geb. 09. Juli 1869), Tochter der schon oben genannten  Johann Wilhelm und Johanna Wilhelmine geb. Redlich Hoffmann’schen Eheleute geheiratet.

Sein genaues Sterbedatum war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrages noch nicht bekannt.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/);

Grabsteine Friedhof Boruy – Auguste Adam geborene Noack 1852-1895

Der einstige Grabstein der Auguste Adam geb. Noack / Photo: Przemek Mierzejewski

Der einstige Grabstein der Auguste Adam geb. Noack / Photo: Przemek Mierzejewski

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meine liebe Frau, unsere gute Mutter
Auguste Adam – geb. Noack
geb. d. 8 Jan. 1852 – gest. d. 6 Juli 1895

Die erste Zeile der Inschrift war leider nicht mehr zu entziffern.

In den Eintragungen der Aufgebote der evangelischen Kirche zu Boruy vom November 1874 fand sich auch der des Junggesellen Johann Dienegott Adam, Eigenthümer in Dorf Boruy, Sohn des verstorbenen Eigenthümers Friedrich Adam daselbst und der Jungfrau Henriette Auguste Noack in Deutsch-Böhmisch, Tochter des Eigenthümers und Müllermeisters Christian Noack ebendaselbst.

Johann Dienegott Adam war am 09. Juni 1841 zu Dorf Boruy als Sohn des schon genannten Johann Friedrich Adam und dessen Ehefrau Maria Elisabeth geborene Schulz zur Welt gekommen; Henriette Auguste Noack, geboren am 08. Januar 1852, wiederum war die Tochter von Johann Christian Noack und dessen Ehefrau Johanna Beate geborene Kazur, welche in Deutsch Böhmisch ansässig gewesen waren.

Als Kinder des Paares wurden notiert: 1875 Carl Wilhelm, 1879 Auguste Henriette, 1881 Erdmann Heinrich, 1883 Maria Bertha, 1884 Paul Dienegott Gustav, 1887 Emil August

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Johanne Beate Schulz geborene Noack – sh. Artikel Grabsteinstein Friedhof Boruy – Angehörige der Familie Schulz 1848-1917 – http://hauland.de/grabsteine-friedhof-boruy-angehoerige-der-familie-schulz-1848-1917/ – war eine Schwester der hier einst zur letzten Ruhe Bestatteten.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/); Familienarchiv des >Marcus< (https://ahnensuche.wordpress.com/)

Gebäude der Stadt – No. 47 von einer Schuhmacherwerkstatt zur Apotheke und den Apothekern der Stadt

Die No. 47 als rotes Gebäude links im Bild - Karte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Die No. 47 als rotes Gebäude links im Bild – Karte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Im Jahr 1836 gehörte das Hausgrundstück der No. 47 Am Neuen Markte Christian Scheibe. Als die Beschreibung der Provinzialfeuerversicherung erstellt wurde, wurde das Alter des Gebäudes mit “etwa 13 Jahre alt” angegeben. Somit ist es auch ein Haus welches nach dem Stadtbrand im Jahr 1822 neu erbaut worden war.

Das Hauptgebäude hatte mit einer Länge von 56 Fuß zum Neuen Markt gestanden, hatte eine Tiefe von 35 Fuß und eine Höhe von 9 Fuß gehabt (ca. 17,00×11,00×2,70m), die “äußeren Wände waren von Ziegeln” welche 1,5 Fuß stark mit Kalk verputzt gewesen waren. Das Haus war mit einem stehenden Dachstuhl gebaut worden; das Dach war mit Biberschwanzziegeln eingedeckt gewesen. Mit seinen Giebeln stieß das Gebäude direkt an das linke und rechte Nachbargebäude.

Das Innere des Hauses war über zweiflügelige Türen von der Markt und auch von der Hofseite zu erreichen gewesen. Dort befanden sich 4 Stuben, 2 Kammern und 1 Rauchkammer, welche über zwei Flure zu erreichen gewesen waren. Alle Räumlichkeiten hatten insgesamt über 11 Türen und 8 Fenster verfügt; von letzteren waren 4 vierflügelig, 2 zweiflügelig und wiederum 2 einflügelig gewesen. Das Haus wurde über 2 “Ofen von Kacheln” beheizt. Die schon erwähnte Rauchkammer war, wie der Schornstein und die Feueressen auch, “von Ziegeln” gewesen.

An der hinteren Seites des Hauptgebäudes schloss sich ein 13 Fuß langer, 6 Fuß breiter, 7 Fuß hoher (ca. 4,00×1,80×2,10m), mit einem Ziegeldach versehener Fachwerkanbau an. Dieser war um 1827 errichtet worden.

Ebenfalls um das Jahr 1827 war das Hinterhaus gebaut worden. Das Fachwerk des freistehenden Gebäudes war mit Lehm ausgefüllt gewesen, die Giebel mit Brettern verschlagen. Das Dach war zu einer Hälfte mit Ziegeln und mit der anderen mit Schindeln eingedeckt gewesen. Im Gebäude hatte sich 1 Stube mit 2 zweiflügeligen Fenstern befunden. Das Zimmer war über 1 Flur zu erreichen gewesen. Beheizt worden war das Gebäude mit einem Kachelofen. Ebenso befand sich im Gebäude der Stall.

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Das Gebäude, ehemals No. 47 im Jahr 2006 / Aufn. PM

Das Gebäude, ehemals No. 47 im Jahr 2006 / Aufn. PM

Im Jahr 1836 lebte ein Johann Christian Scheibe, geboren um das Jahr 1787 herum als Bürger und Schuhmacher in Neu Tomysl. Auch seine Eltern, wiederum ein Christian Scheibe, welcher das Handwerk des Schuhmachers ausgeübt hatte, (verstorben 1808), und Maria Elisabeth geborene Zimmermann (verstorben 1825) waren schon in der Stadt ansässig gewesen. Im Jahr 1806 hatte er Johanna Carolina Wilhelmine Rösch geehelicht. Sie war circa 1787 als Tochter des Carl Wilhelm Rösch, einem Sattlermeister in Neu Tomysl, und dessen Ehefrau Rosina Friederike geborene Wagner zur Welt gekommen.

Von beiden Familien ist weder bekannt wann sie sich in der Stadt niedergelassen haben noch von wo sie zugezogen sind; Geburtseinträge wurden nicht gefunden.

Das Paar bekam in den Jahren 1807 bis 1831 dreizehn Kinder. 1843 verstarb Johann Christian Scheibe, 1860 Johanna Caroline Scheibe geborene Rösch. Im Toteneintrag letzterer ist angemerkt, dass sie 2 majorenne Kinder hinterließ.

Da nicht für alle Kinder Lebensdaten aus Kirchenbüchern und anderen Unterlagen ermittelt oder zweifelsfrei zugeordnet werden konnten, ist es nur eine Vermutung, dass es sich bei den hinterlassenen Kindern um zwei verheiratete Töchter gehandelt hat, welche nicht mehr den Familiennamen Scheibe führten und schon vor dem Jahr 1843 das Elternhaus verlassen hatten.

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Aus Unterlagen des Jahres 1846 ist bekannt, dass im Hinterhaus der No. 47 der Apotheker ansässig gewesen ist. Wir sind also das noch erhaltenen Archivmaterial nach den Einwohnern der Stadt durchgegangen, bei welchen die Berufsbezeichnung Apotheker verwendet worden war.

Das Bild, welches sich ergab ist lückenhaft, zeigt aber dennoch die Entwicklung der Stadtapotheke.

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Häuserzeile am ehemaligen Neuen Markt, heute Plac Niepodległości / Aufn. KM

Häuserzeile am ehemaligen Neuen Markt, heute Plac Niepodległości / Aufn. KM

Die älteste Nennung findet sich für Johann Friedrich Jona oder auch Jone. Er wurde als Apotheker und Kämmerer der Stadt benannt. Er war in 1ster Ehe mit Justina Christine Helene geborene Kulau verheiratet. 1793 wurde eine Tochter geboren, welche im Jahr 1807 verstirbt. Justina Christina Helena selbst verstarb im Jahr 1795 in Neu Tomysl; rückgerechnet anhand des im Toteneintrag genannten Alters war sie um 1770 herum geboren worden. Wann das Paar in die Stadt kam oder auch woher ist nicht bekannt. Als 2te Ehepartnerin fand sich Johanna Friederike geborene Rösch. Sie war eine Schwester der Johanna Caroline verehelichte Scheibe geborene Rösch gewesen. Wann oder wo die Ehe geschlossen wurde ist nicht bekannt. Im Jahr 1802 wurde die Tochter Friederike Caroline geboren. Johanna Friederike verstarb im Jahr 1804 in Neu Tomysl, wiederum rückgerechnet wurde sie um das Jahr 1778 geboren. Als 3te Ehefrau fand sich Maria Juliane Franziska Beilitz (?). Mit dem Geburtseintrag des gemeinsamen Sohnes Friedrich Robert aus dem Jahr 1817 enden die Aufzeichnungen zu dem Apotheker Johann Friedrich Jona/Jone.

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Der Nachfolger könnte George Friedrich Karstan, Apotheker zu Neu Tomysl, gewesen sein. Es fand sich zur Familie lediglich ein Geburtseintrag des Sohnes Albert Theodor aus dem Jahr 1820. Als Mutter bzw. Ehefrau ist Justina Charlotte geborene Troschel genannt worden.

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Wiederum als Nachfolger kommt dann Friedrich Wilhelm Sperling als Apotheker zu Neu Tomysl in Frage. Er war um das Jahr 1796 herum geboren worden; er konnte allerdings keiner “stadtbekannten” Sperling Familie zugeordnet werden. Im Jahr 1831 heiratete er die Johanna Carolina Lehmann. Sie war 1811 in Neu Tomysl als Tochter des Schmieds Martin Lehmann und dessen Ehefrau Anna Maria geborene Schmidt zur Welt gekommen. Das Paar bekam in den Jahren 1832-1835 zwei Mädchen und einen Jungen ehe jegliche Aufzeichnungen enden.

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1837, so die Publikationen über Friedrich August Otto Kliche, (http://hauland.de/friedrich-august-otto-kliche-geboren-29-juli-1808/#more-14910) erwarb dieser die Apotheke in Neutomischel von dem Apotheker Sperling. Welche er aber bereits 1840 wieder veräußerte.

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Die ehemalige Apotheke / Aufn. KM

Die ehemalige Apotheke / Aufn. KM

Als weiteren Apotheker gab es Johann Louis Bertin. Er war circa 1797 in Berlin geboren worden und mit Henriette Pilz, welche um 1797 herum in Grünberg geboren worden war, verheiratet gewesen. Das Paar hatte in Tirschtiegel gelebt und dort in den Jahren 1824-1834 acht Kinder bekommen. Beide, Johann Louis Bertin und Henriette Dorothea Bertin geborene Pilz verstarben in den Jahren 1880 und 1881 in Neu Tomysl. Auch Ihre unverehelichten Töchter Johanna Maria Dorothea Eleonore, geb. 1824 und Emma Ottilie geb. ca. 1828 verstarben in der Stadt, letztere im Jahr 1899, erstere im Jahr 1908.

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Im Aufgebot des Jahres 1841 wurde dann auch erstmals der Apotheker Eduard Gottlieb Weiss als ansässig in der Stadt genannt. Er war 1812 im Kapontker Hauland als Sohn des Schulhalters Benjamin Gottlieb Weiss und dessen Ehefrau Johanna Beate Friederika Fechner geboren worden. Verheiratet gewesen war er mit der um 1821 herum in Züllichau geborenen Leontine Wilhelmine Agnes Eckstein. 1888 verstarb Leontine Wilhelmine Agnes Weiss geborene Eckstein in Neutomischel und Eduard Gottlieb Weiss 1891 ebenda.

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Eingeschoben werden muss hier der Apotheker Vité. Über ihn waren keine weiteren Einzelheiten in Erfahrung zu bringen. Erwähnt wurde er im Jahr 1895 als Selbstständiger und 1904 in Verbindung mit der “Glühkörperexport-Gesellschaft”.

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Nichts genaues ist von und über Ludwig Gerson bekannt. Im Jahr 1863 galt er als der Apotheker der Stadt. 1908 wurde er als Mitglied des Medizinalkollegiums der Provinz Posen genannt. Letztlich wurde in der Apotheker Zeitung des Jahres 1911 bekannt gegeben, dass der Apotheker Gerson seine Apotheke an den aus Culm in Westpreussen stammenden Apotheker Donner verkauft habe.

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1912 wird dann entsprechend Hugo Donner als Apotheker in Neutomischel genannt. Seinen Wohnsitz hatte er wiederum im Haus mit der No. 47 am Neuen Markt.

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Fortsetzung folgt

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: 1) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/): Stadtakten / Beschreibung sämtlicher Gebäude in der Stadt Neu Tomysl; 2)Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

 

Friedrich August Otto Kliche – geboren 29. Juli 1808

Evangel. Kirche in Rakwitz; erbaut 1662, Turm von 1781 - Zeitschrift für Bauwesen Jhrg. 70 /1920 - http://www.dbc.wroc.pl/dlibra

Evangel. Kirche in Rakwitz; erbaut 1662, Turm von 1781 – Zeitschrift für Bauwesen Jhrg. 70 /1920 – http://www.dbc.wroc.pl/dlibra

Am 27. September 1817 verordnete König Friedrich Wilhelm III., er hatte das landesherrliche Kirchenregiment in seiner Eigenschaft als summus episcopus inne, die Vereinigung der reformierten und lutherischen Gemeinden zu einer unierten Kirche in Preußen. Er führte eine neue Agende (Gottesdienstordnung) ein, und in den folgenden Jahren erfolgten Maßnahmen zur Umsetzung dieser, wozu auch gehörte, dass Geistliche einen “Unionrevers” unterzeichnen mussten.

Einige Pastoren widersetzten sich den Anordnungen. Es bildete sich die “evangelische lutherische Kirche in Preußen” aus dieser Bewegung heraus. Die “Altlutheraner“, wie man sie nannte, wurden jedoch als Aufrührer und Separatisten bezeichnet, Pastoren wurden suspendiert und verfolgt, es kam zu gewalttätigen Militäraktionen gegen Gläubige.

Durch die immer größer werdenden Bedrückungen begannen ab dem Jahr 1836 Auswanderungen unter den schwierigsten Bedingungen, denn zur Verhinderung dieser, erließ die Regierung fast nicht erfüllbare Vorschriften; angeführt sei hier “Um des Glaubens Willen nach Australien”.

Eben in jener Zeit des Umbruchs lebte Friedrich August Otto Kliche.

Der nachfolgende Bericht über sein Leben mag heute etwas theatralisch, etwas sehr prosaisch wirken, er zeigt aber auch die Zerrissenheit und die Schwierigkeiten im Leben mit welchen sich unsere Vorfahren auseinander zu setzen hatten.

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“Friedrich August Otto Kliche (geboren 29. Juli 1808)

Immer kleiner wird das Häuflein derer, welche in den Bekenntnisschlachten der dreißiger Jahre gelitten, gekämpft, geseufzt und gebetet haben. Die meisten Führer sind entschlafen. Aber auch aus der Zahl derer, die als stützende Hände der Diener am Wort ihren treuen Dienst gethan, sind viele abgerufen. Manche Gemeinde hat schon den letzten der “Alten” zur Ruhe geleitet. Nur wenige stehen da und dort noch über dem jüngeren Nachwuchs, wie jene alten Samenfichten, die man über der jüngeren Schonung stehen läßt. Die sollen wir recht in Ehren halten und von ihnen Zeugnis geben, wenn sie der Baumeister im Himmel zum oberen Tempel haben will. Der alte Vater Kliche ruht nun von allem Kampf, von aller Angst und Unruhe der Zeit, am Tische der ewigen Güter. Die lieben Kinder des Heimgegangen haben dem Schreiber dieses gestattet, von ihres teuren Vaters Leben zu berichten. Derselbe thut dies auch als sein langjähriger Seelsorger mit Freuden und mit dem Wunsche, daß es ihm gelingen möge, einfach, schlicht und wahr, wie von Christenleben beschrieben werden muß, zu erzählen.

Rakwitz, nördl. Seite des Marktplatzes - Postkartenausschnitt

Rakwitz, nördl. Seite des Marktplatzes – Postkartenausschnitt

Am 29. Juli 1808, also in der Zeit der tiefsten Erniedrigung unseres Vaterlandes, wurde er als das achte Kind des Pastors Andreas Ehregott Kliche in Rackwitz in der Provinz Posen und dessen Ehefrau Johanna Sophie Charlotte geb. Anders, Tochter des Forstmeisters Anders in Polkwitz in Schlesien, geboren. Dieser Pastor Kliche hatte in Leipzig studiert und wurde nach Ablegung der nötigen Prüfungen im Jahre 1793 nach damals häufig vorkommenden Brauch zunächst in seiner Vaterstadt Birnbaum als Kantor, dann als Rektor und Frühprediger angestellt. Nachdem er dieses Amt 14 Jahre verwaltet hatte, erhielt er 1807 die Pfarrstelle Rackwitz, wo er auch bis zu seinem 1847 erfolgten Heimgang seinem Amte oblag.

Er war ein ernster Mann, der auf Zucht und Ordnung in Haus und Gemeinde hielt. Erst allmählich erkannte er wohl, daß allein aus Christo dem Gottessohne die wahren Lebenskräfte fließen. Auch die Mutter war eine willensstarke Frau, welche bei aller Strenge, mit der sie jugendliche Unart strafte, dennoch nicht nur die innigste, hingebenste Liebe ihrer Kinder besaß, sondern auch in der Gemeinde zu hoher Achtung stand.

Die Jugend des Heimgegangenen fiel in die Zeit der Erhebung Preußens gegen Napoleon und sind manche Momente derselben ihm außerordentlich frisch im Gedächtnis geblieben. So erzählte er, wie sein Großvater mütterlicherseits, der nach seiner  Pensionierung zu seiner einzigen Tochter nach Rackwitz gezogen war, einst auf seinem Lehnstuhl sitzend, die vor den Fenstern des am Marktplatz gelegenen Pfarrhauses mit klingendem Spiel aufziehende Wachtparade des dort garnisonierenden russischen Regiments hörend, sich von seinen Kinder nach dem Fenster führen ließ. Lange betrachtete der alte Soldat das militärische Schauspiel mit aufmerksamem Auge. Dann winkte er nach seinem Lehnstuhl zurück und schlief gleich darauf sanft ein für die Ewigkeit.

In demselben Augenblick spielte der Enkel mit der Taschenuhr des Großvaters, zog sich unvorsichtig auf, und – knacks, springt die Feder. Als der Knabe erschreckt sah, was geschehen war, hörte er die Eltern sagen, daß der Großvater todt sei.

Gar lebendig wußte Kliche aus diesen seinen Knabenjahren, aus der Zeit der Befreiungskriege zu erzählen. Lebhaft erinnerte er sich der Kosaken und Baschkieren, eines damals noch mit Bogen und Pfeilen bewaffneten Volksstammes. Zwar blieb das Pfarrhaus gewöhnlich von Einquartierung frei. Oefter aber geschah es doch, daß ein höherer Offizier dort sein Quartier nahm. So logierte dort auch der damalige Kronprinz von Schweden, Bernadotte, der Schwede Marschall Sledingk, auch der älteste Sohn des Marschalls Blücher. Ueber Bernadotte schreibt in einem Briefe der Pastor Kliche: “Der Kronprinz, achtundvierzig Jahre alt, hat viel Einnehmendes; mit französischer Lebhaftigkeit verbindet er doch einen gewissen Ernst, so daß sein Aeußeres mehr einen Staatsmann als einen General anzukündigen scheint.”

Rakwitz, östliche Seite des Marktplatzes - Postkartenausschnitt

Rakwitz, östliche Seite des Marktplatzes – Postkartenausschnitt

Nach der nötigen Vorbildung durch den Unterricht des Vaters trat der Heimgegangene im Jahre 1822 mit 14 Jahren in der Apotheke zu Driesen als Lehrling ein. Ob er diesen Beruf mehr aus eigenem Antrieb oder auf den Rat der Eltern ergriffen, ist nicht zu entscheiden, doch scheint das letztere wahrscheinlicher.

Der 8 Jahre ältere Bruder studierte Theologie, und so mag es wohl den Eltern, welche kein Vermögen besaßen, zu schwer erschienen sein, auch diesen Sohn studieren zu lassen. Daß er aber gerade den Apothekerberuf wählte, mag wohl seinen Grund in den öfteren Besuchen einer Tante namens Keßler gehabt haben. Deren Bruder besaß in Potsdam eine Apotheke und gehörte wie seine Schwester einer strenggläubigen Richtung an, jedenfalls eine Seltenheit in der damals noch so seichten rationalistischen Zeit. Derselbe pflegt jeden Lehrling oder Gehilfen, der in sein Geschäft eintrat, zu einem in der Apotheke befindlichen Kruzifix zu führen und zu ihm zu sprechen: “Wenn Sie den vor Augen und im Herzen haben und so handeln werden, wie Sie es vor dem verantworten können, so werden wir gute Freunde bleiben.”

Bis zum Jahre 1824 lernte nun unser Kliche in Driesen. Als sein Chef die dortige Apotheke verkaufte, lernte er den Rest der Lehrzeit in Poln.-Lissa, woselbst er auch 1827 Gehilfe wurde. Er konditionierte dann in Ostrowo, wo er auch bei Gelegenheit der polnischen Revolution von 1830 den späteren General-Feldmarschall Wrangel häufig sah und von seinem Verwandten, in dessen Hause derselbe in Quartier lag, hörte, daß Wrangel Abends und Morgens laut bete. Dann trat er in Posen bei dem Medizinal-Assessor Bergmann ein. Seine ältere Schwester war dort an den Oekonomie-Kommissarius Clemens verheiratet, in dessen Haus er fast ausschließlich verkehrte.

Im ersten Jahre seiner Anwesenheit dort kam die Cholera zum ersten Mal nach Deutschland und fast zuerst nach Posen. Die Angst und der Schrecken, welche diese damals ganz unbekannte Epidemie verbreitete, war so groß, daß es fast nicht möglich war, die Menge der Rezepte anzufertigen. Tag und Nacht, fast ohne Unterbrechung, wurde gearbeitet und so kam es denn, daß unser Kliche eines Tages ohnmächtig am Rezeptiertisch zusammenbrach. Alle glaubten, daß ihn die Cholera ergriffen habe; doch es war nur die übermäßige Anstrengung. Wenige Tage darauf konnte er wieder seinem Berufe nachgehen.

Nachdem er im Jahre 1831 in Berlin studiert hatte, wo er sich mit seinem geringen Mitteln sehr einzuschränken lernen mußte, legte er sein Staatsexamen mit der Note “Gut” ab. Kurze Zeit hätte er die Apotheke zum Weißen Adler in Posen verwaltet, als ihn der Rat des ihm freundlich gewogenen Medizinal-Assessors Bergmann bestimmte, die Administration der Wehrmeister’schen Apotheke in dem kleinen Städtchen Pinne zu übernehmen.

Rakwitz, westl. Seite des Marktplatzes - Kohte "Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz Posen"

Rakwitz, westl. Seite des Marktplatzes – Kohte “Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz Posen”

Dies kleine Städtchen sollte sein Bethlehem werden, indem der Geruch des Lebensbrotes ihn für immer an die Krippe Jesu fesselte. Wie die alten Römer in ihren eroberten Ländern von Höhe zu Höhe Wartthürme anlegten, um die Völker daran zu erinnern, daß sie eines Höheren Beute geworden, so gab es auch damals geistliche Wartthürme, auf deren Spitze die Fahne Christi wehte, den meisten zum Aergernis, manchem müden Pilger aber zu Trost und Kraft. ein solcher Wartthurm war das Haus des Herrn von Rappart, des Besitzers der großen Herrschaft Pinne. Das Rappart’sche Ehepaar war eins geworden im lebendigen Glauben an Christum wie in der Liebe zu ihm und allen, die ihn gefunden oder ihn noch suchten. Frau v. Rappart war eine Mutter aller Armen und Notleidenden, eben so gerne bereit, den leiblichen wie den geistigen Hunger zu stillen. Allezeit fand man dort fromme Christen, die es manchmal aus weiter Ferne in dies Haus des Friedens zog, besonders auch gläubige Pastoren. Dort fand auch unser Kliche herzliche Aufnahme.

Einst kam Missionar Hendeß dorthin und erzählte gelegentlich in lebendiger Weise die Geschichte von dem seligen Tode eines Mädchens. Dieselbe bewegte unsern Kliche bis ins innerste seiner Seele. Zwar war er stets ein ernster Jüngling gewesen, der sich von groben Sünden rein zu halten suchte; doch fühlte er damals deutlich, daß äußere Gerechtigkeit, die doch mehr oder weniger nur Schein und Täuschung ist, zum seligen Sterben nicht ausreicht. Er besuchte von da an regelmäßig die Abendstunden, die der bekannte hochbegabte Pastor Fritzsche, der später nach Australien auswanderte, im Schloß zu Pinne hielt. Da wuchs in ihm von Tag zu Tag das neue Leben und des heiligen Windes Strom trieb ihn bald von der breiteren Straße allgemeiner Frömmigkeit auf den schmalen Dornensteig des genau umgrenzten Bekenntnisses. Mit welchem jugendlichen Feuer wußte unser lieber Kliche von jener ersten bräutlichen Zeit zu erzählen, wie leuchteten, wenn er davon sprach, die blauen Augen in ganz besonderem Glanz !

So lange er lebte, gedachte er mit der innigsten Liebe seines ersten Seelsorgers; ja noch auf seinem Sterbebette sprach er von ihm mit der rührendsten Dankbarkeit und freute sich, ihm nun bald die Hand drücken zu können. Manche liebe Bekannte lernte er in jenen Jahren im Rappart’schen Hause kennen, wie zum Beispiel den späteren General von Sommerfeld, der als Glied der lutherischen Gemeinde in Fraustadt starb, besonders den damaligen Gutsbesitzer Zahn auf Turowo bei Posen, dessen Haus allezeit während der Verfolgungen eine Heimstätte für manchen flüchtigen Pastor gewesen ist. So schwer ihm auch äußerlich fortan seine Stellung in Pinne gemacht wurde, so kostete es ihn doch einen harten Kampf, den für ihn zum Bethel gewordenen Ort zu verlassen. Doch es mußte sein.

Zu Neujahr 1833 übernahm er die Administration der Apotheke seiner Vaterstadt Rackwitz. Da er sich gleich nach seiner Bekehrung entschieden zum lutherischen Bekenntnis wandte, so warteten seiner hier schwer innere und äußere Kämpfe, da sein Vater, wenn auch mit Widerstreben, die neue Agende angenommen hatte.

Derselbe saß eines Tages, seine Pfeife rauchend, an seinem Schreibtisch, als ihm ein Schreiben des Posener Konsistoriums zukam, welches aufs bestimmteste ihn aufforderte, sofort die neue Agende, gegen welche er sich bis dahin gesträubt hatte, in Gebrauch zu nehmen. Darüber war er so bestürzt und empört, daß er die Pfeife aus dem Munde reißend und an die Erde schleudernd, rief: “Was, man will uns also wirklich unser lutherisches Bekenntnis nehmen!”

Bei der zärtlichen Liebe des Sohnes zu den Eltern war es ihm täglich ein Pfahl im Fleische, von den Seinigen kirchlich getrennt zu sein; denn auch seine Geschwister hatte er stets herzlich lieb.

Eines Tages kam seine Mutter eilig in die Apotheke und erzählte ihm, daß er in allernächster Zeit eine außerordentliche Revision zu erwarten habe, da die Regierung in Posen erfahren hätte, daß er Lutheraner sei. Zum Staunen der Mutter rührte ihn diese Nachricht sehr wenig; er beruhigte sie mit der Versicherung, daß die Apotheke jederzeit im revisionsfähigen Zustand sei und dieselbe doch mit seinem Glauben nicht zu thun habe, worauf die Mutter, seufzend und die Hände zusammenschlagend, ausrief: “Otto, du bist mir ein Rätsel!”.

So mußte sie doch wohl die allgemeine Meinung geteilt haben, daß das Luthertum mit einer klaren Erfassung des irdischen Berufs unvereinbar sei. Noch an demselben Tage kam der Revisor und trat auffallend hart und barsch auf; doch fand er nichts Tadelnswertes und das aufgenommene Protokoll fiel sogar vorzüglich aus. Der revidierende Kreisphysikus wurde sehr freundlich und gestand ihm zuletzt, er habe ausdrücklich den Auftrag gehabt, recht scharf vorzugehen, nun freue er sich um so mehr, daß er nicht nur nichts zu tadeln, sondern nur zu loben habe. Beim Abschied sprach er die Bitte aus, das viele Beten doch zu lassen und vor allem die Gemeinschaft mit den Lutheranern zu meiden. Obgleich ihm erwidert wurde, daß er hier keinen Gehorsam erwarten dürfe, blieb doch der Betreffende allzeit freundlich gesinnt, so daß er der dortigen Apotheke die Lieferung der Arzneien für die 4 Meilen entfernte große Domäne Samter zuwandte, auch beim Abgange aus Rackwitz unserm Kliche ein ehrenvolles Zeugnis gab.

Damals war es, als in ihm der Wunsch rege wurde, seinen Beruf zu verlassen und Missionar zu werden. So trat er in das Berliner Missionshaus ein, blieb aber in demselben nur 1 1/2 Jahre, da er einsah, daß ihn Gott der Herr nicht zu diesem Berufe bestimmt habe. Beim Abgang von da erhielt er von dem General von Gerlach ein Zeugniß, in welchem seine große Pflichttreue gerühmt, zugleich aber gesagt wurde, daß er die Anstalt auf eigenen Wunsch wieder verlasse, weil er einzusehen glaube, nicht zum Missionar zu taugen. Während diese Berliner Aufenthaltes war er in nähere Beziehungen sowohl zu Vater Gaßner, als auch zu dem weithin bekannten frommen Baron von Kattwitz getreten, welch’ letzteren er besonders oft besuchte.

Stammbaum der Familie Kliche - GT

Stammbaum der Familie Kliche – GT

Nach kurzem Aufenthalt in seinem elterlichen Hause machte er mit einem Freunde eine Reise nach dem südlichen Rußland bis 90 Werst hinter Kiew. Auf derselben hat ihn der Herr aus einer großen Lebensgefahr wunderbar errettet.

Noch in demselben Jahre trat er in der Hofapotheke zu Glogau als erster Rezeptar ein. Da er wenig oder gar keinen ihm innerlich zusagenden Umgang hier fand, so besuchte er öfter in seiner freien Zeit den damaligen Wirtschaftsinspektor Schubert in Brieg bei Glogau, den auch vor nicht langer Zeit bereits in seines Herrn Haus gerufenen Gutsbesitzer in Grunau bei Poln.-Lissa. Mit ihm schloß er innige Freundschaft, die er demselben bis ans Ende bewahrte. Wenn auch im späteren Leben selten, so sahen sie sich doch noch einige Mal, zuletzt im Jahre 1882 in Neutomischel, wo Schubert wenige Monate vor seinem Heimgange nach Schluß der letzten Generalsynode bei seiner Enkeltochter zum Besuch weilte.

Wie mögen damals die alt gewordenen, innerlich aber jung gebliebenen Emmauspilger im Schein der Abendsonne ihre irdischen Lebens der früheren Tage gedacht haben, da sie nun innerlich und äußerlich gesegnet mit Abraham im Hinblick auf Kinder und Kindeskinder sprechen konnten: “Nun sind wir zwei Heere geworden.”

Im Jahre 1837 kaufte Kliche die Apotheke in Neutomischel

 * * *

Fortsetzung folgt

 * * *

Ein besonderer Dank geht an Herrn D. Maennel für die Übersendung des Beitrages der Kirchenzeitung

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Kirchenblatt No. 11 / 01. Juni 1885; No. 12 / 15. Juni 1885; Personenstandsunterlagen Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

 

 

 

Die “alte” evangelische Kirche zu Grätz ist baufällig / 1901

Postkartenausschnitt der "alten" ehemaligen evgl. Kirche zu Grätz, Photos wurden leider bis jetzt nicht gefunden

” Postkartenausschnitt der “alten” ehemaligen evgl. Kirche zu Grätz, Photos wurden leider bis jetzt nicht gefunden

Zeitungsmeldung vom 22. Februar 1901

“Die oberen Räume in der evangelischen Kirche wurden baupolizeilich gesperrt, weil die Tragfähigkeit der Säulen für eine größere Anzahl von Personen nicht mehr ausreicht.”

Zeitungsmeldung vom 15. Mai 1901

Grätz – In der hiesigen evangelischen Kirche wurden vor Kurzem die oberen Räume im Interesse der öffentlichen Sicherheit geschlossen. Da die Nothwendigkeit eines Neubaues damit dargethan war, beschloß der Kirchenrath einstimmig, die in der Mitte des Neuen Marktes stehende alte Kirche abzubrechen und auf derselben Stelle, die als günstigste anerkannt wurde, eine neue zu errichten.”

* * *

Die Einweihung des Neubaues wurde für 30. Mai 1905 bekanntgegeben

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1901

Unfall des Gottfried Roy, Neurose / 1904

Der ehemalige evangelische Friedhof zu Neu Rose - Photo:  Przemek Mierzejewski

Der ehemalige evangelische Friedhof zu Neu Rose – Photo: Przemek Mierzejewski

“Der Eigentümer Roy aus Rose war am gestrigen Donnerstag (15. Dezember 1904) mit seinem Gespann auf dem Neutomischeler Wochenmarkt; als er nach Hause zurückfahren wollte, verließ er auf dem Wege hinter Alttomischel einen Augenblick seinen Wagen; im Begriff wieder aufzusteigen, schlug sein Pferd aus und traf ihn so unglücklich am Kopfe, daß der Bedauernswerte sehr schwere Verletzungen davon trug. An seinem Auskommen wird gezweifelt.”

* * *

Am 18 Dezember 1904 erschien auf dem Standesamt in Neutomischel  die Frau Mathilde Roy geborene Schulz wohnhaft in Neurose. Sie zeigte an, dass ihr Ehemann der Eigentümer Gottfried Roy, zuletzt verheiratet mit der Anzeigenden , 57 Jahre alt, evangelischer Religion wohnhaft in Neurose, geboren zu Kozielaske, Sohn des verstorbenen dem Vornamen nach unbekannten Eigentümers Roy, zuletzt wohnhaft in Kozielaske und seiner Ehefrau Henriette geborene Grocholewski wohnhaft in Neurose zu Neurose am 17. Dezember 1904 nachmittags um 9 Uhr verstorben sei.

* * *

Johann Gottfried Roy
geboren 25. Juli 1847 Koseloske (Kozielaske)
oo 19 Feb 1884 in Neutomischel
Johanna Auguste Mathilde Hermine Schulz
geboren 21 März 1847 Zinskowo

Vater: Johann Christian Roy, geboren 07 Feb 1809 Lipker Gemeinde, verstorben 22. April 1880 zu Kozielaske – Mutter Johanna Henriette Grocholeske, geboren 13 Mai 1825 zu Wengielno

* * *

Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt:  Zeitungsartikel – Kreiszeitung Neutomischel 1904-12-16; Personenstandsunterlagen Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Schüsse im Schützenhause beim Tanzvergnügen / 1899

Das ehemalige Schützenhaus, früher in Paprotsch gelegen, heute der Stadt Nowy Tomyśl zugehörig / Photo: GT

Das ehemalige Schützenhaus, früher in Paprotsch gelegen, heute der Stadt Nowy Tomyśl zugehörig / Photo: GT

Zeitungsmeldung vom 10. Oktober 1899 – “Am Jahrmarktstage fand im Schützenhause ein öffentlicher Tanz statt, an welchem sich auch das Schankmädchen des Schützenwirths betheiligte, trotzdem dies untersagt war.

Um seinem Befehle Achtung zu verschaffen, zog Herr Schulz einen mit Platzpatronen geladenen Revolver und wollte in die Luft schießen. Der Schuß traf aber das Mädchen neben dem Auge und brachte ihre eine Verletzung bei, welche glücklicherweise ohne nachtheilige Folgen sein wird.

Dem schußfertigen Herrn dürfte eine Belehrung über den Gebrauch der Schießwaffen dienlich sein.”

* * *

Zeitungsmeldung vom 13. Oktober – “Ueber die Schießaffaire beim Tanzvergnügen im Schützenhause erhalten wir folgende Zuschrift:

Geehrte Redaktion !

Die No. 79 Ihres Blattes vom 10. Oktober 1899 bringt einen Artikel über das im Schützenhause stattgefundene Tanzkränzchen, welcher nur unwahre Behauptungen aufstellt. Auf Grund des §11 des Preßgesetzes ersuche deshalb um folgende Berichtigung und zwar an selber Stelle:

1. Es ist unwahr, daß das Schankmädchen am Tanz theilgenommen und durch Handlungen zu meinem Vorgehen Veranlassung gegeben hat.
2. Habe ich ein Verbot des Tanzens meinem Personal nicht ertheilt
3. Hat sich der Vorgang, wie ich den Schreckschuß abgegeben, nicht im Saal, sonder im Büffetzimmer zugetragen, wo eine Anzahl junger Leute Rauferei anfingen und meiner Aufforderung, das Lokal zu verlassen keine Folge leisteten, vielmehr hinter das Büffet, wo sich auch das Schankmädchen befand, auf mich einzudringen suchten und somit Veranlassung zu meinem energischen Vorgehen gaben.
4. Dürfte eine Belehrung über Gebrauch von Schießwaffen sich erübrigen, da ich als Soldat und Waidmann es sehr wohl kenne.

Hochachtend F. Schulz-Schützenhaus

Nachdem wir Herrn Schulz gerne Gelegenheit gegeben, sich über den merkwürdigen Vorfall zu äußern, welcher tagelang hier und in der Umgegend das Gespräch bildete, wollen wir die Berichtigung einer kurzen Betrachtung unterziehen:
1. und 2. derselben dürfte zu dem Vorfall belanglost sein, 3. gibt Herr Schulz die Thatsache zu und behauptet, den Schreckschuß nicht im Saale, sondern im Büffetzimmer abgegeben zu haben, was wir gar nicht erwähnt hatten. 4. ist eine Belehrung über den Gebrauch von Schießwaffen nicht abzuweisen, da Soldaten und Waidmänner um so weniger Schreckschüsse in einem mit vielen Menschen gefüllten Lokale abgeben dürfen. Ein bekanntes Sprüchwort sagt:

“Spiel nicht mit Schießgewehr, denn es könnt geladen sein.”

* * *
Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1899-10-10 / 1899-10-13

Grabsteine Friedhof Boruy – Angehörige der Familie Schulz 1848-1917

Links oben und rechts die Inschrift und der Grabstein der Brüder Schulz, welche 1885 verstarben (die Tafeln mit den Lebensdaten fehlen); links unten der Stein der Beate Schulz, geborene Noak / Bilder: Przemek Mierzejewski + Gudrun Tabbert

Links oben und rechts die Inschrift und der Grabstein der Brüder Schulz, welche 1885 verstarben (die Tafeln mit den Lebensdaten fehlen); links unten der Stein der Beate Schulz, geborene Noak / Bilder: Przemek Mierzejewski + Gudrun Tabbert

Allhier ruhen im Herrn die beiden geliebten Söhnlein des
Eigenthümers Joh. Gottlieb Schulz und dessen
Ehefrau Beate geborene Noak
 
Hier ruht in Gott
meine liebe Mutter, Schwieger u Großmutter
Beate Schulz geb. Noak
* 8.2.1848   + 15.2.1917
 
 

* * *

Am 06. Mai 1870 wurden in der evangelischen Kirche von Bentschen/Zbąszyń getraut der Johann Gottlieb Schulz, Eigentümer in Dorf Borui, ein Junggeselle und der einzige Sohn des Ausgedingers Johann Gottfried Schulz und der Johanne Beate geb. Liers daselbst mit der Johanne Beate Noak, Jungfrau, 2te Tochter des Eigentümers und Müllers Johann Christian Noak und der Louise Beate (*1) geb. Katzur zu Deutsch Böhmisch.

Kinder des Paares waren Carl Heinrich Wilhelm, geboren 1874 und Gustav Hermann Otto, geboren 1878. Auguste Martha kam 1882 zur Welt und Emilie Emma im Jahr 1887. Die beiden Jungen verstarben im Februar des Jahres 1885 im Abstand von nur wenigen Tagen. Emilie Emma als jüngste ertrank 1888 im Landgraben des Dorfes.

Auguste Martha ist nach derzeitigem Kenntnisstand nach 1909 nach Niedersachsen abgewandert. Zur Zeit kann nur vermutet werden, dass sie mit ihrer Familie den Grabstein für Ihre Mutter nach Ende des I. Weltkrieges gesetzt hat.

* * *

(*1) Anmerkung: noch als Müllergeselle hatte Johann Christian Noak im August 1841 die Johanna Beate Kazur geehelicht; ebenfalls sind in ihrem Taufeintrag aus dem Jahr 1815 lediglich die Vornamen Johanna Beate zu finden.

* * *

Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/); Familienarchiv des >Marcus< (https://ahnensuche.wordpress.com/)

Feuer in Bukowiec – 1901

Bukowiec - Postkartenausschnitt Sammlung Wojtek Szkudlarski

Bukowiec – Postkartenausschnitt Sammlung Wojtek Szkudlarski

Neutomischel,  27. September 1901 – In Bukowiec brach gestern – 26. September 1901- vormittag bei dem Wirth Przybylski, während derselbe sich auf dem Jahrmarkt in Neutomischel befand, Feuer aus, welches zwei Scheunen und einen Stall einäscherte

Neutomischel, 01. Oktober 1901 – Am letzten Donnerstag gegen 12 Uhr Mittags sah der Eigenthümer Franz Koza in Bukowiec (nicht Przybylski, wie in voriger No. mitgetheilt. D. Red.) als er seine mit Stroh bedeckte Bohlenscheune betreten wollte, aus einem nahe an der Scheune lagernden Häufchen Stroh und Quecken Rauch und gleich darauf eine helle Flamme schlagen, welche er leicht auszutreten im Stande war, wenn er nur etwas Geistesgegenwart besessen hätte; aber vor Schreck rath- und fassungslos stand er still und mußte sehen wie die Flamme das Dach der Scheune ergriff, welche gänzlich und ein demselben gehöriger massiver Stall bis auf die Umfassungsmauern niederbrannte.

Bei dem während des Brandes herrschenden stärkeren Winde pflanzte sich das Feuer schnell auf die von Eigenthümern Adalbert Koza und Stanislaus Patan gemeinschaftlich gehörigen Scheune und Wohnhaus fort, welche wie ein Stall des Adalbert Koza gänzlich und ein massiver Stall des Stanislaus Patan bis auf die Umfassungsmauer niederbrannte; hierauf schlug das Feuer über die Straße und äscherte noch ein dem Valentin Koza gehöriges Wohnhaus ein.

Ueberhaupt und gering versichert sind nur drei Gebäude, das gemeinschaftliche Wohnhaus und Scheune des Koza und Patan, sowie das Wohnhaus des Valentin Koza. Das ganze Getreide, sowie die Maschinen und das Mobiliar, welches sämmtlich unversichert war, ist mit verbrannt.

Der 6 jährige Sohn des Franz Koza hat eingestanden, daß er mit einem Streichholz gespielt und dasselbe brennend in den Strohhaufen geworfen habe; er befand sich alleine auf dem Hofe, als der Vater das Feuer bemerkte.

Bei dem Brande in Bukowiec, so wird uns weiter geschrieben, sind neun Gebäude ein Raub der Flammen geworden. Es brannten nieder dem Eigenthümer Franz Koza eine Scheune und ein Stall; dem Eigenthümer Albert Koza Wohnhaus, Scheune und Stall; dem Eigenthümer Stanislaus Patan auch Wohnhaus, Scheune und Stall und endlich dem Nachtwächter Valentin Koza das Wohnhaus. Wie durch ein Wunder ist dem letzteren die Scheune unter Strohdach erhalten geblieben. Mitverbrannt sind ein Hund und ein Schwein. Ein junger Hund ist in einem brennenden Hause am Leben geblieben. Von auswärtigen Spritzen war nur die aus Sontop erschienen.

Neutomischel, 04. Oktober 1901 – Bei dem Brande in Bukowiec hat eine Besitzerin ihre ganzen Ersparnisse, die sie in der Aufregung in Sicherheit zu bringen vergaß, verloren.

Schlimm wäre es beinahe einem Fleischerlehrling ergangen, der drei Stück Vieh, die sein Meister in Neutomischel gekauft hatte, heimtreiben sollte. Durch den Feuerschein in Bukowiec geblendet wurden die Thiere wild und wollten durchaus in die Flammen rennen, dabei den Burschen mitzerrend. Als er den Flammen schon nahe war, gelang es den thatkräftigen Bemühungen des Probstes von Bukowiec, das Vieh zum Stehen zu bringen und den Lehrling zu retten.

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1901-09-28/1901-10-01/1901-10-04

Grabsteine Friedhof Boruy – Geborene Grieger 1860-1911

Bruchstück der Grabplatte geb. Grieger auf dem Friedhof Boruy / Aufnahme Przemek Mierzejewski

Bruchstück der Grabplatte geb. Grieger auf dem Friedhof Boruy / Aufnahme Przemek Mierzejewski

geb. Grieger

geb. 7. Dez 1860

gest. 14 Okt 1911

Der Familienname wurde je nach Hauländersiedlung als Grieger, Krieger und auch als Krueger, Krüger geschrieben.

Es könnte sich somit um die am 07. Dezember 1860 in Alt Szarke geborene  Johanna Ernestine Krueger handeln, deren Grabplatte, bzw. dessen Bruchstück, hier gefunden wurde.

Am 09. Februar 1883 schloss diese mit dem Wittwer Ludwig Carl Paelchen in Boruy die Ehe.

Ihre Eltern waren der Eigentümer Johann Samuel Krueger und dessen Ehefrau Johanna Juliana geb. Ullrich.

* * *

Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Grabsteine Friedhof Boruy – Die Schüler’s 1857-1934

Grabstein der Eheleute Schüler auf dem Friedhof Boruy / Aufnahme Przemek Mierzejewski

Grabstein der Eheleute Schüler auf dem Friedhof Boruy / Aufnahme Przemek Mierzejewski

Hier ruhen in Frieden die Eigentümer

Berta gb. Koch

geb. 27 Okt. 1871 Marianowo

gest. 29. Septbr. 1934 Dorf Boruy

Wilhelm Schüler

geb. 9. Juni 1857 Alt Scharke

gest. 14. Februar 1929 Dorf Boruy

Die Liebe höret nimmer auf

Das Paar schloss am 21. Juni 1894 beim Standesamt Belencin die Ehe. Berta Emilia Koch war die Tochter des Eigentümer und Gastwirths Ehepaar Traugott und Pauline geb. Dalchau Koch gewesen. Johann Wilhelm Schüler war als Sohn des Altsitzer Ehepaares Gottlieb und Louise geb. Ullrich in Alt Scharke geboren worden.

* * *

Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Grabsteine Friedhof Boruy – Traugott Gutsche 1830-1902

Grabstein des Traugott Gutsche auf dem Friedhof Boruy / Aufnahme Przemek Mierzejewski

Grabstein des Traugott Gutsche auf dem Friedhof Boruy / Aufnahme Przemek Mierzejewski

Hier ruht in Gott unser guter Vater der Ausgedinger

Johann Traugott Gutsche

geb. 11 Jun 1830 Deutsch Böhmisch

gestorben 10 November 1902 Dorf Boruy

jüngster Sohn von Samuel Gutsche und Maria Elisabeth Bartsch

er ehelichte am 07. November 1856 in Boruy / Aufgebot in Bentschen

die aus dem Rekliner Hauland gebürtige

Johanna Pauline Christine Wilhelmine geborene Müllrich

welche als verwittwete Lehmann in Boruy ansässig gewesen war

In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Johannes Evangelium 16, 33

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Personenstandsunterlagen  Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/)

Militärpflichtige und Invalidenprüfungsverfahren im Mai 1898

Das ehemalige Schützenhaus / Karte aus Sammlung Wojtek Szkudlarski

Das ehemalige Schützenhaus / Karte aus Sammlung Wojtek Szkudlarski

“Im Jahr 1871 dehnten die Artikel 57 ff. der Reichsverfassung die in Preußen seit 1814 geltende allgemeine Wehrpflicht auf ganz Deutschland aus. So hatte nun „jeder Deutsche“ mit vollendetem 20. Lebensjahr 7 Jahre lang dem Heer oder der Marine anzugehören. Um im Allgemeinen wissenschaftliche und gewerbliche Ausbildung so wenig wie möglich durch die allgemeine Wehrpflicht zu stören, war es jedem jungen Mann überlassen, schon nach dem vollendeten 17. Lebensjahr, wenn er die nötige moralische und körperliche Qualifikation hatte, freiwillig in den Militärdienst einzutreten.  Alle Wehrpflichtigen waren, wenn sie nicht freiwillig in die preußische Armee eintraten, vom 1. Januar des Kalenderjahres an, in welchem sie das 20. Lebensjahr vollenden, der Aushebung unterworfen (militärpflichtig). Sie hatten sich zu diesem Zwecke bei den zuständigen Ersatzbehörden regelmäßig zu melden, bis über ihre militärische Verwendung entschieden wurde, jedoch höchstens zweimal jährlich” (2)

Am Freitag, den 13. Mai 1898 wurde im Amtlichen Teil des Kreisblattes von Neutomischel wie folgt bekannt gegeben:

“Das diejährige Ober-Ersatz-Geschäft findet am Freitag, den 27. und Sonnabend, den 28. d. Mts. im Schützenhause zu Paprotsch statt.

Sämmtliche vorzustellenden Militärpflichtigen fordere ich hierdurch auf an den vorbezeichneten Tagen Morgens 6 Uhr pünktlich und in nüchterem und reinlichem Zustande auf dem Gestellungsplatze zu erscheinen und dort so lange anwesend zu bleiben, bis ihre Entlassung erfolgt.

Mannschaften, welche unentschuldigt fehlen oder in trunkenem Zustande oder nicht rein gewaschen erscheinen sollten, haben ihre Bestrafung auf Grund der Regierung-Polizei-Verordnung vom 14. Mai 1885 mit Geldstrafe von 3-30 Mk. event. verhältnißmäßiger Haftstrafe zu gewärtigen.

Personen, zu deren Gunsten Reklamationen angebracht worden sind, wie Vater, Mutter oder andere Familienangehörigen haben im Aushebungstermine persönlich zu erscheinen.

Die Herren Guts- und Gemeindevorsteher oder im Behinderungsfalle deren Stellvertreter haben dem Aushebungsgeschäft beizuwohnen und insbesondere genau auf die Identität der vorzustellenden Mannschaften zu achten.

Es kommen zur Vorstellung am Freitag, den 27. Mai:

a. die zur Ersatz Reserve designirten Mannschaften und zwar:

1.

Marquardt, Oswald

Arbeiter

Chraplewo

2.

Kattner, Johann Gustav

Wirtssohn

Neurose

3.

Kretschmer, Gustav Reinhold

Schwarzviehhändler

Neustadt b. P.

4.

Klemm, Karl Otto

Eigenthümersohn

Cichagora

5.

Schmirgal, Johann Karl Heinrich

Eigenthümersohn

Scherlanke

6.

Prüfer, Friedrich Gotthold

Eigenthümersohn

Sontop

7.

Swiderski, Johann

Wirtssohn

Linde

8.

Rybla. Roman

Schneider

Neustadt b. P.

9.

Paech, Wilhelm Emil Hugo

Lehrer

Neustadt b. P.

10.

Zgrajek, Mathias

Knecht

Brody

11.

Sledz, Walentin

Wirtssohn

Konin

12.

Roch, Julius

Knecht

Albertoske

13.

Schulz, Johann Wilhelm Adalbert

Müllerges.

Brody

14.

Pawlik, Martin

Arbeiter

Neustadt b. P.

15.

Patan, Thomas

Arbeiter

Bukowiec

16.

Helmchen, Karl Friedrich

Wirtssohn

Chmielinko

17.

Minge, Karl Gustav

Eigenthümersohn

Chmielinko

18.

Lüdke, Gustav Adolph

Eigenthümersohn

Cichagora

19.

Knoll, Gustav Reinhold

Eigenthümersohn

Glinau

20.

Palitzki, Hermann Heinrich

Eigenthümersohn

Glinau

21.

Babelek, Ignatz

Eigenthümersohn

Gronsko

22.

Lodyga, Jakob

Arbeiter

Pawlowko

23.

Mücke, Johann Ferdinand

Eigenthümersohn

Grudna

24.

Engelmann, Karl Heinrich

Eigenthümersohn

Brody

25.

Schilke, Johann Heinrich

Eigenthümersohn

Komorowo

26.

Dwornik, Constantin

Arbeiter

Konin

27.

Lodyga, Stephan

Arbeiter

Konin

28.

Ortlieb, Ernst Otto

Eigenthümersohn

Konkolewo

29.

Schiller, Otto Reinhold

Eigenthümersohn

Konkolewo

30.

Sigismund, Karl Ferdinand

Zimmermann

Neufeld

31.

Winter, Gustav Ferdinand

Wirtssohn

Neurose

32.

Zithier, Berthold Ewald

Eigenthümersohn

Neurose

33.

Slotala, Joseph

Arbeiter

Chraplewo

34.

Markus, Siegfried

Kommis

Neutomischel

35.

Kurz, Dienegott Ferdinand

Eigenthümersohn

Paprotsch

36.

Roy, Johann Paul Ferdinand

Eigenthümersohn

Paprotsch

37.

Przybylak, Joseph

Arbeiter

Wonsowo

38.

Kahl, Paul Gottlieb

Knecht

Paprotsch

39.

Schmidtchen, Felix

Stellmacherlehrling

Gronsko

40.

Hendschke, Friedrich Wilhelm Karl

Lehrer

Alttomischel

41.

Bock, Ernst Rudolph Max

Buchhalter

Neutomischel

42.

Przewozniak, Wladislaus

Bäcker

Neustadt b. P.

b. die zum Landsturm designirten Mannschaften:

1.

Falkenberg, Emil Eduard

Knecht

Albertoske

2.

Kraft, Johann Gottlieb

Wirtssohn

Chmielinko

3.

Paschke, Johann Franz

Arbeiter

Chmielinko

4.

Minge, Johann August

Maurer

Klein Lipke

5.

Schild, Karl

Wirtssohn

Krummwalde

6.

Faust, Karl Herrmann

Töpfer

Neutomischel

7.

Quast, Erdmann Traugott

Eigenthümersohn

Paprotsch

8.

Fintz, Franz

Arbeiter

Porazyn

9.

Napierala, Joseph

Maurer

Wonsowo

10.

Staraszkiewicz, Walentin

Knecht

Neutomischel

11.

Wulke, Johann Emanuel

Wirtssohn

Wymyslanke

12.

Jochade, Johann Gustav

Knecht

Chmielinko

13.

Kazmierowski, Boleslaus

Bureaugehülfe

Neustadt b. P.

14.

Siegesmund, Wilhelm Gustav

Kaufmannslehrling

Wonsowo

15.

Hübner, Albert Paul Georg

Katastergehülfe

Glinau

16.

Paczatek, Lorenz

Knecht

Neustadt b. P.

17.

Senft, Johann Wilhelm

Arbeiter

Brody

18.

Malke, August

Eigenthümersohn

Chmielinko

19.

Dach, Johann Stanislaus 

Eigenthümersohn

Groß Lipke

20.

Dluszewsi, Sylvester

Maurer

Neustadt b. P.

21.

Skrzyvczak, Michael

Arbeiter

Alttomischel

c. die dauernd Untauglichen:

1.

Ortlieb, Ernst Karl

Arbeiter

Konkolewo

2.

Roch, Johann Karl Berthold

Knecht

Albertoske

3.

Michalski, Stanislaus

Eigenthümersohn

Zembowo

4.

Herkt, Johann Heinrich Otto

Eigenthümersohn

Albertoske

5.

Kuß, Friedrich Wilhelm

Eigenthümersohn

Albertoske

6.

Koster, Gustav Johann

Arbeiter

Chmielinko

7.

Franke, Gustav Reinhold Herrmann

Eigenthümersohn

Scherlanke

8.

Starzak, Andreas

Arbeiter

Gronsko

9.

Kühn, Robert Herrmann

Eigenthümersohn

Scherlanke

10.

Paschke, Karl Gustav

Eigenthümersohn

Sontop

11.

Zirke, Friedrich Wilhelm

Eigenthümersohn

Wymyslanke

12.

Fintz, Anton

Knecht

Porazyn

13.

Falbierski, Stanislaus

Arbeiter

Michorzewo

14.

Konieczny, Martin

Arbeiter

Michorzewo

15.

Roll, Oskar Johannes 

Bureaugehülfe

Neutomischel

16.

Wolke, Johann Ferdinand

Eigenthümersohn

Paprotsch

17.

Hartmann, Johann Karl Gustav

Knecht

Cichagora

18.

Buda, Valentin

Eigenthümersohn

Sworzyce

19.

Minge, Anton

Eigenthümersohn

Wonsowo

20.

Rentel, Rudolph Paul

Tischlergeselle

Neustadt b. P.

21.

Skiba, Michael

Knecht

Wymyslanke

22.

Bayer, Johann Gustav

Knecht

Albertoske

23.

Musial, Joseph

Arbeiter

Alttomischel

24.

Thomaszewski, Martin

Arbeiter

Bukowiec

25.

Baier, Richard Otto

Gastwirthssohn

Dombrowo

26.

Guzek, Stanislaus

Wirtssohn

Glupon

27.

Walkowiak, Stephan

Wirtssohn

Glupon

28.

Galas, Martin

Knecht

Wonsowo

29.

Pretki, Franz

Arbeiter

Grudna

30.

Zimek, Paul

Schuhmacher

Kuschlin

31.

Czekala, Joseph

Knecht

Konin

32.

Grocholewski, Andreas

Schneidergeselle

Neustadt b. P.

33.

Rothe, Johann Otto

Eigenthümersohn

Konkolewo

34.

Helwing, Robert Johann

Eigenthümersohn

Kozielaske

35.

Köther, Karl Reinhold

Eigenthümersohn

Neurose

36.

Bombach, Adolph

Bahnschaffner

Neustadt b. P.

37.

Stoinski, Marcell

Schuhmacher

Neutomischel

38.

Feyer, Franz

Arbeiter

Grudna

39.

Nowak, Lukas

Arbeiter

Wonsowo

d. Die vom Truppentheil abgewiesenen einjährig Freiwilligen

e. Die vorläufig beurlaubten Rekruten

f. Die zur Disposition der Ersatz-Behörde entlassenen Mannschaften

g. Die Krankenfahrleute

Ferner findet das Invalidenprüfungsverfahren statt am Sonnabend, den 28. Mai:

a. für die brauchbar befindlichen Mannschaften:

1.

Bürger, Ernst Adolph Otto

Postassistent

Neutomischel

2.

Marzalkiewicz, Stephan

Zimmermann

Zgierzynka

3.

Pigla, Nikolaus

Eigenthümersohn

Krystianowo

4.

Schulz, Paul Ferdinand

Eigenthümersohn

Scherlanke

5.

Oelsik, Kasimir

Arbeiter

Chraplewo

6.

Troszczynski, Stanislaus

Arbeiter

Brodki

7.

Heinrich, Paul Otto

Eigenthümersohn

Sontop

8.

Pruschke, Wilhelm Paul

Arbeiter

Zinskowo

9.

Neumann, Johann Gustav

Zimmermann

Zemdowko

10.

Nawrot, Joseph

Wirtssohn

Neufeld

11.

Walkowiak, Johann

Arbeiter

Wonsowo

12.

Wolff, Karl Wilhelm

Arbeiter

Paprotsch

13.

Marciniak, Joseph

Wirtssohn

Brody

14.

Reimann, Johann Karl Otto

Wirtssohn

Neudombrowo

15.

Rausch, Emil Alfred

Buchbindergehülfe

Neutomischel

16.

Waszek, Johann

Wirtssohn

Linde

17.

Ciszek, Valentin

Arbeiter

Konin

18.

Schedler, August Franz

Eigenthümersohn

Chmielinko

19.

Paran, Stanislaus

Schneider

Neustadt b. P.

20.

Snita, Stephan

Knecht

Eichenhorst

21.

Luczak, Valentin

Knecht

Paprotsch

22.

Tepper, Friedrich Gotthold

Eigenthümersohn

Kuschlin

23.

Seide, Berthold Paul

Wirtssohn

Glinau

24.

Protsch, Paul Hermann

Schuhmacher

Neutomischel

25.

Majorek, Stephan

Arbeiter

Gronsko

26.

Luczak, Andreas

Arbeiter

Pakoslaw

27.

Skrzypczak, Stanislaus

Arbeiter

Konin

28.

Rist, Friedrich Wilhelm

Wirtssohn

Groß Lipke

29.

Hirsch, Karl Reinhold

Zimmermann

Scherlanke

30.

Michalski, Franz

Arbeiter

Konin

31.

Riedel, Ferdinand Reinhold

Zimmermann

Blake

32.

Laengert, Gustav Adolph

Knecht

Neudombrowo

33.

Franke, Karl Heinrich

Arbeiter

Komorowo Hauland

34.

Glinka, Peter

Eigenthümersohn

Krystianowo

35.

Reschke, Johann Adolph

Eigenthümersohn

Wengielno

36.

Prentki, Stephan

Arbeiter

Jastrzembnik

37.

Wieczorek, Joseph

Arbeiter

Chraplewo

38.

Heinrich, Karl Gustav

Knecht

Paprotsch

39.

Wittchen, Martin Johann

Wirtssohn

Chmielinko

40.

Liepelt, Otto Johann

Eigenthümersohn

Glinau

41.

Switala, Martin

Eigenthümersohn

Bolewitz

42.

Bartkowiak, Johann

Wirtssohn

Rose

43.

Eichler, Otto

Zimmermann

Wonsowo

44.

Gebauer, Karl August

Eigenthümersohn

Zinskowo

45.

Helmchen, Johann Gottlob

Knecht

Chmielinko

46.

Bielke, Karl Reinhold

Knecht

Paprotsch

47.

Drozdowski, Anton

Fleischerlehring

Neustadt b. P.

48.

Scheffler, Carl August

Arbeiter

Glinau

49.

Galler, Emil

Lehrer

Chraplewo

50.

Piechota, Stephan

Arbeiter

Gronsko

51.

Molinda, Stanislaus

Arbeiter

Zembowo

52.

Stein, Gustav Ferdinand

Arbeiter

Paprotsch

53.

Gemba, Stephan

Wirtssohn

Bolewitz

54.

Prentki, Franz

Wirtssohn

Grosnko

55.

Wosnitzko, Joseph

Arbeiter

Bolewitz

56.

Paschke, Carl Reinhold

Arbeiter

Wymyslanke

57.

Graebig, Carl Georg Max

Handlungsgehülfe

Wonsowo

58.

Sobkowiak, Stanislaus

Stellmachergeselle

Neustadt b. P.

59.

Stefaniak, Joseph

Arbeiter

Michorzewko

60.

Scheibe, Constantin

Wirtssohn

Steinhorst

61.

Slatala, Michael

Arbeiter

Neustadt b. P. Schloß

62.

Böhm, Johann Paul

Knecht

Glinau

63.

Torchala, Franz

Arbeiter

Zembowo

64.

Nowak, Jakob

Arbeiter

Komorowo Gut

65.

Hämmerling, Georg Oskar Max

Eigenthümersohn

Albertoske

66.

Dzinbinski, Franz

Arbeiter

Zgierzynka

67.

Binder, Hermann Berthold

Eigenthümersohn

Wonsowo

68.

Gutsche, Johann Gustav Paul

Knecht

Bukowiec

69.

Mandziak, Anton

Knecht

Cichagora

70.

Janas, Martin

Knecht

Cichagora

71.

Grzybkowski, Edmund Eduard

Wirthschaftsbeamter

Michorzewko

72.

Winter, Paul Otto

Eigenthümersohn

Sontop

73.

Luczak, Martin

Knecht

Witomischel

74.

Kaczmarek, Stanislaus

Knecht

Porazyn

75.

Knispel, Paul Reinhold

Eigenthümersohn

Wengielno

76.

Bunk, Ludwig

Arbeiter

Zembowo

77.

Koschel, Max Alfred

Lehrer

Bukowiec

78.

Joachim, Carl Hermann

Eigenthümersohn

Paprotsch

79.

Przybiylski, Joseph

Tagelöhner

Bukowiec

80.

Wasloawiok, Franz

Arbeiter

Michorzewko

81.

Hildebrand, Johannes Emil

Eigenthümersohn

Julianne

82.

Aldefeld, Carl August Otto

Klempner

Neutomischel

83.

Günther, Stanislaus

Knecht

Neustadt b. P.

84.

Siegismund, Adolph Hermann

Arbeiter

Sempolno

85.

Mischke, Joseph

Knecht

Chmielinko

86.

Patela, Andreas

Knecht

Neustadt b. P.

87.

Lorkiewicz, Albin

Lehrer

Bolewitz

88.

Held, Oskar Adolph Theodor

Reisender

Neustadt b. P.

89.

Schmidt, Otto Gustav

Müller

Zembowo

90.

Knop, Joseph

Eigenthümersohn

Neufeld

91.

Lehmann, Leo

Eigenthümersohn

Zembowo

92.

Manys, Jospeh

Schneidergeselle

Pakoslaw

93.

Toschala, Wojciech

Eigenthümersohn

Grudna

94.

Fechner, Johann Hermann

Schmied

Jastrzembnik

95.

Weber, Adolph Robert

Eigenthümersohn

Glinau

96.

Seiffert, Johann Ferdinand

Eigenthümersohn

Groß Lipke

97.

Filipiak, Franz

Schmied

Posadowo

98.

Wyrwal, Stanislaus

Arbeiter

Posadowo

99.

Buda, Stephan

Eigenthümersohn

Jastrzembnik

100.

Kattner, Paul Wilhelm

Eigenthümersohn

Konkolewo

101.

Konieczny, Jakob

Schuhmacher

Brody

102.

Lehmann, Johann Karl Friedrich

Eigenthümersohn

Tarnowce

103.

Drescher, Berthold Heinrich

Eigenthümersohn

Blake

104.

Nowacki, Michael

Arbeiter

Alttomischel

105.

Piechota, Andreas

Arbeiter

Wonsowo

106.

Eckert, Carl Gustav

Schmied

Chmielinko

107.

Knop, Johann

Arbeiter

Rose

108.

Fitzner, Johann Paul Otto

Eigenthümersohn

Wonsowo

109.

Pawlik, Franz

Arbeiter

Neustadt b. P.

110.

Ziemek, Joseph

Arbeiter

Porazyn

111.

Nowak, Adalbert

Arbeiter

Porazyn

112.

Sobek, Franz

Kaufmannslehrling

Neustadt b. P.

113.

Klemm, Johann Gustav

Maurer

Glupon

114.

Winkler, Paul Otto

Eigenthümersohn

Scherlanke

115.

Girndt, August Adolph Oswald

Eigenthümersohn

Glinau

116.

Hala, Franz

Arbeiter

Pakoslaw

117.

Hoffmann, Gustav Friedrich

Knecht

Kuschlin

118.

Nowak, Anton

Knecht

Rose

119.

Hirthe, Carl Gustav

Eigenthümersohn

Kozielaske

120.

Kurtz, August Hermann

Eigenthümersohn

Paprotsch

121.

Patella, Valentin

Arbeiter

Konin

122.

Kubiak, Adalbert

Eigenthümersohn

Zgierzynka

123.

Welke, Paul Hermann

Eigenthümersohn

Scherlanke

124.

Rausch, Reinhold Gustav

Eigenthümersohn

Sontop

125.

Joel, Adalbert

Bäckergeselle

Neustadt b. P.

126.

Quast, Carl Gustav

Knecht

Sontop

127.

Gellert, Johann Reinhold

Arbeiter

Konkolewo

128.

Patan, Franz

Arbeiter

Witomischel Gemeinde

129.

Basinski, Joseph

Eigenthümersohn

Sworzyce

130.

Rutkowski, Stanislaus

Arbeiter

Brody

131.

Koschitzki, Johannes Albert

Arbeiter

Klein Lipke

132.

Schallert, Carl Hermann

Eigenthümersohn

Cichagora

133.

Nawrot, Joseph

Arbeiter

Wonsowo

134.

Preschel, Carl Wilhelm

Arbeiter

Glinau

135.

Kozak, Leon

Arbeiter

Michorzewo

136.

Blaszcyk, Vincent

Knecht

Neutomischel

137.

Tepper, Carl Ferdinand

Eigenthümersohn

Zembowo

138.

Schild, Johann Lorenz

Eigenthümersohn

Krummwalde

139.

Dominiak, Wojciech

Arbeiter

Eichenhorst

140.

Perz, Viktor

Arbeiter

Bukowiec

141.

Krait, Friedrich Wilhelm

Zimmermann

Glinau

142.

Gmerek, Stanislaus

Eigenthümersohn

Brodki

143.

Kubsch, Franz

Arbeiter

Alttomischel

144.

Pochstein, Paul Otto

Tischler

Dombrowo

145.

Kern, Ferdinand

Schmied

Neustadt b. P.

146.

Gutsche, Paul Johann Friedrich

Arbeiter

Jastrzembnik

147.

Hirsch, Ewald Theophil Alfred

Bau Techniker

Wengielno

148.

Wald, Carl Gustav

Knecht

Paprotsch

149.

Rau, Johann Carl Otto

Knecht

Paprotsch

150.

Adamietz, Anton

Fleischer

Neutomischel

151.

Gornny, Michael

Knecht

Kuschlin

152.

Nitschke, Johann Carl Wilhelm

Eigenthümersohn

Scherlanke

153.

Pfeiffer, Carl August

Arbeiter

Groß Lipke

154.

Paschke, Anton

Eigenthümersohn

Chmielinko

155.

Helmchen, Gustav

Arbeiter

Konin

156.

Helmchen, Friedrich

Arbeiter

Chmielinko

157.

Hartwig, Johann Robert Paul

Eigenthümersohn

Wengielno

158.

Latus, Alexander

Knecht

Cichagora

159.

Weber, Paul Richard

Knecht

Neutomischel

160.

Schofer, Stanislaus

Arbeiter

Bolewitz

161.

Nawrot, Franz

Arbeiter

Michorzewo

162.

Koch, Carl Otto

Knecht

Kuschlin

163.

Bengsch, Johann August Wilhelm

Arbeiter

Glinau

164.

Knobel, Gustav Karl

Arbeiter

Brody

165.

Müller, Paul Gustav

Eigenthümersohn

Kozielaske

166.

Fritsch, Berthold Heinrich

Arbeiter

Scherlanke

167.

Okonek, Johann

Bäcker

Neustadt b. P.

168.

Koza, Ignatz

Arbeiter

Bukowiec

169.

Buda, Stanislaus

Wirthssohn

Jastrzembnik

170.

Mania, Andreas

Arbeiter

Brody

171.

Sperling, Carl Paul

Maurer

Blake

172.

Piontek, Theophil Herrmann

Briefträger

Neustadt b. P.

173.

Schlinke, Gottlieb

Arbeiter

Chmielinko

174.

Lange, Johann Carl Adolph

Knecht

Cichagora

175.

Cebernik, Johann

Eigenthümersohn

Konin

176.

Braun, Joseph

Arbeiter

Sworzyce

177.

Czarny, Stefan

Knecht

Knecht

178.

Steinke, Paul Berthold

Eigenthümersohn

Paprotsch

179.

Luczak, Andreas

Arbeiter

Glupon

180.

Hanelt, Johann Friedrich Wilhelm

Arbeiter

Sempolno

181.

Marcinkowski, Franz

Töpfer

Neutomischel

182.

Mazurek, Andreas

Töpfer

Neustadt b. P.

183.

Jendrzejczak, Michael

Arbeiter

Gronsko

184.

Zachert, Paul

Fuhrmann

Neustadt b. P.

185.

Hahnelt, Wilhelm Reinhold

x

Zinskowo

186.

Slocinski, Ignatz

Eigenthümersohn

Porazyn

187.

Pieta, Stanislaus

Knecht

Sworzyce

Neutomischel, den 6. Mai 1898″

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1898-05-13; 2) Einleitung:https://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9Fische_Armee

Gebäude der Stadt – No. 27 und 28 – Drechsler- und Schmiedewerkstatt

Lageplan der Grundstücke, Zeichnung angefertigt nach der "Beschreibung von Gebäuden ..." / GT

Lageplan der Grundstücke, Zeichnung angefertigt nach der “Beschreibung von Gebäuden …” / GT

In der Nord-Ost-Ecke des Neuen Marktes lag das ehemalige Stadtgrundstück No. 27. Dieses grenzte im Jahr 1836 nördlich an die noch “wüste Baustelle” mit der Nummerierung No. 28 und südlich an die Hinterstraße.

Auf diesem Grundstück befand sich ein Wohnhaus, es war unter der No. 27 in den Akten der Provinzialfeuerversicherung beschrieben worden.

♦ ♦ ♦

Es war ein vollständig aus Holz errichtetes Gebäude gewesen, welches von außen mit Lehm angetragen worden war. Mit einer Größe von 34,5 Fuß in der Länge, 19 Fuß in der Breite und 8 Fuß in der Höhe (ca. 10,5×6,00×2,43m / ca. 63 qm Grundfläche) war es eines der kleinen, seinerzeit in der Stadt üblichen, Häuserbauten gewesen.

Im Inneren hatten sich 3 Stuben mit gedielten Fußböden befunden, die Küche und auch die Hausflure hatten lediglich einen Lehmboden gehabt. Im Schindeldach war ein Erker von 8,5 Fuß (ca. 2,60m) Breite ausgebaut gewesen. Das Gebäude war über 2 Kachelöfen beheizt worden.

Die hölzernen Wände des Häuschen waren im Jahr 1836 als “sehr verfault” beschrieben worden, selbiges galt auch für die Fußböden. Das Schindeldach hatte die Einstufung “schlecht” bekommen und auch von den 7 Türen und 7 Fenstern waren nur noch “die Hälfte gut” gewesen. Eine Reparatur hatte es seit seiner Errichtung zum Jahr 1794, es war 1836 im Alter mit 42 Jahren angegeben worden, nicht erfahren.

Über die Bewohner des Jahres 1836 dieses Hauses ist kaum etwas überliefert.

Das Wohnhaus wurde als das der Christian Zeidler’schen Erben benannt. Die Anerkennung der Einstufung der Feuerversicherung war von Friedrich Thomas als Vormund der Zeidler’schen Minorenen unterzeichnet worden. Einzelheiten wer die Minderjährigen Nachkommen des Christian Zeidler gewesen waren wurden nicht angegeben.

Am 16. März 1836 war in der Stadt der Bürger und Drechslermeister Johann Christian Zeidler verstorben. Im Toteneintrag im Kirchenbuch wurde vermerkt, dass er an Abzehrung verstorben sei; auch in diesem Eintrag findet sich nichts über etwaig Hinterbliebene.

Johann Christian Zeidler war im August 1780 in Koseloske als Sohn des Samuel  Zeidler und dessen Ehefrau Anna Maria, einer geborenen Kühn, geboren worden. Im September 1811 verstarb seine erste Ehefrau Rosina Dorothea geborene Handtke im Alter von nur 24 Jahren, über ihre Herkunft ist nichts bekannt. Kinder aus dieser Ehe wurden nicht in Kirchenbuchaufzeichnungen gefunden. Johann Christian Zeidler galt in jener Zeit als in Wytomysl ansässiger Müller.

Im Jahr 1816 heiratete der Wittwer Johann Christian Zeidler die 15 jährige Rosina Dorothea Klemm. Sie war im Februar 1801 als Tochter des Gottfried Klemm und dessen Ehefrau Anna Rosina geborene Stürzebecher in Zinskowo zur Welt gekommen.

Im April des Jahres 1818 wurde der gemeinsame Sohn Johann Wilhelm Heinrich geboren; er verstarb 2 Jahre später;  1819 im August folgte die Geburt des 2ten Sohnes Johann Gottlieb. Nach diesen Eintragungen im Kirchenbuch der Gemeinde Neu Tomysl  finden sich keine weiteren. Der letzte Hinweis auf diese Familie wurde mit dem Toteneintrag vom  16. März 1836 gefunden,  als der Bürger und Drechslermeisters Johann Christian Zeidler verstarb.

Die ehemaligen Grundstücke No. 27 und 28 im Jahr 1997 / Aufn. Maennel-Archiv

Die ehemaligen Grundstücke No. 27 und 28 im Jahr 1997 / Aufn. Maennel-Archiv

Die Geschichte des Hausgrundstückes No. 27 kann jedoch noch etwas weiter geschrieben werden.

Im  Jahr 1843, dieses laut eine Ergänzung im Bericht der Provinzialfeuerversicherung, waren auf der Parzelle noch ein Stallgebäude und separat dazu ein Pferdestall errichtet worden, als Besitzer dieser beiden Bauten, das Wohnhaus wurde nicht erwähnt, wurde Daniel Schulz angegeben.

Der Familienname Schulz war und ist nun nicht gerade selten, es kann ! aber folgende Verbindung herstellt werden:

Johann Daniel Schulz geboren ca. 1802 heiratete 1824 Johanna Juliane Protsch. Sie galten als Hauländer zu Paprotsch, Gasthofspächter zu Alt Jastremske, Einwohner zu Glinau und letztlich als Hopfenhändler zu Neu Tomysl.  Kinder, soweit diese dem Paar zugeordnet werden konnten, kamen 1823 in Paprotsch, 1825 in Zinskowo, 1827 und 1829 in Alt Jastremske und 1831 in Glinau zur Welt. Beide Eheleute verstarben in Neu Tomysl: Johanna Juliana Schulz geb. Protsch im Jahr 1844 und Johann Daniel Schulz 1847.

Im Jahr 1857 erfuhr das Wohnhaus eine Wertminderung für eine Erstattung im Falle eines Schadens; eingetragen wurde diese in der aus dem Jahr 1836 stammenden Gebäudebeschreibung, ein Besitzerwechsel wurde nicht notiert. Wie mag das Gebäude wohl in jenem Jahr ausgesehen haben ?, war es vorher noch mit 175 Mark geschätzt worden, lag der Wert nun nur noch bei 75 Mark.

Zum August 1866 fand dann tatsächlich ein Besitzerwechsel statt; in diesem Monat  überreichte  Johann Gottlieb Wilhelm Heinrich das Zuschlagsurteil  über die von ihm im Wege der Subhastation erworbenen Grundstücke No. 27 und No. 28 an den “Königlichen Fortschreibungsbeamten Herrn Geometer Korte Wohlgeboren” in Grätz, dieses zur Eintragung auf seinen Namen. Wiederum findet sich keinerlei Hinweis darauf wer eigentlich der oder die Vorbesitzer dieser Grundstücke gewesen waren.

Johann Gottlieb Wilhelm Heinrich war im März 1830 in Kuschlin geboren worden. Seine Eltern waren der Eigentümer zu Kuschlin und Neurose Johann Gottfried Heinrich und dessen Ehefrau Johanna Dorothea geborene Siegesmund gewesen.

1859 hatte er mit Johanna Emilie Katsch in Boruy die Ehe geschlossen. Sie war im März 1840 als Tochter des Johann Daniel Katsch und seiner Ehefrau Johanna Beate geborene Kahl, zur Welt gekommen.

Die Familie hatte anfänglich in Glinau gelebt ehe die Übersiedlung nach Neu Tomysl erfolgte. Im Laufe der Ehe wurden 11 Kinder geboren; keines scheint das Erwachsenenalter erreicht zu haben.

Vermutlich im Jahr 1871 war eine Schmiedewerkstatt auf dem Grundstück errichtet worden. Die Grenzen zwischen den Grundstücken No. 27 und No. 28 war schon zu dieser Zeit “etwas verwischt“, später tauscht die Nummerierung vollständig, die No. 28 findet sich dann an der Ecke Hinterstraße / Neuer Markt, die No. 27 in der Kehre des Neuen Marktes als Nachbargrundstück der No. 29.

Blick auf die Nord-Ost Ecke es ehemaligen Neuen Marktes / Aufn. PM

Blick auf die Nord-Ost Ecke es ehemaligen Neuen Marktes / Aufn. PM

Aus einem Schreiben zu einer Erbschaftsangelegenheit welche sich auf ein Testament des im August des Jahres 1882 in Neutomischel verstorbenen Schmiedemeisters Johann Heinrich Gottlieb Schiller bezog, war zu erfahren, dass dieser als Miteigentümer der Stadtparzelle No. 28 galt. Er vermachte dieses Miteigentum seiner hinterlassenen Wittwe Anna Maria Schiller, geborene Kraepl, wiederverehelichte Loechel. Die Grundbucheintragung hierzu war 1884 im vorgenommen worden.

Im Jahr 1884 verstarben die Eheleute Johann Gottlieb Wilhelm Heinrich und Johanna Emilie geb. Katsch in Neutomischel.

Wer ihre Erben waren ist nicht bekannt. Im Sommer 1886 wurde durch “die Erben” jedoch eine Parzelle des unter No. 27 geführten Grundstückteils an den Kaufmann Paul Goldmann veräußert.

Das Restgrundstück No. 27-28 wurde im gleichen Jahr auf den Buchhalter Carl Chedor als Besitzer um- bzw. überschrieben. Er war aus Schwentainen im Kreis Treuburg in Ostpreussen gebürtig gewesen und hatte im Jahr 1883 die Ehe mit Bertha Rosenau, einer Nichte des verstorbenen Schmiedemeisters Johann Gottlieb Wilhelm Heinrich,  geschlossen. Sie war 1865 in Glinau als Tochter des Johann Samuel Rosenau und dessen Ehefrau Johanna Louise geborene Heinrich zur Welt gekommen.

* * *

Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: 1) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/): Stadtakten / Beschreibung sämtlicher Gebäude in der Stadt Neu Tomysl; 2) Personenstandsunterlagen
der evangelischen Gemeinde Neu Tomysl

F. Chichorski stirbt an den Folgen eines Streites / 1902

Duschnik, die Dorfstrasse - Postkartenausschnitt

Duschnik, die Dorfstrasse – Postkartenausschnitt

Der Arbeiter Lorenz Bartkowiak aus Duschnik, ein wegen Raubes bereits mit Zuchthaus bestrafter  Mensch, brachte im Verlaufe eines Ende Dezember zwischen ihm und dem Maurer Felix Cichorski ausgebrochenen Streites dem Cichorski eine Bißwunde an einem Finger bei.

Obwohl sich Cichorski sofort in ärztliche Behandlung begab, trat der Brand ein, und nunmehr ist Cichorski im hiesigen Johanniter Krankenhaus gestorben

 * * *

Standesamt Pinne 16. Januar 1902

Dem Unterzeichneten Standesbeamten geht heute von der Polizei Verwaltung hierselbst die schriftliche Mittheilung zu, daß der Arbeiter Felix Cichorski, wohnhaft zu Duschnik Krs. Samter, 55 Jahre alt, katholischer Religion, geboren zu Duschnik, Sohn der ledigen Arbeiterin Maria Cichorska, zuletzt verheiratet gewesen mit Maria geborene Dzianmska, Vater von 1 minderjährigem Kinde am achten (8.) Januar diese Jahres, nachmittags um vier Uhr zu Pinne im Johanniter  Krankenhause verstorben sei.

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1902-01-17; 2) Personenstandsunterlagen Staatsarchiv Poznan

Diamantene Hochzeit im Hause Böhm / 1902

Evgl. Kirche zu Neustadt Pinne (Ruine) - Aufn. Sep. 2009 GT

Evgl. Kirche zu Neustadt Pinne (Ruine) – Aufn. Sep. 2009 GT

Lewitz-Hauland 25. November 1902

Gestern (24.11.1902) beging das Ehepaar Karl Böhm und Wilhelmine, geb. Hahnfeld das seltene Fest der diamantenen Hochzeit.

Zahlreiche Verwandte feierten den Ehrentag des verhältnismäßig rüstigen Jubelpaares mit. Der Herr Regierungspräsident hatte im Namen Sr. Majestät des Kaisers dem Jubelpaar ein Geldgeschenk von 30 Mark bewilligt. Auch der evangel. Gemeinde-Kirchenrath hatte ein kleines Geldgeschenk gemacht.

Die feierliche Einsegnung des Jubelpaares fand in dessen Wohnung durch den Ortsgeistlichen statt. Wünschen wir den alten Leuten noch eine Reihe glücklicher und gesegneter Jahre !

* * *

24 November 1842 Eintragung im Kirchenbuch der evangelischen Kirche zu  Neustadt bei Pinne:

Der Junggeselle Carl  Ludwig Böhm (21 J. geb. ca. 1821) aus Lewitz Hauland – mit der Jungfer Wilhelmine Hahnfeld (18 Jahre – geb. ca. 1824) aus Wengellen in der Kirche getraut

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1902-11-28; 2) Personenstandsunterlagen Staatsarchiv Poznan

Bedauernswerter Unfall des Kutschers Arlt / 1910

Blick vom Bahnhof kommend in die ehem. Bahnhofstraße / Kartenausschnitt Sammlung Wojtek Szkudlarski

Blick vom Bahnhof kommend in die ehem. Bahnhofstraße / Kartenausschnitt Sammlung Wojtek Szkudlarski

Ein bedauernswerter Unglückfall, dem ein blühendes Menschenleben zum Opfer gefallen ist, ereignet sich gestern abend auf der Bahnhofstraße in der Nähe der Landgrabenbrücke.

Der Kutscher Bernhard Arlt kam auf einem mit Bierfässern schwerbeladenen Wagen der Pflaum’schen Brauerei  in die Stadt gefahren. Kurz hinter der Brücke fiel der etwa 18 jährige nüchterne junge Mann vom Wagen herab und kam so unglücklich dabei zu Fall, daß ihm der schwere Wagen über Brust und Hals ging, so daß das Blut aus Mund und Nase floß und er wie leblos auf der Straße aufgefunden wurde. Sofort angestellte Wiederbelebungsversuche hatten leider keinen Erfolg. Der Schwerverletzte wurde in das hiesige Krankenhaus geschafft, jedoch konnte der Arzt nur noch den bereits eingetretenen Tod feststellen.

Wie sich der tragische Vorfall ereignete, dürfte mit Sicherheit nicht festzustellen sein, da Augenzeugen in der Nähe der Unfallstelle zurzeit nicht waren; es ist aber anzunehmen, daß die Pferde plötzlich scheu geworden sind, da sie in der Bahnhofstraße in flottem Trabe ohne Führer angehalten wurden.

* * *

Bernhard Otto Arlt wurde am 26. Februar 1892 in Alt Dombrowo als Sohn des Arbeiters Robert Arlt und dessen Ehefrau Wilhelmine geb. Kaleske geboren. Die Familie war mehrfach umgezogen; zum Zeitpunkt des Unfalls wohnte sie in Wonsowo.

Sein Tod wurde durch das Königliche Distriktsamt Neutomischel am 09. Jul 1910 an das Standesamt Neutomischel gemeldet und unter dem 01. August 1910 amtlich eingetragen. Im Toteneintrag findet sich, das “Bernhard Arlt zu Paprotsch auf der Straße vom Bahnhof nach der Stadt Neutomischel am 23. Juni 1910 nachmittags gegen sechs Uhr tot aufgefunden worden sei. Tag und Stunde des Todesfalls hat nicht näher festgestellt werden können.”

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1910-06-24; 2) Personenstandsunterlagen Staatsarchiv Poznan
 

Kurzmeldung – Das Fuhrwerk des Eigentümers Kubsch ging durch … / 1911

... bogen nach der Bahnhofstraße in rasendem Tempo ab ... / Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

… bogen nach der Bahnhofstraße in rasendem Tempo ab … / Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Als heute vormittag (21.04.1911) der Eigentümer Kubsch aus Altborui vor einem hiesigen Geschäft in der Goldstraße Kleie aufladen wollte, und er sich für einen Augenblick von dem Fuhrwerk entfernt hatte, gingen die beiden Pferde mit dem Wagen durch, bogen nach der Bahnhofstraße in rasendem Tempo ab und beschädigten dort eine Straßenlaterne und einige junge Bäume.

Erst vor dem Aron Markus’schen Hause fuhr ein Rad an einen dort stehenden stärkeren Baum an und der Wagen kam zum Stehen.Während ein Pferd dabei zu Fall kam und die Deichsel zerbrach, raste das andere, das sich beim Anprall losgerissen hatte, noch ein Stück weiter, blieb aber bald ebenfalls stehen.

Glücklicherweise ist keine Person bei dem Vorfall verletzt worden.

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1911-04-21

 

Werth der Hand- und Spanndiensttage im Regierungsbezirk Posen / 1895

Leiterwagen jener Zeit - Aufn. GT

Leiterwagen jener Zeit -
Aufn. GT

Posen, 1. Februar 1895

Werth der Hand- und Spanndiensttage im Regierungsbezirk Posen

Auf Grund des § 3 Absatz 2 des Gesetzes vom 21. Juni 1875, betreffend die anderweite Regelung der Verpflichtung zur Leistung von Hand- und Spanndiensten für die Unterhaltung der Land- und Heerstraßen in der Provinz Posen ist nach Anhörung der Kreisvertretungen der Werth eines Hand- und Spanndiensttages im Regierungsbezirk Posen für das Jahr 1895 mit dem Hinzufügen, daß unter einem Handtage die Leistung eines gesunden erwachsenen Arbeiters und unter einem Spanntage die Leistung eines mit zwei gesunden Pferden nebst Kutscher zu stellenden Wagens zu verstehen ist, wie folgt festgesetzt worden:

lfd. 

Name des 

Werth eines

Nr.

Kreises

Hand-

Spann-

 

 

Diensttages

 

 

Mk./Pfg.

Mk./Pfg.

1

Adelnau

1,00

4,00

2

Birnbaum

1,00

4,50

3

Bomst

1,00

4,50

4

Fraustadt

1,00

4,50

5

Gostyn

1,00

4,50

6

Grätz

0,80

4,00

7

Jarotschin

1,00

4,00

8

Kempen

0,75

4,00

9

Koschmin

0,80

4,00

10

Kosten

1,20

5,00

11

Krotoschin

0,80

4,00

12

Lissa

1,00

4,50

13

Meseritz

1,00

4,50

14

Neutomischel

1,20

4,00

15

Obornik

1,00

4,00

16

Ostrowo

1,00

4,00

17

Posen-Ost

1,00

4,50

18

Posen-West

1,00

4,50

19

Pleschen

0,75

3,00

20

Rawitsch

1,00

4,50

21

Samter

1,00

4,50

22

Schildberg

0,75

4,00

23

Schmiegel

1,25

5,00

24

Schrimm

1,00

4,00

25

Schroda

1,00

4,50

26

Schwerin a. W.

1,00

4,50

27

Wreschen

1,00

4,50

 

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben:  Veröffentlichung im Posener Tageblatt 1895-02-02 – www.wbc.poznan.pl/libra; Photo: Freilichtmuseum für Volksbaukunst in Wollstein / SKANSEN BUDOWNICTWA LUDOWEGO in Wolsztyn
 

Kurzmeldung – Gewitterunfall / 30. April 1895

Die in den Jahren 1896/97 neu erbaute Schule von Kaponke (Postkartenausschnitt), das Gebäude wird noch heute als Schule genutzt

Die in den Jahren 1896/97 neu erbaute Schule von Kaponke (Postkartenausschnitt), das Gebäude wird noch heute als Schule genutzt

Das erste diesjährige Gewitter entlud sich ebenso früh als heftig hier und in der Umgegend. Namentlich hätte ein Blitzschlag, welcher das Schulhaus in Kaponke traf, recht verhängnißvoll werden können.

Nicht nur, daß der Blitz den Giebel des Hauses herunterschlug, durchfuhr er noch das Klassenzimmer, die Decke des letzteren mehrfach durchlöchernd.

Der Lehrer H., welcher mit seiner Schwester am geschlossenen Fenster der Giebelstube stand, wurde betäubt und theilweise gelähmt, so daß er sofort in ärztliche Behandlung genommen werden mußte, während sich die ebenfalls getroffene Schwester desselben bald erholte.

Wunderbarer- und glücklicherweise zündete der Blitz das fast hölzerne Gebäude nicht an.

* * *

Um welche Angehörigen der Lehrerfamilie H. es sich gehandelt hat, konnte nicht zweifelsfrei in Erfahrung gebracht werden

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Posener Tageblatt 1895-05-05 / Seite 3 – www.wbc.poznan.pl/libra
 

Untergang der “Elbe” – Trauer in Buk / 1895

Karte des Unglücksortes / Quelle: Wikipedia - Von unbekannt - Die Gartenlaube 1895, Sammelband Nr. 8, S. 116, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=2753770

Karte des Unglücksortes / Quelle: Wikipedia – Von unbekannt – Die Gartenlaube 1895, Sammelband Nr. 8, S. 116, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=2753770

Untergang der “Elbe” – Ein fürchterliches Unglück hat sich am 30.01.1895 früh auf der Nordsee ereignet. Der Passagierdampfer “Elbe” ist gesunken. Mehr als dreihundert Personen haben dabei ihr Leben verloren.

“Auf den Straßen, in den Pferdebahnwagen, in den öffentlichen Lokalen – überall, wo sich Menschen zusammenfanden, beherrschte gestern das entsetzliche Unglück, das die “Elbe” und mit ihr Hunderte von Familien betroffen hat, die Unterhaltung. Es schien, als hätte das Furchtbare, das so unerwartet die Gemüther in Schrecken versetzt, das Interesse an allem Anderen verdrängt, Hader und Zwiespalt gebannt und alles Mitleid und alle Theilnahme, deren das Menschenherz fähig ist, wachgerufen”

Die Trauer “zeigte sich auch in dem Bureau des Norddeutschen Lloyd Unter den Linden. Von den frühen Morgenstunden an war hier ein stetes Kommen und Gehen. Das große Schaufenster, in dem die Reliefkarten ausgestellt sind, welche über die Schiffsbewegung des Institutes Auskunft geben, war verhüllt, wie zum Zeichen der Trauer über das erschütternde, unsagbare Unglück.”

“Im Bureau aber ging es lebhaft zu. Nicht nur Diejenigen, die nach dem Schicksal eines theuren Angehörigen bange Fragen richteten, fanden sich ein, sondern Unzählige, die das Mitleid, die Theilnahme für unglückliche Mitmenschen, mochten sie ihnen auch noch so fern stehen, im Innersten erschüttert hatte.”

“Niemand wollte daran glauben, daß das Entsetzliche sich so zugetragen, daß wirklich Hunderte von Menschen einem so erbarmungslosen Schicksal verfallen seien. Aber man konnte keine tröstliche Auskunft geben. Viele der Nachfragenden haarten geduldig aus, ob nicht doch noch eine erlösende Botschaft käme, wenigstens die Mittheilung, daß die Zahl der Geretteten größer sei, als die ersten Meldungen sie angegeben. Vergeblich!”

Das Passagierschiff  “Elbe” hatte am 29. Januar 1895 nachmittags seine Reise von Bremerhaven nach New York angetreten. In den Morgenstunden des 30. Januar hatte ein heftiger Sturm eingesetzt. Um 5 Uhr 40 Minuten rammte die “Crathi” mit voller Wucht die Breitseite des Passagierschiffes Die “Elbe” versank in nur annähernd 20 Minuten.

Passagierschiff "Elbe" / Quelle: Wikipedia - Von unbekannt - Die Gartenlaube 1895, Sammelband, Nr. 8, S. 117, Fotografie im Verlag von W. Sander & Sohn, Geestemünde, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=2753757

Passagierschiff “Elbe” / Quelle: Wikipedia – Von unbekannt – Die Gartenlaube 1895, Sammelband, Nr. 8, S. 117, Fotografie im Verlag von W. Sander & Sohn, Geestemünde, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=2753757

Von den 199 Passagieren, 4 Postbeamten, 2 Lotsen und 149 Mann Besatzung wurden gerettet 5 Passagiere, 2 Lotsen und 13 Mann der Mannschaft (es finden sich in einigen Berichten leicht abweichende Zahlen, immer ist aber von über 300 Toten geschrieben worden)

Die Berichterstattungen handelten vornehmlich von dem Unfallhergang, der Rettung der wenigen Überlebenden und Konsequenzen, welche aus dem Unglück für die Zukunft der Passagierschiffahrt zu ziehen seien. Über die Opfer findet sich wenig.

Und doch … die Trauer muss, wie sie in Berlin geherrscht hat, auch im Städtchen Buk zugegen gewesen sein.

Das Posener Tageblatt berichtete unter der Überschrift “Verunglückt auf der Elbe” – “ist auch der Sohn des hiesigen Rabbiners Gutwirth. Derselbe war in Amerika in einem größeren Handlungsgeschäfte in Stellung und hielt sich hier längere Zeit besuchsweise bei seinem Vater auf.

Letzterer wollte seinen Sohn, der besondere kaufmännische Tüchtigkeit dadurch an den Tag legt, daß er außer in der deutschen auch in der französischen, englischen und spanischen Sprache die Korrespondenz zu führen verstand, gern in einem größeren Geschäft Deutschlands unterbringen.

Den Verunglückten jedoch zog ein unwiderstehlicher Drang nach Amerika zurück. Gegen den Willen seines Vaters reiste er früher, als letzterer es gestatten wollte, von hier ab, um gerade die “Elbe”, mit welchem Schiffe er herübergekommen war, zu seiner Rückreise zu benutzen.

Auch ihm ist, im Alter von 29 Jahren, mit den anderen Verunglückten ein Grab in den Wellen zu Theil geworden.”

* * *

Marcus Gutwirth war ca. 1866 als Sohn des aus Krakau gebürtigen Rabbiners Joel David Gutwirth und dessen Ehefrau Ernestine geb. Lewy geboren worden. Seine vermutlich erste Reise nach New York hatte er im Juli 1889 im Alter von 23 Jahren angetreten. Mit an Bord des Dampfers “Hammonia” war die 18 jährige Schwester Minnie (Minna) Lea Gutwirth. Sie ehelichte 1893 in New York Victor Emanuel Berman.

Als ein Grund für seine Rückkehr könnte der Tod seiner Mutter im April 1894 angesehen werden. Nicht bekannt ist, ob die überstürzte Abreise etwaig mit der im März 1895 angestandenen Wiederverehelichung seines Vaters mit der 27 jüngeren Bertha Beile Spieldoch in Zusammenhang gestanden hat.

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung 1895-01-31 / Seite 3 und  1895-02-01/ Seite 5 – www.ZEFYS.Staatsbibliothek-Berlin.de; 2) Posener Tageblatt 1895-02-09 / Seite 3 – www.wbc.poznan.pl/libra; 3) Personenstandsunterlagen Staatsarchiv Poznan

 

08. April 1786 – 230 Jahre – Neu Tomysl – Nowy Tomyśl

Die heutige Stadtfahne - Aufn. PM

Die heutige Stadtfahne – Aufn. PM

Mit dem Bestätigungsbrief des Königs Stanislaus August von Polen vom

08. April 1786

wurde das Gesuch, eine Stadt zu gründen, genehmigt und freigegeben “eine Stadt mit Gräben, Dämmen, Gewässern, Vertheidigungswerken nach seinem Belieben zu umgeben und zu versehen, Bürger, Kaufleute und jeder Art Handwerker einzuführen, heranzuziehen, unterzubringen, Waaren jeder Art dorthin zu verfahren und zu verkaufen, welches also errichtete Städtchen für immerwährende Zeiten Neu-Tomysl heissen soll.”

In diesem Schreiben wird der zukünftigen Stadt das “teutonische Recht, welches das Magdeburgische heisst, nebst allen anderen Freiheiten und Vorzügen, deren die Kronstädte sich bedienen, allergnädigst verliehen, mit Aufhebung der polnischen und lithauischen Gesetze, welche dies teutonische, Magdeburger genannte, Recht antasten und verwirren könnten.

Glinau II – Unfall im Hause Lehrer Kintzel (1911)

Schule Glinau II (Foto PM 28-06-2010)

Schule Glinau II (Foto PM 28-06-2010)

Eine brave Tat vollbrachte am 20. d. Mts. (20.04.1911) das Söhnlein des Lehrers (Rudolph Otto Bruno) Kintzel aus Glinau. (Er war 1877 in Neustadt bei Pinne geboren worden und hatte im Jahr 1901 die 1883 in Neu Dombrowo geborene Ottilie Martha Werner geehelicht).

Während sich in Abwesenheit der Eltern die beiden ältesten Kinder (Bruno Alexander Gustav Heinrich, geboren 1902 und Frieda Auguste Alma, geboren 1903) auf dem Felde beschäftigten, spielten in der Nähe ihre kleineren Geschwister.

* * *

Plötzlich fiel ihr 2 1/2 jähriges Brüderchen (Willi Hugo Rudolph, geboren im Oktober 1908) in einen sich in der Nähe befindlichen, über 1 1/2 Meter tiefen, fast bis oben gefüllten Teich.

Sein achtjähriger Bruder, der den Vorfall bemerkte, lief sofort herbei und sprang mutig und entschlossen in das tiefe Wasser, das über seinem Kopfe zusammen schlug. Beim Sprunge kam der Knabe noch zu Fall, und auch er galt für verloren. Es gelang ihm aber doch noch, sich mit Aufbietung aller seiner Kräfte aufzurichten. Er ergriff den auf dem Grunde liegenden Knaben und konnte sich mit ihm, aber nur mit großer Mühe und Not, nach dem Ufer retten.

Hier zog ihn die inzwischen herbeigeeilte Frau des Arbeiters Heinrich Werner vollends aus dem Wasser. Bei der Rettungsarbeit soll dem Knaben ein Schuh in dem schlammigen Boden des Teiches stecken geblieben sein. “Sag’ an, war das nicht brav getan?” Man denke sich die Freude der Eltern, als sie bei ihrer Heimkehr von der Heldentag ihres Aeltesten hörten. Eine Auszeichnung des Knaben wäre hier sehr am Platze.

* * *

Ein weiterer Artikel in dieser Folge: “Glinau II – Lehrer Hoede (1905-1908)” – veröffentlicht im Juni 2010

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1911-04-25

Privatschule Frl. Marie Landmann in Neutomischel 1877-1881

Die frühere Bahnhofstrasse, rechts erkennbar die Buchstaben HO ..., dieses Gebäude war der Hopfenspeicher der Familie Landmann - Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Die frühere Bahnhofstrasse, rechts erkennbar die Buchstaben HO …, dieses Gebäude war der Hopfenspeicher der Familie Landmann – Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Im Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten von Franz Brümmer / 1913 in Leipzig erschienen, findet sich eine Kurzbiographie:

Landmann, Marie, geboren am 15. Februar 1850 in Berlin, siedelte 1863 mit ihren Eltern nach Neutomischel in der Provinz Posen über u. besuchte 1866-68 eine Pensionsanstalt in Grünberg (Schlesien), worauf sie 1868 ihr Lehrerinnenexamen ablegte. Sie unterrichtete zunächst durch eine Reihe von Jahren ihre jüngeren Schwestern, war später Vorsteherin einer kleinen Privatschule in Neutomischel u. ging, nachdem sie ihre Prüfung als Schulvorsteherin abgelegt, 1882 nach Breslau, wo sie seit dem März 1884 teils als Pensionsvorsteherin, teils als Schriftstellerin tätig war. Sie war Mitbegründerin des Breslauer Vereins “Frauenwohl” (1891) und bis 1905 Schriftführerin desselben. Sie starb in Breslau am 30. September 1908. S: Novellen, 1882 – Die Zeitungsbraut (Dram. Scherz), 1896″

* * *

Es sind nur wenige Hinweise, welche die Anwesenheit der Familie Landmann in Neutomischel  überhaupt belegen. Julius Landmann und seine Ehepartnerin Johanna geb. Meyer hatten 1849 in Frankfurt an der Oder die Ehe geschlossen. Die Familie hatte dann in Berlin ihren Wohnsitz, wo Julius Landmann als Handlungsreisender u. a. im Hopfenhandel tätig war. Marie galt als älteste Tochter des Paares.

Der Hopfen war es vermutlich auch, der die Familie bewogen haben mag, nach Neutomischel zu übersiedeln. Julius Landmann galt im Jahr 1863 als Besitzer der Anwesen No. 94-95 in Neutomischel auf denen er einen Hopfenspeicher errichtet hatte; weiterhin wurde er  1873 durch J. J. Flatau in der Liste der bedeutendsten “Hopfenproducenten und -händler” der Stadt  geführt. 1873 war aber auch das Jahr in welchem Julius Landmann verstorben zu sein scheint, denn im Grundbuch findet sich, dass die Grundstücke No. 94-95 auf die Wittwe Johanna in jenem Jahr überschrieben worden waren.

Die Familie Landmann scheint der Bildung gegenüber aufgeschlossen gewesen zu sein. Marie Landmann, so heißt es in der Kurzbiographie, hatte 1868 ihr Lehrerinnenexamen abgelegt. Außer Frage steht, dass sie in den 9 Folgejahren in Neutomischel Privatunterricht für schulpflichtige Kinder erteilte, nicht bekannt ist, ob es wirklich lediglich nur ihre jüngeren Schwestern waren, welche sie unterrichtete.

1877 war das Jahr in dem das Leben der Privatlehrerin Marie Landmann eine Wende erfahren hatte. Marie Landmann hatte zum Dezember des Jahres ihre eigene Mädchenschule gegründet. Ob dieses sich ebenfalls in der Bahnhofstrasse auf dem elterlichen Grundstück befand ist nicht bekannt.

Mit Beginn dieses Jahres hatte Witte sein Amt als Bürgermeister und in einigen anderen Positionen in der knapp 1.300 Einwohner zählenden Stadt angetreten. Es ist nichts genaueres über die Auslöser der im Dezember 1877 begonnenen Ereignisse, die auch die Schule des Fräulein Marie Landmann einschloss, bekannt; Witte spielte darin jedoch mehrfach eine Schlüsselrolle.

In jener Zeit galten folgende Bestimmungen:

  1. Die Allerhöchste Kabinetsordre vom 10. Juni 1834, betreffend die Aufsicht des Staates über Privatschulen und Privatpersonen, welche sich mit dem Unterrichte und der Erziehung der Jugend beschäftigen.
  2. Die Ministerial Instruktion vom 31. Dezember 1839 zur Ausführung der Allerh. Kabinetsordre vom 10. Juni 1834, betreffend die Beaufsichtigung der Privatschulen, Privat-Erziehungsanstalten und Privatlehrer, sowie der Hauslehrer, Erzieher und Erzieherinnen.

Es waren demgemäß nur Personen zur Erteilung von Privatunterricht in ihrer Wohnung, oder in Familien oder in Privatschulen berechtigt, wenn sie dazu befähigt waren und einen besonderen Erlaubnisschein von der betreffenden Königlichen Regierung oder deren Vertretern erhalten hatten. Einen solchen Erlaubnisschein bedurften auch alle Erzieherinnen.

Witte setzte sich hinsichtlich dieser Bestimmungen nun mit dem Ausbildung respektive dem Pflichtschulbesuch der Tochter des Major von Hippel auseinander. Dieser schickte seine Tochter nicht zum Unterricht an die öffentliche Stadtschule; sondern erteilte dieser selbst mit seiner Frau häuslichen Unterricht, allerdings wurden auch Nachhilfestunden durch den Gefreiten Hartmann gegeben. Und eben um den Erlaubnisschein von Letzerem ging es.

Major von Hippel legte das Schreiben in dem er um Stellungnahme gebeten wurde jedoch gegen ihn persönlich gerichtet aus. Einige Passagen aus seinem Antwortschreiben sind denn: “… da ich immer in Kreisen bewegt habe, in denen ungebildete Menschen nicht gelitten werden …“, “… meine Tochter mit Kindern ungebildeter Familien zusammen kommen zu lassen …” oder auch “… Unmanierlichkeiten lernen könnte, über welche man hier Orte zwar hinweg sieht, die aber in den Kreisen, zu welchen ich und meine Familie mich rechne, leicht auffallen könnten …”.

Die Meinung welche Major von Hippel gegenüber seinen Mitmenschen hatte. war scheinbar nicht sehr hoch gewesen, er hatte zwar noch eingelegt mit den Worten “… Ich füge hierbei hinzu, daß ich keineswegs alle Kinder zu der oben bezeichneten Kategorie rechne, es gibt Gott sei Dank hier am Orte ja auch rühmliche Ausnahmen…”, doch das Negative, Beleidigende hatte überwogen.

Major von Hippel ließ sich zudem noch dazu hinreißen zu schreiben, dass der wohllöbliche Magistrat “… seine Aufmerksamkeit der seit dem 1. December d. Jrs. hier eröffneten sogenannten Mädchenschule zuwendenmöge, “welche bis jetzt noch keine Concession besitzt und in der den bestehenden Bestimmungen entgegen (Minst. Restrikt vom 31. December 1858) von jüdischen Lehrerinnen auch christliche Kinder unterrichtet werden.

Die in der Kurzbiographie der Marie Landmann erwähnte “kleine Privatschule” an der sie Vorsteherin gewesen war, war ihre eigene gewesen.

Witte als Bürger- und höchster Polizeivorsteher konnte nach einer solchen schriftlich eingegangenen Denunziation nicht untätig bleiben, zumal er sich die Klärung des Schulbesuchs der Tochter des Major von Hippel zueigen gemacht hatte. Er übersandte an Marie Landmann ein Schreiben mit folgendem Passus:

Da nun Sie, wie zu unserer Kenntnis gekommen ist, dieser Tage eine Privatschule errichtet haben, resp. Privatunterricht an schulpflichtige Kinder in Ihrer Wohnung ertheilen, so werden Sie hierdurch aufgefordert, uns Ihre Befähigungszeugnisse resp. den vorbenannten Erlaubnisschein zur Einsicht vorzulegen, bis dahin aber sich jeder Ertheilung von Unterricht in Ihrer Wohnung oder in Familien zur Vermeidung der gesetzlichen Strafen zu enthalten.”

Marie Landmann antwortete darauf mit folgendem Wortlaut:

Da ich seit 9 Jahren in hiesiger Stadt Privatunterricht an schulpflichtige Kinder ertheile, so war ich der Meinung, daß die Königl. Polizeiverwaltung in Neutomischel von meiner Befähigung resp. Berechtigung dazu bereits unterrichtet ist.

Aus Ihrem verehrt. Schreiben v. 4. d. Mts. ersuche ich zu meiner Verwunderung, daß dies nicht der Fall ist und beeile mich daher, Ihnen meine Befähigung zum Unterrichten durch beigeschlossenes, von dem Königl. Provinzial-Schul-Collegium in Breslau ausgestelltes Prüfungs-Zeugniß darzuthun, welches, so viel mir bisher bekannt war, die Erlaubniß zur Ertheilung von Unterricht in sich schließt.

Sollte ich außerdem eines besonderen Erlaubnisscheines bedürfen, so ersuche ich Sie, mir denselben obgleich um 9 Jahre verspätet, gefälligst ausstellen zu wollen.”

Hier nun kürzen wir den Schriftwechsel in seiner Wiedergabe ab. Witte bestand auf die Vorlegung des Erlaubnisscheines und hielt das Lehrverbot, sowie die Strafandrohung bei Zuwiderhandlung, aufrecht.

Noch im Dezember 1877 schrieb Marie Landmann an die Königliche Regierung in Posen und beantragte einen Erlaubnisschein zur Berechtigung der Erteilung von Unterricht. Diese verwies sie jedoch an die zuständige Ortsschulbehörde, da dieser die Entscheidung zur Ausstellung eines solchen oblag. Somit war sie wieder bei Witte angelangt, hier in seiner Eigenschaft als Mitglied des Schulvorstandes.

Die frühere Bahnhofstrasse, auf der rechten Strassenseite (im Vordergrund) lag das Grundstück der Familie Landmann - Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Die frühere Bahnhofstrasse, auf der rechten Strassenseite (im Vordergrund) lag das Grundstück der Familie Landmann – Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Witte schrieb an die weiteren Mitglieder des Schulvorstandes am 15. Januar 1878 wie folgt: ” Ich bin dafür der Antragstellerin folgenden Erlaubnißschein zu ertheilen: “Dem Fräulein Marie Landmann zu Neutomischel wird aufgrund der §§ 15 und 18 der Ministerial Instruktion vom 31. December 1839 die widerrufliche und nur für das laufende Jahr gültige Erlaubniß erteilt nur in ihrer Wohnung Kinder mehrerer Familien gemeinschaftlich unterrichten zu dürfen” Die Herren W. Peikert – N. Maennel – ? Lutz – Dr. Foerster – G. Toeffling – H. Wolke (vorb. richtiger Transkription der geleisteten Unterschriften) schlossen sich an.

Ein weiteres Ereignis in dieser Angelegenheit war, dass die Eltern, welche ihre Kinder bei Marie Landmann in den Unterricht geschickt hatten mit Strafgeldern belegt worden waren, da diese unerlaubt dem Unterricht an der Stadtschule ferngeblieben waren. Witte hatte daraufhin verunsichert hinsichtlich der Rechtmäßigkeit der Erteilung der Unterrichtserlaubnis nochmals an die Königliche Regierung in Posen geschrieben; er wurde jedoch dahingehend belehrt, dass er – Witte – nur hätte das Königliche Landratsamt entsprechend über die Ausstellung der Lehrerlaubnis informieren müssen, um derartige Vorkommnisse zu vermeiden.

Witte wäre also von Anbeginn an aufgrund der von ihm inne gehabten Ämter dazu in der Lage gewesen, der Marie Landmann den Erlaubnisschein zur Berechtigung von Erteilung von Unterricht auszustellen; und ebenso hätte er bei ordnungsgemäßem Vorgehen die Verhängung von Schulstrafen an die Eltern, welche ihre Kinder bei Marie Landmann unterrichten hatten lassen, verhindern können.

Marie Landmann war aber nur eine kurze Zeit der Ruhe gegönnt.

Schon im März des Jahre 1878 wurde die Königliche Regierung in Posen wieder auf sie aufmerksam, bzw. auf sie aufmerksam gemacht.

Ein Schreiben mit nachfolgendem Text traf in Neutomischel ein:

Als die dortige Privatlehrerin Marie Landmann unter dem 7ten December v. J. die Genehmigung zur Ertheilung von Privatunterricht an die Kinder mehrerer Familien auf Grund § 18 der Instruktion vom 31. December 1839 nachsuchte, mußten wir annehmen, daß die Zahl der betheiligten Familien eine bestimmte und beschränkte sei und ein Vertragsverhältniß mit denselben vorliege.

Die Antragstellerin wurde daher unter dem 7ten Januar an die dortige Ortsschulbehörde verwiesen.

Nachdem wir aber in Erfahrung gebracht, daß der Zutritt zu der Schule auch anderen Familien freisteht und daß sogar in öffentlichen Blättern zur Benutzung derselben aufgefordert wird, können wir die Ertheilung des Erlaubnißscheines durch die Ortsschulbehörde nicht mehr für ausreichend halten.

Es charakterisiert sich die Schule jetzt vielmehr als eine eigentliche Privatschule und sind die in den §§ 1-4 der gedachten Verordnung vorgesehenen Bedingen zu erfüllen.

Der Magistrat wolle die g. Landmann hiervon in Kenntniß setzen und derselben zur Pflicht machen, daß sie binnen 4 Wochen die Erlaubniß zur Fortführung der Schule in der in § 4 vorgeschriebenen Weise nachsuche.

Das Gesuch ist sodann unter Beifügung der sämtlichen in § 2 und 3 vorgeschriebenen Atteste und des Einrichtungsplanes mittels gutachtlichen Berichts speciell auch über die Bedürfnißfrage binnen 5 Wochen durch das königlichen Landraths Amt daselbst an uns einzureichen.”

Hatte Marie Landmann zuviel gewollt ? Es herrschte in jenen Jahren noch die Auffassung, dass die Frau ihre Talente in der Familie und im Haus entfalten sollten; ein Mitspracherecht in der Gesellschaft war für Frauen fast absolut tabu gewesen. Oder war sie lediglich ein Opfer der Formulierung oder Auslegung der damaligen Bestimmungen gewesen ? Wie auch immer, ihr Versuch nicht als Privatschule eingestuft zu werden scheiterte. Doch sie meisterte alle Auflagen, die ihr gemacht wurden und erhielt unter dem 13. September 1878 die “Concession zur Leitung der Privat-Mädchenschule”. Eine letzte Auflage, die ihr gemacht wurde, war, dass sie noch die Prüfung zur Schulvorsteherin abzulegen hätte.

In einer Nachweisung vom September 1878 derjenigen Kinder, welche bei Fräulein Marie Landmann Unterricht empfangen haben finden sich:

Schülerliste 1878 - Privatschule Marie Landmann

Schülerliste 1878 – Privatschule Marie Landmann

 

Die Mädchen traten mit 6 Jahren ihren Schulbesuch an und beendeten ihn mit 15 Jahren. Das Schulgeld für jede Klasse betrug 9 Mark.

Marie Landmann und ihr Herr Lehrer Hirsch unterrichteten:

 

1878

1879

1880

1881

Mädchen, deutsch, evgl., aus dem Ort

4

5

6

2

Mädchen, jüdisch, aus dem Ort

8

5

7

4

Über die Zeit vom Herbst 1878 zum Frühjahr 1881 ist nichts genaues bekannt. Die Schulvisitationen, welche durch Dr. Foerster vorgenommen worden waren, waren alle zufriedenstellend ausgefallen.

In der kurzen Biographie zu Frl. Marie Landmann heisst es: “… u. ging, nachdem sie ihre Prüfung als Schulvorsteherin abgelegt, 1882 nach Breslau”

In den Archivakten findet sich der Grund für die Aufgabe ihrer Schule in Neutomischel zum Ende des Jahres 1881 und dem Fortzug des Fräulein Maria Landmann von Neutomischel.

Zum Sommer des Jahres 1881 hatte sich in der Stadt ein ” Zusammentritt von Interessenten einer christlichen Töchterschule” gegründet. Federführend waren der evangelische Pastor Schmidt und Witte als Schulvorstand, Bürgermeister und Polizeivorsteher. Letzterer unterzeichnete, dass den “schulpflichtigen Töchtern der besseren Stände durch die hier bestehende öffentliche Schule nicht ausreichend gesorgt ist, die hierorts bestehende Privattöchterschule des Fräulein Landmann aber einmal des hohen Schulgeldes, dann aber auch der nicht hinlänglichen Einrichtung wegen nicht geeignet ist, allen denen die Benutzung dieser Schule möglich zu machen, die ihren Töchtern einen besseren Unterricht ertheilen und eine bessere Erziehung geben lassen wollen.

In die neu gegründete Höhere Mädchenschule gingen im Jahr 1881 – 24 Mädchen bei einem zu zahlenden Schulgeld von nur 5 Mark per Jahr. Als Ausgleich zu den real höheren Unterhaltskosten war angedacht der Schule einen Zuschuss von 500 Mark für das Gehalt der 2 Lehrerinnen für die “Dauer des Bedürfnisses” durch die Stadt zukommen zu lassen, dieses “etwa unter der Bedingung …, daß die Stadt durch eine entsprechende Anzahl ihrer gesetzlichen Vertreter in der Generalversammlung und im Schulausschusse mit Stimmrecht vertreten werde.”

Zu dem gab es in den Statuten für die “höhere Töchterschule zu Neutomischel” den § 3; dessen Wortlaut war: “Die höhere Töchterschule ist eine christliche. Alle Mitglieder der Repräsentaten und des Vorstandes müssen einer christlichen Confession angehören. Die Lehrer sind evangelisch oder lutherisch, es kann jedoch eine Lehrkraft katholischen und eine Lehrkraft mosaischer Religion angestellt werden, die Vorsteherin muß evangelisch ein.”

Marie Landmann mit und auch ohne ihre Schule war damit in jeglicher Hinsicht, auch wenn sie ihr Gesicht wahren wollte, chancenlos. Nicht bekannt ist, ob seitens des Schulvorstandes ihr für das Jahr 1882 noch ein Erlaubnisschein zur Erteilung von Unterricht, ausgestellt worden war.

Neutomischel hatte ihr kein Glück gebracht. Ihr Fortgang zum Jahr 1882 ist damit nur zu erklärlich.

* * *
Quellen soweit nicht direkt im Text oder in den Bildbeschreibungen genannt: 1.) Akten des Staatsarchivs in Poznan – http://szukajwarchiwach.pl/ – Stadtakten Neutomischel 4385/0103 Privatschulen 2.) Brümmer Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten … – http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/bruemmer_lexikon04_1913

Das Drahtgeflechtwerk eröffnet / 1900

Neutomischler Drahtgeflechtwerk und Matratzen-Fabrik - Neuer Markt 52 / Bildausschnitt Privatbesitz Maennel Archiv

Neutomischler Drahtgeflechtwerk und Matratzen-Fabrik – Neuer Markt 52 / Bildausschnitt Privatbesitz Maennel Archiv

Einen neuen Industriezweig hat hier Herr Kaufmann Alexander Maennel durch Aufstellung eines Webestuhls für Drahtgeflechte eingeführt.

Das Werk wird durch einen Petroleum Motor in Bewegung gesetzt und liefert ein tadelloses Geflecht, welches sich für hauswirthschaftliche Zwecke in steigendem Maße einführt und unentbehrlich macht.

Wünschen wir dem neuen Unternehmen besten Erfolg und weiteste Ausdehnung

* * *

Quellen soweit nicht direkt im Text oder in den Bildbeschreibungen genannt: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1900-06-19

Familie Hauch aus Albertoske – Grabstein auf dem Friedhof von Juliana

Versunkener Grabstein auf dem ehemaligen evgl. Friedhof Juliana / Aufn. PM

Versunkener Grabstein auf dem ehemaligen evgl. Friedhof Juliana / Aufn. PM

Recherchieren wir heute die Lebensdaten der einstigen Bewohner anhand von Kirchenbucheintragungen oder Standesamtsunterlagen, so waren die Menschen, deren Daten wir wieder zusammentragen, selbst oft des Lesens und Schreibens nicht kundig gewesen.

Persönliche Dokumente hatten nicht die Bedeutung wie in heutiger Zeit gehabt, hatte doch ein jeder Jeden gekannt und hatte doch der Pastor oder der Standesbeamte Dokumente, falls sie denn benötigt worden waren, ausstellen können.

Es scheint, dass Abweichungen von Tagen, ja sogar von Jahren bei den Lebensdaten keine große Bedeutung beigemessen worden waren.

Menschen lebten mit dem Geburtsdatum, welches ihre Eltern ihnen genannt hatten. Häufig waren ihnen weder Daten zu ihren Eltern bekannt, noch erinnerten sie sich an die ihrer Großeltern; hatten sie diese aufgrund der hohen Altersunterschiede oftmals weder kennengelernt, noch deren Namen jemals gehört; dieses noch weniger, wenn die Familien ihren Wohnort im Laufe der Jahre gewechselt hatten und Verbindungen, aus welchen Gründen auch immer, nicht aufrechterhalten worden waren.

Grabsteine wurden oft erst viele Jahre nach dem Tod der Bestatteten aufgestellt. Die darauf eingemeißelten Geburts- und Sterbedaten waren vermutlich aus der “Erinnerung” an die noch bekannten mündlichen Überlieferungen angefertigt worden; waren dieses doch die Daten gewesen mit denen das Leben gelebt worden war.

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Vorgenannte Gründe erschweren es gefundene Grabsteine den Hauländern der Region wieder zuzuordnen. So verhält es sich auch bei einem sehr monumentalem Grabstein auf dem ehemaligen evangelischen Friedhof Juliana / Julianka. Die eingemeißelte Inschrift lautet:

Der Grabstein der Familienangehörigen Hauch / Aufn. Konrad Maciejaszek – “Zakład Poprawczy w Grodzisku Wlkp.”

Der Grabstein der Familienangehörigen Hauch / Aufn. Konrad Maciejaszek – “Zakład Poprawczy w Grodzisku Wlkp.”

Hier ruhen in Gott

Wilhelm Hauch
* 15.11.1845 + 7.6.1928

Wanda Hauch
* 16.2.1861 + 20.4.1929

Juliana Hauch
* 17.11.1845 * xx.xx.1929

Emma Hauch
*2.4. 1896 *7.3.1933

Ruhet sanft

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Wilhelm Hauch, getauft auf die Namen Johann Wilhelm Friedrich, war am 15. Oktober 1845 in Albertoske geboren worden. Seine Eltern waren der Eigentümer Johann Christoph Hauch (1816-1895) und dessen Ehefrau Johanna Louise geb. Rosenau (1825-?) gewesen. Er und seine Zwillingsschwester Rosina Dorothea, so der im Kirchenbuch Grätz seinerzeit vorgenommene Eintrag, wurden am 16. Oktober 1845 getauft. Als ihre Paten wurden der Eigentümer Wilhelm Rosenau, dessen Ehefrau Anna Dorothea geb. Hauch und die als Mädchen bezeichnete Rosina Dorothea Hauch genannt.

Wanda Hauch war die Ehefrau des Johann Wilhelm Friedrich Hauch gewesen. Beide hatten 1881 in Konkolewo die Ehe geschlossen. Ihr Tauf- bzw. Geburtsname war Emilie Wanda Gierke. Sie war am 06. Februar 1861 in Albertoske als Tochter des Johann Gottlieb Traugott Gierke (1837-1905), einem Eigentümer zu Albertoske, und dessen Ehefrau Anna Rosina Dorothea Steinke (1834-?) zur Welt gekommen. Am 17. Februar 1861 hatten bei der in der Kirche zu Konkolewo stattgefundenen Taufe, die Jungfern Henriette Steinke und Florentine Förster, die Frau Caroline Steinke geb. Wilhelm, alle waren in Konkolewo ansässig gewesen und letztlich der Junggeselle Gottfried Kroh aus Albertoske ihre Patenschaft übernommen.

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Wer aber waren

Juliana Hauch * 17.11.1845 * xx.xx.1929 und Emma Hauch *2.4. 1896 *7.3.1933

gewesen ?

Zu ihnen haben wir in den von uns durchgesehenen Kirchenbüchern der Gemeinden Grätz und Konkolewo keinen Eintrag gefunden. War der Familienname Hauch ihr Geburts- oder so wie bei Wanda Hauch, welche eine geborene Gierke gewesen war, lediglich deren Ehename gewesen? Und wenn letzteres zutreffend sein sollte, welchen Geburtsnamen hatten sie gehabt und wer waren ihre Ehepartner gewesen?

Sollte ein Leser unserer Seite weitere Einzelheiten wissen, würden wir uns freuen, wenn diese an uns übermittelt werden würden, sodass auch die Daten zu Juliana und Emma Hauch vervollständigt werden könnten.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Staatsarchiv Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) –  Personenstandsunterlagen der Stadt/Gemeinden Grätz und Konkolewo

Der ehemalige evangelische Friedhof von Neutomischel

FSzoldrski” … Desgleichen ertheile ich dem Städtchen einen Gottes-Acker, denen deutschen Leuten zum Begräbniss.”
Felix Szoldrski Dziedzic Miasta Nowego Tomisla / Felix Szoldrski, Erbherr der Stadt Neu Tomysl
geschrieben am 18 Februar 1788

„In allen Weltkulturen und durch die ganze Menschheitsgeschichte hinweg wurden
Friedhöfe, Gräber und ewigen Ruheorte mit außerordentlicher Pietät betrachtet und werden bis heute,
entsprechend ihrer jeweiligen Kultur-und Zivilisationszustands auf diese Weise behandelt.“
(Denkmalschutz für Friedhöfe. Die Anordnung des Episkopats – Kommission zur Kirchlichen Kunst 1987)

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Blick vom Neuen Markt in Richtung Friedhofgasse, der heutigen Komunalna - Postkartenausschnitt

Blick vom Neuen Markt in Richtung Friedhofgasse, der heutigen Komunalna – Postkartenausschnitt

Wenig ist bekannt über die Anlage des ersten Gottesackers für die protestantischen Einwohner der im Jahr 1788 neu entstehenden Stadt.

Zum Jahr 1836 findet sich jedoch die Erwähnung der “Friedhofsgasse”. Sie führte zwischen den der Stadt zugehörigen Anwesen der Nummern 32 und 33 am Neuen Markt zum Begräbnisplatz.

Das Areal selbst schloss sich an die Hausgrundstücke Nummer 33 – 36 und deren im hinteren Teil der Anwesen befindlichen Stallungen an. Die Breite wurde mit 51,2m im Süden, also zum Neuen Markt hin gesehen und sich dann stadtauswärts nach Norden verbreiternd auf 53,10m und die Länge mit 94m, angegeben.

Im Jahr 1885 hat vermutlich eine erste Erweiterung der Fläche um das von Stadt angekaufte Mühlengrundstück des Christoph Rausch (1811-1899), welches ca. 32m breit und eine Tiefe von 53m besessen hatte, stattgefunden. Die Parzelle hatte sich auf den ältesten einsehbaren Katasterkarten direkt an das Friedhofsgelände angeschlossen. Als einzige Erwähnung bzw. Eintragung hierzu findet sich lediglich der Besitzwechsel im Hypothekenbuch dieses Jahres. Angenommen werden kann, dass sich später niemand mehr dieses Ereignisses erinnerte, denn im Sprachgebrauch wurde lediglich zwischen Altem und Neuem Friedhof unterschieden.

Bis mindestens 1909 war der “Alte” Friedhof, als einziger Begräbnisplatz der protestantischen Stadtbewohner in Nutzung. Es ist nicht bekannt, ob in einigen Familiengräbern noch über dieses Jahr hinaus Beisetzungen stattgefunden haben.

Lageplan des Alten und Neuen Friedhofsareals - Zeichnung angefertigt anhand von Archivunterlagen

Lageplan des Alten und Neuen Friedhofsareals – Zeichnung angefertigt anhand von Archivunterlagen

Der “Alte” Friedhof war ursprünglich von einer Kirchhofsmauer umgeben. 1904 war zur Erweiterung des Begräbnisplatzes ein Stück Ackerland, welches sich im Anschluss an das Erstere, weiter nach Norden erstreckte, durch die Stadt angekauft worden. Anlässlich erster Überlegungen zur Gestaltung der Anlage wurde in Erwägung gezogen, das neue Areal mit einer Mauer zu umgeben, welche derselben Bauart wie die des alten Teils entsprechen sollte.

Aus einigen Archivunterlagen, welche die Friedhofserweiterung betreffen, geht nur ab und an eine Information zum Alten Friedhof hervor; schwerpunktmäßig behandeln die Unterlagen jedoch die Erweiterung und die Anlage des “Neuen” Friedhofes.

Vorrangig für das zugekaufte Erweiterungsareal waren die Auffüllungsarbeiten um das gleiche Höhenniveau des Geländes wie das des alten Bereiches zu erreichen. Das Stück Land war im Anschluss an den Alten Friedhof 53,10m breit und verjüngte sich auf seiner Länge von 103,70m dann auf 50,80m. Die Kalkulation des anzufahrenden Sandes war mit 400-500 cbm Sand veranschlagt worden. Im Februar 1905 erfolgte die Bekanntmachung, dass ein entsprechender Auftrag öffentlich zu vergeben sei, die Arbeiten des Auftrages selbst sollten im Mai 1905 beendigt sein.

Als Besonderheit kann hier betrachtet werden, dass angeordnet war, die Bekanntmachung durch 2maligen Ausruf zu “veröffentlichen”, jedoch den Herren C. Ed. Goldmann, Otto Maennel sen., Carl Goldmann, Paul Lutz, H. Wittkowsky, Georg Schultz, Fuhrmann Kempe und Fuhrmann Klie zur Kenntnis persönlich vorzulegen gewesen sei. Der Stadtwachtmeister Schubert bestätigte per 13. Februar 1905, dass er den erteilten Auftrag hierzu erledigt habe.

Letztlich erhielt der Kaufmann Paul Goldmann für das erste Los von 250 cbm und Otto Maennel späterhin für das zweite Los, sie hatten jeweils das Mindestangebot abgegeben, den jeweiligen Zuschlag der auszuführenden Arbeiten.

Aus einem, leider undatierten, Schreiben des evangelischen Gemeindekirchenrats der Pauli Kirche zu Posen ist zu entnehmen, dass dieser darauf aufmerksam machte, dass für die Anlegung neuer Begräbnisplätze jener Zeit die Genehmigung des Regierungs-Präsidium erforderlich, eine Kirchhof- bzw. Begräbnis Ordnung vorhanden sein müsste und in jedem Falle der zuständige Medizinalbeamte (Kreisphysikus) zur Prüfung der örtlichen Verhältnisse hinzuzuziehen gewesen sei.Nicht erkennbar ist, ob man seitens der Stadtregierung Neutomischels von diesen Vorschriften Kenntnis gehabt hatte oder nicht.

Im April 1906, also circa 1 Jahr nach dem Abschluss der Auffüllungsarbeiten des Erweiterungsgeländes, wurde der Magistrat der Stadt bzgl. der zu erfüllenden Auflagen, von welchen er in Kenntnis gesetzt worden war, tätig und ließ sich ein Musterexemplar einer Kirchhofsordnung übersenden.

Blick auf den ehem. Friedhof - Bild Maennel Archiv

Blick auf den ehem. Friedhof – Bild Maennel Archiv

Es verging wiederum fast ein Jahr ehe weitere Veranlassung getroffen wurden. Mit dem Stadtverordneten Beschluss vom 15. März 1907 wurde dem Herrn Apothekenbesitzer Dr. Vité unter Mitarbeit des Herrn Kreisrendanten Weber der Auftrag erteilt eine Kirchhofsordnung und einen Gebührentarif für die Stadt Neutomischel anzufertigen. Im Mai 1907 wurden diese in der vorgelegten Form genehmigt. In der gleichen Sitzung wurde der Bau “einer Umwährung und zwar an der Westseite Mauerwerk, an der Nord- und Ostseite Staketenzaun, sowie den Bau einer Leichenhalle, die Erbauung der letzteren soll erst bei dem Vorhandensein verfügbarer Geldmittel erfolgen …” beschlossen.

Im Mai 1907 setzte man sich mit dem Königlichen Kreisarzt Hochwohlgeboren Dr. Buddee in Verbindung und erbat das notwendige ärztliche Gutachten, welches zur Eröffnung des neu angelegten Kirchhofes notwendig gewesen war. Letztlich wandte man sich im Jul 1907 zwecks Erlaubnis der Eröffnung des neuen Areals an den Herrn Regierungs-Präsidenten in Posen; diese wurde noch im Juli 1907 unter der Bedingung, dass die Bedingungen des kreisärztlichen Gutachtens erfüllt werden würden, erteilt.

Aber gerade diese Bedingungen des Gutachtens waren gewichtig. Hieß es darin doch: ” … Das besichtigte Ackerstück ist nach Größe, Lage und Bodenbeschaffenheit zur Vergrößerung des Alten Kirchhofes geeignet unter der Voraussetzung, dass die Oberfläche an den höheren Teilen um 0,50, an den tieferen um 0,70m erhöht wird und hohe, breite Grabhügel in der zu erlassenden Kirchhofsordnung vorgeschrieben werden….”

Der vollständige Text des Gutachtens und der der Friedhofsordnung ist am Ende dieses Beitrages wiedergegeben.

Im September 1907 fasste die Stadtverordneten Sitzung ihren Beschluss: “Zunächst soll die Aufhöhung … erfolgen und zwar dadurch, dass der hintere Teil des Platzes (ca. 1/3) bis auf 1 Meter tief ausgehoben und mit der gewonnenen Erde der vordere Teile (ca. 2/3) bedeckt wird. Zum Transport der Erde sollen Kippwagen mit den zugehörigen Feldeisenbahngleis leihweise beschafft werden …”. Nach den seinerzeit erstellten Berechnungen wurden 230 cbm Erde durch die Arbeiter Kernchen und Helm bewegt.

Am 10. Januar 1909 wurde “gelegentlich” der Beerdigung des Altsitzers Wilhelm Lehmann – Glinau (Johann Wilhelm Heinrich Lehmann, geboren 06.10.1847 in Glinau, verstorben am 07.01.1909 in Glinau, Sohn des Wilhelm Lehmann und dessen Ehefrau Juliana geb. Kurtz, verehelicht gewesen mit Mathilde geb. Pflaum), nach Mitteilung des Ortsgeistlichen, Herrn Superintendenten Böttcher, die Einweihung des neuen Kirchhofteiles vorgenommen.

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Wir begannen unseren Beitrag mit den Worten:

„In allen Weltkulturen und durch die ganze Menschheitsgeschichte hinweg wurden Friedhöfe, Gräber und ewigen Ruheorte mit außerordentlicher Pietät betrachtet und werden bis heute, entsprechend ihrer jeweiligen Kultur-und Zivilisationszustands auf diese Weise behandelt.“
(Denkmalschutz für Friedhöfen. Die Anordnung des Episkopats – Kommission zur Kirchlichen Kunst 1987)

Für den ehemaligen evangelischen Friedhof in Neutomischel kam diese Aussage leider zu spät.

Auf einem Teil des Areals des Alten Friedhof befindet sich ein Supermarkt mit zahlreichen Kundenparkplätzen auf einem anderen stehen Garagen. An der Front der heutigen Komunalna, ehemals Friedhofsgasse, wurden ebenfalls zahlreiche Parkplätze auf dem ehemaligen Alten und Neuen Friedhofsgelände eingerichtet. Gräber sind kaum noch erkennbar; zu finden ist einzig ein alter Baumbestand, von dem man sich wünscht, das er gepflegt und noch viele Jahre erhalten werden wird – der Weg zu einem Ort der Ruhe und Besinnung – er wäre erst noch zu beschreiten.

Ein Gedenkstein erinnert, dass es einmal einen evangelischen Friedhof in der Stadt Nowy Tomyśl gegeben hat und daran wo dieser sich einst befand.

Der Gedenkstein erinnert an den ehemaligen evgl. Friedhof, im Hintergrund das Gebäude des Supermarktes - Bild PM

Der Gedenkstein erinnert an den ehemaligen evgl. Friedhof, im Hintergrund das Gebäude des Supermarktes – Bild PM

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Gutachten

Auf Ersuchen des hiesigen Magistrates habe ich heute die zur Vergrößerung des hiesigen evangelischen Kirchhofes angekaufte Ackerparzelle besichtigt, mit folgendem Ergebnis:

I. Lage - Das Ackerstück bildet die Forsetzung des alten Kirchhofes nach Norden zu und ist im Norden und Westen von Feldern, im Osten von einer zur Gasanstalt führenden Straße begrenzt. Vom alten Kirchhof ist der Platz durch eine Mauer getrennt. Die nächsten bewohnten Häuser befinden sich östlich, wo jenseits der Straße die Gasanstalt, mit der Wohnung des Gasmeisters, weiter nördlich jenseits der Nordostecke des Platzes ein im Rohbau fertiger Arbeiterwohnhauses stehen.

II. Oberflächenverhältnisse – Der Platz ist im allgemeinen eben, an einzelnen Stellen befinden sich kleine durch Auffüllungsarbeiten entstandene sandige Erhöhungen; sonst ist eine gleichmäßige geringe Sendung von Osten nach Westen zur erkennen.

III. Bodenbeschaffenheit – An der höchsten und tiefsten Stelle des Platzes war ja eine große bis zum Grundwasser reichende Grube ausgeworfen gewesen, an welchen von der Oberfläche an folgende Erdschichten zu erkennen waren:

Im Vordergrund das ehem. Grab des Heimatforschers Goldmann - Bild Privatbesitz

Im Vordergrund das ehem. Grab des Heimatforschers Goldmann – Bild Privatbesitz

A. Höhere Lage
0,30m aufgefüllter Sand
0,30m leichter Ackerboden
0,50m schwarze Erde
0,50m eisenschüssiger Sand
0,30m grauer grober Sand
Grundwasser in 1,90m

B. Tiefere Lage
0,30m aufgefüllter Sand
0,30m schwarze Erde
0,50m eisenschüssiger Sand
0,60m grauer grobkörniger Sand
Grundwasser in 1,70m

Nach den Erfahrungen auf dem Alten Kirchhofe ist die Verwesungsdauer mit 25-30 Jahren reichlich bemessen, vorausgesetzt, dass die Leichen nicht in die Grundwasserschicht kommen

IV. Wasser - Das Grundwasser steht zur Zeit in etwa 1,80m Tiefe, bei hohen Grundwasserstand durchschnittlich in 1,50m Tiefe. Die Richtung des Grundwasserstromes geht von Nordosten nach Südosten. Parallel der Westseite des Platzes nur 3 m von dieser entfernt läuft ein Entwässerungsgraben, der etwa 1 m tief, zur Zeit trocken ist, und ein Gefälle von Norden nach Süden hat. Dieser Graben liegt an der Grenze vom Alten und Neuen Kirchhofe nach Westen und mündet nach 45m in den von Norden Süden führenden Landgraben. Das Wasser dieses Grabens wird nicht benutzt.

Auf dem Hofe der Gasanstalt ist zwar ein Brunnen, dieser dient aber nur technischen Zwecken, das Trinkwasser wird vom Markt geholt. Auf dem anderen östlich gelegenen Gehöfte ist ein Brunnen nicht vorhanden, ebenso sind in westlicher und südlicher Richtung Brunnen im Umkreise von 100m nicht vorhanden.

V. Grundplan – der Platz stellt ein langes Rechteck dar. Dessen Länge von Norden nach Süden gehende Seiten 98m, dessen kurze Seiten 46m lang sind.

VI. Die durchschnittliche Leichenzahl – betrug nach einem 10 jährigen Durchschnitt 16,7 Erwachsene und 12,3 Kinder unter 10 Jahren

VII. Größe des Kirchhofes – Rechnet man für das Grab eines Erwachsenen einschließlich der Gänge pp. 4 qm, für das eines Kindes 2 qm, so stellt sich der jährliche Raumbedarf auf 16,7 x 4 + 12,3 x 2 = 66,8 + 24,6 = 91,4 qm. Die Fläche des neuen Kirchhofes beträgt 4.508 Quadratmeter, würde mithin bei annähernd gleich bleibender Leichenzahl allein d. h. ohne erneute Belegung des alten Kirchhofes, auf etwa 50 Jahre ausreichen.

Schluß – Das besichtigte Ackerstück ist nach Größe, Lage und Bodenbeschaffenheit zur Vergrößerung des Alten Kirchhofes geeignet unter der Voraussetzung, dass die Oberfläche an den höheren Teilen um 0,50, an den tieferen um 0,70m erhöht wird und hohe, breite Grabhügel in der zu erlassenden Kirchhofsordnung vorgeschrieben werden.

Der Kreisarzt G. Buddee

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Alter Baum auf dem ehemaligen Friedhofsareal - Bild EA

Alter Baum auf dem ehemaligen Friedhofsareal – Bild EA

Kirchhofs-Ordnung für den Kirchhof der Stadtgemeinde Neutomischel in der Feldmark Stadt Neutomischel

I. Allgemeiner Teil

§1 Der an der Friedhofstraße gegenüber der städtischen Gasanstalt anschließend an den alten Begräbnisplatz liegende Kirchhof ist Eigentum der Stadtgemeinde Neutomischel, der teils mit einer massiven Mauer, teils mit einem Staketenzaun einzufrieden ist.

§2 Die Aufsicht über den Kirchhof führt der Magistrat der Stadt Neutomischel und in dessen Auftrage der Todtengräber
Der Magistrat sorgt für die Beobachtung der in dieser Kirchhofsordnung festgesetzten Bestimmungen, beaufsichtigt die Dienstführung des Totengräbers und sorgt für ein würdiges Aussehen des Kirchhofs.
Die noch nicht belegten Flächen außerhalb der vorgesehenen Wege werden ausschließlich zur Grasnutzung verwendet, welche dem Totengräber oder einer anderen Person nach dem Ermessen des Magistrats überlassen werden kann.

§3 Der Totengräber wird seitens des Magistrats angenommen. Die Besucher des Kirchhofs haben seinen Anordnungen Folge zu leisten. Für die etwas von ihm angenommenen Arbeiter und Arbeiterinnen trägt der Totengräber dem Magistrat gegenüber die volle Verantwortung.

§4 Die Benutzung des Kirchhofs steht jedem Mitgliede der Stadtgemeinde nach Maßgabe dieser Kirchhofsordnung gegen Zahlung der im angehängten Tarif festgesetzten Gebühren zu. Auch die Leichen der Nichtmitglieder der Stadtgemeinde können mit Erlaubniß des Magistrats gegen Zahlung der tarifmäßigen Gebühren auf dem Kirchhof beerdigt werden. Das Eigentumsrecht an sämtlichen Grabstellen verbleibt aber der Stadtgemeinde Neutomischel

§5 Der ganze Kirchhof ist außer den an der Kirchhofsgrenze angelegten Erbbegräbnissen in einzelne Gräberviertel eingeteilt von welchen einzelne für Erwachsene (große Gräber), einzelne für 8-14 jährige Kinder (Mittelgräber), einzelne für Kinder unter 8 Jahren (kleine Gräber) bestimmt sind.
Für die Anlage und Benutzung der Gräber gelten folgende Bestimmungen:

1. Die Tiefe der Gräber darf bei Kindern nicht unter 1,00 Meter, bei Personen von 5-14 Jahren nicht unter 1,50 Meter und bei Gräber Erwachsener nicht unter 2,00 Metern, jedoch in keinem Falle mehr als 2,10 Meter, betragen.
Sämtliche Gräber müssen eine Länge bei großen Gräbern 2m, bei einer von Breite 1m, Mittelgräber 1,50 bzw. 0,75m, kleine Gräber 1m bzw. 0,5m haben.
2. Zwischen je zwei Einzelgräbern ist eine Erdschicht von 0,3m Dicke zu lassen.
3. In jedem Grabe darf in der Regel nur eine Leiche beerdigt werden. Ausnahmen können getroffen werden für die Beisetzung einer Wöchnerin mit ihrem Kinde, und für die zweier gleichzeitig zu beerdigenden Geschwister nicht über 8 Jahren.
Auch in einer Gruft dürfen nicht mehr Leichen beigesetzt werden, als die Zahl der in derselben enthaltenen Grabstellen beträgt, ausgenommen in den beiden vorher bezeichneten Fällen.
4. Schachtgrüfte, d. h. schachtartig angelegte Gräber in der welchen mehrere Särge übereinander zu stehen kommen sind unzulässig. Auch in Grüften und Grabgewölben dürfen Särge niemals aufeinander gestellt werden.
5. Für die Grabhügel werden folgende Maße festgesetzt:

a. bei großen Gräbern: 2,00m lang, 0,90m breit, 0,50m hoch
b. bei Mittelgräbern: 1,50m lange, 0,60m breit, 0,40m hoch
c. bei kleinen Gräbern: 1,00m lange, 0,45m breit, 0,30m hoch
Demnach sind die Zwischenräume zwischen den Grabhügeln der großen Gräber 0,60m, der Mittelgräber 0,50m, der kleinen Gräber 0,50m breit

6. Die Gräber sind sofort nach erfolgter Beerdigungsfeier sorgfältig zuzuschütten und hügelförmig aufzuwerfen, vorher aber unter allen Umständen die ausgeworfenen Erstellen gehörig aufzulockern.

Ehem. Grab der Familie Maennel - Bild Maennel Archiv

Ehem. Grab der Familie Maennel – Bild Maennel Archiv

§6 In das Einzelgrab wird durch eine mit einer arabischen Ziffer versehene Tafel bezeichnet. Über sämtliche Gräber hat der Totengräber ein Grabregister zu führen. Dasselbe enthält ein fortlaufendes Verzeichniß sämtlicher belegten Gräber, in welcher die genaue Bezeichnung der Gräber nach Viertel und Ziffer, sowie Name, Alter, Todes- und Begräbnistag des Verstorbenen, und falls der Tod an einer ansteckenden Krankheit erfolgte, die Todesursache, einzutragen sind. Ein Duplikat des Grabregisters, welches halbjährlich zu ergänzen ist, befindet sich im Magistratsbureau

§7 Als Frist für die Wiederbelegung der Gräber wird bis auf Weiteres für Erwachsene ein Zeitraum von 30 Jahren, für Kinder unter 15 Jahren ein solches von 20 Jahren festgesetzt.
Auf die in den Grüften vorhandenen Grabstellen dürfen nicht vor Ablauf der allgemeinen Begräbnisturnus von Neuem benutzt werden.
Der Grabinhalt von früheren Bestattungen, z. B. Gebeine und Sargteile, ist bei einer Wiederbelegung der alten Grabstelle sorgfältig wieder auf den Boden des Grabes unter dem Sarge, unterzubringen.

§8 Das Wiederöffnen eines Grabes, abgesehen von den Fällen gerichtlicher Anordnung, sowie die Überführung einer schon beerdigten Leiche nach einem anderen Kirchhofe oder einer anderen Stelle dieses Kirchhofes darf nur nach erfolgter schriftlicher Genehmigung des Magistrats und des zuständigen Kreisarztes und nur des Nachts geschehen.
Auch der Eintritt in Grüfte und Grabgewölbe ist nur zulässig, nachdem festgestellt worden, daß eine Anhäufung von schädlichen Gasen nicht mehr besteht.

§9 Der Kirchhof ist im Sommer von Morgens 6 bis Abends 9 Uhr, im Winter von Morgens 8 bis Abends 5 Uhr geöffnet.
Jede Beschädigung oder Verunreinigung der Gräber, Denkmäler oder Anlagen, das Abpflücken von Blumen und Zweigen usw. sowie das Betreten der Grabhügel ist verboten und wird nach §168 und 304 des Reichsstrafgesetzbuches mit Geld oder Gefängnis bestraft.
Das Mitbringen von Hunden auf den Kirchhof, ebenso wie das Raufen auf demselben ist ausdrücklich verboten.
Kinder unter 10 Jahren dürfen nur den Kirchhof besuchen wenn sie in Begleitung ihrer Angehörigen sind. Bei Beerdigungsfeierlichkeiten dürfen Kinder unter 14 Jahren den Kirchhof nur dann betreten, wenn sie in Begleitung ihrer Angehörigen sind. Ausgeschlossen hiervon sind die Kinder der Leidtragenden.

II. Besonderer Teil

§10 Der Kirchhof wird eingeteilt in Erbbegräbnisse und Grabstellen.
Erbbegräbnisse sind nur längs der Kirchhofsgrenze zulässig und werden unter ausdrücklichen Hinweis darauf, daß das Eigentumsrecht an sämtlichen Grabstellen der Stadtgemeinde Neutomischel verbleibt, unter folgenden Bedingungen vergeben:

a. der Erwerber ist verpflichtet die Seiten der Grabstelle, falls nicht innerhalb 6 Monaten ein Oberbau über derselben errichtet ist, in der angegebenen Zeit mit einem eisernen Gitter zu umwähren, widrigenfalls der Magistrat dies in einer ihm gut scheinenden Weise auf Kosten des Erwerbers bewirken kann.
b. der Erwerber zahlt im Voraus die im Tarif festgesetzte Entschädigung an die Kämmereikasse gegen eine vom Rendanten derselben unterzeichnete Quittung
c. der Erwerber erlangt nur für isch, seine Familienmitglieder in auf- und absteigender Linie, Ehegatten, Schwieger- und Stiefkinder das Recht, auf der Erbbegräbnisstelle beerdigt zu werden. Andere Personen darf er nur ausnahmsweise nach vorheriger Erlaubnis des Magistrats und Zahlung der festgesetzten Aufschlaggebühr dort begraben lassen.
d. das Recht auf ein Erbbegräbnis erlischt, und letzteres fällt mit den darauf befindlichen Mauern, Gittern und Denkmälern an die Stadtgemeinde zurück

1. wenn 30 Jahre seit der Beerdigung des zuletzt verstorbenen Beerdigten vergangen sind, falls nicht eine Neuzahlung stattgefunden hat.
2. Melden sich binnen 6 Monaten keine berechtigten Nachkommen, oder verweigern dieselben die Zahlung der vorerwähnten Entschädigungssumme, so darf der Magistrat anderweil über das Erbbegräbnis verfügen.
3. die privaten Rechte zur Benutzung von Erbbegräbnissen sind in ihrer Ausübung von der Einhaltung sämtlicher allgemeiner Vorschriften dieser Kirchhofsordnung abhängig.

§ 11 die sämtlichen Gräber außer den Erbbegräbnissen werden in den einzelnen Abteilungen in Reihen eins nach dem andern gegraben mit der im §12. bestimmten Ausnahme. Jedes Gemeindemitglied hat das Recht, gegen Zahlung der tarifmäßigen Gebühren für seine verstorbenen Angehörigen Grabstellen zu wählen.

Das alte Gelände heute - Bild PM

Das alte Gelände heute – Bild PM

§12 Es ist gestattet, sich auf den für die Grabstellen bestimmten Gräber-Vierteln Grabstellen in beliebiger Zahl gegen die festgesetzten Gebühren reservieren zu lassen, jedoch muß der ganze reservierte Raum sofort ganz bezahlt und bei Vermeidung des Rückfalls an die Stadtgemeinde durch Anpflanzungen von Blumen usw. ein würdiges Aussehen gegeben werden.

§13 Es ist wünschenswert, daß die Hinterbliebenen der Verstorbenen die Grabstellen mit Anpflanzungen versehen. Für diese Anpflanzungen gelten folgende Bestimmungen:

a. das Pflanzen von Blumen und anderen Sträuchern auf die Gräber ist ohne besondere Erlaubnis gestattet.
b. dagegen dürfen Bäume nur in einer Entfernung von 15cm von dem Grabe nach vorher eingeholter Genehmigung des Magistrats gepflanzt werden
c. eine gleiche Erlaubnis bedarf es, wenn Blumen oder Sträucher neben die Gräber gepflanzt werden sollen
d. Bäume deren Wurzeln sich weit ausbreiten, besonders Akazien, Kastanien, Weiden, Birken sowie Obstbäume und Pappeln dürfen nicht gepflanzt werden

§14 die Umwährung der Gräber kann geschehen durch eiserne Gitter, eventl. auf massiver Plinte und durch bedecken des Grabes mit einer aus Stein, Cement usw. bestehenden Platte.
Die Lage und Fluchtlinie der Gitter dieser Gitter bestimmt der Magistrat. Wer eigenmächtig und nicht ordnungsgemäß die Fluchtlinie der Gitter liegt, hat zu gewärtigen, dass diese auf seine Kosten seitens des Magistrats entweder entfernt oder anders gelegt werden.

§15 Ausgemauerte Grüfte, Grabgewölbe, Mausoleen und dergleichen sind nur in Erbbegräbnissen statthaft. Dieselben bedürfen in jedem Einzelfalle einer besonderen Genehmigung des Magistrats, vor deren Erteilung eine genaue Beschreibung der Konstruktion jedes Mal vorzulegen und von dem zuständigen Medizinalbeamten zu prüfen ist. Außerdem ist zur jedemaligen Anlegung einer Gruft ortspolizeiliche Erlaubnis einzuholen.

§16 Denkmäler und Umwährungen, welche einzustürzen drohen, werden auf Anordnung des Magistrat entfernt, wenn sie nicht auf ergangene Aufforderung desseben von dem Inhaber der Stelle in würdigeren und sicheren Zustand gebracht sind.
Ebenso werden Grabhügel, die sich in einem unwürdigen Zustande befinden und mindestens 30 Jahre seit der Beerdigung des Verstorbenen vergangen sind, entfernt und eventl. deren Plätze wieder belegt.

§17 Unter Beobachtung der ergangenen oder später ergehenden sanitätspolizeilichen Bestimmungen können Leichen in gehörig verschlossenen Särgen bis zur Stunde der Beerdigung in der auf dem Kirchhofe befindlichen Leichenhalle niedergesetzt werden.
Vor der Benutzung der Leichenhalle muß die Genehmigung des Magistrats nachgesucht werden, welche gegen Zahlung der im Tarif festgesetzten Gebühren erteilt wird. In eiligen Fällen kann der Totengräber ohne diese Genehmigung Leichen in die Halle aufnehmen, er hat dann aber spätestens am folgenden Vormittag von der erfolgten Aufnahme dem Magistrat Anzeigen zu erstatten.

§18 Das Zurechtmachen der Gräber am Sonntage ist nicht gestattet; die Pflege derselben durch Begießen ist hiervon nicht betroffen.

§19 Aus den auf dem Kirchhofe befindlichen Brunnen darf jeder zur Pflege der Gräber und Anpflanzungen Wasser entnehmen. Für andere Zwecke ist die Entnahme von Wasser verboten.

§20 Laien dürfen nach den gesetzlichen Bestimmungen bei öffentlichen Beerdigungen auf dem Kirchhofe keine Rede halten. Der Totengräber hat unbedingt jeden Versuch dazu, der trotzdem etwa gemacht werden sollte, zu verhindern eventl. unverzüglich die Bestimmung des Magistrats einzuholen.

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Gebührentarif

§1 Für das Niedersetzen einer Leiche in der Leichenhalle:

a. Erwachsene (über 14 Jahre) – 10,00 Mark
Dieser Betrag kann bei der ärmeren Bevölkerung nach dem Ermessen des Magistrats bis auf 3 Mark ermäßigt werden
b. Personen bis zu 14 Jahren – 6,00 Mark
dieser Betrag kann bei der ärmeren Bevölkerung nach dem Ermessen des Magistrats bis auf 2 Mark ermäßigt werden
Die Benutzung der Leichenhallte wird bei notorischer Armut unentgeltlich gewährt.

§2 Für die Erbbegräbnisse und Grabstellen

I. Erbbegräbnisse

1. für einen Quadratfuss – 0,50 Mark
Außerdem wird für Erbbegräbnisse die an der Mauer errichtet werden ein Aufschlag von 50% erhoben

II. Große Gräber (in der Reihe)
(Grabstellen für Personen über 14 Jahren) – Eine Grabstelle – 8,00 Mark

III. Mittelgräber
(Grabstellen für Kinder von 5-14 Jahren) – Eine Grabstelle 6,00 Mark

IV. Kleine Gräber
(Grabstellen für Kinder unter 5 Jahren) – Eine Grabstelle – 3,00 – 5,00 Mark

V. Grabstellen für Nicht-Gemeindeglieder
Für Grabstellen von Nicht Gemeindegliedern wird das Doppelt der Unter No. I – IV. angesetzten Gebühren erhoben.
Grabstellen können Gemeindegliedern bei notorischer Armut ermäßigt bzw. unentgeltlich gewährt werden. Bei Entrichtung der Geldbeträge an die Kämmereikasse sind dem betreffenden Personen Quittungen, worauf die Paragraphen dieser Ordnung abgedruckt sind auszuhändigen.
Der Platz für evtl. zu errichtende Gitter und Umwährung an den Gräbern zu II – V ist mit 0,50 Mark per Quadratfuß besonders zu vergüten

§3 Gebühren für den Totengräber

1. Für Herstellung

a. eines großen Grabes in der Zeit vom 15. November bis 15. März – 4,50 Mark
vom 15. März bis zum 15. November – 3,00 Mark
b. eines Mittelgrabes in der Zeit vom 15. November bis 15. März – 3,50 Mark
vom 15. März bis zum 15. November – 2,50 Mark
c. eines kleinen Grabes in der Zeit vom 15. November bis 15. März – 2,50 Mark
vom 15. März bis zum 15. November – 1,50 Mark

2. Ausgraben und Translozieren einer Leiche – 15,00 Mark

§4 Schlußbestimmungen

Für den Fall absoluter Schließung des Alten Kirchhofes durch höhere Gewalt werden Zahlungen für dort genommene Grabstellen bei dem Erwerb von Plätzen auf dem neuen Kirchhofe auf deren Preis nicht in Anrechnung gebracht.

Vorstehender Tarif tritt von dem Tage seiner Bestätigung an mit den darin für die Grabstellen an den Magistrat zu zahlenden Gebühren auch für den alten Kirchhof in Kraft mit der Maßgabe, daß vom 1. Oktober an gerechnet für den alten Kirchhof die 30 jährige ?zeit für die bereits belegten Stellen beginnt. Der erste Pachtzins demnach am 1. Oktober 1937 zu entrichten ist.

Vorstehende Kirchhofsordnung nebst Gebührentarif ist von uns unter Zustimmung der Stadtverordneten Versammlung festgesetzt worden

Neutomischel, den 17. Mai 1907

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Quellen: 1.) http://hauland.de/das-privileg-von-felix-szoldrski-18-februar-1788/, 2.) Personenstandsunterlagen der Stadt Neutomischel – Staatsarchivs in Poznan – http://szukajwarchiwach.pl/, 3.) Akten des Staatsarchivs in Poznan – http://szukajwarchiwach.pl/ – Stadtakten Neutomischel 4385/0110 Begräbnisplatz, 4.) Denkmalschutz für Friedhöfen. Die Anordnung des Episkopats – Kommission zur Kirchlichen Kunst 1987

Schöffengerichtssitzungen Mai – Juli 1903

Relief über dem Eingang des ehemaligen Amtsgerichtes - Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit; die Waage für die sorgfältige Abwägung der Sachlage, die Augenbinde für die Unparteilichkeit fehlt, das Richtschwert für die Durchsetzung mit der nötigen Härte - Bild: EA

Relief über dem Eingang des ehemaligen Amtsgerichtes – Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit; die Waage für die sorgfältige Abwägung der Sachlage, die Augenbinde für die Unparteilichkeit fehlt, das Richtschwert für die Durchsetzung mit der nötigen Härte – Bild: EA

Nachstehend sind die Verhandlungspunkte und Urteile der Schöffengerichtssitzungen vom Mai bis Juli 1903 wiedergegeben.

Entnommen wurde die Berichterstattung dem Neutomischler Kreisblatt des Jahres 1903.

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Schöffengericht vom 13. Mai 1903Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Die unverehelichte Arbeiterin A. Michaelayczak aus Bukowiec, war angeklagt, den Vogt Weymann eben daher grob beleidigt zu haben. Die Angeklagte wurde freigesprochen.
  2. Der Schmiedegeselle Paul Redlich aus Belencin, früher in Zinskowo, war beschuldigt, dem Knecht Otto Walde aus Zinskowo im Februar 1903 einen Anzug aus dem Stalle weggenommen zu haben. Der Angeklagte wurde freigesprochen.
  3. Der Arbeiter Nitschke aus Glinau war angeklagt, sich trotz mehrmaliger Aufforderung des Kgl. Distriktsamts zu Neutomischel keine Wohnstätte verschafft zu haben. Auch in diesem Falle wurde auf Freisprechnung erkannt.
  4. Gegen den Handelsmann Pedusa war ein Strafbefehl in Höhe von 20 Mk. erlassen, weil er in Sontop Thee (also eine Arznei) verkauft hatte, zu welchem Handel er keine polizeiliche Erlaubniß besaß. Nach verhandelter Sache wurde er zu Mk. 3 Geldstrafe evtl. 1 Tag Haft verurteilt.

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Schöffengerichtssitzung vom 27. Mai 1903. Vorsitzender: Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski; Amtsanwalt: Herr Bürgermeister WitteVerhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Gegen den Arbeiter Bernhard aus Glinau. Derselbe hat am 22. Februar 1903 den Schützenhauswirt Schmidt aus Paprotsch körperlich gemißhandelt. Er erhielt eine Gefängnisstrafe von 1 Monat.
  2. Das Dienstmädchen Anna Winter aus Kunik, welches seine Stelle oftmals wechselte, ist des Diebstahls angeklagt, aber zum Termin nicht erschienen. Die Sache wurde vertagt.
  3. Der Gastwirt Otto Fenske aus Glashütte war angeklagt, in seinem Lokale am 22. Febr. d. J. Glücksspiel geduldet zu haben. Deshalb wurde er zu einer Geldstrafe von 3 Mk. verurteilt.
  4. Der Ausgedinger Stephan Kaczmarek aus Bolewitz war angeklagt, den Ortsschulzen am 24. März d. Jr. öffentlich beleidigt zu haben. Das Urteil lautete auf 15 M. Geldstrafe. Ferner wurde dem Beleidigten die Befugnis zur Veröffentlichung des Urteilstenor im Neutomischler Kreisbl. zugesprochen.
  5. Der Eigentümer Friedrich Sperling aus Wengielno hatte am 26. Febr. d. J. dem Eigentümerssohn Hartwig eine Körperverletzung zugefügt. Es wurde auf eine Geldstrafe von 10 Mk. erkannt.
  6. Der Ausgedinger Michael Pienta aus Bukowiec war angeklagt, die Ausgedingerin Katharina Drczemala ebenda öffentlich beleidigt und mit Begehung eines Verbrechens bedroht zu haben. Die Sache wurde behufs Vernehmung weiterer Zeugen vertagt.
  7. Die Privatklage Kaleske gegen Seifert wurde durch Vergleich erledigt.

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Schöffengerichtssitzung vom 10. Juni 1903. Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte. Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Der 16 jähr. angeklagte Spychalski von hier (Neutomischel) hatte das Dienstmädchen Schulz zum Diebstahl verleitet und die entwendeten Sachen an sich gebracht. Mit Rücksicht auf die Jugend des Angeklagten wurde auf einen Verweis erkannt. Der Straftantrag gegen das ungetreue Dienstmädchen war von dem Kläger zurückgenommen worden.
  2. Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit fand die Verhandlung gegen die angeklagten Schafer und Bartkowiak statt. Beide Angeklagte wurden freigesprochen.
  3. Das Dienstmädchen Franziska Flack, jetzt in Halle in Stellung und zum Termin nicht anwesend, wurde wegen Diebstahls zu einer Woche Gefängnis verurteilt.
  4. Die angeklagte Ratan aus Wonsowo und der mitangeklagte Stellmachermeister Donner ebendaher hatten sich wegen körperlicher Mißhandlung zu verantworten. Das Urteil lautete gegen Erstere auf 5 Mark Geldstrafe, gegen Letzteren auf 30 Mark Geldstrafe, da derselbe wegen desselben Vergehens schon vorbetraft war.
  5. und 6. wurden zusammen verhandelt, da sie ein und dieselbe Angelegenheit betrafen. Es waren nämlich Strafanträge gegen das 18jährige Dienstmädchen Bertha Schulz wegen Verlassens des Dienstes und Widerspenstigkeit gestellt. In Anbetracht der Jugend der Angeklagten erachtete der Gerichtshof eine Geldstrafe von 6 Mark als ausreichende Strafe.

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Schöffengerichtssitzung vom 24. Juni 1903. Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat von Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte. Als Schöffen fungierten die Herrn Gebauer aus Scherlanke und Saegner aus Sempolno. – Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Die Dienstmagd Anna Winter, früher in Kunik, jetzt in Breslau, war des Diebstahls in drei Fällen angeklagt. Sie wurde mit einer Woche Gefängnis und 2 Tagen Haft bestraft.
  2. Der Ausgedinger Pienta war nicht erschienen, weshalb seine Vorführung zur nächsten Verhandlung beschlossen wurde.
  3. Der Ausgedinger Michael Pienta aus Bukowiec wurde wegen Bedrohung mit Todschlags und wegen Beleidigung der Ausgedingerin Drczemala mit 3 Tagen Gefängnis und mit 10 Mk. Geldstrafe eventuell 2 Tagen Haft bestraft.
  4. Der Eigentümer Karl Kluge aus Altborui wurde, weil er die Grenze seines Flurnachbars Muster durch Abpflügen verringert hatte, zu 5 Mk. Strafe verurteilt.
  5. Der Dienstknecht Reinhold Stach hatte seinen Dienst bei dem Eigentümer Wilhelm Kurz in Paprotsch ohne Grund verlassen und war dieserhalb in eine Polizeistrafe von 6 Mk. genommen worden. Er hatte gerichtliche Entscheidung beantrag, zog aber heute seinen Einspruch zurück.
  6. In der Privatklagesache der Wwe. Nowak gegen die Mader‘schen Eheleute aus Glinau wegen Beleidung und Mißhandlung der Kinder wurde die Klägerin kostenpflichtig abgewiesen

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Die am 8. Juli 1903 hierselbst stattgefundene Schöffengerichtssitzung wurde unter dem Vorsitze des Herrn Amtsgerichtsrat von Grabski abgehalten. Als Amtsanwalt fungierte Herr Bürgermeister Witte, Schöffen waren die Herren: Eigentümer Heinrich aus Sontop und Eigentümer Steinke aus Bukowiec. – Es wurden folgende Sachen verhandelt:

  1. Der Häuslersohn Franz Prczybila aus Wonsowo wurde wegen Diebstahls mit einem Verweise bestraft.
  2. Der Ortsarme und Konzipient Wilhelm Kutzner aus Konkolewo wurde wegen Betruges mit 2 Monaten Gefängnis bestraft.
  3. Die Gebrüder: 1. der Zimmermann Gustav Kahl aus Scherlanke, 2. der Schuhmacherlehrling Carl Kahl aus Neutomischel wurden, weil sie den Fleischergesellen Otto Zink am 3. Mai körperlich mißhandelt hatten, ersterer mit 10 Mk. letzterer mit 5 Mk. bestraft.
  4. In der Privatklagesache des Eigentümers Seide II und Eigentümers Lange wurde der Angeklagte wegen Beleidigung mit 5 Mk. bestraft.
    (Zwei Sachen wurden vertagt.)

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Schöffengerichtssitzung vom 22. Juli 1903. Vorsitzender Herr Amtsrichter Dr. Brasak, Amtsanwalt Herr Distriktskommissar Roll, Schöffen waren die Herren Eigentümer Reschke aus Scherlanke und Eigentümer Sperling aus Neuborui. – Es wurden folgende Sachen verhandelt:

  1. Der Knecht Briese aus Cichagora wurde wegen körperlicher Mißhandlung, begangen am 3. Mai d. J. , an dem Knecht Stenschke, mit 10 Mark bestraft.
  2. Die zweite Verhandlung gegen den Eigentümer Siegesmund mußte vertagt werden.
  3. Die Witwe Pawlik aus Bolewitz wurde wegen Forstdiebstahls im 3. Rückfalle zu 2 Mark Geldstrafe und 1 Tag Haft, sowie zu dem Wertersatz des gestohlenen Holzes im Betrage von 20 Pfg. verurteilt.
  4. Die Arbeiterin Antonia Kasprowicz aus Bolewitz wurde, da sie am 3. März trockenes Kiefernholz aus dem Königl. Forste entwendet hatte, mit 2 Mk., 1 Tag Haft und 20 Pfg. Wertersatz bestraft.
  5. Die vorgenannte Angeklagte Antonia Kasprowicz hatte sich wegen eines zweiten Forstdiebstahls zu verantworten und erhielt hierfür die gleiche Strafe.
  6. Das Dienstmädchen Bertha Wald von hier (Neutomischel) wurde wegen Unterschlagung eines Portemonnaies mit Inhalt unter Zubilligung mildernder Umstände zu der niedrigsten Strafe von 5 Mk. verurteilt.
  7. Der Bäckermeister Wiatr aus Wonsowo war angeklagt, sein noch schulpflichtige Dienstmädchen nicht zur Schule geschickt zu haben. Nach verhandelter Sache wurde er freigesprochen.
  8. In der Privatklagesache des Arbeiter Piewiebzsal gegen den Monteur Raue wegen körperlicher Mißhandlung wurde das Verfahren auf Kosten des Angeklagten eingestellt und ein Vergleich der Parteien erzielt.
  9. Die Privatklagesache des Schmiedemeisters Reinhold Rex aus Zinskowo gegen den Eigentümer Redlich aus Sontop wegen Beleidigung durch eine Postkarte wurde dadurch erledigt, daß der Kläger seine Klage zurücknahm, während der Angeklagte die entstandenen Kosten zu tragen hat.
  10. Die Privatklagesache der Dienstmagd Engler aus Glinau gegen den Einwohner Raschke ebendaselbst wegen körperlicher Mißhandlung wurde unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt, da sich aber die Vernehmung weiterer Zeugen notwendig machte, mußte die Verhandlung auf den nächsten Termin vertagt werden.
  11. Ebenso wurde die Privatklagesache der Eigentümerfrauen Knop und Kossol wegen gegenseiter Beleidigung vertagt. Es sollen in dieser Sache noch weitere Zeugen vorgeladen werden.

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Quelle: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel 1903 / Ausgaben Mai – Juli

Diebstahl und Mord in Boruy 1908 – Der Prozess 1909 / Teil 2

Die alte Chaussee von Neu Tomysl nach Boruy - Karte: Wojtek Szkudlarski

Die alte Chaussee von Neu Tomysl nach Boruy – Karte: Wojtek Szkudlarski

Hier nun die Berichterstattung des vor dem Schwurgericht zu Meseritz geführten Prozesses:

1909-04-30 Meseritz (Schwurgericht)

Am Montag begann die Verhandlung gegen die Eigentümerfrau Minna Jaekel, geb. Rau, aus Neuborui, die beschuldigt war, der in einem einsamen Gehöfte wohnhaften unverehelichten Juliane Herkt am 17. November d. Js. 1908 etwa 40 Mark gestohlen zu haben.

Seit dem 24. Dez. 1908 befindet sich die Angeklagte in Untersuchungshaft, sie ist 31 Jahre alt, seit 8 Jahren verheiratet und Mutter eines 6 und eines 1 jährigen Kindes. Die sechsjährige Ella war als Zeugin anwesend. Die Angeklagte besitzt mit ihrem Manne eine 10 Morgen große Wirtschaft. Ihr Haus ist 350 m von dem der ermordeten Herkt entfernt. Die letztere wohnte in einem einzeln liegenden Gehöfte, sie wurde dort am 20. Dezember von dem Ausgedinger Bensch tot aufgefunden.

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Der Verdacht der Täterschaft richtete sich aus verschiedenen Gründen alsbald auf die Jaekel.

Verstärkt wurde derselbe noch durch das Verhalten des Polizeihundes Prinz. Dieser hatte die Fährte von der Wohnung der Ermordeten aus bis in diejenige der Angeklagten aufgenommen. Bei der bloßen Aufnahme der Witterung in der Wohnung der H. war es dem Hunde nicht möglich, die Spur zu finden. Beim dritten Versuch hielt man ihm einen stark mit Petroleum getränkten und mit Brandgeruch behafteten Lappen vor. Dies war von Erfolg. Der Hund schlug erst verschiedene Wege durch den Kiefernwald ein, lief über Hopfendämme, quer über teilweise bestellten Acker und dann direkt nach dem Hause der Angeklagten.

An dem Hause angelangt, erwartete der Hund vor der verschlossenen Stubentür seinen Herrn. Als ihm geöffnet worden war, blieb er vor der Bank stehen, auf der die bereits beschlagnahmte Jacke gelegen hatte. Schließlich lief er an das Bett der Angeklagten, hier hatte die Spur ein Ende. Daß der Hund die im Zimmer anwesende Frau Jaekel nicht selbst stellt, erklärte der Beamte damit, daß sie andere Kleider anhatte und der Hund allein dem Brand- und Petroleumgeruch nachgegangen wäre, nicht etwa der persönlichen Witterung der Frau, die ihm gar nicht bekannt war. Daß der Hund die richtige Spur verfolgte, erkannte der Führer an der Gangart des Hundes.

Nach Verlesung des Anklagebeschlusses beantwortet die Jaekel die Frage des Vorsitzenden, ob sie den Diebstahl ausgeführt, mit ja, den Mord aber bestreitet sie auf das entschiedenste ab.

Die Ermordete, die der Volksmund “Jule” nannte, ernährte sich, da sie oft arbeitsunfähig war, durch Betteln. Die Almosen, die die Herkt von den Einwohnern erhielt, scheinen ziemlich reich geflossen zu sein, denn sie hatte der Angeklagten anvertraut, daß sie 42 Mk. in der Nähe des Ofens versteckt habe. Da die Jaekel für Brot und Strümpfe 1,40 Mk. für die Herkt ausgelegt, diese aber trotz wiederholter Mahnungen nicht bekommen konnte, so hat sie sich nach ihren Aussagen am 17. Nov. 1908 in die Wohnung der H. geschlichen und ihr die 42 Mk., die in einem Lederbeutel sich befanden, gestohlen.

Ueber die Ausführung des Diebstahls macht die J. mehrfach wechselnde Angaben.

Katasterkarte/Ausschnitt 3762 Neu Borui - Quelle: http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80

Katasterkarte/Ausschnitt 3762 Neu Borui – Quelle: http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80

Die Angeklagte erzählte, sie habe der Jule, als diese wieder einmal zu ihr gekommen wäre, den Beutel mit 8 Mk. in die Tasche gesteckt. Die Verstorbene hat aber zu einem Zeugen geäußert, der Beutel sei eines Abends mit Scherben gefüllt in die Stube geflogen. Zur selben Zeit wurde auch ein zerschlagenes Fenster bemerkt, sodaß die Aussage der H. annehmbar erscheint. Die anderen 34 Mk. will die Jakel für Einkäufe verwendet haben. Unter anderem kaufte sie beim Kaufmann Rudolf Markus in Neutomischel eine Stola für 10 Mk. Von ihrem Ehemann hat die Angeklagte bei seinem Fortgange auf Außenarbeit 20 Mk. und später noch 40 Mk. erhalten. Aus dem Ertrag der kleinen Wirtschaft hat sie den übrigen Lebensunterhalt bestritten. Die Stola hätte sie nicht gekauft, wenn sie das gestohlene Geld nicht gehabt hätte, sagte sie selbst aus.

Ihrem Manne will sie die Geschichte des Diebstahls gleich nach seiner Ankunft erzählt haben. Es stellt sich jedoch bei seiner Vernehmung heraus, daß sie ihm nicht weiter erzählt hat, als daß sie des Diebstahls verdächtigt worden war, aus dem Termin sei aber nichts geworden. Er selbst hat nach ihrer Erzählung nicht den geringsten Verdacht gehegt, da er gar keine Ursache hatte, anzunehmen, daß seine Frau einen Diebstahl begehen könnte.

Auf die weiteren Vorkommnisse äußerte sich die J., daß sie der H., weil diese Ungeziefer an sich gehabt haben soll, verbot, ihre Wohnung zu betreten und ihr zur Vertreibung desselben etwas Petroleum in einer oben abgeschlagenen Flasche schenkte. Da die Frau ihrer Aufforderung, die Wohnung zu verlassen, nicht nachkam, habe sie, als beim Aufrühren des Feuers eine Kohle aus dem Herd fiel, diese auf das Kleid der Herkt geworden, ihr ferner einen brennenden Zigarrenstummel in die Tasche gesteckt und ihr den Rock mit Benzin begossen. Sie hätte damit erreichen wollen, daß H. nach Hause gehen und sich dort das Kleid versengen sollte. Ein andermal sagte sie, die H. hätte sich die Finger versengen sollen. Als am Sonntage darauf der Gendarm in die Wohnung kam und ihr erzählte, daß die Herkt tot aufgefunden worden sei, habe sie sich Gedanken gemacht, daß der Tod durch ihren Schabernack verursacht sein könnte. Am Tage nach der Zigarrenstummelaffäre ist die Jule jedoch noch von anderen Leuten sehen worden.

Einige wichtige Punkte seien noch aus der Zeugenvernehmung wiedergegeben.

Der Gendarm, der ihr die Nachricht vom Tode der H. machte, von dem Verdacht gegen sie aber nichts merken ließ, bekundet, daß sie ein völlig gleichgültiges Wesen an den Tag legte. Sie äußerte hierbei, die H. längere Zeit schon nicht mehr gesehen zu haben. Dem Gendarmeriewachtmeister Schütz und dem Stadtwachtmeister Schubert gegenüber hat sie die Befürchtung ausgesprochen, daß sie wohl hingerichtet werden würde. Als man ihr riet, die Wahrheit zu sagen, um dadurch den Kopf zu behalten, steckte sie heimlich eine Schachtel Streichhölzer zu sich. Dem Gendarmen entging dies jedoch nicht. Sie gab an, daß sie sich damit hätte das Leben nehmen wollen.

Zu einem Transporteur, der sie nach Meseritz brachte, äußerte sie: “So grob wollte ich es nicht machen, aber sie hat mich des Diebstahls beschuldigt. Legen Sie ein gutes Wort für mich ein. Wenn ich nur nicht geköpft werde”. Die letzten Worte bestreitet die J., doch bleibt der Transporteuer bei seiner Aussage. Sie hat auch ferner geäußert, die Kinder werden eine andere Mutter bekommen. Dieses will sie gesagt haben, weil sie sich mit Selbstmordgedanken trug.

Sehr belastend sind die Aussagen der Zeugin Preschel, mit der die Angeklagte während ihrer Untersuchungshaft im Gefängnis zusammen war. Die Preschel sagte aus, die Angeklagte habe sie gefragt, ob sie nicht wisse, wie die Sache stände. Dabei habe sie, die Zeugin, die Befürchtung ausgesprochen, daß wenn festgestellt würde, daß die H. erwürgt ist, die Sache schlecht für sie stände. Außerdem habe die Jaekel die Zeugin gebeten, ihr behilflich zu sein und als Zeugin auszusagen, daß der Knecht Przybyla die H. umgebracht habe. Für diese Aussage wollte sie ihr 300 Mk. Entschädigung geben. Die Aussagen der Preschel bezeichnet die Angeklagte als erfunden. Im Gegenteil, die P. habe sich ihr als Zeugin erboten, wenn sie ihr 900 Mk. Entschädigung geben würde. In diesem Falle wollte die Zeugin aussagen, daß zu der Zeit der Auffing der Leiche Zigeuner in der Neu Boruier Gegend gewesen sind, die den Mord begangen haben. Diese Beschuldigung weist die Zeugin entrüstet als Lüge zurück und gibt an, die Angeklagte hätte das Ansinnen an sie gerichtet, sie solle eine Anzeige machen, wonach Przybyla sie angefallen, gewürgt und um Herausgabe von Geld aufgefordert habe, dabei habe er gesagt, er würde es mit ihr ebenso machen wie mit der Jule.

Zu einer anderen Mitgefangenen hat die Jaekel geäußert, die Preschel habe ihr ihre Hilfe angeboten.

Hiergegen sagt die Gefangenenaufseherin Schulz aus, die Preschel habe ihr erzählt, daß die Jaekel das Ansinnen an sie gerichtet hätte, wegen des Przybyla einen Brief zu schreiben, und daß sie die Aeußerung getan hätte, sie habe die Jule gewürgt, was macht der Mensch nicht, wenn er in Wut ist. Da die Glaubhaftigkeit der Zeugin Preschel, die nach versuchten Ausweisen zugeben mußte, sechsmal vorbestraft zu sein, darunter fünfmal wegen Diebstahl, vom Verteidiger Justizrat Urbach sehr angezweifelt wurde, machte sich am Dienstag mittag die Vorladung neuer Zeugen nötig, die Verhandlung wurde deshalb nach Vernehmung der Sachverständigen vertagt.

Nach dem Leichenbefund, den Kreisarzt Dr. Buddee schilderte, ist der Tod der H. durch Verbrennung und gleichzeitig durch Erstickung eingetreten. Der Körper war zum großen Teil mit Brandflecken behaftet. Mit dem Gesicht nach unten liegend wurde sie aufgefunden, die rechte Gesichtshälfte war flachgedrückt, ob durch längeres Liegen oder durch äußere Gewalt war nicht festzustellen. Ueberaus auffallend war, daß sich im Gesicht Verletzungen vorfanden, in die schwarze Erdteile hineingedrückt waren.

Mittwoch wurde zunächst die letzte Zeugin Stark vernommen. Dieser hatte die J. die Petroleumgeschichte erzählt.

Darauf wurden 2 Schuldfragen festgestellt, eine wegen Diebstahls, eine wegen Mordes.

Staatsanwalt Dr. Siebert kam in seinen Ausführungen zu dem Schluß, daß die Angeklagte des Mordes schuldig sei. Ihr Verteidiger Justizrat Urbach gab der Ueberzeugung Ausdruck, es liege weder ein Mord vor, denn die Herkt könne ebenso gut einem Unfall erlegen sein, noch sei, falls wirklich ein Mord in Frage käme, der Beweis der Täterschaft schlüssig geführt. Er meine, daß der Indizienbeweis so viele Lücken enthalte, daß man nicht mit unbedingter Gewißheit sagen könne, seine Klientin sie die Mörderin.

Der Spruch der Geschworenen lautete auf schuldig des Diebstahls und nicht schuldig des Mordes. Diesem Wahrspruch gemäß lautete das Urteil auf drei Monate Gefängnis wegen einfachen Diebstahls.

Die Angeklagte wurde aus der Haft entlassen.

Landschaft bei Nowa Boruja - Bild EA

Landschaft bei Nowa Boruja – Bild EA

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Quellen: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1908/1909 Artikel-Auszüge

Diebstahl und Mord in Boruy – 1908 / Teil 1

Landschaft bei Nowa Boruja - Bild EA

Landschaft bei Nowa Boruja – Bild EA

Unmittelbar vor Weihnachten des Jahres 1908 wurde die Leiche der Julie Herke/Juliane Herkt in Neu Borui in ihrer Wohnung entdeckt.

Die Ermittlungen ergaben, dass die Aufgefundene ermordet worden war.

Das Verbrechen wurde in Zusammenhang mit einem 4 Wochen zuvor erfolgten Diebstahl gebracht. Schnell geriet die in der Nachbarschaft wohnende Minna/Ida Jaekel geborene Rau in Verdacht, die Verbrechen verübt zu haben. Im April 1909 wurde gegen Sie vor dem Schwurgericht in Meseritz der Prozess wegen Mord und Diebstahl eröffnet.

Der Polizeihund “Prinz”, dessen Gangart dem Hundeführer die richtige Spur aufzeigte, eine gekaufte Stola, ein ahnungsloser Ehemann, Ungeziefer, Petroleum, eine glühende auf das Kleid der später Ermordeten geworfene Kohle, ein brennender Zigarrenstummel welcher ihr in die Tasche gesteckt wurde, dieses als gedachter Schabernack, Gedanken der Angeklagten an Selbstmord und Aussagen von Mitgefangenen, spielten bei den Ermittlungen eine Rolle und führten schließlich zu einem Geständnis.

Letztlich hatten die Geschworenen das Urteil gegen die Angeklagte zu fällen.

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1908-12-22 Neuborui.

Am Sonntag mittag wurde die in einem Nebenhause des Eigentümers Baensch hierselbst wohnende, 50jährige Einwohnerin Julie Herke vollständig entblößt und teilweise verbrannt, auf den Dielen liegend, tot aufgefunden. Die Nachbarsleute, welche zuerst durch das Fenster die Tote bemerkten, meldeten den Vorfall dem Gendarmen Netzmann in Kirchplatz, welcher der Staatsanwaltschaft in Meseritz Anzeige erstattete. Der Toten ist erst vor ca. 4 Wochen ein Geldbetrag entwendet worden. Ob Mord oder Selbstmord vorliegt, dürfte erst die Untersuchung ergeben. Heute nachmittag wird die Obduktion der Leiche stattfinden.

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1908-12-24

Zu dem mysteriösen Tode der Einwohnerin Julie Herke ist noch zu melden, daß die Obduktion der Leiche, welche gestern in deren Wohnung stattfand, als sicher ergeben hat, daß nicht Selbstmord, sondern Mord und zwar durch gewaltsame Erstickung vorliegt. Der Verdacht der Täterschaft lenkt sich bald auf die Ehefrau Minna Jaekel von hier, welche mit der Ermordeten auf gespanntem Fuße lebte, weil sie von derselben des Diebstahls bezichtigt worden war.

Eine in der Wohnung der Jaekel gestern vorgenommene Haussuchung förderte eine nach Petroleum riechende Jacke, sowie ferner auf dem Hofe einen abgebrochenen Flaschenhals mit Patentverschluß zu Tage, dessen Bruchstelle genau zu der in der Stube der Ermordeten ohne Hals vorgefundenen Selterwasserflasche paßte, welche noch etwas Petroleum enthielt. Wie das Halsstück nach ihrem Hof gekommen sein kann, wußte die Jaekel nicht anzugeben. Wie die mit den teilweise absonderlichen Gewohnheiten der Ermordeten bekannten Personen sämtlich bekundeten, soll bei derselben niemals bei Lebzeiten Licht gebrannt haben.

Ferner wurden verschiedene neue Kleidungsstücke als eine weiße Pelzboa und eine rote Mädchen Mütze vorgefunden und beschlagnahmt, welche die Jaekel bereits im November gekauft hatte. Sie kann jedoch nicht nachweisen, woher sie das Geld dazu erhalten hat. Ihr damals in Frankfurt a. Oder auf Außenarbeit weilender Mann will ihr nach seiner eigenen Aussage s. Zt. noch kein Geld von dort aus gesandt haben. Er ist am letzten Sonnabend von Frankfurt zurückgekehrt und hat erst jetzt 120 Mk. erspartes Geld mit nach Hause gebracht. Bei dem Einkauf hat die Verkäuferin noch mehr Geld bei der Jaekel gesehen, auch hat sie noch verschiedene andere Sachen haben wollen, die ihr aber nicht zusagten und von deren Ankauf sie deshalb Abstand nahm.

Die Staatsanwaltschaft ordnete gestern die Ueberführung der Verdächtigen, welche die Mutter eines etwa 10 jährigen Mädchens und eines 11 Monate alten Säuglings ist, nach dem Neutomischeler Gerichtsgefängnis an.

Heute hat mit einem aus Berlin schon gestern gegen Abend eingetroffenen Spürhunde nochmals ein Untersuchungstermin am Tatorte stattgefunden. Der Hund wurde durch seinen Führer nach dem Hause der Ermordeten gebracht, während die Jaekel in ihre Wohnung geführt wurde und vorher gar nicht mit dem Tier in Berührung kam. Als der Spürhund in der Wohnung der Ermordeten die Betten und den Fußboden berochen hatte, ging er stracks hinaus, durch eine Schonung hindurch, über Feld und Garten in den Hof der Jaekel. Dort berührte er Stalltüren und schließlich begehrte er Einlaß in das Jaekel’sche Haus, welches geschlossen war. Als man ihm öffnete, lief er nach der Stube und machte gerade an dem Orte halt, wo die Jacke gelegen hatte, welche bei der gestrigen Haussuchung beschlagnahmt worden war. Nachdem er hier eine Zeit lang schnüffelnd verweilt, blieb er vor der auf einem Stuhle sitzenden Frau Jaekel stehen. Dieselbe leugnet bis jetzt beharrlich, die Tat begangen zu haben. Sie wurde zunächst in das Neutomischeler Gerichtsgefängnis zurückgebracht und von dort aus mit dem 11 Uhr Zuge nach Meseritz transportiert.

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1908-01-12 Neuborui.

Gestern früh wurde die wegen des Mordes an der Einwohnerin Julie Herke in Verdacht stehende und in Meseritz in Untersuchungshaft befindliche Frau Ida Jaekel von dort nach hier überführt, um nochmals an Ort und Stelle durch den Untersuchungsrichter Dr. Steinert aus Meseritz verhört zu werden. Dabei hat sie eingestanden, daß sie das Geld der Herke etwa 4 Wochen vor dem Morde entwendet hat. Dagegen bestritt sie nach wie vor, den Mord begangen zu haben. Zu ihrer Entlastung gab sie an, daß ein Knecht (Ignatz Przybyla), der im vergangenen Sommer bei dem Eigenthümer Baengsch bedienstet war, an demselben Abend, an dem der Mord ausgeführt sein muß, zu ihr kam, um in ihrem Hause zu nächtigen. Sie verweigerte ihm das, gab ihm 5 Pfg. und schickte ihn zu der Herke.

Nach einer nochmaligen gründlichen Durchsuchung der Wohnung der Ermordeten wurde in der Stube ein kieferner Ast mit Haaren und abgeschabter Haut, sowie ein Fingernagel, an welchem ebenfalls ein Stück Haut saß, gefunden und beschlagnahmt. Außerdem wurden, nachdem der Schnee vor der Tür entfernt war, einige abgerissene Knöpfe gefunden und ebenfalls beschlagnahmt. Nachdem die Jaekel nachmals nach ihrer eigenen Wohnung geführt worden war, wurde sie mit dem 11 Uhr Abendzuge nach Meseritz zurückgeschafft.

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Suche nach dem Aufenthalt des Ignatz Przybyla - Kreisblatt Ausschnitt1908

Suche nach dem Aufenthalt des Ignatz Przybyla – Kreisblatt Ausschnitt1908

1909-03-05

Bekanntmachung

In der Strafsache gegen Jaekel wegen Mordes ist es von größter Bedeutung, festzustellen, ob der Arbeiter Ignatz Przybyla, welcher bis zum Mai 1908 bei dem Eigenthümer Wilhelm Bänsch in Neu Borui als Knecht gedient hat, um den 20. Dezember 1908 herum irgendwo in der dortigen Gegend und der weiteren Umgebung gesehen worden ist. Przybyla ist am 15. Juli 1861 in Alt-Dombrowo, Kreis Bomst, geboren, 1,57 m groß, von mittlerer Gestalt, hat ein rundes, rasiertes Gesicht, dunkelblondes Haar mit Glatze, graublaue Augen, unvollständige Zähne und Narben an der rechten Backe. Er dürfte bettelnd im Lande umherziehen.

Ich ersuche alle Personen, die Przybyla in der letzten Zeit gesehen haben, oder über seinen Aufenthalt irgendetwas angeben können, dringend, sich bei der nächsten Polizeibehörde zu melden oder zu den hiesigen Akten 2 J. 1150.08 zweckdienliche Mitteilungen zu machen.

Meseritz, den 3. März 1909. Der Untersuchungsrichter

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1909-04-20

Die Verhandlungen vor dem Schwurgericht in Meseritz wurden angesetzt für Montag, dem 26., und Dienstag, dem 27. April 1909 gegen die Eigentümerfrau Minna Jäkel aus Neu-Borui wegen Mordes und Diebstahls

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Den Beitrag: “Diebstahl und Mord in Boruy – 1908 – Der Prozess 1909 / Teil 2 ” finden Sie unter:

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Quellen: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1908/1909 Artikel-Auszüge

Auf dem ehemaligen evangelischen Friedhof der Colonie Juliana / Julianka

Der ehemalige evangelische Friedhof Juliana - Aufn EA

Der ehemalige evangelische Friedhof Juliana – Aufn EA

Mitten im Wald, liegt der ehemalige evangelische Friedhof der Colonie Julianna. Auf diesem Friedhof wurden, wie heute wieder bekannt ist, auch Bewohner der umliegenden Gemeinden Albertoske und Cichagora beerdigt.

Durch die Arbeitsgruppe des “Zakład Poprawczy w Grodzisku Wlkp.” wurde unter der Leitung von Konrad Maciejaszek auf dem Areal ein tief im Erdreich eingesunkener Grabstein freigelegt und aufgerichtet.

In diesem Beitrag haben wir die Familiendaten der hier einst zur letzten Ruhe Bestatteten zusammengetragen.

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Der Grabstein des Johann Dienegott Schulz und der Johanna Louise Bautz, verwittwet gewesene Schulz, geborene Steinke - Aufn. Konrad Maciejaszek – “Zakład Poprawczy w Grodzisku Wlkp.”

Der Grabstein des Johann Dienegott Schulz und der Johanna Louise Bautz, verwittwet gewesene Schulz, geborene Steinke – Aufn. Konrad Maciejaszek – “Zakład Poprawczy w Grodzisku Wlkp.”

Hier ruhen in Gott
die Eheleute
Louise Schulz
geb. Steinke
jetzt verehelichte
Bautz
geb. d. 13 März 1844
gest. d. 24 Septbr. 1886

der Eigenthümer
und gewesener
Ortsschulze
Dienegott Schulz
geb. d. 28 Decbr. 1823
gest. d. 13. August 1870

Johann Dienegott Schulz war im Jahr 1823 als Sohn des Johann Gottfried Schulz, einem gewesenen Schmied zu Albertoske und dessen Ehefrau Anna Eleonora geborene Giering zur Welt gekommen.

Bei seiner ersten Eheschließung im Jahr 1853 mit der Johanna Juliana Lange wurde er als Eigentümer zu Albertoske benannt. Johanna Juliana Lange, 1833 in Alt Boruy geboren, war die Tochter der Eheleute Johann Daniel Lange und dessen Ehefrau Johanna Louisa einer geborenen Deckert gewesen.

In der Ehe wurden die Kinder Johanna Wilhelmine 1855, Johann Dienegott 1858 und Johann Gottfried 1859 geboren.

Im Februar des Jahres 1860 verstarb deren Mutter.

Noch im November desselben Jahres heiratete der 36jährige Wittwer die 16jährige, im Jahr 1844 geborene, Johanna Louise Steinke. Ihr Vater der Eigentümer Gottfried Steinke zu Albertoske war im April des Jahres 1860 verstorben. Im Kirchenbuch findet sich bei dem Eheeintrag des Paares, entgegen der sonstigen Verfahrensweise, keine Eintragung, dass ihre Mutter Johanna Juliana geborene Müller oder etwaig ein Vormundschaftsgericht dieser Ehe ihre Zustimmung gegeben hatten.

In den Jahren 1861 und 1863 wurden die Söhne Johann Wilhelm und Johann Carl Gottlieb geboren; beide verstarben nur kurze Zeit nach ihrer Geburt. Die jüngeren Kinder Johanna Juliana (*1864), Anna Rosina (*1865) und Johann Dienegott (*1871) erreichten das Erwachsenenalter.

Als Todesdatum des Eigentümers und gewesenen Ortsschulzen Johann Dienegott Schulz wurde der 13. August 1870 in den Grabstein eingemeißelt.

Zu wann aber der Stein tatsächlich angefertigt und aufgestellt wurde kann heute nicht mehr festgestellt werden; sicher ist, dass es nicht vor Februar 1873 gewesen sein kann. Denn auf dem Stein findet sich für Louise Schulz geb. Steinke der Zusatz: “jetzt verehelichte” Bautz.

Die ehemalige Colonie Juliana, heute Julianak - Ausschnitt Messtischblatt 3763 / http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80

Die ehemalige Colonie Juliana, heute Julianka – Ausschnitt Messtischblatt 3763 / http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80

Die Wittwe Johanna Louise Schulz geborene Steinke war ihre 2te Ehe mit dem aus Konkolewo stammenden Junggesellen Johann Christian Bautz am 31. Januar 1873 eingegangen. Er war der Sohn des in Konkolewo wohnenden Eigentümers Johann Erdmann Bautz und dessen Ehefrau Johanna Beata, geborene Schiller gewesen und im Jahr 1845 geboren worden.

Anhand der aufgefundenen Kirchenbuch- und Standesamtseinträge haben vermutlich zu diesem Zeitpunkt die Töchter Johanna Wilhelmine (*1855) aus der 1sten Ehe ihres Vaters, sie heiratete im Jahr 1878 und ferner aus der 2ten Ehe die Johanna Juliana (*1864/oo 1883) und die Anna Rosina (*1865/oo 1887) sowie der Sohn Johann Dienegott (*1871/oo 1900) gelebt.

In der Ehe Bautz – Steinke wurden nun noch die Kinder Johanna Auguste (*1874), Johann August Heinrich (*1875) und Johann Kurt Otto (*1876) geboren.

Johann Christian Bautz starb mit nur 40 Jahren am 08. Mai 1885 in Albertoske.

Johanna Louise Bautz, verwittwet gewesene Schulz, geborene Steinke verstarb, so die Inschrift auf dem gemeinsamen Grabstein mit ihrem ersten Ehemann, am 24. September 1886.

* * *

weitere Beiträge zur ehemaligen Colonie Juliana:

  • Gedenksteine auf dem Friedhof Cichagora – Juliana (veröffentlicht 11/2010)

    http://hauland.de/gedenksteine-auf-dem-friedhof-chichagora-juliana/

  • Ein Grabstein – Colonie Juliana / Julianka … und viele Fragen (veröffentlicht 01/2010)

    http://hauland.de/ein-grabstein-colonie-juliana-julianka-und-viele-fragen/

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Staatsarchiv Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) –  Personenstandsunterlagen der Stadt/Gemeinden Neutomischel, Grätz, Konkolewo, Boruy; Albertoske

Polizei-Verordnung betreffend die Regelung des Wochen- und Jahrmarktverkehrs in der Stadt Neutomischel – 1909

Markttag in Neutomischel ca. 1900 - Quelle: Privatbesitz Fam. Goldmann

Markttag in Neutomischel ca. 1900 – Quelle: Privatbesitz Fam. Goldmann

Auf Grund der §§ 5 und 6 des Gesetzes über die Polizei-Verwaltung vom 11. März 1850 (Gesetz-Sammlung Seite 265) in Verbindung mit § 143 des Gesetzes über die allgemeine Landesverwaltung vom 30. Juli 1883 (Gesetz-Sammlung Seite 195) und der §§ 64 bis 71 der Reichsgewerbeordnung vom 1. Juli 1883 in der Fassung der Bekanntmachung vom 26. Juli 1900 (Reichs-Gesetz-Blatt Seite 871 ff.) wird im Einverständnis mit dem Magistrat zur Reglung des Wochen- und Jahrmarkt-Verkehrs für den Umfang des Stadtbezirks Neutomischel nachstehende Polizei-Verordnung über den Marktverkehr erlassen.

§ 1. Gegenstände des Wochenmarkt-Verkehrs

Gegenstände des Wochenmarkt-Verkehrs sind die im § 55 der Reichsgewerbeordnung bezeichneten Artikel nämlich:

iiI.   rohe Natur-Erzeugnisse mit Einschluß von Schweinen, Ziegen und Schafen
iII.   Fabrikate, deren Erzeugung mit der Land- und Forstwirtschaft, dem Garten- und Obstbau oder der Fischerei in unmittelbarer Verbindung steht oder zu den Nebenbeschäftigungen der Landleute der Gegend gehört oder durch Tagelöhnerarbeit bewirkt wird mit Ausschluß der geistigen Getränke und der im § 56 der Reichs-Gewerbeordnung genannten Waren – cfr. auch § 55, 42a der Reichs-Gewerbeordnung.
III.    Frische Lebensmittel aller Art.

Außerdem dürfen in Berücksichtigung des örtlichen Bedürfnisse und gemäß der bisherigen Ortsgewohnheit auf den Wochenmärkten feilgeboten werden; nur seitens der Ortseinwohner

  1. Back- und Fleischwaren aller Art sowie allerlei Wild- und Eßwaren
  2. Schuhmacherwaren
  3. Schneiderwaren
  4. Seilerwaren
  5. Klempnerwaren
  6. Böttcherwaren
  7. Buchbinderwaren
  8. Töpferwaren
  9. weibliche Handarbeiten einschließlich Putzwaren
  10. Kurz-, Spiel-, Woll- und Schnittwaren
  11. Kürschnerwaren
  12. Drechslerwaren
  13. Sattlerwaren
  14. Tischlerwaren
  15. Bürstenbinderwaren
Noch kleines "Federvieh"

Noch kleines “Federvieh”

Zulässig ist ferner der Verkauf von gekochtem Kaffee und gekochtem Tee.

Frische Lebensmittel als Fleisch, Fische, Wild, Geflügel, Milch, Käse, Butter, Eier, Obst und Gemüse dürfen an jedem Wochentage auf den Hauptmarktplätzen (Alter und Neuer Markt) feilgeboten werden.

§ 2. Wochenmarkttage und Wochenmarktplätze

Die Wochenmärkte finden allwöchentlich am Donnerstag statt. Fällt der Wochenmarkt auf den Geburtstag des Kaisers und Königs oder einen anderen gebotenen Feiertag, so wird der Wochenmarkt am vorhergehenden Tage abgehalten werden.

Alle zulässigen Gegenstände des Wochenmarktverkehrs dürfen nur auf den dazu bestimmten Plätzen feilgehalten und verkauft werden und zwar:

a. Auf dem Alten Markt:
die im § 1 unter Nr. II genannten Erzeugnisse des Garten- und Obstbaues und der Fischerei, ferner die im § 1 unter Nr. III genannten Erzeugnisse bezw. Waren.

b. Auf dem Neuen Markt:
die im § 1 genannten Erzeugnisse mit Ausschluß von Schweinen, Ziegen und Schafen. Die im § 1 unter Nr. II genannten Erzeugnisse soweit dieselben vom Wagen aus erfolgen mit Ausschluß der Erzeugnisse der Fischerei sowie des Federviehs.

c. Auf dem Viehmarktplatze:
Schweine, Ziegen und Schafe.

Das Verlosen, Auswürfeln, Auskegeln oder sonstige Ausspielen lebender Tiere ist untersagt. Untersagt ist ferner das Ausrufen und öffentliche Versteigern von Waren auf den Märkten mit Ausnahme der von Behörden veranlaßten Verkäufe.

Der Verkauf von geistigen Getränken zum Genuß auf der Stelle auf dem Viehmarkt wird ausdrücklich verboten.

§ 3. Beginn und Dauer der Wochenmärkte

Die Wochenmärkte beginnen:
a. in den Monaten vom 1. Oktober bis 1. April um 8 Uhr vormittags und endigen um 2 Uhr nachmittags
b. in den Monaten vom 1. April bis 1. Oktober um 7 Uhr vormittags und endigen um 1 Uhr nachmittags.

Sollte in besonderen Fällen die frühere Räumung der Marktplätze oder eines Teils derselben für notwendig befunden und polizeilich angeordnet werden, so haben die Verkäufer den desfallsigen Anordnungen unweigerlich Folge zu leisten.

Sämtliche Händler müssen nach Beendigung der vorstehend festgesetzten Marktzeit den von ihnen innegehabten Platz mit allen Waren und Gerätschaften verlassen und diejenigen Marktbesucher, welche mit einem Fuhrwerk Aufstellung genommen, müssen sich zum Schluß der Marktzeit mit dem Fuhrwerk vom Marktplatz oder den Straßen entfernt haben.

Für jede Beschädigung des Straßenpflasters pp. haftet der Marktbesucher, sobald er hieran eine Schuld trägt.

§ 4. Verbot des Handelsverkehr auf den Wochenmärkten außer der Marktzeit

Eine Auswahl an Gemüse auf dem Wochenmarkt

Eine Auswahl an Gemüse auf dem Wochenmarkt

Vor Beginn und nach Ablauf der festgesetzten Stunde darf auf den Wochenmärkten kein Handel mit Gegenständen des Wochenmarktverkehrs betrieben werden. Den einheimischen und auswärtigen Handelsleuten wird es untersagt, auf den Wochenmärkten im Sommer vor 7 und im Winter vor 8 Uhr vormittags Wochenmarktsartikel feilzubieten.

§ 5. Verbot des Aufhaltens und des Verkaufes pp. von Wochenmarktgegenständen vor der Stadt und auf den Straßen

Das Anhalten der zum Wochenmarkte kommenden Verkäufer vor der Stadt und auf den Straßen innerhalb der Stadt, sowie die Unterbrechung des Fuhr- und sonstigen Transports der Wochenmarktsartikel, das unbefugte Aufsteigen auf die Fuhrwerke, das Herunternehmen der Artikel von den Wagen zur Besichtigung oder zum Zwecke des Feilbietens durch Handelsleute, Höker und andere Personen, sowie das Feilhalten von Wochenmarktsartikeln daselbst ist verboten.

Der Wochenmarkt findet ausschließlich auf den Marktplätzen statt und darf daher niemand an den Markttagen während der Marktzeit Gegenstände des Wochenmarktverkehrs im Umherziehen oder an anderen Orten des Stadtbezirks als auf dem Marktplatz marktmäßig feilbieten. Ausgenommen hiervon sind solche Gegenstände, welche, was in jedem einzelnen Falle nachzuweisen bleibt, schon vorher bestellt sind und dem Käufer auf dem kürzesten Wege zugebracht werden.

Der Handel auf öffentlichen Wegen – städtischen oder Landstraßen – wird aus verkehrspolizeilichen Gründen gemäß § 366 Absatz 9 bezw. 10 des Reichs-Straf-Gesetz-Buchs verboten.

§ 6. Art des Viehtransports zu und von den Wochenmarktplätzen

Das Knebeln der Schweine, Kälber und Schafe ist nicht gestattet. Lebendes Geflügel jeder Art darf an den Flügeln oder an den Füßen nicht gefesselt werden. Das Heben und Tragen der Tiere an den Füßen oder an einem Flügel ist verboten. Lebendes Federvieh darf nur in luftigen und geräumigen Behältern, Körben pp. zu Markte gebracht werden, daß die Tiere nebeneinander Platz haben und bequem darin stehen können.

§ 7. Verkauf gewisser Wochenmarktsgegenstände nach Gewicht bezw. nach Stückzahl oder Gewicht unter Ausschließung aller Hohlmaße

Im Wochenmarktsverkehr darf der Verkauf von Fleisch, Fischen, Getreide, Hülsenfrüchten, Roggen, Mehl, Stroh, Heu nur nach Gewicht, der Verkauf von Gemüse jeder Art, Obst und sonstigen Lebensmitteln nur nach Stückzahl oder Gewicht unter Ausschließung aller Hohlmaße stattfinden. Diesen Verkäufern ist verboten, auf ihren Verkaufsstellen auf dem Wochenmarktplatze Gemäße mit sich zu führen. Ausgenommen sind hierbei Leinöl und Sämereien, welche nach Maß verkauft werden können.

§ 8. Normalgewicht des Sackes Kartoffeln

Von den auf den Wochenmärkten sackweise zum Verkauf gestellten Kartoffeln muß ein jeder Sack ein Normalgewicht von mindestens 50 kg = 1 Zentner oder 25 kg = 1/2 Zentner haben.

Frühkartoffeln können im Sommer in kleinen Partien von 12 1/2 kg = 1/4 Zentner verkauft werden.

§ 9. Normalgewicht der Butter in Stücken oder in Gefäßen

Butter, welche dem Käufer nicht direkt vorgewogen, darf entweder nur in Stücken zum Gewichte von 500 g, 250 g und 125 g, oder in Gefäßen mit einem Inhalt von mindestens 1 kg oder 1/2 kg feilgehalten und verkauft werden.

Alle nicht vollwiegenden Butterstücke werden von den Aufsichtsbeamten durch Zerschneiden kenntlich gemacht. Ranzige Butter darf nicht zum Verkauf gebracht werden.

§ 10. Verbot der Benutzung ein und derselben Waagen, Gemäße pp. beim Zuwiegen oder Zumessen sowohl trockener als auch fetter, feuchter oder fleischiger Genußmittel

Tomaten, Gurken, Bohnen und Aepfel im Wochenmarkt-Angebot

Tomaten, Gurken, Bohnen und Aepfel im Wochenmarkt-Angebot

Auf den Wochenmärkten dürfen trockene Nahrungs- und Genußmittel nicht auf derselben Waage, in demselben Gemäße oder mit demselben Gefäße gewogen, gemessen oder verabfolgt werden, welche zum Wiegen, Messen oder Verabreichen fetter, feuchter oder fleischiger Nahrungs- oder Genußmittel Verwendung finden.

Der Gebrauch anderer als gehörig geaichter und gestempelter Maße und Gewichte wird nach § 369 Nr. 2 des Strafgesetzbuches für das deutsche Reich geahndet und soweit dieser Paragraph nicht Platz greift, findet § 15 dieser Polizei-Verordnung Anwendung.

§ 11. Verbot des ungehörigen und anstößigen Benehmens der Verkäufer und Käufer

Der Einkauf von Waren auf den Wochenmärkten steht einem Jeden mit gleichem Rechte zu.

Handelsleute, Höker und andere Personen, welche Käufer von der Verkaufsstelle bezw. ihrem innehabenden Platze auf den Wochenmärkten zurückdrängen oder durch ungehöriges Benehmen vom Einkaufe ihrer Bedürfnisse abhalten oder daran stören, sind strafbar.

Den Zwischenhändlern und Wiederverkäufern ist es untersagt, die Wagen der Landleute, Produzenten und Verkäufer dergestalt zu umstellen und zu besetzen, daß hierdurch das übrige den Markt besuchende Publikum verhindert wird, sich den Wagen zu nähern und seine Einkäufe zu machen.

Käufer wie Verkäufer haben sich so zu verhalten, daß der Anstand nicht verletzt wird und die öffentliche Ruhe nicht gestört wird.

Auch darf niemand einem die in den Händen gehaltenen Waren entreißen, oder denselben durch Zurückdrängen oder auf andere Weise von dem beabsichtigten Kauf und Handel abhalten oder darin stören. Hat jemand Gegenstände des Wochenmarktverkehrs behandelt, ist aber hinsichtlich des Preises mit dem Verkäufer nicht einig geworden, so darf er nicht vor den behandelten Gegenständen stehen bleiben, oder diese gar an sich nehmen, muß vielmehr soweit bei Seite treten, daß sie auch anderen Kauflustigen zugänglich sind und darf diese nicht durch Redensarten, die besagen sollten, daß er bezüglich des Ankaufs mit dem Verkäufer noch unterhandelt, von den Verkaufs-Gegenständen fern zu halten suchen.

Das Herausnehmen des zu Markt gebrachten Viehes aus Körben oder aus anderen Behältnissen seitens der Käufer ist untersagt, dieselben haben vielmehr abzuwarten, bis ihnen das Gewünschte vom Verkäufer zugereicht wird. Ingleichen haben die Verkäufer von solchen Nahrungs- und Genußmitteln, die zum Verzehren fertig sind, die Waren den Käufern selbst zuzuteilen und dürfen nicht dulden, daß letztere die zu kaufenden Waren betasten und aussuchen.

Das aufdringliche oder laute Anrufen und Einladen des Publikums seitens der Verkäufer oder ihrer Angestellten bezw. Handelstreibenden durch Worte und Zeichen ist verboten. Gewerbsmäßige Aufkäufer, welche sonstige Käufer auf dem Wochenmarkt zurückdrängen oder durch falsche Vorspiegelungen von dem Einkaufe ihrer Bedürfnisse abzuhalten suchen, werden sofort von dem Markte verwiesen und nach Bewandtnis der Umstände zur Strafe gezogen.

§ 12. Beschaffenheit pp. der zum menschlichen Genuß dienenden Nahrungsmittel

Sämtliche zum menschlichen Genuß dienenden Nahrungsmittel (Eßwaren und Getränke) müssen in vollständig sauberem und untadelhaften, die Gesundheit in keiner Weise gefährdenden Zustande zu Markt gebracht werden. Wenn unreine, verfälschte, verdorbene oder sonstige der Gesundheit nachteilige Lebensmittel auf dem Markte vorgefunden werden, so hat der Verkäufer außer der Bestrafung die Wegnahme dieser Gegenstände zu gewärtigen. Bei der Untersuchung der Lebensmittel soll in zweifelhaften Fällen auf Verlangen der Verkäufer die Entscheidung durch Sachverständige nach Anordnung der Polizeiverwaltung erfolgen. Die für den menschlichen Genuß bestimmten Marktgegenstände sollen nur in Buden oder auf Bänken, Tischen oder ähnlichen tragbaren Unterlagen, nicht aber durch dazwischen gelegte Decken, Säcke, Laken oder dergl. Unterlagen vom Boden getrennt oder auf der Erde zum Verkauf ausgelegt werden.

Das Schlachten und Rupfen von Federvieh sowie das Abhäuten von Hasen und Kaninchen auf dem Marktplatze ist verboten. Geschlachtetes Geflügel darf nur in gerupftem Zustande feilgeboten werden.

Alle Fleisch-, Fisch- und Backwaren, welche innerhalb des Stadtbezirks auf offenen Wagen oder sonstigen Transportmitteln transportiert werden, müssen mit einer sauberen, weißen Verdeckung versehen sein. Werden kleinere Fleischteile transportiert, wie dies z. B. beim Austragen an die Kunden geschieht, so muß das Fleisch vollständig weiß eingehüllt oder in Mulden in der gleichen Art verdeckt getragen werden.

Butter und Käse dürfen nur in dichten jedes Eindringen von Staub oder sonstigen Unreinlichkeiten verhindernden Gefäßen, welche mit einem reingehaltenen, weißen Tuch überdeckt sein müssen, feilgehalten werden. Die Butter muß reine Naturbutter sein und darf keinerlei andere Beimengungen als Wasser und Kochsalz enthalten; letzteres darf nicht mehr als 3 % betragen. Maßgebend für den Verkehr mit Margarine sind lediglich die Bestimmungen des Reichsgesetzes, betr. den Verkehr mit Butter, Käse, Schmalz und deren Ersatzmittel vom 15. Juni 1897 (R.-G.-Bl. S. 475) und die dazu ergangenen Ausführungsbestimmungen (Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 4. Juli 1897 R.-G.Bl. S. 591).

Diejenigen Käufer, welche den Geschmack der Butter probieren wollen, haben sich zur Entnahme kleiner Proben eines sauberen Messers zu bedienen und sind die Verkäufer verpflichtet, darauf zu halten, daß die Entnahme von Proben nur in dieser Weise erfolgt. Das Bekratzen der Butter mit den Fingern ist streng verboten.

Den Polizeibeamten muß auf Verlangen jede Auskunft über Menge und erzielten Preis der Ware erteilt werden.

Nahrungs- und Genußmittel aller Art einschließlich Fisch, Wild und Geflügel, welche feilgeboten werden, müssen auf Gestellen, Tischen, Unterlagen usw. von mindestens 0,75m Höhe gelegt oder so aufgehängt werden, daß die tiefsten Teile mindestens 0,75m vom Boden entfernt bleiben.

Alles für den Garten

Alles für den Garten

Das Ausstellen, Aushängen und Befördern von Waren hat so zu geschehen, daß flüssige Abgänge nicht auf den Erdboden gelangen, auch müssen die zum Aufstellen und Befördern verwendeten Unterlagen, Körbe, Kisten, Gestelle, Mulden, Fuhrwerke und andere Behältnisse in sauberem Zustande erhalten werden.

Es ist verboten, in Verkaufsstellen und Lagerräumen, in welchen Nahrungs- und Genußmittel offen ausgestellt sind, Hunde mitzubringen. Der Verkäufer darf in solchen keinen Hund halten oder dulden.

Wer solche Nahrungs- und Genußmittel, welche nicht völlig trocken sind, oder eine nur teilweise feuchte oder fette oder überzuckerte Oberfläche besitzen, feilhält, darf bei ihrer Verpackung in Papier nur reines, unbeschmutztes, zu keinem Zwecke vorher gebrauchtes Papier verwenden.

Verboten ist insbesondere die Verwendung beschriebenen Papiers (Schreibhefte) oder von Druckschriften (z. B. von Zeitungen). Für die Befolgung dieser letzten Vorschriften ist sowohl der Verkäufer als auch dessen Angehörige, Gehilfen oder sonstige Beauftragte verantwortlich.

§ 13. Verpflichtung zur Befolgung der Anordnungen der Marktpolizeibeamten

Den Anordnungen der Polizeibeamten zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung auf den Wochenmarktplätzen ist unverzüglich Folge zu leisten.

Das Auffahren der Wagen, Aufstellung der Verkäufer und die Anweisung der Verkaufsfläche regeln die Gendarmerie-Wachtmeister bezw. Polizeibeamten und die Aufseher, deren Weisungen unbedingt Folge geleistet werden muß. Personen, welche sich den getroffenen Anordnungen widersetzen, können sofort vom Platze verwiesen werden.

Das Auffahren der Wagen und Aufstellen beim Verkauf seitens der auswärtigen Marktbesucher geschieht nach der Zeit und Reihenfolge des Erscheinens auf den Marktplätzen, und zwar in Reihen nach Anweisung der Polizeibeamten. Zwischen jeder Wagenreihe bleibt freier Raum zur Durchfahrt.

§ 14. Jahrmärkte

Die Bestimmungen in §§ 1 bis einschl. 13 finden auf die in hiesiger Stadt abzuhaltenden Jahrmärkte mit der Maßgabe Anwendung, daß die im § 1 unter III aufgezählten Warengattungen mit Ausnahme der weiblichen Handarbeiten einschließlich Putzwaren, Sattler- und Tischlerwaren auch von auswärtigen Gewerbetreibenden feilgeboten werden dürfen. Das sonst in § 14 “Jahrmärkte” Gesagte gilt auch für die Wochenmärkte.

Das Belegen der Plätze darf erst an dem Jahrmarktstage vorhergehenden Tage und zwar von 4 Uhr nachmittags ab erfolgen. Die Zugänge zu den Häusern und Läden dürfen nicht versperrt, insbesondere dürfen Wagen auf der Straße vor öffentlichen Verkaufshäusern (Läden) nicht aufgestellt werden. Die Belegung bezw. das Befahren der Bürgersteige mit Wagen, Buden, Waren pp. ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Ortspolizeibehörde zulässig. Pferde dürfen nur auf dem Pferdemarktplatze feilgeboten werden. Auf den Jahrmärkten dürfen außer den im § 1 dieser Verordnung genannten Waren Verkaufsgegenstände aller Art feilgeboten werden.

Jede Marktbude oder Verkaufsstelle ist mit einem Schild, welches den Namen und Heimatort des Inhabers in deutlicher Schrift zeigt, zu versehen.

Zum Spielen in Wirtschaften seitens umherziehender Orgelspieler und Musikanten ist sowohl an Markt- als auch an anderen Tagen die ausdrückliche Erlaubnis der Polizei-Behörde erforderlich. Im Uebertretungsfalle wird der Wirt wie auch der Spieler bestraft.

Die Bestimmungen des § 12 dieser Polizei-Verordnung greifen auch bei dem Handel mit Nahrungsmitteln außerhalb des Marktverkehrs Platz.

Der Jahrmarktsverkehr findet auf den bisher üblichen Plätzen mit der Maßgabe statt, daß die auf dem alten Markte zu erbauenden Buden dergestalt in Reihen aufgestellt werden, daß der Eingang zu den Reihen vor der nach der Posener Straße führenden Hauptstraße aus stattfinden kann. Die Eckbuden dürfen daher nicht mit der Front nach dieser Straße stehen.

Leere Wagen dürfen auf dem Alten Markte nicht stehen bleiben, können aber innerhalb der Stadt auf den Viehmarktplätzen und der Hinterstraße, bei großem Andrang auch in der Posener Straße aufgestellt werden, in der letzteren jedoch nur dergestalt, daß die Hauseingänge, Ladentüren und Schaufenster nicht verstellt bezw. nicht verdeckt werden.

Das Jahrmarktsstandgeld wird von Einheimischen und Fremden nach dem bestehenden Tarif gleichmäßig entrichtet.

Den hiesigen Gewerbetreibenden kommen die ersten Plätze zu.

Niemand darf sich eigenmächtig einen anderen Stand oder Platz zum Verkauf oder dergleichen wählen, jeder Verkäufer ist vielmehr verbunden, den ihm angewiesenen Platz einzunehmen.

Das Verkaufen im Umherziehen zwischen den Marktreihen pp. auf den zur Abhaltung der Märkte dienenden Plätzen und Straßen ist untersagt, es hat ein jeder vielmehr seine Verkaufsartikel nur auf der ihm angewiesenen Verkaufsstelle feilzubieten.

Die Pferde und auch das Rindvieh müssen in Reihen aufgestellt und von den Führern dergestalt überwacht werden, daß jede Beschädigungen von Personen und fremden Eigentum vermieden wird.

Das Straßenpflaster ist zur Passage für das Publikum frei zu lassen.

Eine Auswahl an "High Heels"

Eine Auswahl an “High Heels”

Mehr als drei Pferde dürfen beim Transport nicht zusammen gekoppelt sein. Bissige oder schlagende Pferde sind mit Maulkörben oder Schlagtauen zu versehen. Bullen sind stets einzeln und mit den nötigen Schutzvorrichtungen versehen durch die Stadt ohne Aufenthalt nach dem Viehmarkt zu treiben. In gleicher Weise hat der Transport von sonstigem Vieh zu erfolgen, wenn dasselbe bösartig oder aufgeregt ist.

Rindvieh muß bei einem oder zwei Stück mindestens von einem erwachsenen Treiber begleitet werden.

Mastschweine und Ferkel dürfen nur auf Wagen befördert werden. Kinder dürfen zum Viehtreiben nicht verwendet werden.

Während der Jahr- und Wochenmärkte darf über die den Verkehrsplatz durchschneidenden Straßen sowie auf den Marktplätzen selbst nur im Schritt gefahren werden. Auf Zuruf ist dem Wagen und geführten Vieh auszuweichen.

§ 15. Straf- und Schlußbestimmungen

Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen dieser Polizei-Verordnung ziehen, soweit die Strafbestimmungen des Strafgesetzbuchs, des § 149 Nr. 6 der Reichsgewerbeordnung oder sonstiger Gesetze Anwendung finden, die dort vorgesehenen Strafen, in den anderen Fällen aber Geldstrafe bis zu 30 Mark und im Unvermögensfalle verhältnismäßige Haft nach sich.

Diese Polizei-Verordnung tritt mit dem Tage der Veröffentlichung in Kraft.

Mit demselben Zeitpunkte ist die Markt-Verordnung vom 4. November 1879 aufgehoben.

Neutomischel, den 10. Mai 1907. – Die Polizei-Verwaltung – Franke

* * *

Auf den Bericht vom 21. September d. Jr. – 3612/08 – genehmige ich nunmehr den Erlaß der Polizei-Verordnung, betreffend die Regelung des Wochen- und Jahrmarktverkehrs in der dortigen Stadt.

Posen, den 14. Oktober 1908 – Der Königliche Regierungs-Präsident – I. V.: gez. Klotzsch – I.-Nr. 2280/08 I. G.

* * *

Vorstehende Polizei-Verordnung, betreffend die Regelung des Wochen- und Jahrmarktverkehr in der Stadt Neutomischel, wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht.

Neutomischel, den 24. Februar 1909 – Die Polizei-Verwaltung – Franke

Quellen soweit nicht direkt im Text oder in den Bildbeschreibungen genannt: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1909-03-23 / Photos: Aufnahmen GT

Mord in Chmielinke – 1908

Der ehemalige Gasthof Schade in Chmielinke / Postkartenausschnitt Sammlung A. Kraft

Der ehemalige Gasthof Schade in Chmielinke / Postkartenausschnitt Sammlung A. Kraft

Am 29. December 1908 schrieb der Standesbeamte zu Neustadt bei Pinne unter dem Eintrag Nr. 233:

“Das Königliche Amtsgericht zu Pinne hat mitgeteilt, daß der Eigentümersohn Karl Helmchen, ledigen Standes, 23 Jahre, evangelischer Religion, wohnhaft zu Steinberg, geboren zu Steinberg, Sohn des verstorbenen und zuletzt in Steinberg wohnhaften Eigentümers Martin Helmchen und dessen in Steinberg wohnhaften Ehefrau Albertine geborene Schmidtchen wieder verehelichte Hanelt, zu Steinberg am sechsundzwanzigsten December 1908 vormittags um zwölfeinhalb Uhr verstorben sei.”

Leider verbirgt sich hinter einer amtlichen Eintragung in jenen Jahren immer ein Tod durch Unglücksfall oder, sogar noch schlimmer ein Tod durch Mord.

* * *

Über das Begräbnis des Karl Helmchen berichtete das Neutomischler Kreisblatt wie folgt:

“Der in der Nacht des ersten Weihnachtsfeiertages erstochene Eigentümersohn Karl Helmchen wurde am 30. Dezember 1908 zur letzten Ruhe bestattet.

Trotz des schlechten Wetters hatten sich auch viele Bewohner der Umgegend eingefunden, um dem so jäh aus dem Leben geschiedenen beliebten Jünglinge die letzte Ehre zu erweisen. An dem Leichenbegräbnis nahmen der Landwehrverein und der Radfahrerverein Steinberg teil. Der ganze Trauerzug hatte ein unabsehbares Ende, ein Zeichen, in welchem Ansehen der Ermordete gestanden hat.”

Über die Ereignisse selbst war geschrieben worden:

“Steinberg. Die Morde in der hiesigen Umgegend mehren sich in grauenerregender Weise. Nachdem sich erst kurz vor dem friedlichen Weihnachtsfeste ein Mord in Neu Boruy zugetraten hat, ereignete sich hier am 1. Weihnachtsfeiertage schon wieder eine Bluttat, welche ein blühendes Menschenleben dahinraffte. Einige junge Leute saßen abends im Schade’schen Wirtshause beim Glase Bier zusammen. Während der Unterhaltung entspann sich ein Streit, der bald in Tätlichkeiten ausartete.

Infolgedessen gebot der Wirt Ruhe und hieß die Ruhestörer, sich aus dem Lokale zu entfernen. Aber auch auf der Dorfstraße spann sich der Streit weiter.

Der Eigentümersohn Helmchen von hier wollte den Hauptstreiter, den Knecht Koster von hier, wieder versöhnlicher stimmen. bei dem gutgemeinten Bemühungen des Helmchen aber wurde Koster noch wütender, er zog sein Messer aus der Tasche, stach blindlings auf ihn los und verletzte ihn durch einen Stich ins Herz so schwer, daß der bedauernswerte, etwa 23 jährige junge Mann sofort tot niedersank. Einem zweiten der anwesenden jungen Leute wurde die linke Hand total und der Oberarm weniger schwer zerstochen, währen ein dritter am Oberarm leicht verletzt wurde. der Unhold, welcher 18 bis 20 Jahre alt und schon wegen Körperverletzung vorbestraft ist, wurde nach dem Amtsgerichtsgefängnis Pinne abgeführt.”

Zu einem späteren Zeitpunkt wurde noch berichtigt, “dass der Streit zwischen den jungen Leuten nicht im Schade’schen Gasthause begonnen hat, sondern dass derselbe sich erst nach dem Verlassen dieses Lokales entspann”

Quellen: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1908-12-29/1909-01-05, Artikel-Auszug; Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/): Personenstandsunterlagen der evangelischen Gemeinde Neustadt bei Pinne
 

Sontop als selbstständige Kirchengemeinde – 1904

Bauzeichnung zur Kirche in Sontop / Zentralblatt der Bauverwaltung

Bauzeichnung zur Kirche in Sontop / Zentralblatt der Bauverwaltung

“Reges kirchliches Leben hat in Sontop sich entwickelt. Seit dem 01. Oktober 1904 ist Sontop selbstständige Kirchengemeinde mit eigenem Gemeindekirchenrat und Gemeindevertretung geworden. Pfarramtlich ist die Gemeinde noch mit Neutomischel verbunden.

Zu der neuen Gemeinde gehören Sontop, Neurose, Rose Gut und Dorf Rose, Bukowiec, Glashütte, ein Teil von Cichagora und Paprotsch.

Der sehnliche Wunsch der Gemeinde geht nun dahin, ein eigenes Gotteshaus zu besitzen. Grund und Boden für Kirche und Pfarrhaus ist schon vorhanden, mitten im Dorf gelegen, zum größten Teil von Gemeindegliedern in Sontop geschenkt.

Reichliche Gaben an Geld sind auch schon geflossen. Gezeichnet sind von den Parochianen ca. 9.000 Mark, davon schon aufgebracht ca. 5.000 Mark. Dazu kommt eine Spende von Herrn v. Hardt-Wonsowo im Betrage von 3.000 Mark, fern vom Gustav-Adolfs-Verein 300 Mark (außer vielen herrlichen Geräten). Die Gemeinde hofft auf ein kaiserliches Gnadengeschenk von ca. 40-50.000 Mark. Die Kosten für Kirche und Pfarrhaus sind auf ca. 90.000 Mark veranschlagt.

* * *

Die Baupläne für beide Gebäude sind von dem nun leider allzufrüh aus dem Leben geschiedenen Herrn Architekten Königl. Baurat und Dombaumeister Schwartzkopff in Groß-Lichterfelde entworfen und vom Ministerium genehmigt worden.

So ist die Gemeinde innerhalb eines Jahres – seit dem 01. Oktober vorigen Jahres ist ein Hilfsprediger in Sontop – einen guten Schritt vorwärts gekommen. Die Gemeinde selber hat getan, was in ihren Kräften stand. Zur Erreichung des Zieles fehlt zwar noch viel, aber die Gemeinde schaut voll froher Hoffnung in die Zukunft und hofft dabei auf die tätige Liebe und Mithilfe evangel. Christen, besonders auch auf die Hilfe von Neutomischel als der Muttergemeinde von Sontop. Hoffnung läßt ja nicht zu Schanden werden. Wer hilft ?

Da eine Kirche noch nicht vorhanden ist, hat die Gemeinde sich zu helfen gesucht, so gut es ging. Die Schulräume konnten bei dem regen Besuch die Kirchgänger bei weitem nicht fassen. Da trat die hiesige Schützengilde helfend ein und überließ in dankenswerter Weise ihre Halle der Kirchengemeinde zu gottesdienstlichen Zwecken solange, bis ein Gotteshaus gebaut sein wird. Die Halle wurde nun entsprechend ausgestattet mit Altar, Kanzel und Orgel; die Wände sind mit von Frauenhand grünumwundenen Sprüchen geschmückt. Schlicht und einfach nimmt sich das Innere der Halle freilich immer noch aus, aber doch, wie unser hochverehrter Herr Superintendent sich ausdrückte, wie eine “Hütte Gottes bei den Menschen”. Im Sommer ist’s allerdings in der hölzernen Halle “a bissel sehr” warm und im Winter “a bissel sehr” kalt, doch – wir sind zufrieden ist’s doch nur eine Übergangsperiode.”

Die Einweihung der evangelischen Kirche zu Sontop erfolgte am 17. November 1908

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Ernst Schwartzkopff 1853-1904 - Baurat und Dombaumeister

Ernst Schwartzkopff 1853-1904 – Baurat und Dombaumeister

“Herr Architekt Königl. Baurat und Dombaumeister Schwartzkopff”

- Ernst Wilhelm Schwartzkopff –

Er wurde geboren am 28. Mai 1852 in Magdeburg und verstarb in Berlin-Lichterfelde am 24. Oktober 1904. Er war ebenfalls ein Sohn des Karl Wilhelm Schwartzkopff, welcher, so die Familienchronik, im Jahr 1852 das Rittergut Rose erworben hatte, und seiner Ehefrau Johanna Emilie geborene Eschebach

Er besuchte das Klostergymnasium in Magdeburg, im Jahr 1874 legte er die Reifeprüfung ab. Im Anschluss gehörte er dem Husaren-Regiment Nr. 7 an und absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaft in Bonn; in Berlin schloss sich ein Studium der Architektur an. 1877 legte er das Bauführerexamen ab.

Er war dann als Regierungsbauführer in Berlin und Genthin tätig. Als Leutnant d. R. war er dem Husaren-Regiment Nr. 12 in Merseburg angehörig. Nach dem Verlust eines Auges nahm er im Jahr 1881 Abschied aus dem Staatsdienst.

In den weiteren Jahren war er als Privatarchitekt in Berlin tätig. 1890 führte er den Titel des Königlichen Baurates. Er wurde mit dem Kronen-Orden IV, dem Roten Adler-Orden IV und der Kaiser-Wilhelm-Erinnerungsmedaille (Verdienst-/Ehrenorden des Königreichs Preußen) ausgezeichnet.

Ebenfalls war er Mitglied des Domkirchenkollegium und galt als Dombaumeister (Hauptbauten: die christlichen Hospize in der Wilhelmstraße, am Brandenburger Tor, in der Marburger Straße und in der Mohrenstraße, die Taborkirche und die Versöhnungs-Privatstraße in Berlin, sowie 1891/92 Bauten in Jerusalem.

Am 08. Dezember 1881 ehelichte er die am 23. November 1858 geborene Anna Klara Helene Lippert. Sie war die Tochter des Kaufmanns Lorenz Adam Lippert und dessen Ehefrau Emilie geborene Aßmann.

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Weitere Artikel:

  1. Sontop – die Kirche in der Betrachtung der Stadt- und Landkirchen 1908http://hauland.de/sontop-die-kirche-in-der-betrachtung-der-stadt-und-landkirchen/
  2. Sontop – Früher und Heute – Teil 3 – Die Kirche, das Gemeindehaus …. – http://hauland.de/sontop-fruher-und-heute-teil-3-die-kirche-das-gemeindehaus-und-die-erinnerung-an-den-ehemaligen-evgl-friedhof/
  3. Familie Schwartzkopff – http://hauland.de/familie-schwartzkopff/
  4. Schwartzkopff – Erbbegräbnis Rittergut Rose – 1914 – http://hauland.de/schwartzkopff-erbbegrabnis-rittergut-rose-1914/

 

Quellen:
Schwartzkopff Daten/Bilder aus der Veröffentlichung „Stammtafel in Listenform des Geschlechts Schwartzkopff“ – erschienen 1930 in Leipzig; Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1904-11-04/08, Artikel-Auszug

 

Goldene Hochzeit in Zinskowo – 1924

Im Nachlass meiner, im 100. Lebensjahr verstorbenen, Großtante fand ich vor einiger Zeit ein altes Postkartenfoto. Genau 40 festlich gekleidete Menschen blicken ernst in die Kamera. Auf der Rückseite ist handschriftlich zu lesen:

Zum Andenken an deine Großeltern, 17. Juni 1924.

Von der Tante selbst stammt der Zusatz: Goldene Hochzeit, war in meiner Geburtsheimat in Friedenwalde, Provinz Posen, nach dem 1. Weltkrieg polnisch.

Dieses Bild machte mir bewusst, dass ich eigentlich nichts über meine Vorfahren aus Neutomischel und die Geschichte ihrer Siedlungsorte wusste. Und damit begann für mich und meinen Mann die Ahnenforschung im Tomischler Hauland.

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Goldene Hochzeit in Zinskowo - 1924 / Foto: Familienbesitz

Goldene Hochzeit in Zinskowo – 1924 / Foto: Familienbesitz

Inzwischen weiß ich, dass es sich bei dem betagten Jubelpaar um meine Vorfahren Johann Carl Gustav Lüdke und seine Ehefrau Anna Florentine Emilie, geborene Thomas handelt. Beide hatten am 17. Juni 1874 in der Kirche von Neutomischel den Bund fürs Leben geschlossen.

Johann Carl Gustav Lüdke wurde am 10. März 1845 als drittes Kind der Eheleute Johann Samuel Lüdke und Johanna Christine geborene Zeuschner ( verw. Kessel) in Zinskowo geboren. Ein halbes Jahr nach seiner Goldenen Hochzeit starb er im Januar 1925.

Seine Ehefrau überlebte ihn um 9 Jahre und starb mit 77 Jahren.

Im Jahr 1858 gab es in Sontop einen Aufsehen erregenden Mordfall, über den ganz sicher auch in der Familie von Samuel Lüdke viel gesprochen wurde, denn immerhin waren die Mordopfer sein Bruder Gottlieb und sein Neffe Eduard. Carl Gustav zählte 15 Jahre, als seine Tante Luise Lüdtke 1860 als Auftraggeberin der Morde an ihrem Schwager und eigenen Sohn zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. (Berichte im Tomischler Hauland “Eine Mordnacht in einem Abbau bei Sontop” erschienen im Jahr 2010).

Ein ebenfalls tragisches Ereignis mussten Carl Gustav und seine Frau im Jahr 1897 erleben, als eines ihrer Kinder ums Leben kam. Oswald August Otto, viertes Kind des Paares, starb mit 13 Jahren durch einen Blitzschlag auf dem Heimweg von der Schule. (Bericht im Tomischler Hauland “Tod durch Blitzschlag – 1897 vom 30.03.2014)

Die älteste Tochter des Jubelpaares von 1924 schließlich ist meine eigene Vorfahrin: Berta Emilie Ernestine. Sie heiratete Carl Ferdinand Seide aus Glinau. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Teilung verstreuten die Familienangehörigen aus dieser Linie über ganz Deutschland.

Bedauerlicherweise kenne ich niemanden, der einem der Festgäste zur Goldenen Hochzeit wieder einen Namen geben könnte. Außer dem Lüdke-Ehepaar sind mir leider alle unbekannt. Die beiden hatten noch zwei Söhne: *19.10.1879 Gustav Reinhold Heinrich und *24.11.1881 Ernst Herrmann Traugott. Vielleicht sind sie und ihre Familien mit auf dem Foto? Im Dunkel der Geschichte liegt ebenfalls noch, dass ein Teil der Lüdke-Familie offensichtlich nach 1919 in Friedenwalde/Zinskowo blieb, während ein anderer Teil nach Schlesien ins damalige “Deutsche Reich” zog.

Martina Ortmann

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Eine Mordnacht in einem Abbau bei Sontop – 1858 – Teil 1-4
http://hauland.de/eine-mordnacht-in-einem-abbau-bei-sontop-1858-teil-1/
http://hauland.de/eine-mordnacht-in-einem-abbau-bei-sontop-1858-teil-2/
http://hauland.de/eine-mordnacht-in-einem-abbau-bei-sontop-1858-teil-3/
http://hauland.de/eine-mordnacht-in-einem-abbau-bei-sontop-1858-teil-4/
Tod durch Blitzschlag – 1897
http://hauland.de/tod-durch-blitzschlag-1897/

Gebäude der Stadt – No. 74 – Eine Bäckerei in der Posener Strasse

Blick vom Alten Markt in die Posener Strasse, rechts an das Gebäude des "Schwarzen Adlers" schließt sich das Gebäude der No. 74 an / Karte: Wojtek Szkudlarski

Blick vom Alten Markt in die Posener Strasse, rechts an das Gebäude des “Schwarzen Adlers” schließt sich das Gebäude der No. 74 an / Karte: Wojtek Szkudlarski

Manche Häuser haben erst eine Geschichte durch das wechselvolle Leben Ihrer Bewohner. Eines dieser Häuser ist das mit der alten Hausgrundstücksnummer 74 in Nowy Tomyśl. Heute ist es unscheinbar, der eigentliche Baustil nicht mehr erkennbar und es ist arg “in die Jahre gekommen”.

Und doch es scheint als ob die wechselvolle Geschichte der Bewohner dieses Hauses sich wiederspiegelt im Aussehen des Gebäudes.

Wir bedanken uns ganz besonders bei Tracy Walters; sie öffnete ihr Familien-Fotoalbum für uns.

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Etwa im Jahr 1816 wurde auf dem Hausgrundstück No. 74 ein erstes Gebäude errichtet. Wer der erste Besitzer gewesen ist, kann nur gemutmaßt werden.

Das Gebäude in der Mitte ist das der ehem. No. 74 / Aufn. GT

Das Gebäude in der Mitte ist das der ehem. No. 74 / Aufn. GT

Da sich im Gebäude ein Backofen befand und auch in späteren Jahren dieses Gewerbe im Haus ausgeübt wurde, kommt der Bäcker und Pfefferküchler Samuel Gottlieb Grunwald, verheiratet in 2ter Ehe mit Christine Catherine Eger, und verstorben im April des Jahres 1819, in Frage. Aber wie geschrieben: dieses ist nur eine Annahme.

1836 wurde das Gebäude mit einem Alter von etwa 20 Jahre eingeschätzt. Das Haus hatte über Wände aus 4 Zoll (ca. 10 cm) starken Bohlen verfügt und war 49 1/2 Fuß lang, 30 1/2 Fuß breit und 7 Fuß hoch (ca. 15,00×9,00×2,10m) gewesen.

Die Wände waren innen und außen mit Lehm beworfen. Das Schindeldach ruhte auf einem stehendem Dachstuhl . Das Dach der Mansarde war ebenfalls mit Schindeln eingedeckt. Über eine Stiege war der Bodenraum mit dem Flur des Erdgeschosses verbunden. 3 Stuben, 1 Kammer und 1 Küche befanden sich in den ebenerdigen Geschoss. Als eine Besonderheit fand ein “Uhrgehäuse nebst Spind” in der Wohnstube Erwähnung. Beheizt wurden die Räume über 2 “Ofen von Ziegeln”. Das Gebäude verfügte über 2 zweiflügelige Türen und die Räume wiederum über 7 Türen. Licht kam in das Gebäude über zahlreiche Fenster; in der Gebäudebeschreibung der Provinzialfeuerversicherung wurden 21 erwähnt, 4 mit vier Flügeln, 15 mit 2 und 2 mit nur einem Flügel, zusätzlich gab es noch 2 Giebelluken.

Weiterhin wurde ein Backofen gesondert erwähnt; dieses und das die späteren Bewohner das Handwerk der Bäcker betrieben, führte zur Annahme, dass in diesem Gebäude von Beginn an eine Bäckerei eingerichtet gewesen war.

Einer der Giebel von Fachwerk war mit Lehm ausgefüllt und der andere lediglich mit Brettern verschlagen. Interessant ist, dass die Lage der Giebel “von Süd nach Nord” beschrieben wurde und nur die Ostseite des Gebäudes an das Gebäude des Hauses No. 75 stieß. Dieses bedeutet, dass das Gebäude mit der ca. 9 m breiten Giebelfront zur Posener Straße stand und die Länge von ca. 15 m in das Grundstück hinein vermessen worden war.

Das Gebäude der Familie Lemberg - ca. 1912 / Bild Familienbesitz Tracy Walters

Das Gebäude der Familie Lemberg – ca. 1912 / Bild Familienbesitz Tracy Walters

Im Jahr 1836 findet sich ein August Grunwald als Besitzer in den Unterlagen der Provinzial Feuerversicherung. Bei unseren Recherchen haben wir den in Neu Tomysl ansässig gewesenen Bürger und Bäckermeister Carl August Grunwald (geboren ca. 1803) in den Kirchenbuchaufzeichnungen gefunden. Er galt als ältester Sohn des oben genannten Samuel Gottlieb Grunwald. Im Jahr 1837 ehelichte er die Förstertochter Johanna Juliane Kalaene aus Gloden. Als Geschiedener ging der dann eine weitere Ehe im November 1847 mit Johanna Louise Zisler, einer Tochter der Christoph und Rosina Dorothea geborene Müller Zisler’schen Wirthsleute aus Wiosker Hauland ein.

Im Alter von 62 Jahren verstarb im Oktober 1865 der letztlich in Wytomysl ansässig gewesene Bäckermeister Carl August Grunwald. Seine hinterlassene Ehefrau Louisa Grunwald geborene Zisler, sie galt als Landbesitzerin in Witomischel, verstarb im Mai 1865.

Kinder aus beiden Ehen des Carl August Grunwald haben wir nicht ermitteln können.

Im Jahr 1857, das Haus No. 74 war nunmehr etwa 40 Jahre alt, gilt Robert Fechner als Eigentümer. Angenommen werden kann, dass die Eheleute Grunwald etwa im Jahr 1856 das Anwesen in Neu Tomysl verkauften um sich in Wytomysl anzusiedeln.

Es heißt in der Beschreibung der Provinzialfeuerversicherung des Jahres 1857, dass das Haus “im vorigen Jahr (1856) in allen Theilen umfassend repariert worden und sich daher jetzt in gutem Zustande befinden” würde. Durch eine neue Unterschwellung war es um 2 Fuß erhöht worden, es hat unter anderem neue Balken und neue Fenster bekommen. Um das Dach zu verbessern waren 108 Schock neue Schindeln verwendet worden. Für die Arbeiten waren 243 Thaler für Material und weitere 117 Thaler für Arbeitslöhne aufgewendet worden.

Robert Friedrich Fechner war im April 1823 in Neu Tomysl als Sohn der Johann Gottfried und Johanna Juliane geborene Pflaum Fechner’schen Eheleute geboren worden. In Kirchenbuchaufzeichnungen wurde er als Bäcker in Wielichowo und Jablone erwähnt ehe sich in Neu Tomysl vermutlich endgültig niederliess. 1851 hatte er die Johanna Wilhelmine Haendtschke/Hentschke (geb. ca. 1825) geheiratet. Die in dieser Ehe geborenen Kinder verstarben alle sehr bald nach ihrer Geburt und als Johanna Wilhelmine Haendtschke/Hentschke selbst am 24. Juli 1859 im Alter von nur 34 Jahren an Abzehrung verstarb, hinterließ sie weder Kinder noch Vermögen.

Emilie Ernestina Haendtschke/Hentschke (geboren 1834), sie war die jüngere Schwester der Verstorbenen, heiratete im September 1859 ihren verwittweten Schwager. Aus dieser Ehe stammte Johanna Maria Fechner (geboren 1860), welche als Verkäuferin in Berlin tätig und ansässig gewesen war und die Louise Hermine Fechner (geboren 1865) welche 1883 noch in Neutomischel lebte.

Robert Friedrich Fechner verstarb vor dem Jahr 1873 in Berlin.

Die Familie Lemberg um 1920 vor ihrem Haus, das umfangreiche Umbauarbeiten erfahren hatte / Bild: Familienbesitz Tracy Walters

Die Familie Lemberg um 1920 vor ihrem Haus, das umfangreiche Umbauarbeiten erfahren hatte / Bild: Familienbesitz Tracy Walters

Seine hinterlassene Wittwe Emilie Ernestina Fechner geb. Haendtschke/Hentschke heiratete im Juli 1873 den Junggesellen Johann Ferdinand Carl Eduard Lemberg (geboren 1851) welcher als Bäcker in Neutomischel tätig gewesen war. Er war der Sohn der Adolph und Wilhelmine geborene Schmidt Lemberg’schen Eheleute aus Neu Tomysl. 1874, im Jahr nach der Eheschliessung, wurde der gemeinsame Sohn Carl Paul Ferdinand Lemberg geboren. Im darauffolgenden Jahr, 1875, findet sich im Gebäudesteuerbuch der Bäckermeister Ferdinand Lemberg als Eigentümer des Hausgrundstücks No. 74 in Neu Tomysl.

Emilie Ernestina Lemberg, früher verwittwet gewesene Fechner, geborene Haendtschke/Hentschke starb im Februar 1888 in Neutomischel.

Der Wittwer Johann Ferdinand Carl Eduard Lemberg heiratete in zweiter Ehe im August 1888 die Cäcilie Bertha Buchwald (geboren 1869) aus Neu Tomysl. Sie war die Tochter des Töpfermeisters Julius Buchwald und dessen Ehefrau Emilie Paulina geborene Steltzer gewesen. In dieser Ehe waren die Kinder Carl Hermann Ferdinand 1890, Otto Alfried Kurt 1892, George Otto 1894 und Heinrich Hans Bruno 1898 geboren worden.

Im Alter von nur 29 Jahren verstarb Caecilie Bertha Lemberg geborene Buchwald nur 1 Monat nach der Geburt des jüngsten Sohnes.

Heute ist das Gebäude arg in "die Jahre" gekommen ... / Aufn. GT

Heute ist das Gebäude arg in “die Jahre” gekommen … / Aufn. GT

Die Söhne Kurt und Heinrich Lemberg sollen, so eine überlieferte Erzählung, in späteren Jahren in der Bäckerei des Vaters tätig gewesen sein.

Der nunmehr erneut verwittwete Johann Ferdinand Carl Eduard Lemberg schloss am 17. Januar 1899 seine 3te Ehe mit der Anna Ottilie Morzynski. Sie war am 04. Jun 1873 in Neu Tomysl als Tochter des Müllermeisters Theophil Morzynski und dessen Ehefrau Ottilie geborene Tepper zur Welt gekommen. Die gemeinsamen Kinder aus dieser Ehe waren Frieda Anna geb. 1899 und Gertrud Maria Magdalena geb. 1903.

Anna Ottilie verwittwete Lemberg geborene Morzynski gilt als letzte Besitzerin des Hausgrundstücks in Neu Tomysl, ehe sich die Spuren der hier beschriebenen Familie oder besser der Familien verlieren.

* * *

Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt:
Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/):
Stadtakten / Beschreibung sämtlicher Gebäude in der Stadt Neu Tomysl
Kirchenbücher der evangelischen Gemeinde Neu Tomysl

Ein Selbstmord – 1795 – 30. Junius

Blick vom ehem. evgl. Friedhof Rakwitz Richtung Kirche (rechts im Hintergrund), nicht bekannt ist, wo Tote, welche nicht, nach damaliger Auffassung, auf dem eigentlichen Friedhof beerdigt werden durften, begraben wurden / Bild: PM

Blick vom ehem. evgl. Friedhof Rakwitz Richtung Kirche (rechts im Hintergrund), nicht bekannt ist, wo Tote, welche nicht, nach damaliger Auffassung, auf dem eigentlichen Friedhof beerdigt werden durften, begraben wurden / Bild: PM

Vor Anbruch des Tages wurde zwar minus honeste (kein ehrenvolles, kein ehrbares) und außerhalb dem gewöhnlichen Begräbnisplaze, doch unter dem Schuze des weisern und menschlichern Geseze Sr. Königl. Majestät von Preußen, nunmehr auch unsers Allergnädigsten Herrn durch auswärtige Tagelöhner und nicht wie sonst durch den Abdecker, beerdigt der hiesige Bürger und Schwazfärber Andreas Gralow, welcher am 28. desselben Monats vormittags um 10 Uhr in seiner Färbermangel sich selbst an einem Strick erhängt hatte.

Er hat sein Alter gebracht auf 60 Jahre. Der Mann war, von je her einer der angesehensten und wohlhabendsten Einwohner dieser Stadt, auch Beysizer des hiesigen Stadtgerichts und Kirchenvorsteher gewesen.

Durch die im vorgien Jahre bey Gelegenheit der Predigerwahl hieselbst entstandenen Unruhen wurde derselbe als ein eifriger Anhänger der Bürgerschaft von der Grundherschaft seiner Ehrenämter entsezt.

Dies machte einen so starken und nachtheiligen Einfluß auf sein Gemüt, daß er wirklich zu deliriren anfieng und nur selten lucida intervalla (lichte Momente) hatte. Er ergab sich, welches er sonst nie getan, der Trunkenheit und andren groben Ausschweifungen, wobey er sein einträgliches Gewerbe vernachlässigte und viel Geld verschwendete.

Nach einem Aufenthalt von etlichen Wochen bey seinem Vetter, dem Chirurgen Gralow in Karge kam er, wie man sagte, gebessert zurück, aber seine Gemütskrankheit hatte nun eine andere, und zwar die ganz entgegengesezte Wirkung. So heftig er vorher gebrauset hatte, so still und in sich selbst gekehrt war er nun. Das Andenken an seine begangenen Ausschweifungen – die Schaam vor seiner Gattin und seinen Kindern, wie vor allen Einwohnern – die Reue wegen seiner Verschwendung – das Mißtrauen wegen seines künftigen Auskommens – die Verzweiflung wegen einer ewigen Verdammniß – alles das machte ihn tiefsinnig, melancholisch – er suchte keinen Arzt, keinen Freund – der seinem Gemüthe nach und nach eine andere Stimmung gegeben hätte, er wurde – Selbstmörder !

Sanft ruhe seine Asche !

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Quelle: Berichte und Eintragungen aus den Kirchenbüchern der Gemeinde Rakwitz – Staatsarchiv Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) – / in “Geschichte der Evangelischen Kirche zu Rakwitz” von Karl Schulz, erschienen 1929 in Posen

Der ehemalige Friedhof von Albertowske / Albertowsko

Die Naturlandschaft Albertowsko / Aufn. PM

Die Naturlandschaft Albertowsko / Aufn. PM

Es ist nichts genaues über die Entstehung des Ortes Albertowske bekannt. Vermutet wird, dass die ersten “Hauländer”, wie auch in der umliegenden Region, um 1750 hier die Erlaubnis erhielten sich anzusiedeln.

Albertowsko, früher Albertowske oder Albertoske, stellt bzw. stellte eine Streusiedlung dar. Die Höfe liegen wie willkürlich verteilt in der Region und die Ansiedlung verfügt über keinen zentralen Ortskern.

Felder und Wiesen, die sich abwechseln mit Sanddünen und großen Heidekrautflächen und alle umgeben von Wald, gestalten das Gesamtbild der außerordentlich schönen Naturlandschaft der Region.

Am Weg linker Hand den Sandhügel hinauf liegt der alte evangelische Friedhof / Aufn. GT

Am Weg linker Hand den Sandhügel hinauf liegt der alte evangelische Friedhof / Aufn. GT

Wanderer können inmitten dem Wald auf einer Anhöhe den Friedhof der evangelischen Bewohner von Albertowske finden. Hier umgibt den Besucher dann absolute Stille, einzig durch Vogelgezwitscher und ab und an einem rascheln im Unterholz wird diese unterbrochen. Hier kann man in sich gehen und “seiner” Verstorbenen gedenken, gleich ob sie hier oder anderswo zur letzten Ruhe bestattet wurden.

Hinweistafel am Eingang des ehem. evgl. Friedhofgeländes / Aufn. PM

Hinweistafel am Eingang des ehem. evgl. Friedhofgeländes / Aufn. PM

Im letzten Jahr wurde mit Ausrodungsarbeiten auf dem Areal des ehemaligen Friedhofes begonnen. Die Arbeiten werden unter der Leitung von Herrn Konrad Maciejaszek durch die “Zakład Poprawczy w Grodzisku Wlkp.”, einer Einrichtung bzw. einem Erziehungsheim für straffällig gewordene Jugendliche, ausgeführt.

Dabei wurde auch die Katalogisierung der freigelegten Gräber begonnen. Nach dem vollständigen Abschluss der Arbeiten sollen diese der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden.

Ein kleiner Abriss zu den Gräbern auf dem Friedhof und zu den Arbeiten auf dem Gelände ist nachstehend zu finden …

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Grabstein der Auguste Lange / Aufn. Piotr Szwiec 2010

Grabstein der Auguste Lange / Aufn. Piotr Szwiec 2010

Hier ruhet in Gott
Auguste Lange geb. Mai
geb. 1. Juni 1833
gest. 27 April 1918
Ruhe sanft
Auf Wiedersehen

Geboren wurde sie am 01 Juni 1834 in Albertoske als Wilhelmine Auguste Preuss, so der Eintrag im Kirchenbuch von Grätz. Ihr Vater war der verwittwete Johann Daniel May, ihre Mutter Eleonore Preuss. Neben ihrem Geburtseintrag ist vermerkt, dass sie in Hammer Boruy getauft wurde und ihre Eltern am 26. November 1835 getraut worden waren.

Im Juni 1851, sie war gerade 17 Jahre alt, ehelichte sie den 39 jährigen Wittwer und Eigenthümer zu Albertoske Johann Christian Lange.

Nach den noch einsehbaren Personenstandsunterlagen heiratete sie im Jahr 1884 erneut; ihr Lebenspartner wurde der im Mai 1817 geborene und als Ausgedinger lebende Johann August Gottlieb Zeuschner. Namentlich findet er jedoch keine Erwähnung auf dem Stein.

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Bruchstücke eines Kreuzes mit der Inschrift zu Christian Lange / Aufn. PM

Bruchstücke eines Kreuzes mit der Inschrift zu Christian Lange / Aufn. PM

Hier ruht in Gott
Christian Lange
geb. 29. Feb. 1812
gest. 12 Novbr. 1878

Am 12. November 1878 war vor dem Standesbeamten in Konkolewo der Eigenthümer Samuel Lange aus Albertoske erschienen um den Tod seines Vaters anzuzeigen. Der Ausgedinger Christian Lange, bei seinem Tod 66 Jahre, 8 Monate und 12 Tage alt, war zu Grubsker Hauland geboren worden. Er verstarb am 12. November 1878 zu Albertoske in des Anzeigenden “Behausung” . Als seine Eltern wurden der verstorbene Ausgedinger Martin Erdmann Lange und dessen ebenfalls verstorbene Ehefrau Beate geborene Kriger angegeben.

Offen bleibt, da keine Ehefrau in dem Eintrag genannt wurde, ob es tatsächlich der Ehemann der Auguste Lange geb. Mai (Preuss) gewesen ist. Vorstellbar wäre, dass die gefundenen Bruchstücke des Kreuzes mit dem Grabstein der Auguste Lange geb. Mai einen großen Gedenkstein gebildet haben.

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Grabstein der Eheleute Timm - Tepper / Aufn. PM

Grabstein der Eheleute Timm – Tepper / Aufn. PM

Ein sehr gut erhaltener Grabstein, er ist inzwischen auf zahlreichen Photoaufnahmen zu sehen, ist der der Eheleute Timm und Tepper.

Dienegott Gottlieb Timm, war am 17. Februar 1850 in Albertoske, als Sohn des Johann Gottlieb Dienegott Timm und dessen Ehefrau Johanna Juliana geb. May, geboren worden. Johanna Beate geb. Tepper war am 30 August 1849 in Konkolewo, als Tochter der Eheleute Johann Gottfried Tepper und Johanna Louise geb. Stechbart, zu Welt gekommen.

Beide hatten am 22. März 1877 in Konkolewo die Ehe geschlossen.

Während für Dienegott Timm das Todesdatum mit dem 10. Mai 1922 in den Stein eingemeißelt wurde, ist das für Johanna Beata Timm geboren Tepper aufgelassen, noch ist nicht bekannt, wann und wo sie verstorben ist.

Als Inschrift ist neben den Lebensdaten der Eheleute zu lesen : Hier ruhen in Gott uns. lieben Eltern. Gewidmet von den Kindern.

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Grabstein der Eheleute Timm - Hoffmann und Timm - Kern / Aufn. Konrad Maciejaszek - "Zakład Poprawczy w Grodzisku Wlkp."

Grabstein der Eheleute Timm – Hoffmann und Timm – Kern / Aufn. Konrad Maciejaszek – “Zakład Poprawczy w Grodzisku Wlkp.”

Ein weiterer inzwischen halbwegs identifizierter Grabstein konnte wiederum einer Familie Timm zugeordnet werden.

Jedoch konnte von den Genannten nur das Sterbedatum der Mathilde Timm geb. Hoffmann in den Standesamtsunterlagen nachvollzogen werden.

Sie war am 08. November 1866 in Boruy als Tochter des Johann Carl August Hoffmann und der Johanna Juliana Auguste geborene Kutzke geboren worden.

Zu wann sie die Ehe mit Johann Heinrich Timm einging ist nicht bekannt. 10 Kinder des Paares wurden in den Jahren 1887-1901 geboren, sodass angenommen werden kann, dass die Heirat vermutlich im oder vor dem Jahr 1886 stattgefunden hat.
Sie verstarb am 25. Juni 1902 in Albertoske im Alter von nur 35 Jahren.

Weiterhin ist auf dem Stein der Name des Johann Heinrich Timm, geboren am 12. November 1855 in Albertoske zu finden. Er war der Sohn von Johann Daniel (Taufname David) Timm und dessen Ehefrau Johanna Beate geb. Fitzner gewesen. Ein Todesdatum findet sich nicht auf dem Stein.

Auch zu Emma Timm geborene Heyn wurden keine weiteren Daten gefunden. Sie wurde, dieses ist nur eine mündliche Überlieferung, am 01. Apr 1876 in Luben Hauland geboren. Nachkommen dieser Familie sollen im Raum Bad Freienwalde gelebt haben.

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Scherben der Grabplatte der Bertha Rosenau geb. Schirmer / Aufn. Aufn. Konrad Maciejaszek - "Zakład Poprawczy w Grodzisku Wlkp."

Scherben der Grabplatte der Bertha Rosenau geb. Schirmer / Aufn. Aufn. Konrad Maciejaszek – “Zakład Poprawczy w Grodzisku Wlkp.”

Mit der aus Scherben zusammengesetzten Grabplatte, welche der Frau Eigentümerin Bertha Rosenau geb. Schirmer gewidmet war, schließen wir unseren heutigen Beitrag. Sie war als Tochter der Eheleute Johann Gottfried Schirmer und Johanna Louise geborene Labsch am 09. September 1853 in Cichagora geboren worden. Bei der Taufe wurden ihr die Vornamen Johanna Bertha Amalie beigelegt.

Am 06. Dezember 1881 hatte sie standesamtlich in Cicha Gora Johann Carl Heinrich Rosenau geheiratet.

Johanna Bertha Amalie Rosenau geb. Schirmer verstarb am 22. September 1905 in Albertoske; ihr Tod wurde dem Standesbeamten in Konkolewo von ihrem hinterlassenen Ehemann, dem Eigentümer Heinrich Rosenau angezeigt.

Der Friedhof im spätherbstlichen Licht / Aufn. PM

Der Friedhof im spätherbstlichen Licht / Aufn. PM

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt: Staatsarchiv Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) – 1.) Personenstandsunterlagen der Stadt/Gemeinden Neutomischel, Grätz, Konkolewo, Boruy

Erbbescheinigungsantrag für Nachkommen der Familien Seide/Peter – 1890

In der Geschichte des Haulandes “verlieren” sich oft Familien. Trotz intensivster Suche finden sich in vielen Fällen keinerlei Hinweise mehr auf sie. Sind alle Angehörigen verstorben ? fehlen lediglich die Eintragungen in den Personenstandsunterlagen ? gab es nur weibliche Nachfahren, die durch Heirat den Familiennamen nicht weiterführten ?, oder sind Familienmitglieder einfach “nur” abgewandert ? wenn ja, wohin ?

In einigen Fällen hilft dann nur noch der Zufall um die Spuren weiter verfolgen zu können, so auch im Fall der Familienmitglieder Peter.

Am 11. Januar 1890 erschienen vor dem in Neutomischel wohnhaften Notar im Bezirke des Königlichen Oberlandesgerichts zu Posen, Herrn Adalbert Bartecki, die Louise Ernestine Jäger geborene Peter und deren Ehemann. Sie beantragten die Ausstellung einer Erbbescheinigung; hierzu erklärten sie wie folgt:

Die genannten Familienangehörigen Seide und Peter / Zusammenstellung GT

Die genannten Familienangehörigen Seide und Peter / Zusammenstellung GT

“A) Am neunten August des Jahres eintausend achthundert sechsundsechzig (09. August 1866) verstarb im Lazarett zu Posen ohne Errichtung einer letztwilligen Verordnung und unerwartet der Handwerker und Soldat Johann Gottfried Seide und hat zu seiner alleinigen gesetzlichen Erbin seine Mutter, die Wittwe Anna Christina Seide geborene Peter zu Glinau, Kreis Neutomischel, hinterlassen

B) Am fünfzehnten Juni des Jahres eintausend achthundert siebenundsiebenzig (15 Juni 1877) verstarb zu Glinau der frühere Eigenthümer Johann Christian Seide ohne Errichtung einer letztwilligen Verordnung und ohne Hinterlassung eines Testamentes. Derselbe lebte mit der gegenwärtig in Neutomischel wohnhaften Wittwe Amalie Seide in erster Ehe und Gütergemeinschaft und hat außer derselben zu seiner alleinigen gesetzlichen Erbin seine Mutter, die Wittwe Anna Christina Seide geborene Peter in Glinau hinterlassen.

C) Demnächst verstarb am sechsundzwanzigsten Juni des Jahres eintausend und achthundert neunundachtzig (26. Juni 1889) zu Glinau ohne Errichtung einer letztwilligen Verordnung die Ausgedingerwittwe Anna Christina Seide geborene Peter und hat zu ihren alleinigen gesetzlichen Erben die Kinder ihrer vor ihr verstorbenen, mit dem in Neutomischel wohnhaften Districtsboten Johann Gottfried Peter, verehelicht gewesenen Tochter Juliane Peter geborene Seide hinterlassen, nämlich:

Johann Gottfried Peter, Schuhmacher in Giebichenstein an der Saale

Gustav Heinrich Peter, Arbeiter in Goslar am Harz

Ernestine Louise Peter, jetzt verehelichte Arbeiter Jäger in Neutomischel

Wir versichern hiermit an Eides statt, daß uns andere gleich nahe oder nähere Erben nach den zu A,B, und C angegebenen Erblassern nicht bekannt sind, wir auch nicht wissen, dass die genannten drei Erblasser eine letztwillige Verordnung hinterlassen haben. Wir beantragen Ausstellung einer Erbbescheinigung … ”

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt:Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/- 1.) Akten des Notar Bartecki; 2.) Personenstandsunterlagen der Stadt/Gemeinde Neutomischel

 

Kurzmitteilung – Das Wetter vom 05. Dezember 1913

Boruy_Kornblumen-1Als eine Abnormität der Jahreszeit wird uns mitgeteilt, daß auf dem Acker des Eigentümers Karl Welke in Alt Borui Kornblumen blühen.

Die lang anhaltende milde Witterung in diesem Herbste hat schon manche Naturseltenheit hervorgebracht.

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1913/12/05; Collage: Kartenausschnitt (http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80); Grusskartenausschnitt; Kopie der Zeitungsmeldung

 

Gebäude der Stadt – No. 15 – Familie Pietsch / anfänglich Schneiderwerkstatt und später Kupferschmiede bis 1870

Direkter Blick auf das ehemalige Hausgrundstück No. 15 in Neu Tomysl / Aufn. PM

Direkter Blick auf das ehemalige Hausgrundstück No. 15 in Neu Tomysl / Aufn. PM

Am 13. August 1778 wurde durch Graf Feliks Szołdrski den Hauländergemeinden das Kirchenprivilegium zum Bau einer evangelischen Kirche nebst eines Pfarr- und Schulhauses und die Anlage eines Kirchenplatzes auf dem “Platz bey Pietschen Nachbar in der Glinauschen Gemeinde” erteilt.

Letztlich ist es natürlich nur Annahme, dass dieser Nachbar Pietsch, tatsächlich derjenige war, dessen Familie wir in den Kirchenbuchaufzeichnungen folgten, es spricht jedoch vieles dafür.

Zu finden sind die George Friedrich und Anna geborene Nerling(in) Pietsch‘en Eheleute. Beide waren rückgerechnet aus Altersangaben in ihren Sterbeeinträgen um 1725/1726 geboren worden. Zu wann sie sich in Glinau ansiedelten oder auch woher sie kamen ist nicht bekannt.

Erwähnt wurden sie als Nachbarn aus der Glinauschen Gemeinde. George Friedrich Pietsch war Schneidermeister und späterer Kirchenvorsteher. Verstorben sind sie, so die Toteneintragungen im Kirchenbuch, in den Jahren 1797 und 1799 “allhier”, welches gleichzusetzen ist mit der in den Jahren 1786-1788 gegründeten Stadt Neutomischel.

Weiterhin ist in den Aufzeichnungen der Eheschließungen aus dem Jahr 1785 nachfolgender Eintrag zu finden: “ Johann George Pietsch, juvenis, ein Schneider u. Eigenthümer auf dem Kirchen Platze, George Friedrich Pietsch, Nachbar in der Glinauschen Gemeine und Kirchenvorstehers, jüngster Sohn, mit Jungfer Maria Elisabeth Kliemin, Mstr. Gottfried Kliems, Eigenthümers und Windmüllers auf dem Kirchen Platze älteste Tochter. Copul. d. 18 October”.

Johann George Pietsch, Sohn von George Friedrich Pietsch und seiner Ehefrau Anna geb. Nerling war vermutlich um das Jahr 1753 geboren worden, sein Geburtsort konnte nicht ermittelt werden. Er und seine Ehefrau Maria Elisabeth geborene Kliem haben jedoch als Unverheiratete den Kirchenbau und in den ersten 2 Jahren nach ihrer Eheschließung die Stadtgründung miterlebt.

Kupferschmiede im Museumsdorf Cloppenburg Die alten Handwerksgeräte bestimmen die Einrichtung. Die ältesten Geräte stammen aus der Zeit um 1850 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kupferschmiede_-_Coppersmithy_-_Museumsdorf_Cloppenburg_-_Open_air_museum_Cloppenburg.jpg / Aufn. Heinz-Josef Lücking

Kupferschmiede im Museumsdorf Cloppenburg Die alten Handwerksgeräte bestimmen die Einrichtung. Die ältesten Geräte stammen aus der Zeit um 1850
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kupferschmiede_-_Coppersmithy_-_Museumsdorf_Cloppenburg_-_Open_air_museum_Cloppenburg.jpg / Aufn.
Heinz-Josef Lücking

Ob es mit der Stadtgründung zu einer Neuordnung “alter” Grundstücke gekommen ist, oder ob die vorhandenen lediglich dem Areal der Stadt zugeschlagen wurden, ist ein weiterer Punkt, der bis heute nicht geklärt werden konnte. Angenommen wurde, dass das ehemalige Grundstück der Familie Pietsch in Glinau zum Grundstück Neu Tomysl No. 15 am Alten Markt bzw. dem Kirchenringe wurde.

Die Daten der Gebäude, die in der seitens der Provinzial Feuerversicherung angefertigten Beschreibung aus dem Jahr 1836 für den Besitzer Wilhelm Pietsch festgehalten wurden, wiesen für diese ein Alter von 30 Jahren aus; als Baujahr ist also das Jahr 1806 anzunehmen.

Zugrunde gelegt wurde, dass der genannte Besitzer Wilhelm Pietsch der im Januar 1803 geborene Sohn o. g. Eheleute Pietsch/Kliem ist, welche anhand des Errichtungsdatums der Gebäude auch als deren Erbauer gelten; getauft wurde er auf den vollen Namen Johann Wilhelm Friedrich Pietsch.

Wilhelm Pietsch hatte sich 1828 mit der im Jahr 1807 geborenen Johanna Rosina Maennel, einer Tochter des Kaufmanns und Eisenhändlers Carl Maennel und dessen Ehefrau Anna Rosina geb. Kannewischer, vermählt. Die Eheleute Pietsch/Maennel waren Bürger, Wilhelm zudem Kupferschmied, in der Stadt Neu Tomysl.

Das 1836 beschriebene Wohnhaus war 48 Fuß lang, 29 Fuß breit und 7 Fuß hoch (ca. 14,60×8,80×2,10m). Die äußeren Bohlenwände waren mit Lehm verputzt gewesen, während die inneren Wände aus kiefernem Fachwerk, welches mit Lehm ausgeklebt gewesen war, bestanden haben. Das Haus hatte über einen stehenden Dachstuhl mit einem Erker verfügt. Gesondert wurden 2 gläserne Dachfenster erwähnt. Beim Bau des Schornsteins war darauf geachtet worden, das dieser nicht in Berührung mit hölzernen Wänden kam. Über 2 Flure waren 4 Stuben, 1 Stubenkammer, 2 Dachstuben und 1 Rauchkammer zu erreichen gewesen. Die Räume hatten über 13 Türen, welche sie miteinander verbunden hatten, verfügt. Licht kam durch 8 zweiflügelige Fenster ins Haus. Mit 2 im Haus befindlichen “Ofen aus Kacheln” konnte das Haus beheizt werden.

Im Gebäude wurde, so der Vermerk des Versicherungsbevollmächtigen, die “Kupferschmiede Profession” betrieben. Diese Aussage erhärtet nochmals die Annahme, dass es sich bei dem Besitzer um Johann Wilhelm Friedrich Pietsch gehandelt hat, er galt als Kupferschmied in der Stadt.

Über einen Torweg konnte das Grundstück vermutlich auch mit einem Pferdefuhrwerk befahren werden. Durch diesen war der Stall, 76 Fuß lang, 19 1/2 Fuß breit und 7 Fuß hoch (ca. 23,10×5,90×2,13), der sich an den hinteren Teil des Wohngebäudes anschloss, zu erreichen gewesen. In dem aus Bohlwerk errichten Gebäude waren unter anderen 1 Pferdestall, der 5 Pferde beherbergen konnte und 2 Ställe für 12 Stück Rindvieh untergebracht gewesen.

Das Gebäude auf dem Hausgrundstück No. 15 links neben dem ehemaligen Hotel Hopfenkranz / Ansichtskarte aus der Sammlung Wojtek Szkudlarski

Das Gebäude auf dem Hausgrundstück No. 15 links neben dem ehemaligen Hotel Hopfenkranz / Ansichtskarte aus der Sammlung Wojtek Szkudlarski

Die großen Ställe lassen vermuten, dass außer dem Ehepaar Pietsch noch weitere Personen im Haus gelebt haben, hierzu wurden allerdings keine Aufzeichnungen gefunden.

Alles in allem, trotz erwähnter “etwas verwitterter” äußerer Wände, trotz “etwas verfaulter” Holzwände und Ecken am Erker, trotz “etwas ausgetretener” Lehmfußböden, trotz nur zur “Hälfte guter Schindeln” auf den Dächern galten die Bauten als “noch dauerhaft“.

Insgesamt wurden in den Kirchenbuchaufzeichnungen 8 geborene Kinder von Johann Wilhelm Pietsch und der Johanna Rosina geborene Maennel gefunden. Krankheiten wie Ruhr, Stickfluss und Scharlach ließen vermutlich nur den in den Eintragungen gefundenen, im Jahr 1842 geborenen Sohn, Emil Gustav überleben. Er ist in Kirchenbuchaufzeichnung in späterer Zeit wiederum als Kupferschmied zu finden. Weiterhin kann er als Folgebesitzer des Hausgrundstücks Neu Tomysl No. 15 angenommen werden ehe dieses um 1870 mit neuen Besitzern Erwähnung findet.

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Quellen soweit nicht direkt im Text oder in der Bildbeschreibung genannt:
Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/):
Stadtakten / Beschreibung sämtlicher Gebäude in der Stadt Neu Tomysl
Kirchenbücher der evangelischen Gemeinde Neu Tomysl

 

Das Kirchhofgespenst zu Grzebienisko/Kammthal – Sagen und Märchen

Grzebienisko/Kammthal - Bild Katze: Brehms Tierleben - Seite 442 - www.BioLib.de - ttp://caliban.mpipz.mpg.de/brehm/band1/high/IMG_6595.html u. Karte: http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80 hier 3565
Grzebienisko/Kammthal – Bild Katze: Brehms Tierleben – Seite 442 – www.BioLib.de – ttp://caliban.mpipz.mpg.de/brehm/band1/high/IMG_6595.html u. Karte: http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80 hier 3565

In Grzebienisko / Kammthal lebte einst ein Mädchen, welches sich durch besondere Furchtlosigkeit auszeichnete.

Wenn sie im Winter eine Spinnstube besuchte, ging sie, um sich den Weg abzukürzen, stets hin und zurück, auch in dunkler Nacht, über den Kirchhofe. Die Leute warnten sie häufig davor, weil auf dem Kirchhofe ein Gespenst umging, das denen, die es antraf, Schaden zufügte. Als sie nun wieder einmal in einer hellen Mondnacht trotz der Warnungen über den Kirchhofe ging, sah sie auf einem Grabstein, an welchem sie vorübergehen musste, eine weiße Gestalt sitzen.

Trotzdem ging sie furchtlos weiter. Als sie aber zu dem Grabstein kam, erhob sich das Gespenst und wollte sie ergreifen. Doch die Jungfrau wehrte sich und versetzte ihm mit der Kunkel einen Schlag auf den Kopf. Das Gespenst tat darauf einen lauten Schrei und verschwand, worauf das Mädchen ungehindert seinen Wege fortsetzte.

Seitdem ließ sich das Gespenst nicht mehr sehen, wohl aber zeigt sich auf dem Kirchhofe ein weißes Kätzchen, das auch bei Tage gewöhnlich auf dem Grabe liegt, an welchem das Mädchen mit dem Gespenst zusammengetroffen war.

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Quelle: Aus dem Posener Land – Dritter Jahrgang 1908 – Erstes April Heft – veröffentlicht über die Großpolnische Digitale Bibliothek: http://www.wbc.poznan.pl/dlibra

Verzeichnis der bei dem königlichen Land und Stadtgericht zu Grätz in dem Jahre 1837 eingeleiteten Criminal Untersuchungen

Schwarzer Zweispitz für Zivilbeamte, Post- oder Forstbeamte, mit preußischer Kokarde. Auf den Wappenknopf ist der preußische Adler unter einer Krone dargestellt - Bild: Museum Weißenfels - Schloss Neu-Augustusburg http://www.museum-digital.de/san/index.php?t=objekt&oges=11369

Schwarzer Zweispitz für Zivilbeamte, Post- oder Forstbeamte, mit preußischer Kokarde. Auf den Wappenknopf ist der preußische Adler unter einer Krone dargestellt – Bild:
Museum Weißenfels – Schloss Neu-Augustusburg
http://www.museum-digital.de/san/index.php?t=objekt&oges=11369

Nachstehend geben wir das Verzeichnis der im Jahr 1837 durchgeführten Untersuchungen und Verurteilungen bei dem Königlichen Stadtgericht in Grätz wieder.

Wir wissen keine Einzelheiten über die Vergehen der Genannten; von keiner der Gerichtsakten war zum Zeitpunkt dieses Beitrages ein Aufbewahrungsort bekannt.

Einerseits erfolgten “völlige” und “vorläufige” Freisprüche, andererseits wurden Gefängnis- und Zuchthausstrafen verhängt. Ebenfalls sind Urteile zur Züchtigung mit Peitschenhieben und Stockschlägen, zum Teil in großer Zahl, gesprochen worden; selten findet sich, dass diese in mäßiger Form ausgeführt werden sollten. Neben den genannten Strafen kam es bei Männern zum Verlust des Rechts die National Kokarde u. ä. Abzeichen zu tragen; erstere symbolisierte als äußeres Kennzeichen die “herzerhebende allgemeine Aeußerung treuer Vaterlandsliebe”, welche dem Verurteilten durch die begangene Straftat abgesprochen wurde.

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Nro. Vor- und Zuname, Stand und Wohnort des Angeschuldigten Gegenstand der Untersuchung Alter Wie erkannt worden
1 Dienstjunge Christian Bzdrega und Josephine verehelichte Lode zu Neu Bolewice Diebstahl Die Angeschuldigten sind außerordentlich mit vierwöchentlichem Zuchthaus bestraft. Bzdrega auch des Rechts, die preußische National Kokarde zu tragen für verlustig erklärt
2 Schuhmacher Joseph Bolinski zu Doktorowo körperliche Verletzung 40 Jahre Inculpat ist mit einer dreimonatlichen Gefängnißstrafe belegt
3 Knecht Stephan Bielawy zu Bukowice Diebstahl 41 Jahre Inculpat ist völlig freigesprochen
4 Dienstmädchen Marianna Bakalska zu Neustadt Diebstahl 16 Jahre Inculpat ist völlig freigesprochen
5 Tagelöhner Johann Bodanski, Andreas Skwierzynski, Jacob Kusparck alias Kasder, Elisabeth Wierkiewicz zu Opalenica Diebstahl 25 Jahre Inculpat ad 1 et 3 sind ein jeder mit einer Züchtigung von vierzig Hieben in zwei Raten und zweijähriger Zuchthausstrafe, Inculpat ad 2 außerordentlich mit zwei und ein halbjähriger Zuchthausstrafe belegt. Inculpatin ad. 4 dagegen freigesprochen
6 Knecht Jacob Banaszkiewicz und Knecht Andreas Blaschke zu Sielinko Diebstahl 32 Jahre Inculpat ad 1 ist ordenlich mit dem Verluste der National Kokarde, und einer sechswöchentlichen Gefängnißstrafe nebst 15 Peitschenhieben betraft. Inculpat ad 2 hingegen ordentlich mit dem Verluste des National Militairabzeichens, oder Landwehrkreuzes, und der Nationalkokarde mit Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes, sowie mit fünfzehn Stockhieben und einer sechswöchentlichen Einstellug bei einer Garnison Kompaguie bestraft
7 Knecht Woyciech Bartkowiak und Dienstknecht Matheus Maydziak zu Konin körperliche Verletzung 20 Jahre Jeder der Angeschuldigten ist mit einer zweijährigen Zuchthausstrafe bestraft
8 Wirth Woyciech Babelek zu Wytomysl Veruntreuung 37 Jahre noch nicht erkannt
9 Dienstknecht Andreas Bialy und Peter Haumla zu Michorzewo Verwandten Mord 20 + 23 Jahre noch nicht erkannt
10 Schullehrer Cichocki zu Woznik gefährliche Verletzung 32 Jahre der Angeschuldigte ist vorläufig freigesprochen
11 Pferdeknecht Matheus Cinski zu Linde Diebstahl 30 Jahre Inculpat ist ordentlich mit zehn Peitschenhieben und Verlust der Nationalkokarde bestraft
12 unverhelichte Pauline Drescher und Rathmann Jacob Roestel zu Neutomysl falsche Denunciation 17 Jahre die Angeschuldigten sind völlig freigesprochen
13 Tagelöhner Andreas Drazkiewicz und verehel. Franz Drazkiewicz zu Opalenica Diebstahl 18 Jahre die Angeschuldigten sind vorläufig freigesprochen
14 Einlieger Gottfried Dober zu Alexandrowo Diebstahl 31 Jahre Inculpat mit einer achttägigen Gefängnißstrafe und Verlust der Nationalkokarde bestraft
15 Marianna verwittwete Fornalik und Knecht Jacob Fornalik zu Czarkow Diebstahl 64 Jahre Inculpatin ad 1 ist vorläufig freigesprochen. Coinculpat ist außerordentlich mit einer dreiwöchentlichen Gefängnißstrafe belegt, und des Rechts, die National Kokarde zu tragen für verlustig erklärt
16 Tagelöhner Jacob Crzesko zu Neustadt Diebstahl 33 Jahre Inculpat ist vorläufig freigesprochen
17 Schuhmacher Garczynski’schen Eheleute zu Graetz Diebstahl 30 Jahre Inculpat ist völlig , Coinculpatin vorläufig freigesprochen
18 Gebrüder Günther zu Neustadt Diebstahl 28 Jahre Jeder der Inculpaten ist mit Verlut des Rechts, die Preußische National Kokarde zu tragen und dreißig Peitschenhieben bestraft
19 Nachtwächter Günther zu Neustadt Diebstahl 29 Jahre Inculpat ist des Rechts, die Preußische Nationalkokarde zu tragen und einer vierzehntägigen Gefängnißstrafe außerordentlich bestraft
20 Tagelöhner Gottlieb Günther zu Cichagora Diebstahl 22 Jahre Inculpat ist mit Verlust der Preußischen Nationalkokarde uns einer körperlichen Züchtigung von dreißig Peitschenhieben bestraft
21 Fleischergeselle Carl Geltner zu Neustadt Diebstahl 23 Jahre Inculpat ist unter Versetzung in die 2te Klasse des Soldatenstandes mit dem Verlust des Militairabzeichens, des Landwehrkreuzes und der Nationalkokarde, mit einer dreimonatlichen Einstellung in die Strafsektion einer Garnison Kompaguie bestraft
22 Tagelöhner Gottlieb Gärtner und Veronica verhelichte Gaertner geborene Kurzmann zu Opalenica Diebstahl 22 Jahre Inculpat ist mit Verlust des Rechts, die Preußische National Kokarde zu tragen, fünfzehn Peitschenhieben, einer einjährigen Zuchthausstrafe, oder im Falle er nicht züchtigungsfähig mit einer dreimonatlichen Zuchthausstrafe und Detention bis zum Nachweis des ehrlichen Erwerbes bestraft. Coinculpation ebenfalls mit einer dreizehnmonatlichen Zuchthausstrafe und Detention bis zum Nachweis des ehrlichen Erwerbes.
23 Tagelöhner Franz Gorka und Tagelöhner Woyciech Osses zu Grossdorff Diebstahl 45 Jahre Inculpat ist mit einer zwei und einhalbjährigen Einstellung in die Strafsektion einer Garnison Kompaguie bestraft. Coinculpat ist mit einer zwei und einhalbjährigen Zuchthausstrafe und einer körperlichen Züchtigung von 60 Peitschenhieben in drei Raten belegt.
24 Tagelöhner Wacarzyn Gwarny zu Buk Diebstahl 40 Jahre Inculpat ist vorläufig freigesprochen
25 Tagelöhner George Hahnefeld, Johann Knoll, Dorothea Elisabeth verehl. Knoll zu Neustadt Diebstahl 28 Jahre Inculpaten ad 1 et 2 sind ein jeder mit einer 15 monatlichen Einsperrung in einer strengen Besserungsanstalt bestraft, sind auch aus derselben nicht eher zu entlassen, als bis sie nachgewiesen, wie und auf welche Weise sie künftig sich zu ernähren im Stande sind, auch des Rechts die Nationalkokarde zu tragen für verlustig erklärt. Die Angeschuldigte ad 3 ist freigesprochen
26 Knecht Johann Gottfried Heinrich und Johann Gottfried Schmeiss zu Neutomysl Straßen Raub 29 Jahre ist noch nicht erkannt
27 Gebrüder Jadwiczak, a. Wawrzyn, b. Anton, c. Bartholomeus, d. Adam aus Wytomysl grobe Realinjurie (körperliche Beleidigung) 22 Jahre noch nicht erkannt
28 Dienstmagd Rosina Kunstmann zu Neu Jastrzembske Betrug 27 Jahre Inculpatin ist mit einer achttägigen Gefängnißstrafe bestraft
29 Catharina verehelichte Kloy zu Wysoczka tödtliche Verletzung aus Fahrlässigkeit 23 Jahre Inculpatin ist mit einer vierwöchentlichen Gefängnißstrafe belegt
30 Einlieger Valentin Kruczynski zu Zborowko Diebstahl 48 Jahre der Angeschuldigte ist mit zehn Peitschenhieben, welchen im Fall der Nichtzüchtigungsfähigkeit einer Gefängnißstrafe von 8 Tagen substituiert und mit Verlust der Nationalkokarde bestraft
31 Exekutor Krüger zu Grätz und Eduard Krüger zu Neustadt Defekte 54 Jahre noch nicht erkannt
32 Wirth Bartholomeus Kosciusko und Johann Slecki zu Woznik Holzdiebstahl 40 Jahre vorläufig freigesprochen
33 Einlieger Michael Krawiec zu Niegolewo Diebstahl 44 Jahre Inculpat ist mit einer vierundzwanzig stündigen Gefängnißstrafe bestraft, ihm auch die Nationalkokarde abgesprochen
34 Theodor Kasparek zu Graetz Diebstahl 15 Jahre Inculpat ist ordentlich mit fünfzehn Peitschenhieben, oder im Fall der Nichtzüchtigungsfähigkeit mit einer vierzehntägigen Gefängnißstrafe belegt, auch die Nationalkokarde abgesprochen
35 Elisabeth verwittwete Kluge zu Neustadt Diebstahl 26 Jahre Inculpatin ist meiner achttägigen Gefängnißstrafe belegt
26 Marianna Kubiak aus Dobra Diebstahl 42 Jahre Inculpatin ist meiner einer dreitägigen Gefängnisstrafe belegt
37 Kommissarius Kostecki und Waldwärter Alexius Szukowski zu Possadowe Betrug 38 Jahre noch nicht erkannt
38 Böttcher Valentin Karaszkiewicz zu Grätz körperliche Verletzung 42 Jahre der Angeschuldigte ist mit einer zweimonatlichen Gefängnißstrafe außerordentlich bestraft
39 Wirthe, Gebrüder Anton und Woyciech Kucz zu Alt Tomysl gefährliche Verletzung 27 Jahre Inculpaten sind ein jeder mit zwei Jahren und drei Monaten Festungsstrafe, und Einstellung in die Strafsektion einer Garnison Kompaguie bestraft
40 Bürger Valentin Karaszkiewicz zu Grätz gefährliche Verletzung 39 Jahre Der Angeschuldigte ist mit einer achttägigen Gefängnißstrafe belegt
41 Dienstmädchen Regina Kaczmarek zu Neustadt Diebstahl 20 Jahre Inculpatin mit einer sechswöchentlichen Gefängnißstrafe belegt
42 unverehelichte Marianna Kupczonka zu Bolewice Diebstahl 25 Jahre Inculpatin ist ordentlich mit einer sechs wöchentlichen Gefängnißstrafe belegt
43 Eigenthümer Johann Gottfried Kliche zu Sontop Diebstahl 36 Jahre Inculpat ist mit Verlust des Nationsabzeichens oder Landwehrkreuzes und der Nationalkokarde, Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes und fünfzehn Stockhieben, welchen im Fall der Nichtzüchtigungsfähigkeit einer achttägigen Gefängnißstrafe substituiert, bestraft
44 Einwohner Szymon Kazmierczak zu Lissowko Diebstahl 27 Jahre der Angeschuldigte ist vorläufig freigesprochen
45 Eigenthümer Christian Lange zu Albertoske Fahrlässigkeit 19 Jahre freigesprochen
46 Josepha verehelichte Labecka zu Grätz Diebstahl 30 Jahre Inculpation ist mit einer sechswöchentlichen Gefängnisstrafe belegt
47 Amtmann Stanislaus Labecki zu Rose Diebstahl 38 Jahre Inculpat ist außerordentlich mit einer Gefängnisstrafe von 4 Wochen belegt und des Rechts die National Kokarde zu tragen für verlustig erklärt
48 Schmiedelehrling Johann Lange zu Woynowice Diebstahl 23 Jahre Inculapat ist mit Verlust des Rechts die Preußische National Kokarde zu tragen, mit 15 Peitschenhieben bestraft
49 Tagelöhner Gottfried Lange zu Cichagora Diebstahl 23 Jahre Inculpat ist unter Verlust der Nationalkokarde mit einer körperlichen Züchtigung von zehn mäßigen Peitschenhieben bestraft
50 Einlieger Wawrzyn Langa zu Grablewo Diebstahl 30 Jahre Inculpat ist ordentlich unter Versetzung in die 2te Klasse des Soldatenstandes, mit dem Verluste des Rechts, die Nationalkokarde, oder das Militairabzeichen zu tragen, demnächst mit zwanzig Stockschlägen und einer einjährigen Einstellung in eine Strafsektion bestraft, und aus derselben nicht eher zu entlassen bis er nachgewiesen hat, das und wie er sich künftig auf ehrliche Art zu ernähren im Stande ist
51 Einwohner Jacob Licinski und Tagelöhner Gottlieb Hänelt zur Groß Lipker Hauland Diebstahl 27 Jahre noch nicht erkannt
52 Tagearbeiter Johann Mischke zu Doktorowo gefährliche Drohung 27 Jahre Inculpat im Militairlazareth zu Thorn gestorben
53 1. Tagearbeiter Thomas Maciejek, 2. Joseph Rutkowski, 3. Paul Stachowiak, 4. Stephan Schmierzchalski zu Brody Diebstahl 34 Jahre Inculpat ad 1 ist mit 20 Peitschenhieben und einer einjährigen Zuchthausstrafe bestraft, oder im Fall der Nichtzüchtigungsfähigkeit mit dreizehn monatlicher Zuchthausstrafe; Inculpat ad 2 mit 15 Peitschenhieben, und neun monatlicher Zuchthausstrafe, oder im Fall der Nichtzüchtigungsfähigkeit mit 10 monatlicher Zuchthausstrafe; Inculpat ad 3 et 4 mit 30 Peitschenhieben in zwei Raten, und achtmonatlichem Zuchthause bestraft, oder im Falle der Nichtzüchtigungsfähigkeit mit zehnmonatlicher Zuchhausstrafe unter Verlust der Nationalkokarde
54 Bauersfrau Marianna Michalak zu Glupon fahrlässige Brandstiftung 47 Jahre völlig freigesprochen
55 Regina verehelichte Marciniak und Johanna Seidel zu Bransdorff Diebstahl 45 Jahre vorläufig freigesprochen
56 Eigenthümer Christian Minge zu Kommorower Hauland Diebstahl 55 Jahre vorläufig freigesprochen
57 Eigenthümer Franz Majerowicz zu Turkowo Diebstahl 36 Jahre Inculpat ist ordentlich mit Versetzung in die 2te Klasse des Soldatenstandes mit dem Verluste des Landwehrkreuzes oder Nationalmilitairabzeichens und der Nationalkokarde zu fünfzehnmonatlicher Einstellung in eine Festungsstrafsektion bestraft
58 unverehel. Theresia Marcinkowska zu Grätz Diebstahl 20 Jahre Inculpatin ist mit einer vierzehntägigen Gefängnißstrafe bestraft
59 Dienstknecht Christoph Müller zu Alt Dombrowo Diebstahl 20 Jahre noch nicht erkannt
60 Zimmermann Johann Michalski zu Possadowo Diebstahl 53 Jahre noch nicht erkannt
61 Krüger Johann Nawrocki zu Kurowo Diebstahl 30 Jahre Der Angeschuldigte ist mit dem Verlust der Nationalkokarde und einer achttägigen Gefängnisstrage belegt
62 Wirth Andreas Nowicki zu Otusz körperliche Verletzung 34 Jahre Der Angeschuldigte ist mit einer sechsmonatlichen Einstellung in eine Strafsektion außerordentlich bestraft
63 Knecht Woyciech Osses zu Otusz Diebstahl 22 Jahre Inculpat ist mit zwanzig Peitschenhieben und einer vierwöchentlichen Gefängnißstrafe bestraft
64 Hausmann Friedrich Otter und Ferdinand Kobling zu Swiechocin Diebstahl 43 Jahre noch nicht erkannt
65 Tagelöhner Johann Przydanek und Tagelöhner Thomas Nowak zu Zborowo Betrug 24 Jahre vorläufig freigesprochen
66 Dienstknecht Andreas Patan und Andreas Cieplak zu Brody Diebstahl 19 Jahre Inculpat außerordentlich mit einer achttägigen Gefängnisstrafe belegt, demselben auch das Recht abgesprochen die National Kokarde zu tragen, Coinculpat hingegen vorläufig freigesprochen
67 Einwohner Clemens Paulewicz zu Neustadt Verdacht eines Diebstahls 38 Jahre freigesprochen
68 Bettlerin Catharina Perkowska zu Plaszkowo Diebstahl 71 Jahre Der Angeschuldigte ist mit einer Gefängnißstrafe von acht Tagen belegt
69 Kuhhirte Jacob Pawlowicz zu Lubocin Diebstahl 66 Jahre Der Angeschuldigte ist unter Verlust des Rechts die National Kokarde zu tragen, mit einer achttägigen Gefängnißstrafe belegt
70 Wirth Bartholomeus Pfeiffer zu Porazyn; b. Dienstjunge Michael Bozowski zu Lassowko; c. Einwohnerin Elisabeth Wierkiewicz zu Opalenica; d. Tagelöhner Christian Gröger zu Paprotsch; e. Jude Fabisch Keil zu Opalenica Diebstahl und Ankauf gestohlener Sachen 42 Jahre Inculpat ad 1 ist ordentlich unter Versetzung in die 2te Klasse des Soldatenstande mit dem Verluste der Nationalkokarde, des Landwehrkreuzes und Militairabzeichens und 30 Stockhieben, welche im Fall der Züchtigungsunfähigkeit drei Monate Einstellung in eine Strafsektion substituirt, und mit einer 8 monatlichen Einstellung in eine Strafsektion bestraft. Inculpat ad 2 außerordentlich mit dem Verlust der Nationalkokarde, einer körperlichen Züchtigung von 40 Peitschenhieben in zwei und den andern Tage aufeinander folgenden Raten, welchen im Fall der Nichtzüchtigungsfähigkeit eine 6 monatliche Zuchthausstrafe substituiert, und mit einer einjährigen Einsperrung in eine Besserungsanstalt belegt, auch aus derselben nicht eher zu entlassen, als bis er nachgewiesen, daß und wie er sich künftig auf ehrliche Art zu ernähren im Stande. Inculpat ad 4. außerordentlich mit dem Verluste der Nationalkokarde, einer körperlichen Züchtigung von 60 Peitschenhieben in drei um den anderen Tag aufeinander folgenden Raten, welchen im Fall der Züchtigunsunfähigkeit ein sechsmonatliche Zuchthausstrafe substituirt und mit einer dreijährigen Einsperrung in einer strengen Besserungsanstalt belegt, derselbe auch daraus nicht eher zu entlassen, bis er nachgewiesen, daß und wie er sich künftig auf ehrliche Art zu ernähren im Stande. Inculpatin ad 3 ist vorläufig und der ad 5. völlig freigesprochen
71 Einwohner Dienegott Pflaum zu Paprotsch körperliche Verletzung 26 Jahre Der Angeschuldigte ist außerordentlich mit einer zweimonatlichen Zuchthausstrafe belegt
72 Knecht Martin Patan und dessen Ehefrau Magdalena zu Brody Betrug 50 Jahre Der Angeschuldigte ist ordentlich mit dem Verlust der Nationalkokarde und mit einer Geldbuße von Zwei Thaler, oder im Unvermögensfall mit einer dreitägigen Gefängnisstrafe belegt. Die Mitangeschuldigte ordentlich mit einer Geldstrafe von Zwanzig Silbergroschen oder einer Gefängnisstrafe von zwei Tagen bestraft
73 Tagelöhner Peter Pawlik zu Gronsko Diebstahl 32 Jahre noch nicht erkannt
74 August Pierzchalski; Matheus Zygmanski; Stephan Zygmanski; Andreas Nowicki zu Otusz Diebstahl 26 Jahre noch nicht erkannt
75 Einwohner Johann Polusik zu Brzosie Diebstahl 43 Jahre noch nicht erkannt
76 Regine verehelichte Roszyk zu Lagwy Tödtung aus Fahrläßigkeit 26 Jahre der Angeschuldigte ist mit einer vierwöchentlichen Gefängnißstrafe belegt
77 Einwohner Simon Ratayczak zu Gronsko körperliche Verletzung 18 Jahre Der Angeschuldigte ist mit einer Gefängnißstrafe von zwei Monaten außerordentlich bestraft
78 Dienstjunge Anton Ruciak zu Turkowo Diebstahl 16 Jahre Der Angeschuldigte ist mit dem Verlust der Nationalkokarde außerordentlich zu einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten verurtheilt
79 Probst Rebelski zu Wytomysl Betrug 70 Jahre noch nicht erkannt
80 Tagearbeiter Traugott Roesler zu Kapunke körperliche Verletzung 36 Jahre noch nicht erkannt
81 Bauersfrau Catharina Schmierzchala zu Brodki Diebstahl 30 Jahre Inculpatin ist mit einer achttägigen Gefängnißstrafe belegt
82 Anna Dorothea Sauer geborene Kochanke zu Wengelner Hauland Bigamie 34 Jahre Inculpatin ist zu einer dreijährigen Zuchthausstrafe verurtheilt
83 Stubenmalerlehrbursche Wilhelm Schmidt zu Neustadt Diebstahl 21 Jahre Inculpat ist mit einer körperlichen Züchtigung von 20 Peitschenhieben und einer einjährigen Einsperrung in eine Besserungs Anstalt bis zum Nachweise des ehrlichen Erwerbes belegt, und des Rechts die Nationalkokarde zu tragen, verlustig erklärt
84 Schulknabe Johann Carl Schulz zu Neutomysl Diebstahl 14 Jahre vorläufig freigesprochen
85 Eigenthümer Valentin Swoboda zu Wasowo Diebstahl 34 Jahre vorläufig freigesprochen
86 Wirthschaftsinspektor Emanuel Ferdinand Seidel zu Neustadt a/W Betrug 43 Jahre noch nicht erkannt
87 Tagearbeiter Valentin Siebert und Gottlob Pohl zu Doktorowo Betrug 39 Jahre Jeder der Inculpaten ist ordentlich mit einer Geldbuße von Acht Silbergroschen, welchen im Unvermögensfall eine Gefängnißstrafe von Zwölf Stunden subtituirt, bestraft, auch des Rechts die National Kokarde zu tragen für verlustig erlärt
88 Wirth Thomas Sobkowiak zu Niegolewo Verführung zur Unzucht 28 Jahre Der Angeschuldigte ist mit 6 Monaten Zuchthaus bestraft
89 Leinweber Jacob Stankowski zu Opalenica Diebstahl 49 Jahre Inculpat ist mit achttägigem Gefängniß außerordentlich bestraft, und des Rechts, die Preußische National Kokarde zu tragen für verlustig erklärt
90 unverehelichte Susanna Schonert zu Doktorowo Diebstahl 23 Jahre Inculpatin ist zu einer viermonatlichen Gefängnisstrafe verurtheilt
91 Maurergeselle Gottlob Schulz zu Niegolewo Diebstahl 17 Jahre Inculpat ist mit dem Verlust des Rechts die National Kokarde zu tragen, mit einer körperlichen Züchtigung von sieben mäßigen Peitschenhieben bestraft
92 Tagelöhner Joseph Schmialek zu Ruchocice Diebstahl 35 Jahre Inculpat ist des Rechts die Nationakokarde, das Nationalmilitairabzeichen oder das Landwehrkreuz tragen zu dürfen für verlustig erklärt, und unter Versetzung in die 2te Klasse des Soldatenstandes mit 10 Stockschlägen bestraft
93 unverehel. Anastasia Schumann zu Neustadt Diebstahl 24 Jahre noch nicht erkannt
94 unverehel. Susanna Sydow zu Grätz Winkelhurerei 22 Jahre Inculpatin ist zu einer zweimonatlichen Zuchthausstrafe bestraft
95 Julie verhel. Tagearbeiter Schiller zu Neu Boruy Diebstahl 53 Jahre Inculpatin ist mit einer achttägigen Gefängnißstrafe belegt
96 Christine verehelichte Schmidt zu Bonkowo Diebstahl 28 Jahre noch nicht erkannt
97 Knecht Michael Sloma zu Sliwno Diebstahl 23 Jahre noch nicht erkannt
98 Einwohner Christian Steg; Gottfried Steg, Christian Müller zu Neu Jastrzembnik Diebstahl 40 Jahre noch nicht erkannt
99 Knecht Woyciech Tomala zu Jastrzembnik Diebstahl 30 Jahre vorläufig freigesprochen
100 Einwohner Joseph Taberski zu Krysnica Meseritzer Kreises Diebstahl 32 jahre noch nicht erkannt
101 Roch Tuliszka zu Buk Diebstahl 23 Jahre noch nicht erkannt
102 Bäckermeister Tietz zu Dusznik Diebstahl 27 Jahre noch nicht erkannt
103 Knecht Paul Weinert und Philipp Napierala zu Niewierze Diebstahl 40 Jahre Inculpat ist völlig freigesprochen; Coinculpat hingegen ordentlich mit dem Verlust der National Kokarde und 20 Peitschenhieben bestraft
104 Marianna Wierkiewicz und Martin Sobota zu Opalenica Diebstahl 20 Jahre Inculpatin ist außerordentlich mit einer vierwöchentlichen Gefängnißstrafe; Coinculpat außerordentlich mit dem Verlust der National Kokarde und einer achttägigen Gefängnißstrafe bestraft
105 Wirh Matheus Werzahl zu Gnin Pferdediebstahl 36 Jahre noch nicht erkannt
106 Eigenthümer George Friedrich Wittchen zu Paprotsch Holzdiebstahl 48 Jahre vorläufig freigesprochen
107 Eigenthümer Joseph Weymann und Eigenthümer Joseph Gorzalski zu Terespotocka Hauland Holzdiebstahl . Inculpaten, und zwar ein jeder sind ordentlich mit einer achtwöchentlichen Strafarbeit und dem Verluste des Rechts die National Kokarde zu tragen bestaft
108 Knecht Woyciech Wachowiak zu Urbanowo Diebstahl 20 Jahre Inculpat ist mit dem Verlust der National Kokarde und mit zehn Peitschenhieben, welchen im Fall der Züchtigungsunfähigkeit einer achttägigen Gefängnißstrafe substituiert, bestraft
109 Tagelöhner Franz Wierkiewicz zu Opalenica Diebstahl 29 Jahre Inculpat ist außerordentlich neben Versetzung in die 2te Klasse des Saldatenstandes, mit dem Verluste der National Kokarde, des Landwehrkreuzes oder Nationalmilitairabzeichens und vierwöchentlichem Gefängniß bestraft
110 unverehel. Mathilde Weymann zu Usciecice Diebstahl . noch nicht erkannt
111 Schänker Jacob Werner zu Grätz gefährliche Verletzung noch nicht erkannt
112 Tagelöhner Martin Wachowiak zu Brodki Diebstahl . noch nicht erkannt
113 Einwohner Johann Zippel zu Paprotsch Diebstahl 25 Jahre Der Angeschuldigte ist mit Verlust des Rechts, die Preußische National Kokarde zu tragen, fünfzehn Peitschenhieben, welchen im Fall der Züchtigungsunfähigkeit eine achttägige Gefängnißstrafe substituirt, bestraft
117 Knecht Maycher Zeysu zu Linde Diebstahl 39 Jahre Inculpat ist ordenlich mit einer achttägigen Gefängnisstrafe und dem Verlust des Rechts, die National Kokarde zu tragen, bestraft
 * * *
Quellen soweit nicht direkt im Text oder in den Bildunterschriften genannt:
Zitat “herzerhebende allgemeine Aeußerung treuer Vaterlandsliebe” aus: Gesetzsammlung für die Königlich-Preußischen Staaten – No. 158 – Verordnung wegen Tragens der Preußischen Nationalkokarde vom 22sten Februar 1813, Berlin / Permalink: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10509514-
das Verzeichnis selbst: Staatsarchiv Poznan – http://szukajwarchiwach.pl/  – Oberpräsidium -0290-3331 Buk – Verwaltungsberichte

 

Die evangelische Filialkirche Alt Jastrzemske / 1816

Jastremske, links im Hintergrund, die alte, aber bereits ausgebaute, ehem. evgl. Kirche / Postkartenausschnitt

Jastremske, links im Hintergrund, die alte, aber bereits ausgebaute, ehem. evgl. Kirche / Postkartenausschnitt

In Jastremske, der Filialgemeinde Bentschens, wurden in den ersten Jahren als Rectoren und Lehrer Kandidaten der Theologie eingestellt. In ihren Anstellungsverträgen wurde festgeschrieben, dass sie Sonn- und Festtags zu predigen hatten. Der Prediger aus Bentschen vollzog im Ort selbst nur alle 4 Wochen den Gottesdienst und das Heilige Abendmahl .

Einer dieser Rektoren war Johann Gottlieb Schubert. Er wurde von Superintendent Knispel im Jahr 1816 beschrieben als “… ein gutmütiger, ordentlicher und fleißiger Mann, welcher bei seinen mittelmäßigen Kenntnißen und Kanzelgaben, dennoch mühsam ist, sich nüzlich und brauchbar seinen Zuhörern zu machen. Seit 24 Jahren arbeitet derselbe in der Schule (ca. 1773 geboren, ab ca. 1792 für 18 Jahre tätig in Neu Brück, zu 1810 nach Jastremske), und es wäre demselben eine kleine Predigerstelle zu wünschen, oder Verbeßerung seiner Einkünfte; da derselbe, bei einer zahlreichen Familie, ohne anderweitige Unterstüzzung sehr kümmerlich leben muß; und nach Anschaffung nöthiger Hülfsmittel zur Vermehrung seiner Kentniße, nicht denken kann.” Rektor Schubert wurde in der Chronik anlässlich des 100 jährigen Bestehens der evgl. Kirche zu Friedenhorst nochmals erwähnt; dort heisst es, dass er nicht als Pastor in Friedenhorst berufen worden war, sondern eine Anstellung als Rektor in Brätz angenommen habe.

Nachstehend werden hier die vorgeschriebenen Fragen und Antworten der Indagenda, letztere wie sie Superintendent Knispel verfasste, über das Kirchensystem der Evangelischen Parochie Bentschen / hier die Filialkirche Jastremske, vom 18ten May 1816 wiedergegeben.

* * *

1te Frage: Zu welchem Kirchensystem gehört die Kirche und Schule ?

Zur Evangelischen Parochie Bentschen

2te Frage: Welche Gemeinen sind dazu geschlagen ?

Die 4 Holländer Gemeinen

  • 1. Alt Jastrzemske, worinnen 35 Wirte;
  • 2. Neu Jastrzemske, worinnen 21 Wirte;
  • 3. Grubske, worinnen 30 Wirte;
  • 4. Choinike, worinnen 13 Wirte

3te Frage: Worinnen besteht das Einkommen des Schulhalters, sowohl an Fixo als an Schulgelde ?

Als Rector und Lehrer ist derselbe verpflichtet, laut seiner Vocation, alle Sonn- und Festtage zu predigen. Für diese Geschäfte ist demselben von den Gemeinen festgesezt:

1. an Fixe jährlich

  • a) an baarem Gelde – 34 Thaler;
  • b) 26 Viertheil Korn – 17 Thaler, 8 Groschen;
  • c) 9 Klafter Holz – 12 Thaler

2. unbestimmten Einnahmen

  • a) 3 Opfer – 9 Thaler;
  • b) Neujahrsumgang – 3 Thaler;
  • c) bei Begräbnißen und anderen kirchlichen Geschäften – 9 Thaler;
  • d) Schulgeld – 4 Thaler

4te Frage: Hat derselbe die Benuzzung von Grundstükken ? und wie hoch ist sie anzuschlagen ? Ist eine besondere Schullehrer Wohnung vorhanden ? welchen Gelaß enthält sie ? in welchem baulichen Zustande befindet sie sich ? und wer ist zu ihrer Unterhaltung, Observanz oder Vertragsmäßig verbunden ?

Zur Schule gehört 1/2 Hufe Land, welches privilegiert, aber ein Morgen davon brauchbar ist. Der Ertrag von demselben, nach Abzug der Arbeitskosten beträgt 4 Thaler.

Es ist hier eine Filial Kirche erbauet, welche 1783 als Filial Kirche von Bentschen fundiert ist. Dieselbe ist 23 Ellen lange, und 15 Ellen breit, hat einen Chor, Altar und (eine) Kanzel, aber keine Orgel, (keinen) Thurm und (keine) Glokke. An der Morgenseite ist eine kleine Sakristei angebaut. Sie ist sehr baufällig und nöthig, daß Schwellen untergezogen und sie neu bedacht würde.

Die 1. evgl. Kirche in Friedenhorst, erbaut 1797 und erweitert 1864 - aus "Die evangelische Kirchen der Provinz Posen" von Dr. Kremmer, 4. Aufl. 1905

Die 1. evgl. Kirche in Friedenhorst, erbaut 1797 und erweitert 1864 – aus “Die evangelische Kirchen der Provinz Posen” von Dr. Kremmer, 4. Aufl. 1905

Das Schul- und Wohngebäude, welches … erbauet, ist 20 Ellen lang und 9 Ellen breit, besteht aus einer Schulstube, von 9 Ellen Breite und 8 Ellen Länge. Gegen über sind 2 kleine Stuben zur Wohnung des Rectors, wovon die eine 7 1/2 Ellen lange und 5 Ellen breit, die andere 7 1/2 Ellen lang und 3 1/2 Ellen breit ist. Zwischen befindet sich der Hausflur und eine kleine Küche.

Dazu gehören auch eine Scheune von 9 Ellen lang und 8 Ellen breit, und Stallung 7 Ellen lang und 8 Ellen breit, worinnen 2 Abtheilungen befindlich; auch ist ein Keller angebauet. Auch diese Gebäude erfordern Reparaturen und vorzüglich Bedachung.

Zur Unterhaltung und Reparaturen sind die Gemeinen verbunden, zu welchen die in der Kirche gesammelten Gelder angewandt, und das Fehlende von den Gemeinen nach Hufenschlag beigetragen werden muß. Das Dominium giebt dazu nichts.

Die Einnahmen und Ausgaben aus der Kirchen Kaße, wird von 3 Kirchenvorstehern, welche sämtlich Wirtschaften besizzen, verwaltet; und jährlich die Rechnung dem Prediger in Bentschen, welcher nur alle 4 Wochen Gottesdienst in der Filial Kirche hält, vorgelegt wird. Diese Kirchenvorsteher sind:

  • 1. Johann Gottfried Reschke, aus der Neu Jastrzemsker Gemeine
  • 2. Johann George Bielke aus der Alt Jastrzemsker Gemeine, und
  • 3. Johann Gottfried Krause, aus der Choiniker Gemeine.

Diese Vorsteher werden von der Gemeine erwählt mit Zuziehung und Genehmigung des Predigers.

5te Frage: Ist der Schulhalter zugleich Organiste, Kantor oder Küster ? und welches Einkommen bezieht er in dieser Eigenschaft ?

Er ist Rector und Schullehrer allein

6te Frage: Mit welchem Jahre, fangen die Kinder den Schulbesuch an; und mit welchem wird er beendigt ?

Die Kinder fangen den Schulbesuch im 7ten Jahren an und beenden ihn im 14ten Jahre.

7te Frage: Wird auch während der Sommer Monate Schule gehalten = und ist eine so genannte Hüteschule eingeführt ?

Weder Sommer noch Hüte Schule ist eingeführt. Sonntags Nachmittags werden Katechisationen in der Kirche gehalten, welche aber von wenigen Kindern besucht werden.

8te Frage: Wie weit sind die entferntesten zur Schule gehörigen Ortschaften von dem Schulorte entfernt ?

Drei Viertel Meile

9te Frage: Was für Verbeßerungen im Schulsystem laßen sich nach Maßgabe der Lokalität treffen ?

Fleißigern Besuchung der Schule und Einführung allgemeiner Schulbücher würde von großem Nuzzen seyn.

10te Frage: Welches sind die Gegenstände des Unterrichts; und welches die Hilfsmittel bei demselben ?

Religion, Schreiben, Rechnen, Lesen und Buchstabiren, wobei die Bibel, das Evangelienbuch und der Katechismus Lutheri gebraucht werden

11te Frage: Ist die Schule in Klaßen eingetheilt ? oder wird der Unterrichte allen Kindern gemeinschaftlich gegeben ?

Der Unterricht wird allen Kindern gemeinschaftich ertheilt.

12te Frage: Wie oft wird die Schule von dem Prediger revidirt, und worauf richtet derselbe, bei der der Revision sein Augenmerk ? werden gegen diejenigen Eltern, welche ihre Kinder nicht fleißig zur Schule halten, Zwangsmittel, und welche, angewandt ?

Bei vorfallenden wöchentlichen Amtsgeschäften revidirt der Prediger die Schule, welche 5/4 Meile von seinem Wohnorte entfernt ist, examinirt und sucht die Kinder durch Ermahnungen zum Fleiße und guten Sitten zu ermuntern. Zwangsmittel sind noch nicht angewandt worden.

13te Frage: Wie groß ist die Anzahl der Kinder in der Schule ?

Schulfähige Kinder sind 60, von denen 40 die Schule aber nicht ordentlich besucht haben.

Das alte später abgebrochene und das neue, noch heute erhaltene Kirchengebäude der Gemeinde Jastremske / Ausschnitte aus AK aus der Sammlung A. Kraft

Das alte später abgebrochene und das neue, noch heute erhaltene Kirchengebäude der Gemeinde Jastremske / Ausschnitte aus AK aus der Sammlung A. Kraft

14te Frage: Wie heißt der Schulhalter ? wie alt ist er ? wie lange seht er in seinem izzigen Amte ? von wem ist er berufen und bestätiget ? wo hat er sich für seine Stelle ausgebildet ?

Der Rector und Schullehrer heißt: Johann Gottlieb Schubert, gebürtig aus Meseritz, 43 Jahre alt, Candidatus Theologiae, 6 Jahre in seinem izzigen Amte, vorher in Neu Brück 18 Jahre in eben der Qualität, von der Gemeine berufen und von der Educations Stube in Warschau den 9ten März 1810 confirmirt. In der Schule zu Guben und auch (an) der Universität zu Wittenberg 2 1/2 Jahr studiert, und sich dadurch zu seinem izzigen Amte ausgebildet.

15te Frage; Ertheilt er den Unterricht mit Erfolge ? und liegt etwa der Mangel deßelben an seinen mangelhaften Kentnißen, oder an Mangel an Anstrengung ?

Bei fleißigeren Besuche der Schule, würden die Bemühungen des Lehres auch fruchtbarer seyn.

16te Frage: Wie ist sein moralischer Wandel ? sein Verhältniß zu der Gemeine und zu dem ihm vorgesezten Geistlichen ?

Sein Wandel ist gut und löblich, und der Prediger und die Gemeine sind mit seinem friedlichen und guten Verhalten sehr zufrieden.

* * *

 Quellen soweit nicht im Text direkt genannt:Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) – hier: 0893-3604 Kirchensystem Bentschen 1816-1841

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weitere Artikel zur ehemaligen evgl. Kirchengemeinde Jastremske / Friedenhorst:

  • Zum 100 jährigen Jubiläum der evgl. Kirche in Friedenhorst – Kapitel 1-4
  • http://hauland.de/zum-100-jahrigen-jubilaum-der-evgl-kirche-in-friedenhorst-1-kapitel-der-busch/
  • http://hauland.de/zum-100-jahrigen-jubilaum-der-evgl-kirche-in-friedenhorst-2-kapitel-die-ansiedler/
  • http://hauland.de/zum-100-jahrigen-jubilaum-der-evgl-kirche-in-friedenhorst-3-kapitel-rechtsverhaltnis/
  • http://hauland.de/zum-100-jahrigen-jubilaum-der-evgl-kirche-in-friedenhorst-4-kapitel-das-kirchspiel-friedenhorst/
  • Grundsteinlegung der neuen Kirche Friedenhorst – 1913
  • http://hauland.de/grundsteinlegung-der-neuen-kirche-friedenhorst-1913/
  • und eine Kurzmeldung zur Grundsteinlegung
  • http://hauland.de/grundsteinlegung-der-neuen-kirche-zu-friedenhorst-1913/
  • Kirchweihe in Friedenhorst – Dezember 1914
  • http://hauland.de/kirchweihe-in-friedenhorst-dezember-1914/
  • Golon – Generalkirchenvisitation in Friedenhorst – 1929
  • http://hauland.de/golon-generalkirchenvisitation-in-friedenhorst/

Die evangelische Parochie Bentschen/Zbąszyń im Jahr 1816

Panorama Ansicht Bentschen - im Hintergrund die alte ehemalige evgl. Kirche / Postkartenausschnitt

Panorama Ansicht Bentschen – im Hintergrund die alte ehemalige evgl. Kirche / Postkartenausschnitt

Beantwortung der in der Indagenda vorgeschriebenen Fragen, über das Kirchensystem der Evangelischen Parochie Bentschen, den 14ten May 1816

Diese Ausarbeitung wurde von dem Superintendenten Knispel, er war auch Pastor in Boruy gewesen, handschriftlich erstellt. Die Schreibweise jener Zeit wurde weitesgehenst, soweit noch entzifferbar, übernommen. Eingefügt wurden lediglich einige Erklärungen

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Zur 1ten Frage: Wann ist das Kirchensystem entstanden ? und wer hat die Kirche erbaut ?

Im Jahre 1777 ist der Consens zur Erbauung einer Kirche, auf dem Grunde der Erlaubniß der damaligen Grundherrschaft, von dem Consistorio zu Lissa gegeben; die Kirche selbst aber 1783 erbaut, und 1785 den 13ten p. Trinitatis feierlich und öffentlich eingeweihet worden. Die Gemeinde hat dieselbe, ohne Beihülfe des Dominium erbaut. Die Kirche besteht aus Fachwerk, mit Lehmen ausgekleibt, und ist 36 Ellen lang, und 24 Ellen (ca. 41,0×27,0m) breit. An der Morgenseite mit Sakristei, an der Abendseite, mit einem Thurm versehen, in welchem sich eine kleine eiserne Glokke befindet. In der Kirche ist ein Chor, ein hölzerner Altar, Kanzel und Orgel vorhanden.

2te Frage: Wer ist Patron oder Collator derselben; hat namentlich die Gemeine das Wahlrecht, und exerciert sie es selbst, oder wird es durch ein Kirchen Collegium ausgeübt ?

Die Gemeine hat das Ius. Patronatur (Schirmherrschaft über eine Kirche), daher auch das Recht, ohne Einmischung des Dominii den Prediger durch Mehrheit der Stimmen zu erwählen.

3te Frage: Wenn ein Patron oder Collator in dem Dominio vorhanden ist, in welcher Art wird von ihm das Ius patronatus oder Collationis geltend gemacht; presentirt die Gemeine ihm einen Candidaten oder mehrere, aus denen er wählen muß; oder ernennt er einen Prediger, ohne irgend den Vorschlag der Gemeine abzuwarten ?

Da die Gemeine Patron der Kirche ist, so hat sie auch nur das Recht, allein, einen Prediger aus den Candidaten, ohne Einmischung des Dominii sich zu wählen.

Die ehemalige evgl. Kirche zu Bentschen / Postkartenausschnitt

Die ehemalige evgl. Kirche zu Bentschen / Postkartenausschnitt

4te Frage:  Aus welchen Ortschaften bestehet das Kirchensystem, und welche von diesen Ortschaften sind zu demselben definitive eingepfarrt, oder halten sich als Gast Gemeine zu ihm ?

Zu dem hiesigen Kirchensystem, sind eingepfarrt, von der Synode 1777, folgenden Ortschaften:
1. die Stadt Bentschen
2. das Dorf Strehse (8) . . . . . . . . )
3. das Dorf Lomnice (4 1/2)   . . . )
4. das Dorf Kurschnice (3) . . . . . ) In
5. das Dorf Stephanowe (9)  . . . . ) diesen
6. das Dorf Sakrszewe(10)  . . . . . ) Ortschaften,
7. das Dorf Sakrsziwke (11) . . . . . ) sich
8. das Dorf Pyrzin (6)  . . . . . . . . . ) nur
9. das Dorf Brandorf (1)  . . . . . . . ) einige
10. das Dorf Raiewo (7 1/2)  . . . . ) evangelische
11. das Vorwerk Neudorf (5) . . . . ) Bewohner
12. das Weiden Vorwerk (13). . . . )
13. die Przychodzker Holländer Gemeine (7)
14. die Lenschner Holländer Gemeine (4)
15. die Hans Kastner’sche Gemeine (2)
16. die Deutsch und Böhmisch Zisker Gemeine (12)
17. die Stephanower Holländer Gemeine (4)

die zur Filial Kirche gehörigen Gemeinen sind:
1. Alt Jastrzemsker Holländer Gemeine
2. Neu Jastrzemsker Holländer Gemeine
3. Grubsker Holländer Gemeine
4. Choyniker Holländer Gemeinde

Als Gastgemeinen halten sich zu dieser Kirche:
1. das Dorf Bellenschin .  . ) in welchen nur
2. das Dorf Maria Nowa . . ) wenige Evangelische
3. das Dorf Nass Lettel . . . ) Einwohner sind

5te Frage:  Wann und durch welche Art, ist die Einpfarrung der Gemeine erfolgt ?

Durch den Synodal Schluß von 1777 den 3ten Junii ist diese Einpfarrung bestimmt

6te Frage: Was hat das Kirchensystem für Revenuen ? theils an Zuschüßen vom Staate, theils an Beiträgen aus der Gemeine, die entweder ein für allemal fixiert, oder von dem Gebrauche der Stellen in der Kirche, oder aber von Ereignißen, die Actus ministeriales, erfordern, abhängig sind. Z. B. Begräbnißen, Trauungen, Kirchgängen u.s.w.

An Revenuen hat die Kirche jährlich:
1. An Zuschuß aus dem Unterstützungs Fond 50 Thaler
2. von den Gemeinen:
a)von der Evangelischen Bürgerschaft 43 Thaler
b) von Strehse 9 Thaler, 4 Groschen
c) von der Przychodzker Gemeine 11 Thaler
d) von der Lenscher Gemeine 8 Thaler, 16 Groschen
e) von der Hans Kastner’schen Gemeine 4 Thaler, 20 Groschen
f) von der Deutsch Zisker Gemeine 5 Thaler
g) von der Stephanower Gemeine 2 Thaler
h) von der Sakrsziwker Gemeine 3 Thaler
i) von der Alt Jastrzemsker Gemeine 11 Thaler, 20 Groschen
k) von der Neu Jastrzemsker Gemeine 7 Thaler
l) von der Grubsker Gemeine 7 Thaler, 20 Groschen
m) von der Choyniker Gemeine 4 Thaler, 16 Groschen

3. bei Trauungen 2 Thaler
4. fürs Läuten bei Begräbnißen 1 Thaler
5. Klingebeutel Einnahmen 80 Thaler
6. Kirchstellen Geld 8 Thaler, 8 Groschen

7te Frage:  Wer verwaltet das Aerarium (Kirchenkasse) der Kirche ? von wem ist er ernannt oder bestätiget ? hat er Caution gestellt ? an wen legt er Rechnung ? und wann und für welches Jahr ist die letzte Rechnung gelegt ?

Das Aerarium der Kirche, verwaltet der Rendant Gottlieb Heinrich Feist, Bürger, Schön- und Schwarzfärber in der Stadt, von der Gemeine erwählt und dem Kirchen Collegio bestätiget, hat zur Sücherheit sein eigenes Haus und Vermögen gestellt; wird von den Kirchen Vorstehern controlliert, legt jährlich dem sämmtlichen Kirchen Collegio die Rechnung vor, dieselbe wird dann revidiret und quittiert. Die letzte Kirchenrechnung ist, den 28ten Decembris 1815, gelegt worden

8te Frage: Wo wird der baare Bestand des Kirchvermögens, und der Bestand in Activis asservirt und welche Sücherheits Maaßregeln für denselben sind getroffen ?

Die Einnahmen des Kirchenvermögens werden von gedachten Rendanten aufbewahret, worüber derselbe, wie vorhin bemerkt worden, mit seinem Vermögen, Sicherheit leistet

9te Frage:  Sind Kirchenvorsteher vorhanden ?

Ja

10te Frage:  Ist ein Kirchen Collegium da ? aus welchen Mitgliedern bestehet es ? und in welcher Art sind sie gewählt ?

Es ist ein Kirchen Collegium, welches aus folgenden Mitgliedern bestehe, welche von der Gemeine gewählt und verpflichtet wurden
1. der Prediger des Orts,
2. der Rendant Gottlieb Heinrich Feist
3. Johann Samuel Reinisch, Bürger und Bäkkermeister in Bentschen
4. Johann Jacob Roestel, Bürger und Hutmachermeister in Bentschen
5. Carl Gottlieb Hoffart, Bürger, Kämmerer und Gewandschneider in Bentschen
6. Johann Christian Mathes, Bürger, Huf- und Waffenschmid in Bentschen

11te Frage: Was hat das Kirchen Collegium für Befugnisse ?

Das Kirchen Collegium hat die Aufsicht über die Kirche und kirchlichen Gebäude, verwaltet die Einnahmen und Ausgaben, und besorgt die Reparaturen und Bauten

12te Frage: Worinnen besteht das Vermögen der Kirche ?

Der ganze Bestand des vorhandenen Vermögens besteht, nach Abschluß der letzten Kirchenrechnung in 21 Thalern, 20 Groschen. Das Inventarium der Kirche befindet sich am Schluße der Beantwortungen.

Pfarrhaus und die ehemalige, alte evgl. Kirche zu Bentschen / Postkartenausschnitt

Pfarrhaus und die ehemalige, alte evgl. Kirche zu Bentschen / Postkartenausschnitt

13te Frage: Wo sind die etwaigen Activa untergebracht, und welche Sicherheit ist für sie bestellt ?

Es sind keine Activa weiter vorhanden

14te Frage:  Reichen die Einnahmen zur Bestreitung der Ausgaben hin ?

Wenn keine Bauten oder Reparaturen vorfallen, so reicht das Kirchen Aerarium, nothdürftig zu.

15te Frage: Wie werden etwaige Ausfälle in den Einnahmen gegen die Ausgaben gedeckt ?

Durch Beiträge aus der Gemeine

16te Frage: Ist ein Etat für Ausgaben und Einnahmen vorhanden ? und von wem ist er genehmigt ?

Ein Etat ist nicht vorhanden

17te Frage:  Wie wird des mit der Bestreitung der Kosten, bei Bauten und Reparaturen an Kirchen- und Pfarr Gebäuden gehalten ? Hat beim Mangel des Aerarii, die Gemeine oder Patron sie aufzubringen ? der Letztere wenigstens die Bau Materialien herzugeben ?

Bei erforderlichen Bauten und Reparaturen müßen die sämmtlichen Kosten von der Gemeine zusammen getragen werden. Das Dominium giebt dazu weder Geld noch Baumaterialien.

18te Frage: Leistet die Gemeine bei Bauten und Reparaturen Hand- und Spanndienste ?

Nein! Es würde zur Einsparung der Ausgaben aus dem Kirchen Aerario bei Bauten und Reparaturen sehr vortheilhaft seyn, wenn Hand- und Spanndienst, von den dazu eingepfarrten Gemeinen geleistet würden.

19te Frage: Nach welchen Grundsäzzen werden diese Dienste und die etwaigen baaren Geldbeiträge unter den verschiedenen Mitgliedern der Gemeine repatirt ?

Die sämmtlichen baaren Geldbeiträge werden nur von der Bürgergemeine allein getragen, und wie die Quartalsgelder unter den Mitgliedern eingetheilt

20te Frage: Ist ein Pfarrhaus vorhanden und gehören Nebengebäude zu demselben ?

Es ist ein Pfarrhaus vorhanden, welches 22 Ellen in der Länge und 16 Ellen in der Breite (ca. 25,0×18,0m) beträgt. Darinnen befindet sich beim Eingange, zur rechten Hand eine Wohnstube, 9 Ellen lang und 8 Ellen breit (ca, 10,0×9,0m) ; an diese stößt eine Stube, 9 Ellen lang und 6 1/2 Ellen breit (ca. 9,0×7,0m). Gegenüber dieser Stube ist eine Stube, welche 7 Ellen Länge und 9 Ellen Breite (ca. 8,0×10,0m) hat, neben dieser ist noch ein Stübchen, welches 7 Ellen lang und 6 Ellen breit (ca. 8,0×7,0m) ist, unter welchem sich ein baufälliger Keller befindet. In der Mitte dieser Stube ist eine kleine, massive Küche angebracht. Außer zwei Böden ist keine Kammer da. An Nebengebäuden sind auf dem Pfarrhofe, nahe an der Kirche, ein Gebäude von 18 Ellen lang und 8 Ellen breit (ca. 20,5×9,0m), welches verschiedene Abtheilungen, zu Holz, Vieh und Hausgeräthen hat.

21te Frage: In welchem Zustande befinden sich die Kirche und die Pfarrteilichen Gebäude ? Sind Reparaturen an denselben erforderlich, und wieviel betragen die Kosten derselben ?

Die Kirche und der Thurm befinden sich im baulichen Zustande, und sind vor 2 Jahren neu bedacht worden, die Pfarrtheiligen und Nebengebäude sind, außer den schadhaften Dächern, in gutem Zustande. Die Dächer erfordern eine baldige Reparatur, deren Kosten nicht genau bestimmt werden können. Sämtliche Dächer sind mit Schindeln bedeckt.

22te Frage: Wie ist das Rituale bei dem Gottesdienste, und welche liturgische Formen bei denselben sind hergebracht ?

Der Anfang des Gottesdienstes wird mit Beichte und Abendmahl gemacht; dann ein Morgenlied angestimmt; nach diesem singt der Prediger vor dem Altare: Ehre sey Gott in der Höhe, und die Gemeine sing alsdann das Lied: Allein Gott in der Höhe. Worauf der Prediger eine paßende Collecte sagt und die Epistel vorliest, dann folgt das Hauptlied, nach deßen Beendigung das Evangelium vorgelesen wird. Hierauf der Glaube, oder ein anderes paßendes Lied zur Predigt, abwechselnd gesungen wird und die Predigt gehalten wird. Hierauf erfolgt das allgemeine Kirchengebet, Abkündigungen u.s.w. Gebet und der Seegen, worauf noch einige Verse gesungen werden zum Beschluße des Gottesdienstet.

23te Frage: Wird die Kirche bei den Sonntäglichen und Wöchentlichen Gottesdienst fleißig besucht ?

Der Gottesdienst wird fleißig und zahlreich an Sonn- und Wochentagen besucht.

24te Frage: Werden Katechismus Lehren gehalten, und von der Gemeine fleißig frequentirt ?

Bei den Katechismuslehren, welche des Sonntags im Sommer gehalten werden, finden sich Kinder un ein großer Theil der Gemeineglieder zahlreich ein

25te Frage: Nach welchen Säzzen werden die Jura Stolae an den Geistlichen bezahlt ? und worauf gründet sich die dieshalsige Observanz ? Wieviel bezieht der Geistliche an fixem Gehalte ?

Die Jura Stolae (Pfarrgebühren) werden nach der von der Synode festgesezten Taxe bezahlt, und das fixirte Gehalt des Predigers besteht jährlich
1. an baarem Geld aus dem Aerario 80 Thaler
2. an Naturalien
a) Korn 12 Viertheil aus dem Aerario  –    8 Thaler
b) Holz 20 Fuder à 12 Groschen            – 10 Thaler
c) Bier 8 Tonnen à 2 Thaler                    – 16 Thaler

26te Frage: Hat er eine Wiedemut (Kirchenlehen – Grundstück, dessen Ertrag dem Unterhalt eines Geistlichen oder eines kirchlichen Mitarbeiters, z. B. Kantor und Lehrer, dient) ?

Keine Wiedemut, nur einen Garten, etwa 1/2 Morgen sandigen Boden, mit Obstbäumen bepflanzt, hat er zu benuzzen.

27te Frage: Wieviel beträgt sein Einkommen, an Fixo, an Stolgebühren und den Wiedemut Revenuen ?

das sämmtliche Einkommen des Predigers beträgt
1. an Fixo 114 Thaler
2. an Stolgebühren
a) Taufgebühren 60 Thaler
b) Trauungsbühren 30 Thaler
c) Begräbnisgebühren 42 Thaler
d) Beichtgeld 160 Thaler
e) 4 Opfer 30 Thaler

Der Garten bezahlt manches Jahr die Arbeitskosten nicht

Der alte Kirchenbau um 1909 kurz vor dem Abbbruch / Bildausschnitt

Der alte Kirchenbau um 1909 kurz vor dem Abbbruch / Bildausschnitt

28te Frage: Ist ein besonderer Cantor, Organiste oder Küster der nicht zugleich Schulhalter wäre vorhanden ? worinnen besteht sein fixirtes und unfixirtes Einkommen ?

Es ist ein Cantor und Organiste bei der Kirche angestellt, welcher zugleich die Jugend unterrichtet, sein Einkommen als Cantor und Organiste beträgt jährlich
1. Fixum aus dem Aerario 56 Thaler
2. Accidentien
a) an Taufen 18 Thaler
b) am Trauungen 10 Thaler
c) an Begräbnißen 4 Thaler
d) Communion Opfer 4 Thaler
e) Festags Opfer 14 Thaler

29te Frage: Wie heißt der izzige Prediger ?

Johann Gottlieb Sturzel

30te Frage: Wie alt ist er ?

50 Jahre alt

31te Frage: Wo, und wie lange hat er studiert ?

In Halle, von Ostern 1785 bis Ostern 1787

32te Frage: Wann und von wem ist er vocirt, confirmiert und in sein Amt eingeführt ?

1803 von der hiesigen Gemeine, einstimmig, ohne Wahl, von Tirschtiegel, wo derselbe als Diaconus 13 Jahre im Amte gestanden, vocirt; von dem ehemaligen königl. Preuß. Consistorio zu Posen den 14ten Novembris, 1803 confirmirt, und von mir öffentlich und feierlich introducirt

33te Frage: Wie ist sein moralischer Wandel ?

Untadelhaft

34te Frage: Wie seine Amtsführung ?

Verwaltet sein Amt mit Treue und Sorgfalt

35te Frage: In welchem Verhältniße steht er mit der Gemeine überhaupt ? und in welchem mit seinen Mitarbeitern an der Schule ?

Er lebt mit seiner Gemeine und dem Schullehrer in bestem Vernehmen; da er friedlich und freundschaftliche mit allen umgeht, und ihr hehres Wohl und Beste befördert

36te Frage: Welchen Erfolg scheint der Unterricht des Geistlichen auf die moralische Stimmung seiner Gemeine gehabt zu haben ?

Im Ganzen hat die Bildung und Sittlichkeit der Gemeine, während der unglüklichen Kriegesjahren sichtbar ab-, und Schwelgerei, Treulosigkeit, Unzucht und Betrügerei zugenommen.

37te Frage: Was für Vorschläge zur Beförderung der Zwekke des Cultus für das Kirchensystem sind zu machen ?

Es wäre vorzüglich zu wünschen; daß es ernstlich verboten würde, während des Gottesdienstes keine Gäste in den Gasthöfen und Schänken zu dulden; das die Verächter des Gottesdienstes und des heiligen Abendmals von allen Aemtern ausgeschloßen, die Spötter der Religion zur Verantwortung gezogen würden, und es würde von großen Nuzzen seyn, wenn man eine bestimmte Kirchenzucht eingeführte.

Inventarium, der bei der Kirche zu Bentschen vorhandenen Sachen, zum kirchlichen Gebrauch
1. an Altartüchern – a) ein weiß cattunes – b) ein schwarz zeugnenes – c) ein rothes tuchenes Altartuch

2. an vasis sacris
a) ein silberner Kelch nebst silbernen Patene
b) ein meßingner übersilber Kelch mit dergleichen Patene
c) eine dergleichen Hostien Schachtel
d) eine zinnerne Kanne
e) eine dergleichen Flasche zum Wein beim heiligen Abendmal

3. ein meßingnes Cruzifix mit meßingnem Gestell
4. 2 Paar zinnerne Altarleuchter und
5. 1 Paar hölzerne (Altarleuchter), übersilbert und übergoldet
6. verschiedene kleine Tücher zur Bedekkung der Kanzel und des Taufbekkens
7. 2 brauchbare weiße Chorrökke
8. ein hohes Kruzifix, welches bei Begräbnißen vorgetragen wird
9. ein meßingner Kronleuchter

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  • Quellen soweit nicht im Text direkt genannt:
  • Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) – hier: 0893-3604 Kirchensystem Bentschen 1816-1841
  • Bilder/Bild- und Postkartenausschnitte aus dem Buch “Zbąszyń – na dawnej pocztówce”

Allerseelen – November 2015

Das Gedenkkreuz auf dem Areal des ehemaligen evgl. Friedhofes Sekowo/Friedenwalde stellvertretend für Alle - Aufn. PM

Das Gedenkkreuz auf dem Areal des ehemaligen evgl. Friedhofes Sekowo/Friedenwalde stellvertretend für Alle – Aufn. PM

Auch in diesem Jahr haben sich wieder Einwohner Nowy Tomysl’s und den die Stadt umgebenden Gemeinden an den früheren Friedhofsarealen zusammengefunden und der einstigen Bewohner gleich welcher Nationalität und welchen Glaubens gedacht.

Begraebnisplaetze, heutige und ehemalige in Nowy Tomysl - Aufn. PM

Begraebnisplaetze, heutige und ehemalige in Nowy Tomysl – Aufn. PM

Ein Moment der Besinnung, ein Gebet, das Entzünden von Seelen-Lichtern für die hier zur Ruhe gebetteten – stellvertretend für Viele, auch für die Menschen, die nur in Gedanken dabei sein konnten.

Vielen Dank !  

Renovierung der einstigen evangelischen Kirche in Neustadt bei Pinne – 1908

Der Kirchturm mit dem eingestürtzten Kirchenschiff / Aufn. PM

Der Kirchturm mit dem eingestürtzten Kirchenschiff / Aufn. PM

Kaum jemand erinnert sich an die großen Mühen unter denen der Kirchenbau einst finanziert und errichtet wurde.

Es sind auch nur noch wenige, die der Ruine einen Besuch abstatten um dort einen Moment in sich zu gehen und der Vorfahren, die hier einst getauft wurden, die Ehe schlossen oder denen eine Andacht zu ihrem Tod gewidmet worden war, zu gedenken.

Heute finden sich schon lange keine gemalten Glasfenster mehr im einstigen Kirchengebäude der evangelischen Gemeinde zu Neustadt bei Pinne. Das Kirchenschiff ist eingestürzt und eine Ruine. Einzig aufrecht steht noch der Kirchturm. Auf seinem Kuppeldach dreht sich nach wie vor die 1797 anlässlich seiner Errichtung und Einweihung aufgesetzte Fahne im Wind.

Schwärme von Tauben umkreisen das Gebäude und nisten im Kirchturm; sie sind heute die letzten “Kirchgänger”.

Trotz aller Trostlosigkeit, die die Vergänglichkeit symbolisiert – und uns vor Augen führt – die Reste strahlen auch heute noch eine besondere Atmosphäre aus; etwas Heiliges ist zu spüren geblieben.

Im Jahr 1908 hatte die Gemeinde voller Zuversicht in die Zukunft geblickt und ihr Gotteshaus renoviert:


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Das einstige Kirchenschiff - heute eine Ruine / Aufn. GT

Das einstige Kirchenschiff – heute eine Ruine / Aufn. GT

“Am letzten Sonntag (20.09.1908) wurde die hiesige evangelische Kirche, nachdem ihr Inneres von Grund auf erneuert war, wieder eröffnet.

Von Pfingsten (07./08.06.1908) an hatten die Arbeiten in der Kirche gedauert.

Umfangreiche Reparaturen haben am Holzwerk und Gestühl vorgenommen werden müssen. Unter die Bänke im Schiff der Kirche sind Dielen gelegt und das ganze Innere der Kirche ist künstlerisch ausgemalt. Die Malerei ist von der Firma Karl Busch in Schöneberg vortrefflich ausgeführt. Dieselbe Firma hat auch drei aus freiwilligen Gaben beschaffte gemalte Fenster geliefert. Die anderen Arbeiten sind bis auf die Orgelreparatur von Neustädter Handwerkern geliefert.Die Orgel hat Orgelbaumeister Janott aus Neutomischel in Ordnung gebracht.

Tauben bewohnen heute den Kirchturm / Aufn. GT

Tauben bewohnen heute den Kirchturm / Aufn. GT

Zu dem Festgottesdienst am 20. September (1908) waren aus Posen Herr Konsistorialpräsident Balan und Herr Generalsuperintendent D. Hesekiel erschienen, ferner Herr Superintendent Radtke aus Birnbaum, Herr Landrat v. Daniels u. a. Die Gemeinde hatte sich sehr zahlreich versammelt. Der Kirchenchor verschönte den Gottesdienst mit ganz vortrefflich von Herrn Kantor Tamke geübten und geleiteten Gesängen. Die Liturgie hielt Herr Superintendent aus Birnbaum, die Predigt der Ortspfarrer und eine Schlußansprache Herr Generalsuperintendent.

Nach dem Gottesdienst überreichte Herr Konsistorialpräsident in der Sakristei in Gegenwart der Kirchlichen Körperschaften dem Kirchenkassenrendanten, Herrn Lody, den Kronenorden IV. Klasse und dem Kirchenältesten, Dienegott Müller aus Krummwalde, das Allgemeine Ehrenzeichen. Am Nachmittag fand noch ein Gottesdienst für Innere Mission statt, bei welcher Herr Pastor Stark predigte über “Den Kampf um unsere Jugend.”

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1908/09/25

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Weitere Artikel:

Evangelische Kirchen-Gemeinde Neustadt bei Pinne 1879 (Teil 1 bis 6) – veröffentlicht 2010

http://hauland.de/evangelische-kirchen-gemeinde-neustadt-bei-pinne-1879-teil-1/;
http://hauland.de/evangelische-kirchen-gemeinde-neustadt-bei-pinne-1879-teil-2/;
http://hauland.de/evangelische-kirchen-gemeinde-neustadt-bei-pinne-1879-teil-3/;
http://hauland.de/evangelische-kirchen-gemeinde-neustadt-bei-pinne-1879-teil-4/;
http://hauland.de/evangelische-kirchen-gemeinde-neustadt-bei-pinne-1879-teil-5/;
http://hauland.de/evangelische-kirchen-gemeinde-neustadt-bei-pinne-1879-teil-6/

Der ehemalige evangelische Friedhof in Kopanke / Kopanki – 2015

Blick auf die noch erhaltenen Grabsteine; links im Hintergrund das Gedenkkreuz, welches Familie Krok in diesem Jahr zur Erinnerung an Ihre Vorfahren aufgestellt hat

Blick auf die noch erhaltenen Grabsteine; links im Hintergrund das Gedenkkreuz, welches Familie Krok in diesem Jahr zur Erinnerung an Ihre Vorfahren aufgestellt hat

Durch Herrn Krzysztof Karolczak bekamen wir die Bilder dieses Beitrages übersandt.

Herr Krzysztof Karolczak hat sie im September dieses Jahres bei einem seiner Besuche auf dem Gelände des ehemaligen Friedhofes in Kopanki / Kopanke aufgenommen. Er versucht mit seinen Bildern die “besondere Atmosphäre” dieses Platzes einzufangen.

Es wurde dabei auch ein Grabstein umgedreht, welcher mit der Seite seiner Inschrift in die Erde eingesunken war. Es ist der Stein der ehemaligen Grabstätte der Eheleute Krok / Weichert.

 

Die Inschrift des Grabsteines der Familie Krok - Weichert

Die Inschrift des Grabsteines der Familie Krok – Weichert

“Hier ruhn in Gott
uns. lieben Eltern
Gottlieb Krok
geb. 24. Juni 1828
gst. 11 Jan 1911
u. dessen Ehefrau
Rosina gb. Weichert
gb. 4 Dez. 1831

 

Blick auf die einstigen Graeber

Blick auf die einstigen Graeber

Es fand sich in alten Kirchenbuch- und Personenstandsaufzeichnungen:

Johann Gottlieb Krok,geb. 24. Juni 1828 in Kopanke, gestorben 11. Jan 1911 Kopanke
oo 06. Mai 1860 in Krosno/Altkirch
mit der Schäfertochter Anna Rosina Weichert geb. 04 Dez 1831.

Das Paar lebte anfänglich in Trzcionka. Dort verstarb 1866 der 3- jährige Sohn Johann Carl an der Cholera und dort wurde im selben Jahr die Tochter Johanna Ernestina (später verehelichte Handtschke) geboren. In Kopanke wurden dann die Kinder Johann Reinhold – 1869, Emilia Bertha – 1872, Auguste (später verehelichte Vorwerk) – 1875 und Johann Gustav (später verehelicht mit Anna Hauf) – 1878 geboren.

Herr Krzysztof Karolczak kann kontaktet werden unter der Mailadresse: karolczak.krzysztof(at)gmail.com

Ruhe und Frieden

Ruhe und Frieden

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weitere Beiträge:
1. Der Friedhof Kopanki /Kopanke - http://cmentarze.oledry.pl/galeria.php?katalog=1504 – 1504 Nowy Tomyśl / Opalenica / Kopanki / niem. (Kopanke)
2. Auf den Spuren meiner Vorfahren – 2014 / Autor: A. Krok – http://hauland.de/auf-den-spuren-meiner-vorfahren-2014/

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  • Quellen soweit nicht im Text direkt genannt:Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) Personenstandsunterlagen: Krosno/Altkloster; Opalenica/Opalenitza; Kuzlin/Kuschlin; Grodzisk Wielopolski / Grätz

Gebäude der Stadt – No. 52 u. 53 Besitzerin bis 1845 Wittwe Anna Rosina Maennel geb. Kannewischer

Blick auf die Häuser, ehemalig Neuer Markt No. 52 und Goldstr. No. 53 - Aufn. PM

Blick auf die Häuser, ehemalig Neuer Markt No. 52 und Goldstr. No. 53 – Aufn. PM

Auf dem Hausgrundstück No. 52, früher am ehemaligen Neuen Markt gelegen, stand, so die Gebäudebeschreibung der Provinzial Feuerversicherung aus dem Jahr 1836, ein Wohnhaus mit vier Nebengebäuden.

Das Wohnhaus selbst war aus Ziegeln errichtet und mit Kalk verputzt gewesen. 68 Fuß lang, 36 breit und 10 hoch (ca. 20,70×11,00×3,00m), wobei selbst die Giebel als aus Ziegel gemauert beschrieben worden waren und nicht wie sonst üblich aus Holz oder Fachwerk. Auf dem stehendem doppelten Dachstuhl war das Dach selbst mit Biberschwanzziegeln eingedeckt gewesen.

Im Inneren hatten sich 1 Flur von dem die 3 Stuben, 1 Küchenstube und 1 Kammer zu erreichen gewesen waren, befunden. Darüber hinaus hatten die Bewohner weiterhin noch über 1 Laden, 1 Vorratskammer und 1 Keller verfügt. Beheizt wurde das Gebäude über 2 “Ofen von Kacheln” und “1 Ofen von Ziegeln”.

Das Gebäude wurde 1836 als im besten Zustande beschrieben und hatte mit dem angegebenen Alter von nur 13 Jahren noch keine Reparatur nötig gehabt. Mit diesem Alter war es wiederum eines der Gebäude, welches nach dem “großen Brand” im Jahr 1822 am südlichen Neuen Mark in Neu Tomysl errichtet worden waren.

Auf dem Grundstück hatte sich außerdem noch eine “Waarenremise”, 36 Fuß lang, 18 breit und 15 hoch (ca. 11,00×5,50×4,60m) befunden, welche ebenfalls mit einem stehenden doppelten Dachstuhl und auch mit einen Keller ausgestattet gewesen war. Das Gebäude war mit 4 eisernen Türen zu verschließen gewesen. Es hatte frei auf dem Gelände in einer Entfernung von ca. 1 m zum nächsten Gebäude gestanden.

Weiterhin hatte man über einen Stall, er war ca. 16,00 Meter lang, 5,30 breit und 2,20 hoch gewesen, verfügt. Er hatte einen Torweg mit 2 Flügeln besessen und in ihm waren 1 Siedekammer, 1 Pferdestall, 1 Kuhstall und eine Wagenremise untergebracht gewesen.

Sein Standort wurde als mit unmittelbar neben der Scheune stehend beschrieben. Letztere hatte über die Abmessungen von ca. 15,20 Metern in der Länge, 7,00 in der Breite und 2,80 in der Höhe verfügt.

Der Stall und auch die Scheune wurden als lediglich als im “mittelmäßigem Zustande” beschrieben.

Ehe wir zum letzten Bauwerk auf dem Hausgrundstück No. 52 kommen, müssen wir einen kurzen Blick auf die Familie Carl Maennel und seine Ehefrau Anna Rosina geborene Kannewischer werfen.

Der anlässlich des Todes des Carl Maennel im Jahr 1824 von seiner Familie gestiftete Taufstein - er ist noch heute als Weihwasserbecken in der Kirche am Chopin Platz zu finden - Bild: Maennel Archiv

Der anlässlich des Todes des Carl Maennel im Jahr 1824 von seiner Familie gestiftete Taufstein – er ist noch heute als Weihwasserbecken in der Kirche am Chopin Platz zu finden – Bild: Maennel Archiv

Carl Maennel war im Jahr 1762 in Schönheyde im Erzgebirge geboren worden. Er, sein Bruder Michael Maennel und deren Schwester Johanna Christina verwittwete Hertel sind vermutlich kurz vor dem Jahr 1800 nach Neu Tomysl gekommen. Carl Maennel war in erster Ehe mit Christina Viehweg verheiratet gewesen. Es ist nicht bekannt wo und wann diese verstarb; der aus dieser Ehe stammende einzige Sohn Carl Friedrich, geboren um 1798, verstarb im Jahr 1808 in Neu Tomysl.

Anna Rosina Kannewischer war im Jahr 1780 in Glinau geboren worden. Ihre Eltern Johann George Kannewischer und Anna Dorothea geborene Schäfer galten in den ersten Aufzeichnungen als Einwohner in Glinau, waren also eigentlich “Hauländer” gewesen.

Jedoch haben sie den Bau der evangelischen Kirche auf “dem bey Pietschen Nachbar in der Glinauischen Gemeinde gelegenen Kirchen-Platze” und die Entstehung der Stadt direkt miterlebt.

Da ihr Anwesen in Glinau am Kirchenringe, dem späteren Alten Markt gelegen hatte, wurde dieses durch die Ereignisse der Geschichte der Entstehung Neu Tomysl’s eines der ersten, der Stadt zugehörigen Gebäude (No. 11) und aus der “Hauländer-Familie” Kannewischer wurden Stadtbewohner.

Diese Veränderungen spiegeln sich auch in den Kirchenbuchaufzeichnungen der Kinder der Familie Kannewischer wieder. Während der Wohnort der Eltern in den ersten Aufzeichnungen der Geburts-/Taufeinträge in den Jahren 1780 und 1782 noch mit Glinau angegeben worden war, hieß es in dem Geburts-/Taufeintrag des dritten im Jahr 1785, dass der Wohnort “auf dem Kirchplatze” gewesen sei.

• 1778 Erteilung des Tomys’ler Kirchen Privilegie
• 1779/1780 war die evangelische Kirche errichtet worden,
• 1786 war die Genehmigung durch den König von Polen zur Stadtgründung erteilt worden und im Jahr
• 1788 erteilte Graf Felix Szołdrski das Stadtprivilegium.

Im Jahr 1801 heirateten der 39 jährige Bürger und Eisenhändler Carl Maennel , ein Wittwer und die 22 jährige Bürger- und Bäckertochter Anna Rosina Kannewischer.

In den Jahren 1802 bis 1822 wurden 8 Kinder geboren. In den Aufzeichnungen der Geburten der Kinder wurde Carl Maennel ab dem Jahr 1807 als Bürger und Handelsmann bezeichnet. Der “Ehrbare Carl Mennel” wurde am 15. November 1819 auch in das Stammbuch der Meister des Löblichen Gewerks der Müller in Neu Tomysl eingetragen und aufgenommen.

Mit diesem Eintrag, dass Carl Maennel in die Innung der Müller aufgenommen worden war, sind wir nun wieder bei dem letzten noch im Jahr 1836 auf dem Grundstück No. 52 vorhanden gewesenen beschriebenen Gebäude – einer Bockwindmühle.

Sie war ein aus kiefernen Balken errichteter, mit Bretter von außen verschlagener Fachwerkbau gewesen, welcher zudem auf der Wetterseite noch zusätzlich mit Schindeln verkleidet gewesen war. Das Grundmaß war ca. 5,50 x 5,00 Meter gewesen, dieses bei einer Höhe von knapp 8 Metern. Im Inneren verbanden 2 Treppen die Ober- und die Untermühle. Sie hatte über einen Mahlgang und 2 Stampfen verfügt und war als in einem guten Zustande beschrieben worden. Ihr Alter wurde mit etwa 40 Jahren angegeben, rechnerisch also im Jahr 1796 erbaut.

Carl Maennel verstarb im Jahr 1824. Er hinterließ seine Wittwe Anna Rosina Maennel geborene Kannewischer und 7 Kinder im Alter von 2 bis 22 Jahren; nur die älteste im Jahr 1802 geborene Tochter war zu diesem Zeitpunkt verheiratet und “außer Haus” gewesen.

Die verwittwete Anna Rosina Maennel findet sich somit in der Gebäudebeschreibung des Jahres 1836 als Besitzerin des Hausgrundstücks No. 52 am Neuen Markt.

∞ ∞ ∞ ∞ ∞

 

Blick auf die Häuser, ehemalig Neuer Markt No. 52 und Goldstr. No. 53 - eingezeichnet die ehemalige offene Einfahrt, die bei Errichtung der späteren Gebäude bebaut wurde - Aufn. PM

Blick auf die Häuser, ehemalig Neuer Markt No. 52 und Goldstr. No. 53 – eingezeichnet die ehemalige offene Einfahrt, die bei Errichtung der späteren Gebäude bebaut wurde – Aufn. PM

Ein weiteres Hausgrundstück welches sie ebenfalls als Besitzerin auswies war das der No. 53. Während die No. 52 noch am Neuen Markt gelegen war, befand sich No. 53 bereits in der der Goldstraße.

Auf dem Gelände hatte ein Wohnhaus von 51 Fuß Länge, 36 Fuß Breite und 7 Fuß Höhe (ca. 15,5x11x2,10m) gestanden. Drei der Außenwände waren von Ziegel erbaut und mit Kalk verputzt gewesen, während die 4te von Fachwerk welches mit Lehm ausgefüllt worden war errichtet gewesen war. Mit den Giebeln verhielt es sich ebenso, einer war mit Ziegeln hochgezogen gewesen, der andere war von mit Lehm ausgefülltem Fachwerk. Auf dem mit 16 Gebinden stehenden doppelten Dachstuhl hatte ein Ziegeldach geruht.

Im Gebäude hatten sich vom Flur abgehend, welcher über 1 zweiflügelige Tür zu betreten gewesen war, 2 Stuben, 2 Kammern, 1 Laden, 1 Schüttboden und 2 Küchen befunden. Die Räume hatten über 11 Türen verfügt und über 5 vierflügelige und 1 zweiflügeliges Fenster war Licht in sie gelangt. Beheizt wurde das Gebäude über 2 “Ofen von Kacheln”. Einer der schon erwähnten Giebel stieß an das Haus des Gottlieb Pflaum, der andere auf die offene Einfuhr des Nachbargrundstücks No. 52.

An der hinteren Seite war das Hauptgebäudes mit einem Anbau von 15 Fuß Länge, 15 Fuß Breite und 7 Fuß Höhe (ca. 4,60×4,60×2,10m) versehen worden. In ihm waren 1 Stube und 1 Keller eingerichtet gewesen.

Das Hauptgebäude befand sich 1836 in einem mittelmäßigem Zustand, obwohl es nur 2 Jahre zuvor durchweg repariert worden war; der Anbau wurde beschrieben mit “befindet sich in bestem Zustande”. Das Alter beider Bauten wurde mit “etwa 30 Jahre alt“, ca. Baujahr 1806, eingeschätzt. Es kann vermutet werden, dass hier im Jahr 1822 die Brandgrenze gewesen war.

Laut alten Familienüberlieferungen soll die Wittwe Anna Rosina Maennel, sie schloss keine weitere Ehe, bis der jüngste Sohn Alexander, geboren 1813, seine Ausbildung beendet hatte und alt genug gewesen war um in das Handelsgeschäft einzutreten, das Familienunternehmen geleitet haben.

Bis zu ihrem Tod im Jahr 1845 lebte sie in Neu Tomysl als angesehene Frau.

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Eine letzte Erinnerung an die Carl und Anna Rosina geb. Kannewischer Maennel'schen Eheleute - Zeichnung der einstigen Grabstätte auf dem ehemaligen evangelischen Friedhof in Neu Tomysl von F. Biehler, einem Urgroßenkel, aus dem Jahr 1906 welche im Original im Maennel Archiv verwahrt wird

Eine letzte Erinnerung an die Carl und Anna Rosina geb. Kannewischer Maennel’schen Eheleute – Zeichnung der einstigen Grabstätte auf dem ehemaligen evangelischen Friedhof in Neu Tomysl von F. Biehler, einem Urgroßenkel, aus dem Jahr 1906 welche im Original im Maennel Archiv verwahrt wird

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  • Quellen soweit nicht im Text direkt genannt:
  • Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) – hier: Stadtakten – Beschreibung sämtlicher Gebäude in der Stadt und Kirchenbücher der Gemeinde Neu Tomysl – Neu Tomischl – Neutomischel

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Weiterführende Artikel zu dieser Ausarbeitung:

  1. Kopie des Tomyl’er Kirchen Privilegie 1778 – veröffentlicht 2010 – http://hauland.de/kopie-des-tomysler-kirchen-privilegie-1778/
  2. Das Privileg von Felix Szoldrski vom 18 Feb 1788 – veröffentlicht 2007 – http://hauland.de/das-privileg-von-felix-szoldrski-18-februar-1788/
  3. 1787 Das Stammbuch der Meister – veröffentlicht 2010 – http://hauland.de/1787-das-stammbuch-der-meister-2010-die-bockwindmuhle-im-freilichtmuseum-fur-volksbaukunst-in-wollstein/
  4. Das Taufbecken aus der Kirche am Chopinplatz – veröffentlich 2010 – http://hauland.de/das-taufbecken-aus-der-kirche-am-chopinplatz/

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Eine letzte Anmerkung:

  • Johann George Kannewischer geb. 1751 war verehelicht mit Anna Dorothea Schäfer geb. ca 1759
  • ihre gemeinsame Tochter Anna Rosina Kannewischer wurde am 11. April 1780 geboren
  • Gottfried Kannewischer geb. 1760 war verehelicht mit Christina Schäfer geb. 1763
  • ihre gemeinsame Tochter Anna Rosina wurde am 17. März 1784 geboren
  • Johann George und Gottfried Kannewischer waren Brüder, Anna Dorothea und Christina Schäfer waren Schwestern

“Mehr Licht” – ein beschlossene Sache, das Gaswerk in Neutomischel wird gebaut / 1903

Laterne vor dem ehemaligen Kreishaus / Postkartenausschnitt

Laterne vor dem ehemaligen Kreishaus / Postkartenausschnitt

“Die Errichtung einer städtischen Gasanstalt ist von der Stadtvertretung beschlossen und mit der Bauausführung die Firma Carl Franke in Bremen beauftragt worden.

Als Preis der Gesammtanlage, in welcher eine Wohnung für den Gasmeister, Bureau- und Arbeitsräume, Wasch- und Baderaum für die Angestellten mit vorgesehen sind, einschließlich aller Apparate, Rohrleitungen, Kandelaber, Straßenarbeiten etc. etc. sind 84.000 Mk. veranschlagt, da aber der Platz hierbei nicht mit inbegriffen ist und auch mancherlei unvorhergesehene Ausgaben entstehen können, so ist mit einem Anlage-Kapital von 100.000 Mk. zu rechnen.

Als Bauplatz ist ein Terrain von Herrn Carl Eduard Goldmann hinter dessen Grundstück am Neuen Markte erworben worden. Mit dem Bau soll bald begonnen und derselbe so gefördert werden, daß bei Beginn des Herbstgeschäftes Straßen und Häuser sich wieder in ordnungsmäßigem Zustande befinden und spätestens Anfang Oktober das Werk in Betrieb gesetzt werden kann.

An die Bürgerschaft wird demnächst die Aufforderung ergehen, ihre Häuser und Wohnungen zum Anschluß an die Gasleitung anzumelden. Wer dieser Aufforderung bis 1. Juni nachkommt, erhält folgende Vergünstigung:

Die Ausführung des Anschlusses bis in das Haus hinein, einschließlich Mauerdurchbruchs erfolgt kostenfrei, bei späterer Anmeldung müssen die gesammten Kosten, vom Hauptrohr ab, vom Besteller getragen werden. Die Herstellung der weiter erforderlichen Gasleitungen in den Wohnräumen geht für Rechnung des Gasabnehmers, aber auch hierbei wird die Stadt, um den Bürgern die Anlage zu erleichtern, weitgehendste Liberalität walten lassen. Die Stadt ist bereit diese Innenleitungen zunächst auf städtische Kosten legen und dann von den Konsumenten im Laufe von 5 Jahren gegen eine 4prozentige Verzinsung in monatlichen Raten abzahlen zu lassen. Mehr als 40 Hausbesitzer haben auf eine Vorfrage ihre Häuser zum Anschluß bereits angemeldet.

Bedauerlicher Weise wird von einem Teile der Bevölkerung das neue Unternehmen noch mit sehr gemischten Gefühlen beurteilt; einige Schwarzseher befürchten, das Gaswerk werde sich nicht rentieren und die Bevölkerung mit einer unerschwinglichen Steuerlast bedrückt werden. Diese Befürchtung ist unnötig.

Wer sich nur die Frage vorlegt, kann ein Werk, das 100.000 Mark Anlagekapital erfordert, für eine so kleine Stadt rentabel werden, wird allerdings zu einer ablehnenden Antwort kommen; das war der Standpunkt, den der Einsender vor 3 Monaten auch eingenommen hat. Es ist aber in einer früheren Nummer dieses Blattes die Rentabilität von Herrn Paech schon zahlenmäßig nachgewiesen worden, es ist da nachgewiesen worden, daß bei einem jährlichen Verbrauch von 65.000 cbm Gas das Werk rentabel wird. Es ist da nachgewiesen worden, wenn 400 Flammen durchschnittlich täglich 2 Stunden brennen, so ergiebt das 400 x 2 x 365 = 292.000 Brennstunden für das Jahr, oder, da ein Kubikmeter Gas 8 Stunden Brenndauer hat, einen Konsum von 36.500 cbm Leuchtgas. Für Koch-, Heiz- und Kraftgas ist nach den Erfahrungen anderer kleiner Städte auf die Hälfte des Leuchtgase zu rechnen als auf 18.250 cbm, 50 Straßenlaternen brauchen 6.500 cbm, sodaß für Verlust und Selbstbrand in der Anstalt noch übrigen bleiben 3.750 cbm = zusammen 65.000 cbm.

Gaslaterne am ehemaligen Alten Markt / Postkartenausschnitt

Gaslaterne am ehemaligen Alten Markt / Postkartenausschnitt

Die Zweifler sollten diese Zahlen prüfen und sagen, was sie dran nicht für richtig halten, sie sollten sagen, daß 400 Flammen hier nicht und auch nicht durchschnittlich täglich 2 Stunden brennen werden, oder daß das Jahr nicht 365 Tage hat, sondern weniger, und daß die herausgerechneten 292.000 Brennstunden nicht erreicht werden können, oder sie sollten die anderen Positionen angreifen, dann ließe sich darüber reden und wir würden bald zu einer Verständigung kommen, aber nur sagen, eine Gastanstalt, die 100.000 Mark Anlagekapital erfordert, kann in einer so kleinen Stadt nicht rentieren, ist eine Behauptung aber keine Beweisführung. Die Stadtverordneten, die für Errichtung eines Gaswerkes gestimmt haben, sind auch Steuerzahler, sie würden, wenn die Anlage mißlingt, davon eben so hart oder noch härter betroffen werden, wie die anderen Bürger. Da kann man sich doch wohl denken, daß sie auch gerechnet und geprüft haben, bevor sie zu einem Beschluß gekommen sind. Auch darüber wird geklagt, daß mit den Innenleitungen (Installationen) den Hausbesitzern große Opfer auferlegt werden. Zunächst wird jeder Hausbesitzer wissen, daß jede Verbesserung, die er seinem Grundstück angedeihen läßt, den Wert desselben auch erhöht. Diese Wertverbesserung wird sich bald dadurch bemerkbar machen, daß die mit Gasanlage versehenen Läden und Wohnungen zu angemessenem Preise viel eher einen Mieter finden werden, als die im Dunkel stehenden.

Sodann aber sind die Preise, die von den Schwarzsehern für die Innenleitung angegeben werden, auch stark übertrieben. Der laufende Meter schmiedeeisernes Rohr kostet einschließlich Verbindungsstücke, Rohrschellen, fix und fertig verlegt 0,90-1,50 Mk., da kann sich ein jeder berechnen, wie viel die Installation ungefähr kosten kann. Bezüglich der Lampen und Kronen muß es allerdings jedem Wirt wie jedem Mieter überlassen bleiben sich solche nach seinem Geschmack und seinen Verhältnissen anzuschaffen, es giebt da sehr einfache und billige Sachen und auch elegante und teuere. Es ist auch nicht nötig, jede Lampe zu erneuern, bei Hängelampen ist vermittelst eines Spiralschlauches eine Verbindung zwischen Gasrohr und Brenner für weniges Geld leicht herzustellen.

Eine Kommission der Stadtverordneten war in Kosten, Schmiegel und Wollstein um sich zu orientieren, bevor sie einen soweit gehenden Beschluß faßte, und in diesen Städten ist sie in ihrem Vorhaben bestärkt worden. In Schmiegel und Wollstein liegen die Verhältnisse ähnlich, wie bei uns. Zwar haben beide Städte eine größere, fast doppelte Einwohnerzahl als Neutomischel, beide haben aber auch einen unverhältnißmäßig größeren Armenetat als wir, woraus wohl der Schluß zulässig ist, daß in jenen Städten viel mehr arme Leute wohnen als bei uns und hier eine verhältnißmäßig konsumfähigere Einwohnerschaft ist. Schmiegel ist eine Stadt ohne Bahnhof, soweit erinnerlich, ist dort nur ein Motor in Betrieb, und obgleich das Werk erst seit November fertig ist, ist man dort schon in der Lage den Verbrauch an Gas für das erste Jahr auf mehr als 80.000 cbm anzugeben. In Wollstein ist der Bahnhof auch noch nicht angeschlossen, das soll erst geschehen, wenn der Erweiterungsbau, der jetzt bevorsteht, vorgenommen wird. Auch dort ist nur ein kleiner Motor in Betrieb und dort schätzt man den Verbrauch für das erste Jahr schon auf mehr als 100.000 cbm, bei uns ist der Bahnhof, der allein mehr als 10.000 cbm konsumiert, zum Anschluß an die Gasleitung bereits angemeldet und außerdem 4 Motoren, da hat man wohl nicht nötig um die Rentabilität übermäßig besorgt zu sein.

Gaslicht am Gebäude Ecke ehemaliger Neuer Markt - Goldstrasse / Postkartenausschnitt

Gaslicht am Gebäude Ecke ehemaliger Neuer Markt – Goldstrasse / Postkartenausschnitt

Die Notwendigkeit der Einführung einer zeitgemäßen Beleuchtung der Straßen und Häuser ist von der Stadtvertretung einmütig anerkannt worden, nur welche Art für uns die geeignetste ist, darüber waren die Ansichten verschieden. Während von einer Seite die Anlage einer elektrischen Centrale befürwortet wurde, wurde von einer anderen der Anschaffung einer neumodischen Petroleumlampe das Wort geredet. Hierbei sei erinnert, daß auch der frühere Stadtverordnete, Herr Schornsteinfegermeister Jeenicke, sich schon im vorigen Jahre für eine bessere Beleuchtung und zwar für Errichtung eines Acethylen-Werkes ausgesprochen hat. (Kreisblatt vom 1902-07-15: In einer Stadtverordneten-Versammlung am Freitag (11.07.1902), bei welcher von den hiesigen sechs Stadtverordneten vier vertreten waren, wurde die Errichtung einer Acethylen-Gasanstalt mit 3 gegen 1 Stimme abgelehnt. Die Vorarbeiten waren bereits derart gefördert, daß die Beleuchtung in diesem Herbst (1902) eingeführt werden sollte.) Die Stadtverordneten in ihrer Mehrheit beschlossen, die Errichtung eines Steinkohlengaswerkes, weil dieses nicht nur zu Beleuchtungszwecken sondern auch zu Koch- und Heizzwecken und der schwach einsetzenden Industrie zu Kraftzwecken dienen kann.

Die Stadtvertretung also hat sich einmütig für eine neue, zeitgemäße Beleuchtung ausgesprochen, eine Stadtvertretung, die sich den Fortschritten der Zeit verschließt, wäre auch nicht wert, daß sie existiere. Wir haben aus vergangenen Zeiten Beispiel genug, wie durch die Kurzsichtigkeit der Stadtvertretungen Städte ruiniert wurden.

Als der Eisenbahnbau in den Anfängen lag, da gab es Stadtvertretungen, die sich gegen den Anschluß an das Bahnnetz sträubten; da kamen die Krämer und erhoben Einspruch, weil durch den Bahnanschluß die Einwohner zu leicht Gelegenheit fänden, ihren Bedarf in naheliegenden größeren Städten einzukaufen. Dann kamen die Fuhrwerksbesitzer und stürmten dagegen an, weil sie in der Eisenbahn eine lästige Concurrenz sahen, und dann kamen wieder andere, die keine Bahn oder wenigstens den Bahnhof weit ab von der Stadt haben wollten, damit die Ruhe des ehrbaren Bürgers durch den Pfiff der Lokomotive nicht gestört werde. Das waren die Anschauungen derjenigen, die aus dem Nest nicht herausgekommen sind, die für die Fortschritte der Zeit keinen Blick und kein Verständniß hatten und immer nur an die naheliegenden eigenen Interessen und nicht an die der Gesammtheit dachten; für die Städte, in denen solche kurzsichtigen Anschauungen die Oberhand hatten, haben sie sich für die spätere Zeitdauer bitter gerächt. Die Eisenbahnen wurden doch gebaut, die Bahnhöfe kamen in Städte, deren Bürgerschaft mehr Verständniß dafür zeigte, diese blühten auf, die anderen aber, vom Verkehr abgeschnitten blieben wirtschaftlich und kulturell zurück; mehr und mehr wurden sie entvölkert und damit ging der Grundstückswert von selbst zurück. Nicht besser würde es uns gehen, wenn wir uns, den Zeitverhältnissen verschließend, fortwürsteln würden, wie es zu Großvaters Zeiten war. In früheren Jahren hatte Neutomischel den Ruf, daß es den Nachbarstädten in kultureller Beziehung voraneile, daß ist nun aber schon lange her, die Stadt muß Anstrengungen machen ihren alten Ruf zu wahren, sie muß vorwärts gehen, sonst bleibt sie zurück.

Das ehemalige Gaswerk kurz nach seiner Fertigstellung 1903 / Postkartenausschnitt

Das ehemalige Gaswerk kurz nach seiner Fertigstellung 1903 / Postkartenausschnitt

Auch nach anderer Richtung ist es nötig, daß wir Anstrengungen machen, vorwärts zu kommen. Jeder hiesige Einwohner wünscht, daß von den gemeinnützigen Anstalten, die Staat oder Provinz errichten lassen, auch hierher etwas kommen möchten; kann man verlangen, daß die Regierung in eine Stadt, die keinen Blick für den Fortschritt der Zeit zeigt, dies es an die einfachsten Anforderungen für die Behaglichkeit ihrer Bewohner, die heut auch die kleinste Stadt zu leisten vermag, fehlen läßt, Beamte schickt? Glaubt man, daß in einer solchen Stadt Beamte sich wohl fühlen, und für viele Jahre seßhaft machen können? Der Bahnhof, das Kreishaus werden an die Gasleitung angeschlossen werden, die Behörden werden das ihrige tun unser neues Unternehmen zu fördern und unsere Anstrengung zu belohnen, möge nun auch die Bürgerschaft das ihrige tun, damit das neue Werk für die Stadt ein segensreiches werde.”

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1902/07/15, 1903/05/12

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Ein weiterer Beitrag:

Und es wurde Licht in den Straßen Europas … in Neutomischel im Jahr 1903

http://hauland.de/und-es-wurde-licht-in-den-strassen-europas-in-neutomischel-im-jahr-1903/

Von Hufen, Mohnklößen und anderem Glück

Arlt-0Es war am 8. August im Jahr 1926 in Sękowo. Einem idyllisch gelegenen Dorf im Posener Land zwischen Nowy Tomyśl und Jastrzębsko Stare, angrenzend an den Lomnitzer Forst mit seinen Nadelwäldern, Sümpfen und Seen. Es war ein heißer Tag mitten in der Getreideernte. Wie in jedem Sommer waren auch die Weißstörche wieder da; die Bauern waren auf den Feldern, der Vater Heinrich und der Knecht Stanislaw ebenso. Ein Erntewagen war umgefallen, das kam schon mal vor, wenn der Wagen zu voll beladen oder der Boden zu bucklig war, und sie hatten wieder einmal Mühe, die Mähe zu bergen. Trotzdem war es ein guter Tag für den Landwirt. Und es war auch ein besonderer Tag im Leben von Heinrich und seiner Frau Martha.

Ihr Sohn, Erich, wurde geboren.

Nachdem das Mädchen zwei Jahre zuvor im Alter von nur 4 Monaten verstorben war, war die Geburt des Buben nun ein bedeutungsvolles, freudiges Ereignis. In der evangelischen Kirche zu Nowy Tomyśl wurde der Bub auf den Namen Erich Helmut Konrad Pflaum getauft.

Vater Heinrich Pflaum hatte den Hof seines Vaters übernommen, nachdem er vom Ersten Krieg zurückgekehrt war, und die Martha Ottilie, geborene Arlt, aus Jastrzębsko Stare stammend, im Jahr 1922 geheiratet.

Der Familienbesitz umfasste 70 Morgen Land mit einem großzügigen Anwesen. Dort sollte Erich als einziger Sohn der Eheleute aufwachsen, Landwirt wie seine Eltern werden und den Hof genauso weiterführen, wie es seit Generationen im Tomischler Hauland üblich war.

 

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Manchmal nach getaner Arbeit saßen die Eltern, Großmutter Auguste, Knecht Stanislaw und die Magd auf der Bank neben dem Hauseingang, nur wenige Schritte vom Ziehbrunnen entfernt. Man konnte den gesamten Hof mit den Stallungen für die Pferde, für die Kühe und für die Schweine überblicken, auch die Scheune, daneben die Hundehütten für die beiden Hunde und weiter hinten den Hühnerhof und den Garten mit dem Fischteich. Verließ man die hölzerne Umzäunung weiter hinaus, sah man die Felder, die Wiesen, den Haid und Kutzner`s See.

Geburtstage wurden zwar nicht gefeiert. Aber jedes Jahr am 8. August gab es für Erich den von Mutter selbstgebackenen geriebenen Streuselkuchen. Denn im Backofen hinter dem Haus wurde nicht nur Brot gebacken – bis zu 8 Laib Brot fanden auf einmal darin Platz – sondern auch Mutters Kuchen, den es aber nur zu den Anlässen der Familie gab. Und an den ersten Geburtstagen bekam Erich ein vom Vater aus Holz geschnitztes Spielzeug. Aus einem Baumstamm hat der Vater eine Holzscheibe abgeschnitten, in Form geschnitzt und es entstand ein Scheibenrad, eines von den Spielzeugen, die Erich besaß. Vielleicht nicht vom Vater selbstgeschnitzt, aber ein wunderbar seltenes Holzspielzeug war ein Wasserfass mit einem Pferdegespann davor, einem Schimmel. Das Fass konnte man mit Wasser füllen und wieder entleeren.

Als Erich gerade 7 Jahre alt geworden war, bekam er von den Eltern einen Schulranzen. Von nun an sollte er zur Schule in Sękowo gehen. Er lernte in alter deutscher Schrift zu schreiben und die Schiefertafel wurde später sogar durch Hefte ersetzt. Das Schreiben und Rechnen mochte Erich nicht so sehr, viel lieber hatte er den Unterricht in Erdkunde; unterrichtet wurde überwiegend in Deutsch. Man legte nicht viel Wert auf polnischen Unterricht, doch für Erich gehörten Stanislaw und Magda schon immer zum Hof und eben auch die polnische Plauderei.

Magda kümmerte sich tagsüber um den Buben, wenn die Mutter mit der Haus- und Hofarbeit beschäftigt war, und er mochte die Polin sehr. Sie kannte sich aus beim Pilze sammeln im Haid und die Hähnchen gefielen Erich dabei immer ganz besonders gut. Nur der Heimweg schien für Erich dann manchmal viel zu lang.

Arlt-2Das Schwimmen lernte Erich im Fischteich wie von selbst, und das Radfahren brachte ihm der Vater bei. Mit Helmut, der nur ein paar Häuser entfernt wohnte, war Erich auf Entdeckertouren in der Umgebung unterwegs. Oftmals mit dem Fahrrad, entweder mit Mutters Rad oder mit dem vom Vater. Obwohl Erich anfangs für das Fahrrad vom Vater noch zu klein war, passte Erichs Fuß unter der Radstange hindurch bis zum Pedal und mit etwas Geschick ließ sich wunderbar Radfahren.

Fuhr die Familie sonntags zur Kirche nach Nowy Tomyśl wurden die zwei Pferde angespannt. Auch Erich lernte bald mit den Pferden umzugehen und zu verstehen, wie wichtig diese Tiere für die Bewirtschaftung des Hofes waren.

Die Eltern waren jeden Morgen schon sehr früh im Stall, um die Kühe zu melken; fünf konnte man stets zählen und dazu kamen noch die Jungtiere. Zum Weiden der Tiere hatte das Anwesen genug Wiesen hinter dem Hof. So gab es jeden Tag frische Milch zu Hause. Darüber hinaus wurde die frische Milch an die Molkerei in Nowy Tomyśl abgeliefert. Die Kannen wurden morgens am Weg im Dorf abgestellt und der Milchkutscher kam, um sie zu holen. Am Nachmittag brachte er Magermilch in den Kannen zurück, denn die brauchte man zum Füttern der Schweine.

Ungefähr 25 Schweine, auch Ferkel, gehörten zum Hof im Koben. Es war üblich, zwei Mal im Jahr ein Schwein zu schlachten und zu Wurst und Fleisch zu verarbeiten. Um das Fleisch haltbar zu machen, zum Beispiel, legte die Mutter es mit genügend Salz in einen großen Zuber. Mit der Herstellung der Wurst und der anderen Schlachtvorräte waren die Mutter und die Großmutter stets mehrere Tage beschäftigt.

Nur solche Nährmittel, wie eben Salz oder Zucker, wurden beim Lebensmittelhändler Kraft in Nowy Tomyśl gekauft, das meiste aber wurde von den Eltern selbst hergestellt.

Das Buttern war Sache der Mutter. Den Rahm von der Milch hat sie mehrere Tage stehengelassen, bis er reif war. In einem Fass hat sie mit dem Stampfer dann den Rahm zu Butter gestampft. Erich hatte der Mutter oft dabei geholfen und wusste, dass die gute Buttermilch das war, was beim Buttern übriggeblieben war.

Neben dem Getreideanbau wurden die Äcker mit Kartoffeln bestellt. Apern waren zum einen ein wichtiges Futtermittel für das Vieh und zum anderen eines der verbreitetsten Naturerzeugnisse eines jeden Hofes in Sękowo. Schon zum Frühstück gab es Pellkartoffeln mit Speck oder zum Tunken in Leinöl. Oder auch ein Butterbrot, beschmiert mit Schweinefett oder süß mit Marmelade. All das waren Lebensmittel, die von der Familie selbst angebaut und verarbeitet wurden. Nicht nur für den Eigenbedarf, sondern viele Produkte wurden auf dem Wochen- oder Großmarkt in Nowy Tomyśl verkauft. Einige Bauern in der Nachbarschaft hatten dazu eine Gemeinschaft gebildet, in der jeder Bauer abwechselnd zum Markttag fuhr und jeweils die Produkte der Bauerngemeinschaft dort absetzte. Vater Heinrich gehörte solch einer Gemeinschaft an.

„Weihnachten war erst abends“.

Die Kiefer stand im Wohnzimmer. Vater hatte sie aus dem eigenen Haid geholt und Mutter hatte sie wie immer geschmückt. Erich wollte stets dabei helfen, den Baum mit den Kerzen, den Kugeln und den anderen Anhängseln herauszuputzen. Und am Abend gab es die von Mutter selbstgemachten Mohnklöße, die Erich ganz besonders mochte. Semmelwürfel wurden mit Milch übergossen. Und in einer Schüssel mit Riefen wurde der Mohn gestampft und dann mit Rosinen und den Semmelwürfeln vermengt. Das Ganze wurde heiß gegessen und mit Zucker angerichtet.

Zur Christmette fuhr die Familie mit dem Pferdewagen zur Kirche in Jastrzębsko Stare. Dort traf man auch die Eltern und den Bruder der Mutter.

Onkel Otto aus Jastrzębsko Stare kam gelegentlich auf einen kurzen Besuch im Hause Pflaum, wenn er von seinen Besorgungen auf dem Heimweg von Nowy Tomyśl war. Erich mochte seine heitere Art, denn der Onkel scherzte gern mit Erich. Und als Erich alt genug war, schickte ihn die Mutter mit dem Fahrrad zum Hof der Familie Arlt nach Jastrzębsko Stare, um von der reichlichen Gurkenernte einen Sack voll zu holen. Der Sack war meist so schwer, dass Erich das Rad auf dem Weg nach Hause schieben musste. Die Kinder des Onkels waren viel jünger als Erich und als Kleinkinder leider keine Spielkameraden für ihn. Die Gurken hat die Mutter dann in Steintöpfen zu Salzgurken gemacht.

Kurz nach Erichs 13. Geburtstag wurde im Volksempfänger vom Kriegsbeginn berichtet. Obwohl die Familie die Spannungen zwischen den polnischen und deutschen Menschen in der Gegend in den vergangenen Monaten miterlebte, änderte sich für Erich das Leben auf dem Hofe nicht. Sękowo wurde bald Friedenwalde genannt, Erich hatte noch ein Jahr die deutsche Schule zu besuchen, bis er sein Abschlusszeugnis erhalten sollte. Man bezahlte nun auf dem Markt und im Lebensmittelgeschäft in Neutomischel nicht mehr mit Zloty, sondern mit Reichsmark. Der Vater war im Ersten Krieg Soldat und wurde nicht noch einmal verpflichtet, somit wurde der Hof von den Eltern weiter bewirtschaftet und Erich bekam seine Lehrjahre als Bauer.

Bis er 1944 mit 17 Jahren zur Wehrmacht einberufen wurde….

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Diese Kurzgeschichte enthält Erinnerungen von Erich Pflaum an seine Kindheit, die er mir jeweils am 8. August 2014 und 2015 erzählt hat. Herzlichen Dank an ihn für die gemeinsame Zeitreise und die kostbaren Erzählungen.

aufgeschrieben im August 2015 Elke Beyer-Arlt

Trigometrische Vermessungspunkte

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lfd. No. Feldmark, auf welcher der Markstein errichtet ist Nähere Beschreibung der Oertlichkeit, auf welcher der Markstein steht Name des Eigenthümers, auf dessen Grundstück der Markstein steht
1 Albertoske Am Wege, nördlich des Gehöfts des Gemeindevorstehers Ewald Rosenau Rosenau, Gottlieb Ewald, Albertoske
2 Albertoske Am Grenzwege zwischen Neu Borui und Albertoske Damsch Heinrich in Albertoske
3 Alttomischel Im Walde, östlich des Vorwerks Mischke v. Poncet Franz, Rittergutsbesitzer Alttomischel und Miterben
4 Alttomischel Links der Chaussee nach Bolewitz. In der Nähe der Grenze mit Scherlanke v. Poncet Franz, Rittergutsbesitzer Alttomischel und Miterben
5 Alttomischel Links vom Wege von Alttomischel nach dem Vorerk Bobrowke v. Poncet Franz, Rittergutsbesitzer Alttomischel und Miterben
6 Alttomischel Rechts des Weges von Alttomischel nach Witomischel Kaminski Stanislaus, Alttomischel
7 Alttomischel Schornstein der Brennerei des Gutes Alttomischel v. Poncet Franz, Rittergutsbesitzer Alttomischel und Miterben
8 Scherlanke Links der Chaussee nach Bolewitz v. Poncet Franz, Rittergutsbesitzer Alttomischel und Miterben
9 Blake Nördlich des Weges von Blake nach Schleife Ulbrich Henr. Geb. Appelt Ww. Blake
10 Buchwerder Forst Westlich der Försterei Theerofen, rechts des Wege nach Bentschen Königl. Preuß Staat, Forstverw.
11 Buchwerder Forst Rechts des Weges von Bolewitz nach Bentschen. Nördlich d. Försterei Lehmkuhl Königl. Preuß Staat, Forstverw.
12 Bolewitz In der Nähe der Gemarkung Wytomischel Königl. Preuß Staat, Forstverw.
13 Bollwitz Brennereischornstein der Kgl. Domäne Bollwitz Kgl. Preuß. Staat Domänenverw.
14 Bollwitz Links des Weges von Bolewitz nach Wytomischel Kgl. Preuß. Staat Domänenverw.
15 Brodki Gut Südwestlich von Brodki am Wege nach Brody links Pflug Emil Rittergutsbesitzer Brody
16 Brody Gut Rechts am Wege von Brody nach Chraplewo Pflug Emil Rittergutsbesitzer Brody
17 Brody Gut Westlich des Vorwerks Marszewo, links des Weges von Trzionka nach Brody Pflug Emil Rittergutsbesitzer Brody
18 Brody Gemeinde Turm der Kapelle zu Brody Katholische Kirchengemeinde Brody
19 Brody Gemeinde Links am Wege von Brody nach Turowo Pawlik Andreas Brody
20 Bukowiec Gemeinde Turm der katholischen Kirche zu Bukowiec Kath. Kirchengemeinde zu Bukowiec
21 Chmielinko Rechts des Weges von Chmielinko nach Neustadt b. P. Kinzel Wilhelm Chmielinko
22 Chmielinko Rechts des Weges von Chmielinko nach Rose Klemt August Conradin Chmielinko
23 Chraplewo Gut Schornstein der Brennerei des Gutes Chraplewo v. Hardt Fried. Wilh. Majoratsb. Wonsowo
24 Chraplewo Gut Links des Weges von Chraplewo nach Chmielinko und Pakoslaw v. Hardt Fried. Wilh. Majoratsb. Wonsowo
25 Chraplewo Neufeld Nördlich des Wilhelm Hirt’schen Gehöfts Hirth Wilh. Eigenthümer in Neufeld
26 Cichagora Am Ziegenkruge, westlich des Begräbnisplates Strauch Dienegott in Cichagora
27 Cichagora Oestlich des Dienegott Müller’schen Gehöfts Müller Dienegott in Cichagora
28 Cichagora Südlich der Eisenbahn, im Walde, Enklave zu Bukowiec Gut Beyme Rittergutsbesitzer Eichenhorst
29 Gronsko Nördlich der Grenze mit Bolewitz, südöstlich des Waldes der Herrschaft Neustadt b. P. 1. Starak Franz, 2. v. Lacki Wladislaus auf Posadowo
30 Gronsko An der Grenze mit Krummwalde Mancza Johann in Gronsko
31 Gronsko Gut Rechts am Wege von Gronsko nach Komorowo Graf Stef. V. Korzbock Lacki Lipnica
32 Glupon Rechts der Kleinbahn nach Michorzewo nach Trzionka v. Hardt Wilh. Majoratsb. i. Wonsowo
33 Glupon Südlich d. Gemarkung Chraplewo. Auf d. Grenze zwischen d. Gute u. d. Gem. Kalek Andreas Glupon
34 Jastrzembnik Rechts des Weges von Jastrzembnik nach Opalenitza, in der Nähe der Gemarkung Lenkerhauland Thüm Julius in Jastrzembnik
35 Jastrzembnik Nordwestlich des Dorfes, auf der Grenze mit dem Gutsbezirk Pasiciel Anastasia Ww Jastrzembnik
36 Jastrzembnik In der Näche der Gemerkungen Neu-Dombrowo und Michorzewko Beyme Rittergutsbesitzer Eichenhorst
37 Jastrzembnik Westlich der Försterei Jastrzembnik I Beyme Rittergutsbesitzer Eichenhorst
38 Jastrzembnik Schornstein der Brennerei von Jastrzembnik Gut Beyme Rittergutsbesitzer Eichenhorst
39 Komorowo Gut Rechts des Weges von Komorowo Gut nach Grudno und Krummwalde Graf Stef. v. Korzbock Lacki Lipnica
40 Komorowo Hauland Links des Weges von Komorowo Hld. Nach Schleife in der Nähe der Gemarkung Schleife Kranich Johann Heinrich in Komorowo Haul.
41 Konin Gemeinde Oestlich des Dorfes, in der Nähe der Grnze mit dem Gutsbezirk Kandulski Nicolaus Konin
42 Konin Gut Schornstein der Brennerei vom Gute Konin v. Lacki Stanislaus Pakoslaw
43 Konkolewo In der Näche der Gemarkung Albertoske Handelsm . ?idad Konkolewo Bauunternehmer in Posen
44 Konkolewo Turm der evangelischen Kirche in Konkolewo Evang. Kirchengemeinde Konkolewo
45 Krystianowo Links am Wege von Turkowo nach Michorzewo Kortus Mathias in Krystianowo
46 Kuschlin Turm der evangelischen Kirche in Kuschlin Evang. Kirchengemeinde Kuschlin
47 Linde Gut Schornstein der Brennerei vom Gute Linde Köppen Franz Rent. Z. Charlottenburg
48 Linde Gut Links des Weges von Linde nach Milostowo hinter dem Kruge Köppen Franz Rent. Z. Charlottenburg
49 Linde Gut Rechts d. Weges v. Algier nach Milostowo i. d. Nähe der Gemarkung Milostowo Köppen Franz Rent. Z. Charlottenburg
50 Michorzewo Gut Auf dem Begräbnißplatze des Gutes Michorzewo v. Szczaniecki Thad. Auf Michorzewo
51 Neustadt (cfr. Nr. 31 u 39) Auf dem Weinberge der Herrschaft Neustadt Graf Stef. V. Korzbock Lacki Lipnica
52 Neustadt (cfr. Nr. 31 u 39) Turm der Kreuzkirche an der Chausse nach Pinne Kath. Kirchengem. In Neustadt b. P.
53 Neustadt (cfr. Nr. 31 u 39) Turm der evangelischen Kirche Evang. Kircheng. In Neustadt b. P.
54 Neutomischel Turm der evangelischen Kirche in Neutomischel Evang. Kircheng. In Neutomischel
55 Pakoslaw Gut Links an der Chaussee von Pakoslaw nach Neustadt v. Lacki Stanislaus Rittergb. a. Pakoslaw
56 Pakoslaw Gut Links am Wege von Pakoslaw nach Brody v. Lacki Stanislaus Rittergb. a. Pakoslaw
57 Pakoslaw Gut Links am Wege von Pakoslaw nach der Försterei Podlesie v. Lacki Stanislaus Rittergb. a. Pakoslaw
58 Pariczewo u. Pawlowko Gtsbz. Konin Nordöstlich des Vorwerks Pariczewo, in der Nähe der Gemarkung Konin Gut v. Lacki Stanislaus Rittergb. a. Pakoslaw
59 Porazyn Nordwestlich des Dorfes in der Nähe der Gemerkung Porazyn Gut Buda Stephan Porazyn
60 Posadowo Höster Schloßthurm Graf v. Lacki Wlad. auf Posadowo
61 Rose Gut Südlich des Dorfes, rechts des Weges von Rose nach Bukowiec Schwartzkopff Kurt Rose
62 Sontop Im Walde in der Nähe der Gemarkung Neurose Schwartzkopff Kurt Rose
63 Sontop Im Walde rechts des Weges von Sontop nach der Haltestelle Sontop Schwartzkopff Kurt Rose
64 Sontop Rechts des Weges von Sontop nach Rose, auf den Roserstücken Fenske, Gustav Heinrich in Sontop
65 Steinhorst Schornstein der Brennerei vom Gute Steinhorst v. Sulerzyski Ritterg. In Steinhorst
66 Steinhorst Nördlich des Dorfes in der Nähe der Gemerkung Lubocz Kreis Birnbaum v. Sulerzyski Ritterg. In Steinhorst
67 Wonsowo Gut Ziegelei Schronstein v. Hardt Fried. Wilh. Rittergb. auf Wonsowo
68 Wonsowo Gut Thurm des Schlosses (Helmstangen) v. Hardt Fried. Wilh. Rittergb. auf Wonsowo
69 Wonsowo Gut Südwestlich des Vorwerks Wonsowo v. Hardt Fried. Wilh. Rittergb. auf Wonsowo
70 Wonsowo In der Nähe der Gemerkung Dombrowo, südöstlich der Försterei Löchel Johann Karl Wonsowo
71 Wengielno Im Walde rechts des Weges von Blake nach Sempolno Mühle Graf Stef. V. Korzbock Lacki Lipnica
72 Wytomischel Thurm der katholischen Kirche in Wytomischel Kath. Kirchengem. in Wytomischel
73 Zembowo Nordwestlich des Dorfes an der Grenze mit Tarnowce Hauland Jarnot Joseph in Zembowo
74 Zembowo Gut Südwestlich von Zembowko an der Grenze mit dem Gemeindebezirk Zembowo Frau v. Lacka. Emilie geb. Gräfin Mielzyska auf Pakoslaw
75 Zembowo Gut Am Wege von Komorowo Hld. Nach Zembowko Frau v. Lacka. Emilie geb. Gräfin Mielzyska auf Pakoslaw
76 Zembowo Gut Schornstein der Brennerei vom Gute Zembowo Frau v. Lacka. Emilie geb. Gräfin Mielzyska auf Pakoslaw
77 Zembowo Gut Nordöstlich des Forfes in der Nähe von Wymyslanke Frau v. Lacka. Emilie geb. Gräfin Mielzyska auf Pakoslaw
78 Zgierzynka Nördlich des Dorfes Zarna Peter in Zgierzynka
79 Zgierzynka An der Chaussee von Neustadt b. P. nach Pinne Pawlak Mathias Zgierzynka
80 Zgierzynka Rechts am Wege von Zgierzynka nach Turowo Probstei der Pfarrkiche zu Brody
81 Zinskowo Zwischen der Eisenbahn und dem Gastwirth Schulz’schen Gehöft Seide Reinhold in Zinskowo

Brandstiftung aus Eifersucht … ? / Brody 1900

Brody / Ansichtkarte aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

Brody / Ansichtkarte aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

War es Eifersucht, war es ein anderes Motiv welches den Zimmermann und Wirthssohn Martin Osinski aus Brody, einen bisher unbescholtenen Menschen, wegen des ruchlosen Verbrechens der vorsätzlichen Brandstiftung am Freitag (16. März 1900) auf die Anklagebank des Posener Schwurgerichts führte ?

* * *

Am Abende des 21. Januar d. Js. (1900) ist, wie wir z. Z. berichtet hatten, eine Scheune nebst Schweinestall und ein Schuppen der Wittwe Barbara Kubiak abgebrannt. Dieser Abbau liegt etwa 1 Kilometer vor dem Dorfe Brody an einem Wege.

Etwa 100 Stritte davon liegt das Anwesen, auf welchem Angeklagter mit seiner Schwester wirthschaftet.

Am 1. Januar war der Ehemann der Kubiak gestorben. Während seiner Krankheit hatte Angeklagter bei ihm gearbeitet und vielfach geäußert, daß er, wenn Kubiak stürbe, in die Wirthschaft heirathen würde. Kubiak war aber, als ihm dies zu Ohren kam, noch so rüstig, daß er den Angeklagten zweimal durchprügelte. Nach dem Tode des Mannes kam Angeklagter dem “Pos. Tgbl.” zufolge das erste Mal am 21. Januar Nachmittags gegen 2 1/2 Uhr zu der Wittwe Kubiak, sie bewirthete ihn und unterhielt sich mit ihm. Es war ein Sonntag. Es stellten sich dann auch der Bruder der Kubiak, Wirth Wawrzyn Smentek aus Gronsko mit dem Wirthssohne Anton Michalski aus Zembowo und bald darauf ihr Schwager, Häusler Stanislaus Cebernik aus Brody Abbau ein.

Michalski hatten ebenfalls die Absicht, die Wittwe Kubiak zu heirathen, was dem Angeklagten jedenfalls bekannt war. Die Männer unterhielten sich mehrere Stunden. Gegen 6 1/2 Uhr ging die Wittwe Kubiak zu ihrem Nachbarn, dem Wirth Peter Bartkowiak. Die Gäste begannen nun von der Verheirathung der Kubiak mit dem Michalski zu sprechen. Da erklärte der Angeklagte, daß er die Kubiak heirathen würde. Darüber war deren Schwager Cebernik empört, er packte den Angeklagten am Arme und führte ihn hinaus.

Da kam der Wirth Bartkowiak nach Hause, es war 7 Uhr geworden; er traf den Angeklagten an einer Ecke der Kubiak’schen Scheune. Nicht weit davon befand sich der Wirthssohn Stefan Kubiak, er war hinausgegangen, weil Angeklagter an jenem Tage mehrmals geäußert hatte, er würde ihnen einen “Ball” ausrichten, und Stefan Kubiak befürchtete, Angeklagter würde die Scheune seiner Mutter anzünden; er theilte seine Besorgniß dem Bartkowiak mit, und dieser schickte die Wittwe Kubiak, die er in seiner Wohnung antraf, schleunigst nach Hause.

Bald daruf kam auch Angeklagter zur Kubiak. Als diese in die Küche ging, um Kaffee zu kochen, folgten ihr Cebernik, Smentek und Michalski, um über die Verheirathung des Letzteren mit der Kubiak ruhig sprechen zu können und ließen den Angeklagten und den Stefan Kubiak in der Wohnstube zurück. Es war aber vorher dort schon in Gegenwart des Angeklagten von dieser Heirath gesprochen worden; jetzt fragte Angeklagter den Stefen Kubiak unter vier Augen, ob seine Mutter heirathen werde. Als Stefan Kubiak dies bejahte, äußerte Angeklagter wiederum: “Das wird aber schlimm werden, ich werde Euch vorher einen “Ball” ausrichten!”

Darauf verließ Angeklagter das Kubiak’sche Haus, um nach Hause zu gehen. Kurz vor 9 Uhr brach im Schuppen und in der Scheune Feuer aus, in der Scheune der auf der Tenne liegende Häckselhaufen und der linke Bansen. Das Feuer muß an zwei Stellen angelegt sein, denn eine Uebertragung des Feuers von einem Gebäude zum andern war nach Aussage der Augenzeugen in der kurzen Zeit ausgeschlossen.

Angeklagter giebt denn auch zu, das Feuer veranlaßt zu haben, aber aus “Fahrlässigkeit”. Nachdem er aus dem Kubiak’schen Hause hinausgewiesen war, habe er sich an der Scheune eine Zigarre angezündet und in seinem Aerger und in seiner Kopflosigkeit habe er nicht darauf geachtet, wohin er das glimmende Streichholz geworfen, es müsse in das Stroh vor der Scheune gefallen sein, die bald darauf in Flammen stand.

Trotzdem ist er nach Hause gegangen, Cebernik ist ihm aber bald nachgeeilt; auf dessen bittere Vorwürfe hatte er keine Antwort. Niemand hat den Angeklagten jemals rauchen sehen. Wenn gar keine Belastungszeugen vorhanden wären, so erscheint Angeklagter durch seine eigenen Angaben hinlänglich überführt; er wurde denn auch wegen vorsätzlicher Brandstiftung zu zwei Jahren Gefängniß und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf drei Jahre verurtheilt.

* * *

Beim Standesamt Neustadt bei Pinne findet sich am 4. Februar 1901 die Eheschliessung

des Wittwers und Eigentümers Josef Kubiak, katholischer Religion, geboren am 2ten März 1866 zu Michorzewko, wohnhaft zu Brody
Sohn des zu Brody der verstorbenen Eheleute: Eigentümer Lorenz Kubiak und dessen Ehefrau Josefa geborene Haladuda welche zuletzt in Glupon ansässig gewesen waren
und
der Wittwe und Eigentümerin Barbara Kubiak geborene Smetek, katholischer Religion, geboren am 26ten September 1864 zu Gronsko,
wohnhaft zu Brody, Tochter der verstorbenen Eheleute: Eigentümer Stanislaus Smetek und dessen Ehefrau Nepomucena geborene Loba, welche zuletzt in Brody ansässig gewesen waren

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1.) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – Posener Tageblatt 1900-03-17 Morgenausgabe und gleichlautend Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel 1900-03-20 / 2.) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/):Kopien der Personenstandsunterlagen Neustadt bei Pinne
 

Vertrag des Ernst W. Weidmann zum I. ordentlichen Lehrer an der Schule in Neu Tomysl / 1863 und der des Hugo Schwaebe zum II. ordentlichen Lehrer / 1866

Die Südseite des ehemaligen "Alten Marktes" mit der Stadtschule / Ansichtkarte aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

Die Südseite des ehemaligen “Alten Marktes” mit der Stadtschule / Ansichtkarte aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

Es ist wenig über die frühen Jahre der Stadtschule Neutomischel’s bekannt. Im Jahr 1877 wurde von einem häufigen Lehrerwechsel geschrieben. Es hieß, das dieser eine Folge von mangelhafter Besoldung gewesen sein soll. Der Unterricht soll daraus resultierend gelitten haben.

Nicht jede Familie hatte den Unterricht, der an der Stadtschule für Ihre Kinder erteilt worden war, für ausreichend gehalten; ihre Kinder hatten eine der weiteren in der Stadt seinerzeit existierenden Lehreinrichtungen besucht.

Zum Beispiel bestand 1867, das Gründungsjahr ist nicht bekannt, neben der evgl. Stadtschule noch eine Privatschule des Herrn Gossow; und  ungefähr um 1868 hatte Marie Landmann ihre Lehrtätigkeit als Privalehrerin in der Stadt aufgenommen. Weiterhin wurden einige Kinder deren Eltern Inhaber eines Erlaubnisscheines, ausgestellt von der Königlichen Regierung zu Posen, gewesen waren, von diesen selbst unterrichtet und hatten keine öffentliche oder private Schule besucht.

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Vocation

für den Lehrer Ernst Wilhelm Weidmann an der evangelische Schule in Neutomysl

Der bisherige interimistische Lehrer Ernst Wilhelm Weidmann wird unter Vorbehalt der Bestätigung seitens der Königl. Regierung von dem unterzeichneten Schulvorstande zum ordentlichen ersten Lehrer an der Schule in Neutomysl unter nachstehenden Verpflichtungen und unter Zusicherung des hier aufgeführten Einkommens definitiv berufen

§1 – Es wird dem Lehrer Weidmann zur Pflicht gemacht, seine Amtsobliegenheiten gewissenhaft zu erfüllen, der ihm anvertrauten Jugend durch Lehre und Beispiel nützlich zu werden und mit den Eltern der Schulkinder und den übrigen Gemeindegliedern in Eintracht zu leben, seinen Vorgesetzten überall die gebührende Achtung zu erweisen, sowie auch jede Gelegenheit zu seiner eigenen weiteren Fortbildung wohl zu benutzen und sich überhaupt stets und überall so zu betragen, wie es einem rechtschaffenen Lehrer und treuen Unterthan zukommt.

Ferner wird dem g. Weidmann ausdrücklich zur Pflicht gemacht

1. Jeden Sonntag für die aus der Schule entlassene Jugend zwei Stunden in der Schule Unterricht zu ertheilen
2. in den Schullehrer Wittwen und Waisen Unterstützungs-Verein als Mitglied einzutreten
3. an Kinder seiner Confession in benachbarten Schulen anderer Confession gegen eine von der Königl. Regierung in jedem angegebenen Falle besonders festzusetzende billige Renumeration den confessionellen Religions-Unterricht zu ertheilen.
4. die Schuljugend in der Obstbaumzucht, sowie im Turnen zu unterrichten

§2 - Wenn der Lehrer Wiedmann diese Verpflichtungen treu und gewissenhaft erfüllt, soll er rücksichtlich aller ihm zustehenden Rechte gegen jede Beeinträchtigung geschützt werden und folgende Eincurrente erhalten

1. baar 200 Thl. wörtlich: zweihundert Thaler jährlich in vierteljährigen Raten praenumerando zahlbar,
2. an Schreibmaterial Entschädigung jährlich 1 Thl. – einen Thaler
3. an Entschädigung für Beheizung des Klassenzimmers jährlich 24 Thl. – vierundzwanzig Thaler
4. freie Wohnung in der Beletage des Schulhauses, bestehend aus einer Stube, Nebenstube, Küche, Kammer und Bodenraum, sowie er die Wohnung bisher benützt hat
5. die Benutzung zweier Holzställe in dem vorhandenen Stallgebäude und des über denselben belegenen Dachboden
6. die Benutzung eines verschließbaren Apartements
7. die Nutzung des sogenannten Roehl’schen Gartens von 75 Quadrat Ruten ku. Maaß Fläche, welcher jetzt der Schule gehört
8. einen Platz zur Dünger Sammlung
9. bei Übertragung der Verwaltung einer Baumschule an Weidmann erhält derselbe aus letzterer die Nutzungen im Sinne der Königl. Regierungsverfügung vom 20. April 1846 No. 115R in welcher Beziehung nachfolgendes festgestellt wird:

a. es verbleiben dem Lehrer, ohne Unterschied, ob er die Baumschule selbst angelegt oder solche angepflanzt übernommen hat, sämmtliche Früchte derselben
b. gleicher Weise verbleibt ihm der Erlös der mit Zustimmung des Schulvorstandes und Genehmigung des Schul Inspektors aus der Baumschule verkauften Obstbäumen, es dürfen jedoch nur solche Obstbäume verkauft werden, welche schon Früchte ansetzen
c. darüber ob der Lehrer die zur Bepflanzung der Gemeindewege brauchbaren und erforderlichen wilden Bäume unentgeltlich zu liefern oder eine Renumeration … dafür zu erhalten hat, ist eine besondere Vereinbarung zu treffen
d. der Lehrer darf bei seinem Abgange von der Schule unter keinen Umständen aus der Obstbaumschule etwas mitnehmen.

Zur Urkund dessen haben wir diese Vokation eigenhändig unterschrieben.

Neutomysl 22/12 1863

Der Magistrat – Der Schulvorstand

* * *

  • Ernst Wilhelm Weidmann (ca. 1834 geboren) war mit
  • Anna Peikert (ca. 1840 geboren) verheiratet,
  • 1865 wurde die gemeinsame Tochter Agnes Elisabeth Caroline in Neu Tomysl geboren, sie verstarb nur wenige Monate später
  • 1868 soll Ernst Wilhelm Weidmann um seine Entlassung als Lehrer gebeten und die Stadt verlassen haben.

* * *

Vocation

für den Lehrer Hugo Schwaebe an der evangelische Schule in Neutomysl

Der bisherige Lehrer in Schwarzhauland Kreis Buk Hugo Schwaebe welcher unterm 16. Januar zum 2ten ordentlichen Lehrer von der hiesigen evangelischen Schule vom Schulvorstande gewählt worden ist, wird vom letzteren unter Vorbehalt der Bestätigung der Königl. Regierung resp. unter nachstehenden nachstehenden Verpflichtungen und unter Zusicherung des hier aufgeführten Einkommens zu dem ihm übertragenen Lehr Amte definitiv berufen:

§1 Es wird dem Lehrer Schwaebe zur Pflicht gemacht, seine Amtsobliegenheiten gewissenhaft zu erfüllen, der ihm anvertrauten Jugend durch Lehre und Beispiel nützlich zu werden und mit den Eltern der Schulkinder und den übrigen Gemeinde Gliedern in Eintracht zu leben, seinen Vorgesetzten überall die gebührende Achtung zu erweisen, sowie auch jede Gelegenheit zu seiner eigenen weiteren Fortbildung wohl zu benutzen und sich überhaupt stets und überall so zu betragen, wie es einem rechtschaffenden Lehrer und treuen Unterthan zukommt.

Ferner wird dem g. Schwaebe ausdrücklich zur Pflicht gemacht

1. Jeden Sonntag für die aus der Schule entlassene Jugend zwei Stunden in der Schule Unterricht zu ertheilen
2. In den Schullehrer Wittwen und Waisen Unterstützungs-Verein als Mitglied einzutreten.
3. an Kinder seiner Confession in benachbarten Schulen anderer Confession gegen eine von der Königl. Regierung in jedem einzelnen Falle besonders festzusetzende billige Renumeration den confessionellen Religions-Unterricht zu ertheilen.
4. die Schuljugend in der Obstbaumzucht sowie im Turnen zu unterrichten
5. der hier gegründeten, der Schule gehörigen Jugendbibliothek gegen eine Entschädigung von 16 2/3 pro Cent der einkommenden Lehrgebühr zu verwalten.

§2 Wenn der Lehrer Schwaebe diese Verpflichtungen treu und gewissenhaft erfüllt, soll er rücksichtlich aller ihm zustehenden Rechte gegen jede Beeinträchtigung geschützt werden und folgende Eincurrente erhalten

1. baar jährlich 160 Thl wörtlich Einhundert sechzig Thaler in viertel jährigen Raten praenumerando zahlbar
2. an Schreibmaterial Entschädigung jährlich 1 – einen Thaler
3. an Entschädigung für Beheizung des Klassenzimmers jährlich 23 Thl. – drei und zwanzig Thaler
4. freie Wohnung in der Dachetage des Schulhauses, bestehend aus zwei Stuben und 2 Kammern und gemeinschaftlicher Benutzung des Bodenflures
5. Benutzung zweier Holzställe in dem vorhandenen Stallgebäude und des über denselben befindlichen Dachboden
6. die Benutzung eines verschließbaren Apartements
7. bei Übertragung der Verwaltung einer Baumschule erhält g. Schwaebe aus letzterer die Nutzungen im Sinne der Regierungsverfügung vom 20. Apri 1846 (No. 115R) in welcher Beziehung folgendes festgestellt wird

a. es verbleiben dem Lehrer, ohne Unterschied, ob er die Baumschule selbst angelegt oder solche angepflanzt übernommen hat, sämmtliche Früchte derselben
b. gleicher Weise verbleibt ihm der Erlös der mit Zustimmung des Schulvorstandes und Genehmigung des Schul Inspektors aus der Baumschule verkauften Obstbäumen, es dürfen jedoch nur solche Obstbäume verkauft werden, welche schon Früchte ansetzen
c. darüber ob der Lehrer die zur Bepflanzung der Gemeindewege brauchbaren und erforderlichen wilden Bäume unentgeltlich zu liefern oder eine Renumeration … dafür zu erhalten hat, ist eine besondere Vereinbarung zu treffen
d. der Lehrer darf bei seinem Abgange von der Schule unter keinen Umständen aus der Obstbaumschule etwas mitnehmen.

Zur Urkund dessen haben wir diese Vokation eigenhändig unterschrieben.

Neutomysl 24/03 1866

Der Magistrat – Der Schulvorstand

 * * *

  • Hugo George Schwaebe (ca. 1841 geboren) war mit
  • Maria Anna Weinert (1852 geboren) verehelicht, als ihre Kinder fanden sich:
  • 1874 George Hugo August
  • 1878 Johannes Rudolph Hugo
  • 1880 Gertrud Anna Clementina
  • 1881 Arnold Hugo Carl
  • 1884 Clemens Hugo Arnold
  • 1886 Reinhold Ernst Hugo
  • 1887 Christian Wilhelm Hugo Reinhard
  • 1893 Wilhelm Hugo Oscar

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/):Kopien der Kirchenbüchern/Personenstandsunterlagen der Parochie/Stadt Neu Tomysl/Neutomischel und die Akten des Magistrats- und der Polizei-Verwaltung zu Neutomischeol (4385-0103) betreffend Privatschulen

 

Berichterstattungen zu den Morden an dem Schuhmacher Myszkowski und dem Forsteleven Rau / 1904-1905

"In Erinnerung ..."               / Bild EA

“In Erinnerung …” / Bild EA

War im “Interesse der öffentlichen Sicherheit” eine baldige Aufklärung der Mordfälle als “wünschenswert” angesehen worden, so zogen sich die Ermittlungen dennoch in die Länge.

Im Fall des Ermordeten Schuhmachermeisters Myszkowski hatte Mitte November 1904 noch eine weitere Verhaftung, als die schon Beschriebenen, stattgefunden. Den Zeitungsberichten folgend, kann hier aber angenommen werden, dass der Verdacht auch gegen diesen Inhaftierten nicht aufrecht erhalten worden war. Was aber letztlich wirklich aus den jeweils Verdächtigten in den Orten Fraustadt, Samter, Xions und letztlich aus Stenschewo wurde, ist nicht bekannt; zu keiner der in den Zeitungsartikeln erwähnten Personen wurden weitere Berichte gefunden.

Im Fall des zweiten Opfers, des Ermordeten Forsteleven Rau, war man kaum vorangekommen. Die anfänglich ausgeschriebene Belohnung von 300 Mark wurde zum Jahreswechsel 1904/1905 auf 1000 Mark erhöht. Es galt das Bestreben den Täter unbedingt zu ergreifen.

Es wurde mit diesen beiden Morden ein weiteres, ein drittes Opfer in Zusammenhang gebracht; das des im Schmiegeler Forst erschossen aufgefundenen Försters Kowalleck.

* * *

11.11.1904

Unter diesem Datum fand sich die letzte Berichterstattung dieses Jahres zum Fall Myszkowski:

“Das “Samter’sche Kreisblatt” berichtet aus Stenschewo: Am vorigen Freitag abends verhaftete der hiesige Bürgermeister persönlich den Arbeiter Stanisl. Andrzeszak aus Witomischel, Kreis Neutomischel.

Die mit dem Andrzeszak aufgenommene Verhandlung hat ergeben, daß er bei dem in der Nacht vom 1. zum 2. Oktober ermordeten Schuhmacher Josef Myszkowski aus Brody in einem Obstgarten in der Nähe von Pakoslaw, Kreis Neutomischel , tätig war und vor drei Wochen fortgegangen ist.

1.000 Mark Belohnung - für die Ermittlung der Täter / Veröffentl. in der Kreiszeitung

1.000 Mark Belohnung – für die Ermittlung der Täter / Veröffentl. in der Kreiszeitung

Da das von der Staatsanwaltschaft bezüglich des mutmaßlichen Mörders bekannt gegebene Signalement auf Andrzeszak paßte, dieser auch, über den Mord befragt, angab, daß er mit einer zweiten Person, angeblich einem Schmied, dessen Zunamen und Verbleib er nicht anzugeben vermochte, bis vor drei Wochen mit dem Ermordeten zusammen gewesen war, wurde er wegen Verdacht des Mordes der Staatsanwaltschaft in Posen zugeführt. Bei der Verhaftung, welche der Bürgermeister vornahm, leistete Andrzeszak derartigen Widerstand, daß der Gendarm zu Hilfe kommen mußte.”

Zum Fall “Rau” wurde weitergehend wie folgt berichtet:

09.12.1904
“Wie wir erfahren, ist in jener Gegend, wo der Forsteleve Rau ermordet worden ist, ein Gewehr gefunden worden, mit welchem vermutlich der Mord ausgeführt wurde. Der Erste Staatsanwalt aus Meseritz wird sich heute an Ort und Stelle begeben, um den Tatbestand aufzunehmen. Hoffentlich gelingt es nun, Licht in das grausige Dunkel zu bringen.

23.12.1904
In der Untersuchung, betreffend die am 11. Oktober 1904 im Walde bei Bolewitz erfolgte Ermordung des Forstarbeiters Rau, ist es von größter Wichtigkeit festzustellen, wer zwischen dem 29. November und 6. Dezember 1904 das Tesching des Rau bei der Mordstelle hingelegt hat. Wer zur Emittelung des Betreffenden beiträgt, hat eine erhebliche Belohnung zu erwarten.
Meseritz, den 19. Dezember 1904 – Der Erste Staatsanwalt

03.01.1905

1000 M. Belohnung.

Der Herr Regierungs-Präsident zu Posen hat die für die Ermittelung der Täter, welche wahrscheinlich am 11. Oktober 1904, abends den Forstaufseher Rau in der Forst bei Bolewitz erschossen haben, ausgesetzte Belohnung auf eintausend Mark erhöht.
Nachrichten erbeten zu 2 J. 1206/04.

Meseritz, den 31. Dezember 1904. – Der Erste Staatsanwalt”

Letztlich endet die Berichterstattung in der Neutomischeler Kreiszeitung mit nachfolgenden zwei Beiträgen:

17.02.1905
“Am Sonnabend nachmittag (11.02.1095) trafen in Hammer zwei Zigeuner zusammen, die nach einem Wortwechsel in eine Schlägerei gerieten. Plötzlich zog der jüngere der beiden seinen Revolver und schoß den anderen in den rechten Oberarm, in dem die Kugel stecken blieb. Trotz der schweren Verletzung zog nun auch der andere seinerseits die Waffe und gab zwei Schüsse auf seinen Gegner ab, die jedoch fehl gingen.

Beide Revolverhelden wurden festgenommen und dem hiesigen Amtsgerichtsgefängnis (vermutlich in Wollstein) zugeführt. Bei der Festnahme äußerte der jüngere der beiden, daß der andere der Mörder des kürzlich in der Schmiegeler Forst erschossen aufgefundenen Försters Kowalleck sei.”

21.02.1905
“Kürzlich wurden zwei Zigeuner namens Franz Arway und Franz Werner verhaftet, wobei (der) Werner von (dem) Arway des Mordes beschuldigt wurde. Die Anschuldigung bezieht sich auf den Ende August in der Forst Bolewitz erschossen aufgefundenen Forsteleven Rau und den bald darauf auf der Chaussee bei Brody, Kreis Neutomischel, ermordeten Schuhmacher Myszkowski aus Brody. Die Untersuchung hat festgestellt, daß Werner zur Zeit der Morde sich wirklich in der Gegend Neutomischels aufgehalten hat.”

* * *

Offen bleibt, ob letztlich diese beiden Genannten, die scheinbar vagabundierend und vielleicht sogar mordend in der Region unterwegs gewesen waren, die wirklichen Täter gewesen waren ?; es fand sich weder eine Berichterstattung über die weiteren Untersuchungen zu den Mordfällen noch über eine Verurteilung.

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1904/1905

Ein weiterer Mord – der Forsteleve Rau aus Bolewitz wird erschossen aufgefunden / 1904

Es war eine Belohnung für Ermittelung des Täters ausgesetzt worden / Veröffentl. im Kreis-Blatt

Es war eine Belohnung für Ermittelung des Täters ausgesetzt worden / Veröffentl. im Kreis-Blatt

Während die Ermittlungen hinsichtlich des Raubmordes an dem Schuhmachermeister Myszkowski aus Brody in vollem Gange waren, ereignete sich ein weiterer Mord.

Am 12. Oktober 1904 wurde der Forsteleve Hermann Rau gebürtig aus Luben Hauland im Königlichen Forst Buchwerder erschossen aufgefunden. Im Gegensatz zu ersterem Mord, bei welchem dem Opfer ein namhafter Betrag Bargeld entwendet worden war, und man von dem Motiv eines Raubmordes ausgegangen war, befanden sich in diesem zweiten Fall die Wertgegenstände des Ermordeten noch in dessen Besitz.

Innerhalb kürzester Zeit wurde nunmehr das “Interesse der öffentlichen Sicherheit” und eine baldige Aufklärung beider Fälle als “wünschenswert” angesehen.

Nachfolgend die Berichtserstattung zu diesem zweiten Mordfall:

* * *

“14-10-1904
Am Mittwoch (12.10.1904) früh wurde der 26 Jahre alte Forsteleve Rau aus Luben-Hauland im Königl. Forst zwischen Bolewitz und Grudno tot aufgefunden. Die Leiche zeigte blauunterlaufene Stellen am Halse, auch war das Gesicht dunkelrot gefärbt; am Kopfe waren einige leichte unbedeutende Rißwunden zu bemerken.

Da der Tote seine Wertsachen noch bei sich hatte, so ist wohl kaum anzunehmen, daß der Unglückliche einem Raubanfall zum Opfer gefallen ist. Auch sein Rad wurde etwa 200 Schritte von der Leiche entfernt aufgefunden. Der Tote litt schon längere Zeit an Krämpfen, und es ist wohl anzunehmen, daß derselbe einem Schlaganfall erlegen ist. Eine Sektion der Leiche fand nicht statt.

1904-10-18
In der Grudno’er Leichenfund-Angelegenheit müssen wir zur Berichtigung und Ergänzung unserer Notiz in voriger Nummer des Kreisblattes mitteilen, daß jedenfalls doch ein Mord vorliegt.

Wie uns von wohlunterrichteter Seite darüber gemeldet wird, hat nachträglich am Freitag (14.10.1904) nachmittag die Sektion der Leiche doch noch stattgefunden, welche ergab, daß der Tote eine äußerlich fast unsichtbare Schußwunde am Halse hatte; das Projektil eines ganz kleinen Kalibers, wahrscheinlich von einem Tesching herrührend, fand man in dem Gehirn vor. Da eine Waffe bei der Leiche nicht gefunden wurde, so steht wohl unzweifelhaft fest, daß hier nicht ein Unglücksfall, sondern Mord vorliegt. Die Leiche scheint, da man weder am Halse noch an dem Rock Blut entdecken konnte, nach der ruchlosen Tat noch abgewaschen worden zu sein. In der Nähe der Unglücksstätte wurden vier Stellen im Walde bemerkt, auf welchen sich jedenfalls ein erbitterter Kampf abgespielt zu haben scheint, denn der Waldboden war sehr aufgewühlt. Dahingegen waren an der Stelle, wo die Leiche gefunden wurde, Spuren eines stattgefundenen Kampfes nicht zu entdecken. Der Leiche war der Rock, der übrigens dem Toten verkehrt angezogen worden war, über das Gesicht gedeckt.

Man sucht vergebens nach dem Grund, der den Mörder zu dieser schauerlichen Tat bewogen haben wird. Der Ermordete wird uns als ein ruhiger und harmloser Mensch geschildert, so daß man auch einen Racheakt kaum vermuten kann. Er war noch unverheiratet und stammte, wie wir bereits mitteilten, aus Luben-Hauland, wohnte zuerst in Bolewitz und siedelte nach dem großen Brande nach Krummwalde über. Er war gelernter Gärtner und wollte sich hier in den Forstkulturen ausbilden, um später in einer Privatforst angestellt zu werden. Auch von seinen Vorgesetzten wird er als ein braver und ordentlicher Mensch geschildert.

Leider wird die Ermittelung des Mordgesellen keine leichte Aufgabe sein. Im Interesse der öffentlichen Sicherheit ist es aber gewiß wünschenswert, wenn sowohl dieser Mord sowie derjenige in Brody recht bald aufgeklärt würden, damit die Täter dem Richter überantwortet werden können.

1904-10-21
In der mysteriösen Grudno’er Mordsache haben sich trotz eifrigster Nachforschungen noch keinerlei Anhaltspunkte ergeben, die zur Ergreifung des Mörders führen könnten.

1904-10-28

Bekanntmachung.

Am 12. Oktober 1904 ist der Forstarbeiter (Forsteleve) Hermann Rau in der Königlichen Forst Buchwerder bei Bolewitz (Kreis Neutomischel) erschossen aufgefunden. Es liegt anscheinend Mord oder Totschlag vor. Für die Ermittelung des Täters, der den Rau erschossen hat, hat der Herr Königliche Regierungs-Präsident in Posen eine Belohnung von

300 Mark – dreihundert Mark -

ausgesetzt.

Ich bringe dieses zur öffentlichen Kenntnis und ersuche, mir etwaige zur Ermittelung des Täters zweckdienliche Nachrichten zu den Akten 2. J. 1206/04 umgehend mitzuteilen.

Meseritz, den 25. Oktober 1904 – Der Königl. Erste Staatsanwalt.

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1904/10

Der Mord an dem Schuhmachermeister Myszkowski aus Brody – 1904 – Erste Ermittelungen

Die kath. Kirche in Brody - Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Die kath. Kirche in Brody – Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Das Neutomischler Kreisblatt vom 04. Oktober 1904 berichtete wie folgt:

Raubmord.

Die schreckliche Kunde von einem bei Pakoslaw verübten Raubmord durcheilte gestern (03.10.1904) unsere Stadt. Leider bestätigt sich dieses Gerücht von der schauerlichen Untat voll und ganz.

Es wird uns darüber folgendes berichtet: Der Schuhmachermeister Micszikowski aus Brody wurde am Sonnabend abend von Arbeitern auf dem Wege von Brody nach Pakoslaw dicht hinter dem neuen Schulhaus von Pakoslaw mit durchschnittenem Halse aufgefunden. Der Meister hatte am Tage bei seinen Kunden Geld eingezogen und soll wohl über 100 Mark bei sich gehabt haben. Bei dem Ermordeten fehlt das Geld.

Er hinterläßt eine Frau und 4 kleine unversorgte Kinder.

Von dem ruchlosen Mordgesellen fehlt bis jetzt jede Spur.”

Der Fundort des Toten wurde seitens de Königlichen Distriktamtes zu Neustadt bei Pinne mit “zu Pakoslaw im Graben neben dem Kleinbahndamm” angegeben. Als Todeszeitpunkt galt der “01. October 1904 nachmittags zwischen zehn und elf Uhr”.

* * *

Es fand sich folgende weitere Berichterstattung zu den eingeleiteten Ermittlungen:

“07.10.1904
Die Untersuchung gegen den Raubmörder, welcher den Schuhmachermeister Micszikowski aus Brody am vergangenen Sonnabend ermordet und beraubt hat, ist eingeleitet und wird energisch geführt. Es haben an mehreren Orten bereits Haussuchungen stattgefunden, die aber bis jetzt alle resultatlos verlaufen sind.

21.10.1904
In der Brodyer Mordangelegenheit sind bereits mehrere Verhaftungen vorgenommen worden.

So wird aus Fraustadt folgendes gemeldet: Von hiesigen Polizeibeamten sind hier ein Mann und eine Frau festgenommen worden, weil sie sich verdächtig gemacht haben, den Schuhmacher Myczkowski aus Brody ermordet zu haben. Beide wurden dem Gericht zugeführt.

Desgleichen wird aus Samter unterm 19. d. M. wie folgt berichtet: Dringend verdächtig, an dem Morde des Schuhmacher Myczkowski aus Brody beteiligt gewesen zu sein, wurde gestern abend vom Herrn Stadtwachtmeister Mai ein Mann verhaftet, der sich auf verschiedenen Stellen anbot, Schirme zu reparieren. – Ob man hier die wirklichen Täter gefaßt hat, wird die Untersuchung ergeben.

01.11.1904
In der Mordsache des Schuhmachers Myszkowski aus Brody wird dem Schrimmer Kreisblatt aus Xions berichtet: Jetzt sind ein Ehepaar und zwei Kinder, auf die das Signalement des Ersten Staatswalts in Posen genau paßt, durch den berittenen Gendarm Fasel in Potarzyce festgenommen worden. Ein anderer Mann, der mit den Verhafteten zusammen war, hat die Flucht ergriffen. Die Kleider des Mannes waren noch mit Blut bespritzt, an der Frau waren Kratzwunden zu sehen. Das elfjährige Mädchen hat bekundet, daß ihre Eltern in der fraglichen Nacht in der Nähe der Mordstelle mit noch einem andern Mann gewesen seien.”

Weitere Berichterstattungen zu den Ermittlungen folgen …

* * *

  • Beim Standesamt in Neustadt bei Pinne wurde unter dem 23. November 1894 die Ehe zwischen dem in Brody ansässigen
  • Schuhmachers Joseph Myszkowski, katholischer Religion, welcher am 17. Februar 1869 zu Pakoslaw
  • als Sohn der Eheleute Franz und Teodora (geb. Mateleska) Myszkowski geboren worden war
  • mit der Magdalena Janas, katholischer Religion, geboren am 13. Juli 1867 zu Brody
  • als Tochter der Eheleute Anton und Marianna (geb. Stachowiak) Janas eingetragen.
  • 1895 wurde der Sohn Franz geboren, welcher von einem Wagen überfahren wurde und verstarb;
  • 1898 folgte die Tochter Martha;
  • 1899 der Sohn Paul und
  • 1900 der Sohn Xaver

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1904/10 – 2) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/):Kopien der Personenstandsunterlagen Neustadt bei Pinne

 

Schöffengerichtssitzung vom 14. Dezember 1904

Relief über dem Eingang des ehemaligen Amtsgerichtes - Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit; die Waage für die sorgfältige Abwägung der Sachlage, die Augenbinde für die Unparteilichkeit fehlt, das Richtschwert für die Durchsetzung mit der nötigen Härte - Bild: EA

Relief über dem Eingang des ehemaligen Amtsgerichtes – Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit; die Waage für die sorgfältige Abwägung der Sachlage, die Augenbinde für die Unparteilichkeit fehlt, das Richtschwert für die Durchsetzung mit der nötigen Härte – Bild: EA

Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat von Grabski, Amtsanwalt Herr Sekretär Großkopf, Schöffen waren die Herren Bäckermeister Liepelt-Neutomischel und Eigentümer Steinke aus Bukowiec.

Verhandelt wurden folgende Fälle:

  1. Der Angeklagte Jakob Koza aus Neustadt b. P. wurden wegen Mißhandlung des Knechts Fiege aus Scharke zu einer Gesamtstrafe von 4 Wochen verurteilt, wovon 2 Wochen durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wurden.
  2. Der Tischlermeister Olschewski von hier (Neutomischel) wurde wegen Bedrohung und Körperverletzung mit 10 Mk. bestraft.
  3. Die Klagesache gegen Franz Molenta aus Bolewitz wegen Körperverletzung mußte vertagt werden, da der Angeklagte nicht erschienen war.
  4. Der Eigentümer Otto Stenschke aus Scherlanke wurden wegen Hausfriedensbruches mit 20 Mark bestraft.
  5. Der Eigentümer Wilhelm Gebauer und der Ausgedinger Paul Gebauer, beide aus Scherlanke, erhielten wegen Grenzbeschädigung eine Geldstrafe von 20 Mk.
  6. Wegen körperlicher Mißhandlung des Schulknaben Schlifke von hier (Neutomischel) erhielt der Schlosserlehrling Wilhelm Gedrange einen Verweis, während der Fuhrmann und Eigentümer Kahl mit 6 Mk. bestraft wurde. Die übrigen Mitangeklagten wurden dagegen freigesprochen.
  7. Der Ausgedinger Joseph Maczijewicz aus Bolewitz erhielt wegen Mißhandlung des Knaben Pathan ebenda 10 Mk. Geldstrafe.
  8. Der Arbeiter Gustav Vetter von hier (Neutomischel) war der Mißhandlung des Maurerlehrling Otto Fiege bezichtigt. Die Sache wurde vertagt.
  9. Der Zimmermann Wilhelm Schilling wurde von der Anklage des Bettelns freigesprochen, dagegen wurde er wegen Körperverletzung des Gastwirtssohnes Rausch aus Sontop mit 2 Wochen Gefängnis bestraft.
  10. Die Arbeiterfrau Magdalena Patan aus Alttomischel war geständig, eine Henne sowie eine Quantität Kleie entwendet zu haben. Sie muß dafür 2 Tage Gefängnis verbüßen.
  11. Die Privatklage des Wirtschafters August Zerbe aus Zinskowo und Tischlermeisters Berthold Thomas aus Neutomischel wurde durch Vergleich erledigt.
  12. Die Privatklage des Hopfenhändlers Raphael Lewy von hier (Neutomischel) gegen den Wirth Ignatz Pirsch aus Bukowiec kam nicht zur Verhandlung, da ersterer die Klage zurückzog.
  13. In der Privatklagesache des Wirts Weimann aus Bukowiec gegen die Einwohnerfrau Muczik wurden beide Parteien zur Tragung der Kosten verurteilt.
  14. Die Privatklage des Eigentümers Karl Kucz zu Alttomischel gegen den Eigentümer Kandula wird dadurch erledigt, daß ersterer die Klage auf Kosten des Beklagten zurücknimmt.
Quelle: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel 1904-12-14

Kurzmeldung – Einbruch in die Gastwirtschaft Fenske / 1903

Bahnhof Sontop und Gasthof Fenske - Postkartenausschnitte

Bahnhof Sontop und Gasthof Fenske – Postkartenausschnitte

“Einbrecher statteten in der Nacht von Montag zu Dienstag (29./30.12.1902) um ½ 2 Uhr beim dem Gastwirth Fenske am Bahnhof Sontop ihren Besuch ab, wobei sie mit großer Frechheit vorgingen.

Herr Fenske kam grade hinzu, als zwei Personen, von denen die eine einen hellen Ueberzieher, langen schwarzen Schlips und weißes Chemisette trug und in den dreißiger Jahren sein konnte, durch das Fenster entweichen wollten. Ohne sich stören zu lassen und unter dem Schutze von zwei Aufpassern nahmen sie Cigarren und Spirituosen im Werthe von etwa 30 Mark mit und verschwanden in dem nahe gelegenen Wald.”

›ο‹

“Wir erhalten darüber nachfolgenden Bericht: Die Diebe, die vor einiger Zeit die Gastwirthe unserer Gegend heimsuchten, haben nun auch dem Gastwirth Fenske in Cichagora (Bahnhof Sontop), einen Besuch abgestattet.

In der Nacht vom 29. zum 30. Dezember stieg ein Dieb ins Gastzimmer, nachdem er vorher ein Fenster zertrümmert hatte. Zwei andere Personen standen Schmiere und nahmen dem Einbrecher die Beute durchs Fenster ab. Der Besitzer, der durch den Lärm erwacht war, gab einen Schuß durchs Fenster ab, um die Diebe zu verscheuchen.

Als er dann vom nahen Bahnhof Hilfe wollte, schlugen die Diebe noch ein Fenster ein und verschwanden im nahen Walde.”

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1903-01-03

Schöffengerichtssitzung vom 23. November 1904

Relief über dem Eingang des ehemaligen Amtsgerichtes - Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit; die Waage für die sorgfältige Abwägung der Sachlage, die Augenbinde für die Unparteilichkeit fehlt, das Richtschwert für die Durchsetzung mit der nötigen Härte - Bild: EA

Relief über dem Eingang des ehemaligen Amtsgerichtes – Justitia, die Personifikation der Gerechtigkeit; die Waage für die sorgfältige Abwägung der Sachlage, die Augenbinde für die Unparteilichkeit fehlt, das Richtschwert für die Durchsetzung mit der nötigen Härte – Bild: EA

Vorsitzender Herr Amtsgerichtsrat v. Grabski, Amtsanwalt Herr Bürgermeister Witte, Schöffen waren die Herren Kurz-Paprotsch und Sperling-Neuborui.

Verhandelt wurden folgende Fälle:


1. Die Arbeiter Johann Lodigga und Nowak aus Witomischel waren beschuldigt, den Fleischer Bruno Otto ebenda mit Steinen beworfen zu haben. In Ermangelung von Beweisen wurden sie beide freigesprochen. Ein dritter Mitbeschuldigter wird vom Militärgericht abgeurteilt werden.

2. Der Korbmacher August Seide hierselbst (Neutomischel) war der polizeilichen Aufforderung, sich eine Wohnung zu verschaffen, nicht nachgekommen und deshalb angeklagt. Die Sache wurde vertagt.

3. In der Privatklagesache des Handelsmannes Lischinski gegen den Privatförster Pausch zu Rose wegen Beleidigung übernahm der letztere vergleichsweise die Kosten.

4. Die Privatklage des Eigentümers Gustav Redlich gegen den Eigentümer Rudolf Kuschitzki aus Cichagora wurde dahin erledigt, daß letzterer wegen Beleidigung eine Geldstrafe in Höhe von 15 Mark erhielt.

5. Die beiden letzten Privatklagen Blachowiak gegen Weimann und Stanislaus Kucz gegen Agnes Nigga wegen Beleidigung wurden durch Vergleich erledigt, indem die Angeklagten die Kosten übernahmen.

* * *

Quelle: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel 1904-11-23

Gottlob Schmidt – geboren 1775

Im Kreisblatt Neutomischel erschien am 19.04.1911 ein sehr interessanter Artikel über einen aufgefundenen Geburtsschein. Heute sind die frühen Aufzeichnungen der evangelischen Parochie Bentschen nicht mehr einsehbar; sodass hier wieder ein kleines Stück Geschichte überliefert und ergänzt wurde.

♦ ♦ ♦

“Eine alte Urkunde aus dem Jahre 1792 ist in der Lade der Samter’schen Müller-Innung vorgefunden worden. Sie stellt einen Geburtsschein dar und ist von den Schulzen und Schöffen zu Paprotsch-Hauland hiesigen Kreises ausgefertigt, ist auf Büttenpapier kalligraphisch mit vielen Schnörkeln geschrieben und hat folgenden Wortlaut:” . . .

* * *

Artikel aus dem Jahr 1911 - Quelle: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel”

Artikel aus dem Jahr 1911 – Quelle: Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel”

“Wir Scholtzen und Gerichten des Orts, der papareischen, Hauländer Gemeinde, auf unser Aller-Genädigst ertheilten, Privilegium, und Intercession; entbieten allen, wes Standes und Würden die sind, denen dieser offene Brief vorkömt; ansern freundlichen Gruß; und geflüssene Dienst; und bekönnen demnach hier öffentlich, gegen jeder männiglichen, daß für uns; in Gerichtlichen Orte, und Stelle erschienen.

Der Wohl Ehrbare und Wohlbenannte Friedrich Schmidt, Erb Bewohners allhier; Bittlich angehalten; und umb ertheilung eines Geburths-Briefes vor seinen jüngsten Sohn; nahmens Gottlob Schmidt.

Auch zu solchen Behuff; denn Wohl Ehrbaren und Wohlbenamten Christoph Horlitzen, Erblichen Eigenthümers, und Mittnachbars allhier; Und denn Ehrbaren und Wohlbenahmten Christian Werner, Erblichen Eigenthümers, in dem Benachbarten Grätzer Haulande; hierselbst zu Zeugen Produciret, Wann dann jetzt benannten beyde Gezeugen, mit entblößten Häupten, und erhobenen Fingern, zu Gott geschworen, ihnen sey wissentlich, ja, und whar; daß Vorweiser, dieser Gottlob Schmidt, von schon erwehnten Friedrich Schmidt Erb Bewohners allhier; seinen recht Leiblichen, und Nathürlichen Vater;

Und die Ehr, und Tugendsahme Anna Schmidin, eine gebohrene Richterin, seiner rechten Leiblichen Mutter; als zweyen Christlichen Ehe-Leuten, guter Teitscher, unversprochener Arth, und Nation, aus einen rechten Gottwohlgefälligen Ehe-Bette, nach Anweisung und Ordnung, der Heiligen Christlichen Kirchen; echt und recht erzeiget, und an daß Tages Licht dieser Welt Gebohren worden; auf denn Gast-Hofe, auf denn benachbahrten Baruschen Hammer; des 1775 Jahres, den 5. Juny, und darauf in der Benschner Pfarr-Kirchen Getauft worden. Die Pathen sind gewesen: der Wohl Ehrbare, und Wohlbenahmte Christian Bartsch, Eysen Schmieds auf dem Baruschen, Hammer; Und der Ehrbare und Wohlbenamte Johann Jachmann, Erblichen Eigentümers im Kommerower Haulande.

Sein Groß Eltern auch gewesen; der Groß-Vater Väterlichen Seite, Weyl. Johann Schmidt, gewesenen Erblichen Eigenthümers, und Gerichts-Scholtzens in Steinbach, im Schwiebußer Kreise gelegen. Die Großmutter Väterlichen Seite; Weyl. Anna Schmiedin, eine Gebohrene Kohlmeyhin.Der Groß Vater Mütterlichen Seite; Weyl. Christoph Richter, gewesenen Erblichen Eigenthümers, im Kommerover Hauland. Die Groß Mutter Mütterlichen Seite; die Weyl. Anna Richterin, eine Gebohrene Ehrlichin.

Als haben wir , hierüber, diese öffentliche Kundschaft mitteilen wollen, und ersuchen, alle, und jede, denen solche Vorzeiget, werden wird, Respektive, Dienst und Freundlich, nicht allein, Vorstehenden, allen völligen Glauben bey zu messen, sondern auch denn Impetranten, dessen Würklichen genoß empfinden, zu lassen; ihn bey Zünften und Innungen, oder wo er sonsten ein zu kommen sich bewerben und anhalten möchte, willig auf, und anzunehmen, und allen förderlichen Willen Gunst, und Gewogenheit zu erweisen, welches Er hoffentlich mit schuldigsten Dank wird wissen zu erkönnen; und wir werden nicht ermangeln, in solchen, und dergleichen Fällen, uns hinwiederumb, willfährig zu bezeigen.

Urkundlich unter unsern Gerichts Insiegel außgestellt und gegeben worden; Signatum, Papareischen Hauland, den 20. August Ein Tausen Sieben-Hundert, und zwey und Neuntzig.
Zur Zeitt Schöffen und Gerichten L.S. Marttin Fentzke – Schulß, Tobias Gregor, Johan Wrotzke, Christoph Kahl, Jakob Voß – sämtliche gerichten.”

* * *

In den Kirchenbücher der evangelischen Parochie Neutomischel fanden sich zu dieser Familie noch folgende Einträge:

14 März (1802) Ist bey hiesiger Kirche begraben worden Anna Schmiedin geb. Richter, welche am 10ten Nachmittags verstorben, des Friedrich Schmitt Nachbahrs in der Paprotscher Gemeine Ehefrau. Alt 66 Jahre 3 Monate.

12ten October (1802) Ist in hiesiger Kirche getraut worden Friedrich Schmitt Nachbahr in der Paprotscher Gemeine, ein Wittwer mit Frau Anna Dorothea Bansin geb. Bielkin des weil Johann Bansen ehemal. Nachbahrs in der Paprotscher Gem. nachgelassene Ehefrau. Der Bräutigam war 69, die Braut 63 Jahre alt

über Gottlob (Gottlieb) Schmidt kann nichts abschliessendes gesagt, da dieser Name mehrfach in Kirchenbüchern genannt wurde; selbst unter der Annahme, da die Geburtsbescheinigung bei einer Müller-Innung gefunden wurde, dass er das Handwerk eines Müllers erlernt hatte, fanden sich noch mehrere Personen gleichen Namens

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/) Kopien der Kirchenbüchern der Parochie Neu Tomysl/Neutomischel; 2) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1911-04-19

Lebensweise der Landleute – Hauländer – Spinnrockenstuben – Spuk- und Geistergeschichten / ca. 1847-1857

"Das festliche Jahr" - Eine Spinnstube - Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Spinnstube

“Das festliche Jahr” – Eine Spinnstube – Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Spinnstube

In diesem Beitrag ist die Beschreibung des Lebens der Landleute – Hauländer durch B. Roy aus seinem Buch “Kind, Jüngling, Mann” – Erstveröffentlichung im Jahr 1895 – wiedergegeben.

B. Roy selbst stammte aus einer Familie, in der beide Elternteile berufstätig waren. Sein Vater war Schuster und seine Mutter die Hebamme in und um Neu Tomysl; er beschrieb seine Mutter als “Haupternährerin” der Familie. Wir haben seine Beschreibung ihrer Tätigkeit im Artikel “Die Hebamme von Neutomischel – um 1830″ im Mai 2012 veröffentlicht.

War in dem Beitrag über die Arbeit seiner Mutter noch von “armen Häuslern und Tagelöhnern” geschrieben worden, davon, dass sie bei ihrer Anwesenheit zu einer anstehenden Geburt mit “so gut wie keiner Verpflegung” oft auf die Niederkunft, wenn sie zu früh gerufen worden war, vor Ort blieb, und darüber, dass seine Mutter “immer witzig sagte; „nicht weniger als Alles fehle“ und „wo der Hunger Schildwacht stände“, so beschrieb er nun in diesem Kapitel ein Leben im Überfluss.

Der Autor Johann Carl Berthold Roy war am 23. August 1840 geboren worden. Er verließ 1857 die Stadt Neu Tomysl um in Posen in den Heeresdienst einzutreten.

Sein Bericht wurde weitestgehend nach dem von ihm erlebten Ereignissen als Kind bzw. Jugendlicher aus der Erinnerung, sein Buch erschien 1895, geschrieben. Die ein oder andere Aussage entsprach nicht ganz oder auch überhaupt nicht den tatsächlichen Lebensumständen, dennoch: auch diese Aufzeichnungen enthalten einen und sind ein Teil der Geschichte.

* * *

Lebensweise der Landleute – Hauländer – Spinnrockenstuben – Spuk- und Geistergeschichten

Die Lebensweise der Hauländer war gut; alles was zur Leibesnahrung gehörte, wurde ja in Hülle und Fülle auf dem fruchtbaren Boden erzeugt. In meiner Jugendzeit führte noch keine Eisenbahn durch die Gegend, und der Überfluß an Butter, Käse und Kälbern wurde jede Woche einmal nur zu Wagen durch sogenannte “Fleischer” nach Posen, der nächsten großen Stadt, zu Markte gebracht. – Der Preisstand für Fleisch und andere hier erzeugte Nahrungsgegenstände stellt sich mit dem von heute (1895) verglichen, um fast zwei Dritteile niedriger.

Obst aller Art und dessen Veredelung scheinen die ersten Ansiedler aus ihren verschiedenen Herkunftsgegenden her gekannt und eingeführt zu haben. Der Obstreichtum in meiner Heimat erscheint mir heute fast unglaublich, die Äste brachen schier unter der Last. Gewöhnliches Obst wurde in manchen Jahren gar nicht abgepflückt; das Abschütteln überließ man Sturm und Winden.

Billige und gute Fische lieferte der Obrafluß mit seinen Nachbarseen sowie die zahlreich angelegten Teiche und Landgräben.

Ein "alter" Hauländerhof in der Umgebung von Nowy Tomyśl / Aufn. GT

Ein “alter” Hauländerhof in der Umgebung von Nowy Tomyśl / Aufn. GT

Unter so bewandten Verhältnissen konnten freilich Hochzeits-, Tauf- und andere Festtage oft eine Woche lang gefeiert werden. Nicht nur ein junges Rind, sondern Schaf, Schweine, Gänse, Enten wurden geschlachtet und deren Fleisch mit den verschiedensten selbstgezogenen Gemüsen zubereitet und nebst verschiedenen Fischgerichten aufgetragen.

Kaffee begann man erst in einzelnen wohlhabenden Familien und dann auch nur an Sonn- und Festtagen zu trinken. Sonst wurde morgens und abends von Herrschaft und Gesinde nach alter Weise eine Mehl- und Milchsuppe, mit kräftigem Roggenbrot als Zubiß, genossen. Zum zweiten Frühstück und Vesper (4 Uhr nachmittags) verabreichte man eine Brotstulle, im Sommer mit Butter, Käse und Quark (Weichkäse), im Winter auch mit Wurst oder Speck.

An Lohn erhielten Tagelöhner etwa 25 Pfg., außer der üblichen Kost.

Die Kleidung war einfach, derb und dauerhaft. Die Männer trugen durchweg Tuchsachen. Ihre Röcke, deren Schöße fast bis auf die Erde reichten, vererbten sich meist vom Großvater auf Sohn und Enkel. Der Schnitt blieb sich daher ziemlich gleich. Die Frauen, die fast alle einen Webstuhl besaßen, webten, wirkten und stickten sich ihre bunten Sachen meist selbst, bis auf wenige Putzartikel, welche sie entweder vom Hausierer, oder in den Buden des Jahrmarktes oder beim sonntäglichen Gang zur Kirche am Kirchorte einkauften. Und fleißig gingen sie zur Kirche; wer dieses ohne genügenden Grund nicht tat, erfreute sich keinen guten Leumundes. An solchen Tagen zeigte das weibliche Geschlecht seinen größten “Staat”, wie sie es nannten. Wer von ihnen nicht zu Wagen kam, zog sich im Sommer erst vor dem Orte die weißen Strümpfe an. Blumensträuße brachten sie fast alle mit zur Kirche.

Ältere Frauen trugen fast zeitlebens (?) bei festlichen Gelegenheiten seidene, oben in einen kunstvollen Knoten mit zwei hinausgesteiften Enden auslaufende Kopftücher, welche am Hinterkopf gar zierlich eine silber- oder goldgestickte Unterhaube hervorblicken ließen.

Die Wohnungen der Hauländer waren durchschnittlich. äußerst sauber gehalten, auch weiße Gardinen fehlten nicht, und Blumentöpfe auf dem Fensterbrett schmückten das Heim.

Das Feuerungsmaterial bestand fast ausschließlich aus Holz, höchst selten aus Torf, da an kräftigem Tannen-, Buchen- und Eichholz weder auf den einzelnen Besitzungen der Landleute noch in den nicht weit entfernten königlichen Forsten ein Mangel war; ja, die Bauern hatten zu Zeiten, wo die Arbeiten der Landwirtschaft etwas ruhten, noch tüchtige Baumklötze aus der Erde zu roden, die ihre Väter, von denen noch nötigere Besiedlungsarbeiten zu verrichten waren, nach Absägung des Stammes in der Erde gelassen hatten. Solche ausgerodeten Klötze gaben, wie sich denken läßt, an Abenden strenger Winter ein gar stetiges und behagliches Kaminfeuer, um das herum es sich sehr gemütlich “hocken” ließ. Das taten denn auch die Frauen und Mädchen des Landes, indem sie mit ihren Spinnrocken und begleitet von ihren Männern und Burschen aus der Nachbarschaft kamen, um hier zu bestimmen, an welchem Abend sie sich bei irgend einem anderen Nachbar ein Stelldichein geben würden. War der Abend nicht kalt, so zündet man auch ein Kienfeuer an auf einer umrandeten Blechtafel, welche mittels Drahtketten schwingend an einem großen blechernen, in der Stubenmitte aufgehängten Rauchfang von der Form eines umgekehrten Trichters befestigt war.

Was die Art der Beleuchtung sonst anbetrifft, so kamen außer kleinen, mit Rüb- oder Brennöl gespeisten blechernen Dochtlampen nur noch selbstbereitete, trübselig brennende Lichter aus ungereinigtem Talg zur Verwendung. Die Fortschritte im Beleuchtungswesen sind ja überhaupt noch nicht alten Datums.

"Rocken" - Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Rocken

“Rocken” – Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Rocken

Während meiner Schulzeit hatte ich dem etwas beschränkten Jungen eines in der Nähe unseres Städtchens wohnenden reichen Hauländers Nachhilfeunterricht zu geben, und ich blieb oft, wenn das Wetter unfreundlich oder der Abend finster war, auf dem Bauernhofe über Nacht, und so traf es sich manchmal, daß ich ein stummer Gast bei derartigen Spinnrockenzusammenkünften wurde.

Wenn nun die Räder schnurrten, das Kamin- oder Kienlampenfeuer glühte und knisterte, die Tabakswolken zauberhafte Gebilde schufen, draußen die Hofhunde bellend ihre Wachsamkeit bekundeten, und von den Anwesenden immer einer mehr als der andere von erschrecklichen Geschichten zu erzählen wußte, von Geistern und Spuk, von Stellen, wo ein Schatz läge, wo ein Mord geschehen; wo früher der Galgen gestanden und der letzte Verbrecher mit dem Rade hingerichtet worden; und wo die Pferde regelmäßig scheuten: da ist meine ohnehin lebhafte Phantasie gar mächtig erregt worden, und ich hätte beinahe das Gruseln gelernt. Jedenfalls, wenn ich es an solchen Abenden nicht mehr nötig hatte, an deutlich beschriebenen Stellen vorbei nach Hause zu gehen, war niemand froher als ich.

Zweier Schreckgeschichten entsinne ich mich noch deutlich.

“Einst”, so lautete die eine, “habe sich in einer Gesellschaft übermütiger Zecher ein Geselle zufolge einer Wette vermessen, auf dem nahen Kirchhofe in stockfinsterer Nacht um die zwölfte Stunde eine vorher gezeichneten Stab in einen bestimmten Grabhügel fest und tief zu stecken. Nach seiner Rückkehr wollte sich die übrige Gesellschaft von der Ausführung der Tat überzeugen. Der Mann geht fort nach dem Kirchhof. – Doch Stunde auf Stunde verrinnt: er kehrte nicht zurück. Da wird die Gesellschaft bedenklich, und mit der Laterne ausgerüstet geht man auf die Suche. Und was findet man an dem Grabhügel? – Den kühnen Zechgenossen, aber tot.” Im Finstern schien er nicht gesehen zu haben, daß er den langen Schoß seines Rockes durch den Stab an den Grabhügel befestigt hatte; in der Hast, schnell wieder von der unheimlichen Stelle wegzukommen, sah er sich plötzlich festgehalten, und in dem Wahne, es halte ihn der Tote zurück, fand er vor Schreck den Tod.

Die andere Erzählung lautete folgendermaßen:

“Bei einer Hochzeit, als die Köpfe der Gäste von dem genossenen scharfen Getränken schon erhitzt gewesen, sei man nun auch, wie diese ja auf dem Lande in Ermangelung anderen Redestoffes oft der Fall ist, auf das beliebte Gebiet der Schauergeschichten gekommen. Da wäre unter den zahlreichen Gästen auch der nie aussterbende Prahlhans gewesen, welcher sich zur Bekundung seines gerühmten Mutes erboten hätte, aus dem Gebeinhause des Friedhofes einen der dort aufbewahrten Totenschädel zu holen. Gesagt, getan. – Er kommt zurück, holt unter seinem Mantel den grinsenden Schädel hervor und stellt ihn zwischen die Gläser und Flaschen der Hochzeitstafel. – Er hat ihn kaum hingestellt, da ! – geht die Tür auf, und herein tritt der – leibhaftige Satanas, schwarz behaart und Hörner auf dem Kopf. In demselben Augenblick fängt der Totenschädel an zu rollen, und die Gläser fangen an umzustürzen. Die Frauen sinken aufschreiend in Ohnmacht, und krampfhaft halten sie sich am Tischtuch fest, dasselbe mit herunterreißend. Durch das demzufolge umstürzende Geschirr und die zu Boden fallenden Gläser wird der Lärm und das Entsetzen nur vermehrt. Auch die Männer sind starr vor Grausen. Der Schreck hat mehrere hingerafft und viele auf das Krankenlager geworfen.” – Und der ursächliche Zusammenhang dieses entsetzlichen Auftrittes ? – Ein zweiter der Gäste war, um den Helden vielleicht ob seines Wagemutes zu bestrafen, nach dessen Weggange heimlich hinausgegangen, hatte sich verkleidet und das noch gehörnte Fell des zur Hochzeit geschlachteten schwarzen Rindes umgetan und den Augenblick abgewartet, wo der zweifelhafte Held den Schädel auf die Tafel setzen würde. – Eine in dem Schädel befindliche Ratte, erschreckt und in dem Bestreben, ihre Freiheit wiederzugewinnen, hatte den Schädel umgestürzte und nun alle, auch den “Satanes”, in Schrecken gesetzt.”

Eingemeindung des Grundstücks Glinau No. 234 mit Hindernissen – 1888

Amtsstempel des Magistrat zu Neutomischel

Amtsstempel des Magistrat zu Neutomischel

Im Jahr 1885 beschlossen die Herren Stadtverordneten , Jacob Cohn, Wilhelm Lutz, Berthold Männel, Adolph Männel, Gustav Toeffling und Ernst Tepper unter dem Vorsitzenden Herrn Bürgermeister Witte die “Inkommunalisierung mehrerer Grundstücke von Glinau in den Stadtbezirk Neutomischel.” Im Februar des Jahres 1886 war seitens der Kreisvertretung anerkannt worden, dass zur “Vereinigung derselben ein im öffentlichen Interesse nothwendiges Bedürfniß vorliegen würde”, sodass dieser Beschluß begonnen worden war umgesetzt zu werden.

Wir hatten in unserem Beitrag Erben der Eleonore Arlt, verw. Wandel, geb. Miegel – 1888, sie war die letzte eingetragene Besitzerin des Grundstücks Glinau 240 gewesen, schon einmal ausgeführt, dass das Einverständnis eines jeden Eigentümers der Grundstücke vorliegen musste um letztlich die Umwidmung zu vollziehen.

Ein weiteres Grundstück, welches zur Eingemeindung vorgesehen war, war das mit der Bezeichnung Glinau No. 234. Auch bei diesem war die ein oder andere Schwierigkeit zu überwinden.

* * *


Dieses Grundstück Glinau No. 234 war im Jahr 1887 noch auf die zu diesem Zeitpunkt seit 25 Jahren verstorbene Wittwe Wilhelmine Strauss eingetragen gewesen.

Die Einholung der benötigten Zustimmungen zur Eingemeindungen wurde mit dem unter dem 20. Oktober 1887 verfassten Schreiben des Neutomischeler Magistrats an die Polizei Verwaltung in Stettin in die Wege geleitet. Diese sollte mit den dort sich aufhaltenden Erben

1. dem Bäckermeister Adolph Strauss und
2. der Louise Strauss verehelichte Eisenhardt

in dem “gedachten Sinne” – also einer Zustimmung – zur Umwidmung des Grundstückes von Glinau in den Stadtbezirk Neutomischel verhandeln. Desweiteren sollten sie Auskunft darüber einholen, ob der Aufenthaltsort des Bäckermeisters Berthold Strauss und der, der Pauline Krönert geborene Strauss bekannt sei, bzw. abklären ob die in Stettin lebenden Geschwister von diesen Vollmachten besitzen würden und berechtigt seien, bindende Erklärungen in deren Namen abzugeben. In diesem Ersuchen um Amtshilfe wurde geschrieben, dass “Pauline Krönert geborene Strauss in Australien verstorben sein sollte und festzustellen bleiben würde, wer deren Erben seien und wo diese wohnen würden”.

Bürgermeister Witte wies ausdrücklich darauf hin, dass “die Sache eilig sei” und er bat um “die größtmöglichste Beschleunigung”.

Der Stettiner Bäckermeister Adolph Strauss war am 26. Oktober 1887 in Neutomischel gewesen, um das Grundstück zu veräußern, dieser Verkauf war jedoch, es wurde keine weitere Ausführung hinsichtlich der Gründe darüber gemacht, nicht zustande gekommen.

Somit verzögerte sich die Angelegenheit bis in den November 1887.

Der Magistrat drängte nun wiederum bei der Stettiner Polizeiverwaltung entschieden darauf, dass er die Erklärungen aller Strauss’schen Erben benötigen würde und dieses nunmehr umgehend zu erledigen sei. Adolph Strauss teilte daraufhin den Behörden die Adresse seines in jener Zeit in Berlin ansässigen Bruders mit und erklärte auch, dass er, da seine Schwester verstorben sei, seinen Schwager in Australien angeschrieben habe, um eine Vollmacht von diesem zu erhalten, um dessen Interessen dann ebenfalls entsprechend wahrnehmen zu können. Weiterhin erklärte er, dass er persönlich mit der Vereinigung des Glinauer Grundstücks, dessen Mitbesitzer er sei, zum Stadtbezirk Neutomischel einverstanden sei.

Aus Berlin traf im Dezember 1887 die Einverständniserklärung des dort ansässig gewesenen Bäckers Berthold Strauss ein.

Seitens der Louise Eisenhardt geborene Strauss war in dem geführten Schriftverkehr nur zur finden, dass sie unter der angegebenen Adresse in Stettin nicht mehr wohnhaft gewesen war und ihr Aufenthaltsort auch nicht bekannt sein würde. Eine Zustimmungserklärung oder ähnliches fand sich nicht.

Im Januar 1888 wurde das Königliche Polizei Directorium in Stettin erneut aufgefordert bei Adolph Strauss nachzufassen, ob die Vollmacht aus Australien eingegangen sei. Er erklärte, dass er ein solche nicht erhalten habe. Die Angelegenheit verzögerte sich somit weiter. Im April des Jahres 1888 war noch immer keine Vollmacht aus Australien eingetroffen; vielmehr erklärte Adolph Strauss nun, dass eine solche nicht zu beschaffen sei.

Im Mai 1888 findet sich im Akten Konvolut dann folgendes Protokoll:

“Verhandelt Neutomischel, den 3. Mai 1888 – Heute erschienen:

1. der Bäckermeister Herr Emil Schäfer von hier, 33 Jahre alt, evangelischer Religion
2. der Klempnermeister Herr Otto Aldefeld aus Glinau, 52 Jahre alt, evangelischer Religion

Beide geben die übereinstimmende Erklärung ab:

Wir versichern an Eidesstatt, daß die ohne letztwillige Verfügung verstorbene Wittwe Wilhelmine Strauss, welche zur Zeit noch als Besitzerin des Grundstücks Glinau No. 234 eingetragen ist, nur die folgenden vier Kinder:

a. den Bäckermeister Adolph Strauss zur Zeit in Stettin wohnend
b. die Louise Strauss verehelichte Eisenhardt in Stettin
c. den Bäcker Berthold Strauss in Berlin und
d. die Pauline Strauss verehelichte Krönert, welche in Australien aufhaltsam gewesen und dort verstorben sein soll,

als ihre alleinigen Erben hinterlassen hat und daß uns außer diesen genannten vier Kindern nähere oder gleich nahe Verwandten oder Erben der Wittwe Wilhelmine Strauss nicht bekannt sind.
Comparent ad 1. erklärt noch, daß sein Vater und die verstorbene Wilhelmine Strauss Geschwister waren, und daß er deshalb mit den Familienverhältnissen der Wilhelmine Strauss vollständig vertraut sei.”

* * *

Der im Staatsarchiv in Poznan zu dieser Angelegenheit verwahrte Schriftverkehr endet hier.
War letztlich mit den vorliegenden Einverständniserklärungen und den gemachten eidesstattlichen Erklärungen die Eingemeindung vollzogen worden ?

* * *

Die eidesstattliche Erklärung des Emil Schäfer und des Otto Aldefeld ermöglichte weitere Recherchen hinsichtlich der Angehörigen der Familie Strauss:

Der Bäckermeister und Gastwirt Emil August Schäfer geb. 1854 war der Sohn des Johann Gottlieb Schäfer (*1799 in Glinau) und dessen 2ter Ehefrau, der Amalie Arndt (*ca. 1825 in Posen).

Die Wittwe Wilhelmine Strauss war somit die im Jahre 1801 geborene Johanna Wilhelmine Schäfer, welche im Jahr 1823 den seinerzeit aus Czermin stammenden Hauslehrer und späteren Lehrer in Neutomischel Johann Gottfried Strauss geheiratet hatte. Anhand der Geburtseinträge ihrer Kinder ist anzunehmen, dass das Paar bis 1828 in Neutomischel ansässig gewesen ist bevor eine Übersiedlung nach Schwersenz erfolgte. Dort war Johann Gottfried Strauss als Kantor und Lehrer, vermutlich bis zu seinem Tod, tätig gewesen.

Geschätzt fällt in die Zeit (1829-1837) der Übersiedlung die Geburt der Tochter Ottilie Wilhelmine. Im Eintrag ihrer Eheschließung im Jahr 1858 wurde geschrieben, dass sie als älteste Tochter ihrer Eltern galt und 27 Jahre alt gewesen sei; dieses würde ein Geburtsjahr um 1831 bedeuten.

Johanna Wilhelmine Strauss geb. Schäfer verstarb als Wittwe im Dezember 1862 in Glinau. Im Kirchenbuch in ihrem Toteneintrag findet sich, dass sie “2 majorene und 2 minorene” Kinder hinterließ. Diese Eintragung erlaubt die Annahme, dass dieses

Ottilie Wilhelmine geb. um 1831 war.
Sie kommt eigentlich nur für die, in der Erbschaftssache als in Australien verstorben genannte, Pauline Krönert (geborene Strauss) in Frage. Sie heiratete am 19. April 1858 als hinterlassene, älteste Tochter des in Schwersenz bei Posen verstorbenen Cantors Gottfr. Strauss den Johann Carl August Krönert, nachgelassener jüngster Sohn des verstorbenen Johann Gottlieb Erdmann Krönert, Schönfärbers in Neu Tomysl. Das Alter des Bräutigams wurde mit 26 und das der Braut mit 27 Jahren angegeben. Unterstützt wird diese Annahme durch den beim Eheeintrag gemachten Vermerk: “sind nach Australien ausgewandert”. Warum sie in der Schiffsliste des am 25. April 1858 ab Hamburg nach Port Adelaide versegelten Schiffes “Grasbrook”, und auch in den anderen Unterlagen mit dem Vornamen “Pauline” genannt wurde, ist bzw. war zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch nicht bekannt; weiterhin

Adolph Theodor geboren 1837 in Schwersenz, verheiratet gewesen mit Maria geb. Duwe und als Bäckermeister in Stettin ansässig gewesen, dann

Louise Emilie geboren um 1840, verheiratet gewesene Eisenhardt und 1888 unbekannten Aufenthalts von Stettin verzogen und als letzter

Berthold geboren 1843 und als Bäckermeister in Berlin lebend

gewesen waren.

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/):Kopien der Kirchenbüchern der Parochie Neu Tomysl/Neutomischel; 2) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) Acta des Magistrats- und der Polizei-Verwaltung zu Neutomischel betreffend die Regulierung der Besitz und Grenzverhältnisse; 3) The Ships List (http://www.theshipslist.com/ships/australia/grasbrook1858.shtml) Passagierliste des Passage ab Hamburg per 25.04.1858
 

Willibald Alexander Eduard Drescher, geb. 1861 in Neu Tomysl

"Hafenromantik" früherer Zeit, die nur zu oft die Schicksale der Auswanderer verbarg - Bild: Maennel Archiv

“Hafenromantik” früherer Zeit, die nur zu oft die Schicksale der Auswanderer verbarg – Bild: Maennel Archiv

In der Veröffentlichung “History of Rochester and Monroe County – New York” aus dem Jahr 1908 findet sich eine Kurzbiographie über William A. E. Drescher.

Zum Zeitpunkt des Druckes dieses Buches war er im Bereich der Geschäftsführung der Fa. Bausch & Lomp Optical Company in Rochester, New York tätig. Dieses Unternehmen gilt noch heute weltweit als größter Anbieter von  Augengesundheitsprodukten wie z. B. Kontaktlinsen.

Es wurde geschrieben, dass William A. E. Drescher in Neutomischel in der Provinz Posen am 08. November 1861 geboren wurde. Seine Eltern wurden als Theodore und Helena Drescher geborene Matzner benannt.

* * *


Im Kirchenbuch der ehemaligen evangelischen Gemeinde Bentschen wurde der Heiratseintrag gefunden: ” 24. Juli 1859 – In der hiesigen evangelischen Kirche getraut Adolph Theodor Drescher, Klempnermeister, 3ter Sohn des Bürgers und Tuchfabrikanten Johann Christian Drescher und der Christiane Tugendreich geb. Eck hierselbst mit Magdalena Elisabeth Metzner, jüngste Tochter des verstorbenen Bürgers und Schneidermeisters Heinrich August Metzner und der Dorothea Charlotte geb. Hagen zu Hannover im Königreich Hannover.”

Lt. Eheeintrag war der Bräutigam 28 Jahre alt und Junggeselle und die Braut 27 Jahre und Jungfer; (geboren ca. *1831/*1832). Als Trauzeugen fungierten der Klempnermeister Hartwig Kapping und der Maurermeister Gustav Drescher, beide Trauzeugen, so die Eintragung, waren aus Bentschen. Der letztgenannte war vermutlich einer der älteren Brüder des Bräutigams: Traugott Eduard Gustav Drescher, geb. 1827.

Das Paar siedelte sich nach seiner Eheschließung in Neu Tomysl an. In der Stadt war Theodor Adolph Otto Drescher, so die Eintragungen im Kirchenbuch bei den Taufen seiner Kinder, als Klempnermeister tätig gewesen. Im Mai 1860 kam der Sohn Maximilian Carl Otto zur Welt; er verstarb im August selben Jahres. In seinem Geburts- bzw. Taufeintrag wurden die Paten Christian und Emil Drescher, sowie Hartwig Kaping aus Bentschen und Hermann Drescher aus Kupferhammer aufgeführt.

Am 24. November 1861 wurde der am 08. November des Jahres in Neu Tomysl geborene zweite Sohn auf die Namen Willibald Alexander Eduard Drescher in der dortigen evangelischen Kirche getauft. Der Vorname seiner Mutter lautete in seinem Geburtseintrag nun auf Helena. Es ist anzunehmen, da 1868 wieder die ursprüngliche Form Magdalena Elisabeth verwendet wurde, dass es sich um die verwendetet Kurzform der eigentlichen Vornamen handelte. Die Taufpaten des Willibald Alexander Eduard waren Bertha Scheibe, Alexander Kannewischer und Friedrich Weber aus Neu Tomysl sowie wiederum Hermann Drescher, Lehrer aus Kupferhammer. Letzterer war vermutlich ebenfalls ein älterer Bruder (Moritz Hermann Drescher, geb. 1824) des Vaters.

Richard Bruno Oscar, geboren als dritter Sohn des Paares, kam am 26. September 1865 in Neu Tomysl zur Welt und wurde am 15 Oktober getauft. Seine Paten waren Emma Hoffbauer, Louise Scheibe, Julius Drescher und Rudolph Kurz, sie kamen alle aus der Stadt.

Dieser aus dem Jahr 1865 stammende Geburts- bzw. Taufeintrag ist die letzte Aufzeichnung, die zu dieser Familie Drescher in Neu Tomysl gefunden wurde.

Den amerikanischen Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass der Vater des William Drescher vor der Auswanderung nach Amerika in Berlin in der Herstellung von Metalldacheindeckungen tätig war. Die vorübergehend erwähnte Anwesenheit in Berlin findet sich bestätigt mit der dortigen Geburt des Sohnes Heinrich Alfred Ernst im Jahr 1868.

Die Auswanderung selbst soll im Jahr 1873, dem Jahr der deutschen Wirtschaftsrezession, erfolgt sein. William Drescher selbst gab bei der Beantragung seiner Einbürgerung als Ankunftsdatum in den USA den Oktober dieses Jahres an. Eine Passagierliste aus dem Jahr 1880 der SS “Lessing” nennt unter den beförderten Passagieren Willibald Drescher, 19 Jahre, als Sohn des Theodor Drescher, 48 Jahre und dessen Ehefrau Auguste Drescher, 40 Jahre. Ob die genannte Auguste Drescher die zweite Ehefrau des Theodor Drescher gewesen ist, ist, sowie auch der Zweck dieser Reise, nicht bekannt.

1883 beantragte Willibald A. E. Drescher seine Einbürgerung in die USA, die im selben Jahr bestätigt wurde.

Es heißt, dass William A. E. Drescher Schulen in Berlin und New York besucht hatte und nach deren Abschluss dann in die Firma Vulcanite Optical Instrument Company, einem Vorgängerunternehmen der Bausch & Lomb Optical Company, eingetreten war . Er durchlief die verschiedensten Geschäftszweige ehe er 1888 in die Firmenleitung in Rochester New York befördert wurde.

Im September 1900 schloss er mit Anna Julia Bausch die Ehe. Aus dieser Verbindung stammten drei Kinder.

Im Jahr 1905 erfolgte die offizielle, amtliche Namensänderung von Willibald Alexander Eduard in William Alexander Edward oder auch William A. E. Drescher.

William A. E. Drescher verstarb am 30 Dezember 1936 in Rochester New York.

* * *

Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/): Kopien der Kirchenbüchern der Parochien Bentschen und Neu Tomysl/Neutomischel; 2) New York, Naturalization Index 1792-1906,” database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/pal:/MM9.3.1/TH-1961-29863-14017-3?cc=2043782 : accessed 11 July 2015), Roll 64, D620-D645 (Drewes, John-Drawling, William) > image 3654 of 5520; citing NARA microfilm publication M1674 (Washington, D.C.: National Archives and Records Administration, n.d.); 3) “New York, Passenger Lists, 1820-1891″ database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/pal:/MM9.3.1/TH-1-16948-66929-83?cc=1849782 : accessed 11 July 2015), 432 – 29 Oct 1880-30 Dec 1880 > image 1089 of 1502; citing NARA microfilm publication M237 (Washington D.C.: National Archives and Records Administration, n.d.): 4) “New York, Naturalization Index (Soundex), 1792-1906,” database with images, FamilySearch (https://familysearch.org/pal:/MM9.3.1/TH-1961-29863-14017-3?cc=2043782 : accessed 11 July 2015), Roll 64, D620-D645 (Drewes, John-Drawling, William) > image 3654 of 5520; citing NARA microfilm publication M1674 (Washington, D.C.: National Archives and Records Administration, n.d.); 5) https://www.osapublishing.org/josa/abstract.cfm?uri=josa-27-5-198; 6)History of Rochester and Monroe county, New York : from the earliest historic times to the beginning of 1907 by Peck, William F. (William Farley), b. 1840, Published 1908 – https://archive.org/; 7) Rochester Herald 18.09.1905; 8) A Photographic History of Bausch + Lomb by Donovan A. Schilling – 2011

Attentat auf den Schauspieler A. Paul – 1885

Albert Paul (von Jan Vilímek, 1890) - Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Paul

Albert Paul (von Jan Vilímek, 1890) – Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Paul

“Berliner Blättern wird aus Posen, 10. d. (10.März 1885) geschrieben:

Heute früh 4 Uhr wurde zwischen Station Neutomischel und Eichenhorst der Märkisch Posener Eisenbahn auf den Schauspieler A. Paul vom “Thalia Theater” in Hamburg (früher vom “Residenztheater” in Berlin) im Koupee des von Berlin kommenden Kurierzuges ein Attentat verübt, dessen Zusammenhang bis jetzt noch in Dunkel gehüllt ist.

Im Halbschlaf gewahrte Hr. Paul, der im Koupee zweiter Klasse allein fuhr, während der Fahrt, daß die Thür des Koupee’s geöffnet wurde, worauf ihm bald ein Schuß in’s Gesicht gefeuert wurde. Das Opfer des Attentates hatte noch so viel Besinnung, an der Nothleine zu ziehen, worauf der Zug sofort zum stehen gebracht wurde. Paul wurde von dem Fahrpersonal, über und über mit Blut bedeckt, vorgefunden, während von dem Attentäter keine Spur vorhanden war.

Der Ueberfallene wurde mit demselben Zuge nach Posen gebracht, wo die ihn behandelnden Aerzte seinen Zustand für lebensgefährlich erachten. Die Kriminalpolizei ist in vollster Thätigkeit, um das über diesem Attentat lagernde Dunkel zu klären. Paul war für ein Gastspiel beim Deutschen Theater in Moskau engagirt.”

Quelle: Liechtensteiner Volksblatt – Obligatorische Organ für alle Publikationen – Vaduz, Freitag, den 28. März 1885 – Liechtensteinische Landesbibliothek – http://www.eliechtensteinensia.li/Zeitungen/

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Albert Paul wurde im Jahre 1856 in Berlin, als Sohn des Redakteurs der “Gartenlaube” Dr. Albert Fränkel geboren. Er trat am Leipziger Stadttheater und am Meininger Hoftheater auf ehe er sich reisenden Schauspielergesellschaften anschloss, die ihn z. B. an Bühnen in Passau, Amberg und Straubing führten. Bei Engagements in Rostock und Stralsund etablierte er sich als Charakterspieler in Liebhaberrollen und sogar als Komiker. 1877 kam er an das Nationaltheater in Berlin. Von dort verpflichtete er sich 1879 an das Stadttheater in Mainz. Er folgte einem Ruf nach Prag, und ging, nachdem ein Engagement in Wien nicht zustande gekommen war, nach Berlin, wo er im September 1879 am Residenztheater auftrat. Drei Jahre später, im Jahr 1881, wechselte er an das kaiserlich russische Hoftheater in St. Petersburg, von dort, an das neu gegründete Deutsche Theater in Moskau. Ab 1883 trat er am Thalia Theater in Hamburg auf. Von dort wechselte er 1885, er blieb bis ins Jahr 1888, an das großherzogliche Hoftheater in Karlsruhe. 1887 wurde er an die Dresdner Hofbühne berufen.1899 beendeten “unerquickliche künstlerische Verhältnisse” sein dortiges Engagement. Nach einigen Gastspielen, vermutlich an den unterschiedlichsten Schauspielhäusern, kam er 1901 wieder an das Thalia Theater in Hamburg.

Seine Biographie wurde abgeschlossen mit: “Vielfache Gastspiele in Deutschland und Rußland haben seinen Namen und seine Kunst allüberall bekannt gemacht. Auch schriftstellerische Tätigkeit und mannigfache Lebensschicksale, von welch letzteren besonders ein schweres Mordattentat hervorzuheben ist welches nie aufgeklärt wurde, wohl aber auf eine nihilistische Verwechslung zurückzuführen sein dürfte, deren Opfer Paul auf einer Reise nach Rußland geworden, gaben seinem bewegten, an Erfolgen reichen Leben ein interessantes Gepräge.”

Quelle: Ludwig Eisenberg – “Ludwig Eisenberg’s große biographisches Lexikon der deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert”, Leipzig, 1903 – Seite 752 – BSB Bayerische StaatsBibliothek / MDZ Münchener DigitalisierungsZentrum Digitale Bibliothek – http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00067974/image_768
 

Funde bei Ausschachtarbeiten in Buk 1906 -Kurzmeldung

Buk -  im linken Bild liegt im oberen Bildrand (Westen) das Zentrum der Stadt; die Posenener Straße /  Poznanska verband den Marktplatz mit  dem in der Zeitungsmeldung als Neumarkte /  Pl. Reszki bezeichneten Platz auf dem "in der Gegend" des Spitalgrundstückes die Ausschachtarbeiten vorgenommen worden waren; das Bild wurde vermutlich vom Turm der seinerzeit auf dem Platz stehenden evgl. Kirche aufgenommen; die rechte Aufnahme zeigt das noch heute existierende  ehemalige Spitalgebäude, welches zu Wohnzwecken genutzt wird (3)

Buk – im linken Bild liegt im oberen Bildrand (Westen) das Zentrum der Stadt; die Posenener Straße / Poznanska verband den Marktplatz mit dem in der Zeitungsmeldung als Neumarkte / Pl. Reszki bezeichneten Platz auf dem “in der Gegend” des Spitalgrundstückes die Ausschachtarbeiten vorgenommen worden waren; das Bild wurde vermutlich vom Turm der seinerzeit auf dem Platz stehenden evgl. Kirche aufgenommen; die rechte Aufnahme zeigt das noch heute existierende ehemalige Spitalgebäude, welches zu Wohnzwecken genutzt wird (3)

“Beim Ausschachten gelegentlich der hier vorzunehmenden Kanalisationsarbeiten wurde heute Vormittag (24.08.1906) am Neumarkte in der Gegend des Spitalgrundstücks und der alten katholischen Schule in nur geringer Tiefe eine größere Anzahl Menschenschädel und Knochen gefunden. Sie waren zum Teil noch gut erhalten. Die meisten zerfielen indessen schon bei loser Berührung.

1. kościół cmentarny św. Krzyża z XVIII w. / Kirche des Heiligen Kreuzes in Buk (1760);  2. Synaga / Synagoge - ursprünglich aus dem Jahr 1893, der heutige Bau ist aus dem Jahr 1909; 3. Pomnik Bohaterow Bukowskich / Heldendenkmal des Bukovské; 4. Szpital Świętego Ducha  / Hospital "Heiliger Geist" - errichtet um 1600 als Stiftung des Stanisław Reszka (1544–1570); eine Sanierung erfolgte im 19. Jhdt.; 5. d. Palac Biskupi / Bischofspalast; 6. d. Ratusz / Rathaus (1897); 7. kościół parafialny św. Stanisława Biskupa / Kirche des hl. Stanislaus; 8. Pomnik Harcerzy; Z. - ul. Zenktelera - Quelle: (2)

1. kościół cmentarny św. Krzyża z XVIII w. / Kirche des Heiligen Kreuzes in Buk (1760);
2. Synaga / Synagoge – ursprünglich aus dem Jahr 1893, der heutige Bau ist aus dem Jahr 1909; 3. Pomnik Bohaterow Bukowskich / Heldendenkmal des Bukovské; 4. Szpital Świętego Ducha / Hospital “Heiliger Geist” – errichtet um 1600 als Stiftung des Stanisław Reszka (1544–1570); eine Sanierung erfolgte im 19. Jhdt.; 5. d. Palac Biskupi / Bischofspalast; 6. d. Ratusz / Rathaus (1897); 7. kościół parafialny św. Stanisława Biskupa / Kirche des hl. Stanislaus; 8. Pomnik Harcerzy; Z. – ul. Zenktelera – Quelle: (2)

Die Knochen wurden in zwei großen Särgen gesammelt und auf dem katholischen Friedhofe beigesetzt.

Allem Anschein nach ist der gegenwärtige Neumarkt an seiner Südseite in früherer Zeit eine Begräbnisstätte gewesen; denn auf der Stelle, auf welcher heute das Spital steht, stand damals eine katholische Kirche, die “Heilige Geist Kirche” genannt (geschichtliche Einzelheiten zu dieser wurden nicht gefunden)”.

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Buk ist eine sehr alte Stadt. Eine erste Erwähnung, so historische Publikationen, findet sich in einem Dokument aus dem Jahr 1257; zu diesem Zeitpunkt bestand bereits das Recht der Abgabenerhebung.

Im Jahr 1289 erhielt die Ansiedlung durch Przemysl II (ab 1295 Przemyslaw, König von Polen). das Stadtrecht verliehen. Buk entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Orte der Region. Späterhin gehörte die Stadt der Diözese von Posen/Poznan mit Residenzsitz des Bischofs.

Durch Kriege (13. u. 17. Jhdt.), durch Brände und Seuchen, wie z. B. der Pest verlor Buk letztlich seine Bedeutung.

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Quellen: (1) Zeitungsmeldung: Amtliches Kreisblatt und Anzeiger des Kreises Grätz v. 24.08.1906 – verwahrt im Muzeum Ziemi Grodziskiej, (2) Stadtplan: Słownik krajoznawczy Wielkopolski; (3) Bildzusammenstellung: links: Webseite der Stadt Buk http://www.buk.gmina.pl/; Wappen und Aufnahme/n rechts: PM/GT

 

Hopfenbau und Hopfenhandel in Neutomischel 1898/99

Humulus Lupulus - Hopfen / Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Echter_Hopfen#/media/File: Illustration_Humulus_lupulus0.jpg

Humulus Lupulus – Hopfen / Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Echter_Hopfen#/media/File: Illustration_Humulus_lupulus0.jpg

In den Jahren 1898/99 wurde die Hopfenproduktion in Deutschland auf annähernd 500.000 Zentner eingeschätzt; die der Welternte lag bei ca. 1.000.000 Zentner.

Bei einer in jenen Jahren normal verlaufenden Hopfenernte im Anbaugebiet Neutomischels betrug die Produktionsmenge ca. 20.000 Zentner; wenn durch Witterungseinflüsse und Schädlingsbefall eine Ernte quantitativ schlecht ausfiel waren es sogar nur lediglich 4.500 Zentner.

Nur quantitativ schlecht, bedeutete nicht gleichzeitig auch qualitativ schlecht. In der Hopfensaison 1898/1899, so ist dem Beitrag des Heinrich Wittkowsky zu entnehmen, war zwar nur eine geringe Ernte von ca. 4.500 Zentner eingebracht worden, diese war jedoch qualitativ die Beste der vergangenen 10 Jahre (1888-1898).

Die exzellente Qualität hat aber letztlich nicht verhindern können, dass es durch die

  • nicht richtige Einschätzung des Marktes bzw. der Marktsituation,
  • Fehl- bzw. Nichtinformationen zu Hopfenernten aus den großen Anbaugebieten Bayern und Böhmens und dem eigenen Anbaugebiet und
  • durch eine zentral gesteuerte Informationszentrale in Posen, welche den Hopfenmarkt verfolgen und einschätzen und die Produzenten hätte entsprechend informieren sollen, die mit den örtlichen Gegebenheiten des Anbaugebietes von Neutomischel wohl aber nicht vertraut gewesen war, und dieses somit nicht korrekt erledigte

zu unbefriedigenden bzw. sogar als schlecht zu bezeichnenden Verkaufserlösen gekommen war.

Gesagt werden kann jedoch, dass den Anbauern und Händlern die Risiken des Hopfenanbaus, als auch die des Hopfenverkaufs bzw. die dessen Einkaufes bekannt waren, denn Hopfen gehörte und gehört noch heute langjährig betrachtet zu den am weitesten preisschwankenden Gütern.

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Hopfenbau und Hopfenhandel in Neutomischel 1898/99 – von Heinrich Wittkowsky

Das Hopfengeschäft des Jahres 1898/99 kann am hiesigen Platze, jetzt, im 9. Monat der Saison, nahezu als abgeschlossen gelten. Mit Befriedigung können weder Handel noch Produktion auf das letztjährige Geschäft zurückblicken. Während aber die Produzenten, die zur richtigen Zeit verkauft haben, noch eine Entschädigung für den geringen Ernteertrag in dem diesjährigen hohen Preise erzielten, zum Theil auch dadurch, daß sie größere Quantitäten älterer Jahrgänge, die vorher als werthlos galten, zum Verkauf bringen konnten, haben die Händler ein durchaus schlechtes Geschäftsjahr zu verzeichnen.

Der Ertrag der letztjährigen Ernte im Hopfenbaubezirk Neutomischel darf auf ca. 4.500 Centner geschätzt werden, währen der normale Ertrag 20.000 Centner ausmacht.

Hopfenfeld bei Nowy Tomyśl / Aufn. PM

Hopfenfeld bei Nowy Tomyśl / Aufn. PM

So gering das Ernteergebniß nun auch quantitativ war, so gut war es qualitativ, in letzterer Beziehung war es eines der besten der letzten 10 Jahre. Die Dolde blieb etwas kleiner als sonst, war ihr nicht zum Nachtheil war, war sehr lupulinreich und von schöner hellgrüner Farbe. – Der Preis für prima Neutomischeler Hopfen war zu jeder Zeit in dieser Saison so hoch, wie für bestrenommirten bayerischen Siegelhopfen.

Die von hieraus aus den Kreisen der Landwirthe herausgegebenen Berichte, daß wir vor einer totalen Mißernte stehen, haben dem Handel großen Schaden zugefügt. Die Brauer haben diese Berichte nicht anders verstehen können, als daß wir hier nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ eine geringe Ernte eingebracht haben. Dazu kam noch, daß Nürnberger Berichte im September zu melden wußten, hiesige Händler seien dort eingetroffen, um ihren Bedarf zu decken. Thatsächlich sind auch 1.000 – 1.200 Ctr. zu jener Zeit für hiesige Rechnung gekauft worden. Diese Berichte haben mit veranlaßt, daß die Brauer mißtrauisch wurden und daß viele der treuesten und besten Kunden von dem Bezuge Neutomischeler Hopfens in diesem Jahr gänzlich Abstand genommen haben.

Leider muß gesagt werden, daß der größte Theil unserer Produzenten nicht zur richtigen Zeit verkauft hat und sich den hohen diesjährigen Preisstand nicht zu Nutze gemacht hat. September – Oktober, als die Nachfrage bei täglich steigenden Preisen eine lebhafte war, da war hier nicht zu kaufen, unsere Produzenten waren mit ihren Forderungen den Tagespreisen stets um 20 bis 30 Mk. vorausgeeilt. Erst November – Dezember, als Preise gegen den Höchststand im Oktober um 40-60 Mk. zurückgegangen waren, da war hier leicht zu kaufen und wurde hier verkauft. Bis Ende Dezember war erst die Hälfte der kleinen 98er Ernte umgesetzt. Anfang Januar wurde wieder ein etwas besserer Preis gezahlt, ein nicht unbeträchtlicher Theil kam aber erst Februar – März zum Verkauf, als Preise abermals große Einbuße erlitten hatten. Der Höchstpreis im Oktober war 200 bis 220 Mk. Von Februar bis April zahlte man aber nur bis 160 Mark, vielfach aber auch erheblich darunter.

Die hiesigen Produzenten haben zweifellos ebenso unter der schlecht organisirten Berichterstattung gelitten, wie die Händler. auch aus den Hauptproduktionsgebieten Süddeutschlands, aus Bayern, Württemberg, Baden und dem Elsaß wurde im Sommer berichtet, daß die Hopfenanlagen unter der ungünstigen Witterung gelitten haben, der Pflanzenstand sei in der Entwickelung zurück geblieben. Das Auftreten von Mehltau und Schwärze war nicht nur aus Süddeutschland, sondern auch aus Böhmen gemeldet worden und so konnte der Produzent, der über die Weichbildgrenze (Stadt-/Ortsgrenze) von Neutomischel nicht hinausgekommen ist, sehr wohl der Meinung sein, daß es anderwärts auch nicht günstiger aussieht, als bei uns, und daß Preise erheblich höher werden müßten.

Der Ernteertrag war überall unter normal zurück geblieben, so ungünstig wie bei uns war es aber nirgends.

Zur Zeit der Ernte wurde mir gesagt, es seien einige Mitglieder des Hopfenbau-Vereins mit Unterstützung desselben nach Bayern und Böhmen abgereist, um sich über den Pflanzenstand in anderen Gegenden zu orientiren, leider ist ein Bericht darüber, was die Herren dort gesehen haben, nicht veröffentlicht worden.

Eine gutorganisirte, zuverlässige Berichterstattung ist für uns durchaus nöthig; gegenwärtig wird sie in der Hauptsache von Posen aus geleitet, und zwar von einer Stelle, die, wie die meisten Berichte erkennen lassen mit hiesigen Verhältnissen wenig vertraut ist.

Hopfenfeld bei Nowy Tomyśl / Aufn. PM

Hopfenfeld bei Nowy Tomyśl / Aufn. PM

Man begegnet in hiesigen Produzentenkreise vielfach der Meinung, um einen guten Preis zu erzielen, müsse man die Ernte so klein wie möglich darstellen. Das ist ein ganz verkehrter Standpunkt. Die großen Produktionsplätze Süddeutschlands vermögen vielleicht mit solchen Berichten vorübergehend Erfolge zu erzielen, im Allgemeinen regeln die Preise sich bald nach Angebot und Nachfrage. Bei einer jährlichen Hopfenproduktion von ca. 500.000 Centner in Deutschland und einer Welternte von mehr als einer Million Centner kommt es wenig in Betracht, ob in Neutomischel Hopfen wächst oder nicht, auf den Weltmarktpreis, und dieser ist auch für uns maßgebend, üben wir mit unseren 20.000 Centnern normaler Ernte keinerlei Einfluß aus. Für uns kann nur von Vortheil sein, wenn wir gute Ernteberichte geben können, je besser die Berichte lauten, um so größer wird die Nachfrage nach hiesigem Hopfen und die Zahl fremder Einkäufer am hiesigen Platze sein und je größer die Konkurrenz, um so besseren Preis erhalten die Produzenten für ihre Waare.

Damit sei keineswegs gesagt, daß rosig gefärbte Berichte gegeben werden sollen, streng objektiv sollen sie lauten, aber nicht übertrieben ungünstig, wenn es nicht nöthig ist.

Vielleicht geben diese Zeilen Anregung, am hiesigen Platze eine Stelle zu schaffen, die die Interessen des Handels und der Landwirthschaft gleichzeitig wahrnehmen, zuverlässig und regelmäßige Hopfenberichte giebt.

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Über den Autor dieses Beitrages haben wir folgendes in Erfahrung bringen können:

  • Heinrich / Hirsch Wittkowsky war der Sohn des Samuel / Hirsch Wittkowsky und dessen Ehefrau Johanna / Hodes Hanne geborene Ruben
  • er wurde am 15. Februar 1854 in Birnbaum geboren, hielt sich vor seiner Eheschliessung im Jahr 1883 in Berlin auf, er verstarb am 22. September 1937 in Neutomischel
  • am 31. Dezember 1883 ehelichte er in Neutomischel die
  • Hedwig geborene Wittkowsky, Tochter des Kaufmanns Heimann Wittkowsky und dessen Ehefrau Ernestine geborene Lewy
  • sie war am 27. Juli 1873 zu Kirchplatz Boruy geboren worden
  • nach ihrer Eheschliessung blieb das Paar in Neutomischel ansässig, Heinrich Wittkowsky wurde als Kaufmann bezeichnet
  • als Kinder des Paares wurden aus den einsehbaren Personenstandsunterlagen notiert – geboren im Jahr:
  • 1885 Margarethe – später verehelichte Haase
  • 1886 Siegbert Samuel – er verstarb im Jahr 1894
  • 1888 Elisabeth Bertha – später verehelichte Woythaler in Berlin; sie wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet – Quelle: Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer /  http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=4141008&language=de
  • 1889 Helene - zu ihr fanden sich keine weiteren Daten
  • 1896 Johanna – später verehelichte Philippsborn

In der Stadtrathssitzung vom 17. August 1920 wurde einstimmig beschlossen, den Beisitzer des Magistrats Herrn Kaufmann Heinrich Wittkowsky zum Ehrenbürger der Stadt Nowy Tomysl zu ernennen und diese Ernennung in der nächsten Stadtverordneten Versammlung dem Herrn Wittkowsky mitzuteilen; dieses geschah dann in der Sitzung vom 25. August 1920

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1899-05-16 – 2) Staatsarchiv der Stadt Poznan – Archiva państwowe – hier 4385-0244 Protokolle der Stadtverordnetenversammlungen – 3) Staatsarchiv der Stadt Poznan – Archiva państwowe- hier Personenstandsunterlagen der im Text genannten Jahrgänge
 

Bericht über den Kirchturmbrand in Neutomischel am 20. Dezember 1916

Die ehem. evgl. Kirche mit ihrem "schlanken" Kirchturm, dem damaligen Wahrzeichen der Stadt - AK aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

Die ehem. evgl. Kirche mit ihrem “schlanken” Kirchturm, dem damaligen Wahrzeichen der Stadt – AK aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

Im Januar 2011 haben wir den Kurzbericht aus dem März 1917 des Karl Eduard Goldmann über den Kirchturmbrand unter dem Titel: “1916 der Kirchturm der evgl Kirche zu Neutomischel ist abgebrannt” veröffentlicht.

Jetzt fand sich die Berichterstattung aus dem Kreisblatt Neutomischel, welche die Ereignisse dieses Abends bzw. dieser Nacht im Detail schilderte.

Das Richtfest des “so schnell wie möglich” wieder aufgebauten Kirchturmes wurde 1923 gefeiert.

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“Brand des Turmes unserer evangelischen Kirche

Am Mittwoch abend (20.12.1916), kurz nach 9 Uhr, ertönten Feuerrufe in unserer Stadt und bald erscholl auch der der Angstschrei “Unsere Kirche brennt“.

Und wahrlich, aus den untersten Fenstern des Turmes entstiegen dicke Rauchwolken, und Flammen, immer größer und größer werdend, schlugen bereits hervor, als die ersten Rettungsmannschaften eintrafen.

Die Kirche mit dem abgebranntem Turm - Ansichtskarte aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

Die Kirche mit dem abgebranntem Turm – Ansichtskarte aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

Ehe die städtischen Spritzen und Hydranten der Wasserleitung Wasser gaben, hatte das Element im Innern des Turmes schon soweit um sich gegriffen, daß bald der obere Teil desselben von den an dem trockenen Gebälk reiche Nahrung findenden gierigen Flammen ergriffen wurde. Nunmehr war zunächst an eine Löschung des verheerenden Brandes nicht mehr zu denken, da bei der drohenden Einsturzgefahr nur unnütz Menschenleben gefährdet werden konnten.

Das Herz tat einem weh, zusehen zu müssen, wie die Flammen weiter und weiter hinauf züngelten binnen kurzem den Turm unserer lieben alten, 1777/78 erbauten Kirche vernichtend.

Der Turm, das Wahrzeichen unserer Stadt, ist zwar erst später errichtet, doch ist das Jahr der Erbauung nicht bekannt. Er ist schon einmal niedergebrannt (1789 durch Blitzschlag) und zu Anfang des vorigen Jahrhunderts (zwischen 1789-1800) neu aufgebaut worden.

Schaurig-schön, einer glühenden Krone gleich, war der Anblick der brennenden, weithin sichtbaren und die Umgegend taghell erleuchtenden Turmspitze.

Richtfest des neuen Kirchturmes im Jahr 1923 - Bild aus der Sammlung des A. Kraft

Richtfest des neuen Kirchturmes im Jahr 1923 – Bild aus der Sammlung des A. Kraft

Die schönen Kronenleuchter, die beiden Altargemälde und sonstige Wertgegenstände waren inzwischen in Sicherheit gebracht worden. Auch die der Kirche zunächst stehenden und am meisten gefährdeten Häuser wurden teilweise geräumt. Was für ein Brandunglück entstanden wäre, wenn das Feuer bei stürmischem Wetter, wie wir es in den vorhergehenden Tagen hatten, ausgebrochen wäre, ist kaum auszudenken. Da glücklicherweise aber völlige Windstille herrschte, so brannten die Säulen des Kuppelbaues gleichmäßig ab und der obere Teil stürzte krachend und mit großem Getöse in den massiven, stehengebliebenen, unteren Teil zusammen. Einige brennende Balken fielen mit dem Kreuz zwar auf das Dach der Kirche, doch blieb diese infolge sofortiger Löscharbeiten und durch besonders tatkräftiges Eingreifen einiger beherzter Bürger in den an den Turm angrenzenden oberen Dachstuhl vom Brande verschont, und es wurde ein Weitergreifen des Feuers nach dem Kirchenraum verhindert. Nur die Westseite, das Dach und die Orgel, deren Gebläse im Turm eingebaut war, haben durch das Feuer gelitten, sodaß sie vorerst nicht mehr benutzt werden können. Die im Turm befindlichen drei Glocken, die um 10 Uhr in die Tiefe stürzten, sind teils zersprungen, teils zerschmolzen. Das die Spitze bildende über mannshohe eiserne Kreuz wurde ebenfalls durch den Sturz beschädigt. In der daran befindlichen Urkunden-Kapsel, die aufgebrochen war, fand man gestern noch außer einigen alten Kupfermünzen ein leider nicht mehr lesbares Schriftstück, das vom Finder bedauerlicherweise achtlos weggeworfen und nicht wiedergefunden wurde.

Die Löscharbeiten, die durch den an dem Abend einsetzenden Frost erschwert wurden und bei denen die schnell herbeigeeilten Spritzen aus Scherlanke, Kirchplatz-Borui, Paprotsch, Friedenwalde und Sontop wertvolle Unterstützung leisteten, nahmen mehrere Stunden Zeit in Anspruch. Jedermann griff nach Kräften zu, auch die Frauen und Mädchen beteiligten sich in lobenswerter Weise bei dem Heranschaffen des Wassers.

Noch am gestrigen Tage schwelten die ineinander gestürzten Trümmer des Turmes und abends fing wieder ein Balken an zu glimmen, sodaß nochmals eine Spritze in Tätigkeit gesetzt werden mußte.

Ueber die Entstehungsursache des Brandes verlautet nichts Bestimmtes. Da aber an demselben Abend von 5 bis 6 Uhr Kriegsbetstunde in der Kirche abgehalten wurde, so ist wohl anzunehmen, daß unvorsichtiges Umgehen mit Licht die Ursache des Brandes gewesen ist. Der entstandene Schaden ist zum größten Teil durch Versicherung gedeckt.

Ist nun unser alt-ehrwürdiges Gotteshaus auch seines Turmschmuckes beraubt, und müssen wir vorläufig auch unsere Gottesdienst ohne liebliches Glockengeläut und Orgelklang feiern, so wollen wir es dem Allmächtigen danken, daß er den Herd des Feuers so gnädig beschränkt hat.”

Die Kirche mit ihrem neuem "kompakter" gebauten Kirchturm - Ansichtskarte aus der Sammlung des Wojtek Szudlarski

Die Kirche mit ihrem neuem “kompakter” gebauten Kirchturm – Ansichtskarte aus der Sammlung des Wojtek Szudlarski

Nach dem Weihnachtsfest am 27. Dezember 1916 wurde noch weiterhin berichtet: “Zu dem Bericht, den Turmbrand betr., in voriger Nummer, ist Nachstehendes noch zu ergänzen. Die Prämie für die zuerst geleistete Hilfe und Heranschaffung der ersten Spritze und Wasserkufe fällt dem hiesigen Garnisonskommando zu. Dasselbe hat unter der umsichtigen Leitung des Herrn Major von Chappuis bis alle Gefahr vorüber und der Brand gelöscht war, tatkräftige Hilfe geleistet. Herr Major hatte sich in dankeswerter Weise, da die Gefahr für die Stadt eine große war und das Feuer sehr leicht größere Dimensionen hätte annehmen können, telegraphisch nach Posen gewandt, um evtl. einen Automobil-Löschzug kommen zu lassen. Dies erübrigte sich aber, da dank der tatkräftigen Hilfe und durch die während des ganzen Brandes andauernde Windstille alle Gefahr abgewendet wurde. Das alte, ehrwürdige Gotteshaus blieb uns erhalten. Auch den Orgelklang brauchen wir unseren Gottesdiensten nicht zu entbehren, da die hiesige Janottsche Orgelbau-Anstalt bis zur Wiederherstellung der alten Orgel eine andere, wenn auch kleinere, zur Verfügung gestellt hat. Die Wiederaufrichtung des Turmes und der Neuguß der Glocken soll so schnell wie möglich in Angriff genommen werden, sodaß uns der eherne Mund der Glocken schon in nicht zu ferner Zeit wieder zur Andacht rufen und morgens in der Frühe, mittags und abends sein altgewohntes Geläut erschallen lassen wird. Mögen sich hier Schillers Worte erfüllen: “Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute!“”

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1916/12/22 und 1916/12/27

Die Herrschaft Brody – Emil Paul von Pflug / 1899 und 1901

Brody, das ehemalige Schloss der Familie Pflug, erbaut 1892 - Postkartenausschnitt Sammlung A. Kraft

Brody, das ehemalige Schloss der Familie Pflug, erbaut 1892 – Postkartenausschnitt Sammlung A. Kraft

Im Jahr 1899 war die “Herrschaft Brody 25 Jahre im Besitz der Familie des Emil Paul von Pflug; sie war am 25. Mär 1874 in seine Hände aus dem Besitz derer von Oppen übergegangen. Als Kaufpreis hatte Pflug, so die Daten aus den gefundenen Quellen, 1.150.000 Mark inclusive der angefallenen Stempelgebühren investiert; d. h. der Morgen war mit 191 2/3 Mark bewertet worden.

Als Vorbesitzer und Verkäufer galt George von Oppen, geb. 1845, ein Kgl. Preußischer Oberst und Kommandeur. Seine Ehefrau Maria geb. Allendorf, geb. 1844, war im Oktober 1873 in Brody kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Maria im September, verstorben. Von Oppen selbst soll das Anwesen im Jahr 1859 für lediglich 80 Mark pro Morgen aus dem Besitz der polnischen Adelsfamilie Szaniecki angekauft haben.

Der Name A. von Oppen fand sich auch auf dem im Jahr 1895 enthüllten Kreiskriegerdenkmal in Neu Tomysl unter den Gefallenen der Jahre 1870/1871. Vermutlich hat es sich bei dem in der Inschrift Genannten um Adolf von Oppen gehandelt, einem Bruder des damaligen Besitzers der Herrschaft Brody, welcher 1849 in Politzig geboren worden und 1870 in Straßburg gefallen war.

Kartenausschnitt mit Brody und den dazugehörigen Vorwerken - http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80

Kartenausschnitt mit Brody und den dazugehörigen Vorwerken – http://mapy.amzp.pl/tk25.cgi?23,48,60,80

Es war aber auch die Zeit gewesen, in der sich für den “Arbeitgeber Herrschaft Brody” die Verhältnisse Arbeiter zu finden und zu beschäftigen verschlechterten. Die in Diensten stehenden Beschäftigten wurden immer älter und wurden als “wenig zur Arbeit geeignet” eingestufft. Die “nachwachsende Generation männlichen Geschlechts wandernde zu 2/3″ in die Industriegebiete des Westens ab, da dort die Verdienstverhältnisse sich als weiteraus besser darstellten. Letztlich forderte aber auch die “Heerespflicht” Arbeitskräfte; wurden durchschnittlich 5 junge Männer eingezogen, kehrten von diesen nur 2 zurück, da die übrigen ebenfalls in den Städten verblieben.

In Brody, so die Ausführungen aus dem Jahr 1903, wurden auf dem Betrieb von 1.500 ha im Sommer 339 Arbeiter (per 100ha = 22,6 Personen) und im Winter 249 Arbeiter (per 100 ha = 16,6 Personen) beschäftigt. Die Ostern 1899 anlässlich des 25jährigen Besitzjubiläums unter der Familie Pflug in Form von Sparbüchern ausgeschüttete Gratifikation, für viele Beschäftigte war das darin ausgewiesene Guthaben annähernd ein Jahreseinkommen, diente vermutlich auch dazu, die Arbeiter an den Gutsbetrieb zu binden.

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Die seitens der Fam. Pflug im Jahr 1901 eingeweihte ehem. evangelische Kapelle - Bild: http://cmentarze.oledry.pl/galeria.php?katalog=1202

Die seitens der Fam. Pflug im Jahr 1901 eingeweihte ehem. evangelische Kapelle – Bild: http://cmentarze.oledry.pl/galeria.php?katalog=1202

Die Neutomischler Kreiszeitung berichtete über das Ereignis wie folgt: Der zweite Osterfeiertag (03. Apr 1899) war für die Arbeiter der Herrschaft Brody ein hoher Freudentag, wie er nur selten und an wenigen Orten sich zeigt. Die Herrschaft Brody mit den Vorwerken Brodki, Marsfelde, Rimpau und Siegmundshof ist seit 25 Jahren im Besitz des Herrn Rittergutsbesitzers Emil Pflug.”

An oben genanntem Tage zogen sämmtliche Arbeiter und Wittwen der umfangreichen Herrschaft Brody unter Führung des Herrn Oberinspektors Schlinke in Begleitung seiner Beamten vor das Herrschaftsschloß.

In einer Ansprache drückte Herr Rittergutsbesitzer Pflug seinen Arbeitern seinen Dank für treue und fleißige Arbeit aus, die ihn trotz der schweren Zeiten, welche die Landwirthschaft zu durchleben hatte, nicht rück- sondern vorwärts geführt habe. Als ein äußeres Zeichen seiner Dankbarkeit ließ er jedem Arbeiter und jeder Wittwe ein Sparkassenbuch aushändigen. Jedem Inhaber eines solchen aber gab er zugleich die Mahnung mit, dem grundlegenden Kapital für unvorhergesehene Fälle der Noth fortgesetzt Ersparnisse hinzuzufügen. Herr Oberinspektor Schlinke stattete hierauf im Namen der Arbeiter den Dank ab und schloß mit dem Wunsche für das ferne Wohlergehen des Wohlthäters und seiner Familie.

Die kath. Kirche in Brody, ein Holzbau mit separat stehendem Glockenturm - Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Die kath. Kirche in Brody, ein Holzbau mit separat stehendem Glockenturm – Ansichtskarte Sammlung Wojtek Szkudlarski

Die Spareinlagen beliefen sich ohne Ansehen der Stellung oder des Dienstalters auf 100 Mark, diejenigen der Wittwen auf 50 Mark. (zu Einzelheiten über Verdienste siehe den  Artikel: Lohnverhältnisse 1903)

Aus gleichem Anlaß baut Herr Rittergutsbesitzer Pflug neben der evangelische Schule, dem Herrenhause gegenüber, eine Kapelle für evangelische Gottesdienste. Mit den gärtnerischen Anlagen ist bereits begonnen, der Grundstein wird voraussichtlich am 23. d. Mts. gelegt werden.”

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“Am Donnerstag (30. Mai 1901) wurde die von dem Rittergutsbesitzer Herrn Pflug in dem benachbarten Brody neu erbaute Kapelle zur Abhaltung evangelischer Gottesdienste eingeweiht.

An der Einweihungsfreier betheiligten sich auch der Herr Regierungs-Präsident aus Posen, der Herr Landrath aus Neutomischel und viele Besitzer der Umgegend.

Früh um 9 3/4 Uhr versammelten sich die Festtheilnehmer vor dem herrschaftlichen Schlosse.

Blick auf das ehemalige Schloss, heute ist in diesem ein Versuchsbetrieb der Naturwissenschaftlichen Universität Poznan untergebracht - Bild: http://cmentarze.oledry.pl/galeria.php?katalog=1202

Blick auf das ehemalige Schloss, heute ist in diesem ein Versuchsbetrieb der Naturwissenschaftlichen Universität Poznan untergebracht – Bild: http://cmentarze.oledry.pl/galeria.php?katalog=1202

Den Zug eröffneten die Kinder der evgl. Schule zu Brody unter Begleitung des Herrn Lehrers. Dann folgten die Aeltesten der Kirche mit den heiligen Geräthen, die geistlichen hohen Herrn, die geladenen Gäste und die Gemeindemitglieder. Unter Absingung des Chorals: “Jesu, geh’ voran” setzte sich der Zug in Bewegung. Bald war die Kapelle bis auf den letzten Platz gefüllt, daß viele Theilnehmer noch vor der Thüre stehen mußten. Bevor die Kapelle betreten wurde, überreichte Herr Pflug dem Herrn Generalsuperintendenten Hesekiel aus Posen die Schlüssel, dieser dieselben dem Herrn Superintendent Radtke aus Birnbaum. Herr Pfarrer Schulze aus Neustadt b. Pinne öffnete dann die Thüren des geschmackvollen Gotteshauses.

Gleich beim Eintritt intonierte der hiesige Kirchenchor: “Jauchzet Gott alle Lande” und darauf die Gemeinde: “Allein Gott in der Höh'”. Hierauf hielt Herr Generalsuperintendent D. Hesekiel die Weiherede, der ein geistliches Lied folgte. Herr Superintendent Radtke aus Birnbaum hielt die Liturgie und Herr Pfarrer Schulze die Predigt. Der Schluß dieser erhebenden Feier war ein Lob- und Danklied.

Die ehemalige evgl. Kapelle - Bild: http://cmentarze.oledry.pl/galeria.php?katalog=1202

Die ehemalige evgl. Kapelle – Bild: http://cmentarze.oledry.pl/galeria.php?katalog=1202

So steht das geschmackvolle Kirchlein nun da und zeugt von der Glaubenstreue und Hingebung des Erbauers.

Am Tage vor der Weihe der Kapelle zu Brody hielt der Herr Generalsuperintendent eine Andacht in der evangelischen Kirche zu Neustadt b. P. ab, in der er seine Erlebnisse auf der Kaiserreise nach Jerusalem, die er mitmachte, erzählte und die sehr interessant anzuhören waren. Während dieser Rede waren viele Personen aus allen Konfessionen hiesiger Stadt in der evangelischen Kirche anwesend.”

In einem weiteren Artikel wurde noch ausgeführt: “Der Kapellenbau präsentiert sich durch die an ihm innen und außen ausgeführte Vollendung, als ein Werk genialster Baukunst und bildet zugleich ein herrliches Monument für den edlen Gründer. Die Garten-Anlagen um die Kapelle sind äußerst geschmackvoll angelegt.”

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  • Die alte Grabstätte derer von Pflug auf dem Gelände der ehemaligen evgl. Kapelle in Brody - Bilder: http://cmentarze.oledry.pl/galeria.php?katalog=1202

    Die alte Grabstätte derer von Pflug auf dem Gelände der ehemaligen evgl. Kapelle in Brody – Bilder: http://cmentarze.oledry.pl/galeria.php?katalog=1202

    Emil Paul von Pflug – geboren 1849 in Berlin – verstorben 1915 in Brody

  • Eheschliessung 1882 in Detmold mit
  • Maria Elise Niemeyer, geboren 1864 in Lage Lippe
  • 1884 Geburt des Sohnes Emil Friedrich Adolph
  • 1885 Geburt der Tochter Maria Elisa Meta
  • 1888 Geburt der Tochter Dorothea Amalie Hertha
  • 1891 Geburt des Sohnes Christian Heinrich Günther

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Quellen, soweit nicht direkt im Text oder in Bildbeschreibungen angegeben: 1) Großpolnische digitale Bibliothek Poznan (http://www.wbc.poznan.pl/dlibra) – “Amtliches Kreis-Blatt für den Kreis Neutomischel” 1899/04/07 und 1901/06/04, 2) Akten des Staatsarchivs Poznan (http://szukajwarchiwach.pl/): Standesamtsaufzeichnungen, 3) “Die Herrschaft Brody” – Ernst Weiss – Veröffentlicht 1903, 4) Das Friedhofsprojekt P. Mierzejewski “cmentarze” – 1202 Nowy Tomyśl / Lwówek / Brody / niem. (Brody) (http://cmentarze.oledry.pl/galeria.php?katalog=1202)

Gebäude der Stadt – No. 51 – Hotel Toeffling 1852-1903 / Teil 2

Rechts die Villa, links daneben das Hotel; der Schornstein gehörte zur Dampfmühle Maennel, im Hintergrund der ehemalige Kirchturm - Postkartenausschnitt aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

Rechts die Villa, links daneben das Hotel; der Schornstein gehörte zur Dampfmühle Maennel, im Hintergrund der ehemalige Kirchturm – Postkartenausschnitt aus der Sammlung des Wojtek Szkudlarski

Dieser Beitrag schliesst an die Veröffentlichung Häuser der Stadt – No. 51 – Fleischhauerei und Beherbergungsbetrieb Toeffling 1795-1852 / Teil 1 an.

Zum Zeitpunkt des Todes des Vaters, dem Fleischhauer, Gastwirth und Hopfenanbauer und -händler Johann Carl Friedrich Toeffling im April 1852 lebten noch die 3 jüngsten, zwei Mädchen und der einzige Sohn, seiner Kinder aus 1ster Ehe im elterlichen Haushalt.

Durch die Eheschließungen der älteren anderen Kinder, fünf Mädchen, waren zahlreiche Verbindungen zu in jener Zeit teils einflussreichen Familien in der Stadt und deren Umgebung geschlossen worden.

Mit diesem Beitrag folgen wir jedoch lediglich den Familienangehörigen, welche mit der direkten weiteren Entwicklung des “Hotel Toeffling” in Verbindung gebracht werden konnten.

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Zum einen war es die jüngste Tochter des Verstorbenen. Mathilde Hermine Hulda Toeffling war im März 1836 geboren worden, 16 jährig beim Tod des Vaters; sie hatte kurz vor ihrem 21zigsten Geburtstag , am 02. März 1854, ihren um 21 Jahre älteren Onkel den verwitweten jüngsten Bruder ihres Vaters, Johann Julius Carl Toeffling geehelicht. Dieser Familie wurden anhand der Archivunterlagen 9 Kinder zugeordnet.

Blick auf das ehemalige "Hotel Toeffling" - Aufn. PM

Blick auf das ehemalige “Hotel Toeffling” – Aufn. PM

Der Sohn Gustav Ferdinand Carl August Toeffling, nur Gustav genannt, geboren im August 1830, hatte als einziger männlicher Nachkomme seiner Eltern, die erste Ehe mit der aus Jastremske stammenden Lehrertochter Emma Wilhelme Ottilie Hoffmann (*ca. 1836) im August 1854 in Neutomischel geschlossen. Sie verstarb aber schon im Jahr 1859 an den Folgen der Geburt des dritten Kindes des Paares. Letztlich stammte aus dieser Verbindung als einziges Kind, die Tochter Ida Margarethe Emilie Toeffling (*1856) später verehelichte Maennel. Sie und ihr Ehemann lebten in Grünberg. In ihrem Hause dort verstarb im Jahr 1901 der Vater Ihrer Mutter, bzw. ihr Großvater Andreas Hoffmann, ehemaliger Kantor und Lehrer zu Alt Jastremske, im Alter von 92 Jahren. Sie vermachte der Stadt aus dem Erbe ihres Vaters ein Legat in Höhe von Mark 3.000,00 zur Armenunterstützung. (sh. Artikel: Ida Margarethe Emilie Maennel, geborene Toeffling 1856-1930)

Im Juli 1861 hatte Gustav Ferdinand Carl August Toeffling dann in 2ter Ehe die Emilie Rosalia Tepper geehelicht. Durch den Ehemann einer seiner Schwestern und auch durch die Ehen seiner Tante waren die Familien Tepper und Toeffling bereits miteinander verwandt gewesen. In dieser 2ten Ehe waren 8 Kinder geboren worden bzw. wurden anhand der noch erhaltenen Kirchenbücher und Standesamtsunterlagen der Familie zugeschrieben.

Johann Julius Carl Toeffling, Ehemann von Mathilde Hermine Hulda geborene Toeffling und Onkel von Gustav Ferdinand Carl August, trat in den Archivakten als Bürger und Handelsmann in der Stadt in Erscheinung; 1865 fand er als bedeutender Händler und Hopfenproduzent Erwähnung. Zu welchem Datum diese Familie ein eigenes Haus bewohnte, ist nicht genau bekannt; es finden sich Eintragungen der Gebäudebeschreibungen der Provinzial Feuerversicherung, die dahingehend interpretiert werden können, dass um 1855 und später, seitens des Julius Toeffling das Hausgrundstück No. 6 nach und nach übernommen wurde.

Gustav Ferdinand Carl August Toeffling übernahm den väterlichen Gasthof und Beherbungsbetrieb und führte diesen, wie auch den Hopfenanbau und -handel und die dazugehörige Tätigkeit als Handelsmann, fort. Mit dem 26. März 1856 hatte er die seitens der Provinzial-Feuerversicherung nun auf seinen Namen ausgestellten Beschreibungen des Hausgrundstücks No. 51 unterzeichnet.

In diesen, nun auf Gustav Ferdinand Carl August Toeffling lautendem Dokument, ist das Wohnhaus nahezu unverändert beschrieben worden; das Alter des Gebäudes wurde mit “etwa 30 Jahren” und in sehr gutem Zustande angegeben. Hier kann davon ausgegangen werden, dass es sich um das schon im Jahr 1836 beschriebene Haus seines Großvaters gehandelt hat.

Das letzte auf dem Hausgrundstück errichtete Gebäude: der ehemalige Hopfenspeicher - Aufn. PM

Das letzte auf dem Hausgrundstück errichtete Gebäude: der ehemalige Hopfenspeicher – Aufn. PM

Der einst beschriebene Pferdestall war einem “Neubau”, welcher um 1846 noch von seinem Vater, errichtet worden war, gewichen. Der Bau war nun als 50 Fuß lang, 19 Fuß tief und 8 Fuß hoch bei einer Grundfläche von 950 Quadratfuß (ca. 15,30×5,80×2,40m) beschrieben worden. Eingerichtet in ihm waren 1 Schirrkammer, 1 Kuhstall, 1 Pferdestall, 1 Schuppen und 1 Bodenraum gewesen.

Der Gaststall, er wurde im Jahr 1856 auf ein Alter von 15 Jahren geschätzt (ca. 1841 erbaut), entspricht in der Gebäudebeschreibung in allen Punkten den schon früher angefertigten Ausführungen. Es kann davon ausgegangen werden, dass es sich nur eine abweichende Einschätzung des Alters gehandelt hat, die zu der Abweichung des genannten Baujahres führt.
In einer späteren Beschreibungen findet sich, dass dieses Gebäude bereits 1859 einem größerem Bau hatte weichen müssen. Der “neue” mit der Rückfront zum Grundstück No. 52 errichtet gewesene Stall war mit den Abmessungen 73 Fuß in der Länge, 19 Fuß in der Tiefe und 15 Fuß in der Höhe (ca. 22,30×5,80×4,60m) über 2 Etagen vermessen worden. Neben 1 Kuh-, 1 Pferde- und einem Schweinestall, waren in dem Gebäude 1 Remise und 2 Appartements vorhanden gewesen.

Die erst im Jahr 1843 errichtete Scheune war wiederum einem im Jahr 1855 errichteten Neubau gewichen. 1856 war die erst 1 Jahr alte neue Scheune mit 44 Fuß in der Länge, 19 1/2 Fuß in der Tiefe und 20 Fuß in 3 Etagen in der Höhe (ca. 13,40×6,00×6,10m), alles bei einer Grundfläche von 858 Quadratfuß beschrieben worden. Der Bau hatte über 1 großes Doppeltor und im Inneren über 14 einfache Türen verfügt; die Stockwerke waren über 2 Treppen miteinander verbunden gewesen. In ihr hatten sich 2 Keller, 2 Bansen, 1 Tennflur und 2 Bodenräume befunden.

Zur Hopfensaison 1860/61 logierten, soweit dieses überliefert ist, bei G. Toeffling die Hopfenhändler Jacob Hellmann aus Bamberg, Ignatz Wagner aus Sangerburg Krs. Eger (Prag) und Samuel Fuld aus Mühlhausen (Höchstadt in Bayern). Vermutlich war auch der einstige Bürgermeister Witte mit seiner Ehefrau ein langjähriger Gast im Hause Toeffling gewesen, denn in alten Einwohnerlisten findet sich, dass diese unter der Anschrift Neutomischel No. 51 registriert waren.

Unter dem Besitzer Gustav Ferdinand Carl August Toeffling hatte im Jahr 1862 das Wohnhaus seine ersten einschneidenden Veränderungen erfahren. Die Gastwirtschaft und Herberge hatte sich zum “Hotel Toeffling” gewandelt.

Es wurde, wie es heißt “neugebaut resp. mit zweiten Stockwerk und Trempel versehen”. Das alte Haus war zu einem 63 Fuß langen, 34 Fuß tiefen, in der 1sten Etage 10 Fuß und in der 2ten 12 Fuß hohen und mit darüber noch einem 7 Fuß hohen Trempel (ca. 19,20×10,40×3,00×3,60×2,10m) versehenem massiven Gebäude ausgebaut bzw. neu errichtet worden. Über eine Durchfahrt im Gebäude, welche über ein Doppeltor verfügt hatte, war der Hof zu erreichen gewesen. 2 Flure mit 2 Treppen verbanden 2 Keller und 2 Kellerstuben, 10 Stuben, 2 Küchen und 2 Küchenstuben und den Bodenraum. Die Stuben waren mit 22 vierteiligen Fenstern welche über Winterrahmen verfügt hatten versehen gewesen; weiterhin fanden sich 12 einfache Fenster im Gebäude. Die Räumlichkeiten wurden über 5 Öfen beheizt. Für die Versorgung der Bewohner und Gäste war eine Räucherkammer im Gebäude vorhanden gewesen sowie auch 2 Kochöfen und 2 Kochherde.

Der einstige Pferdestall war ja schon im Jahr 1846 einem größeren Stallgebäude gewichen. Im Jahr 1863 wurde auch dieses weiter vergrößert. Das Gebäude hatte die Grundmasse von 50 Fuß in der Länge und 19 Fuß in der Tiefe beibehalten. Die Unteretage hatte man jedoch auf 10 1/2 Fuß (ca. 3,20m) erhöht und die neu geschaffene Oberetage hatte über weitere 8 Fuß (ca. 2,40m) in der Höhe verfügt. Die Südseite dieses Stalles hatte man zudem mit der Nordseite der Scheune verbunden, s